Markus Orths erschafft für seinen neuen Roman Die
Enthusiasten die fünfköpfige Familie Bär: die Geschwister Vincent, Elfie und Marcellus sowie die Eltern, die ihrer Funktion entsprechend nicht mit ihren Namen benannt, sondern als Mutter und Vater angesprochen werden.
Jede freie Stelle des Elternhauses ist mit Bücherstapeln bedeckt, die Eltern horten im großen Stil antiquarische Bücher, für die der Vater immer neue Abstellflächen erschafft. Das Familienheim hat eine so verwunschene Atmosphäre, dass es von den Bärs als Hexenhäuschen bezeichnet wird. Sprechen die Bücher miteinander? Der Vater, der sein Leben lang als Schriftsetzer gearbeitet hat, und die Mutter, die eine Quelle fantasievoller Geschichten ist, würden diese Vermutung bestätigen.
Doch eines Tages verschwindet die Mutter von einem Tag auf den anderen. Ist sie aus freien Stücken gegangen? Wurde sie Opfer eines Verbrechens? Auf diese Fragen wird es bis zur letzten Seite keine Antwort geben. Klar ist jedoch: Die Abwesenheit der Mutter ist eine traumatische Zäsur für die Kinder und ihren Vater. Die individuellen Interessen, die in ihnen allen angelegt waren, nehmen schnell fanatische Züge an: Der Vater führt literarische Statistiken, Marcellus steigert sich in seine Filmliebe hinein, Elfie jagt der Dunklen Materie hinterher und Vincent, die zentrale Figur in diesem Roman, entdeckt seine Liebe zu Laurence Sterne, einem weltberühmten Autor des 18. Jahrhunderts.
Vincents Obsession beschränkt sich nicht auf Sternes bekannte neun Bücher; mit zwei weiteren Sterne-Fans pflegt er die Idee, dass es noch ein zehntes Buch geben müsse, das irgendwann verloren gegangen ist.
Die Situation eskaliert, als sich die drei Sterne-Anhänger anlässlich des 250. Geburtstags ihres Idols an seinem Grab im britischen Coxwold zusammenfinden. Sie besuchen das Dorf jedes Jahr, doch diesmal ist etwas anders: Ein Unbekannter bietet ihnen Sternes ersehntes zehntes Buch zum Kauf an und verlangt 150.000 Pfund. Mit Abschriften zweier Kapitel zerstreut der Fremde die letzten Zweifel an der Echtheit des Werkes. Doch die Drei können den Betrag nicht aufbringen. Aber wo kein Geld ist, hilft vielleicht Gewalt weiter: Vincent steigert sich derart in den Wunsch hinein, das zehnte Buch zu besitzen, dass er zu allem bereit ist.
Lesen?
Die Enthusiasten ist ein Fest für Fans von Wortspielereien und -verfremdungen. Immer wieder reihen sich über längere Passagen Absurditäten aneinander, die nur den Sinn haben, mit Sprache zu jonglieren. Der Kern der Handlung erschließt sich jedoch erst im letzten Zehntel des Romans: Orths blickt in eine Zukunft, in der Literatur auf anderen Wegen erstellt wird als heute, und lässt das Für und Wider eines solchen Szenarios von Vincent und dem Fremden ausdiskutieren. Wer die Entwicklung des schriftstellerischen Schreibens in den letzten Jahren verfolgt hat, ahnt, was gemeint ist.
Orths Buch hat leider Längen, die vermeidbar gewesen wären. Manche Sprachspiele wirken sehr gewollt und ausufernd, an etlichen Stellen wird der Zufall überstrapaziert und die Logik ignoriert. Wenn man damit leben kann, diese Abschnitte nur quer zu lesen, hält man gute Unterhaltung in den Händen.
Der Verlust der Mutter, der immer wieder betrauert wird, führt nicht dazu, dass sich die Familie ernsthaft um die Aufklärung ihres Verschwindens bemüht. Es ist irritierend, dass das Fehlen derjenigen Person, um die zuvor das Familienleben kreiste, jahrzehntelang nur melancholische Apathie und keine Aktivität auslöst.
Die Enthusiasten ist 2026 im Galiani Verlag, einem Imprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen. Die gebundene Ausgabe kostet 24 Euro, das E-Book 19,99 Euro.

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