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Sonntag, 23. Oktober 2022

# 368 - Ein simpler Eingriff - mit Folgen

Meret ist Mitte 20, arbeitet seit acht Jahren als Krankenschwester in einer namenlosen Klinik und wohnt in einem Schwesternwohnheim, in dem Privatsphäre ein Fremdwort ist. Man teilt sich das Zimmer mit einer anderen Krankenschwester, es gibt einen Gemeinschaftswaschraum, die Mahlzeiten außerhalb des Dienstes werden zusammen im Speisesaal eingenommen. Yael Inokai zeichnet in ihrem Roman Ein simpler Eingriff das Bild eines durchstrukturierten und gleichförmigen Lebens, dessen Erschwernisse zwar erkannt, aber kritiklos hingenommen werden.

Auch Meret nimmt sie hin. Was sie motiviert, ist die besondere Aufgabe, für die sie eingeteilt wird: In der Klinik werden experimentelle Gehirnoperationen an Menschen durchgeführt, die psychisch auffällig geworden sind. Während des Eingriffs bleiben die Patientinnen und Patienten wach. Merets Auftrag ist, ihnen die Angst zu nehmen und sie während der OP zu beschäftigen. Sie glaubt den Aussagen des Chefarztes, dass es sich hierbei um einen simplen Eingriff handele, der anschließend vorübergehende Schmerzen auslösen könne. Danach sei alles wieder gut und der Mensch von seinem auffälligen Verhalten geheilt.

Dann jedoch passieren zwei Dinge, die das Leben der jungen Krankenschwester und ihre bisherigen Einstellungen grundlegend verändern: Meret bekommt mit Sarah eine neue Zimmernachbarin. Die beiden Frauen verlieben sich ineinander und versuchen, ihre Gefühle vor allen anderen geheim zu halten. Es ist völlig klar, dass weder ihr Arbeitgeber noch ihre Familien oder gar die Gesellschaft ein lesbisches Paar akzeptieren würden.
Die Aufnahme einer jungen Frau aus einer wohlhabenden und angesehenen Familie in das Krankenhaus verändert Merets bisherige kritiklose Haltung zu den Gehirnoperationen ihres Chefarztes. Marianne Ellerbach hat immer wieder Wutanfälle, die mit dem chirurgischen Eingriff behoben werden sollen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die OP vor allem den auf den guten Ruf der Familie bedachten Eltern wichtig ist, die nicht mehr erleben wollen, dass ihre erwachsene Tochter in der Öffentlichkeit aus der Rolle fällt. Doch die Operation misslingt. Marianne fällt ins Koma und wird als Pflegefall in eine spezielle Einrichtung abgeschoben.

Lesen?

Ein simpler Eingriff hat mir aus mehreren Gründen gut gefallen. Yael Inokai gelingt es, ihre Kritik an patriarchalischen Strukturen und Denkmustern, Homophobie sowie den Trend zur Optimierung in ihrem Roman miteinander zu verweben. Obwohl Ort und Zeit der Handlung nicht benannt werden, liegt die Vermutung nah, dass Inokais Roman in der Vergangenheit spielt. Das, was die Autorin beschreibt, erinnert stark an die Lobotomie, die von dem portugiesischen Neurologen António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz in den 1930-er Jahren entwickelt und vom US-Psychiater Walter Freeman fast schon exzessiv betrieben wurde. Die Idee dahinter war, dass man Menschen von psychischen Leiden heilen kann, wenn man einige Nervenbahnen in ihren Gehirnen durchtrennt. Die Methode, die zahllose Menschen in tiefes Leid gestürzt hat und für die Moniz 1949 sogar den Nobelpreis erhielt, ist längst verboten. 

Bei der Schilderung des Leids von Marianne hatte Yael Inokai möglicherweise das tragische Schicksal von Rosemary Kennedy, einer Schwester von John F. Kennedy, vor Augen. 1941 wurde an ihr eine Lobotomie vollzogen, vermutlich, weil sie Legasthenikerin und leicht geistig zurückgeblieben war. Die Familie fürchtete, dass das Verhalten ihrer "ungebärdigen" Tochter dem Ruf der Familie schaden würde.  Der von Freeman vollzogene Eingriff schlug fehl, Rosemary Kennedy verbrachte den Rest ihres 86-jährigen Lebens in einer Heilanstalt, wo sie 2005 starb. Ihr Vater Joseph Kennedy, auf dessen Betreiben die Lobotomie an seiner Tochter durchgeführt worden war, besuchte sie nie.

Ein simpler Eingriff hat mich sehr berührt und stand auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Schade, dass es der Roman nicht in die Shortlist geschafft hat.

Ein simpler Eingriff ist 2022 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Freitag, 19. März 2021

# 282 - Grüner wird's heute nicht mehr

Warum widmet man sich ausgerechnet der Farbe Grün?
Darauf gibt der Autor des Buches Grün, Prof. em. Hermann J. Roth, zwar keine Antwort, aber wenn man sich auf seiner Homepage umsieht, erkennt man schnell, dass ihm neben seinem Fachgebiet, der Pharmazie, auch die Kunst wichtig ist. Roth sieht in der Wissenschaft auch immer die Ästhetik.

Sein Buch trägt den Untertitel Das Buch zur Farbe. Dieses Konzept wird sowohl inhaltlich verfolgt als auch ästhetisch konsequent durchgehalten. Nicht nur der Einband ist in Grün gehalten, sondern ebenso der Schnitt, die Seitenränder sowie Überschriften, Seitenzahlen und Verweise.

Roth durchstreift praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens, in denen die Farbe, mit der gemeinhin Leben und Hoffnung assoziiert wird, vorkommt: In sechzehn Kapiteln erläutert er nicht nur die Herkunft des Wortes, sondern sieht sich in den Naturwissenschaften, der Medizin und Pharmazie, der Politik oder der Literatur um. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie oft und wofür der Begriff 'Grün' verwendet wird. Da geht es um den Grünen Strahl (ein Phänomen, das beim Sonnenuntergang entsteht), das Grünkreuz (das nichts Positives an sich hat), die Grünen Drogen (Drogen, die das Wort 'Grün' in ihrer Bezeichnung führen, wie z. B. Grünes Pflaster) oder die Grüne Hochzeit. Im letzten Kapitel 'Grüner Omnibus' finden sich Begriffe, die sich thematisch nicht einem der vorangegangenen Kapitel zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise das 'feindliche Grün' aus dem Straßenverkehr oder die Grüne Fee als poetische Bezeichnung für Absinth.

Jedes Kapitel ist mit Fotos oder Zeichnungen von (überwiegend) grünen Tieren, Menschen, Gebäuden oder Gegenständen illustriert. Nach der letzten Seite fragt man sich, ob sich Roth wohl noch weiteren Farben widmen wird. Grün ist ein sehr interessantes und unterhaltsames Buch. Leseempfehlung!

Grün ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro.

Freitag, 20. November 2020

# 266 - Eine Reise durch die Antike - aus pharmazeutischer Sicht

Monika Niehaus und Michael Wink sind promovierte Naturwissenschaftler und haben sich in ihrem Buch Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt der klassischen Antike aus einer ganz neuen Perspektive genähert. 

Man muss die "Ilias" und die "Odyssee" des griechischen Dichters Homer nicht gelesen haben, um einige Figuren daraus zu kennen. Die Abenteuer von Odysseus, dem König von Ithaka, und seine Begegnungen sowie die weiterer griechischer Sagenhelden mit Zauberinnen, Ungeheuern und anderen mythischen Gestalten sind weltbekannt. Immer wieder ist dort von Zaubertränken oder -salben die Rede und von Menschen, die sich nach dem Kontakt mit ihnen euphorisch, phlegmatisch oder erratisch wütend verhielten. 

Homers "Odyssee" ist keine Tatsachenbeschreibung, sondern schildert epische Geschehnisse. Die beiden Wissenschaftler haben jedoch aufgrund der Beschreibungen versucht nachzuvollziehen, welche naturwissenschaftlichen Indizien hinter diesen dort und in der "Ilias" beschriebenen Phänomenen stecken. 

Doch es geht Niehaus und Wink nicht nur um die dunklen Seiten der frühen Pharmakologie, sondern auch um Liebeselixiere und Heilmittel. Dabei richten sie ihren Blick immer wieder auf die Frage, inwieweit diese schon früh verwendeten Substanzen auch in unserer Zeit noch eine Rolle spielen. Nicht zuletzt geht es auch um Sagengestalten wie zum Beispiel Zyklopen, deren Aussehen sich ebenfalls auf pflanzliche Wirkstoffe, die sich in der Ziegenmilch befunden haben, zurückführen lässt.

Bei allem gilt: Die Dosis macht das Gift. Wirkstoffe, die in geringer Konzentration heilend und wohltuend wirken, töten einen Erwachsenen in wenigen Minuten. Niehaus und Wink belassen es jedoch nicht bei der Erläuterung dessen, was da wohl vor 3.000 Jahren Pflanzenkundige getan haben mögen. Sie erklären anhand von Tafeln die wichtigsten Rauschpflanzen und Gifte.

Das Buch ist humorvoll geschrieben, Fachbegriffe werden unmittelbar erklärt. Für Laien ist es darum kein Problem, den Erläuterungen zu folgen. Auch Dinge, die man schon zu wissen glaubt, werden aufgegriffen: Woher kommt das Wort "Droge" und was bedeutet es ursprünglich? Welcher getrocknete Waldpilz sorgt nach dem Verzehr für ekstatische Halluzinationen und hat die Besonderheit, dass der Urin derjenigen, die ihn konsumiert haben, noch stärker berauschend wirkt? Und woher kommt das Bild von den auf Besen reitenden Hexen?

Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solchen üblen Tricks schützt endet mit einem Hinweis auf das sog. 'Odysseus-Phänomen'. Mit dem Begriff ist die existenzielle Unsicherheit von Migranten, die in psychische Belastungsstörungen mündet, gemeint. Das soll auch Odysseus so empfunden haben, wie es Homer in der "Odyssee" (5. Gesang, Vers 82-85) beschreibt:

Weinend saß er am Ufer des Meeres. Dort saß er gewöhnlich,
und zerquälte sein Herz mit Weinen, Seufzen und Jammern,
und durchsuchte mit Tränen die große Wüste des Meeres.

Für Niehaus und Wink schließt sich damit in der Gegenwart ein Kreis, der in der Antike seinen Anfang genommen hat.

 

Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solchen üblen Tricks schützt ist 2020 im S. Hirzel Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro. 

 

Freitag, 13. November 2020

# 265 - Ein heißes Eisen: Impfgegner, Alternativmedizin und Gesundheitspolitik

Die Journalistin Beate Frenkel, die als Redakteurin für das politische ZDF-Fernsehmagazin Frontal21 arbeitet, hat mit Pillen, Heiler, Globuli ein Buch herausgegeben, in dem sie sich intensiv mit der sog. Alternativmedizin sowie deren Verbreitung und Vermarktung beschäftigt.

Anhand zahlreicher Beispiele schildert sie, wie sehr selbsternannte Heiler die Verzweiflung von Menschen ausnutzen, die für sich oder Angehörige eine Möglichkeit suchen, eine Krankheit zu überwinden. 

Frenkel schreibt auch über Impfgegner, die Impfungen generell ablehnen und dabei nicht nur gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, sondern auch das Risiko in Kauf nehmen, dass sich Menschen, die (noch) nicht geimpft werden können, anstecken und im schlechten Fall lebenslang unter den Krankheitsfolgen leiden oder sogar an ihnen versterben. Es kommen zahlreiche Fachleute zu Wort, darunter zum Beispiel auch die Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Dr. Cornelia Betsch. Sie hat Diskussionen mit Impfverweigerern mittlerweile aufgegeben, weil diese "Cherry-Picking" betreiben: Studien, die die eigene These stützen, werden als glaubwürdig eingestuft; Studien, die der eigenen Anschauung widersprechen, werden entweder als gefälscht oder gekauft abgetan oder nicht zur Kenntnis genommen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet jedoch nicht statt.

Frenkel schreibt über Ärzte, die auf Wunsch ihrer Patienten Impfungen bescheinigen, die nie stattgefunden haben. Ein Kinderarzt bietet sogar die Ausstellung von Impfunfähigkeitsbescheinigungen an, nachdem ihm ein frankierter Rückumschlag und in Silberpapier einegschlagene zehn Euro gesendet wurden. Es ist für ihn nicht nötig, das jeweilige Kind zu kennen. Nach Ansicht desselben Arztes werden auch die Folgen einer Masernerkrankung völlig überschätzt, die man gut mit Einläufen, einer guten mental-physichen Führung und Homöopathie heilen könne.

Wenn es überhaupt Aktivitäten der Ärztekammern gegen solche Mediziner gibt, werden sie halbherzig angegangen und verlaufen häufig im Sande. Den Medizinlobbyisten ist das Thema zu heikel, als dass sie sich daran die Finger verbrennen wollen. Auch die Krankenkassen ziehen keine Konsequenzen, wenn auch aus anderen Gründen.

Frenkel geht auch auf die Wirksamkeit des "Wundermittels" Chlorbleiche ein, das spätestens seit Donald Trumps Auslassungen hierzu im Zusammenhang mit der Covid 19-Pandemie eine größere Bekanntheit erlangte. Im alternativmedizinischen Bereich wird die ätzende Flüssigkeit u. a. für Einläufe bei autistischen Kindern empfohlen. Einen positiven Effekt hat sie definitiv nicht, dennoch wird mit ihrem und dem Verkauf von Büchern, in dem die Anwendung beschrieben wird, Kasse gemacht.

Die Grenzen zwischen alternativer und Schulmedizin sind häufig nicht klar auszumachen. Frenkel berichtet, welche Menschen sich typischerweise in besonders starkem Maß gegen das Impfen und für alternative Methoden aussprechen und was ihrer Meinung nach passieren muss, damit Schaden von Patienten abgewendet wird, die den Versprechen der Heiler glauben. Auch zu der Wirkung der Covid 19-Pandemie auf diese Entwicklung nimmt sie Stellung.

Lesen?

Wer sich umfassend über die Kluft zwischen der Schul- und der Alternativmedizin informieren möchte, ist mit diesem Buch gut beraten. Lesern, die sich ohnehin schon mit dieser Thematik befasst haben, wird das eine oder andere bekannt vorkommen. Frenkel stellt jedoch in ihrem Buch ihre große Sachkenntnis unter Beweis, für die sie bereits 2019 für ihre Frontal21-Dokumentation "Pillen, Pulver, Wunderheiler – Das Geschäft mit der Alternativmedizin" den expopharm-Medienpreis erhalten hatte.

Pillen, Heiler, Globuli ist 2020 im Hirzel-Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro. 

Freitag, 27. März 2020

# 233 - Unsichtbare Frauen

Über dieses Buch habe ich irgendwo gelesen, dass es nur von Frauen rezensiert wird. Ich konnte es kaum glauben und habe versucht, die Rezension eines Mannes zu finden. Fehlanzeige. Diejenigen Männer, die gelesen oder gehört werden, scheinen sich für die andere Hälfte der Menschheit nicht zu interessieren. 

Die britische Journalistin Caroline Criado-Perez beschreibt in Unsichtbare Frauen, wie es kommt, dass unsere Welt an den Frauen vorbei kreiert wird. Und merkt an, dass uns Frauen das selbst oft gar nicht (mehr) auffällt, weil wir es nicht anders kennen. Wenn man die Beispiele liest, anhand derer sie diese Situation erläutert, kann einem als Frau durchaus der Hals anschwellen.

Da sind die Dinge, die lediglich unbequem sind wie zum Beispiel Smartphones, die für eine durchschnittliche Frauenhand zu groß sind. Da hört es - man ahnt es bereits - aber noch lange nicht auf. Die übliche Bürotemperatur ist für Frauen zu kalt, Sicherheitstest für Autos werden fast ausschließlich mit männlich konstruierten Dummys durchgeführt, medizinische Forschungen ignorieren spezifische weibliche Besonderheiten wie z. B. die Menstruation, die Menge an Muskel- und Fettgewebe oder das Schmerzempfinden. Die Folge ist, dass Frauen ständig größeren Lebensrisiken ausgesetzt sind. Ein Beispiel: Sie erleiden als Fahrerinnen bei einem Verkehrsunfall eher schwere Verletzungen oder werden getötet als Männer. Die Ingenieure, die mit der Konzeptionierung der Fahrgastzelle beschäftigt sind, gehen in aller Regel davon aus, dass Frauen in der überwiegenden Zeit, die sie in einem Auto sitzen, dies als Beifahrerinnen tun. Daher ist der Platz für den Fahrer für männliche Bedürfnisse optimiert: Die Position der Sicherheitsgurte ist nicht an die weiblichen Brüste angepasst, der Abstand zwischen Sitz und Pedalen für Frauen nicht optimal - woran auch ein Vorschieben des Sitzes nichts ändert, weil dann die Sitzhaltung ungünstig ist.

Richtig irritierend wird es, wenn es um die Erforschung von Erkrankungen geht, unter denen nur Frauen leiden. Das prämenstruelle Syndrom (PMS) beispielsweise, das den meisten Frauen in schöner Regelmäßigkeit eine breite Palette verschiedener Schmerzen beschert, ist in der Welt der Wissenschaft etwa so von Interesse wie ein mit den Ohren wackelndes Pferd. Die allgemeinen Ratschläge sind banal und helfen vielen Frauen nicht weiter.

Frauen sind stärker durch Epidemien beeinträchtigt, tragen - wie schon vor Jahrzehnten - die Hauptlast bei der unbezahlten Familien- und Krankenpflege und sind stärker Gewalt ausgesetzt als Männer.
Caroline Criado-Perez hat ihr Buch in Kapitel wie z. B. 'Am Arbeitsplatz' oder 'Öffentliches Leben' eingeteilt und bildet so das ganze Spektrum von Frauenleben ab. Sie hat sich durch so viele Studien und wissenschaftliche Aufsätze gelesen, dass ihr Quellenverzeichnis 70 Buchseiten umfasst.

Immer wieder räumt sie ein, bei manchen Fragestellungen auf Material zurückgreifen zu müssen, das bereits einige Jahre alt ist. Zu einigen Themen wurden Forschungsreihen angekündigt, die aber nicht durchgeführt oder schnell wieder eingestellt wurden.

Die Autorin stellt allerdings klar, dass sie nicht davon ausgeht, dass diese zulasten der Frauen gehende massive Datenlücke mit Absicht existiert. Sie blickt zurück und stellt fest, dass diese Gender Data Gap praktisch schon immer existiert hat. Lebensläufe von Männern gelten im Allgemeinen als repräsentativ für ihre Zeit. Dieses Bewusstsein ist so fest verankert, dass Männer unausgesprochen die Selbstverständlichkeit und Frauen so etwas wie eine Abweichung davon sind.

Criado-Perez zitiert Simone de Beauvoir mit einer Äußerung aus dem Jahr 1949: "Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst: Sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen. [...] Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das Andere."

Wer sich jetzt noch fragt, ob man den Feminismus 2020 tatsächlich noch braucht, sollte dieses Buch lesen. Und die Männer, die glauben, dass die Wahrnehmung und Berücksichtigung von Frauen Frauensache sei, sollten darüber nachdenken, wie es ihnen gefällt, ihre Partnerinnen, Mütter, Schwestern und andere Frauen, die ihnen wichtig sind, in einem Umfeld zu sehen, das deren Interessen und Bedürfnisse hintanstellt und sie gefährdet.

Ich habe in einem sozialen Netzwerk die Reaktion eines Mannes auf dieses Buch gelesen. Er schrieb ironisch, dass es unter diesen Umständen ja ein Wunder sei, dass Frauen im Durchschnitt länger lebten als Männer. Ja, das tun sie. Aber weil die Medizin sie als Frauen im Stich lässt, verbringen sie die letzten zwölf Jahre ihres Lebens bei schlechter Gesundheit.

Unsichtbare Frauen ist bei btb erschienen und kostet in der broschierten Ausgabe 15 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Caroline Criado-Perez wurde 2013 zum Human Rights Campaigner of the Year und 2015 zum Officer of the Order of the British Empire (OBE) ernannt.

Samstag, 20. April 2019

# 193 - Medizinskandale in Deutschland

Da ich selbst in meinem Leben viel Kontakt zu Ärzten hatte und eine geraume Zeit in Krankenhäusern verbracht habe, hat mich dieses Buch interessiert. Geschädigt statt geheilt: Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale von Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt dokumentiert eine ganze Reihe von Skandalen aus der BRD und der DDR, deren umfassende Aufbereitung und Darstellung vor allem der ausdauernden Recherche der Autoren zu verdanken ist. Sie schreiben über fast vergessene medizinische Dramen wie das Lübecker Impfunglück von 1930, dem etwa 70 Säuglinge zum Opfer fielen, und bekannte Skandale, die monate- oder sogar jahrelang die Medien beschäftigt haben. Der Fall von Gustl Mollath, der zu Unrecht über sieben Jahre in der Psychiatrie festgehalten wurde, erschüttert ebenso wie der unfassbare Umgang der Kliniken, in denen der mordende Krankenpfleger Niels Högel sein tödliches Unwesen trieb. 

16 Skandale werden von den Autoren sehr genau geschildert. Immer wieder kommt zwischen den Zeilen ihre Fassungslosigkeit angesichts der langen Dauer, in denen beispielsweise verunreinigte Impfdosen gegeben wurden (Anti-D-Impfungen in der DDR) oder die Schädlichkeit eines Medikaments vom Hersteller ausdauernd geleugnet wurde (Contergan-Skandal), zum Ausdruck. Auch die langen Prozesse mit einem insbesondere für die geschädigten Patienten unsicheren Ausgang werden von ihnen kritisiert.
Mich hat das Kapitel über den OP-Roboter Robodoc besonders interessiert, der ab Mitte der 1990-er Jahre in erster Linie bei Hüftprothesen-OPs eingesetzt wurde. Damals hat man auch mir den Vorschlag gemacht, mich solch einem Robodoc-Eingriff zu unterziehen, was ich, nachdem ich eine Menge darüber gelesen hatte, dankend abgelehnt habe. Wie ich nicht erst seit der Lektüre dieses Buches weiß, war das eine gute Entscheidung.

Lesen?

Roloff und Henke-Wendt schreiben über die Pharma- und Medizinskandale so, dass es auch für Laien verständlich ist. Das Buch kann keine vollständige Aufzählung aller Skandale dieser Branche sein; ohne mich früher näher damit beschäftigt zu haben, fallen mir noch weitere Vorkommnisse ein, die durchaus das Zeug zu einem Skandal gehabt hätten. 
Auch wenn man am Ende des Buches angesichts der zum Teil ungeheuerlichen Vorgänge ein mulmiges Gefühl haben könnte, sollte das nicht dazu führen, dass man grundsätzlich das Vertrauen in die Medizin verliert: Wie überall gibt es großartige Vertreter ihres Berufsstandes und solche, die man am liebsten in ein Kämmerlein schließen und den Schlüssel wegwerfen möchte, damit diese Leute kein weiteres Unheil anrichten können. Wer damit umgehen kann, für den ist Geschädigt statt geheilt eine sehr interessante Lektüre, die Patienten auch dazu anregen kann, sich umfassend zu informieren, bevor sie einer Behandlung zustimmen, und alles zu hinterfragen, was ihnen unklar geblieben ist. Das ist heute viel einfacher als vor zwanzig oder dreißig Jahren, als es noch kein Internet gab.

Geschädigt statt geheilt ist 2018 im S. Hirzel Verlag erschienen und kostet als Taschenbuchausgabe 22 Euro.

Donnerstag, 13. September 2018

# 167- Blogtour "Mutige Frauen"

Was macht Frauen zu mutigen Frauen?

 

In diesem Jahr sind im Herder Verlag bereits zwei Bücher erschienen, die sich mit mutigen Frauen beschäftigen: Hildegard von Bingen - die mächtigste Nonne des Mittelalters von Maria Regina Kaiser und Gabriele Münter - ein Leben zwischen Kandinsky und Kunst von Stefanie Schröder.

Hildegard von Bingens Name ist heute vor allem deshalb bekannt, weil zahlreiche Unternehmen mit Gesundheitsprodukten, auf die sie ihren Namen drucken, ihr Geld verdienen. Maria Regina Kaiser hat das Leben der bekanntesten Nonne des Mittelalters in Romanform beschrieben, und man kommt zu dem Schluss: Ja, Heilpflanzen spielten für sie eine große Rolle, aber ihr Leben und Wirken wurde von dem dominiert, was Gott ihr sagte. Schon in jungen Jahren, bevor sie ihr Leben Gott und der Kirche widmete und ins Kloster ging, hatte der Glaube voll von ihr Besitz ergriffen. Das, was sie lenkte und sie auch zu unbequemen Entscheidungen bewog, war das unregelmäßige Auftreten des 'lebendigen Lichts'. So hat sie das, was sie in den Momenten, in denen es ihr erschien, selbst bezeichnet. Sie besaß die Gabe, die Zukunft einzelner Menschen vorherzusehen und wurde oft von einem hellen Licht eingehüllt, in dem sie eine Stimme hörte, die ihr Ratschläge gab oder zeigte, wie sie ihren Lebensweg fortsetzen sollte. So entstand auch der Entschluss, die Klausnerei im Kloster Disibodenberg, der sie als Äbtissin vorstand, zu verlassen und das Frauenkloster Rupertsberg zu gründen. Die Mönche waren von dieser Entscheidung nicht begeistert: Einige von ihnen waren während der Beichte, die sie den Nonnen abnahmen, mehrmals übergriffig geworden. Dieses Amüsement wurde ihnen nun genommen. Der Abt wollte den Auszug der Nonnen auch darum verhindern, weil die Ratschläge Hildegards so populär waren, dass sich ständig zahlreiche Pilger einfanden. Und viele Besucher waren gleichbedeutend mit einem stetigen Fluss von Einnahmen. Nur unter der Hand wurde von den Mönchen kritisiert, dass ohne die Nonnen, die damals allesamt dem wohlhabenden Adel entstammten, auch keine Mitgift mehr zu erwarten war. Schlimmer noch: Hildegard verlangte sogar, dass ein Teil der von den Damen mitgebrachten Güter wieder herausgegeben werden sollte, um für den Bau und Betrieb des neuen Klosters verwendet zu werden. Eine gewisse Ironie der Geschichte liegt darin, dass heute mit Heilpflanzen, Wässerchen und Tinkturen, die angeblich auf Hildegard zurückgehen, reichlich Kasse gemacht wird, die tief gläubige Nonne sich aber selbst nicht zu helfen wusste: Ihr Leben war von einer damals rätselhaften Krankheit dominiert, die sie schon als Kind gebrechlich machte und immer wieder dafür sorgte, dass Hildegard von Muskelkrämpfen gelähmt wurde und oft lange nicht das Bett verlassen konnte. Aus heutiger Sicht kann es sich bei ihrer Erkrankung um Multiple Sklerose gehandelt haben.
Hildegard lebte in der für sie gesicherten Gewissheit, dass Gott durch das 'lebendige Licht' zu ihr spricht und ihr Handeln immer im Einklang mit dem Willen des Herrn steht, wenn sie diesen befolgt. Das war es, was sie stark gemacht hat, und mit dieser Stärke war es ihr möglich, die Widerstände, die ihr als Frau entgegenschlugen, auszuhalten und so viel Ansehen zu gewinnen, dass ihre sogenannten Schauungen auch vom Papst gutgeheißen wurden und sie sie aufschreiben durfte. Doch sie ließ nicht mit sich reden, wenn es um die Neuaufnahme von jungen Mädchen oder Frauen in ihr Kloster ging: Wer keine adelige Herkunft vorweisen konnte, hatte keine Chance. Gott scheint an dieser Stelle geschwiegen zu haben.
Hildegard von Bingen starb 1179 im Alter von 81 Jahren.


Gabriele Münter ist oft nur Kunstinteressierten ein Begriff. Erst, wenn der Name Wassily Kandinsky fällt, stellt sich der "Aha-Moment" ein. Die beiden waren etliche Jahre ein Liebespaar. Münter hatte den russischen Maler Kandinsky als Lehrer in einer Malschule kennengelernt und sich zunächst gegen seine Annäherungsversuche gesträubt. Sie blickte zu dem fast zwölf Jahre älteren Mann auf und fühlte sich von seinen Liebesbeteuerungen geschmeichelt. Kandinsky war allerdings noch verheiratet, beteuerte aber immer wieder inbrünstig, sich scheiden lassen und Münter heiraten zu wollen. Doch immer, wenn er von einem Besuch in Russland zurückkam, hatte er "vergessen", sich um die nötigen Formalitäten zu kümmern. Frauen scheinen zu allen Zeiten auf so einen Schwachsinn hereingefallen zu sein.
Gabriele Münter war in konservativen Verhältnissen aufgewachsen und hatte ein großes Talent zum Zeichnen und Malen. Schon als Kind war sie mehrmals umgezogen, und mit Kandinsky setzte sich dieses Nomadenleben fort. Das lag jedoch nicht an ihr, sondern an ihrem Geliebten: Er hatte eine große innere Unruhe, die ihn von einem Ort zum anderen trieb, hielt es aber immer weniger an Orten aus, wo sich viele Menschen befanden. Münter fühlte, wie sie von seinen psychischen Problemen immer weiter vereinnahmt wurde; sie seelisch unter Druck zu setzen, beherrschte Kandinsky meisterhaft. Sie nahm es zur Kenntnis, von ihren Geschwistern bedrängt und von den Mitmenschen moralisierend beäugt zu werden, weil ihr Lebenswandel in dieser Zeit dem einer Hure gleichkam. Die 1903 von Kandinsky betriebene Verlobung mit Münter, auf der er trotz seiner immer noch existierenden Ehe bestand, war ein Strohhalm, an dem sich Münter festhielt. Die Malerin lebte sparsam von ihrem Erbteil und hat sich von Kandinsky dazu überreden lassen, ein Ferienhaus in Murnau am Staffelsee (Oberbayern) als Sommerhaus und Alterswohnsitz zu kaufen. Das Haus wurde zum Treffpunkt bekannter Künstler wie Franz Marc oder August Macke. Letztlich kam es jedoch 1916 zwischen Münter und Kandinsky zum Bruch, und bereits ein Jahr später heiratete Kandinsky eine andere Frau.
Aber nicht nur das stetige Auf und Ab dieser Beziehung wurde zum Problem. Gabriele Münter musste erfahren, dass sie von den Malern ausgegrenzt wurde. Kleinliche und eitle Streitigkeiten, die von August Macke ausgegangen waren, waren die Ursache. Macke fühlte sich bei der Kunst-Publikation Der Blaue Reiter zu wenig beachtet und gönnte seiner Kollegin nicht die Aufmerksamkeit. Eine belastende Situation für Münter, die immer nach zwischenmenschlicher Harmonie strebte. 
Auch wenn Stefanie Schröder den roten Faden von Gabriele Münters künstlerischer Entwicklung verfolgt, liegt der Schwerpunkt auf ihrem sozialen Leben. Die Beziehungen zu ihren Geschwistern, zu Kandinsky und ihrem späteren Lebensgefährten Johannes Eichner sowie zu der damaligen Kunstszene sind das wesentliche Element des Buches. Gabriele Münter starb als alleinstehende Frau 1962 im Alter von 85 Jahren in ihrem Haus in Murnau.

Was ist Mut?

 

Darüber, was Mut ist, scheiden sich die Geister. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass Mut dadurch gekennzeichnet ist, dass man für eine wichtige Sache bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen und Ängste zu überwinden, weil man nur so glaubt, sein Ziel erreichen zu können. Die Risiken, die man dabei eingeht, werden bewusst in Kauf genommen. Sind Hildegard von Bingen und Gabriele Münter vor dem Hintergrund dieser Definition mutige Frauen ihrer Zeit gewesen? Ich denke, diese Frage ist schwer zu beantworten. Hildegard von Bingen war von ihrem tiefen Glauben durchdrungen und handelte in der festen Überzeugung, nur das zu tun, was Gott von ihr erwartet. Da ihre Erkrankung sich immer dann besserte, wenn sie sich über alle Ermahnungen und Vorhaltungen hinwegsetzte und die Anweisungen des 'lebendigen Lichts' befolgte, war sie sicher, dann das Richtige zu tun. Das befähigte sie dazu, sich gegen die Wünsche auch der höchsten kirchlichen Würdenträger zu stellen und das durchzusetzen, was ihrer Meinung nach Gottes Wille war. Das, was sie tat, war also im eigentlichen Sinne nicht ihr eigener Entschluss, über den sie sich Gedanken gemacht und der in ihr gereift war. Sie war streng genommen ein Werkzeug Gottes.
Auch bei Gabriele Münter ist die Sache nicht eindeutig. Sie war zerrissen zwischen ihrer Beziehung zu Kandinsky und den Erwartungen, die nicht nur ihre Familie, sondern auch sie selbst an ihr Leben stellte. Nichts hätte sie lieber getan, als mit dem Maler eine ganz normale und bürgerliche Familie zu gründen. Stattdessen schien zwischen den beiden eine gegenseitige seelische Abhängigkeit bestanden zu haben. So legt es jedenfalls die Darstellung von Stefanie Schröder nahe. Als die Beziehung mit Kandinsky zerbrach, war Münter fast 40 Jahre alt und nicht mehr in einem Alter, in dem man damals noch heiratete, um eine Familie zu gründen. Möglicherweise hat ihr die Trennung gezeigt, dass sie auch gut ohne den Maler zurechtkam, aber das ist Spekulation. Mutig war jedoch ihr 1938 gefasster Entschluss, Kandinskys Bilder in ihrem Haus in Murnau zu verstecken, als sogar in Privathäusern nach sogenannter entarteter Kunst gefahndet wurde. Damit hat sie Haft, wenn nicht sogar ihr Leben riskiert.

Beide Bücher kosten als gebundene Ausgabe je 22 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 16,99 Euro.
In Kürze erscheint in dieser Reihe eine Romanbiografie von Nadine Sieger, die sich mit dem Leben von Coco Chanel beschäftigt. 

An dieser Blogtour nehmen noch diese Blogs teil:
Lesendes Federvieh 

Katis Bücherwelt  
Klusi liest 

Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest für ihre Unterstützung.

Freitag, 29. Dezember 2017

# 130 - Was gibt's Neues?

Dinge aus einer anderen Perspektive sehen

 

Das Lesebuch Denkanstöße 2018 von Isabella Nelte habe ich buchstäblich im Vorbeigehen gekauft, als ich in "meinem" Buchladen andere bereits bestellte Bücher abgeholt habe. Mich hat interessiert, was die Literaturwissenschaftlerin Nelte für wichtig halten würde und wessen Texte sie ausgewählt hat.

Was war? Was ist? Was kommt?

 

Das Buch ist zwar nicht nach diesen drei Fragen unterteilt, aber grundsätzlich ist das seine Struktur. Der Hamburger Professor Markus Friedrich macht sich um die historische Rolle der Jesuiten und ihre innere Zerrissenheit Gedanken, und Lothar Gall beschäftigt sich mit der Rolle des kurhannoverschen Reformers und Staatsmanns Karl August Fürst von Hardenberg. Was jetzt "trocken" erscheint, ist es nicht: In beiden Texten wird anschaulich erläutert, welche Schwierigkeiten jeweils vor dem Hintergrund der damaligen Umstände und Gepflogenheiten bewältigt werden mussten und wie dies gelang - oder auch nicht.
Im Abschnitt Gesellschaft und Psychologie beschreibt der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, was zum zivilisierten Streiten gehört. Sehr interessant ist hier seine Unterscheidung von Toleranz und Akzeptanz und die Überlegung, wo die Toleranz (die Fähigkeit, eine Last zu erdulden) ihre Grenzen hat oder haben sollte. Das ist ein Thema, bei dem es aktuell in vielen Diskussionen heiß hergeht.

Wie sollte der Mensch sterben? Und was macht die Vergangenheit mit uns?

 

Mit einem heiklen Thema beschäftigt sich der Anästhesist Matthias Thöns, der als Palliativmediziner tätig ist. Er prangert den Umgang mit Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase an: Viele Todkranke werden mit quälenden Methoden der Hightech-Medizin am Leben gehalten, anderen werden komplizierte und schmerzhafte Eingriffe zugemutet - all das, weil eine Patientenverfügung, die den Willen eines Menschen dokumentiert, fehlt und Krankenhäuser ihre Technik auslasten wollen.

Die Publizistin Andrea Senfft beschäftigt sich mit der Frage, warum selbst Erlebtes aus der Zeit des Dritten Reichs als Tabu gilt und was das Schweigen der Mitläufer (oder Täter) bei den Angehörigen bis hin zu den Enkeln bewirkt. 

In einem weiteren Text des Publizisten Helge Hesse geht es um die Freundschaft zwischen dem Ökonomen John Maynard Keynes und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein; in ihren Begegnungen befassten sie sich immer wieder mit den großen Fragen des Lebens. Die beiden Wissenschaftler gingen mit der Frage nach dem Sinn ihres Lebens allerdings sehr unterschiedlich um.

Aber auch die Leser, die sich für die Zukunft und technische Entwicklungen interessieren, kommen nicht zu kurz: Prof. Metin Tolan, der an der Technischen Universität Dortmund Experimentelle Physik lehrt, setzt sich mit der Technik der STAR TREK-Filme auseinander und überprüft, ob das, was dort gezeigt wird, im 23. oder 24. Jahrhundert Wirklichkeit werden kann oder sogar schon geworden ist. Da geht es um das künstliche Herz von Captain Jean-Luc Picard, den VISOR des Chefingenieurs Lieutenant Commander Georgi La Forge oder die Frage, warum Spocks Adern so blau erscheinen wie bei einem Menschen, obwohl er kein rotes, sondern grünes Blut hat.

Wie war's?

 

Denkanstöße 2018 gibt unterschiedliche Einblicke in sehr verschiedene Gebiete und überzeugt nicht zuletzt durch die Kompetenz der Autoren. Wer sich mit ungewöhnlichen Themen beschäftigen möchte, dem wird dieses Buch gefallen.

Denkanstöße 2018 ist beim Piper Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,-- Euro.  

Freitag, 8. April 2016

# 45 - Ein Abschied

Ein Buch über Liebe, Geduld und Gedankenlosigkeit

 

Heute geht es um das Buch Sechs Jahre von Charlotte Link. Die für ihre Kriminalromane bekannte Schriftstellerin hat sich auf ein ihr bislang völlig fremdes Terrain gewagt - vor allem, weil sie es ihrer Schwester versprochen hatte.

Eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffnungsschimmern und Hoffnungslosigkeit

 

Anfang 2006 wird bei Charlotte Links Schwester Franziska im Alter von 41 Jahren Darmkrebs diagnostiziert. Die Situation wird von den Ärzten als kritisch eingeschätzt: Sie befürchten, dass bereits die Lymphknoten und das Bauchfell befallen sein könnten. Die Behandlung mit Chemotherapie, Bestrahlung und anschließender Operation beginnt praktisch sofort. Was jetzt so wirken mag, als hätte Charlotte Link das Wechselspiel der unterschiedlichen Therapieformen auf ein ganzes Buch ausgedehnt, ist falsch. Das Schreiben ist ihr Weg, sich mit dem langsamen Sterben ihrer ihr sehr nahestehenden Schwester auseinanderzusetzen und den Verlust zu verarbeiten.

Bereits als junge Frau war Franziska zum ersten Mal an Krebs erkrankt: Sie litt unter Morbus Hodgkin, einer sehr seltenen Erkrankung des lympathischen Systems, die mithilfe von Chemo- und Strahlentherapie gut heilbar ist, wenn sie früh erkannt wird. So war es auch bei Franziska: 17 Jahre lang galt sie als krebsfrei, doch der dann auftretende Darmkrebs soll nicht zu ihrem Hauptproblem werden. Was ihr in den nächsten Jahren zu schaffen machen wird, sind die Vernarbungen auf der Lunge, die Jahrzehnte zuvor im Zuge der Morbus-Hodgkin-Therapie entstanden sind: Sie beginnen, sich auszubreiten und die Lungenkapazitäten allmählich dramatisch zu reduzieren. Franziska wird sechs Jahre mit allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen erleben. Sie klammert sich an ihr Leben und will sehen können, wie ihre Kinder aufwachsen.

Menschlichkeit und Empathie - oft vergeblich gesucht

 

Innerhalb des ersten dieser sechs schweren Jahre stellen drei Ärzte unabhängig vomeinander Diagnosen, die alle mit Prognosen über Franziskas noch zu erwartende Lebenszeit einhergehen und sich später als falsch erweisen. Diese Diagnosen werden mit Attributen wie "Sie leben Ende des Jahres nicht mehr" oder "Nichts zu machen!" versehen und zum Teil so gefühlskalt und gnadenlos vorgetragen, dass sie in der Patientin schwere seelische Erschütterungen hervorrufen. Für psychisch labilere Menschen als es Charlotte Links Schwester war, können solche Situationen der Anlass für einen Suizid sein. Doch auch das Verhalten des Pflegepersonals in einer der beschriebenen Kliniken eignet sich nicht dazu, Menschen die Angst vor dem Klinikaufenthalt zu nehmen.

Die Familie trifft jedoch bei ihrer Suche nach geeigneten Behandlungsmethoden auch auf sehr gute Mediziner, die so sind, wie sie sich jeder Patient wünscht: kompetent, geduldig und einfühlsam. In den Krankenhäusern, in denen sie tätig sind, geht auch das Pflegepersonal sehr fürsorglich mit den Patienten um. Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang.

Kann man solch ein Buch überhaupt bewerten?

 

Ich habe vereinzelte Rezensionen gelesen, in denen Charlotte Link vorgeworfen wurde, das Schicksal der Schwester und damit der ganzen Familie für ihr Buch auszuschlachten. Auch, dass es noch viele andere Menschen gibt, die genauso leiden wie Franziska, aber deren Schicksal nicht öffentlich wird, weil sie nicht prominent sind, wurde kritisiert. Prominenz hat jedoch hier einen großen Voteil: Die Stimme einer bekannten Person wird gehört, sie kann ihren Einfluss in der Öffentlichkeit und auf Entscheidungsträger nutzen. So war es auch hier: Noch während sie ihr Buch schrieb, wurde Charlotte Link bereits von zwei Kliniken um Lesungen gebeten. Den beiden Krankenhäusern ging es um den Umgang mit Schwerstkranken bzw. die Spätfolgen der Strahlentherapie. Die Medizin hat in den letzten Jahren das Dilemma einer klassischen Krebstherapie erkannt: Auch wenn die Erkrankung bei einem Patienten besiegt werden kann, kann er sich auch nach vielen Jahren seines Lebens nicht sicher sein.

Sechs Jahre ist ein - naturgemäß - sehr emotionales Buch, das die Hilflosigkeit, in der unzählige Schwerstkranke und ihre Angehörigen stecken, zeigt. Es ist aber auch ein Buch voller Hoffnung und der Botschaft, in einer schweren Situation erst dann aufzugeben, wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind. Es ist kein Buch, bei dem man nach dem Lesen der letzten Zeile nahtlos zum Tagesgeschehen zurückkehren kann.

Sechs Jahre wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist beim Blanvalet Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €. Die Kindle- und epub-Edition ist für 8,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Audio-CD für 14,99 € erhältlich.

Freitag, 29. Januar 2016

# 34 - Ein Roman in zwei Epochen

 Zwei Schauplätze, zwei Zeiten

 

Ich stelle euch heute mit La Vita Seconda - Das zweite Leben das Erstlingswerk von Charlotte Zeiler vor. Sie arbeitet als Krankenschwester in einer Intensivstation, was sich in ihrem Buch positiv bemerkbar macht.


Köln/Cölln als Schicksalsstadt

 

Im Jahr 1617 findet sich die junge Franziska verletzt auf einer staubigen Straße zwischen Cölln und Jülich wieder. Nur mit Mühe kann sie sich konzentrieren, aber die Umgebung um sie herum ist ihr fremd. Auch alles, was ihr Leben ausmacht, ist aus ihrem Gedächtnis verschwunden: ihr Wohnort, der Name ihrer Eltern ... alles ist weg. Auch an den Mann, der ihr offensichtlich helfen will und sich um sie kümmert, kann sie sich nicht erinnern: Antonio. Zusammen mit seinem Begleiter bringt er Franziska zu seinem Elternhaus in Cölln, wo sie Ruhe finden und sich erholen soll. 

In einem zweiten Handlungsstrang geschieht in der Gegenwart ein schrecklicher Unfall: Eine junge Frau ist in ihrem Auto auf dem Weg zu ihrer Arbeit in einem Krankenhaus. Kurz vor dem Ziel kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen ihrem Fahrzeug und einem Lkw, bei dem dessen Fahrer ums Leben kommt und das Auto fast von dem Vierzigtonner zerquetscht wird. Der Notarzt Mark und ein Rettungssanitäter sind als erste am Unfallort und können die schwer verletzte Autofahrerin ins Krankenhaus bringen. Dort wird sie von Oliver, Marks bestem Freund, weiterbehandelt.

Wie können die Leben zweier Frauen trotz der zeitlichen Distanz umeinander kreisen?

 

Charlotte Zeiler hilft ihren Lesern dabei, die beiden unterschiedlichen Handlungsstränge auseinanderzuhalten: Bei jedem Wechsel in die jeweils andere Epoche ändert sich nicht nur die Schriftart, sondern auch die Zeit: Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen, sind im Präteritum, die Handlung im 17. Jahrhundert ist im Präsens formuliert. Ohne die klare Strukturierung würde es vermutlich schwerfallen, jeden Handlungsverlauf für sich zu verfolgen.

Doch es bleibt lange rätselhaft, was die Schicksale der beiden Frauen miteinander zu tun haben könnten. Gemeinsam ist ihnen, dass sich in beiden Epochen eine Liebesgeschichte anbahnt: Mark, der von seiner früheren Verlobten betrogen wurde und monatelang keine Freude mehr am Leben hatte, fühlt sich zu der Autofahrerin hingezogen und besucht sie sogar, als sie wegen der Schwere ihrer Verletzungen in die Uni-Klinik Köln verlegt wird. Ihr ist das allerdings nicht bewusst: Sie liegt im Koma auf der Intensivstation. Mark erfährt auch bald ihren Namen, weil man in der Uniklinik irrtümlich annimmt, dass es sich bei der Patientin um seine Freundin handelt: Leya Volta. Er hat den Eindruck, ihr schon einmal begegnet zu sein, kann sich aber zunächst nicht daran erinnern, wo oder in welchem Zusammenhang er Leya bereits kennengelernt haben könnte.

Auch Franziska hat großes Gefallen an ihrem Retter Antonio gefunden, der sich als ein Sohn des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm entpuppt. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft im Haus des Pfalzgrafen kann Franziska nicht mehr sprechen. Auch ihre Erinnerung an ihr Leben vor dem Augenblick ihrer Rettung ist nicht zurückgekehrt. So beginnt die Suche nach ihrer wahren Identität. Doch schon bald ahnt sie, dass sie im Haushalt des Pfalzgrafen eine Feindin hat. Diese Ahnung soll sich tatsächlich bestätigen.


Vorsicht Spoiler!


Es fällt mir bei La Vita Seconda - Das zweite Leben sehr schwer, den weiteren Verlauf des Romans zu beschreiben, ohne zumindest einen Hinweis zu geben, was hinter diesen beiden Geschichten steckt. Charlotte Zeiler hat sich eines ungewöhnlichen Schreibstils bedient, an den man sich zu nächst gewöhnen muss, der jedoch das Verständnis für die Hintergründe erleichtert. Ihre medizinischen Fachkenntnisse, die an vielen Stellen deutlich werden, tragen ebenfalls dazu bei, dass die Handlung immer glaubwürdig bleibt.

Das Buch ist als Taschenbuch zum Preis von 9,95 € und als Kindle-Edition für 2,99 € erhältlich.