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Sonntag, 19. September 2021

# 308 - Mutti war's nicht

Das "weiß" doch praktisch jeder: Angela Merkel hat 2015 für die Flüchtlinge die Grenzen geöffnet, mit dem bekannten Ausspruch "Wir schaffen das!" tausende von Flüchtlingen motiviert, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen und ist letztlich für stetig steigende Flüchtlingszahlen in den letzten Jahren verantwortlich. Obendrein hat sich dadurch auch das Problem der Kriminalität verschärft.

Das und noch viel mehr zum Thema "Die Kanzlerin und ihre Flüchtlingsfreundlichkeit" hat man aus zahllosen Richtungen, in Nachrichtenmagazinen ebenso wie in Talk-Shows, gehört und gelesen. Der Haken daran: Es handelt sich um Zuschreibungen, die sich leicht durch schnöde Statistiken widerlegen ließen - wenn man sich nur die Mühe machen würde.

Der Autor Gerd Hachmöller hat mit seinem Buch Mutti war's nicht genau das getan: Er ist einer Vielzahl von vermeintlich gesicherten Erkenntnissen, die die Kanzlerin als diejenige, die die Zuwanderung von Flüchtlingen  angekurbelt hat, benennen, nachgegangen. Spoiler: Die vier oben beispielhaft genannten Zuschreibungen sind alle falsch. Hachmöller erklärt darüber hinaus, wie es zu den Bildern und Schlagzeilen kam, die diesen Eindruck weiter unterfüttert und nicht zuletzt auch Politikern und Bürgern am rechten Rand Munition für ihre Angriffe gegen Merkel gegeben haben. 

Auch mit der Behauptung, Deutschland habe von den Regelungen des Dublin-Abkommens profitiert, räumt Hachmöller auf. Er erklärt außerdem, warum entgegen der oft geäußerten Ansicht, Deutschland müsse sich mit Italien und Griechenland solidarischer zeigen, die Faktenlage belegt, dass im Gegenteil von diesen beiden Ländern hinsichtlich der Flüchtlingsthematik mehr Solidarität nötig wäre. Ähnlich sieht es mit der Türkei als Aufnahmeland aus: Hachmöller erläutert, dass sich der türkische Staat so gut wie nicht um die Flüchtlinge gekümmert hat und ihnen grundlegende soziale Leistungen wie z. B. den Zugang zum Gesundheitssystem oder zu schulischer Bildung verwehrt hat.

Warum sind so viele dieser Mythen derart beständig in Umlauf und werden gebetsmühlenartig wiederholt? Hier kann auch Hachmöller nur Mutmaßungen anstellen, aber darum geht es in seinem Buch auch nur am Rande.

Mutti war's nicht steht auf der Longlist für den Jugendsachbuchpreis 2021, richtet sich aber an alle politisch Interessierten.

Lesen?

Mit seinem Buch widerlegt Gerd Hachmöller zahlreiche immer wieder geäußerte Legenden, die sich um die Kanzlerin und die Flüchtlinge ranken. Wem daran liegt, sich ein realistisches Bild über diese Thematik zu machen, sollte Mutti war's nicht lesen.

Mutti war's nicht ist im Goldegg Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

Dienstag, 6. August 2019

# 206 - Wenn sich eine Frau dem IS anschließt

Vor etwas mehr als drei Jahren habe ich zum letzten
Mal ein Buch von Ulrike Blatter vorgestellt: Vor dem Erben kommt das Sterben ist damals noch als Self-Publishing-Titel erschienen.

Töchter des Todes ist ihr neuester Roman, und dafür hat sich die Autorin viel vorgenommen. Die Geschichte, die Ulrike Blatter erzählt, ist nicht nur eine einzelne, für sich allein stehende Handlungsabfolge, sondern es sind vielmehr mehrere miteinander verwobene Schicksale, in die die Menschen manchmal einfach hineingeschubst worden sind. So, wie es bei dem bosnischstämmigen Ehepaar Edin und Kristina Hodžić der Fall ist, das die Flucht vor dem Balkankrieg in das beschauliche und friedliche Taufingen verschlagen hat. Die muslimische Religion spielt in ihrem Leben keine Rolle, die beiden Töchter Semina und Aylin wurden in Deutschland geboren, die Familie ist in die Gemeinschaft integriert. Die Eltern wollen, dass aus ihren Kindern etwas Vernünftiges wird und spornen sie an, in der Schule und im Studium Leistung zu zeigen. "Glaub ja nicht, dass die Welt gerade auf dich gewartet hat!", wird für die beiden Schwestern zu einer der meistgehörten Ermahnungen.

Doch dann öffnet Aylin den Facebook-Account ihrer älteren Schwester Semina. Sie schaut in ein mit einem Niqab vollverschleiertes Gesicht, in dem sie nur die Augen wiedererkennt. Semina hat dort ihren Standort mit "Syrien" angegeben. Von diesem Tag an ändert sich fast alles: Seminas Verschwinden spricht sich im Ort rasch herum, die selbsternannte Investigativpresse gießt mit unbewiesenen Behauptungen fleißig Öl ins Feuer. Als wenige Tage später ein Selbstmordattentat auf eine Taufinger Metzgerei verübt wird und Zeugen eine in einen schwarzen Niqab verhüllte Frau gesehen haben, sind sich praktisch alle Einwohner einig, dass Semina für diese Tat verantwortlich ist. Es wird in der Öffentlichkeit sogar vermutet, dass sie in Deutschland war, um für den IS junge Frauen anzuwerben.

Die Familie Hodžić ist nun sozial isoliert, Kristina ist an ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten, nicht mehr erwünscht und sogar ihre beste Freundin wendet sich von ihr ab. Die Familie erhält Drohungen, und Edin beginnt plötzlich wieder zu beten und verschwindet immer wieder ohne eine Erklärung. Zu der Angst um Semina kommt nun noch die um den Vater und Ehemann hinzu. Hatten sie es in der Vergangenheit als "gemischtes" Paar im ehemaligen Jugoslawien nicht schon schwer genug?

Die Handlung wird noch von weiteren Figuren getragen: Aylins Freund Jordan, der mit seiner dunklen Haut und seinen schwarzen Haaren mit Vorbehalten konfrontiert wird, ist durch seine Vergangenheit traumatisiert und kämpft immer wieder gegen das, was er "das Biest" nennt. 
Jordans größter Kontrahent ist Sven; der junge Mann macht keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung.

Parallel zu den Geschehnissen in Taufingen wird auch die Geschichte von der jungen Deutschen Star und ihrem Mann Luan erzählt. Beide hatten sich mit völlig falschen Vorstellungen dem IS im syrischen Rakka angeschlossen, dann aber desillusioniert ihre Flucht geplant. Sie wollten ihrem trostlosen Leben entfliehen, um dann zu erleben, dass sie direkt in der Hölle gelandet waren. Doch sie werden in der Wüste von einer Patrouille aufgegriffen und sehen ihrem sicheren Tod entgegen. Erst gegen Ende des Buches wird deutlich, wo der Zusammenhang zwischen ihnen und Seminas Verschwinden ist.


Wie war's?


Ulrike Blatter hat mit Töchter des Todes einen hochaktuellen Roman geschrieben, in dem sie den Fokus auf Themen lenkt, über die derzeit ständig diskutiert wird: Flucht und Vertreibung, Terrorismus, Fremdenhass, Vorurteile, Zivilcourage, Korruption, Kriminalität und die Verpflichtung der Medien, über Sachverhalte wahrheitsgemäß zu berichten.
Am Ende des Buches ist nichts mehr so, wie es zu Anfang schien. 

Der Roman ist an jeder Stelle spannend geschrieben und nimmt den Leser durch seine eindringliche Sprache mit in die Welt, in der die einzelnen Personen leben - mit ihren Gefühlen, Nöten und ihrer Vergangenheit. Klare Leseempfehlung für ein Buch, das uns einen Spiegel vorhält.

Töchter des Todes ist im Leinpfad Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Freitag, 8. Dezember 2017

# 127 - Fake News und Lügenpresse - Was ist dran?

Was sind unsere Medien noch wert?

 

Der Professor für Journalistik und Medienmanagement Stefan Russ-Mohl macht sich in seinem Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde über die Entwicklung Gedanken, die Zeitungen, Fernsehsender und das Internet in den letzten Jahren durchgemacht haben. 

Wie wichtig ist die Wahrheit?

 

Die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Medien fühlen sich der Wahrheit verpflichtet. Alle weisen weit von sich, absichtlich Falschmeldungen in die Welt zu setzen. Die Absicht, die Leser, Zuschauer und Internetnutzer immer möglichst gut zu informieren, spricht Russ-Mohl ihnen auch nicht ab. Aber er wirft ihnen vor, auf der Jagd nach der neuesten Nachricht und mit dem Wunsch, immer ein kleines bisschen schneller zu sein als die Konkurrenz, ein Stück des Wahrheitsanspruchs über Bord geworfen zu haben. Etwas, was schnell gemeldet werden soll, kann nicht mehr gründlich überprüft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Nachrichten - wahre und falsche - durch die zunehmende Digitalisierung deutlich schneller verbreiten als noch vor ein paar Jahren.

Aber der Autor zeigt auch, dass sich die Mediennutzer gern auch mal an die eigene Nase fassen dürfen, ehe sie stetig "Lügenpresse" skandieren. Die sozialen Medien im Internet laden dazu ein, Meldungen ungeprüft mit einem "Like" zu bewerten und binnen Sekunden weiter zu verbreiten. Sehr oft gilt: Es wird für wahr gehalten, was bereits viele andere Nutzer für wahr halten, auch wenn es das nicht ist. Russ-Mohl zitiert hier die für die Neue Zürcher Zeitung schreibende Journalistin Sieglinde Geisel, die für dieses Verhalten den Begriff der "Schwarmdummheit" verwendet. 

Doch der Journalismus krankt noch an etwas anderem: Die "Geiz-ist-geil"-Mentalität hat auch dazu geführt, dass die Nutzer erwarten, aktuelle und selbstverständlich wahre Nachrichten zum Nulltarif zu erhalten. Dass hinter jeder belastbaren Meldung eine Recherche steckt, die mitunter sehr aufwendig sein kann, und Menschen dafür bezahlt werden und davon leben wollen, scheint die Konsumenten nicht zu interessieren. Tatsächlich glauben viele daran, dass gute Nachrichten umsonst zu haben sind. Russ-Mohl zeigt auf, dass dies ein Irrtum ist: De facto ist keine Meldung gratis. Aber der primäre Einfluss auf die Nachrichten geht immer weniger von den Verlagen oder Sendern selbst aus, sondern verlagert sich in eine Richtung, die uns nicht gefallen kann, wenn uns Wahrheit und der Erhalt der Demokratie auch in Zukunft wichtig sind.

Wir haben es in der Hand

 

Russ-Mohl vertieft sich auf sehr anschauliche Weise darin, seinen Lesern die Mechanismen der aktuellen Medienlandschaft und den Einfluss ihrer Nutzer auf sie nahezubringen. Er beruft sich auf etliche Studien, die kürzlich oder vor einigen Jahren zu diesem Thema erstellt wurden, sodass jede seiner Aussagen einen Beleg hat. Kaum ein Sachbuch, das ich in der letzten Zeit gelesen habe, wartet mit so vielen Fakten auf, sodass es den Rahmen dieses Textes sprengen würde, näher auf sie einzugehen. 

Mir ist unter all dem, was Russ-Mohl erläutert, ein Abschnitt besonders aufgefallen. Darin geht es um die massive Datensammlung, die nicht nur Internetkonzerne, sondern auch Geheimdienste ebenso wie einfache Behörden betreiben. Gepaart mit der großen Bereitschaft der Internetnutzer, ihre persönlichen Daten frei nach dem Motto "Ich habe ja nichts zu verbergen" einfach herzugeben und kombiniert mit der wachsenden Terrorangst warnt Russ-Mohl vor der Gefahr eines Überwachungsstaats, in dem nichts Persönliches mehr persönlich bleibt.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die wissen wollen, wie es um unsere Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist und welche Auswirkungen die Veränderung der Medienlandschaft auf unsere Gesellschaft hat.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23,-- Euro.  
Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Zu der Frage, inwieweit es Bestrebungen gibt, zugunsten des Kampfes gegen den Extremismus die Rechte der Bürger auszuhöhlen, habe ich mich in einem weiteren Blogtext beschäftigt.