Jede Woche stelle ich ein Buch vor, das ich gelesen habe und das mich interessiert oder berührt hat.
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Freitag, 17. April 2020
# 236 - "Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie"
Melissa Dreyer ist die Hauptfigur im Roman Stummer Wechsel von Karin Nohr. Sie als ambitioniert zu bezeichnen, wäre eine große Untertreibung. Die promovierte Leiterin eines Gymnasiums scheint nur zwei wirkliche Leidenschaften zu kennen: ihren Beruf, durch den sie sich Achtung und Anerkennung erworben hat, und den Chor, in dem sie dank ihres außergewöhnlichen Soprans eine wichtige Rolle inne hat. Doch nicht nur der Gesang treibt die Frau jede Woche pünktlich zur Probe, sondern vor allem der charismatische Chorleiter Herbert Michaelis. Melissa ist in ihn verliebt und glaubt, zwischen sich und dem Mann eine Seelenverwandtschaft zu erkennen.
Doch dann tritt Marie Baumgarten als neues Mitglied in den Chor ein. Als sich Harald für die junge Frau interessiert, bricht Melissa tief verletzt den Kontakt zu ihm und ihre Mitarbeit im Chor abrupt ab und verfällt in eine persönliche Krise, unter der auch ihre Arbeit in der Schule leidet. Ihre äußerst loyale Schulsekretärin Anja Miljes hält ihr die Stange, was vor allem durch deren intime (und geheime) Beziehung zu Schulrat Jürgen Pönsgen gut gelingt. Als dann ein zunächst Unbekannter Melissa zu Hause mit einem Messer niedersticht, nimmt ihr Leben eine radikale Wendung.
Dass Karin Nohr promovierte Psychologin und Psychoanalytikerin ist, merkt man ihrem Roman an. Die Hauptfiguren, die zum Teil über Eigenschaften verfügen, die sie dem Leser zunächst suspekt oder unseriös erscheinen lassen, lassen im Laufe der Handlung gewissermaßen ihre Hüllen fallen. Man erkennt, welche Last aus der Vergangenheit sie mit sich herumtragen und wie sie von ihnen nahestehenden Menschen verletzt wurden. Ihnen ist gemeinsam, dass sich jede auf eigene Weise mit ihrem Schicksal arrangiert, sich aber niemand professionelle Hilfe geholt hat.
Stummer Wechsel ist spannend geschrieben und bekommt durch Nohrs Humor einen unverwechselbaren Stil. Am Ende des Romans fragt man sich unwillkürlich, welche Lasten aus der Vergangenheit sich bis heute auf das eigene Verhalten und den Lebensweg auswirken und was sich hinter der Fassade unserer Mitmenschen verbergen mag. Die Redewendung, die der Titel dieser Rezension ist, gibt einen Hinweis darauf. Lesen!
Stummer Wechsel ist im Größenwahn Verlag erschienen und kostet in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 15 Euro, als gebundenes Buch 21,90 Euro und als E-Book 9,99 Euro.
Freitag, 21. September 2018
# 168 - "Wir werden immer radikaler"
Das ist der erste Satz auf dem Schutzumschlag des Buches Die radikalisierte Gesellschaft - von der Logik des Fanatismus des emeritierten Psychologieprofessors Ernst-Dieter Lantermann. Gemeint ist damit nicht nur die politische Radikalisierung, sondern auch die unserer Lebensweise: Da geht es um die fanatischen Selbstoptimierer, die ihre Laufrunden nie ohne ihren Fitness-Tracker gehen; die radikalen Veganer, deren Verzicht auf alles Tierische auch Bücher mit geleimten Rücken umfasst - der Leim könnte ja aus Knochen hergestellt worden sein.Was führt zu einer Radikalisierung?
Lantermann erläutert anhand von Studien, wie es zu Radikalisierungen kommt und macht dabei einen Unterschied zwischen Radikalismus und Fanatismus. Er weist auch auf Arten von Radikalisierungen hin, die erst auf den zweiten Blick erkennbar sind: Ein Beispiel sind die Gated Communities, die in den USA, Südafrika, Russland oder Polen schon seit etlichen Jahrzehnten Normalität sind, hier aber erst seit einigen Jahren verstärkt gebaut werden. Menschen, die sich diese Wohnform leisten können, wollen sich abschotten gegen Gewalt, die außerhalb der Zäune und Schranken vermutet wird und fühlen sich hier sicher. Ein weiteres Motiv ist der Wunsch nach einer sozialen Homogenität, um unter Seinesgleichen zu sein und keine Neiddebatten führen zu müssen. Diese Anlagen liegen meist inmitten von Innenstädten: Der Wunsch der Bewohner nach Abschottung ist für die benachbarten Anwohner gleichzeitig eine Zurückweisung und ihnen bleibt der Eindruck, dort ausgenutzt zu werden, wo ihr Viertel Lebenswertes bietet - vom Kindergarten und der Schule bis zur Gastronomie und kulturellen Angeboten. Von den Community-Bewohnern kommt allerdings nichts zurück. Zwischen ihnen und den "außen" lebenden Menschen kommt es zu einer Distanz, wenn nicht sogar Gegnerschaft.
Die Wurzeln der Radikalisierung sieht Lantermann in den schnellen gesellschaftlichen Veränderungen, die bei vielen Menschen zu Unsicherheiten führen. Jeder hat das Bedürfnis nach Gewissheit, Sicherheit, Überschaubarkeit und Kontrollierbarkeit. Wenn dieses Bedürfnis über einen längeren Zeitraum hinweg unerfüllt bleibt, sind die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl bedroht. Eine häufige Reaktion ist dann, sich selbst Sicherheiten und Gewissheiten zu schaffen - in der Radikalisierung oder gar im Fanatismus.
Wie war's?
Das Buch hat mich leider nicht rundum überzeugt. Die Ursachen von Radikalisierung und Fanatismus werden gut verständlich erklärt, diese Erläuterung wiederholt sich jedoch einige Male in leicht veränderten Zusammenhängen. Der Klappentext hat zudem den Eindruck vermittelt, dass sich Lantermann verschiedenen Ausprägungen des Fanatismus gleichermaßen widmen würde, das ist jedoch nur bedingt der Fall: Es werden mehrere Varianten wie z. B. die Selbstoptimierung behandelt, den deutlich breitesten Raum nimmt allerdings die politische Radikalisierung ein. In Anbetracht des politischen Geschehens ist das zwar nachvollziehbar, der Klappentext ist hier jedoch irreführend.
Lantermanns Hoffnung, dem politischen Fanatismus und der Radikalisierung etwas entgegenzusetzen, ruht auf einer engagierten Zivilgesellschaft und er beklagt, dass sich ehrenamtlich Engagierte nicht nur von Rechtsextremen, sondern auch von so manchen Politikern anhören müssen, sie seien Bahnhofsklatscher oder Gutmenschen.
Die radikalisierte Gesellschaft - von der Logik des Fanatismus ist im Blessing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 15,99 Euro.
Freitag, 25. Mai 2018
# 150 - Ein bisschen Optimismus bitte!
Steckt nicht den Kopf in den Sand!
Das könnte die Botschaft sein, die der französische Psychologe und ehemalige Dozent an der Universität Paris Ouest-Nanterre La Défense mit seinem Buch Der Welt geht es besser, als Sie glauben vermitteln will. Lecomte zieht für seine Betrachtungen Statistiken und belastbare Studien heran.Es ist ja alles so furchtbar! Ach, doch nicht?
Wir alle werden von schlechten Nachrichten überflutet: In Zeitungen, im Radio und Fernsehen und auch im Internet jagt eine Krise die nächste, zahllose Menschen sterben und unsere Umwelt ist offenbar so stark verseucht, dass wir nur noch abgekochtes Wasser trinken und flach atmen sollten. Die Welt ist zu einem Schmelztiegel von Gefahren geworden, und bei vielen Menschen macht sich das Gefühl breit: So schlimm wie jetzt war es noch nie! Aber Lecomte weist nach: Es gibt keinen Grund, vor Panik zu hyperventilieren. Im Gegenteil: In den letzten Jahren und Jahrzehnten ging es mit der Erde und ihren Bewohnern bergauf.
In vier Kapiteln greift Lecomte die Bereiche allgemeine Lebensqualität, Gesundheit, Umwelt und Gewalt auf und teilt diese in ihre verschiedenen Ausprägungen auf. So gliedert sich beispielsweise das Kapitel über die Gewalt in Kriege, Terrorismus, Kriminalität und Todesstrafe. Gerade der Terrorismus ist es, der vielen Menschen Angst macht, obwohl die Wahrscheinlichkeit, in Europa einem Terrorakt zum Opfer zu fallen, denkbar gering ist. Lecomte zieht hier die französischen Statistiken aus dem Jahr 2015 heran, die ungünstiger sind als diejenigen für Deutschland, weil in Frankreich mehr Menschen bei einem Attentat gestorben sind: 147 (in Deutschland niemand). 2015 kamen in Frankreich 3.616 Menschen durch Autounfälle und damit 25 Mal so viele wie durch Terrorismus ums Leben, an den Folgen des Rauchens verstarben dort 73.000 Menschen. Die Angst vor diesen beiden Risiken ist jedoch deutlich geringer als die vor dem Terrorismus.
Der Anschlag auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 in Paris ließ die Angst der Franzosen vor einem Terroranschlag nach oben schnellen - menschlich verständlich, aber nicht rational. Lecomte zitiert den renommierten Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan, der der Meinung ist, dass es ohne die Medien keinen Terrorismus gäbe. Der Terrorismus lebt von der öffentlichen Aufmerksamkeit und der Angst der Menschen. Wenn ein Terroranschlag kein breites Publikum finden würde, wäre er für die Attentäter völlig sinnlos. Aber die mediale Aufmerksamkeit steigt, je mehr Opfer ein Anschlag gefordert hat. Das ist für Terroristen ein Anreiz, Anschläge mit immer mehr Toten und Verletzten zu planen und so das Medienecho am Leben zu erhalten.
Lecomte nimmt ein Zitat von Osama bin Laden aus einem 2004 veröffentlichten Video, das sich an die USA und deren damaligen Präsidenten George W. Bush richtete: "(Es ist) leicht für uns, diese Regierung zu provozieren und zu ködern. Wir müssen nur zwei Mudschaheddins an einen Ort ganz im Osten schicken, wo sie ein Stück Stoff mit der Aufschrift Al-Quaida hochhalten, und schon drehen Generäle durch und ergreifen Maßnahmen, die menschliche, wirtschaftliche und politische Schäden für Amerika verursachen."
Lesen?
Wer bislang glaubte, dass wir einem Armageddon nahe sind, sollte dieses Buch zur Hand nehmen. Jacques Lecomte vertritt eine optimistisch-realistische Weltsicht, die er mit harten Fakten untermauert. Er sitzt jedoch nicht auf einer rosa Wolke, sondern beendet jeden Abschnitt mit deutlichen Hinweisen darauf, wo es noch Handlungsbedarf gibt.
Der Welt geht es besser, als Sie glauben ist 2018 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 13,99 Euro. Es wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Nachtrag:
In diesem Text geht es ebenfalls um die Angst, die wir vor einigen Dingen haben, und die Frage, wie begründet diese ist. Auch hier zählen nur Fakten.
Freitag, 9. März 2018
# 139 - Ein Krimi, der nicht wirklich ein Krimi ist
Warum wird ein Mensch zum Mörder?
Diese Frage scheint zunächst eindeutig auf einen Krimi hinzuweisen, und auch die Autorin Irene Matt zählt ihr Buch Der Augenblick zu dieser Kategorie. Man kann das aber durchaus auch anders sehen.Eine Leiche macht noch keinen Krimi
Irene Matts Roman ist von Tragik durchzogen: Renate Weiss ist eine junge, alleinstehende Frau, die erfolgreich in der Werbebranche arbeitet. Als Ausgleich zu ihrem stressigen Job geht sie regelmäßig in Herrischried in der Nähe von Waldshut im Schwarzwald joggen. Am Tag, an dem das Unglück seinen Lauf nimmt, ist es drückend heiß. Die junge Mutter Sybille Brüning fährt gerade ihren kleinen Sohn Marcel in seinem Kinderwagen spazieren, als sie sich völlig erschöpft an eine Böschung setzt und fast sofort einschläft. Wenige Minuten später passiert Renate Weiss den Kinderwagen, sieht in die blauen Augen des Babys und drückt ihm wie in Trance das Tuch aufs Gesicht, mit dem es zugedeckt ist. Als Renate wieder klar denken kann, entfernt sie das Tuch, kann sich aber an die letzten Momente nicht erinnern. Sie realisiert, dass das Baby nicht mehr lebt, gerät beim Anblick von dessen toten Augen in Panik und verscharrt es notdürftig in einem nahen Waldstück. Dann setzt sie ihre Laufrunde und auch ihr Leben fort, als wenn nichts passiert sei.
Die Kommissarin Alexandra Keller wird mit den Ermittlungen beauftragt, aber es gibt keine Spuren und keine Zeugen. Das Baby wird trotz einer umfangreichen Suchaktion nicht gefunden. Erst nach ein paar Tagen entdecken Kinder, die mit ihrer Oma im Wald Blaubeeren sammeln, zufällig die Leiche. Doch auch der Fund des toten Marcel bringt die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht weiter.
Ein Schlüsselerlebnis bringt die Wende
Renate Weiss schafft es, die grauenvolle Tat im hintersten Winkel ihrer Seele zu verschließen und ihr Leben wie gewohnt weiterzuführen. Nach einem Besuch bei ihrer Patentochter an Heiligabend verfährt sie sich auf dem Heimweg im Schneetreiben und sieht vor sich plötzlich die katholische Kirche von Todtmoos, in die Menschen zum Gottesdienst strömen. Renate entschließt sich spontan, an der Christmette teilzunehmen. Der Eindruck des Gottesdienstes legt in ihr einen Schalter um und sie beschließt, sich schon einen Tag später in Begleitung des Paters bei der Mordkommission zu stellen. Das, was einen Krimi typischerweise ausmacht, ist hier also zu Ende. Nun beginnt der psychologische Teil: Kommissarin Keller hat einen guten Kontakt zu ihrem Ausbilder Hermann Rau, einem Psychologen und Fallanalytiker. Keller erzählt Rau von Renate Weiss, die nichts von einer typischen Mörderin an sich hat. Er vermutet daraufhin, dass Weiss aufgrund einer schweren Traumatisierung die Tat begangen hat und schlägt seiner Kollegin vor, Weiss und einige andere verurteilte Straftäter in eine besondere Studie einzubinden, die ein Jahr dauern soll. Dabei geht es Rau darum, die Menschen nicht in erster Linie an ihren Straftaten zu messen, sondern sie in ihrer Ganzheit zu sehen. Nachdem das Projekt vom Innenminister genehmigt worden ist, werden alle Teilnehmer für die Dauer der Studie in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Mithilfe eines Tagebuchs versucht Renate Weiss, sich nach und nach dem Kern ihres Problems zu nähern.
Wie war's?
Der Augenblick hat aus meiner Sicht zu wenige Elemente eines Krimis, um als solcher zu gelten. Es ist vielmehr eine Betrachtung der Psychotraumatologie, die in einen Roman gegossen wurde. Es geht einerseits um die patientenzentrierte Gesprächstherapie nach C. Rogers und andererseits um die tiefenpsychologischen Erkenntnisse des Psychoanalytikers Fritz Riemann, die im Laufe der Handlung erläutert werden. Das Buch wirkt auf mich, als hätte sich die Autorin nicht entscheiden können, ob sie eine Abhandlung oder einen Roman schreiben möchte.
Manchen Passagen mangelte es an Glaubwürdigkeit: So spielt sich ein Teil der Handlung während der Gruppensitzungen in der psychiatrischen Klinik in von Alexandra Keller verfassten Sitzungsprotokollen ab. Diese sind jedoch nicht sachlich und knapp formuliert, wie es Protokolle normalerweise an sich haben, sondern wie ein Romantext mit wörtlicher Rede und den ebenfalls wörtlichen Gedanken der Teilnehmer. Auch an anderen Stellen hätte ich das Eingreifen eines Lektors begrüßt.
Insgesamt lässt sich der Titel gut lesen und vermittelt viel über die Psychotraumatologie, über die sich Irene Matt als Mediatorin und Telefon- und Krisenseelsorgerin sicher auch gut auskennt. Aber das Buch ist kein Krimi. Interessant ja, wirklich spannend nein.
Der Augenblick ist im Schardt Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 12,80 Euro. Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.
Freitag, 26. Mai 2017
# 101 - Wer ist hier eigentlich verrückt?
In der Provinz sterben die Menschen wie die Fliegen
Nach dem Lesen des neuesten Romans von A. C. Scharp Das forensische Gemetzel drängt sich vor allem eine Erkenntnis auf: Tut alles, um niemals in eine forensische Psychiatrie zu kommen. Und schon gar nicht in die von Frackhausen. Ein Geheimnis zu viel
Die forensische Klinik von Frackhausen ist der Dreh- und Angelpunkt in diesem Roman und das unfreiwillige Zuhause von notorischen Brandstiftern, Serienmördern und Kannibalen. Der kleine Ort hat sich mit ihrer Anwesenheit einigermaßen arrangiert, man lebt unaufgeregt nebeneinander her. Das ändert sich schlagartig, als bekannt wird, dass in Kürze ein neuer Patient eingeliefert werden soll: Der ehemalige Frackhausener Bürger und Polizist Henning Mansen hatte es sich vor Jahren zu seiner Mission gemacht, die von ihren Ehemännern drangsalierten Frauen seines Heimatortes von ihrem Leid zu erlösen und ihnen eine bessere Zukunft im Jenseits zu ermöglichen. Aufgrund der von ihm als Wohltätigkeit eingestuften Morde hat das kleine Kaff seitdem vier Witwer mehr. Die Nachricht von Mansens Rückkehr löst bei den Einheimischen keine Begeisterung aus. Die vier unfreiwillig alleinlebenden Männer sind über den Umstand, dass derjenige, der ihnen ihre Gattinnen und damit ihr Personal und ihre Opfer genommen hat, sie jetzt mit seiner Anwesenheit quasi verhöhnt, ziemlich aufgebracht. Sie sind sich schell einig: Mansen muss weg! Und zwar endgültig und ohne Rückfahrschein. Seine Ermordung ist da schnell beschlossene Sache. Nur wollen sich die Vier weder selbst die Hände schmutzig machen, noch wissen sie, wie sie sich Mansen so weit nähern könnten, dass eine Ermordung möglich wäre. Doch auch dieses Problem wird recht schnell gelöst: Es muss jemand anders her. Jemand, der dem Serienmörder nahe genug kommt, um ihm den Garaus machen zu können. Die Witwer verfallen auf eine grandiose Idee: Um die Sache möglichst zuverlässig und kostenneutral zu gestalten, muss sich jemand vom Klinikpersonal um Mansens Ableben kümmern. Jemand, der Dreck am Stecken hat und somit erpressbar ist. Da einer der vier Männer über sehr gute Computerkenntnisse verfügt, ist die richtige Person schnell gefunden: Der Chefpsychologe Mike Sanger hat eine derart klaffende Lücke in seinem beruflichen Lebenslauf, dass seine Existenz auf einen Schlag vernichtet wäre, wenn Details bekannt würden.
Chefpsychologe schlittert von einer Bredouille in die nächste
Sanger ist attraktiv, mit einer ihn fast täglich prügelnden Frau verheiratet und der Schwarm der drallen Schwester Dörte. Die werte Gattin zu verlassen ist für ihn keine Option: Sie weiß von seinem Problem mit dem Lebenslauf und würde im Fall einer Trennung wahrscheinlich nicht zögern, die Bombe platzen zu lassen. In der Klinik kann er sein Geheimnis bis jetzt gut kaschieren. Das führt aber auch dazu, dass er sich nicht in der Lage sieht, Patienten mit einer guten Prognose zu entlassen. Die Folge: Das Haus ist bis zum Anschlag belegt, der Landrat übt deshalb Druck auf den Klinikchef Dr. Mäuchel aus, der diesen gern an seinen Chefpsychologen weitergibt. Da flattert ein ungelenk formuliertes Schreiben auf Sangers Schreibtisch: Jemand will, dass er für Henning Mansens Tod sorgt. Anderenfalls würde die Klinik von Sangers Geheimnis erfahren.
Die Drohung wirkt. Sanger will auf jeden Fall verhindern, bloßgestellt zu werden und durchdenkt mehrere mögliche Tathergänge. Doch die Sache eskaliert, und am Ende sind mehrere Hundert Menschen tot.
Wie war's?
Das forensische Gemetzel ist ein flott und unterhaltend geschriebener Roman, der beim Lesen Zweifel aufkommen lässt, ob die Patienten hier wirklich einen größeren Sprung in der Schüssel haben als das Klinikpersonal.
Das Buch ist voll schwarzem Humor, aber hat trotz der vielen Leichen nichts von einem Krimi. An manchen Stellen wäre es allerdings schön gewesen, wenn einige Situationen lebensnäher und wahrscheinlicher gestaltet worden wären. So geht dem Roman etwas von seiner Glaubwürdigkeit verloren. Doch die eigene Beschreibung der Autorin trifft es genau: Das forensische Gemetzel ist für Liebhaber der burlesken Absurdität.
Das forensische Gemetzel ist als Self-Publishing-Ausgabe erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als Kindle-Edition 2,99 Euro.
Dienstag, 12. April 2016
# 46 - Schwedische Schwermut
Die Geschichte einer schwedischen Kleinfamilie
In Die Raben erzählt Tomas Bannerhed über das Leben einer Bauernfamilie in Småland in den 1970-er Jahren: Im Mittelpunkt steht der zu Beginn des Buchs 12-jährige Klas, der wie ein Gefangener seines eigenen Lebens wirkt. Seine sehr guten Schulnoten interessieren seinen Vater Tom Agne Georgsson ebensowenig wie sein großes Interesse an der Natur, insbesondere an Vögeln. Und Klas weiß fast alles über die Vögel in seiner Heimat: Er kennt ihre Gewohnheiten, ihre Rufe und die Routen der Zugvögel. So oft es geht, streift er mit dem Fernglas in der Hand durch die Umgebung und beobachtet die Tiere. Für seinen Vater ist das nur eine Form der Drückebergerei, um der schweren Feldarbeit aus dem Weg zu gehen.Wolken ziehen über der Familie auf
Klas schwankt immer wieder in seiner Haltung gegenüber seinem Vater. Der vom Leben gezeichnete Mann hat nie etwas anderes als das einfache Leben und die Landarbeit kennengelernt und stellt sich vor, dass sein älterer Sohn Klas den Hof übernehmen soll, wenn er alt genug dazu ist. Doch der kleine Familienbetrieb steht wirtschaftlich bereits am Abgrund. Die Schuld gibt der Vater regelmäßig dem Wetter. Aber sein Sohn hat kein Interesse daran, das entbehrungsreiche Leben seines Urgroßvaters, Großvaters und Vaters zu führen - auf diese bäuerliche Ahnenreihe weist ihn Agne gern hin, doch er erreicht damit das Gegenteil dessen, was er beabsichtigt.
Die Mutter ist es, die den Familienfrieden mit aller Kraft aufrecht erhält. Sie ist nicht zufrieden mit ihrem eintönigen Leben, das von der Haus- und der Feldarbeit bestimmt wird und in dem es fast keinen Platz für Freiheiten und Heiterkeit gibt. Sie ist der ruhende Pol nicht nur für Klas und Agne, sondern auch für Klas' jüngeren Bruder Göran. Die Mutter nimmt auch wahr, dass sich ihr Mann immer mehr überfordert fühlt und versucht ständig, ihn zu beruhigen. Doch der gleitet immer mehr in den Wahnsinn ab und entwickelt sich zu einer Gefahr nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie.
Klas empfindet das Verhalten seines Vaters immer stärker als Bedrohung und beginnt, sich wieder nachts einzunässen. Als er erfährt, dass bereits der Großvater psychisch krank gewesen ist und sich umgebracht hat, beginnt er auch bei sich, nach Anzeichen von Wahnsinn zu suchen.
Schwierige Einschätzung
Beim Lesen von Die Raben hatte ich zwiespältige Empfindungen: Da sind einerseits die poetische Sprache und der genaue Blick auf Details, die es dem Leser ermöglichen, sich vollkommen in den jungen Klas einzufühlen. Aber es gibt auch den fast durchgehend sehr präsenten Eindruck, dass über der Familie ständig ein dickes Federkissen liegt, das ein normales Leben erschwert und das sich - je nach der augenblicklichen Verfassung des Vaters - jederzeit auf die Menschen legen und ihnen auf ihrem Hof die Luft zum Atmen nehmen kann. Die Handlung läuft schließlich auf ein Ereignis zu, das die Situation der Familie völlig ändert.
Die Raben ist in der deutschsprachigen Ausgabe 2015 im btb Verlag erschienen. Tomas Bannerhed hat für die schwedische Originalausgabe, die 2011 unter dem Titel "Korparna" erschienen ist, im selben Jahr den in Schweden renommierten August-Preis erhalten - interessanterweise in der Kategorie 'Fiction'.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Die Raben kann als gebundenes Buch zum Preis von 21,99 € gekauft werden. Die Kindle- sowie die epub-Edition kosten jeweils 17,99 €.
Freitag, 15. Januar 2016
# 32 - Schreibende Juristin lässt Anwältin sterben
Ein Psychodrama in München?
Der 14jährige Oliver Baptiste wird an einem klirrend kalten Januartag verletzt und verstört in einem Kellerabteil eines Mehrfamilienhauses in München gefunden. Er kann sich angeblich an nichts erinnern, aber seine Hände sind blutverschmiert - mit dem Blut der Rechtsanwältin Rose Benninghoff, die ermordet in ihrer Wohnung in der zweiten Etage desselben Hauses liegt. Damit beginnt das Krimidebüt Kellerkind von Nicole Neubauer. Die Autorin hat zwar ebenso wie Georg M. Oswald ein abgeschlossenes Jurastudium hinter sich, aber damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen dem heutigen Buch und Oswalds Roman Vom Geist der Gesetze auch schon beinahe auf.Zunächst scheint alles klar zu sein...
Anhand der Spurenlage ergibt sich, dass die Tote ihren Mörder gekannt und ihn arglos in ihre Wohnung gelassen haben muss. Die Indizien sprechen also zunächst dafür, dass Oliver für die Tat verantwortlich ist. Nachforschungen ergeben, dass sein Vater, der erfolgreiche und gut in Münchener Kreisen vernetzte Wirtschaftsprüfer Laurent Baptiste, bis vor wenigen Monaten mit Rose Benninghoff liiert gewesen ist. Man hat sich im Unfrieden getrennt, was den Kreis der Verdächtigen erweitert.
Im Zuge der Ermittlungen ergeben sich auch Hinweise, die bis in die Kindheit der Ermordeten zurückführen. Bereits im Alter von zwölf Jahren hat sich Benninghoff von ihrer ganzen Familie distanziert und niemanden an sich herangelassen. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung findet das Team um Hauptkommissar Waechter in der unpersönlich eingerichteten Wohnung sehr versteckt das alte Foto eines Mannes, das mit "O. Paulssen" gekennzeichnet wurde. Um wen handelt es sich? Sehr auffällig ist auch das Bild einer Rose, das in Benninghoffs Wohnzimmer hängt und überhaupt nicht in diese nüchterne Umgebung passt. Beim Herabnehmen fällt ein Zettel mit der Widmung "Für immer O." aus dem Rahmen heraus. Hat Paulssen, der sich als mittlerweile dementer Kunstmaler im Rentenalter entpuppt, etwas mit dem Fall zu tun?
Aber auch die auf der selben Etage wie Benninghoff wohnende Judith Herold erregt die Aufmerksamkeit der Ermittler: Sie bezeichnet sich selbst als die beste Freundin der Ermordeten, hat aber von einigen Details aus dem Leben der Toten, die die Polizei nach und nach herausfindet, keine Ahnung.
Psychologie, Familiengeschichten und jede Menge Lügen
Der Mordfall entwickelt sich zu einer nervlichen Belastung für das gesamte Ermittlungsteam. Die privaten Probleme, die manche von ihnen mit sich herumschleppen, wirken bis in die Arbeit hinein und haben Einfluss auf die Tätersuche. Der junge Oliver Baptiste leidet zudem unter psychischen Problemen, die ihn unberechenbar machen. Dass sein empathiebefreiter Vater ihn offenbar immer wieder brutal schlägt und sich bei jedem Gespräch mit der Polizei mit Anwälten umgibt, lähmt die zahlreichen Versuche, Oliver zu Aussagen über den Tattag zu bewegen. Doch das Polizeiteam fühlt sich vollends verschaukelt, als plötzlich Vater und Sohn jeweils die Tat gestehen und sich kaum noch herausfinden lässt, wer hier wen decken will. Der Fall nimmt jedoch nach mehreren Wendungen einen Ausgang, mit dem nicht unbedingt zu rechnen war.
Nicole Neubauer hat ihren Krimi Kellerkind flüssig geschrieben und ermöglicht es ihren Lesern, die einzelnen Ermittler auch von ihrer privaten Seite kennenzulernen. Eine besondere Eigenart von Hauptkommissar Waechter ist es dann auch, die den Fokus des Teams in eine andere Richtung lenkt und zur Aufklärung des Mordes führt.
Wie bei dem oben zitierten Buch von Georg M. Oswald kann man sich auch bei diesem Krimi fragen, inwieweit die persönlichen juristischen Erfahrungen der Autorin in die Handlung eingeflossen sind. Wie oft kommt es beispielsweise vor, dass ein Staatsanwalt die Polizei bei ihren Ermittlungen abbremst, wenn es dabei um eine stadtbekannte und einflussreiche Persönlichkeit geht?
Mir hat dieses Buch gut gefallen, aber es gehört nicht zu meinen persönlichen Favoriten unter den Krimis. Olivers psychische Probleme werden immer wieder thematisiert, indem von einem Reptil in seinem Kopf die Rede ist, das sich in Stresssituationen zu Wort meldet. Der Junge befindet sich aber nicht in entsprechender Behandlung, sondern wird von seinem beruflich vielbeschäftigten Vater weitgehend sich selbst überlassen, obwohl dieser immer wieder behauptet, Olivers Verhalten schon von dessen verstorbener Mutter zu kennen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Krimis verwendet Nicole Neubauer eine sehr bildliche Sprache, die den Leser näher an das Geschehen heranrücken lässt und verzichtet auf die Schilderung von brutalen Szenen.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Kellerkind kann beim Blanvalet Verlag bestellt und in jeder Buchhandlung zum Preis von 9,99 € gekauft werden (Klappenbroschur). Die Kindle-Edition kostet 8,99 €, das mp3-Hörbuch auf CD 12,99 €.
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