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Freitag, 9. März 2018

# 139 - Ein Krimi, der nicht wirklich ein Krimi ist

Warum wird ein Mensch zum Mörder?

 

Diese Frage scheint zunächst eindeutig auf einen Krimi hinzuweisen, und auch die Autorin Irene Matt zählt ihr Buch Der Augenblick zu dieser Kategorie. Man kann das aber durchaus auch anders sehen.

Eine Leiche macht noch keinen Krimi

 

Irene Matts Roman ist von Tragik durchzogen: Renate Weiss ist eine junge, alleinstehende Frau, die erfolgreich in der Werbebranche arbeitet. Als Ausgleich zu ihrem stressigen Job geht sie regelmäßig in Herrischried in der Nähe von Waldshut im Schwarzwald joggen. Am Tag, an dem das Unglück seinen Lauf nimmt, ist es drückend heiß. Die junge Mutter Sybille Brüning fährt gerade ihren kleinen Sohn Marcel in seinem Kinderwagen spazieren, als sie sich völlig erschöpft an eine Böschung setzt und fast sofort einschläft. Wenige Minuten später passiert Renate Weiss den Kinderwagen, sieht in die blauen Augen des Babys und drückt ihm wie in Trance das Tuch aufs Gesicht, mit dem es zugedeckt ist. Als Renate wieder klar denken kann, entfernt sie das Tuch, kann sich aber an die letzten Momente nicht erinnern. Sie realisiert, dass das Baby nicht mehr lebt, gerät beim Anblick von dessen toten Augen in Panik und verscharrt es notdürftig in einem nahen Waldstück. Dann setzt sie ihre Laufrunde und auch ihr Leben fort, als wenn nichts passiert sei.
Die Kommissarin Alexandra Keller wird mit den Ermittlungen beauftragt, aber es gibt keine Spuren und keine Zeugen. Das Baby wird trotz einer umfangreichen Suchaktion nicht gefunden. Erst nach ein paar Tagen entdecken Kinder, die mit ihrer Oma im Wald Blaubeeren sammeln, zufällig die Leiche. Doch auch der Fund des toten Marcel bringt die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht weiter.

Ein Schlüsselerlebnis bringt die Wende

 

Renate Weiss schafft es, die grauenvolle Tat im hintersten Winkel ihrer Seele zu verschließen und ihr Leben wie gewohnt weiterzuführen. Nach einem Besuch bei ihrer Patentochter an Heiligabend verfährt sie sich auf dem Heimweg im Schneetreiben und sieht vor sich plötzlich die katholische Kirche von Todtmoos, in die Menschen zum Gottesdienst strömen. Renate entschließt sich spontan, an der Christmette teilzunehmen. Der Eindruck des Gottesdienstes legt in ihr einen Schalter um und sie beschließt, sich schon einen Tag später in Begleitung des Paters bei der Mordkommission zu stellen. Das, was einen Krimi typischerweise ausmacht, ist hier also zu Ende. Nun beginnt der psychologische Teil: Kommissarin Keller hat einen guten Kontakt zu ihrem Ausbilder Hermann Rau, einem Psychologen und Fallanalytiker. Keller erzählt Rau von Renate Weiss, die nichts von einer typischen Mörderin an sich hat. Er vermutet daraufhin, dass Weiss aufgrund einer schweren Traumatisierung die Tat begangen hat und  schlägt seiner Kollegin vor, Weiss und einige andere verurteilte Straftäter in eine besondere Studie einzubinden, die ein Jahr dauern soll. Dabei geht es Rau darum, die Menschen nicht in erster Linie an ihren Straftaten zu messen, sondern sie in ihrer Ganzheit zu sehen. Nachdem das Projekt vom Innenminister genehmigt worden ist, werden alle Teilnehmer für die Dauer der Studie in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Mithilfe eines Tagebuchs versucht Renate Weiss, sich nach und nach dem Kern ihres Problems zu nähern.

Wie war's?

 

Der Augenblick hat aus meiner Sicht zu wenige Elemente eines Krimis, um als solcher zu gelten. Es ist vielmehr eine Betrachtung der Psychotraumatologie, die in einen Roman gegossen wurde. Es geht einerseits um die patientenzentrierte Gesprächstherapie nach C. Rogers und andererseits um die tiefenpsychologischen Erkenntnisse des Psychoanalytikers Fritz Riemann, die im Laufe der Handlung erläutert werden. Das Buch wirkt auf mich, als hätte sich die Autorin nicht entscheiden können, ob sie eine Abhandlung oder einen Roman schreiben möchte. 
Manchen Passagen mangelte es an Glaubwürdigkeit: So spielt sich ein Teil der Handlung während der Gruppensitzungen in der psychiatrischen Klinik in von Alexandra Keller verfassten Sitzungsprotokollen ab. Diese sind jedoch nicht sachlich und knapp formuliert, wie es Protokolle normalerweise an sich haben, sondern wie ein Romantext mit wörtlicher Rede und den ebenfalls wörtlichen Gedanken der Teilnehmer. Auch an anderen Stellen hätte ich das Eingreifen eines Lektors begrüßt.
Insgesamt lässt sich der Titel gut lesen und vermittelt viel über die Psychotraumatologie, über die sich Irene Matt als Mediatorin und Telefon- und Krisenseelsorgerin sicher auch gut auskennt. Aber das Buch ist kein Krimi. Interessant ja, wirklich spannend nein.

Der Augenblick ist im Schardt Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 12,80 Euro. Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 26. Mai 2017

# 101 - Wer ist hier eigentlich verrückt?

In der Provinz sterben die Menschen wie die Fliegen

 

Nach dem Lesen des neuesten Romans von A. C. Scharp Das forensische Gemetzel drängt sich vor allem eine Erkenntnis auf: Tut alles, um niemals in eine forensische Psychiatrie zu kommen. Und schon gar nicht in die von Frackhausen. 

Ein Geheimnis zu viel 

 

Die forensische Klinik von Frackhausen ist der Dreh- und Angelpunkt in diesem Roman und das unfreiwillige Zuhause von notorischen Brandstiftern, Serienmördern und Kannibalen. Der kleine Ort hat sich mit ihrer Anwesenheit  einigermaßen arrangiert, man lebt unaufgeregt nebeneinander her. Das ändert sich schlagartig, als bekannt wird, dass in Kürze ein neuer Patient eingeliefert werden soll: Der ehemalige Frackhausener Bürger und Polizist Henning Mansen hatte es sich vor Jahren zu seiner Mission gemacht, die von ihren Ehemännern drangsalierten Frauen seines Heimatortes von ihrem Leid zu erlösen und ihnen eine bessere Zukunft im Jenseits zu ermöglichen. Aufgrund der von ihm als Wohltätigkeit eingestuften Morde hat das kleine Kaff seitdem vier Witwer mehr. Die Nachricht von Mansens Rückkehr löst bei den Einheimischen keine Begeisterung aus. Die vier unfreiwillig alleinlebenden Männer sind über den Umstand, dass derjenige, der ihnen ihre Gattinnen und damit ihr Personal und ihre Opfer genommen hat, sie jetzt mit seiner Anwesenheit quasi verhöhnt, ziemlich aufgebracht. Sie sind sich schell einig: Mansen muss weg! Und zwar endgültig und ohne Rückfahrschein. Seine Ermordung ist da schnell beschlossene Sache. Nur wollen sich die Vier weder selbst die Hände schmutzig machen, noch wissen sie, wie sie sich Mansen so weit nähern könnten, dass eine Ermordung möglich wäre. Doch auch dieses Problem wird recht schnell gelöst: Es muss jemand anders her. Jemand, der dem Serienmörder nahe genug kommt, um ihm den Garaus machen zu können. Die Witwer verfallen auf eine grandiose Idee: Um die Sache möglichst zuverlässig und kostenneutral zu gestalten, muss sich jemand vom Klinikpersonal um Mansens Ableben kümmern. Jemand, der Dreck am Stecken hat und somit erpressbar ist. Da einer der vier Männer über sehr gute Computerkenntnisse verfügt, ist die richtige Person schnell gefunden: Der Chefpsychologe Mike Sanger hat eine derart klaffende Lücke in seinem beruflichen Lebenslauf, dass seine Existenz auf einen Schlag vernichtet wäre, wenn Details bekannt würden. 
  

Chefpsychologe schlittert von einer Bredouille in die nächste 

 

Sanger ist attraktiv, mit einer ihn fast täglich prügelnden Frau verheiratet und der Schwarm der drallen Schwester Dörte. Die werte Gattin zu verlassen ist für ihn keine Option: Sie weiß von seinem Problem mit dem Lebenslauf und würde im Fall einer Trennung wahrscheinlich nicht zögern, die Bombe platzen zu lassen. In der Klinik kann er sein Geheimnis bis jetzt gut kaschieren. Das führt aber auch dazu, dass er sich nicht in der Lage sieht, Patienten mit einer guten Prognose zu entlassen. Die Folge: Das Haus ist bis zum Anschlag belegt, der Landrat übt deshalb Druck auf den Klinikchef Dr. Mäuchel aus, der diesen gern an seinen Chefpsychologen weitergibt. Da flattert ein ungelenk formuliertes Schreiben auf Sangers Schreibtisch: Jemand will, dass er für Henning Mansens Tod sorgt. Anderenfalls würde die Klinik von Sangers Geheimnis erfahren. 
Die Drohung wirkt. Sanger will auf jeden Fall verhindern, bloßgestellt zu werden und durchdenkt mehrere mögliche Tathergänge. Doch die Sache eskaliert, und am Ende sind mehrere Hundert Menschen tot. 

Wie war's?

 

Das forensische Gemetzel ist ein flott und unterhaltend geschriebener Roman, der beim Lesen Zweifel aufkommen lässt, ob die Patienten hier wirklich einen größeren Sprung in der Schüssel haben als das Klinikpersonal. 
Das Buch ist voll schwarzem Humor, aber hat trotz der vielen Leichen nichts von einem Krimi. An manchen Stellen wäre es allerdings schön gewesen, wenn einige Situationen lebensnäher und wahrscheinlicher gestaltet worden wären. So geht dem Roman etwas von seiner Glaubwürdigkeit verloren. Doch die eigene Beschreibung der Autorin trifft es genau: Das forensische Gemetzel ist für Liebhaber der burlesken Absurdität.

Das forensische Gemetzel ist als Self-Publishing-Ausgabe erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als Kindle-Edition 2,99 Euro.

Montag, 15. Juni 2015

Der Start: Bücher "rauf und runter"

Die Premiere - mein erster Blog


So, liebe Leute, es ist geschafft: Nach ein bisschen überlegen (Soll ich? Soll ich nicht?) will ich euch nun  regelmäßig ein paar Bücher vorstellen. Und nein: Ich werde nicht die Spiegel-Bestsellerliste abarbeiten. Das tun schon andere. Ich will euch zeigen, was ich gerade lese oder schon vor einer Weile gelesen habe. Das heißt: Es werden aktuelle Titel dabei sein, aber auch Bücher, die schon länger auf dem Markt sind. Ich freue mich, wenn ihr den einen oder anderen Kommentar da lasst. Aber jetzt ist es genug geschwafelt, es geht gleich nahtlos weiter zum ersten Buch.

Das Buch über ein Leben in der Anstalt

Vor kurzem habe ich tatsächlich einen Spiegel-Bestseller gelesen, und zwar Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff. Er ist 2015 erschienen und wurde mir von meinem Lieblings-Buchhändler empfohlen. Meyerhoff erzählt darin von seinem Leben in der Psychiatrie. Nein, nicht er ist es, der therapiert wird. Er lebt als Sohn des Direktors mitten auf dem Anstaltsgelände in Schleswig, zusammen mit seinen Eltern und den beiden älteren Brüdern. Das Buch beginnt, als der Autor sieben Jahre alt wird und endlich allein, ohne seine Mutter, zur Schule gehen darf. Eine Woche befolgt er die strikten Instruktionen seiner Eltern und geht genau den verabredeten Weg, aber schon zu Beginn der zweiten Woche ist es ihm zu langweilig und er macht einen Schlenker durch die verbotene Schrebergartensiedlung. Der Leser ahnt, dass das nicht ohne Folgen bleiben kann. Prompt findet das Kind Joachim einen Toten, aber in der Schule glaubt die Geschichte zunächst niemand. Das Erlebnis entwickelt sich zu seinem Leidwesen ganz anders als erhofft.

Ein Leben wie ein Roman - so etwas musste aufgeschrieben werden

Die Kindheit und Jugend des Autors hat nichts mit dem zu tun, was wir als „normal“ ansehen würden. Meyerhoff beschreibt die Geburtstagskaffeetafeln des Vaters mit immer denselben Gästen. Da sitzen dann keine Verwandten, Freunde oder Bekannten mit am Tisch, sondern vier Patienten: Margret, die das ganze Jahr über eine gemusterte Kittelschürze trägt und deren Sätze so klingen, als würden sie aus einem einzigen Wort bestehen; Ludwig, der sich jedes Jahr wieder wünscht, den Familienhund zu streicheln, es aber viele Jahre nicht schafft und hysterisch aus dem Zimmer rennt und die Feier ruiniert; Dietmar, der pausenlos Fragen stellt und seinen Kot auf die Klowände schmiert; und zu guter Letzt Kimberley, die sich nach dem Geburtstagskäffchen halb nackt zum Sonnen auf den Rasen legt.

Die Mutter versucht so gut es geht, zwischen nachts schreienden Patienten und unzähligen Skurrilitäten so etwas wie Normalität herzustellen. Nach und nach wird deutlich, dass ihr diese Aufgabe allmählich über den Kopf wächst. Ihr Mann, der allseits geachtete Psychiatriedirektor, ist ihr und ihren Söhnen gegenüber leider wenig empfindsam und vertieft sich lieber in theoretische Exkurse.

Die Fassade wird viele Jahre aufrechterhalten, bis diese durch den Unfalltod eines Familienmitglieds Risse bekommt. Das Zerbröseln des familiären Zusammenhalts nimmt Fahrt auf, als das Doppelleben des Vaters auffliegt.

Meyerhoff beschreibt die Figuren in seinem Roman so deutlich, dass sie beim Lesen klar vor Augen stehen. So kann man zum Beispiel das immer stärker werdende Läuten hören, wenn sich der Glöckner nähert. Man sieht ihn vor sich, in schwarzer Kleidung und mit schwarzen, zerzausten Haaren, wie er mit weit ausladenden Armbewegungen die Glocken in seinen Händen beim Gehen durch den Anstaltspark schwenkt. Die Angst des Kindes Joachim vor dem Patienten kann man als Leser gut nachfühlen. Aber Meyerhoff schildert auch andere Szenen so lustig, dass man immer wieder laut auflacht. Dass das Leben in der Anstalt nicht nur witzig oder seltsam war, wird jedoch auch beschrieben. Meyerhoff spart die traurigen und tragischen Phasen nicht aus.

Kaufen? Ja!

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, gerade wegen seiner Ausgewogenheit von Humor und Ernsthaftigkeit. Na klar, so gut wie niemand wächst in so einer Umgebung auf, darum erübrigt sich auch jeder Vergleich. Aber das Buch zeigt auf, dass das Heranwachsen eines Kindes in solchen ungewöhnlichen Umständen nicht dazu führen muss, dass aus ihm ein psychotischer Erwachsener wird, der an seinem Leben verzweifelt.

Das bei KiWi erschienene Taschenbuch kostet 9,99 €.