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Sonntag, 29. August 2021

# 305 - Sein durch Sprache?

2020 erschien Kübra Gümüşays erstes Buch Sprache und Sein, das für etliche Diskussionen sorgte. Wer ein Essay über Sprache erwartet, wird jedoch zumindest teilweise enttäuscht.

Gümüşay beginnt ihr Buch mit einer Szene, die sich vor etlichen Jahren zwischen ihr und ihrer Tante abgespielt hat. Es drehte sich um ein türkisches Wort ("yakamoz"), das für die Reflexion des Mondlichts auf dem Wasser steht. Erst seitdem sie diesen Begriff kennengelernt hat, erkennt Gümüşay dieses Phänomen: Die Wahrnehmung wird durch die Sprache beeinflusst. Das belegt sie anhand weiterer Wörter aus anderen Sprachen. 

Diese Erkenntnis ist keine Überraschung: Wer ein Buch von einer Sprache in eine andere übersetzt, kommt ohne kulturelle Kenntnisse und Hintergründe beider Sprachen nicht aus, wenn die Botschaft des Textes im Sinne des Autors in der Zielsprache ankommen soll. Und so folgert auch Gümüşay: "So leben manche Gefühle nur in bestimmten Sprachen. Sprache öffnet uns die Welt und grenzt sie ein - im gleichen Moment." Wer sich in mehreren Sprachen ausdrücken kann, wird wahrscheinlich feststellen, sich in jeder als eine etwas andere Person zu fühlen.
In diesem Zusammenhang führt 
Gümüşay das viel diskutierte generische Maskulinum an: Während Befürworter sagen, dass trotz der männlichen Form (die Lehrer, die Autofahrer, alle Studenten etc.) doch automatisch auch die Frauen mitgemeint seien, weisen immer mehr der "Mitgemeinten" das zurück - und Studien geben ihnen in ihrer Befürchtung recht, dass sie tatsächlich weniger mitgedacht werden.

Gümüşay unterscheidet zwischen den Benannten und den Unbenannten. Die Benannten sind diejenigen, die als von der Norm abweichend empfunden werden, weil sie ein Merkmal haben, das sie als "anders" ausweist: die Kopftuchträgerin, die Muslimin, der schwarze Mann oder die Frau mit Behinderung. Sie werden von den Unbenannten, die die allgemein akzeptierte Norm erfüllen, kategorisiert und auf die eine - aus deren Sicht wesentliche - Eigenschaft reduziert, beurteilt und mit allen anderen, die über dasselbe Merkmal verfügen, in einen Topf geworfen.

Im Kern geht es Gümüşay darum herauszufinden, wie wir miteinander empathisch und vorurteilsfrei kommunizieren können. Aus eigener Anschauung weiß sie, wo das nicht zu gehen scheint: In Talkshows - mit ihr oder ohne sie - wurden eher auf krawallige Art neue Gräben ausgehoben, als dass versucht worden wäre, sich über das Gemeinsame und Verbindende sowie das Zusammenleben Gedanken zu machen.

Gümüşay hat mit ihrer Kritik am hiesigen Umgang mit den sog. Benannten recht. Sie räumt ein, dass es in der menschlichen Natur liegt, sein Gegenüber in die eine oder andere Schublade einzusortieren. Dieses archaische Verhalten hat auch in unserer modernen Welt nicht nur Nachteile: Es schützt uns davor, unter Reizüberflutung zu leiden und hilft uns, durch das Erkennen von Mustern in gefährlichen Situationen angemessen zu reagieren. Das kann jedoch kein Grund sein, dieses Verhalten unreflektiert gegenüber seinen Mitmenschen anzuwenden.

Die Autorin wirft auch einen Blick auf die Einflüsse, die die strukturelle Ausgrenzung weiter befördern: Da sind nicht nur die oben erwähnten Talkshows, sondern auch die schwerpunktmäßige Themenauswahl in politischen Fernsehsendungen, der Einfluss der Social-Media-Plattformen oder die Aktivitäten rechter Spin-Doctors, die ein verzerrtes Bild von der Realität zeichnen.

So emotional diese existierenden (sprachlichen) Missstände von Kübra Gümüşay geschildert werden, so wenig gewährt sie Einblick in ihre eigenen religiösen An- und Einsichten. Als Leser erfährt man kaum, was den Menschen Kübra Gümüşay ausmacht - wäre das nicht nötig, um ein Zeichen gegen die ständigen Kategorisierungen zu setzen? Auch der kritische Blick auf ihre eigene Religion und ihre weltlichen Vertreter fällt sehr knapp aus.

Lesen?

Sprache und Sein ist grundsätzlich ein lesenswertes Buch. Wenn Gümüşay schreibt: "Jedes Wort hat Wirkung. Menschen verändern sich durch die Worte, mit denen wir sie beschreiben. Sie werden zu dem, was ihnen zugeschrieben wird", kann man ihr nur zustimmen. Wie sich so eine selbsterfüllende Prophezeiung im Alltag auswirkt, lässt sich z. B. in dem 1983 erschienenen Buch Anleitung zum Unglücklichsein des österreichischen Psychologen Paul Watzlawick sehr anschaulich nachvollziehen. Das Phänomen und dass darüber geschrieben wird ist also keineswegs neu, es ist aber gut, dass es wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt wird.

Irritierend wirkt teilweise allerdings die Auswahl der Zitate, die das Buch durchziehen. Warum eine Feministin wie Gümüşay z. B. ausgerechnet auf ein Zitat von Friedrich Nietzsche zurückgreift, der mit zahlreichen frauenfeindlichen Äußerungen "geglänzt" hat, erschließt sich mir nicht. 

Was mich aber deutlich mehr gestört hat, ist die Festlegung auf die gesprochene und geschriebene Sprache. Sprache ist schließlich nicht nur verbal, sondern besteht auch aus einem breiten nonverbalen Spektrum von Symbolen bis zur Gestik und Mimik. Ausgrenzung kann auch durch einen verächtlichen Blick oder eine Beschilderung erzeugt werden.

Und was letztlich auch nicht durchdacht ist, ist die Einteilung der Menschen in die Benannten und Unbenannten. Nicht nur, dass es sich dabei um sehr große Schubladen handelt, gegen die Gümüşay doch eigentlich anschreibt; diese Art der Kategorisierung verkennt, dass mit den Frauen eine Hälfte der Bevölkerung immer wieder mit Misogynie und damit Ausgrenzung konfrontiert wird und das, obwohl es sich bei ihnen nicht um eine andersartige Randgruppe handelt. Doch nach Gümüşays Definition gehören sie zu den Unbenannten, die über Privilegien verfügen.

Durchaus mit gemischten Gefühlen kann man auch eine Szene betrachten, über die Gümüşay schreibt: Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wird sie als 13-Jährige in der U-Bahn von einer Frau auf ihr Kopftuch angesprochen und gefragt, ob sie es freiwillig trage - trotz der politischen Situationen in Saudi-Arabien, im Iran und Irak. Damals antwortete sie: "Damit habe ich nichts zu tun. Das ist nicht mein Islam." Fünfzehn Jahre später hielt sie allerdings im vom Hamburger Verfassungsschutz beobachteten Islamischen Zentrum Hamburg (IZH) einen Vortrag. Das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz bewertete das IZH schon 2004 als verlängerten Arm der Teheraner Revolutionsführung mit dem Ziel, "islamistisches Gedankengut nach heimatlichem Vorbild in Deutschland zu verbreiten". Wie schlecht es um die Gleichberechtigung der Frauen im Iran bestellt ist, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben.
 
Auch Gümüşays Nähe zur islamischen Bewegung 
Millî Görüş mit ihrem Antisemitismus und ihrer Integrationsfeindlichkeit sowie einer Ideologie, die durch Minderheiten- und Frauenfeindlichkeit sowie Homophobie geprägt ist, ist irritierend und mit der Kübra Gümüşay, wie sie sich selbst ihrem Buch beschreibt, nur schwer in Einklang zu bringen.

Sprache und Sein ist 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18 Euro.


Dienstag, 6. August 2019

# 206 - Wenn sich eine Frau dem IS anschließt

Vor etwas mehr als drei Jahren habe ich zum letzten
Mal ein Buch von Ulrike Blatter vorgestellt: Vor dem Erben kommt das Sterben ist damals noch als Self-Publishing-Titel erschienen.

Töchter des Todes ist ihr neuester Roman, und dafür hat sich die Autorin viel vorgenommen. Die Geschichte, die Ulrike Blatter erzählt, ist nicht nur eine einzelne, für sich allein stehende Handlungsabfolge, sondern es sind vielmehr mehrere miteinander verwobene Schicksale, in die die Menschen manchmal einfach hineingeschubst worden sind. So, wie es bei dem bosnischstämmigen Ehepaar Edin und Kristina Hodžić der Fall ist, das die Flucht vor dem Balkankrieg in das beschauliche und friedliche Taufingen verschlagen hat. Die muslimische Religion spielt in ihrem Leben keine Rolle, die beiden Töchter Semina und Aylin wurden in Deutschland geboren, die Familie ist in die Gemeinschaft integriert. Die Eltern wollen, dass aus ihren Kindern etwas Vernünftiges wird und spornen sie an, in der Schule und im Studium Leistung zu zeigen. "Glaub ja nicht, dass die Welt gerade auf dich gewartet hat!", wird für die beiden Schwestern zu einer der meistgehörten Ermahnungen.

Doch dann öffnet Aylin den Facebook-Account ihrer älteren Schwester Semina. Sie schaut in ein mit einem Niqab vollverschleiertes Gesicht, in dem sie nur die Augen wiedererkennt. Semina hat dort ihren Standort mit "Syrien" angegeben. Von diesem Tag an ändert sich fast alles: Seminas Verschwinden spricht sich im Ort rasch herum, die selbsternannte Investigativpresse gießt mit unbewiesenen Behauptungen fleißig Öl ins Feuer. Als wenige Tage später ein Selbstmordattentat auf eine Taufinger Metzgerei verübt wird und Zeugen eine in einen schwarzen Niqab verhüllte Frau gesehen haben, sind sich praktisch alle Einwohner einig, dass Semina für diese Tat verantwortlich ist. Es wird in der Öffentlichkeit sogar vermutet, dass sie in Deutschland war, um für den IS junge Frauen anzuwerben.

Die Familie Hodžić ist nun sozial isoliert, Kristina ist an ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten, nicht mehr erwünscht und sogar ihre beste Freundin wendet sich von ihr ab. Die Familie erhält Drohungen, und Edin beginnt plötzlich wieder zu beten und verschwindet immer wieder ohne eine Erklärung. Zu der Angst um Semina kommt nun noch die um den Vater und Ehemann hinzu. Hatten sie es in der Vergangenheit als "gemischtes" Paar im ehemaligen Jugoslawien nicht schon schwer genug?

Die Handlung wird noch von weiteren Figuren getragen: Aylins Freund Jordan, der mit seiner dunklen Haut und seinen schwarzen Haaren mit Vorbehalten konfrontiert wird, ist durch seine Vergangenheit traumatisiert und kämpft immer wieder gegen das, was er "das Biest" nennt. 
Jordans größter Kontrahent ist Sven; der junge Mann macht keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung.

Parallel zu den Geschehnissen in Taufingen wird auch die Geschichte von der jungen Deutschen Star und ihrem Mann Luan erzählt. Beide hatten sich mit völlig falschen Vorstellungen dem IS im syrischen Rakka angeschlossen, dann aber desillusioniert ihre Flucht geplant. Sie wollten ihrem trostlosen Leben entfliehen, um dann zu erleben, dass sie direkt in der Hölle gelandet waren. Doch sie werden in der Wüste von einer Patrouille aufgegriffen und sehen ihrem sicheren Tod entgegen. Erst gegen Ende des Buches wird deutlich, wo der Zusammenhang zwischen ihnen und Seminas Verschwinden ist.


Wie war's?


Ulrike Blatter hat mit Töchter des Todes einen hochaktuellen Roman geschrieben, in dem sie den Fokus auf Themen lenkt, über die derzeit ständig diskutiert wird: Flucht und Vertreibung, Terrorismus, Fremdenhass, Vorurteile, Zivilcourage, Korruption, Kriminalität und die Verpflichtung der Medien, über Sachverhalte wahrheitsgemäß zu berichten.
Am Ende des Buches ist nichts mehr so, wie es zu Anfang schien. 

Der Roman ist an jeder Stelle spannend geschrieben und nimmt den Leser durch seine eindringliche Sprache mit in die Welt, in der die einzelnen Personen leben - mit ihren Gefühlen, Nöten und ihrer Vergangenheit. Klare Leseempfehlung für ein Buch, das uns einen Spiegel vorhält.

Töchter des Todes ist im Leinpfad Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Montag, 30. November 2015

Der November hielt eine gute Mischung bereit

Aktuelles, Spirituelles, Spannendes, Weltbewegendes...

 

Dieser November hielt eine ziemlich breite Palette von völlig verschiedenen Büchern bereit. Es lag allerdigs ein klarer Schwerpunkt auf informativen Büchern.


Am 6. November ging es los mit Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage. Joachim Ackva, der mit spektakulären Geldverschenkungen in deutschen Großstädten auf sich aufmerksam gemacht hatte, macht sich darin Gedanken, wie man die wichtigsten Weltprobleme lösen könnte. Seine Idee sieht auf den ersten Blick fast schon zu banal aus, um zu funktionieren, lohnt aber auf jeden Fall näheres Hinsehen. In einem Interview beim WDR erklärt er, was es mit einem Weltkonto auf sich hat.

Da ich der Meinung bin, dass Ackvas Theorie weiterverfolgt werden sollte, aber bislang noch ein paar Schwächen hat, vergebe ich für dieses Buch

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Für das Buch, das ich eine Woche später vorgestellt habe, wünsche ich mir, dass es besonders viele Leser erhält. Mit dem Kochbuch Fadi kocht syrisch setzen sich der ehemalige syrische Fernsehkoch Fadi Alauwad und seine zehn ehernamtlichen Helfer dafür ein, dass den notleidenden Kindern in Syrien geholfen wird. Die Erlöse aus dem Buchverkauf werden komplett an den Verein Syrienhilfe e. V. weitergeleitet, der davon Lebensmittel, Unterkünfte sowie medizinischen und seelischen Beistand für Kinder in Syrien finanziert. Auch hierüber hat der WDR einen Fernsehbeitrag ausgestrahlt, diesmal in der Sendung Lokalzeit aus Aachen vom 26. November 2015.
Daran, wie ich dieses Kochbuch bewerte, gibt es nicht nur wegen des Hilfsprojekts, sondern auch wegen der tollen Rezepte und brillanten Fotos keinen Zweifel:

 


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Am 13. November 2015, eine Woche vor der Veröffentlichung des Blogbeitrags, schlug der "Islamische Staat (IS)" in Paris zu: Bei mehreren Anschlägen kamen insgesamt 130 Menschen ums Leben. Grund genug, das Buch Die schwarze Macht von Christoph Reuter vorzuziehen. Der Journalist beschäftigt sich darin nach vielen Recherchen mit den Anfängen und Strukturen des IS und beleuchtet anschaulich und sachlich die Hintergründe, die dessen rasanten Aufstieg seit 2010 erst möglich gemacht haben. Wer sich wirklich mit diesem Thema beschäftigen und es verstehen will, kommt nicht um dieses Buch herum. Christoph Reuter hat für Die schwarze Macht am 25. November 2015 den Sachbuchpreis von NDR Kultur erhalten.Der NDR hat zur Preisverleihung ein kurzes Video veröffentlicht.
Über die Bewertung für dieses Sachbuch muss ich nicht lange nachdenken:








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Der letzte Freitag im November hielt ein Buch für Menschen bereit, die sich nicht im Klaren waren, ob die Botschaften der Bibel richtig interpretiert werden und was Gott von ihnen erwartet - oder sie von ihm erwarten können. Detlev F. Neufert sorgt mit Jesus - Das Interview hier für Abhilfe. In einem Interview, das er mit Gottes Sohn führt, werden viele der Themen besprochen, die zahlreichen Menschen auf der Seele brennen: Gibt es Engel? Was kommt, wenn wir gestorben sind? Ist Jesus Kommunist? 
Einen ersten Eindruck gibt es mit dieser Leseprobe: 







Da ich nicht rundum zufrieden mit diesem Buch war, gibt es hierfür

und 1/2 Daumen.





Ich freue mich auf die Bücher im Dezember und auf eure Besuche bei Inas Bücherkiste.


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Freitag, 20. November 2015

# 25 - Alle sprechen davon, aber wer weiß, was dahintersteckt?

Von ISIS zu IS - der tiefe Blick in die islamistische Terrorszene

 

Sie treten nur in schwarzer Kleidung und mit vermummten Gesichtern auf: Die Mitglieder des "Islamischen Staates (IS)", die sich nicht nur in martialischen Posen, sondern insbesondere in ihren Rollen als grausame Henker von "Ungläubigen" sowie Terroristen im Auftrag Allahs gefallen. Die meisten Menschen können sich noch an den Namen erinnern, den die Organisation bis Juni 2014 trug: "Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS)". Doch wie hat sich der IS zu dem heutigen Gebilde entwickelt und wer steckt genau dahinter? Diese und noch zahlreiche andere Fragen beantwortet Christoph Reuter in seinem im April 2015 bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienenen Buch Die schwarze Macht


Die Anfänge übersteigen die eigene Fantasie

 

Christoph Reuter studierte u. a. Islamwissenschaften und Politologie, spricht fließend Arabisch und arbeitet als Journalist für das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. 2002 schrieb er mit "Mein Leben ist eine Waffe" ein Buch über Selbstmordattentäter, das als Standardwerk zu diesem Thema gilt. Er kann also als Experte auf dem Gebiet des islamistische Terrors bezeichnet werden. 
Reuter schlägt den Bogen von den Anfängen und Vorläuferorganisationen bis heute: Seit den 1970er Jahren hatten immer wieder dschihadistische Bewegungen versucht, ihren Einfluss in ihren jeweiligen Heimatländern auszubauen und zu erweitern, waren jedoch vollständig am Staatsapparat gescheitert. Das galt für Syrien ebenso wie für Afghanistan, den Irak oder Libyen. Die US-Armee löste 2003 im Irak nicht nur die dortige Armee, sondern auch die Regierung mit allen ihren Behörden auf. Sie schaffte es damals allerdings, eine Machtübernahme durch die Terrororganisation al-Qaida abzuwehren.
Doch in Syrien entwickelte sich die Situation im Laufe des Bürgerkriegs anders: Als die Staatsmacht 2010 die Kontrolle über den Norden verlor, wurde sie mehr oder weniger gut von unzähligen Ortsräten und Rebellengruppen ersetzt. Jede Gruppe tat, was sie für richtig hielt, es war ein großes Durcheinander und damit der perfekte Ausgangszustand für die im Laufe der folgenden Jahre immer größer werdende Macht von gewalttätigen Islamisten.


Bespitzelung - keine neue Idee, aber effektiv


Der Islamische Staat begann zunächst vorsichtig, die Fühler auszustrecken und errichtete in zahlreichen Dörfern islamische Missionszentren, die zunächst harmlos daherkamen. Was man heute kaum glauben kann: Überall dort, wo die Bevölkerung ihren Unwillen über derartige Büros zum Ausdruck brachte, verschwanden sie so schnell und leise, wie sie gekommen waren. Doch dort, wo es eine grundsätzliche Akzeptanz oder zumindest keinen Protest gab, rekrutierte man aus der Mitte der Einwohner einige Informanten, die anhand einer Kriterienliste auch kleine Details über ihr Dorf herausfinden und melden sollten. Das alles diente dem Ziel, einen sog. "Islamischen Geheimdienst-Staat" aufzubauen. Ein Modell, was sicher in den Grundzügen vielen bekannt vorkommt.
Loyalität mit anderen Gruppierungen oder Regierungen war und ist dem IS fremd: Er handelte immer so, wie es für ihn nützlich erscheint und wechselte zum Teil so schnell die Allianzen, dass dies aus unserer Perspektive nur schwer nachzuvollziehen ist.

Das, was wir heute als IS kennen, entstammt einer Reihe mehr oder weniger "erfolgreicher" islamistischer Terrorgruppen und ihren Anführern. Christoph Reuter beschreibt hier beispielsweise den Werdegang des später zu den Topterroristen gehörenden Abu Musab al-Zaraqiwi, dessen Leben schon früh ins Schlingern geriet: Der Jordanier beendete mit 17 Jahren seine Schulausbildung, war Alkoholiker und schaffte es nicht, eine Arbeitsstelle länger zu behalten. Wegen verschiedener Gewaltdelikte erhielt er mehrmals Gefängnisstrafen. Als er 1989 beschloss, sich gegen die Sowjets dem Dschihad in Afghanistan anzuschließen, kam er erst dort an, als die Rote Armee bereits abgezogen war. Weil er nach seiner Rückkehr in seinem Wohnhaus Granaten versteckt hatte, wurde er erneut zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Was macht so einen Menschen, der zwar ein gewalttätiges Potenzial hat, aber völlig planlos durchs Leben geht, zu einem der meistgesuchten Teroristen, auf dessen Kopf Interpol 25 Millionen Dollar ausgesetzt hatte? Er wurde Teil des vom damaligen US-Außenminister Colin Powell 2003 vor der UN-Vollversammlung verkündeten Märchens, Zarqawi gehöre zur Führungsspitze von al-Qaida und sei das Verbindungsglied zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden. Wie Powell auf Zarqawi kam, ist offenbar nicht bekannt. Tatsache jedoch ist, dass diese Aussage die Bekanntheit Zarqawis und dessen Popularität unter den Islamisten in die Höhe schnellen ließ und ihm den Weg zu einer terroristischen "Karriere" ebnete.


Wer sollte das Buch lesen?

Die schwarze Macht ist ein Sachbuch, das Licht in das Dunkel des Aufstiegs des islamistischen Terrors und viele Einblicke in dessen Hintergründe gibt. Christoph Reuter erläutert u. a., aus welchen Quellen sich der Terror finanziert, welche Staaten ihre Hände im Spiel haben und den Terror aus taktischen Gründen unterstützen oder wie der IS organisiert ist. Der Autor hat mit sehr großer Sachkenntnis in 12 Kapiteln beschrieben, wie der sich seit 2010 rasant vollzogene Aufstieg des IS überhaupt geschehen konnte und warum es ihn heute nicht geben müsste. Jede der 330 Seiten (zuzügl. ausführliches Quellenverzeichnis und Register) ist randvoll mit Informationen und hochinteressant. Das sieht der Norddeutsche Rundfunk offenbar auch so: Kurz vor den IS-Anschlägen in Paris am 13. November 2015 wurde dort beschlossen, Christoph Reuter am 25. November 2015 für sein neuestes Buch mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis auszuzeichnen. Wenn das keine Leseempfehlung ist, was muss dann noch kommen?

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist über die Verlagsseite der DVA oder den Buchhandel zum Preis von 19,99 € erhältlich. Die Ausgabe im Kindle-Format kostet 15,99 €.