Donnerstag, 13. September 2018

# 167- Blogtour "Mutige Frauen"

Was macht Frauen zu mutigen Frauen?

 

In diesem Jahr sind im Herder Verlag bereits zwei Bücher erschienen, die sich mit mutigen Frauen beschäftigen: Hildegard von Bingen - die mächtigste Nonne des Mittelalters von Maria Regina Kaiser und Gabriele Münter - ein Leben zwischen Kandinsky und Kunst von Stefanie Schröder.

Hildegard von Bingens Name ist heute vor allem deshalb bekannt, weil zahlreiche Unternehmen mit Gesundheitsprodukten, auf die sie ihren Namen drucken, ihr Geld verdienen. Maria Regina Kaiser hat das Leben der bekanntesten Nonne des Mittelalters in Romanform beschrieben, und man kommt zu dem Schluss: Ja, Heilpflanzen spielten für sie eine große Rolle, aber ihr Leben und Wirken wurde von dem dominiert, was Gott ihr sagte. Schon in jungen Jahren, bevor sie ihr Leben Gott und der Kirche widmete und ins Kloster ging, hatte der Glaube voll von ihr Besitz ergriffen. Das, was sie lenkte und sie auch zu unbequemen Entscheidungen bewog, war das unregelmäßige Auftreten des 'lebendigen Lichts'. So hat sie das, was sie in den Momenten, in denen es ihr erschien, selbst bezeichnet. Sie besaß die Gabe, die Zukunft einzelner Menschen vorherzusehen und wurde oft von einem hellen Licht eingehüllt, in dem sie eine Stimme hörte, die ihr Ratschläge gab oder zeigte, wie sie ihren Lebensweg fortsetzen sollte. So entstand auch der Entschluss, die Klausnerei im Kloster Disibodenberg, der sie als Äbtissin vorstand, zu verlassen und das Frauenkloster Rupertsberg zu gründen. Die Mönche waren von dieser Entscheidung nicht begeistert: Einige von ihnen waren während der Beichte, die sie den Nonnen abnahmen, mehrmals übergriffig geworden. Dieses Amüsement wurde ihnen nun genommen. Der Abt wollte den Auszug der Nonnen auch darum verhindern, weil die Ratschläge Hildegards so populär waren, dass sich ständig zahlreiche Pilger einfanden. Und viele Besucher waren gleichbedeutend mit einem stetigen Fluss von Einnahmen. Nur unter der Hand wurde von den Mönchen kritisiert, dass ohne die Nonnen, die damals allesamt dem wohlhabenden Adel entstammten, auch keine Mitgift mehr zu erwarten war. Schlimmer noch: Hildegard verlangte sogar, dass ein Teil der von den Damen mitgebrachten Güter wieder herausgegeben werden sollte, um für den Bau und Betrieb des neuen Klosters verwendet zu werden. Eine gewisse Ironie der Geschichte liegt darin, dass heute mit Heilpflanzen, Wässerchen und Tinkturen, die angeblich auf Hildegard zurückgehen, reichlich Kasse gemacht wird, die tief gläubige Nonne sich aber selbst nicht zu helfen wusste: Ihr Leben war von einer damals rätselhaften Krankheit dominiert, die sie schon als Kind gebrechlich machte und immer wieder dafür sorgte, dass Hildegard von Muskelkrämpfen gelähmt wurde und oft lange nicht das Bett verlassen konnte. Aus heutiger Sicht kann es sich bei ihrer Erkrankung um Multiple Sklerose gehandelt haben.
Hildegard lebte in der für sie gesicherten Gewissheit, dass Gott durch das 'lebendige Licht' zu ihr spricht und ihr Handeln immer im Einklang mit dem Willen des Herrn steht, wenn sie diesen befolgt. Das war es, was sie stark gemacht hat, und mit dieser Stärke war es ihr möglich, die Widerstände, die ihr als Frau entgegenschlugen, auszuhalten und so viel Ansehen zu gewinnen, dass ihre sogenannten Schauungen auch vom Papst gutgeheißen wurden und sie sie aufschreiben durfte. Doch sie ließ nicht mit sich reden, wenn es um die Neuaufnahme von jungen Mädchen oder Frauen in ihr Kloster ging: Wer keine adelige Herkunft vorweisen konnte, hatte keine Chance. Gott scheint an dieser Stelle geschwiegen zu haben.
Hildegard von Bingen starb 1179 im Alter von 81 Jahren.


Gabriele Münter ist oft nur Kunstinteressierten ein Begriff. Erst, wenn der Name Wassily Kandinsky fällt, stellt sich der "Aha-Moment" ein. Die beiden waren etliche Jahre ein Liebespaar. Münter hatte den russischen Maler Kandinsky als Lehrer in einer Malschule kennengelernt und sich zunächst gegen seine Annäherungsversuche gesträubt. Sie blickte zu dem fast zwölf Jahre älteren Mann auf und fühlte sich von seinen Liebesbeteuerungen geschmeichelt. Kandinsky war allerdings noch verheiratet, beteuerte aber immer wieder inbrünstig, sich scheiden lassen und Münter heiraten zu wollen. Doch immer, wenn er von einem Besuch in Russland zurückkam, hatte er "vergessen", sich um die nötigen Formalitäten zu kümmern. Frauen scheinen zu allen Zeiten auf so einen Schwachsinn hereingefallen zu sein.
Gabriele Münter war in konservativen Verhältnissen aufgewachsen und hatte ein großes Talent zum Zeichnen und Malen. Schon als Kind war sie mehrmals umgezogen, und mit Kandinsky setzte sich dieses Nomadenleben fort. Das lag jedoch nicht an ihr, sondern an ihrem Geliebten: Er hatte eine große innere Unruhe, die ihn von einem Ort zum anderen trieb, hielt es aber immer weniger an Orten aus, wo sich viele Menschen befanden. Münter fühlte, wie sie von seinen psychischen Problemen immer weiter vereinnahmt wurde; sie seelisch unter Druck zu setzen, beherrschte Kandinsky meisterhaft. Sie nahm es zur Kenntnis, von ihren Geschwistern bedrängt und von den Mitmenschen moralisierend beäugt zu werden, weil ihr Lebenswandel in dieser Zeit dem einer Hure gleichkam. Die 1903 von Kandinsky betriebene Verlobung mit Münter, auf der er trotz seiner immer noch existierenden Ehe bestand, war ein Strohhalm, an dem sich Münter festhielt. Die Malerin lebte sparsam von ihrem Erbteil und hat sich von Kandinsky dazu überreden lassen, ein Ferienhaus in Murnau am Staffelsee (Oberbayern) als Sommerhaus und Alterswohnsitz zu kaufen. Das Haus wurde zum Treffpunkt bekannter Künstler wie Franz Marc oder August Macke. Letztlich kam es jedoch 1916 zwischen Münter und Kandinsky zum Bruch, und bereits ein Jahr später heiratete Kandinsky eine andere Frau.
Aber nicht nur das stetige Auf und Ab dieser Beziehung wurde zum Problem. Gabriele Münter musste erfahren, dass sie von den Malern ausgegrenzt wurde. Kleinliche und eitle Streitigkeiten, die von August Macke ausgegangen waren, waren die Ursache. Macke fühlte sich bei der Kunst-Publikation Der Blaue Reiter zu wenig beachtet und gönnte seiner Kollegin nicht die Aufmerksamkeit. Eine belastende Situation für Münter, die immer nach zwischenmenschlicher Harmonie strebte. 
Auch wenn Stefanie Schröder den roten Faden von Gabriele Münters künstlerischer Entwicklung verfolgt, liegt der Schwerpunkt auf ihrem sozialen Leben. Die Beziehungen zu ihren Geschwistern, zu Kandinsky und ihrem späteren Lebensgefährten Johannes Eichner sowie zu der damaligen Kunstszene sind das wesentliche Element des Buches. Gabriele Münter starb als alleinstehende Frau 1962 im Alter von 85 Jahren in ihrem Haus in Murnau.

Was ist Mut?

 

Darüber, was Mut ist, scheiden sich die Geister. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass Mut dadurch gekennzeichnet ist, dass man für eine wichtige Sache bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen und Ängste zu überwinden, weil man nur so glaubt, sein Ziel erreichen zu können. Die Risiken, die man dabei eingeht, werden bewusst in Kauf genommen. Sind Hildegard von Bingen und Gabriele Münter vor dem Hintergrund dieser Definition mutige Frauen ihrer Zeit gewesen? Ich denke, diese Frage ist schwer zu beantworten. Hildegard von Bingen war von ihrem tiefen Glauben durchdrungen und handelte in der festen Überzeugung, nur das zu tun, was Gott von ihr erwartet. Da ihre Erkrankung sich immer dann besserte, wenn sie sich über alle Ermahnungen und Vorhaltungen hinwegsetzte und die Anweisungen des 'lebendigen Lichts' befolgte, war sie sicher, dann das Richtige zu tun. Das befähigte sie dazu, sich gegen die Wünsche auch der höchsten kirchlichen Würdenträger zu stellen und das durchzusetzen, was ihrer Meinung nach Gottes Wille war. Das, was sie tat, war also im eigentlichen Sinne nicht ihr eigener Entschluss, über den sie sich Gedanken gemacht und der in ihr gereift war. Sie war streng genommen ein Werkzeug Gottes.
Auch bei Gabriele Münter ist die Sache nicht eindeutig. Sie war zerrissen zwischen ihrer Beziehung zu Kandinsky und den Erwartungen, die nicht nur ihre Familie, sondern auch sie selbst an ihr Leben stellte. Nichts hätte sie lieber getan, als mit dem Maler eine ganz normale und bürgerliche Familie zu gründen. Stattdessen schien zwischen den beiden eine gegenseitige seelische Abhängigkeit bestanden zu haben. So legt es jedenfalls die Darstellung von Stefanie Schröder nahe. Als die Beziehung mit Kandinsky zerbrach, war Münter fast 40 Jahre alt und nicht mehr in einem Alter, in dem man damals noch heiratete, um eine Familie zu gründen. Möglicherweise hat ihr die Trennung gezeigt, dass sie auch gut ohne den Maler zurechtkam, aber das ist Spekulation. Mutig war jedoch ihr 1938 gefasster Entschluss, Kandinskys Bilder in ihrem Haus in Murnau zu verstecken, als sogar in Privathäusern nach sogenannter entarteter Kunst gefahndet wurde. Damit hat sie Haft, wenn nicht sogar ihr Leben riskiert.

Beide Bücher kosten als gebundene Ausgabe je 22 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 16,99 Euro.
In Kürze erscheint in dieser Reihe eine Romanbiografie von Nadine Sieger, die sich mit dem Leben von Coco Chanel beschäftigt. 

An dieser Blogtour nehmen noch diese Blogs teil:
Lesendes Federvieh 

Katis Bücherwelt  
Klusi liest 

Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest für ihre Unterstützung.

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