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Freitag, 1. April 2022

# 342 - Wut - Nicht unbedingt die Wurzel der Zerstörung

Der Hirzel Verlag widmet sich in einer neuen Buchreihe
den sogenannten Todsünden. Zeitgleich mit dem Titel Gier erschien Wut - Mut zum Zorn. Die Ärztin und Journalistin Johanna Kuroczik hat sich einem emotionalen Zustand gewidmet, der uns sehr befremdet, wenn wir ihn bei anderen Menschen wahrnehmen.

Kuroczik sieht sich die Wut von allen Seiten an. Sie wirft einen langen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit und stellt Ausbrüche von Zorn (der eigentlichen Todsünde) schon bei Gott fest: Der tobende und Angst machende Gott nimmt die Position eines strafenden Vaters ein, während Jesus' Zorn nicht länger als unbedingt nötig aufflackert, um sich dann in eine positive Energie zu verwandeln, die Gutes tut.
Wer übrigens glaubt, dass die sieben Todsünden aus der Bibel stammen, erfährt, dass hierbei (wieder mal) ein Papst seine Finger im Spiel hatte.

Selbstverständlich ist auch den modernen Menschen unserer Zeit die Wut nicht fremd. Johanna Kuroczik berichtet von Studien, die sich mit dem Bruder des Zorns, dem Jähzorn, beschäftigen, und stellt einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden fest: Im Gegensatz zur Wut lässt sich der Jähzorn nicht kontrollieren. Wer aber dessen Wurzeln kennt, kennt auch Strategien, damit umzugehen.

Wut (oder Zorn) hat ihren Ursprung in unserem Gehirn. Um das verständlich zu machen, stellt die Autorin die aktuellen Erkenntnisse aus der Hirnforschung vor und macht deutlich, dass es für einen Wutausbruch nicht den einen Grund, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gibt. Ein leicht reizbarer Mensch macht es sich zu einfach, sich mit dem Verweis auf seine Gene aus der Verantwortung zu ziehen.

Kann Wut auch eine positive Wirkung haben? Und richtet sie sich nur gegen diejenigen, die man ohnehin nicht leiden kann? Auf diese Fragen gibt Johanna Kuroczik einfache und verständliche Antworten, die man vor dem Lesen ihres Buches möglicherweise nicht so deutlich gesehen hätte.

Wut wird gesellschaftlich sogar unterschiedlich wahrgenommen, wenn sie bei Männern oder Frauen beobachtet wird: Ein wütender Mann wird eher als durchsetzungsstark empfunden als eine aus der Haut fahrende Frau. Aber woher kommen diese rational nicht nachvollziehbaren Bewertungen?

Das nachfolgende Zitat Johanna Kurocziks befindet sich zwar nicht am Ende ihres Buches, kann aber gut als Fazit dienen:
"Gefühle erfüllen einen Zweck - sonst hätte die Evolution sie längst abgeschafft. Wut im gesunden Maße ist ein integraler Bestandteil des Menschsein. Es gibt kein Leben ohne Zorn." (Seite 120)

Lesen?

Wut - Mut zum Zorn ist trotz des Buchtitels keine Aufforderung, sein Leben als wandelnder Hochofen zu verbringen, sondern wirft einen klaren und sachlichen Blick auf eine Emotion, die tatsächlich Gutes bewirken, aber ungebremst für viel Zerstörung sorgen kann. Eine sehr interessante Lektüre, die ein neues Licht auf diese Todsünde wirft.

Wut - Mut zum Zorn ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 15 Euro (Klappenbroschur).

Freitag, 12. April 2019

# 192 - Lange Gespräche mit Gott

Axel Hacke ist den Lesern der Süddeutschen Zeitung
als Kolumnist bekannt. Wer seine Bücher gelesen hat, weiß, dass seine Geschichten von absurden Begebenheiten nur so wimmeln. Da macht Die Tage, die ich mit Gott verbrachte keine Ausnahme.

Gott hat Selbstzweifel

 

Hackes Erzähler ist verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Wenn er tagsüber in seinem Büro ist, hat er Gesellschaft von seinem Büroelefanten. Das handliche Tier war früher in seinem Kopf, wo es ihn vom Arbeiten abgehalten hat. Deshalb hat er ihn kurzerhand dort herausgeholt. Seitdem folgt ihm der Büroelefant beinahe auf Schritt und Tritt, unsichtbar für alle anderen.

Eines Tages sitzt der Erzähler auf einer Bank vor einem Wohnhaus, als sich ein älterer Herr neben ihm Platz nimmt. Aus einem offenen Fenster über ihnen ist ein Streit zu hören. In einer plötzlichen Bewegung schubst der Alte den Erzähler von der Bank, auf die nur einen Augenblick später ein großer Globus prallt, der aus dem geöffneten Fenster geworfen worden ist. Ohne den Einsatz des Seniors hätte der Erzähler von der schweren Kugel erschlagen werden können. Mit diesem Ereignis beginnt der Kontakt zwischen den beiden Männern.
Der alte Herr gibt schon bald zu, dass er derjenige ist, der hier auf der Erde als "Gott" bezeichnet wird. Aber der Erzähler erkennt bald, dass seine Vorstellung von Gott, dem Allmächtigen, ein paar Schönheitsfehler hat. Zunächst zeigt der Alte mit ein paar unterhaltsamen Tricks, was er so drauf hat, aber wenig später geht es ans Eingemachte. Er bringt seinen Gesprächspartner dazu, über sich, sein Leben und sein Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater nachzudenken. Dabei bleibt es aber nicht: Gott ist mit sich selbst alles andere als im Reinen, er hadert mit der Entwicklung seiner Schöpfung. Irgendwie ist alles so anders gekommen, als er es sich einmal vorgestellt hatte. Und das, obwohl die Welt, wie wir sie kennen, nicht seine erste war!
Gott ist auch mit dem Verhalten der Menschen ihm gegenüber unzufrieden. Reden sie, wenn sie beten, wirklich zu ihm oder nicht doch eher mit sich selbst? Haben sie an ihm wirklich Interesse?
Auch mit dem Selbstbild, das die Menschen von sich haben, ist er nicht zufrieden. Sie sind schließlich nur ein Nebenprodukt seiner Schöpfung und nehmen sich jetzt viel zu wichtig. "Eines Tages werdet ihr weg sein, aber die Welt wird es immer noch geben", stößt Gott prophetisch aus. 

Lesen?


Das ist nicht die einzige philosophische Betrachtung, die Hacke Gott sagen lässt. Es wird auch um die Notwendigkeit des (augenscheinlich) Bösen gehen, die Gleichgültigkeit, die Überwindung der Angst und den Wert der Freiheit. Jede dieser Überlegungen kommt federleicht daher und ist von Hackes typischem Humor durchzogen. Die Tage, die ich mit Gott verbrachte ist ein im Kern heiteres Buch, das man nach dem Lesen lächelnd, aber auch nachdenklich zuklappt.


Die Tage, die ich mit Gott verbrachte wurde mit sehr schönen Zeichnungen von Michael Sowa illustriert. Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen und kostet in der gebundenen Ausführung 18 Euro, als Audio-CD 6,46 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 14,99 Euro.

Freitag, 28. Juli 2017

# 110 - Mal wieder ein Klassiker

Wie weit kann sich ein Mensch moralisch verbiegen?

 

Der im damaligen Österreich-Ungarn und heutigem Kroatien geborene Schriftsteller Ödon von Horváth ist den meisten Menschen heute allenfalls noch in Zusammenhang mit der Schullektüre bekannt, die irgendwann einmal beschafft und im Unterricht gelesen werden musste. Doch das Leben des Autors und die Bedingungen, unter denen seine Bücher erschienen sind, sind nahezu in Vergessenheit geraten. Mit Jugend ohne Gott gelang ihm ein schriftstellerischer Erfolg, der jedoch kommerziell gesehen nur kurz anhalten sollte: 1938, nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Titels, wurde das Buch auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt und auf dem Gebiet des Deutschen Reichs vernichtet.

Konformismus als Richtschnur des Lebens

 

Ein Lehrer an einem Gymnasium, der im Buch namenlos bleibt, muss während der Zeit des Dritten Reichs einen Stapel Aufsätze zum Thema "Warum müssen wir Kolonien haben?" korrigieren. Die Vorstellung der Schulaufsichtsbehörde, wie an diese Frage heranzugehen ist, ist ihm klar und deckt sich nicht zufällig mit der der Machthaber. Der Lehrer hat zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert, um sich nicht ständig ärgern zu müssen. Doch dann ist da in einem der Aufsätze dieser eine Satz, der ihn stocken lässt: "Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul." Er unterdrückt seinen ersten Impuls, diese Aussage als Verallgemeinerung zu tadeln, denn erst kurz zuvor hat er sie in einem Restaurant gehört, wo sie als Teil der Propaganda aus einem Lautsprecher tönte. Doch bei der Rückgabe der Hefte kann sich der Lehrer den Hinweis nicht verkneifen, dass die Neger doch Menschen sind. Das soll nicht ohne Folgen bleiben: Der Vater des Schülers beschwert sich umgehend bei ihm und wirft ihm "Sabotage am Vaterland" vor. Der Hinweis auf die Bibel, in der stehe, dass doch alle Menschen Menschen sind, verpufft und der aufgebrachte Vater begründet die offizielle Sichtweise auf die Neger damit, dass es damals, als die Bibel geschrieben wurde, noch keine Kolonien gegeben habe. Er scheut sich auch nicht, seiner Empörung bei der Aufsichtsbehörde Luft zu machen. Der Lehrer wird daraufhin von seinem Rektor darauf hingewiesen, dass die Schule in erster Linie die Aufgabe hat, ihre Schüler für den Krieg zu erziehen. Auch dem Rektor gefällt diese eingeschlagene politische Richtung nicht, aber er hat sich für die Aussicht auf eine volle Pension entschieden und ist dafür bereit, seine eigenen moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. 

Früh übt sich, was ein guter Soldat werden soll

 

Direkt nach Ostern beginnt anstelle von Ferientagen ein einwöchiges Zeltlager der ganzen Klasse, das den Zweck einer vormilitärischen Ausbildung hat. Der Lehrer sowie ein pensionierter Unteroffizier haben die Aufsicht über die Jungen, doch in dieser Woche geschieht ein Drama: Einer der Schüler wird im nahen Wald tot aufgefunden. Er wurde offensichtlich erschlagen. Die polizeilichen Ermittlungen fokussieren sich rasch auf einen Klassenkameraden, sodass sich dieser schon kurz danach nur aufgrund von Indizien vor Gericht wiederfindet. Der Fall erregt großes öffentliches Aufsehen, in der Presse wird der angeklagte Schüler bereits wie ein überführter Täter behandelt, obendrein legt er ein Geständnis ab. Doch man ahnt es bereits: Der Prozess nimmt plötzlich einen ganz anderen als den erwarteten Verlauf, und der Leser blickt in menschliche Abgründe, die sich wie ein Krater vor ihm auftun. Die Aussage des Lehrers, die ein entscheidendes Detail enthält, soll die Wende bringen.

Lesen?

Jugend ohne Gott ist auch 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein sehr lesenswertes und aktuelles Buch. Ödön von Horváth stellt hier nicht nur die Frage, inwieweit der Einzelne bereit ist, Unrecht zugunsten des persönlichen Vorteils zu ignorieren, sondern macht auch auf soziale Mechanismen aufmerksam, die bis heute Bestand haben. Das beginnt mit nicht hinterfragten Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und hört mit einer "Hängt ihn höher"-Denkweise noch lange nicht auf. Das Buch ist durchzogen von der Frage, ob es möglich ist, angesichts einer Kälte und Härte in der Gesellschaft noch an einen Gott zu glauben. Der Lehrer beantwortet diese Frage am Ende des Buches für sich und trifft eine Entscheidung, die sein bisheriges Leben völlig verändert.
Jugend ohne Gott erschien 1937 im Allert de Lange-Verlag, der deutschsprachigen Exil-Schriftstellern, deren Werke im Deutschen Reich verboten waren, die Möglichkeit bot, weiter zu veröffentlichen. Näheres über diesen Verlag und die Hintergründe seines Entstehens habe ich in meiner Rezension des Buches Schreiben im Exil - 1933-1935 erläutert.
Die mir vorliegende Ausgabe von Jugend ohne Gott ist 1983 als Suhrkamp-Taschenbuch herausgegeben worden und kostete 7,-- DM. Heute ist der Titel u. a. in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp für 7,50 € und im Anaconda-Verlag erhältlich.

Freitag, 28. Oktober 2016

# 73 - Deutsch-türkische Hochzeitsplanung witzig verpackt

Eigentlich ganz einfach: eine Frau, ein Mann, eine Hochzeit

 

Heiraten kann ganz einfach sein: Man macht einen Termin im Standesamt, erscheint pünktlich zur Trauung, jeder sagt ein Mal "Ja" und unterschreibt, fertig ist die Ehe. Kaum jemand mag es so puritanisch, aber was da passiert, als der Deutsche Daniel seine türkische Verlobte Aylin im Roman Der Boss heiraten will, wächst dem Bräutigam rasch über den Kopf. Moritz Netenjakob reiht auf lustige Weise ein Klischee an das andere und unterhält mit zahlreichen Überspitzungen.

Fortsetzung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte

 

Im vorangegangenen Roman Macho Man hatte sich Daniel in Aylin verliebt, nun haben die beiden beschlossen, zu heiraten. Der Boss beginnt 6 Wochen, 2 Tage, 1 Stunde und 20 Minuten vor der Hochzeit. Das Brautpaar plant seine Hochzeitsreise, und eines wird schnell klar: Ab sofort ist Daniel der Boss in ihrer Beziehung. Zumindest offiziell. Das geben ihm sowohl Kenan, ein Mitglied des weitverzweigten Familienclans, dem auch Aylin angehört und der Besitzer des Reisebüros, als auch die junge Braut zu verstehen. Doch wie ist man der Boss? Daniel ist ein Vorzeige-Warmduscher und Schattenparker und hat vom Macho-Sein keinen blassen Schimmer.

Typisch deutsche Weihnachten mit Plastikmüll am Baum

 

Mit jedem Kapitel rückt der Hochzeitstermin näher, in gleichem Maße nimmt das Chaos zu: Selbstverständlich sollen sich die künftigen Schwiegereltern vor der Trauung kennenlernen. Aylins Eltern sind dann auch sehr erfreut, von Daniels Eltern zur familiären Weihnachtsfeier eingeladen zu werden. Endlich werden sie erfahren, wie Deutsche die Geburt von Gottes Sohn feiern. Doch es geht im Elternhaus des jungen Mannes alles andere als durchschnittlich oder konventionell zu: Die Eltern sehen sich als Teil des Bildungsbürgertums und Alt-68er, lehnen Weihnachten aus atheistischen Gründen eigentlich ab, feiern es aber offiziell der Oma zuliebe. Oma Berta ist 92, geistig verwirrt und wähnt sich noch im 3. Reich. Ihre Nachfragen nach dem Wohl des Führers sorgen immer wieder für Irritationen. Mit dem künstlerischen Anspruch an die Gestaltung des Festes können weder sie noch Daniel etwas anfangen: Der Baumschmuck besteht immer aus einer alternativen Dekoration, dieses Mal aus leeren Joghurtbechern, um den Künstler Ilya Kabakov zu würdigen. Selbstredend werden keine klassischen Weihnachtslieder gesungen, sondern alljährlich die Schallplatte "Wann ist denn endlich Frieden?" von Wolf Biermann abgespielt. Die Runde wird durch das Künstlerpaar Ingeborg und Dmitri vervollständigt, für die das Attribut "schrullig" weit untertrieben ist. Aylins konservative Eltern erleben am Heiligen Abend spätestens dann einen Kulturschock erster Güte, als Daniels Mutter damit beginnt, ganz ungezwungen von ihren Affären und Sexualpraktiken zu berichten.

Der Hochzeitscountdown läuft

 

Der Roman wäre schnell zu Ende, wenn das verliebte Paar jetzt einfach so heiraten würde. Es stellen sich ihnen so einige Hürden in den Weg, die vor allem in der kulturellen Tradition von Aylins Familie liegen. Da gibt es Rücksichtnahmen, Lügen und extreme Emotionalität, die von der jungen Türkin als völlig normal, von Daniel jedoch irgendwann nur noch als Zumutung empfunden werden. Aylin hingegen ist von der Distanziertheit zwischen ihrem Verlobten und dessen Eltern irritiert und möchte ihre künftigen Schwiegereltern auch in die gemeinsamen Freizeitaktivitäten einbeziehen. Die Hochzeit steht auf der Kippe, die Beziehung auf Messers Schneide.

Der Boss ist ein durchgehend witziges Buch und jongliert mit den Vorstellungen und Klischees, die "man" vom Deutsch- oder Türkischsein hat. Moritz Netenjakob weiß, wovon er schreibt: Er ist mit der deutsch-türkischen Schauspielerin und Regisseurin Hülya Doğan-Netenjakob verheiratet, die auch zusammen mit ihrem Mann als Kabarettistin auftritt. Sie hat sowohl Macho Man als auch Der Boss dramaturgisch betreut, sodass ich davon ausgehe, dass in der teils skurrilen Handlung sehr viel Wahrheit steckt.

Der Boss kostet als Taschenbuch, Kindle- oder epub-Version 9,99 Euro und als DAISY-Hörbuch 12,95 Euro. 

Freitag, 10. Juni 2016

# 54 - Die gewandelte Religion

Wer füllt die Lücke, seitdem Gott abgeschafft wurde?

 

Es geht in Die neuen zehn Gebote von Andreas Lehmann nicht um Theologie in Reinform, wie der Titel vermuten lässt. Vielmehr wird ein Blick auf das geworfen, was der Autor als "Ersatzreligionen" bezeichnet: Geld, egozentrische Selbstverwirklichung, die übertriebene Fokussierung auf das eigene Kind, Veganismus, die Bio-Welle und einige andere mehr. Lehmann hat jeder dieser Ersatzreligionen ein eigenes Kapitel, das er als Gebot bezeichnet, gewidmet.

Gott und seine Häuser leiden unter einem Attraktivitätsverlust 

 

Andreas Lehmann liefert einige Zahlen, die in den letzten Jahren wiederholt in der Presse aufgetaucht sind, wenn es um die immer geringeren Kirchensteuereinnahmen und die damit zusammenhängenden Einsparungen ging, die die beiden christlichen Kirchen daraufhin veranlasst haben: Seit mehr als 25 Jahren hat die Evangelische Kirche in Deutschland einen durchschnittlichen Mitgliederschwund von 0,7 % pro Jahr, die Katholische Kirche von 0,5 %. Am Karfreitag, einem der höchsten christlichen Feiertage, finden gerade einmal 4 % der Kirchensteuer zahlenden Protestanten den Weg in einen Gottesdienst.
Zwar werden bei vielen Menschen bestimmte Traditionen wie die Taufe der eigenen Kinder oder die kirchliche Hochzeit weiterhin eingehalten, aber dies geschieht nicht mehr aus in erster Linie religiösen Gründen. Die Kirche wird als unmodern und verstaubt empfunden.

Was tritt an die Stelle der Religiosität?

 

Andreas Lehmann hat die zehn Gebote, die von vielen Menschen, die in einer durch christliche Werte geprägten Gesellschaft aufgewachsen sind, nur noch bruchstückhaft aufgesagt werden können, umformuliert. So wird z. B. aus dem ersten Gebot "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." das vom Autor angepasste Gebot "Ich bin Ich, mein Gott. Ich brauche niemanden neben mir.". Hier stellt er den heutigen Hang zur Selbstbezogenheit in den Mittelpunkt: Immer und überall werden Selfies gemacht und in den sozialen Netzwerken gepostet, Zeitschriften drucken Schlagzeilen auf ihre Titelseiten, in denen mindestens ein Mal das Wort "ich" vorkommt und die Wichtigkeit mit wenigstens einem Ausrufezeichen untermauert wird. Trotz - oder wegen? - dieser Ich-Bezogenheit steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen stetig an.

Doch auch den Starkult sieht Lehmann als eine Ersatzreligion an. Die Massenmedien blasen das Image von Prominenten so weit auf, dass sie den Status von Helden erreichen.
Dystopien wie "Die Tribute von Panem" bedienen die Weltuntergangsängste und spiegeln sich in der Realität in Nachrichten wider, die die Furcht vor dem nahen Ende anfachen: Von BSE über Euro-Krise oder Terrorgefahr ist gewissermaßen für jeden etwas dabei.

Spannender Ansatz, aber...

 

Das Buch ist locker und flüssig geschrieben und greift die "Götter" unserer Zeit auf humorvolle Art und Weise auf. Die schleichende Abkehr von der (christlichen) Kirche in Verbindung mit zahlreichen Kirchenaustritten ist für sich genommen keine Neuigkeit. Doch sich darüber Gedanken zu machen, ob der Mensch ein grundsätzliches Bedürfnis nach Spiritualität und Religion hat und wie er dies ohne Gott und seine irdischen Institutionen ausfüllt, fand ich grundsätzlich sehr interessant. Allerdings ist Die neuen zehn Gebote so sehr darauf ausgerichtet, unterhaltsam zu sein, dass es mir an Tiefe fehlte. Die von Andreas Lehmann angeschnittenen Themen und die Darstellung der "Ersatzgötter" lösen zwar zunächst fast immer spontane Zustimmung aus, aber in vielen Kapiteln schweifen seine Gedanken ab und verlieren sich an Nebenschauplätzen. Sein elftes Gebot, das Nachwort, schließt sich diesem Trend an: Die Hälfte der letzten knapp vier Seiten beschäftigt sich damit, dass ein Buch ein Nachwort braucht, das gern mit einer frohen Botschaft verknüpft sein darf. Na dann.


 

Die neuen Zehn Gebote  wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Riemann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €. Die Kindle- und epub-Editionen sind für je 13,99 € erhältlich.
 

Freitag, 3. Juni 2016

# 53 - Augustinermönch auf der Reise seines Lebens

Historischer Roman vor der mittelalterlichen Kulisse der Schweiz

 

Im Jahr 1247 beginnt ein Augustinermönch, dessen Name der Leser nicht erfährt, eine Studienreise, die ihn von seinem Kloster St. Maurice im schweizerischen Wallis nach Norden über die Alpen bis nach Bayern, Thüringen, Sachsen, Lübeck und Köln führt. Doch in Invocabit: Anrufung von Pierre Maurice soll es nicht um diesen Teil seines Weges gehen, sondern um den Rückweg, der unter abenteuerlichen Umständen verläuft.

Wie ein familiäres Ereignis die eigenen Pläne zum Einsturz bringt

 

Am 15. August 1250, mehr als drei Jahre nach seinem Aufbruch, erreicht den Mönch die Nachricht seines Vaters aus dem Heimatort Naters, dass seine Mutter sehr krank sei und es wohl auf das Ende zu gehe. Diese Botschaft bringt ihn dazu, seine bisherigen Pläne zu ändern und sich sofort auf den Weg nach Hause zu machen. Selbstverständlich möchte er seine Mutter noch einmal sehen und sich von ihr verabschieden. Entlang des Rheins und der Aare wandert er so schnell wie möglich in die Schweiz zurück. 
Doch als er am 3. Oktober den Lötschenpass erreicht und die Heimat nur noch zwei Tagesmärsche entfernt ist, wird der Mönch von einem viel zu frühen und sehr heftigen Wintereinbruch überrascht. Der Pass ist derart eingeschneit, dass erst am 21. November 1250 nach dem Einsetzen des Tauwetters eine Fortsetzung der Wanderung möglich ist.
Doch wegen der schlechten Verhältnisse ist das Weiterkommen auf dem kürzesten Weg nicht möglich, sodass der Mönch eine Route einschlagen muss, die ihn in einem weiten Bogen westwärts führt und ihn noch mehr Zeit kostet. 

Dieser Umweg zehrt an seinen Kräften, und er ist mehrmals dem körperlichen Zusammenbruch nah. Der Mönch kämpft sich mühsam vorwärts, doch in Avenche gerät er krank und halb verhungert in die Fänge einer Wirtin und Bordellbetreiberin, die ihm verspricht, ihn gesund zu pflegen. Doch was sich dort gegen seinen Willen abspielt, soll ihm einen Feind einbringen, der unbedingt seinen Tod will, um den einzigen Zeugen der eigenen Untaten zum Schweigen zu bringen. Jetzt steht der Mönch vor der größten und wohl auch schwersten Entscheidung seines Lebens, die auch seinem Vater und seinen Geschwistern Einiges abverlangt.

Mein Leseeindruck

 

Invocabit: Anrufung  ist ein Roman, der vor allem Lesern, die die Schweiz gut kennen, gefallen wird: Die Route des Mönches ist derart akribisch beschrieben, dass geübte Wanderer sie gut nachvollziehen können. Allen anderen wird das Verständnis für die Handlung ohne diese Ortskenntnis etwas schwer gemacht. 

Pierre Maurice hat in die Handlung einige historisch korrekt dargestellte Persönlichkeiten wie z. B. Kaiser Friedrich II. oder Nantelmus, den Abt des Klosters St. Maurice, eingeflochten, was die Geschichte sehr authentisch macht.

Das Buch hat einen stärkeren religiösen Anstrich, als es für seine Plausibilität nötig wäre: Immer wieder werden Psalmen sowohl in der deutschen (gemäß der Luther-Bibel 1984) als auch der lateinischen Fassung (Biblia Sacra Vulgata) vollständig zitiert, wenn sich der Mönch in einer psychisch schwierigen Situation befindet. Das wirkt sich hemmend auf den Lesefluss aus und trägt dazu bei, hin und wieder den "Faden" zu verlieren. Auch Äußerungen, die von Französisch sprechenden Personen stammen, werden immer zweisprachig auf Deutsch und Französich wiedergegeben.

Der Text wird durch Schwarz-Weiß-Fotos aufgelockert, die vom Autor selbst stammen und überwiegend Naturmotive zeigen.

Invocabit: Anrufung ist als Paperback-Ausgabe bei tredition erschienen und kostet 14,99 € (rd. 300 Seiten). Das Buch kann sowohl beim Verlag als auch über den Versand- oder den stationären Buchhandel erworben werden.

Donnerstag, 25. Februar 2016

# 38 - Leben unter Königin Maria I.

Ein Perspektivwechsel

 

Das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte, hat mich besonders aus einem Grund interessiert: Eine Liebe im Schatten der Krone von Bettina Pecha erzählt ein Stück der englischen Geschichte von 1560 bis 1568 und deckt damit einen Teil einer historischen Episode ab, um die es bereits in Der Palast der Meere von Rebecca Gablé ging. Aber während Gablé ihre Geschichte rund um die englische Queen Elisabeth I. erschaffen hat, stellt Pecha deren Großcousine in den Mittelpunkt: Maria I., Königin von Schottland, besser bekannt als Maria Stuart. Die beiden Frauen haben zeitlebens ein Tauziehen um die Macht in England veranstaltet, was die Handlung des Romans zwangsläufig stark beeinflusst.

 Ohne eine "Leihfamilie" geht nichts

 

In Eine Liebe im Schatten der Krone wird die Handlung von der jungen Fiona Fraser eingerahmt. Sie lernt 1560 in ihrem Elternhaus in Edinburgh den Laird Duncan Sanderton kennen und lieben. Kaum ein Jahr später heiratet sie ihn und geht mit ihm auf sein Landgut Springfield in den West Lothians. Sie lebt sich schnell ein, ihr Mann hat jedoch andere Pläne, als für den Rest seines Lebens auf dem Land zu leben. Er will mit Fiona ein Teil des Hofstaats von Maria Stuart werden und der gesellschaftlichen Enge und Einöde zu Hause entfliehen. Doch das ist nicht das Einzige, das sich Duncan wünscht: Er will einen Sohn, und das möglichst bald.
Wenige Monate nach der Rückkehr Maria Stuarts nach Schottland stellt sich Fiona ihr vor und wird im November 1562 als Hofdame an das königliche Schloss Holyrood in Edinburgh geholt. Duncan begleitet sie: Er wird in das Gefolge von James Stewart, dem 1. Earl of Moray und Halbbruders der schottischen Königin, aufgenommen. Doch dieser Ortswechsel soll ihrer Ehe nicht gut tun.

Fiona lebt sich schnell in das Umfeld Maria Stuarts ein und entwickelt sich im Laufe der nächsten Jahre zu ihrer engsten Vertrauten. Duncan hat es schwerer: Er registriert sehr bald, dass er nur an den Hof gebeten wurde, um in der Nähe seiner Frau sein zu können. Benötigt wird er nicht.

Maria Stuart - eine der schillerndsten Gestalten der schottischen und französischen Geschichte

 

Bettina Pecha hat sich eng an die historischen Ereignisse gehalten und schildert sehr anschaulich, unter welch schlechtem Stern die Regentschaft von Maria Stuart gestanden hat. Die Katholikin hatte in dem Reformator John Knox einen ihrer größten Widersacher. Er scheute auch nicht vor öffentlichen Verleumdungen und dem Verbreiten von wirren Geschichten über die Königin zurück, um sie zu demontieren. Ihrem Halbbruder, einem Protestanten, brachte sie größtes Vertrauen entgegen, was dieser nicht verdiente. Sie führte drei Ehen, schloss jedoch nur die zweite mit Lord Darnley aus Liebe. Strategisch erwies sich dieser Schritt als Fehler: Darnley war Katholik, und die Protestanten werteten diese Ehe als Signal dafür, dass sie nun ins Hintertreffen geraten würden. James Stewart zettelte daraufhin gemeinsam mit anderen proetstantischen Adeligen eine Rebellion an.
Fiona hält ihrer Königin in jeder Situation die Treue. Mit der Treue nimmt es ihr Mann jedoch nicht so genau, und die Ehe der beiden scheitert. Doch auch in anderer Hinsicht trifft Duncan die falsche Wahl.

Lesen?

Eine Liebe im Schatten der Krone ist ein spannend geschriebener historischer Roman, der keine Langeweile aufkommen lässt. Er ermöglicht es dem Leser, die damaligen Ereignisse nachträglich mitzuerleben und hat auch einen Schuss Romantik im Gepäck. Wenn es etwas gibt, das man kritisieren könnte, dann sind es die vereinzelt fehlenden Wörter in der mir vorliegenden epub-Ausgabe.
Der Roman ist bei books2read erschienen und sowohl als epub- als auch als Kindle-Edition erhältlich. Er kostet in beiden Versionen 4,99 €.
Das Buch wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Montag, 30. November 2015

Der November hielt eine gute Mischung bereit

Aktuelles, Spirituelles, Spannendes, Weltbewegendes...

 

Dieser November hielt eine ziemlich breite Palette von völlig verschiedenen Büchern bereit. Es lag allerdigs ein klarer Schwerpunkt auf informativen Büchern.


Am 6. November ging es los mit Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage. Joachim Ackva, der mit spektakulären Geldverschenkungen in deutschen Großstädten auf sich aufmerksam gemacht hatte, macht sich darin Gedanken, wie man die wichtigsten Weltprobleme lösen könnte. Seine Idee sieht auf den ersten Blick fast schon zu banal aus, um zu funktionieren, lohnt aber auf jeden Fall näheres Hinsehen. In einem Interview beim WDR erklärt er, was es mit einem Weltkonto auf sich hat.

Da ich der Meinung bin, dass Ackvas Theorie weiterverfolgt werden sollte, aber bislang noch ein paar Schwächen hat, vergebe ich für dieses Buch

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Für das Buch, das ich eine Woche später vorgestellt habe, wünsche ich mir, dass es besonders viele Leser erhält. Mit dem Kochbuch Fadi kocht syrisch setzen sich der ehemalige syrische Fernsehkoch Fadi Alauwad und seine zehn ehernamtlichen Helfer dafür ein, dass den notleidenden Kindern in Syrien geholfen wird. Die Erlöse aus dem Buchverkauf werden komplett an den Verein Syrienhilfe e. V. weitergeleitet, der davon Lebensmittel, Unterkünfte sowie medizinischen und seelischen Beistand für Kinder in Syrien finanziert. Auch hierüber hat der WDR einen Fernsehbeitrag ausgestrahlt, diesmal in der Sendung Lokalzeit aus Aachen vom 26. November 2015.
Daran, wie ich dieses Kochbuch bewerte, gibt es nicht nur wegen des Hilfsprojekts, sondern auch wegen der tollen Rezepte und brillanten Fotos keinen Zweifel:

 


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Am 13. November 2015, eine Woche vor der Veröffentlichung des Blogbeitrags, schlug der "Islamische Staat (IS)" in Paris zu: Bei mehreren Anschlägen kamen insgesamt 130 Menschen ums Leben. Grund genug, das Buch Die schwarze Macht von Christoph Reuter vorzuziehen. Der Journalist beschäftigt sich darin nach vielen Recherchen mit den Anfängen und Strukturen des IS und beleuchtet anschaulich und sachlich die Hintergründe, die dessen rasanten Aufstieg seit 2010 erst möglich gemacht haben. Wer sich wirklich mit diesem Thema beschäftigen und es verstehen will, kommt nicht um dieses Buch herum. Christoph Reuter hat für Die schwarze Macht am 25. November 2015 den Sachbuchpreis von NDR Kultur erhalten.Der NDR hat zur Preisverleihung ein kurzes Video veröffentlicht.
Über die Bewertung für dieses Sachbuch muss ich nicht lange nachdenken:








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Der letzte Freitag im November hielt ein Buch für Menschen bereit, die sich nicht im Klaren waren, ob die Botschaften der Bibel richtig interpretiert werden und was Gott von ihnen erwartet - oder sie von ihm erwarten können. Detlev F. Neufert sorgt mit Jesus - Das Interview hier für Abhilfe. In einem Interview, das er mit Gottes Sohn führt, werden viele der Themen besprochen, die zahlreichen Menschen auf der Seele brennen: Gibt es Engel? Was kommt, wenn wir gestorben sind? Ist Jesus Kommunist? 
Einen ersten Eindruck gibt es mit dieser Leseprobe: 







Da ich nicht rundum zufrieden mit diesem Buch war, gibt es hierfür

und 1/2 Daumen.





Ich freue mich auf die Bücher im Dezember und auf eure Besuche bei Inas Bücherkiste.


 photo happy-roll-smiley.gif

Freitag, 27. November 2015

# 26 - Der Schleier wird gelüftet: Das denkt Jesus wirklich!

Mit Gottes Sohn über "Gott und die Welt" diskutieren

 

Um die Bibel ranken sich einige strittige Fragen, die immer wieder aufs Neue von Theologen und Laien (verbal) ausgefochten wurden und werden. Jeder scheint für sich eine Deutungshoheit zu beanspruchen, was die Christen in dieser Hinsicht nicht von der einen oder anderen Religion unterscheidet. Detlev F. Neufert hat sich in seinem im Februar 2015 erschienenen Buch Jesus - Das Interview mit Gottes Sohn über alle Themen unterhalten, die sich immer wieder aufdrängen: Wie eng soll man die Zehn Gebote auslegen? Ist das Zölibat nicht dafür verantwortlich, dass es immer wieder verheimlichte uneheliche Kinder gegeben hat und sich Priester aus Verzweiflung umbrachten? Ist Gott immer gut und gerecht?


Auf einen Plausch mit Jesus

 

Auf 256 Seiten erfährt man, wie Jesus wirklich "tickt". Neufert führt mit ihm ein ziemlich launiges, aber immer wieder auch kritisches Interview, wobei sich die beiden Herren nichts schenken. Anhand des Covers und des Titels hatte ich zunächst ein eher lustiges Buch erwartet, die Absicht des Autors ist aber eine ganz andere. Das Interview ist in einzelne Kapitel aufgeteilt, wobei ein Kapitel fließend in das nächste über geht. Kein Zweifel, dass da immer wieder Neuferts persönliche Ansichten durchschimmern, zumal er selbst u. a. Theologie studiert hat. So äußert er sich zu der Frage, wie sinnvoll eine Babytaufe ist, obwohl der Täufling noch keine Ahnung haben kann, woran er glauben sollte (sinnvoll!). 

Auch das Thema Zwangsheirat, das in Deutschland immer wieder im Zusammenhang mit muslimischen Frauen in den Medien auftaucht, wird angesprochen. Jesus - oder Neufert? - ist selbstverständlich dagegen, denn er ist nicht der Meinung, dass ein Leben nicht nur dazu da ist, um der Fortpflanzung zu dienen. Diese Haltung passt auch zum Thema Homosexualität:

Im Gegensatz zu manch kirchlichem Würdenträger ist Jesus kein Gegner von Eheschließungen unter homosexuellen Paaren. Er hängt die "Idee der Heirat" von gleichgeschlechtlichen Partnern, die vor allem in der katholischen Kirche auf großen Widerstand stößt, bei Weitem nicht so hoch auf wie die, die Gottes Stellvertreter auf Erden sind. "Der Wille  meines Vaters ist, dass die Liebe siegt." Das darf sich gern jeder auf die Fahnen schreiben.


Was macht eine gute Religion aus?

 

Diese Frage ist ja eigentlich immer aktuell: Jede Religion verkörpert für ihre Anhänger die besten Werte und Weltsichten. Schwierig wird es jedoch, wenn religiöse Vorstellungen einen dogmatischen Drall bekommen und als allein seligmachend angesehen werden. Jesus definiert hier einige Kriterien, die man anlegen kann, um den wahren Wert einer Religion zu erkennen: Wird die Freiheit der Erkenntnis unterdrückt? Werden Andersgläubige akzeptiert? Sind Männer und Frauen gleichberechtigt? Das sind nur einige der Maßstäbe, die zur Beurteilung einer Religion herangezogen werden.

Immer wieder ist auch von Luzifer und der Hölle die Rede. An diesen Stellen, in denen es darum geht, dass Sünder in die Hölle kommen, weht ein Hauch Mittelalter durch die Buchseiten. Aber auch das Prinzip und die Häufigkeit der Wiedergeburt werden besprochen und von Jesus erläutert.
Neufert lässt kaum ein Thema aus, das sich mit der Bibelauslegung, religiösen oder ethischen Fragen beschäftigt. Wie beurteilt Gott den Kindesmissbrauch durch Priester? Zitat Jesus: "Gott kotzt!" Das ist ja schon mal ganz beruhigend, dass Gott aufgefallen ist, dass da etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist, aber an solchen Stellen finde ich angesichts der lebenslang verletzten Seelen diese göttliche Reaktion zu dürftig. Aber das mag jeder anders sehen.


Kann ich das Buch empfehlen?

 

Das ist eine schwierige Frage. Das Frage-Antwort-Prinzip ist eine interessante und ungewöhnliche Möglichkeit, sich theologischen  und ethischen Themen zuzuwenden. Neufert hat Jesus eine ziemlich coole Aura gegeben, sodass er nicht vergeistigt und unnahbar wirkt. Jesus - Das Interview lässt sich dank Neuferts flottem Schreibstil flüssig lesen und verzichtet auf religiöses Fachvokabular. So kann man jedem Gedankengang problemlos folgen. Der Autor spricht jedoch so viele verschiedene Themen an, dass sich die Diskussion zwischen den beiden Herren zum Teil jeweils nur kurz mit ihnen auseinandersetzen kann. Die meisten Fragen hätten es jedoch verdient, ausführlicher behandelt zu werden als ein Abrissblatt auf einem Tageskalender.
Religiösere Menschen als ich könnten auch durchaus auf die Idee kommen, warum sich jemand dazu aufschwingen kann, uns mitteilen zu wollen, wie Jesus die Welt und die Menschen beurteilt. Aber das kann jeder für sich selbst entscheiden.
Hin und wieder hätte ich mir einen aufmerksameren Lektor gewünscht, wie zum Beispiel an der Stelle, an der es hieß, dass Kain Adam erschlagen haben sollte.
Meine Bilanz fällt insgesamt etwas gemischt aus. Im Gegensatz zu einigen anderen Büchern, die ich hier schon vorgestellt habe, würde ich dieses zumindest kein zweites Mal lesen. 

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist über die Verlagsseite des Gütersloher Verlagshauses oder den Buchhandel zum Preis von 17,99 € erhältlich. Die Ausgabe im Kindle-Format kostet 13,99 €.