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Freitag, 12. Dezember 2025

# 493 - Und dann geht es doch: Wie man sein Ziel erreicht, obwohl das unmöglich erscheint

Wer sich ein bisschen für klassische Musik interessiert,
hat seinen Namen vielleicht schon mal gehört: Felix Klieser ist einer der weltbesten Hornisten, obwohl bei seiner Geburt nichts für diese außergewöhnliche Karriere gesprochen hatte.

Klieser kommt ohne Arme auf die Welt. Seine Eltern haben sich darum wahrscheinlich schon früh gefragt, welchen Weg ihr Sohn später einschlagen würde - und könnte. Mit seinem Wunsch, den er als Vierjähriger äußerte, haben sie wohl kaum gerechnet: In seinem Buch Stell dir vor, es geht nicht, und einer tut es doch erzählt er, dass er sich wünschte, Horn zu spielen. In seiner Familie spielte niemand ein Instrument, der kleine Felix hatte noch nie bewusst ein Horn gesehen. Wie dieser Wunsch entstanden ist, bleibt bis heute ein Rätsel.

Felix Klieser bleibt am Ball. Er stellt sich den Problemen, die sich beim Spielen des Instruments ergeben, und findet kreative Lösungen. Als Klieser fünfzehn Jahre alt und seit zwei Jahren Jungstudent an der Musikhochschule Hannover ist, entwickelt sich der Verlauf eines Interviews zu einem Tiefschlag. Eine Stiftung zeichnet ihn mit einem Preis aus, der seine Karriere unterstützen soll. Ein Reporter der örtlichen Tageszeitung bittet ihn und seinen Lehrer um ein Interview. Der Journalist fragt Klieser, ob er sich vorstellen kann, das Hornspielen zum Beruf zu machen. Noch bevor dieser antworten kann, greift sein Lehrer in den Dialog ein: "Felix ist ein toller junger Hornist. Doch mehr als ein Hobby wird bei ihm leider nicht möglich sein. Denn für gewöhnlich haben Hornisten ihre rechte Hand im Schalltrichter. Damit können Sie den Klang modifizieren. Da Felix ohne Hand im Schalltrichter spielt, wird er niemals so klingen, wie ein normaler Hornist. So wird er es professionell nie schaffen."

Das saß. Nie zuvor hatte der Lehrer mit seinem Schüler Felix über dieses technische Problem und seine Zukunftsaussichten gesprochen. Doch im Interview fand er nichts dabei, die musikalischen Grenzen des Fünfzehnjährigen in der Öffentlichkeit zu definieren und ihm eine Zukunft als Berufsmusiker abzusprechen. Der Lehrer soll sich irren: Felix Klieser stellt sich jedem Problem und findet als Autodidakt Lösungen. Er sieht immer nach vorn und sagt: "Manchmal bin ich überzeugt davon, dass diejenigen, die ihr Ziel erreichen, einfach nur nicht stehen bleiben. Egal, was passiert, sie laufen weiter." Disziplin und Beharrlichkeit zeichnen Klieser aus. Aber es gibt auch Tiefpunkte, an denen er kurz davor ist, das Hornspielen an den Nagel zu hängen und seinen Traum vom Profimusiker aufzugeben. Doch er entscheidet sich jedes Mal fürs Weitermachen.

Felix Kliesers Blick ist jedoch nicht nur auf seine Karriere als Musiker gerichtet. Er beschreibt auch, wie Mitmenschen auf eine Person mit einer sichtbaren Behinderung reagieren: Von der körperlichen Einschränkung wird oft auf eine geistige Minderung geschlossen. Der Weg zur Förderschule ist dann manchmal nicht mehr weit, der behinderte Mensch wird in eine Schublade gesteckt und aussortiert. Viele behinderte Menschen haben deshalb Selbstzweifel, die ein Leben lang anhalten können. Das blieb ihm erspart.

Felix Klieser ist heute auf der ganzen Welt als Musiker unterwegs und arbeitet mit renommierten Orchestern und Dirigenten zusammen. 2013 wurde der heute 34-Jährige mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet.

Lesen?

Felix Kliesers Buch ist nur auf den ersten Blick eine reine Autobiografie. Vielmehr zeigt er seinen Leserinnen und Lesern, dass es sich lohnt, seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und Hürden zu überwinden. Problemen kann er Positives abgewinnen: "Mit jedem Problem, das wir lösen, lernen wir. Machen positive Erfahrungen. Auf diese Weise verlieren wir Stück für Stück die Furcht vor ihnen." Die Botschaft: Du kannst alles schaffen.

In einem Punkt stimme ich ihm allerdings nicht zu: Klieser ist der Meinung, "die Hauptgründe dafür, nicht noch mal etwas Neues zu beginnen, liegen meist eher in der Sorge vor Verlust als in der Sorge, vielleicht nicht so viel zu gewinnen, wie man womöglich könnte." Aus meiner persönlichen Perspektive kann die Angst vor Neuem auch daher rühren, dass eine Entscheidung auch Folgen für andere wie zum Beispiel die eigenen Kinder hat.

Stell dir vor, es geht nicht, und einer tut es doch ist 2024 im Econ Verlag erschienen und kostet 22,99 Euro und als E-Book 18,99 Euro.

Montag, 5. Juni 2023

# 395 - Gespräche voller Erkenntnisse

Der Publizist und Schriftsteller Max Dax hat Erfahrung
darin, sich mit einer besonderen Gesprächsführung auf Augenhöhe mit seinen Interviewpartnerinnen und -partnern zu begeben und ihnen zahlreiche Informationen zu entlocken. 1992 gab er das erste Exemplar der Zeitschrift "Alert" heraus, das wie sein von Andy Warhol veröffentlichtes Vorbild "Interview" darauf setzte, die Interviewten nicht zu provozieren und keine Dissonanzen entstehen zu lassen. "Alert" gab es immerhin zwölf Jahre auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt.

Dax' Buch Dreißig Gespräche (veröffentlicht 2008) wurde zu einem Interview-Klassiker. Mit Was ich sah, war die freie Welt knüpft er daran an und stellt erneut Interviews mit mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vor. 
Für den Einstieg wird jedoch Dax befragt. Die Publizistin und Autorin Katarina Holländer befragt ihn in einem per E-Mail geführten Interview u. a. nach seiner Motivation für die Gespräche und deren besonderem Wesen.   

Die spezielle Atmosphäre offenbart sich jedoch schon gleich beim ersten Interview, das Dax 2021 mit Horst Scheuer geführt hat. Scheuer ist ein insbesondere in Wien bekannter Gastronom, der dort und in Berlin mehrere Lokale betrieben hat, die zu Publikumsmagneten wurden. Dax' Fragen sind durch Wohlwollen geprägt, ohne dass sich der Autor anbiedern würde. Sie sind wie ein Schubs, den man einem Ball gibt, und bringen den interviewten Scheuer zum Erzählen - auch über die eigentliche Fragestellung hinaus. Schnell fallen die ersten Namen: Michel Würthle, Ingrid und Oswald Wiener sowie ihre Tochter Sarah (genau, die Fernsehköchin). Ihnen wird man in diesem Buch noch gesondert begegnen, und sowohl sie wie auch alle anderen Interviewpartnerinnen und -partner werden sich Dax öffnen und viel von sich preisgeben.

Der Untertitel des Buches 24 Gespräche über die Vorstellungskraft weist darauf hin, was alle, die hier zwischen 2001 und 2021 zu Wort gekommen sind, in ihrem Leben angetrieben hat: die Vorstellung dessen, was sein könnte und was sie erreichen könnten.
Der Kanon Verlag bewirbt das Buch auf seiner Homepage unter anderem mit diesem Satz: "
Max Dax verführt 24 weltberühmte und prägende Künstler: innen unserer Zeit zu den überraschendsten Antworten." Tatsächlich sind es ein paar mehr, denn in einem Fall handelt es sich nicht um ein Interview, sondern in einer Oral History tauschen sich u. a. der Schauspieler Bruno Brunnet, der Künstler Günter Brus, die Gastronomen Stephan Landwehr und Michael Würthle sowie das Ehepaar Wiener und ihre Töchter über das einst in Berlin legendäre Lokal "Exil" aus, in dem etliche Promis wie z. B. David Bowie, Quincy Jones oder Max Frisch ab 1972 ein und aus gingen. Amüsant liest sich der kurze Hinweis auf Christo: Der damals noch unbekannte Verpackungskünstler war gerührt, als ihm Sarah Wiener seinen Nachtisch einpackte.

Dax' Hinweis auf "weltberühmte" Künstler im Untertitel stimmt vermutlich nur, wenn man sich wie er seit Jahrzehnten in der Kunst- und Kulturszene bewegt. Mir waren selbstverständlich Grace Jones, Yoko Ono oder Björk bekannt. Namen wie Joe Zawinul, Mimmo Siclari oder Irmin Schmidt machten mich jedoch ratlos. Zum Glück lassen sich solche Bildungslücken in Sekundenschnelle beheben: Der Österreicher Zawinul war einer der einflussreichsten Jazz-Musiker des letzten Jahrhunderts, der Italiener Siclari hat Lieder der kalabresischen Mafia, der 'Ndrangheta, seit den 1970-er Jahren auf Musik-Kassetten eingesungen, und Irmin Schmidt ist einer der Gründer der 1968 gegründeten Avantgarde-Band CAN, die vor allem in den 1960-er und 1970-er Jahren ihre Erfolge hatte.

Die Interviews mit ihnen zu lesen, ist für sich genommen schon spannend. Doch es ist wirklich hilfreich, parallel zur Lektüre die Musik der Künstler zu hören und in ihre Zeit einzutauchen. Das gilt beispielsweise auch für Tony Bennett, mit dem sich Dax 2015 unterhalten hat. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den 1926 geborenen Sänger und Entertainer in meiner Jugend als Interpreten von, nun ja, Kitsch wahrgenommen habe. Tatsächlich gehört er zu den bekanntesten Jazz-Interpreten der Welt und hat mit Lady Gaga zwei Alben aufgenommen (2014 und 2021). Ein gemeinsamer Auftritt der beiden im Jahr 2021 war gleichzeitig auch Bennetts letzter: Seine 2016 diagnostizierte Alzheimer-Erkrankung lässt es nicht mehr zu, weiterhin musikalisch tätig zu sein.

Lesen?

Was ich sah, war die freie Welt ist so etwas wie eine Entführung. Bekannte Persönlichkeiten öffnen sich Dax gegenüber auf eine andere Weise, als man es von Interviews der (Boulevard-)Presse gewohnt ist. Man reist mit ihnen Jahrzehnte in der Kulturgeschichte zurück und erhält Informationen über Zusammenhänge und Hintergründe, die man woanders noch nicht gelesen hat. An dieser Stelle wiederhole ich meinen Tipp, parallel zum Lesen die jeweils genannte Musik zu hören.

Was ich sah, war die freie Welt ist 2022 im Kanon Verlag Berlin erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Tipp: Noch mehr Interviews von und mit Max Dax gibt es hier.

Donnerstag, 18. August 2022

# 360 - Eine fast vergessene Autorin, deren Buch zuerst von Toni Morrison gelesen wurde

Heute ist die deutsche Übersetzung des Romans
Corregidora erschienen, der in den USA bereits 1975 herausgegeben wurde und dort ein großer Erfolg war. Die Schriftstellerin Toni Morrison war vor fast fünfzig Jahren Lektorin im Verlag Penguin House und hat das Potenzial des Buches erkannt: "Gayl Jones hat die schwarze Literatur für immer verändert. Nach Corregidora kann kein Roman über eine schwarze Frau mehr sein wie vorher", urteilte sie damals.

Im Mittelpunkt steht die afroamerikanische Blues-Sängerin Ursa Corregidora, die in den 1940-er Jahren in Kentucky lebt und ihre Lieder in Bars singt. Ursa ist mit Mutt verheiratet, der ihren Gesang vor fremden Männern grundlos eifersüchtig beobachtet. Er begreift nicht, dass seine Frau nicht nur singt, um Geld zu verdienen, sondern in erster Linie, um das Trauma zu verarbeiten, das insbesondere die Frauen ihrer Familie seit Generationen mit sich herumtragen.

Ihre Mutter und ihre Großmutter haben als Sklavinnen unter dem brasilianischen Farmer Corregidora gelitten, von dem beide abstammen. Ihre Urgroßmutter wurde von ihm missbraucht. Der Sklavenhalter ist damit sowohl Ursas Großvater als auch ihr Urgroßvater. Insbesondere seine Sklavinnen hatten unter ihm ein furchtbares Leben: Tagsüber schufteten sie auf den Feldern, abends wurden sie gezwungen, sich zu prostituieren, um ihrem "Herrn" weitere Einnahmen zu verschaffen - und dessen sexuelle Befriedigung.

Mutt ahnt von dieser Tragik nichts, denn viel miteinander gesprochen wird in diesem Roman nicht. Es sind überwiegend kurze, harte und hin und wieder kryptische Sätze, die die Protagonisten miteinander wechseln. Manchmal muss auch ein hingeworfenes Wort reichen. Und so deutet Mutt den hingebungsvollen Gesang seiner Frau falsch und greift sie im Streit tätlich an. Die Folgen sind gravierend: Ursa wird nach dem durch ihren Mann ausgelösten Sturz unfruchtbar und verliert das Kind, mit dem sie schwanger war.

Das für sie ohnehin furchtbare Erlebnis führt zum Ende ihrer Ehe und zu einer weiteren Belastung: Sowohl Mutter als auch Großmutter hatten Ursa ihr ganzes Leben lang eingeschärft, sie müsse viele Kinder bekommen, ihnen ihre Familiengeschichte erzählen und so die Erinnerung an die schreckliche Zeit der Sklavenhaltung aufrecht erhalten. Diese Aufgabe hatten die beiden Frauen Ursa gegenüber wie ein Mantra immer wiederholt, doch nun kann sie diesen Auftrag nicht mehr erfüllen. Nur singend kann sie die Geschichte weitergeben.

Ursa findet zunächst Trost und Zuflucht bei Tadpole, dem das Lokal gehört, in dem sie singt. Sie schlittert in eine weitere Ehe und erlebt wieder ein Desaster. Der Schatten der Vergangenheit und ihre Unfruchtbarkeit verändern ihre Persönlichkeit. Mutt bleibt jedoch ein Teil ihres Lebens.

Lesen?

Corregidora ist ein Buch, bei dem man beim Lesen immer wieder tief durchatmen muss. Gayl Jones' Sprache ist direkt, schnörkellos und oft brutal. Da ist kaum etwas Weiches oder Gefälliges. Man spürt auf jeder Seite, wie die Geschichte der Versklavung ihrer Vorfahren sich wie ein roter Faden durch Ursas Leben zieht. Wer mit einer manchmal belastenden Atmosphäre umgehen kann, sollte dieses Buch lesen.

Corregidora ist im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 23 Euro, als E-Book 17,99 Euro sowie als Audio-Buch 23 Euro.

Samstag, 8. Mai 2021

# 289 - Igor Levit: Nicht einfach "nur ein Pianist"

Wer sich für Musik interessiert, wird seinen Namen schon einmal gehört haben; wer sich insbesondere für klassische Klaviermusik interessiert, kommt an ihm praktisch nicht vorbei: Der Pianist Igor Levit hat sich in der Musikwelt längst einen Namen gemacht und lockt auf der ganzen Welt viele Menschen in seine Konzerte.

Der Journalist Florian Zinnecker hat Igor Levit ein Konzertjahr lang begleitet. Es gab persönliche Treffen, Telefonate und E-Mails. Hin und wieder habe ich in Feuilletons gelesen, bei dem so entstandenen Buch Hauskonzert handele es sich um eine Biografie. Man kann angesichts Levits Alter (34) und des relativ kurzen Zeitraums, in dem sich der Kontakt zwischen Levit und Zinnecker abgespielt hat (Dezember 20019 bis August 2020), durchaus anderer Meinung sein.

Was das Buch aber auf jeden Fall ist: ein Porträt, das sich nicht nur mit dem erfolgreichen Musiker Igor Levit beschäftigt, sondern auch mit dessen Persönlichkeit. Levit blickt zurück auf sein Leben, in dem sich seine Kindheit als große Leerstelle erweist: Wie er sich in seiner Geburtsstadt Gorki gefühlt hat, wie seine ersten Lebensjahre verlaufen sind - Levits Erinnerungen an viele Dinge sind nur verschwommen und werden von denen seiner Mutter Elena ergänzt.

Präsent sind hingegen die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit. Freundschaften entstehen, verfestigen sich und werden beendet - durch den Tod oder weil die jeweiligen Wege auseinandergehen.

Levits künstlerischer Erfolg war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Rückschläge markierten seinen sich über etliche Jahre hinziehenden Aufstieg in die Musikelite. Seine musikalische Ausbildung erhielt er überwiegend an der renommierten Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, wo er seit 2019 auch eine Professur inne hat.

Die Musik nimmt ohne Frage einen großen Teil von Levits Leben ein. Der Pianist ist jedoch auch ein politischer Mensch, der sich immer wieder über seinen Twitter-Account zu Antisemitismus und Rassismus äußert. Das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, sondern auch reichlich Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.
Vielen Menschen wurde er erst durch seine Aktivitäten dort bekannt: Als mit dem Beginn der Pandemie sich im März 2020 auch die Türen der Konzertsäle auf unbestimmte Zeit schlossen, entschied sich Levit spontan zu seinen Hauskonzerten auf Twitter. Das erste fand am 12. März statt, er spielte die Waldsteinsonate von Beethoven. 80.000 Menschen haben live zugesehen. 52 Hauskonzerte waren es, das letzte gab es am 4. Mai 2020. Diese Konzerte, die mithilfe von Smartphones übertragen wurden, waren für Igor Levit wichtig, weil er auf diese Weise vor Publikum spielen konnte und einen Grund hatte, sich ans Klavier zu setzen.

Die Pandemie ist für Levit wie für jeden anderen Künstler eine große Katastrophe. Es geht nicht nur um fehlende Einkünfte, sondern auch um die große Leere, die sich auf die Psyche niederschlägt. Seine Rettung sind die Menschen, die ihm nahestehen, und die Musik, die er vor Publikum spielt.
Levit neigt zu spontanen Entschlüssen, und aus einer Laune heraus beschloss er, die Vexations des französischen Komponisten Erik Satie zu spielen: ein Thema und zwei Variationen, die sich 840 Mal wiederholen. Das Stück symbolisiert für Levit die Leere, die durch die Schließung der Konzertsäle und den gleichgültigen Umgang der verantwortlichen Politiker damit entstanden ist. Das Spielen dieses monotonen Stücks dauerte vierzehneinhalb Stunden und ist für den Pianisten wie eine Vertonung der Schmerzensschreie der Kunst.

In Hauskonzert kommt man Igor Levit sehr nah. Das gelingt noch besser, wenn man während des Lesens die Stücke hört, die ihm wichtig sind. 

Lesen?

Um sich für Igor Levit zu interessieren, muss man kein Fan von Klaviermusik sein. Das Buch gibt nicht nur Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern auch in unsere Gesellschaft, in der es Menschen gibt, die andere wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft angreifen und bedrohen. Levit musste sogar erleben, dass sich ein bekannter deutscher Musikkritiker mit antisemitischen Zwischentönen über die Art des Pianisten, Beethoven zu spielen, äußerte und sich dabei eines im Nationalsozialismus verbreiteten Narrativs bediente, wonach jüdische Künstler außerhalb der deutschen geschichtlichen Gemeinsamkeit aufgewachsen und deshalb nicht zu einer eigenen Schöpfung in der Lage sind, sondern die wahre Kunst nur nachahmen. Diese Äußerung stammt aus einem Aufsatz von Richard Wagner aus dem Jahr 1850. Levit wird (glücklicherweise) nicht müde, gegen diese Entwicklung Stellung zu beziehen. Leseempfehlung!

Hauskonzert  ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Freitag, 19. März 2021

# 282 - Grüner wird's heute nicht mehr

Warum widmet man sich ausgerechnet der Farbe Grün?
Darauf gibt der Autor des Buches Grün, Prof. em. Hermann J. Roth, zwar keine Antwort, aber wenn man sich auf seiner Homepage umsieht, erkennt man schnell, dass ihm neben seinem Fachgebiet, der Pharmazie, auch die Kunst wichtig ist. Roth sieht in der Wissenschaft auch immer die Ästhetik.

Sein Buch trägt den Untertitel Das Buch zur Farbe. Dieses Konzept wird sowohl inhaltlich verfolgt als auch ästhetisch konsequent durchgehalten. Nicht nur der Einband ist in Grün gehalten, sondern ebenso der Schnitt, die Seitenränder sowie Überschriften, Seitenzahlen und Verweise.

Roth durchstreift praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens, in denen die Farbe, mit der gemeinhin Leben und Hoffnung assoziiert wird, vorkommt: In sechzehn Kapiteln erläutert er nicht nur die Herkunft des Wortes, sondern sieht sich in den Naturwissenschaften, der Medizin und Pharmazie, der Politik oder der Literatur um. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie oft und wofür der Begriff 'Grün' verwendet wird. Da geht es um den Grünen Strahl (ein Phänomen, das beim Sonnenuntergang entsteht), das Grünkreuz (das nichts Positives an sich hat), die Grünen Drogen (Drogen, die das Wort 'Grün' in ihrer Bezeichnung führen, wie z. B. Grünes Pflaster) oder die Grüne Hochzeit. Im letzten Kapitel 'Grüner Omnibus' finden sich Begriffe, die sich thematisch nicht einem der vorangegangenen Kapitel zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise das 'feindliche Grün' aus dem Straßenverkehr oder die Grüne Fee als poetische Bezeichnung für Absinth.

Jedes Kapitel ist mit Fotos oder Zeichnungen von (überwiegend) grünen Tieren, Menschen, Gebäuden oder Gegenständen illustriert. Nach der letzten Seite fragt man sich, ob sich Roth wohl noch weiteren Farben widmen wird. Grün ist ein sehr interessantes und unterhaltsames Buch. Leseempfehlung!

Grün ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro.

Freitag, 17. April 2020

# 236 - "Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie"


Melissa Dreyer ist die Hauptfigur im Roman Stummer Wechsel von Karin Nohr. Sie als ambitioniert zu bezeichnen, wäre eine große Untertreibung. Die promovierte Leiterin eines Gymnasiums scheint nur zwei wirkliche Leidenschaften zu kennen: ihren Beruf, durch den sie sich Achtung und Anerkennung erworben hat, und den Chor, in dem sie dank ihres außergewöhnlichen Soprans eine wichtige Rolle inne hat. Doch nicht nur der Gesang treibt die Frau jede Woche pünktlich zur Probe, sondern vor allem der charismatische Chorleiter Herbert Michaelis. Melissa ist in ihn verliebt und glaubt, zwischen sich und dem Mann eine Seelenverwandtschaft zu erkennen. 

Doch dann tritt Marie Baumgarten als neues Mitglied in den Chor ein. Als sich Harald für die junge Frau interessiert, bricht Melissa tief verletzt den Kontakt zu ihm und ihre Mitarbeit im Chor abrupt ab und verfällt in eine persönliche Krise, unter der auch ihre Arbeit in der Schule leidet. Ihre äußerst loyale Schulsekretärin Anja Miljes hält ihr die Stange, was vor allem durch deren intime (und geheime) Beziehung zu Schulrat Jürgen Pönsgen gut gelingt. Als dann ein zunächst Unbekannter Melissa zu Hause mit einem Messer niedersticht, nimmt ihr Leben eine radikale Wendung.

Dass Karin Nohr promovierte Psychologin und Psychoanalytikerin ist, merkt man ihrem Roman an. Die Hauptfiguren, die zum Teil über Eigenschaften verfügen, die sie dem Leser zunächst suspekt oder unseriös erscheinen lassen, lassen im Laufe der Handlung gewissermaßen ihre Hüllen fallen. Man erkennt, welche Last aus der Vergangenheit sie mit sich herumtragen und wie sie von ihnen nahestehenden Menschen verletzt wurden. Ihnen ist gemeinsam, dass sich jede auf eigene Weise mit ihrem Schicksal arrangiert, sich aber niemand professionelle Hilfe geholt hat. 

Stummer Wechsel ist spannend geschrieben und bekommt durch Nohrs Humor einen unverwechselbaren Stil. Am Ende des Romans fragt man sich unwillkürlich, welche Lasten aus der Vergangenheit sich bis heute auf das eigene Verhalten und den Lebensweg auswirken und was sich hinter der Fassade unserer Mitmenschen verbergen mag. Die Redewendung, die der Titel dieser Rezension ist, gibt einen Hinweis darauf. Lesen!

Stummer Wechsel  ist im Größenwahn Verlag erschienen und kostet in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 15 Euro, als gebundenes Buch 21,90 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 16. Dezember 2016

# 80 - Was macht China aus?

Eine Übersetzung, die ein Leben verändert

 

London im April 2013: Die Übersetzerin Iona Kirkpatrick beginnt mit ihrer Arbeit an einem Stapel fotokopierter chinesischer Schriftstücke. Der ihr bis dahin nicht bekannte Verleger Jonathan Barker hat ihr vor einigen Wochen ein ungeordnetes Konvolut von Tagebüchern und Briefen gegeben, von denen er den Eindruck hat, dass hinter ihnen etwas Bedeutendes stecken könnte. Tatsächlich soll sich diese Vermutung bestätigen. Um diesen Plot rankt sich die Geschichte, die die chinesische Autorin Xiaolu Guo in ihrem Roman Ich bin China erzählt.

Das Individuum ist der Feind des Kollektivs

 

Iona führt ein Leben in einer selbstgewählten Einsamkeit: Außer der wechselnden Sexualpartner, zu denen sie keine emotionale Bindung hat und die sie nach einer gemeinsamen Nacht aussortiert wie einen Packen Altpapier, bekommt sie keinen Besuch. Ihre Schwester, die in ihrer Rolle als Mutter aufgeht, sieht sie selten, die Eltern noch seltener. So vertieft sie sich in die chinesischen Aufzeichnungen, die ihr zunächst rätselhaft erscheinen. Doch nach und nach begreift sie, dass sie eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen zwei Chinesen vor sich hat, die von Anfang an schwierig ist und durch das politische System behindert wird. Sie beginnt Anfang November 1993: Kublai Jian ist 21 Jahre alt, Student und Punk-Musiker in Peking, die 18-jährige Deng Mu ist als Besucherin beim Konzert seiner Band. Schon zwei Monate später kritisiert Jian seine Freundin in einem seiner Tagebucheinträge: Sie hat begonnen, sich für den Dichter Hai Zi zu interessieren, der für ihn nicht akzeptabel ist, weil er dessen Lyrik für rückgewärtsgewandt und morbide hält. Was soll man schon über einen denken, der sein Leben mit 25 auf Eisenbahnschienen liegend beendet? 
Im Laufe der Jahre werden Mu und Jian ihre Höhen und Tiefen mteinander haben, für eine kurze Zeit sind sie sogar Eltern eines Sohnes. Doch dann, im Dezember 2011, wird Jian außer Landes gebracht, nachdem man ihn zuvor in der Gefangenensammelstelle vor der Stadtgrenze Pekings festgehalten hatte. Ihm ist zum Verhängnis geworden, während eines seiner Konzerte ein politisches Schriftstück, das er als sein Manifest bezeichnet, ins Publikum geworfen zu haben. Ein Schriftstück mit den Gedanken des Künstlers, die sich nicht an die Staatsdoktrin halten wollen. Das kann nicht gutgehen, zumal Jian einer Familie angehört, zu der ein Kriegsheld und ein hoher Funktionär gehören. So wird eine Nervenklinik in Lincolnshire seine erste Station, der noch weitere folgen sollen. Aber Jian und Mu versuchen noch eine Weile, den Kontakt durch Briefe aufrechtzuerhalten, die jedoch immer verzögert ihre Empfämger erreichen: Nicht nur Jian wechselt mehrmals den Aufenthaltsort, sondern auch Mu versucht, sich ohne ihren Freund ein eigeständiges Leben als singende Protest-Lyrikerin aufzubauen. Ein Manager formt eine Band mit ihr als Frontfrau und organisiert eine USA-Tour, die den Protest kommerzialisiert. Damit entfernt sie sich ein gutes Stück von der Idee Jians, mit Musik eine politische Veränderung zu bewirken.

Der Sog einer Lebensgeschichte

 

Iona vertieft sich so sehr in die chinesischen Unterlagen, dass sie ihr eigenes Leben zunehmend aus den Augen verliert. Immer tiefer steigt sie in die chinesische Geschichte um Mao und den Langen Marsch ein, um zu verstehen, was in Mu und Jian vorgeht und worauf deren Konflikte begründet sind. Sie recherchiert ausführlich, und zusammen mit Jonathan gelingt es ihr, die Puzzleteile, die zu Jiangs Leben gehören, zu einem großen Ganzen zusammenzuführen. Der Lebensabschnitt von Jian in Europa beginnt keine 1 1/2 Jahre vor Ionas Übersetzungsarbeit, sodass die Übersetzerin in dem Gefühl arbeitet, sie laufe den frischen Spuren der beiden Chinesen hinterher. Jonathan ist von der Entwicklung und den Erkenntnissen, die mit Ionas Arbeit gewonnen werden konnten, so begeistert, dass er die Unterlagen unbedingt als Buch herausbringen will. Doch da gibt es Leute, die seine Pläne verhindern wollen: Jemand hat sich Zugang zu allen gespeicherten Projektdaten verschafft, die beim Verlag vorhanden sind. Kurz darauf wird Jonathan zum ersten Mal und ohne eine stichhaltige Begründung ein Visum nach China verwehrt. Er beschließt trotz Ionas Protest, die Veröffentlichung zu stoppen. Iona hat sich indessen eine ganz andere Idee in den Kopf gesetzt: Sie will versuchen, den Konatkt zwischen Mu und Jian wieder herzustellen.

Ein großer Bogenschlag in der Geschichte Chinas

 

Ich bin China geht in der chinesischen Geschichte so weit zurück, wie es nötig ist, um insbesondere Jians Lebensweg zu erklären, nämlich bis zur Zeit des Langen Marsches 1934 bis 1935. Xiaolu Guos Roman ist sehr vielschichtig angelegt und zeigt den Konflikt zwischen dem früheren und modernen China auf, in dem Individualität und Freiheit bis heute der Stabilität und Ordnung untergeordnet sind. Ein Buch, das ich unbedingt empfehlen kann.

Ich bin China wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist 2015 im Knaus Verlag  erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €.

Hinweis: Wer sich für den Maoismus in China interessiert, sollte sich auch das Buch  Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics ansehen.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Der September ist vorbei - diese Bücher gab es bei mir

Dieser Monat hielt die unterschiedlichsten Bücher bereit

 

Es ging mit einem Buch los, das bei euch sehr gut angekommen ist: ROAD DOGS von Elmore Leonard guckte zwei ungleichen Knastkumpels über die Schulter, die fast gleichzeitig in die Freiheit entlassen werden. Sie haben eine sehr eigenwillige Strategie, ihr neues Leben zu meistern und wissen schon nach kurzer Zeit nicht mehr, wem sie noch trauen können. Sehr spannend und unterhaltsam, darum gibt es für diesen Roman

  (von 5)
 
Wenn ihr euch für den Autor interessiert: Bei youtube gibt es eine Reihe von Interviews mit dem bereits vor zwei Jahren verstorbenen Schriftsteller. 




Am 11. September habe ich euch UNERKANNT DURCH FREUNDESLAND vorgestellt. Das Buch enthält selbst verfasste Reisebrichte von DDR-Bürgern, die in den 1970er und 1980er Jahren illegal auf eigene Faust die UdSSR erkundet haben. Es beinhaltet unzählige Fotos aus der damaligen Zeit und erzählt authentisch von den Sorgen und Nöten der Abenteurer, aber auch von der sehr großen Gastfreundschaft, die sie erfahren haben. Ein Buch zum Immer-wieder-in-die-Hand-nehmen, darum auch hierfür

 


  
Weiterführende Links befinden sich direkt unter der Rezension.




In der Woche darauf habt ihr meine Buchbesprechung zu dem Roman DIE WAHRHEIT ÜBER DEN FALL HARRY QUEBERT gelesen. Ein Verwirrspiel um die Frage: Wer hat vor 33 Jahren die 15-jährige Nola ermordet? Das Buch ist eine Mischung aus Krimi und der Betrachtung von menschlichen Abgründen. Sehr spannend geschrieben und bestens geeignet für lange Leseabende. An dieser Stelle nochmals mein herzlicher Dank an die Hemminger Buchhandlung und ihren Eigentümer Stefan Koß, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Es bekommt von mir


 

 
Der Piper-Verlag hat zu diesem Roman einen kurzen Buch-Clip  veröffentlicht.




Am 25. September habe ich mir über das Buch DER GRÖSSERE TEIL DER WELT Gedanken gemacht. Im Zentrum des Geschehens steht die Karriere des alternden Musikproduzenten und Ex-Punk-Rockers Bennie Salazar und seiner Assistentin Sasha, die er nach 12 Jahren intensiver Zusammenarbeit wegen ihrer Kleptomanie feuert. Für diesen Roman, der einen zeitlichen Bogen von den 1970er Jahren bis heute schlägt, bekam Jennifer Egan 2011 den Pulitzer Preis. Wenn ihr meine Buchbesprechung gelesen habt, wisst ihr bereits, dass sich meine Begeisterung in überschaubaren Grenzen gehalten hat. Deshalb finde ich 


angemessen. Aber: Erlaubt ist, was gefällt. Eine Videorezension von einer Buchhändlerin, die das Buch richtig gut findet, hilft euch vielleicht bei der Kaufentscheidung.
 


Das war's für den September. Ich hoffe, dass etwas für euch dabei gewesen ist. Wenn nicht, dann wartet auf die Bücher im Oktober.