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Montag, 18. September 2023

# 409 - Eine Tour de Force durch das kriegseuphorische Wien

Hans Ranftler ist siebzehn Jahre alt, lebt und arbeitet
für einen Hungerlohn als Knecht auf einem Hof in einem tiroler Tal und trauert seiner Schulzeit in einem Gymnasium nach, die mit dem Unfalltod des Vaters vor sieben Jahren ein jähes Ende nahm. Von dem, was in der Welt oder sogar nur in Österreich passiert, hat er nur so viel mitbekommen, wie ihm sein mit "Herr" angesprochener Bauer erzählt hat.

Am frühen Morgen des 30. Juli 1914 kommt Hans mit dem Zug in Wien an, nachdem er sich vom Hof fortgeschlichen hat. Sein Ziel ist die Praxis der Psychoanalytikerin Helene Cheresch, einer Expertin für "Massenhysterien und parapsychologische Effekte", von der er in der Zeitung gelesen hat. Hans hat an sich eine Gabe beobachtet, die er für so außergewöhnlich hält, dass er von Chereschs Interesse daran ausgeht: Er nimmt Gedanken von Menschen in seiner Nähe kurz, bevor sie ihnen selbst bewusst werden, wahr.

Im Umfeld von Chereschs Praxis lernt Hans zufällig den Aristokratensohn und Offizier Adam und die begabte Mathematikdoktorandin Klara kennen, die aus armen Verhältnissen kommt und mit der Psychoanalytikerin lebt.  

Wien ist zu diesem Zeitpunkt in Aufruhr. Zar Nikolaus II. hat die Generalmobilmachung der russischen Armee befohlen, und in Österreich ist der drohende Kriegsbeginn das alles beherrschende Thema. Zu Tausenden strömen junge Männer euphorisch in die Kasernen, der Kriegstaumel hat die ganze Stadt ergriffen. Jeder, mit dem Hans in Wien zusammentrifft, geht wie selbstverständlich davon aus, dass sich der junge Mann zum Kriegsdienst melden wird. Doch das hat Hans nicht vor.

Für Klara und Adam geht es nur einen Tag später ums Ganze: Die Doktorandin will am 31. Juli 1914 ihr Rigorosum bestehen, bei dem es um Irrationalzahlen geht, die auch als Inkommensurable bezeichnet werden, und der junge Offizier hat bereits seinen Einberufungsbefehl in der Tasche. Die beiden sind gut miteinander befreundet und nehmen den intelligenten, aber unbedarften Hans unter ihre Fittiche. 

Adam, der von seinem Vater früh für das Leben als Offizier gedrillt wurde, hat diesem vor Jahren eine Bratsche abgetrotzt, um seiner wahren Leidenschaft, der Musik, nachgehen zu gönnen. Hans erlebt nun eine Probe des Zweiten Streichquartetts von Arnold Schönberg, danach ein Abendessen mit Adams Eltern und weiteren elitären Gästen und anschließend zu dritt Besuche von anrüchigen Etablissements, in denen Adam und Klara ein und aus gehen, die für Hans aber eine ganz neue Welt sind. Das, was er in kurzer Zeit in atemberaubender Geschwindigkeit kennenlernt, hat mit seinem bisherigen Leben auf dem Land nichts zu tun.

Lesen?

Raphaela Edelbauer hat mit Die Inkommensurablen einen Roman geschrieben, der dicht gedrängt sowohl ein Ritt durch die Wiener Geschichte als auch die Zeichnung eines Gesellschaftsbildes beinhaltet. Die kriegstrunkene Bevölkerung verachtet Juden und Sozialisten, weil man bei ihnen eine fehlende nationalistische Einstellung voraussetzt. Die gesellschaftlichen Klassen spielen eine große Rolle und werden hier durch die drei Kurzzeit-Freunde Hans (Bauern), Adam (Adel und Militär) und Klara (Proletariat) repräsentiert. Hans beobachtet in einem Unterweltlokal zum ersten Mal homosexuelle Menschen, erlebt Drogensüchtige und hört neue Musik wie den Jazz und die heftig kritisierte Zwölftonmusik, deren bekanntester österreichischer Komponist der o. g. Arnold Schönberg ist.

Das Buch hält die Aufmerksamkeit durch sein Tempo und Edelbauers treffsichere Formulierungen hoch.
An manchen Stellen schleicht sich jedoch etwas Unglaubwürdigkeit in die Handlung: Es bleibt unklar, was Adam und Klara dazu bringt, die letzten Stunden bis zu den Wendepunkten ihres Lebens ausgerechnet mit einem ihnen völlig unbekannten Knecht zu verbringen, dem sie zufällig bei ihrer Psychoanalytikerin begegnen. Auch dass die Zeit für einige ausgedehnte philosophische Betrachtungen ausreicht, ist im Hinblick auf die sich überschlagenden Ereignisse erstaunlich. Nicht zuletzt ist das Vertrauen, dass beispielsweise Klara Hans entgegenbringt, ungewöhnlich: Sie kennen sich nur wenige Stunden, als sie ihm ein Geheimnis über Adam anvertraut. Doch was erwartet man von ihr, die sich unter großen Opfern durch ihr Studium gekämpft hat, um sich die letzte Nacht vor ihrem Rigorosum um die Ohren zu schlagen? Logisches Verhalten jedenfalls nicht unbedingt.

Die Wege der drei jungen Menschen trennen sich nach eineinhalb intensiven Tagen. Was aus ihnen wird und ob sie sich wiedersehen, bleibt offen.

Die Inkommensurablen ist ein lesenswertes Buch mit einigen Abstrichen. Es steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2023.

Der Roman ist 2023 bei Klett-Cotta erschienen und kostet als Hardcover 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Freitag, 3. August 2018

# 161 - Wie entsteht eine Diktatur?

Berlin in der Zerreißprobe zwischen Demokratie und Diktatur

 

Brigitte Krächan hat mit ihrem Roman Heute keine Schüsse ein Buch in einem interessanten Format vorgelegt. Ihr Protagonist Walter Schachtschneider ist der jüngste Sohn einer Wittener Fabrikantenfamilie. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern scheint er keine besonderen Begabungen außer dem Interesse an der Kunst zu haben. Das sieht zumindest sein Vater so, der ihm keine größere Beachtung schenkt. Doch Walter wird im 1. Weltkrieg auf eigenen Wunsch zunächst Soldat. Er ist sicher, so das Wohlwollen und die Anerkennung des Vaters zu bekommen und soll damit Recht behalten. Aber das Grauen auf dem Schlachtfeld macht ihn im Gegensatz zu manch anderen Soldaten zu einem Menschen, der den Krieg ablehnt. 
Entgegen der Erwartungen der Deutschen wird der Krieg verloren, wofür die konservativen Parteien den Befürwortern einer friedlichen Lösung die Schuld geben. Die völlig verschiedene Einschätzung über den Sinn und Erfolg dieses jahrelangen Massensterbens treibt Walter und seinen Vater wieder auseinander.

Berlin als Tor zur Freiheit?

 

Walters Wunsch, als Angestellter in der Berliner Galerie Radke zu arbeiten, wird von seinem Vater befürwortet. Er ist grundsätzlich mit seiner Tätigkeit zufrieden und genießt es, fern des Elternhauses sein eigenes Leben leben zu können, ohne ständig kritisiert zu werden. Der junge Mann nutzt die kulturellen Möglichkeiten, die die Hauptstadt bietet, doch es dauert nicht lange, bis die ersten Schatten auf diese Unbeschwertheit fallen. Der Versailler Vertrag verhindert, dass das in Trümmern liegende Deutschland wieder auf die Beine kommt. In der Zeit der Weimarer Republik geht es mit der Wirtschaft stetig bergab, die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an, der armen Bevölkerung fehlt es am Notwendigsten. Die politischen Gruppierungen versuchen, die Lage für sich zu nutzen. Das, was zum Ende dieser Zeit bis zur Machtergreifung durch Hitler mit seiner NSDAP passiert, ist bekannt. Walter Schachtschneider ist jedoch nicht in der Lage, sich aktiv auf eine Seite zu schlagen und für seine politische Sicht einzutreten. 

Während in Berlin Aufmärsche und teils massive Handgreiflichkeiten unter den politischen Gegnern zum Alltag werden, sieht er sich als neutralen Chronisten und geht weiter seinem Beruf nach. Seine Unentschlossenheit führt sogar dazu, dass Menschen, die ihm wichtig sind, sterben. Erst einer dieser Todesfälle sowie das Fortschreiten der Gleichschaltung, das sich auch in den öffentlichen Bücherverbrennungen niederschlägt, bringen Walter dazu, sich für andere Menschen einzusetzen und holen ihn aus seiner selbst gewählten passiven Rolle heraus. Dass sich angesichts der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Riss in der Gesellschaft auch in seiner eigenen Familie und der seines Arbeitgebers fortsetzt, macht ihn eher hilflos.

Lesen?

 

Brigitte Krächan hat für ihren Roman eine interessante Erzählform gewählt: Walter Schachtschneider schildert seine eigene Geschichte und die seiner Familie in Form eines Tagebuches. Dabei berichtet er auch über das tagesaktuelle Geschehen im Deutschen Reich und ganz speziell in Berlin. Zu Beginn der Aufzeichnungen nimmt er sich noch vor, möglichst neutral zu schreiben, aber dieser Vorsatz löst sich mit dem Fortgang der Geschichte nach und nach in Luft auf. Die Tagebucheintragungen werden mal täglich, mal aber auch im Abstand von mehreren Wochen gemacht. Heute keine Schüsse wird durch diese Form der Darstellung zu einer Mischung aus einem Geschichtsbuch und einem Roman. Walters Leben ist zwar bis zum Schluss durch Kunst und Kultur geprägt, aber es wird immer deutlicher, dass die Veränderungen, die in Deutschland passieren, auch ihn persönlich bedrohen.  

Heute keine Schüsse ist ein sehr lesenswertes Buch, das zwar auch unterhält, aber durch die Einbindung der historischen Ereignisse in die Handlung auch Einzelheiten in Erinnerung ruft, die fast schon vergessen waren. Die Parallelen zur aktuellen Politik und zu gesellschaftlichen Strömungen sind dabei nicht zu übersehen. 

Heute keine Schüsse ist bei tredition erschienen und kostet als gebundenes Buch 24,99 Euro, als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 5,99 Euro. 

Samstag, 14. Januar 2017

# 83 - Vom konservativen preußischen Junker zum Pazifisten

Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte eines heute vergessenen Demokraten

 

Mit dem autobiographischen Buch Von Rechts nach Links von Hellmut von Gerlach stelle ich einen Titel vor, der sich seit den 1980-er Jahren in meinem Bücherschrank befindet. Nicht nur von Gerlach ist aus dem kollektiven Gedächtnis so gut wie verschwunden, das Buch war es auch aus meinem. Zu Unrecht.

Kindheit und Jugend im Schutz des Adelsstandes

 

Hellmut von Gerlach wurde 1866 in Mönchmotschelnitz, einem Dorf in Niederschlesien, als Sohn eines Großgrundbesitzers geboren und wuchs im elterlichen Schloss auf, an das er sich als einen im Winter eiskalten Kasten erinnert, dessen Saal sich bei einer Außentemperatur von -22° C auf maximal 6° C heizen ließ. Ihm wurde früh klar, dass er unter privilegierten Verhältnissen aufwächst, er nahm das aber zur Kenntnis wie jemand, der der Meinung ist, dass ihm das aufgrund seines Standes zusteht. Er stieß sich erst als Jugendlicher daran, dass die Knechte mit ihren Familien und ihren bis zu 12 Kindern in einem einzigen Zimmer hausen mussten, während die eigene Familie in ihrem Schloss viele Räume gar nicht bewohnte. Bis zum Abitur war er strikt antisemitisch, militaristisch und erzkonservativ. Juden waren für ihn herumziehende und zerlumpte Menschen, die bettelnd oder Haushaltswaren verkaufend von Tür zu Tür ziehen. So kannte er sie aus seiner Heimat. Das Jurastudium in Genf zeigte ihm, dass es in Europa noch andere Vorstellungen von einem sozialen Miteinander gab, die mit dem Dünkel und den Moralvorstellungen des deutschen Adels und der Junker nichts gemeinsam hatten: Hier studierten auch zahlreiche Frauen, was an den deutschen Hochschulen noch völlig undenkbar war. Ursprünglich nur, um seine Französischkenntnisse zu verbessern, nahm von Gerlach an zahlreichen Versammlungen und Vorträgen teil. Dort begegnete er Anschauungen und Gepflogenheiten, die den eigenen und gewohnten diametral entgegenstanden: Die Polizei hielt sich so weit wie möglich im Hintergrund, der Staat brachte allen Bürgern grundsätzlich Vertrauen entgegen und errichtete öffentliche Gebäude, die allen Parteien gleichermaßen für ihre Wahlveranstaltungen zur Verfügung gestellt wurden. Das war genau das Gegenteil dessen, was der junge deutsche Student aus der eigenen Heimat gewohnt war, wo die Regierung jede legale und illegale Möglichkeit nutzte, um die Sozialdemokratie klein zu halten. In von Gerlach regten sich erste Zwiefel, ob das, was er bislang als normal und richtig angesehen hatte, dies auch tatsächlich war. Er setzte sein Studium in Straßburg, Leipzig und Berlin fort und trat als Rechtsreferendar in den Staatsdienst ein. 

Von allen Seiten: Erwartungen, die es zu erfüllen galt

 

Hellmut von Gerlachs Großväter hatten es zu etwas gebracht: Der eine war Polizei- und später Regierungspräsident gewesen, der andere hatte sich als angesehener Agrarexperte einen Namen gemacht und war dafür von der Universität Berlin mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Eine achtbare berufliche Laufbahn wurde unausgesprochen auch von ihm erwartet. Die Anstellung als Rechtsreferendar am Amtsgericht Lübben zeigte ihm erstmals deutlich, wie weit Wunsch und Wirklichkeit voneinander entfernt sein können. War es während des Studiums um Recht und Gerechtigkeit gegangen, behielten am ländlichen Amtsgericht Beständigkeit und Gemütlichkeit die Oberhand: Alles sollte so bleiben, wie es immer gewesen war, auch Urteile, die nach Sympathie oder Antipathie gesprochen wurden. Von all dem war von Gerlach so wenig ausgefüllt, dass er sich bereit erklärt hatte, für die lokale Zeitung gratis Theaterkritiken zu verfassen. Die "bessere Gesellschaft" nahm den mutmaßlichen Kontakt mit den nicht standesgemäßen Schauspielern derart übel, dass er auf dieses Hobby verzichten musste, um nicht seine Anstellung zu gefährden. Es verschlug ihn als Rechtsreferendar an weitere Orte, bevor er Regeirungsassessor in Ratzeburg wurde. 1892 verließ er den Staatsdienst und wurde Journalist. Seinem gesellschaftlichen Ansehen schadete dieser Schritt. Seine berufliche Tätigkeit für das Königreich Preußen hatte ihn immer wieder gezwungen, die Augen vor groben Ungerechtigkeiten zu verschließen und dem Unrecht den Vorzug zu geben: Zu beobachten, wie die aufkeimende Sozialdemokratie zugunsten der Erhaltung der Monarchie unterdrückt wurde, widersprach seinem Gerechtigkeitssinn. So war es allgemein üblich, dass an Wahltagen diejenigen Züge, die in den riesigen Wahlkreisen die überwiegend sozialdemokratisch gesinnten Wähler in die Wahllokale bringen sollten, auf freier Strecke anhielten und erst weiterfuhren, wenn die Wahl beendet war. Schuld war selbstverständlich immer der schlechte technische Zustand der Züge. Auch die Tatsache, dass sich Reichskanzler Bismarck ständig davor drückte, Steuern zu zahlen und sich deswegen auch für Repressalien gegen Untergebene nicht zu schade war, ärgerte von Gerlach.
Sein Beruf führte ihn auch in einige afrikanische Kolonien, die von Deutschland oder England beansprucht waren. Der Umgang der Engländer mit den "Negern" war aus seiner Sicht deutlich geschickter als der der deutschen Kolonialherren: Sie waren mit Diplomatie und einem Gespür für die örtlichen Gegebenheiten erfolgreich, während seine Landsleute mit Einschüchterung und Gewalt versuchten, die Einheimischen zu unterwerfen.

Irrtümer und Enttäuschungen

 

Hellmut von Gerlach hatte sich lange Zeit Vorbilder gesucht, die ihm helfen sollten, den Weg zur richtigen Anschauung zu finden. In Von Rechts nach Links gibt er mehrmals selbstkritisch zu, sich in seinerzeit bekannten und geachteten Persönlichkeiten getäuscht und sich auf dem Holzweg befunden zu haben. 1898 versuchte von Gerlach im Wahlkreis Lingen-Bentheim einen Sitz im Preußischen Abgeordnetenhaus zu erringen. Doch seine liberalen Ansichten und seine Bemühungen um die Stimmen der Textil- und Eisenbahnarbeiter weckten bei den nationalliberalen Fabrikbesitzern so viel Argwohn, dass sie sich mit der verhassten Deutschen Zentrumspartei zusammentaten, um Gerlachs Wahl zum Abgeordneten erfolgreich zu verhindern. Etliche Jahre stand von Gerlach dem Theologen Stoecker politisch nahe, dessen Hetze gegen die Juden stieß ihn allerdings zunehmend ab. Er brach mit Stoecker und wandte sich dem charismatischen Friedrich Naumann zu, der die Vorstellung einer klassenübergreifenden Einheitsgesellschaft vertrat.
Der Ausbruch des 1. Weltkriegs und dessen weiterer Verlauf machten Hellmut von Gerlach endgültig zum Pazifisten. Er nahm wahr, wie die Militärführung das deutsche Volk mit Übertreibungen über die eigene Stärke und die Schwäche der Kriegsgegner belog und es über die wahre Situation beständig im Unklaren ließ. Dazu trug die massive Zensur der Presse bei, die sich in den fast 4 1/2 Kriegsjahren ständig verschärfte und die Bürger dumm hielt. Pazifisten, die sich offen gegen den Krieg aussprachen, wurden bespitzelt, ihre Telefongespräche wurden abgehört und ihre Post geöffnet.

Lebendige Geschichte: deutsche Geschichte vor 100 Jahren

 

Hellmut von Gerlach hat mit Von Rechts nach Links ein autobiographisches Werk geschaffen, das das Leben im Preußischen Reich, der Weimarer Republik und dem Dritten Reich greif- und verstehbar macht. Seine Sprache ist schnörkellos, und der Autor ist auch gegen sich selbst schonungslos ehrlich. Er ist sich immer im Klaren darüber gewesen, dass sein Leben allein aufgrund seines sozialen Standes ruhiger und gesicherter hätte verlaufen können. Aber er hat sich bewusst dafür entschieden, seinen Anschauungen zu folgen und sich durch seine journalistische Arbeit und später als Abgeordneter des Reichstags und Unter-Staatssekretär für Demokratie, Menschenrechte, Abrüstung und Meinungsfreiheit einzusetzen. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, wurde von Gerlach der Pass entzogen und sein Name landete auf der Ausbürgerungsliste. Er floh nach Österreich und siedelte von dort nach Frankreich über, wo er bis zu seinem Tod 1935 lebte. Er war den Nationalsozialisten derart ein Dorn im Auge, dass sein 1926 erschienenes Buch Die große Zeit der Lüge 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer fiel.

Von Rechts nach Links ist erstmals 1937 in Zürich erschienen und wurde mehrmals neu aufgelegt. Mein Exemplar stammt aus dem Jahr 1987 und wurde im Fischer Taschenbuch Verlag herausgegeben. Der Verlag hat es  im Oktober 2015 erneut herausgebracht. Es kostet jetzt als Taschenbuch 14,99 € und als Kindle-Edition 11,99 €. Unbedingte Leseempfehlung.