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Donnerstag, 16. April 2026

# 502 - Eine Familie voller Enthusiasten

Markus Orths erschafft für seinen neuen Roman Die
Enthusiasten
die fünfköpfige Familie Bär: die Geschwister Vincent, Elfie und Marcellus sowie die Eltern, die ihrer Funktion entsprechend nicht mit ihren Namen benannt, sondern als Mutter und Vater angesprochen werden.

Jede freie Stelle des Elternhauses ist mit Bücherstapeln bedeckt, die Eltern horten im großen Stil antiquarische Bücher, für die der Vater immer neue Abstellflächen erschafft. Das Familienheim hat eine so verwunschene Atmosphäre, dass es von den Bärs als Hexenhäuschen bezeichnet wird. Sprechen die Bücher miteinander? Der Vater, der sein Leben lang als Schriftsetzer gearbeitet hat, und die Mutter, die eine Quelle fantasievoller Geschichten ist, würden diese Vermutung bestätigen.

Doch eines Tages verschwindet die Mutter von einem Tag auf den anderen. Ist sie aus freien Stücken gegangen? Wurde sie Opfer eines Verbrechens? Auf diese Fragen wird es bis zur letzten Seite keine Antwort geben. Klar ist jedoch: Die Abwesenheit der Mutter ist eine traumatische Zäsur für die Kinder und ihren Vater. Die individuellen Interessen, die in ihnen allen angelegt waren, nehmen schnell fanatische Züge an: Der Vater führt literarische Statistiken, Marcellus steigert sich in seine Filmliebe hinein, Elfie jagt der Dunklen Materie hinterher und Vincent, die zentrale Figur in diesem Roman, entdeckt seine Liebe zu Laurence Sterne, einem weltberühmten Autor des 18. Jahrhunderts.

Vincents Obsession beschränkt sich nicht auf Sternes bekannte neun Bücher; mit zwei weiteren Sterne-Fans pflegt er die Idee, dass es noch ein zehntes Buch geben müsse, das irgendwann verloren gegangen ist. 
Die Situation eskaliert, als sich die drei Sterne-Anhänger anlässlich des 250. Geburtstags ihres Idols an seinem Grab im britischen Coxwold zusammenfinden. Sie besuchen das Dorf jedes Jahr, doch diesmal ist etwas anders: Ein Unbekannter bietet ihnen Sternes ersehntes zehntes Buch zum Kauf an und verlangt 150.000 Pfund. Mit Abschriften zweier Kapitel zerstreut der Fremde die letzten Zweifel an der Echtheit des Werkes. Doch die Drei können den Betrag nicht aufbringen. Aber wo kein Geld ist, hilft vielleicht Gewalt weiter: Vincent steigert sich derart in den Wunsch hinein, das zehnte Buch zu besitzen, dass er zu allem bereit ist.

Lesen?

Die Enthusiasten ist ein Fest für Fans von Wortspielereien und -verfremdungen. Immer wieder reihen sich über längere Passagen Absurditäten aneinander, die nur den Sinn haben, mit Sprache zu jonglieren. Der Kern der Handlung erschließt sich jedoch erst im letzten Zehntel des Romans: Orths blickt in eine Zukunft, in der Literatur auf anderen Wegen erstellt wird als heute, und lässt das Für und Wider eines solchen Szenarios von Vincent und dem Fremden ausdiskutieren. Wer die Entwicklung des schriftstellerischen Schreibens in den letzten Jahren verfolgt hat, ahnt, was gemeint ist.

Orths Buch hat leider Längen, die vermeidbar gewesen wären. Manche Sprachspiele wirken sehr gewollt und ausufernd, an etlichen Stellen wird der Zufall überstrapaziert und die Logik ignoriert. Wenn man damit leben kann, diese Abschnitte nur quer zu lesen, hält man gute Unterhaltung in den Händen.

Der Verlust der Mutter, der immer wieder betrauert wird, führt nicht dazu, dass sich die Familie ernsthaft um die Aufklärung ihres Verschwindens bemüht. Es ist irritierend, dass das Fehlen derjenigen Person, um die zuvor das Familienleben kreiste, jahrzehntelang nur melancholische Apathie und keine Aktivität auslöst.

Die Enthusiasten ist 2026 im Galiani Verlag, einem Imprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen. Die gebundene Ausgabe kostet 24 Euro, das E-Book 19,99 Euro.


Sonntag, 15. Juni 2025

Die Bücherkiste hat Geburtstag: 10 Jahre Rezensionen aus fast allen Genres 🥳📚

Vor genau zehn Jahren habe ich hier den ersten Blogbeitrag veröffentlicht und hätte damals nicht gedacht, dass ich so lange durchhalte. Als ich vor fast einem Jahr anlässlich des neunten Blog-Geburtstags diesen Text geschrieben habe, habe ich schon eine ausführliche Rückschau gehalten.

Seitdem hat sich in der Welt einiges getan: Die nationalen und internationalen Krisen scheinen sich zu stapeln und treiben vielen Experten die Sorgenfalten auf die Stirn. Außerdem ist in diesem Jahr Papst Franziskus gestorben. Diese Ereignisse schlagen sich auch in meinen Rezensionen seit Mitte Juni 2024 nieder: Von 44 vorgestellten Büchern waren sechzehn Sachbücher. Dabei ging es um China, den Klimawandel, Russland mit seinen Expansionsbestrebungen, die Ukraine, die Papstwahl im Wandel der Zeit und - fast schon unvermeidlich - Donald Trump und Project 2025. Diese Verlagerung zu mehr Sachbüchern habe ich nicht geplant, sie ist mir erst im Nachhinein aufgefallen.

Gibt es Vorurteile gegenüber Leserinnen und Lesern von Sachbüchern?

Da kann man sich natürlich fragen: Wie finden es die Leserinnen und Leser dieses Blogs, wenn ich weniger über Belletristik schreibe? Ich bekomme dazu keine konkreten Rückmeldungen, sehe aber in der Blog-Statistik, dass sich in den letzten zehn Jahren durchschnittlich mehr Menschen für Romane als für Sachbuchtitel interessiert haben. Dieser Trend hat sich seit Juni 2024 jedoch umgekehrt: Erstmals hatten Sachbücher die Nase vorn. Gerade als mir das aufgefallen war, las ich den Beitrag eines Buchbloggers bei Instagram. Er schrieb unter der Überschrift "Über die Schmähungen des Sachbuchs"¹ einen Artikel, in dem er kritisierte, dass Menschen, die nur oder überwiegend Sachbücher lesen, negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Er vermutete, dass die Kritiker mit dem Begriff 'Sachbuch' die Titel aus dem Bereich der Selbstoptimierungsliteratur gleichsetzen und außerdem überwiegend Männer zu Sachbüchern greifen und eine Verknüpfung zu negativen Männlichkeitsklischees hergestellt wird.

Ernsthaft: Das ist ganz schön spekulativ. Es gibt nirgends eine Statistik, die beweist, dass mehrheitlich Männer Sachbücher kaufen. Wer das schreibt, bezieht sich auf Beobachtungen, nicht auf Daten. 'Anekdotische Evidenz' heißt so etwas: Die Erfahrung, die ich selbst mache, betrachte ich als allgemeingültige Tatsache. Was der Buchblogger kann, kann ich schon lange: Ich habe von diesen Schmähungen noch nie etwas gehört und gelesen. Einer der besten Sachbuchblogs, die ich kenne, ist der einer Frau: Petra Wiemann stellt auf ihrem Blog Elementares Lesen seit über zwölf Jahren Sachbücher vor.

"Bitte keine schwierigen Wörter": Soll dem Wunsch nach Vereinfachung überall nachgegeben werden?

Kürzlich las ich eine Äußerung einer Krimiautorin², die im Hauptberuf Rechtsanwältin ist. Sie wurde aufgefordert, keine komplizierten Worte zu verwenden, sondern ihre Formulierungen zu vereinfachen. Ähnliches äußerte eine Autorin, die Dark Romance-Romane und Thriller schreibt³. Beide reagierten befremdet darauf, dass man ihnen vorschreiben wollte, wie sie sich ausdrücken sollen. 

Ich verstehe, dass sich Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen leicht lesbare Inhalte wünschen. Daraus aber eine Forderung an Autorinnen und Autoren abzuleiten, befremdet mich und schränkt kreative Schreibende in ihren sprachlichen Möglichkeiten ein. Das kann keiner wirklich wollen.

Tote zum Leben erwecken: prima oder kann weg?

Quelle: BBC Maestro
Vor fünf Jahren habe ich auf meinem zweiten Blog
über bekannte und unbekannte Menschen geschrieben, die mithilfe von Virtual Reality quasi zum Leben erweckt wurden. Ich habe damals nicht gewusst, was ich davon halten soll.

Nun hält das auch bei der schreibenden Zunft Einzug. 
Die britische Krimi-Autorin Agatha Christie dürfte den meisten ein Begriff sein. Miss Marple und Hercule Poirot haben nicht nur Mörder das Fürchten gelehrt, sondern sind auch durch ihre schrullige Art im Gedächtnis der Leserschaft geblieben.

Agatha Christie lebt seit fast fünfzig Jahren nicht mehr. Aber nun wird sie von den Toten erweckt: Das Unternehmen BBC Maestro, ein Tochterunternehmen der BBC Studios, bietet seit einiger Zeit Internet-Schreibkurse an, die von prominenten Schriftstellerinnen und Schriftstellern geleitet werden. Dazu gehören z. B. Isabel Allende oder Ken Follett. Für 99 € kann man sich jeweils 22 Unterrichtseinheiten, die insgesamt viereinhalb Stunden dauern, ansehen. Allende und Follett wurden leibhaftig gefilmt und haben selbst gesprochen. 

Und dann ist da noch Agatha Christie. In einem Werbe-Video für einen von ihr moderierten Schreibkurs geht sie durch die Räume ihres Hauses oder tippt auf einer alten Schreibmaschine einen Roman. Dabei spricht sie ununterbrochen über das Schreiben und dass sie nie gedacht hätte, eine Autorin zu sein. Die Person im Video sieht aus wie Agatha Christie und spricht wie sie: Hier hatte KI das Sagen.
Da Dame Christie sich nicht mehr selbst um die Inhalte "ihres" Schreibkurses kümmern kann, hat das für sie ein Experten-Team übernommen. Dieser Teil stammt also nicht von einer KI.

Was hat BBC Maestro bewogen, die britische Autorin in den Mittelpunkt eines Video-Kurses zu stellen? Gibt es nicht noch andere Krimi-Autoren, die dazu bereit gewesen wären? Vermutlich schon, aber Agatha Christie gilt als die weltweit erfolgreichste Schriftstellerin, ihr Name hat also auch lange nach ihrem Tod Zugkraft. Oder anders gesagt: Mit ihr lässt sich immer noch viel Geld machen. Man darf annehmen, dass es nicht bei dieser einen KI-Produktion bleiben wird. Vielleicht lernen wir in einiger Zeit von einem KI-Mozart das Komponieren oder von Annette von Droste-Hülshoff die Kunst der Poesie. Wer weiß ... Es bleibt ein schaler Beigeschmack.

Ein Tod und eine verpasste Ehrung

Er gehörte zu denen, über die jedes Jahr anlässlich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises gesagt wurde: Jetzt ist es soweit, jetzt bekommt er ihn endlich. Der gebürtig aus Kenia stammende Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o ist vor etwas mehr als zwei Wochen im Alter von 87 Jahren gestorben. Seine Familiengeschichte war vom britischen Kolonialismus geprägt, mehrere Angehörige kamen im Kampf gegen die Kolonialmacht ums Leben. Das Thema Kolonialismus bestimmte seine Literatur, er litt unter Verhaftungen und Folter unter den ersten beiden postkolonialen Präsidenten Jomo Kenyatta und Daniel arap Moi und musste letztlich ins Exil in die USA gehen, wo er an mehreren renommierten Universitäten lehrte. Sein Roman Herr der Krähen gilt als der Afrika-Roman des 21. Jahrhunderts. Den Nobelpreis für Literatur hat er nicht mehr bekommen, nach eigener Aussage war ihm dieser allerdings auch nicht so wichtig.

Zehn Jahre - und nun?

Das, was ich für diesen Artikel zusammengestellt habe, zeigt, dass die Welt der Literatur immer in Bewegung ist. Wir reden schon lange nicht mehr nur über die gedruckten Papierwerke, wenn wir "Bücher" sagen. Der Anteil der E-Books am Gesamtwerk steigt langsam, aber stetig an, Bücher können von jedem Einfaltspinsel mithilfe von KI geschrieben werden, und kürzlich ist eine selbsternannte Autorin aufgeflogen, nachdem sie eine KI gebeten hatte, ein Buch im Stil einer bestimmten Schriftstellerin zu verfassen, sie aber vergessen hatte, diese Anweisung aus dem fertigen Machwerk zu entfernen. Anfängerfehler.

Worüber wird die Buchwelt in einem, fünf oder zehn Jahren sprechen? Ich bleibe am Ball und hoffe, ihr auch. Hier, in meiner Bücherkiste.


Quellen:

¹: Sachbuchseite📚 (@sachbuchseite) • Instagram-Fotos und -Videos

²: Sachbuchseite📚 (@sachbuchseite) • Instagram-Fotos und -Videos

³: Aktuelles | Autorin Ellen Connor Dystopie Horror Thriller


Montag, 22. April 2024

# 433 - Mit diesem Roman ging's zum Nobelpreis

Der norwegische Autor Jon Fosse hat 2023 den Nobelpreis für Literatur bekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt - das muss ich zu meiner Schande gestehen - hatte ich noch nichts von ihm gehört. Mit welchem Buch fängt man an, wenn man sich einem Schriftsteller nähern will? Denis Scheck empfahl in einem Interview mit SWR Kultur die kurze Novelle Das ist Alise. Diesen Rat habe ich beherzigt.

Normalerweise stelle ich hier in der Bücherkiste nur "richtige" Bücher vor. Mit Hörbüchern habe ich so meine Probleme. Aber wenn das gebundene Buch nur 120 Seiten hat, wie lange wird dann das Hörbuch dauern? Zweieinhalb Stunden, das weiß ich jetzt, denn ich habe beides gemacht: zuerst das Hörbuch begonnen (sehr gut gelesen von Max von Pufendorf) und etwa ab der Hälfte mit dem E-Book weitergemacht. Hätte ich mit dem E-Book begonnen, hätte ich es nicht bis zur letzten Seite geschafft. Aber der Reihe nach.

Das Haus von Asle und Signe steht einsam an einem Fjord. Zwanzig Jahre hat das Paar darin gemeinsam gelebt, doch dann, an einem sehr kalten und dunklen Tag Ende November 1979, verschwand Asle. Wie fast jeden Tag war er nach draußen gegangen, um mit seinem kleinen Ruderboot in den Fjord zu fahren. Doch diesmal kehrte er nicht zurück. Sein beschädigtes Boot wurde angespült.
Dreiundzwanzig Jahre ist das her. Dreiundzwanzig Jahre, in denen sich Signe nicht mit Asles Tod abfinden konnte und noch immer auf seine Rückkehr hofft.

Das Haus hat Asles Eltern, Großeltern und sogar schon den Urgroßeltern gehört. Hundert Jahre ist es alt und atmet förmlich die Familiengeschichte. 
An dem unwirtlichen Tag seines Verschwindens sieht Asle auf dem Weg zu seinem Boot seine längst verstorbene Ururgroßmutter Alise mit ihrem einjährigen Sohn Kristoffer. Die beiden wirken für Asle so real, als würden sie noch leben und wären wirklich da vor ihm. Er denkt an seine anderen Verwandten, die nicht mehr am Leben sind: Kristoffers Söhne Asle und Olav. Asle ertrank an seinem siebten Geburtstag.

Signa, die ewig Wartende, sieht ebenfalls in ihrer Vorstellung Asles Angehörige. Sie erlebt als passive Zuschauerin den Tod des kleinen Asle, der von seiner Mutter Brita aus dem Wasser gezogen und nach Hause getragen wird. Es ist der 17. November 1897. Alise, die gerade ihren Enkel verloren hat, gibt sich pragmatisch und beherrscht. Seid nicht traurig, sagt sie, Gott ist barmherzig.

Lesen?

Das Lesen von Das ist Alise habe ich als Herausforderung empfunden. Jon Fosse verzichtet konsequent auf Gänsefüßchen für die wörtliche Rede und den Punkt am Satzende. Wortwiederholungen, sonst eher verpönt, sind eines seiner Stilmerkmale. Sätze ziehen sich über viele Zeilen hin. Absätze oder Kapitel, die den Text übersichtlicher gestalten würden, fehlen. Zusammen mit der reduzierten Sprache wird eine dichte und gleichzeitig beklemmende Atmosphäre erzeugt. Diese Atmosphäre ist es, die mich beim Lesen bei der Stange gehalten hat.

Um noch einmal auf meine oben gemachte Aussage über das Hörbuch zurückzukommen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Buch zur Seite gelegt hätte, wenn ich mit ihm begonnen hätte.
Ansicht Hörbuch

Kann ich Das ist Alise nun empfehlen? Ich will ehrlich sein: Ich weiß es nicht. Ich weiß allerdings, dass es mir insgesamt zu viel Reduktion war.

Das ist Alise ist vor mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal im mare Verlag erschienen. Anlässlich der Auszeichnung Fosses mit dem Nobelpreis für Literatur hat der Verlag 2023 eine Neuauflage auf den Markt gebracht, die als gebundenes Buch (übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel) 20 Euro kostet. Das Hörbuch ist für 14,99 Euro,  das E-Book 11,99 Euro erhältlich.


Sonntag, 23. Juli 2023

# 402 - Frauen, die schreiben, leben gefährlich

Der Autor und Lektor Stefan Bollmann hat schon
einige Bücher veröffentlicht, in denen es ums Schreiben oder Lesen geht, in der Mehrzahl spielen Frauen darin die Hauptrolle.

Das ist mit dem Buch Frauen, die schreiben, leben gefährlich nicht anders. Bollmann hat sich beispielhaft die Biographien von 36 schreibenden Frauen angesehen, die zwischen dem 12. (Hildegard v. Bingen) und 21. Jahrhundert (Arundhati Roy) leben oder gelebt haben. 

Der Buchtitel legt nahe, dass die schreibenden Frauen um ihr Leben fürchten mussten, wenn sie ihrer Passion nachgingen. Doch ganz so ist es nicht. Allen ist gemeinsam, dass sie durch ihr Schreiben oder das, was sie geschrieben haben, in Schwierigkeiten geraten sind: sei es, weil sie es neben den Pflichten, die ihnen die gesellschaftlichen Konventionen oder der Ehemann auferlegten, das, was sie am liebsten Taten, irgendwie zeitlich unterbringen mussten; sei es, weil ihnen kein geeigneter Platz zum Schreiben zur Verfügung stand; sei es, weil man das, was ihnen am Herzen lag, nicht ernst nahm. Einigen dieser Frauen setzte ihre unbefriedigende Situation so zu, dass sie sich das Leben nahmen.

Bollmann hat die Kurzporträts der schreibenden Frauen in chronologischer Reihenfolge angeordnet, jedoch thematisch auch in sieben Kapitel unterteilt, denen er jeweils eine Erläuterung vorangestellt hat. Da geht es um "Ahnherrinnen schreibender Frauen" oder auch "Weibliche Stimmen der Weltliteratur". 

Das von Elke Heidenreich stammende Vorwort nimmt den Buchtitel wörtlich und stellt Frauen, die das Schreiben in den Tod getrieben hat, in den Mittelpunkt. Dabei stellt sie die Frage, warum "gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben [verzweifeln], dass sie es nicht mehr aushalten können?" Die Antwort, die sie postwendend gibt, zeigt das Dilemma, in dem sich Frauen sowohl in früheren Jahrhunderten als auch heute befinden, wenn sie sich selbst verwirklichen wollen - egal, ob sie schreiben oder etwas ganz anderes tun wollen, das ihnen wichtig ist. Und, ja: Der Schlüssel für diese Zerrissenheit lag und liegt überwiegend bei den Männern. Da ist es kein Wunder, dass Bollmann in seiner Betrachtung von Christine de Pizan (1365-1430), einer der ersten Schriftstellerinnen, die vom Schreiben leben konnte, diesen Ausspruch zitiert:

Liebe Frauen, denkt stets daran, wie sehr die Männer euch der Leichtfertigkeit und Schwäche bezichtigen, wie gewaltige Anstrengungen sie aber andererseits unternehmen, euch in Netzen einzufangen. Flieht, flieht, liebe Frauen."

In seinem Nachwort gibt Stefan Bollmann einen Überblick über die Entwicklung, die das Schreiben für Frauen genommen hat. Spoiler: Freiherr v. Knigge war im 18. Jahrhundert nicht begeistert, dass "Frauenzimmer" professionell mit Literatur umgehen wollten.

Lesen?

Frauen, die schreiben, leben gefährlich gibt einen sehr guten Eindruck über die Probleme, mit denen Frauen fertig werden mussten, die nicht nur daheim das eine oder andere Buch lesen, sondern sich selbst aktiv in die Literaturszene einbringen wollten. Da stellt sich natürlich die Frage, ob sich daran heute etwas entscheidend geändert hat. Bei manchen der Porträts kann man durchaus einen Bogen in die heutige Zeit schlagen und erkennt, dass zahlreiche Schriftstellerinnen bei der Ausübung ihres Berufs anderen Bedingungen unterworfen sind als ihre männlichen Kollegen: Eine Pilotstudie des Projekts #frauenzählen ergab 2018, dass zwei Drittel der in Feuilletons rezensierten Bücher von Männern geschrieben und in der Mehrzahl von Männern besprochen wurden. Kurzum, aus der Sicht der Frauen: Da geht noch was.

Frauen, die schreiben, leben gefährlich ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2014 als Insel-Taschenbuch 4295 im Insel Verlag Berlin erschienen und kostet 9,95 Euro.

Samstag, 10. September 2022

# 363 - Eine Liebe zwischen einer Deutschen und einer Koreanerin: Kann das funktionieren?

Andreas Stichmann begibt sich mit seinem Roman Eine Liebe in Pjöngjang auf eine Reise nach Nordkorea, dem Land, das wohl zu Recht als der restriktivste Überwachungsstaat der Welt angesehen werden kann. Auch wenn ein kulturelles Ereignis der Auslöser für die weitere Handlung ist und Stichmann das Ausmaß der staatlichen Kontrolle sowie der überhöhten Verehrung der Kim-Familie beschreibt, steht die Liebesgeschichte zweier Frauen im Mittelpunkt der Handlung. 

Die 50-jährige Claudia Aebischler ist Präsidentin des
Verbands europäischer Bibliotheken. Sie wird diese Aufgabe demnächst abgeben und befindet sich auf ihrer letzten Delegationsreise nach Pjöngjang. Gemeinsam mit Kulturschaffenden aus Berlin fährt sie von der chinesischen Grenzstadt Dandong mit dem Zug in die nordkoreanische Hauptstadt, um dort eine deutsche Bibliothek zu eröffnen. Aebischler kennt sich sehr gut in Südostasien aus und weiß, dass die Gruppe ständig überwacht wird. Ihre Erfahrungen als ehemalige DDR-Bürgerin helfen ihr und den Mitreisenden, sich in Nordkorea aufzuhalten.

Plötzlich, als Aebischler aus dem Zugfenster blickt, sieht sie in das Gesicht einer Koreanerin, von der sie sofort fasziniert ist. Die Frau schaut aus dem Fenster eines exakt parallel fahrenden Zuges und blickt die Deutsche direkt an. Nach dreißig Sekunden ist die irritierende Begegnung vorbei. Im Hotel sieht sie die junge Koreanerin ein weiteres Mal für einen kurzen Augenblick. Doch dann kommt die Überraschung: Die Frau wird der Delegation als ihre Dolmetscherin und Begleiterin Sunmi vorgestellt. 

Während ihres Aufenthalts kommt Claudia Aebischler der zwanzig Jahre jüngeren Sunmi näher. Die Dolmetscherin ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und Expertin auf dem Gebiet der deutschen Romantik. Sie ist mit einem greisen Veteranen verheiratet, aber es ist nicht Liebe, sondern Parteiräson, die dieses Paar zusammenhält.

So unterschiedlich die beiden Frauen sind, haben sie doch etwas gemeinsam: Beide wollen den Lebenssituationen entfliehen, in denen sie sich befinden. Claudia Aebischler plant, sich einem seit Jahrzehnten aufgegebenen Schreibprojekt zu widmen, Sunmi will raus aus diesem engen, überwachten Leben, in dem man sich ständig unterzuordnen hat und jeder Schritt und jedes Wort überwacht werden. Und sie will weg von ihrem alten Ehemann, für den sie nur Abneigung empfindet.

Das emotionale Band zwischen ihnen wird immer enger, aber sie müssen sich bemühen, sich nichts anmerken zu lassen. Doch dann kommt während einer Exkursion zum Vulkan Paektusan, der sich auf dem Grenzgebiet zwischen China und Nordkorea befindet, der Moment, der ihrer beider Leben verändern soll und in dem sich der Fortgang ihrer Beziehung entscheidet.

Lesen?

Andreas Stichmann versteht es, in seinen Roman nicht nur die bedrückenden Verhältnisse in Nordkorea zu beschreiben und die latente Gefahr, in der sich die Menschen befinden, subtil zu thematisieren; er mischt in seine Schilderung der Gefühle, die die beiden Frauen füreinander entwickeln, auch Poesie und einen hintergründigen Humor, der den Schrecken der Diktatur für einen Moment vergessen lässt und ihn ins Lächerliche verkehrt. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen: Was ist echt und real und was nur Fassade und Manipulation? 

Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, wohin er auf jeden Fall gehört.

Eine Liebe in Pjöngjang ist 2022 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 19. März 2021

# 282 - Grüner wird's heute nicht mehr

Warum widmet man sich ausgerechnet der Farbe Grün?
Darauf gibt der Autor des Buches Grün, Prof. em. Hermann J. Roth, zwar keine Antwort, aber wenn man sich auf seiner Homepage umsieht, erkennt man schnell, dass ihm neben seinem Fachgebiet, der Pharmazie, auch die Kunst wichtig ist. Roth sieht in der Wissenschaft auch immer die Ästhetik.

Sein Buch trägt den Untertitel Das Buch zur Farbe. Dieses Konzept wird sowohl inhaltlich verfolgt als auch ästhetisch konsequent durchgehalten. Nicht nur der Einband ist in Grün gehalten, sondern ebenso der Schnitt, die Seitenränder sowie Überschriften, Seitenzahlen und Verweise.

Roth durchstreift praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens, in denen die Farbe, mit der gemeinhin Leben und Hoffnung assoziiert wird, vorkommt: In sechzehn Kapiteln erläutert er nicht nur die Herkunft des Wortes, sondern sieht sich in den Naturwissenschaften, der Medizin und Pharmazie, der Politik oder der Literatur um. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie oft und wofür der Begriff 'Grün' verwendet wird. Da geht es um den Grünen Strahl (ein Phänomen, das beim Sonnenuntergang entsteht), das Grünkreuz (das nichts Positives an sich hat), die Grünen Drogen (Drogen, die das Wort 'Grün' in ihrer Bezeichnung führen, wie z. B. Grünes Pflaster) oder die Grüne Hochzeit. Im letzten Kapitel 'Grüner Omnibus' finden sich Begriffe, die sich thematisch nicht einem der vorangegangenen Kapitel zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise das 'feindliche Grün' aus dem Straßenverkehr oder die Grüne Fee als poetische Bezeichnung für Absinth.

Jedes Kapitel ist mit Fotos oder Zeichnungen von (überwiegend) grünen Tieren, Menschen, Gebäuden oder Gegenständen illustriert. Nach der letzten Seite fragt man sich, ob sich Roth wohl noch weiteren Farben widmen wird. Grün ist ein sehr interessantes und unterhaltsames Buch. Leseempfehlung!

Grün ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro.

Sonntag, 14. Juni 2020

# 244 - Und wieder mal Corona...

Man sollte meinen, dass es in den letzten Monaten genug Veröffentlichungen und Äußerungen im Zusammenhang mit Covid-19 gegeben hat. Ich finde das übrigens auch und hatte eigentlich nicht vor, noch mehr als die tagesaktuellen Meldungen darüber zu lesen. Aber der Zufall spülte mir beim Durchsehen des Angebots der Onleihe die Anthologie Corona und wir auf den Bildschirm. Da war meine Neugier, was die 32 Autorinnen und Autoren der geneigten Leserschaft zum Thema zu sagen haben, dann doch geweckt.

Es gibt grundsätzlich Einigkeit darüber, dass die uns bekannte Welt sich "nach Corona" anders präsentieren wird. Wie genau, darüber gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Die Äußerungen der Experten aus den verschiedensten Disziplinen könnte man vielleicht so zusammenfassen, wie es schon Sokrates vor mehr als 2.400 Jahren getan hat: "Ich weiß, dass ich nicht weiß." Ein Grund, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um sich ein bisschen mehr Orientierung und Überblick zu verschaffen.

Corona und wir ist nicht einseitig ausgerichtet; es kommen Fachleute zu Wort, die die aktuelle und (mutmaßliche) künftige Situation aus verschiedenen Blickwinkeln einschätzen und zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. 

Da ist zum Beispiel die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum, die die drastischen Beschränkungen anlässlich der Pandemie sehr kritisch betrachtet und insbesondere die Grenzschließungen nicht befürwortet: Sie kritisiert die aktionistische Art und Weise der nationalen Abschottungen, hinter der keine Planung steckte. Sie weiß um die Popularität dieser Handlungsweise, die jedoch die Verbreitung des Virus' nicht aufhalten konnte. Viele Menschen können sich für hartes staatliches Durchgreifen begeistern und beugen sich, wenn sie vor etwas Angst haben.

Mit dieser Haltung ist Applebaum nicht allein. Aber die MIT-Professorin Esther Duflo und und der ebenfalls am MIT lehrende Professor Abhijit V. Banerjee weisen auch auf die Notwendigkeit eines Staates hin, der funktioniert: "Damit in Notzeiten ein gut regierter Staat für uns da ist, müssen wir in normalen Zeiten einen solchen Staat fördern und auch erwarten."

Doch auch Schriftsteller wie Luca D'Andrea kommen zu Wort. Er macht sich über den Unterschied zwischen Angst und Panik Gedanken, sein Leben vor und nach Covid-19 und die Verbreitung der Krankheit in seiner Heimat Italien.

Ich will an dieser Stelle nicht auf jede/n Einzelne/n in diesem Buch eingehen. Aber den Hinweis des Psychologen Gerd Gigerenzer möchte ich noch aufgreifen: Er hält unsere Risikokompetenz für nicht ausreichend. Die Gesellschaft muss lernen, mit Ungewissheiten zu leben und darf sich nicht von ihnen in Geiselhaft nehmen lassen. Er erläutert, warum ausgerechnet Covid-19 sowie in den vergangenen Jahren die Vogel- oder die Schweinegrippe der Bevölkerung Angst gemacht haben, nicht aber in diesem Ausmaß die Bedrohung durch beispielsweise Krankenhauskeime, mit denen sich jährlich in Deutschland bis zu 600.000 Menschen infizieren und an denen 10.000 bis 20.000 Menschen versterben - ebenfalls Jahr für Jahr.

Lesen?

 

Corona und wir habe ich zunächst skeptisch zur Hand genommen. Wie das so ist mit unterschiedlichen Ansichten, haben mich einige Texte nicht überzeugt, weil mir die Argumente nicht schlüssig erschienen. Aber das ist ein normaler Prozess, wenn man sich verschiedenen Positionen nähert. Ich empfehle das Buch, weil es dazu beiträgt, die eigenen Ansichten zu hinterfragen und möglicherweise neu auszurichten.

Die Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie gehen an das Sozialwerk des deutschen Buchhandels. Mit ihnen werden unverschuldet in Not geratene Buchhändler unterstützt und die berufliche Aus- und Weiterbildung bedürftiger junger Buchhändler gefördert.

Corona und wir ist im Penguin Verlag erschienen und wurde nur als E-Book herausgegeben. Es kostet 9,99 Euro.

Sonntag, 13. Oktober 2019

Literaturnobelpreis - Wie eine angesehene Auszeichnung die Szene spalten kann

1901 beginnt die Geschichte der insgesamt fünf
(fast) jährlich vergebenen Nobelpreise. Den Nobelpreis für Literatur erhielt damals der Franzose Sully Prudhomme. Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Gedicht Le Vase brisé. Nie gehört? Ich auch nicht. Aber Wikipedia wird schon recht damit haben.

Wenn ein Kriterium nicht entscheidend ist, um in dieser Kategorie ausgezeichnet zu werden, dann, dass der Nachwelt etwas hinterlassen wird, was auch noch drei oder vier Generationen später begeisterte "Ahs" und "Ohs" hervorruft. Die Vergabe des Nobelpreises ist auch ein Spiegel der jeweiligen Zeit, in der sie stattfindet. Vielleicht hat das Gremium auch den Wunsch, mit der Preisvergabe ein Zeichen zu setzen.

Vor drei Tagen wurden die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und der österreiche Schriftsteller Peter Handke auf den Nobelthron des Jahres 2018 bzw. 2019 gesetzt. Zur Erinnerung: 2018 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben, weil sich einzelne Mitglieder der Jury nicht nur danebenbenommen, sondern gleich einen richtigen Skandalberg aufgehäuft hatten. Der Ehemann eines Komiteemitgliedes hatte nicht nur das Amt seiner Frau ausgenutzt, sondern wurde auch wegen mehrfacher Vergewaltigung angezeigt. Die Glaubwürdigkeit und der Ruf des Gremiums waren nachhaltig erschüttert.

Nun also eine Frau und ein Mann. Wie die
Komiteemitglieder zu ihrer Entscheidung gekommen sind, entzieht sich jedermanns Kenntnis. Inwieweit man der offiziellen Begründung folgen darf? Der Spekulation sind Tür und Tor geöffnet. Soll die hälftige Mann/Frau-Aufteilung suggerieren, hier habe man auf Geschlechtergerechtigkeit geachtet? Das zu glauben, fällt schwer: Olga Tokarczuk ist die 15. Preisträgerin, dagegen konnten 100 schreibende Herren Medaille und Preisgeld in Empfang nehmen. Ein klitzekleine Schieflage ist hier durchaus erkennbar.

Der Blick über den literarischen Tellerrand war für die Nobelkomitees all die Jahre ebenfalls nicht leicht, wenn man sich die Auswahl anhand ihrer geografischen Ausgewogenheit ansieht: Wenn ich mich nicht völlig verzählt habe, haben sich die Mitglieder 80 Mal für Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Europa entschieden. Zehn kamen aus den USA, nur drei aus Afrika. Zu glauben, dass da irgendwie ein Proporz eine Rolle gespielt hat, wäre sicher Unsinn.

Nächster Anlauf, die Auswahl des Komitees nachzuvollziehen. Haben möglicherweise die Botschaften, die Frau Tokarczuk und Herr Handke ihrem Lesepublikum vermittelt haben, den Ausschlag gegeben? Wenn man den Worten des Sprechers folgt, der den wartenden Medien in Stockholm die Entscheidung verkündet hat, weitet das Werk der polnischen Autorin den "Blick auf Mittel- und Osteuropa". Das stimmt. Olga Tokarczuk hat sich in ihren Werken derart deutlich gegen die konservative Regierung ihres Heimatlandes positioniert, dass sie seit Langem Morddrohungen erhält.

Peter Handke hat insbesondere dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass er für sich Theater neu definiert hat: In einem seiner Schauspiele ("Publikumsbeschimpfung", Erstaufführung 1966) werden die Zuschauer mit "Nettigkeiten" überhäuft. Es sollte ein Protest gegen die Altnazis sein. Wie es dazu passt, dass sich Handke Jahrzehnte später mit einer Grabrede von einem brutalen Autokraten - dem serbischen Ex-Diktator Slobodan Milosevic - verabschiedete und behauptete, dieser sei an dem  Massaker in Srebrenica, bei dem 1995 etwa 8.000 bosnische Muslime ermordet wurden, gänzlich unschuldig und habe noch nicht einmal etwas davon gewusst, bleibt sein Geheimnis.

Und dann gibt es da noch Literaturkritiker wie Denis Scheck. Scheck kann sich vor Begeisterung kaum noch einkriegen. Noch am Abend der Bekanntgabe der Preisträger/in spricht er im SWR in der Sendung Kunscht! lobend von der Nobelkomission als "Bastion politischer Korrektheit", die es unterlassen hat, Handke wegen seiner politischen Irrwege nicht auszuzeichnen. Am selben Tag nennt Scheck die Entscheidung zugunsten des Österreichers in der ZDF-Sendung Kulturzeit "eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der politischen Korrektheit". Ich bin verwirrt, Herr Scheck: Ist damit gemeint, dass sich die Komissionsmitglieder gegenseitig vermöbeln?

Literatur und die Bewertung ihrer Güte bleiben Geschmackssache. Was mich stört, ist die augenscheinlich so unterschiedliche Herangehensweise, nach der Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt werden. Auch die Vorbehalte gegen Literatur aus Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika werden - von den sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - weiterhin kultiviert.

Der Preisstifter Alfred Nobel hat vor 134 Jahren in seinem Testament verfügt, nach welchen Gesichtspunkten die nach ihm benannten Preise vergeben werden sollen. Dort ist davon die Rede, dass "Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben." Außerdem soll der Literaturpreis dem gegeben werden, "der in der Literatur das beste in idealistischer Richtung geschaffen hat".
Zum Schluss heißt es: " Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung keinerlei Rücksicht auf die Nationalität genommen werden darf, so dass nur der Würdigste den Preis erhält, ob er nun Skandinavier ist oder nicht..."

Ich habe seit Jahren einen Kandidaten, dem ich wünsche, den Nobelpreis zu bekommen. Der aus Kenia stammende und heute in den USA lebende Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o hat es meiner Meinung nach verdient, geehrt zu werden. Seit etlichen Jahren heißt es, er stünde auf der Nominierungsliste. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass er eher für die "Hall of Fame der ewigen Anwärter" als für den Nobelpreis vorgesehen ist. Aber irgendwann wird sich die Bastion der politischen Korrektheit vielleicht daran erinnern, welches Anliegen Alfred Nobel mit seiner Stiftung verfolgt hat.

Einen ersten Eindruck von Ngũgĩ wa Thiong’os Werk gibt es in der Besprechung seines Hauptwerkes, Herr der Krähen.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Ein spezieller Jahresrückblick

Ich habe auf dem Blog Frauenleserin von Kerstin Herbert einen besonderen Jahresrückblick gesehen, der für Kerstin gleichzeitig der Start einer Blogparade ist. Den Anstoß gab eine Pilotstudie mit dem Titel "Sichtbarkeit von Frauen in den Medien und im Literaturbetrieb", die das Ergebnis des Projekts #Frauenzählen gewesen ist. Hinter der von der Universität Rostock wissenschaftlich begleiteten Studie stand eine verbandsübergreifende Arbeitsgemeinschaft. Im März 2018 wurden über 2.000 Literaturkritiken und Rezensionen, die aus 69 deutschen Medienformaten (TV, Radio, Print) stammten, analysiert und ausgewertet. Dabei stellte sich u. a. heraus, dass in allen Medien (Ausnahme: Frauenzeitschriften) nur ein Drittel der Buchbesprechungen sich Titeln widmeten, die von einer Frau stammten. Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Kritikern betrug dabei 4 : 3; drei Viertel der von männlichen Kritikern besprochenen Werke stammten von Männern, bei Kritikerinnen ist das Verhältnis ausgewogen. 

Kerstin hat diese Ergebnisse nun zum Anlass genommen, ihr eigenes Blogverhalten näher zu betrachten und sich fünf Fragen gestellt, die sie nicht nur beantwortet hat, sondern mit ihrer Blogparade auch an andere Buchblogger weitergibt: 

  1.  Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?
  2.  Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)
  3.  Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?
  4.  Welche  weibliche Lebensgeschichte oder Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)
  5.  Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Das habe ich mir für meine Bücherkiste gleich mal näher angesehen. Die Antworten:
  1. Ich habe 50 Bücher vorgestellt - vom Thriller bis zum Sachbuch. Hätte man mich vor meiner Zählung gefragt, ob die Rezensionen von Büchern weiblicher oder männlicher Autoren überwiegen, hätte ich geschätzt, dass sie gleich oft vertreten gewesen sind. Irrtum. 20 Titel wurden von Autorinnen und 29 von Autoren verfasst. Ein Sachbuch stammt von zwei Autorinnen sowie zwei Autoren. Die Quote ist nicht so haarsträubend wie die, die in der Pilotstudie ermittelt wurde, aber Fairness sieht anders aus.
  2. Ein einzelnes Buch einer Autorin zum Lesehighlight 2018 zu küren, schaffe ich nicht. Madeleine Albright mit Faschismus - eine Warnung gehört aber sicher dazu. Aus eigener Anschauung weiß sie, wie sich die Anfänge einer Entwicklung hin zum Faschismus zeigen und weist auf Parallelen zu historischen Entwicklungen hin, die in einer Vielzahl von Ländern - auch in Deutschland - bereits erkennbar sind.
  3. Zu meinen persönlichen Entdeckungen gehören die Krimi-Autorinnen Petra Ivanov und Estelle Surbranche. Beide schreiben spannende Bücher; bei Ivanov spielen die persönlichen Beziehungen der Figuren untereinander eine Rolle, Surbranche ist die Autorin für alle, die es mögen, wenn es "ans Eingemachte" geht.
  4. In Hidden Figures geht es um den Einfluss schwarzer Mathematikerinnen auf die US-Raumfahrt vor allem in den 1960-er Jahren. Mich hat die Zähigkeit dieser Frauen sehr beeindruckt, die für ihr Studium gekämpft haben und sich in der frauen- und schwarzenfeindlichen Berufswelt täglich aufs Neue durchbeißen mussten.
  5. Für 2019 steht Michelle Obama mit Becoming ganz weit oben auf meiner Wunschliste.

Das Ungleichgewicht  bei meinen rezensierten Büchern hat mich nachdenklich gemacht. Ich werde aber nicht dazu übergehen, künftig Strichlisten zu führen, um einen zu großen Vorsprung der einen oder anderen Seite zu vermeiden. Aber ich nehme mir vor, genauer hinzusehen und in dieser Hinsicht grundsätzlich aufmerksamer zu sein. In einem Jahr werde ich wieder nachzählen.

Ich freue mich auf ein neues Buchjahr mit vielen neuen Titeln und hoffe, dass ich euch Bücher zeigen kann, die euch interessieren. Schau'n wir mal. 😉

Freitag, 17. März 2017

# 91 - So sind Frauen - angeblich


Von 500 v. Chr. bis heute: Diese sieben Vorurteile haben Frauen fast immer begleitet


In ihrem neuesten Buch Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken hat Beatrix Langner weit zurückgeschaut. Aristoteles kommt ebenso zu Wort wie der Dichter Aischylos und Herren aus der Neuzeit. Der Titel verrät es nicht unbedingt, aber dieses Buch beschäftigt sich nicht ganz allgemein mit den Frauen, sondern wirft ein Schlaglicht auf diejenigen von ihnen, die sich geistig – häufig schreibend - betätigen wollten. Die meisten der von Langner beispielhaft genannten Frauen sind heute praktisch unbekannt. Doch es geht nicht nur um sie, sondern insbesondere um die Männer, die die Frauen unterdrückt und blockiert haben. 

Die Vorurteile, die die Autorin zu den Kapiteln ihres Buches gemacht hat, werden denkenden Frauen gegenüber nach Ansicht von Beatrix Langner seit Jahr und Tag gepflegt: Sie sind im Grunde Männer, sie sind göttlich, gefährlich, unsexy, Egoisten und schlechte Mütter und retten die Welt. In allen diesen von Männern aufgestellten Thesen spiegelt sich die Definition der Frau durch diese wider, die sie fast die ganze Geschichte hindurch auf ihre Körperlichkeit reduziert haben: Frauen gebären die Kinder, stillen sie und ziehen sie auf. Und Schluss. Diese Haltung hat eine sehr lange Tradition und ist schon von Homer und Aristoteles überliefert. Nur Pythagoras kommt bei der Autorin besser weg: Er ist ihrer Ansicht nach der einzige Philosoph, der nicht frauenfeindlich war. Die Erkenntnis, dass Frauen ein denkendes Gehirn haben, das dem der Männer gleichwertig ist, hat 3.000 Jahre in Anspruch genommen und ist noch nicht so ausgeprägt, dass die Gleichheit durchgängig praktiziert werden würde. Ein Beispiel ist der im Buch nicht thematisierte Frauenanteil unter den hauptberuflichen Professoren an deutschen Hochschulen: Er lag 2015 bei 22,7 %; unter Professoren, die einen Lehrstuhl inne hatten (C4-Professoren) betrug der Anteil sogar nur 11,4 %. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Ein interessanter Gedanke: Wer macht die Geschichte? 

Langner erläutert sehr anschaulich, wie die Geschichtsschreibung bislang zustande kam: Männer waren diejenigen, denen der Zugang zu Bildung und Wissenschaft möglich war. Folglich ist das, was wir aus der Geschichte kennen und was immer weiter überliefert wurde, das Vergangene aus männlicher Sicht. Sie haben bestimmt, was es wert war, weitergegeben zu werden. Ein Beispiel hierfür ist Émilie du Châtelet, die Lebensgefährtin des Philosophen und Schriftstellers Voltaire. Sie war Mitte des 18. Jahrhunderts als Mathematikerin, Physikerin und Philosophin einigermaßen bekannt, aber aufgrund der damals herrschenden Verhältnisse wurde ihr die Anerkennung, die ihr für ihre wissenschaftlichen Leistungen zugestanden hätte, verwehrt. Um 1740 hat sie ihre Werke veröffentlicht, die sich hinsichtlich ihres Niveaus mit denen von Gottfried Wilhelm Leibniz, Leonhard Euler und auch Voltaire messen konnten. Aber weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, beschränkte sich die Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistung darauf, dass Voltaire einräumte, dass die Mitarbeit von Émilie du Châtelet am Sachbuch „Elemente der Philosophie Newtons“ wesentlich war. Auf dem Titelblatt stand hingegen nur der Name Voltaire. 

 

Was taten Frauen, um das zu tun, was sie wollten? 

 

Anfang des 20. Jahrhunderts machten mit den Suffragetten und den Sozialistinnen der II. Internationale britische und US-amerikanische Frauenrechtlerinnen mobil: Es ging um das Wahlrecht für Frauen, aber auch um den Zugang zu Universitäten. Doch die Frauen hatten einen schweren Stand: Männliche Akademiker hielten mit Publikationen dagegen. So veröffentlichte der Psychiater und Neurologe Paul Möbius 1900 sein Essay „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, in dem er behauptete, Frauen hätten von vornherein eine geringere geistige Begabung als Männer. So versuchte er dazu beizutragen, den Zugang von Frauen zum Medizinstudium zu verhindern. Diese hanebüchene Schrift ist noch heute erhältlich, ganz im Gegensatz zu den Veröffentlichungen von Émilie du Châtelet.

Ähnlich abenteuerliche Theorien stellte auch Siegmund Freud auf: Er vertrat die Meinung, dass das Fehlen des Penis‘ sich bei der Frau in ihrem unbewussten Seelenleben durch Hysterie, schwache Nerven und Ohnmachten ausdrückt. Das weibliche Selbstwertgefühl werde dadurch geschwächt, dass Frauen zwanghaft ihre männlich-väterlichen Seelenteile verdrängen wollten.

Man mag das heute amüsant finden, aber zu ihrer Zeit fanden diese Äußerungen Gehör und ernteten reichlich (männliche) Zustimmung.

Doch Frauen, die unbedingt am wissenschaftlichen oder literarischen Leben aktiv teilhaben wollten, wussten sich in einigen Fällen zu helfen: Das, was heute unter dem Begriff „Cross-Dressing“ bekannt ist, also das Tragen von Kleidung, die typisch für das andere Geschlecht ist, wurde von Frauen schon im 17. Jahrhundert eingesetzt, um Eingang in die Männerwelt zu finden. Auch, unter einem männlichen Pseudonym Veröffentlichungen herauszugeben, war nicht unüblich.  

Kein reines Sachbuch, sondern ein Essay 

Frauen wurden stets so behandelt, wie es Tradition war. Erst in den letzten etwa 50 Jahren begann sich das zu ändern, was durch den beginnenden Feminismus und zahlreiche Gender-Studien ausgelöst wurde. Auch, wenn hier eventuell der Eindruck entstanden sein mag: Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist kein feministisches Kampfbuch. Beatrix Langner plädiert vielmehr für den gemeinsamen Blick von Frauen und Männern auf die Probleme unserer Zeit. Von einer jeweils egoistischen Sicht der Geschlechter auf sich hält sie nicht viel, sondern wünscht sich einen gemeinsamen Entwurf für die Zukunft.

Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist ein kulturgeschichtlich anspruchsvolles Buch, das häufig zwischen den einzelnen Epochen pendelt. Das macht das Lesen nicht leichter, aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben. Die Autorin hat ein trotz des ernsten Themas unterhaltsames Essay verfasst, von dem ich mir am Ende allerdings eine klarere Formulierung gewünscht hätte, wie sie sich konkret dieses Miteinander von Frauen und Männern auf Augenhöhe jetzt und in Zukunft vorstellt.

Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken ist im Verlag Matthes & Seitz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22,-- Euro sowie als Kindle- oder epub-Version 16,99 Euro.






Freitag, 10. Februar 2017

# 87 - Deutsche Schriftsteller ab 1933: Schreiben im Exil

Über die Folgen, die die Machtübernahme der Nationalsozialisten für Deutschland hatte, gibt es zahllose Bücher. Aber nur sehr wenige beschäftigen sich damit, was aus den Schriftstellern wurde, die dem Dritten Reich ein Dorn im Auge waren: weil sie Juden waren,  eine politische Gesinnung hatten, die nicht geduldet wurde oder homosexuell gewesen sind. Mit Schreiben im Exil 1933-1935 schildert der Autor Maik Grote, welche Gründe sie zur Emigration bewogen haben und wie es ihnen im Ausland ergangen ist. 

Eine neue Plattform für Exil-Literaten


Grote hat sich dem Schicksal der Exilautoren mit einer Akribie genähert, wie man sie nur selten findet. Im Untertitel seines Buches weist er darauf hin, um welche Schriftsteller es im Wesentlichen geht: Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Joseph Roth und Klaus Mann stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, aber es fallen auch andere Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann und Stefan Zweig spielten in der damaligen Literaturszene eine ebenso große Rolle. Grote beschäftigt sich auch mit den Verlegern, mit denen diese Autoren unmittelbar zu tun hatten: Das Schicksal des früheren Teilhabers des Gustav Kiepenheuer Verlages Potsdam, Fritz Landshoff, wird ebenso beschrieben wie das seiner Kollegen Hermann Kesten und Walter Landauer.
Beim Lesen wird immer deutlicher, dass keiner der beschriebenen Schriftsteller Deutschland als Heimatland abgelehnt hatte, weil man selbst dort unerwünscht geworden war. Das galt weder zum Zeitpunkt der Flucht noch später. Bei fast allen hat die Notwendigkeit, sich im Ausland eine neue Existenz oft aus dem Nichts aufzubauen, schwere innere Zerwürfnisse ausgelöst.

Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 war der Startschuss für die Säuberungsaktionen der Nationalsozialisten: Die „Reichstagsbrandverordnung“ setzte Grundrechte außer Kraft und gab dem Regime die Möglichkeit, Oppositionelle zu verhaften und  die Herausgabe von nicht erwünschten Zeitungen zu verbieten. Die SA hatte bereits bei Landshoffs Freund Ernst Toller erfolglos nach beiden Männern gesucht, was den Verleger dazu veranlasste, ständig die Unterkunft zu wechseln.

Mit dem Zeitpunkt der Machtergreifung war allen Angestellten, Autoren und Teilhabern des Kiepenheuer Verlages klar, dass dessen Tage gezählt sein würden. Täglich kamen nun Autoren, um sich vor ihrer Abreise ins Exil zu verabschieden. Landshoff war in Gefahr, weil er sowohl Jude war als auch regimekritische Ansichten vertrat. Während Kesten und Landauer nach Frankreich ins Exil gingen, nahm Landshoff das Angebot des niederländischen Verlegers Emanuel Querido an, in dessen Amsterdamer Verlagshaus eine Abteilung zu gründen, die sich nur um die Veröffentlichung von Werken der deutschen Exil-Schriftsteller kümmerte.

Auch Landauer fand sich einige Monate später in Amsterdam wieder. Der Allert de Lange Verlag hatte ebenfalls vor, eine deutsche Exil-Abteilung ins Leben zu rufen. Fortan lebten die beiden Verlage in ständiger Konkurrenz um Autoren, Rechte und Verträge, was ihnen wirtschaftlich geschadet hat. 

Waren die unerwünschten Schriftsteller eine Schicksalsgemeinschaft?

 

Die Autoren, von denen in Schreiben im Exil 1933-1935 die Rede ist, gehörten vor 1933 zur deutschen Schriftsteller-Elite. Mit der Machtergreifung verloren sie Zug um Zug ihr Eigentum in Deutschland. Manche konnten etwas davon ins Exil retten, andere verloren praktisch ihren ganzen Besitz. So ist zumindest zum Teil zu erklären, dass etliche von ihnen mit der neuen Situation keinesfalls professionell umgingen: Sie rangen um ihr Honorar, ohne zu wissen, wie ein Buchpreis zustande kommt oder zu welchem Preis sich ein Buch verkaufen lässt. Eitelkeiten wurden gepflegt, Realitäten ignoriert, nicht vorhandenes Geld ausgegeben, bis die Schulden sich manchem wie eine Schlinge um den Hals legten. Einige Schriftsteller beschworen noch den Zusammenhalt der deutschen Exil-Autoren, aber letztlich waren sich die meisten von ihnen selbst am nächsten. 

Diese schmerzliche Erfahrung musste beispielsweise auch Klaus Mann mit seiner literarischen Monatszeitschrift „Die Sammlung“ machen, die erstmalig im September 1933 im Querido Verlag erschien. Einige Schriftsteller, die zu Beginn ihre Mitarbeit fest zugesagt hatten, distanzierten sich dann von der Publikation, darunter auch sein Vater Heinrich Mann oder Stefan Zweig. Ihnen war die Ausrichtung der Zeitschrift zu politisch, und sie befürchteten, dass sich ihre Bücher nicht mehr verkaufen lassen würden, wenn sie sich hier mit Beiträgen engagierten. Andere waren nur für ein Mindesthonorar zu einer Mitarbeit zu bewegen oder brachten Klaus Mann immer wieder in Schwierigkeiten, in dem sie die Abgabe von fest zugesagten Artikeln verschoben. Engagement und Kooperation sehen anders aus.
Alles zusammen und der Umstand, dass die Lieferungen ins Ausland, die an Deutschland vorbei führen mussten, umständlich und teuer waren, führten 1935 dazu, dass das Blatt aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben werden musste.

Lesen?

 

Schreiben im Exil 1933-1935 richtet sich an alle Leser, die sich für die Auswirkungen des Dritten Reiches auf die nicht systemkonformen Schriftsteller interessieren. Maik Grote hat für sein Buch eine akribische Recherche betrieben, die einen genauen Blick in diese Szene während der ersten beiden Jahre des Nationalsozialismus in Deutschland wirft. Jede Seite enthält eine Fülle von Informationen, ohne dass das Buch überfrachtet oder ermüdend wirken würde. Wer sich gründlich informieren möchte, ist mit diesem Titel gut beraten.
Der Autor hat bereits angekündigt, im Frühling 2017 ein weiteres Buch zu diesem Thema herauszubringen, das sich mit den Jahren 1936 bis 1939 beschäftigen wird.
Schreiben im Exil 1933-1935 ist bei BoD erschienen und kostet als Taschenbuch 9,95 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 5,49 Euro.