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Montag, 12. Mai 2025

# 474 - Geschichte einer manipulativen Beziehung

Die serbische Schriftstellerin Milica Vučković hat bereits
einige literarische Auszeichnungen erhalten. Nun ist erstmals eines ihrer Bücher auf Deutsch erschienen: In ihrem Roman 
Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen geht es zwar nicht um Sport, aber um andere physische und psychische Verletzungen.

Eva ist knapp über dreißig und lebt nach einer gescheiterten Ehe mit ihrem zweijährigen Sohn bei ihren Eltern in einem Belgrader Vorort. Ihre Eltern sind ihr eine große Hilfe, weil sie sich um ihren Enkel kümmern, damit ihre Tochter arbeiten gehen kann. Doch Eva geht nur wegen des Geldes ins Büro, ansonsten ist sie sowohl von ihrer Tätigkeit als auch von den Kolleginnen und Kollegen angeödet. Ihr Leben läuft aus ihrer Sicht in einer Endlosschleife ab.

Bei einer Firmenfeier lernt Eva den gutaussehenden Viktor kennen. Er stellt sich ihr als Journalist und Schriftsteller vor, die beiden werden ein Paar. Dann folgt etwas, von dem man schon viele Male unter dem Stichwort "toxische Beziehung" gehört hat: Viktor umgarnt Eva mit Komplimenten und Liebesbeteuerungen, um kurz darauf wegen einer Nichtigkeit die Nerven zu verlieren, seine Freundin zu beschimpfen und irgendwann auch zu schlagen. Es folgen Entschuldigungen, Besserungsgelübde und neue Liebesschwüre, bis alles wieder von vorn beginnt. Es gelingt Viktor, Eva mit der Aussicht auf eine rosige gemeinsame Zukunft von Belgrad nach Stuttgart zu locken. Eva ist nun auf Viktor angewiesen, der mit Gemeinheiten, Lügen und Intrigen erreicht, dass seine Freundin in ihrer neuen Heimat keine stabilen sozialen Kontakte aufbauen kann.

Die Geschichte wird als Ich-Erzählung von Eva geschildert, was sie sehr eindringlich und nahbar macht. Was paradox erscheint, in Beziehungen nach diesem Muster jedoch typisch ist: Eva registriert, dass Viktor ein Soziopath und Choleriker ist, der dabei ist, sie zu brechen. Doch wenn es zwischen den beiden zum Streit kommt, ist sie zu oft bereit, die Schuld dafür bei sich zu suchen, um die Wogen zu glätten. Sie beginnt bald, körperlich zu spüren, wenn sich ein neuer Konflikt anbahnt: "[...], im Kopf hörte ich wieder dieses Geräusch, immer nur dieses eine Geräusch, ich stellte mir vor, dass man so ein Geräusch unter solchen Hochspannungstransformatoren, Signalverstärkern hörte, obwohl ich nie unter einem Signalverstärker gestanden hatte, aber das war bestimmt dieses Geräusch."  Auch Evas kleiner Sohn leidet unter der katastrophalen Situation: Er wird immer stiller und beginnt, sich wieder einzunässen. Das Kind wird je nach Situation zu Evas Eltern, zur Nachbarin oder zu serbischen Freunden von Evas Vater, die in Stuttgart in ihrer Nähe leben, gebracht, bis sich das Verhältnis zwischen seiner Mutter und Viktor wieder eingerenkt hat.

Eva wird erst spät klar, dass viele Menschen um sie herum längst wahrgenommen haben, was da zwischen ihr und Viktor passiert; eher, als sie es sich selbst eingestanden hatte. Dann kommt der Moment, an dem sie sich einredet, dass ein gemeinsames Kind die Beziehung zum Guten wenden könnte. Als ihre Periode aussetzt, hofft sie auf weitere Anzeichen für eine Schwangerschaft. Das ist einer von vielen Momenten, an denen man Eva am liebsten schütteln und ihr sagen will: "Lauf weg von diesem Mann, so weit und so schnell du kannst." Der Roman endet so, wie es in Beziehungen, die nach diesem Muster verlaufen, häufig vorkommt.

Lesen?

Trotz des bedrückenden Themas schlägt das Buch beim Lesen nicht auf die eigene Stimmung. Das liegt vor allem am schwarzen Humor, den Milica Vučković wohldosiert einstreut. Eva nutzt beispielsweise ihr Handy als ein Ventil. Wenn wieder mal eine Situation eskaliert ist, gibt sie manchmal in die Suchleiste des Browsers dazu passende Anfragen ein: Viktor packt wieder seine Sachen in eine Reisetasche, um Eva auf seine übliche theatralische Art zu verlassen. Eva hingegen ist genervt vom Geräusch der Reißverschlüsse und gibt in das Suchfeld "Tod wegen Reißverschluss" ein. Das Ergebnis ist allerdings nicht das, was sie erwartet hatte.

Milica Vučković bedankt sich zum Schluss bei einer Freundin, die ihr ihre eigene Geschichte über eine toxische Beziehung mit einem Mann erzählt hat. Da kommt es dann wieder zurück, das Gefühl der Bedrückung.

Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen ist 2025 im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet gebunden 23 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Sonntag, 23. Oktober 2022

# 368 - Ein simpler Eingriff - mit Folgen

Meret ist Mitte 20, arbeitet seit acht Jahren als Krankenschwester in einer namenlosen Klinik und wohnt in einem Schwesternwohnheim, in dem Privatsphäre ein Fremdwort ist. Man teilt sich das Zimmer mit einer anderen Krankenschwester, es gibt einen Gemeinschaftswaschraum, die Mahlzeiten außerhalb des Dienstes werden zusammen im Speisesaal eingenommen. Yael Inokai zeichnet in ihrem Roman Ein simpler Eingriff das Bild eines durchstrukturierten und gleichförmigen Lebens, dessen Erschwernisse zwar erkannt, aber kritiklos hingenommen werden.

Auch Meret nimmt sie hin. Was sie motiviert, ist die besondere Aufgabe, für die sie eingeteilt wird: In der Klinik werden experimentelle Gehirnoperationen an Menschen durchgeführt, die psychisch auffällig geworden sind. Während des Eingriffs bleiben die Patientinnen und Patienten wach. Merets Auftrag ist, ihnen die Angst zu nehmen und sie während der OP zu beschäftigen. Sie glaubt den Aussagen des Chefarztes, dass es sich hierbei um einen simplen Eingriff handele, der anschließend vorübergehende Schmerzen auslösen könne. Danach sei alles wieder gut und der Mensch von seinem auffälligen Verhalten geheilt.

Dann jedoch passieren zwei Dinge, die das Leben der jungen Krankenschwester und ihre bisherigen Einstellungen grundlegend verändern: Meret bekommt mit Sarah eine neue Zimmernachbarin. Die beiden Frauen verlieben sich ineinander und versuchen, ihre Gefühle vor allen anderen geheim zu halten. Es ist völlig klar, dass weder ihr Arbeitgeber noch ihre Familien oder gar die Gesellschaft ein lesbisches Paar akzeptieren würden.
Die Aufnahme einer jungen Frau aus einer wohlhabenden und angesehenen Familie in das Krankenhaus verändert Merets bisherige kritiklose Haltung zu den Gehirnoperationen ihres Chefarztes. Marianne Ellerbach hat immer wieder Wutanfälle, die mit dem chirurgischen Eingriff behoben werden sollen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die OP vor allem den auf den guten Ruf der Familie bedachten Eltern wichtig ist, die nicht mehr erleben wollen, dass ihre erwachsene Tochter in der Öffentlichkeit aus der Rolle fällt. Doch die Operation misslingt. Marianne fällt ins Koma und wird als Pflegefall in eine spezielle Einrichtung abgeschoben.

Lesen?

Ein simpler Eingriff hat mir aus mehreren Gründen gut gefallen. Yael Inokai gelingt es, ihre Kritik an patriarchalischen Strukturen und Denkmustern, Homophobie sowie den Trend zur Optimierung in ihrem Roman miteinander zu verweben. Obwohl Ort und Zeit der Handlung nicht benannt werden, liegt die Vermutung nah, dass Inokais Roman in der Vergangenheit spielt. Das, was die Autorin beschreibt, erinnert stark an die Lobotomie, die von dem portugiesischen Neurologen António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz in den 1930-er Jahren entwickelt und vom US-Psychiater Walter Freeman fast schon exzessiv betrieben wurde. Die Idee dahinter war, dass man Menschen von psychischen Leiden heilen kann, wenn man einige Nervenbahnen in ihren Gehirnen durchtrennt. Die Methode, die zahllose Menschen in tiefes Leid gestürzt hat und für die Moniz 1949 sogar den Nobelpreis erhielt, ist längst verboten. 

Bei der Schilderung des Leids von Marianne hatte Yael Inokai möglicherweise das tragische Schicksal von Rosemary Kennedy, einer Schwester von John F. Kennedy, vor Augen. 1941 wurde an ihr eine Lobotomie vollzogen, vermutlich, weil sie Legasthenikerin und leicht geistig zurückgeblieben war. Die Familie fürchtete, dass das Verhalten ihrer "ungebärdigen" Tochter dem Ruf der Familie schaden würde.  Der von Freeman vollzogene Eingriff schlug fehl, Rosemary Kennedy verbrachte den Rest ihres 86-jährigen Lebens in einer Heilanstalt, wo sie 2005 starb. Ihr Vater Joseph Kennedy, auf dessen Betreiben die Lobotomie an seiner Tochter durchgeführt worden war, besuchte sie nie.

Ein simpler Eingriff hat mich sehr berührt und stand auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Schade, dass es der Roman nicht in die Shortlist geschafft hat.

Ein simpler Eingriff ist 2022 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Freitag, 10. Mai 2019

# 196 - Lanzarote oder der Weg zur Erkenntnis

Henning und Theresa reisen mit ihren beiden noch
kleinen Kindern über Weihnachten und Silvester nach Lanzarote. Oberflächlich betrachtet geht es ihnen gut: Sie haben Freude an ihren Berufen, keine finanziellen Sorgen und die Kinder sind zwar manchmal anstrengend, aber vermutlich nicht mehr als andere Kinder auch. Aber was ein unbeschwerter Urlaub unter kanarischer Sonne hätte werden können, ist von einer Missstimmung zwischen den Eheleuten überschattet.

Neujahr - ein Blick in die Vergangenheit

 

Am Neujahrstag beschließt Henning spontan, eine Radtour zu machen. Sein Ziel: der Atalaya-Vulkan. Er vergisst, Proviant oder Geld mitzunehmen und merkt nach einer Weile, dass er anfängt, an seine Grenzen zu geraten: Er kämpft mit dem Wind, dem schweren Leihrad, gegen den Durst und die Steigung der Straße. Aber noch viel mehr kämpft er gegen ES, das ihn schon seit zwei Jahren quält. ES schleicht sich immer wieder an und wirft ihn nieder, sorgt für Herzrasen, lähmende Angst und beeinträchtigt das Familienleben. ES steht zwischen Henning und Theresa und belastet die Beziehung zu den Kindern. ES sind Panikattacken, die Henning auflauern und ihn in die Knie zwingen.

Während der Radtour lässt Henning seinen Gedanken freien Lauf, während er sich immer weiter dem auf der Strecke zum Vulkan liegenden Dorf Femés nähert. Sein Verhältnis zu seiner Frau und den Kindern, eine verstörende Beobachtung während des Silvesterdinners am Vorabend und sein ungewöhnlich inniges Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester Luna spielen eine Rolle. Er versucht, sein Leben positiv zu bewerten, aber auf allem liegt der dunkle Schleier seiner psychischen Probleme.

In Femés spürt er, dass dort etwas ist, das ihn anzieht. Er folgt dem inneren Drang, seine Fahrt fortzusetzen, verlässt das Dorf und blickt kurze Zeit später zurück: Die Häuser liegen jetzt unter ihm, aber obwohl er in diesem Moment sicher ist, hier nie zuvor gewesen zu sein, bringt die Aussicht etwas in ihm zum Klingen. Er erkennt den Ort wieder, der Anblick aus dieser Perspektive ist ihm vertraut. Aber wie kann das sein?


Lesen?

 

Neujahr ist eine Reise in die Vergangenheit und erzählt davon, wie sehr uns Ereignisse beeinflussen können, an die wir uns nicht mehr aktiv erinnern können. Der Roman erzählt auch, wie schwer es sein kann, sich dieser Vergangenheit zu stellen, er handelt vom Schweigen derer, die besser hätten erzählen sollen und davon, dass es ein Weg sein kann, mithilfe einer radikalen Maßnahme zu versuchen, sein Leben wieder ins Lot zu bringen. Auch, wenn diese Maßnahme sehr schmerzhaft ist. 
Neujahr zeigt aber auch, wie trügerisch Erinnerungen und Eindrücke sein können, die man für gesichert gehalten hat.
Juli Zeh schildert all das in einer bidhaften und eindringlichen Sprache, die ihre Leser mitnimmt: sowohl in die karge Landschaft Lanzarotes als auch ins winterliche Deutschland; Letzteres allerdings nur kurz.

Neujahr ist bei Luchterhand erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 15,99 Euro.

 

 

Freitag, 6. April 2018

# 143 - Heile Welt im Kinderzimmer?

Das schlimmste Unglück, das sich Eltern vorstellen können




Dann schlaf auch du von der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani ist überwiegend in der Rue d'Hauteville im 10. Arondissement von Paris angesiedelt. Das Ehepaar Paul und Myriam Massé lebt dort mit seiner kleinen Tochter Mila und dem Sohn Adam, der noch ein Baby ist. Das Buch beginnt mit dem Schlimmsten: Während die Eltern bei der Arbeit sind, werden die Kinder Adam und Mila von ihrem Kindermädchen Louise so schwer mit einem Sushi-Messer attackiert, dass Adam noch in der Wohnung und seine Schwester im Krankenhaus stirbt. Das Kindermädchen versucht, sich in der Badewanne durch das Aufschneiden der Pulsadern umzubringen, wird aber lebend ins Krankenhaus gebracht, wo sie ins Koma fällt.

Wie bekommt man sein Leben mit Kindern in den Griff?


Die Probleme beginnen für Myriam nach der Geburt von Adam: Alles ist mit zwei Kindern mühsamer, die junge Mutter vermisst Ruhe und Freizeit sowie anregende Gespräche, die sich mal nicht immer nur um den Nachwuchs drehen, und trauert nach ihrem entbehrungsreichen Jurastudium den verpassten Jobchancen hinterher. Ihr Mann ist ein aufstrebender Musikproduzent, hat reichlich Abwechslung, aber für Myriams Befindlichkeiten nur begrenzt Verständnis.  Als sie sich immer mehr sozial isoliert und ihr ihre Unzufriedenheit auch durch äußerliche Nachlässigkeit anzusehen ist, trifft sie zufällig ihren ehemaligen Kommilitonen Pascal auf der Straße. Diese Begegnung lässt sie die Kluft zwischen ihrem jetzigen und dem Leben, das sie ohne ihre Kinder hätte führen können, noch deutlicher spüren. Ihre Verzweiflung ist so groß, dass sie zusammen mit ihrem Mann nach einer Möglichkeit sucht, die Kinder tagsüber zuverlässig betreuen zu lassen. Der Zeitpunkt für eine Unterbringung in einer Krippe ist ungünstig, deshalb entscheiden sie sich, nach einem Kindermädchen zu suchen. 
Doch Myriam fühlt auch den Zwiespalt, den ihre Entscheidung mit sich bringt: Sie hat ihre Kinder von ihrem ersten Atemzug an ununterbrochen um sich gehabt, sie allein fühlt zuverlässig, wie es ihnen geht. Die junge Mutter ist davon überzeugt, dass niemand so gut auf Mila und Adam aufpassen kann wie sie.

Paul und Myriam bitten mehrere Bewerberinnen zu einem Vortsellungsgespräch. Auch Louise ist eingeladen, die sofort einen sehr guten Eindruck hinterlässt: Mila ist ihr gegenüber völlig unbefangen, und Louise wirkt selbstsicher und in sich ruhend. Sie kann mit Referenzen aufwarten: Ihre früheren Arbeitgeber loben sie in den höchsten Tönen. Louise bekommt die Stelle.

Man kann in niemanden hineinsehen


Slimani baut die Handlung so geschickt auf, dass die Spannung nie verloren geht, obwohl der grausige Höhepunkt von Beginn an bekannt ist. Sie schildert das trostlose Leben von Louise, die einige Jahre zuvor Witwe geworden ist. Ihr Mann war primitiv und grob; die Ehe als freudlos zu bezeichnen, wäre noch geschmeichelt. Ihre heute erwachsene Tochter hat als Jugendliche gegen ihre Eltern und das triste Zuhause rebelliert und ist als Teenager plötzlich verschwunden. Louise hat ihr Verschwinden nie bei der Polizei gemeldet, ihr Kind nie gesucht und nur über die nachbarschaftliche Gerüchteküche erfahren, in welcher Gegend Frankreichs  sich ihre Tochter aufhält. Nach dem Tod ihres Mannes erbt sie dessen Schulden und muss aus dem bescheidenen Eigenheim in eine verrottete Mietwohnung in einem schlechten Pariser Viertel ziehen. Ihre Sozialkontakte beschränken sich seit ihrer Einstellung bei der Familie Massé auf sie und eine andere Nanny, die sie durch die regelmäßigen Besuche des nahen Spielplatzes kennt.

Bei den zunächst seltenen Begegnungen bemerkt Myriam, dass sich Louise nicht immer so benimmt, wie man es von einer Erwachsenen erwarten würde. Indianerspiele spielt sie mit ihren beiden Schützlingen mit einer so großen Ernsthaftigkeit und Intensität, die sonst nur für Kinder typisch ist. Für die Eltern bleibet noch unbemerkt, dass ihr Kindermädchen mit Adam und Mila auch eigentlich harmlose Spiele in für die Kinder beängstigende Szenarien verwandelt, bei denen die beiden regelmäßig in Tränen ausbrechen und völlig verzweifelt sind. Hier ahnt der Leser, dass mit Louise irgendetwas nicht stimmen kann.
Das, was Paul und Myriam an Louise schätzen, ist ihre unbedingte Zuverlässigkeit und grenzenlose Flexibilität: Es ist für sie kein Problem, mehrnals pro Woche auch am späten Abend auf die Kinder aufzupassen, wenn ihre Arbeitgeber mal etwas allein unternehmen wollen. Sie begleitet die Familie sogar in den Urlaub nach Griechenland. Louise sickert nach und nach förmlich in die Familie ein und macht sich unentbehrlich. Je mehr dieser Prozess voranschreitet, desto mehr versucht sie jedoch auch, die Eltern zu beeinflussen. Es ist ihr da bereits gelungen, die beden Kinder zu manipulieren. Doch je deutlicher ihre Bemühungen in dieser Richtung sind, umso stärker versucht sich insbesondere Myriam gegen sie abzugrenzen. Sie spürt ihr eigenes Unbehagen ihrer Angestellten gegenüber und möchte mit ihr so wenig wie möglich in einem Raum sein. Andererseits ist sie sich aber deutlich bewusst, dass sie und Paul Louise brauchen, wenn sie weiterhin beide in ihren Berufen erfolgreich sein wollen. Ein ums andere Mal schieben Paul und Myriam ihre Bedenken beiseite. Auch dann, als es zwischen Paul und Louise nach einem Vorfall um Mila zu einer handfesten Auseinandersetzung kommt und sich die Eltern mehr und mehr über Louises Art ärgern. Durch einen Zufall efahren Paul und Myriam, dass ihr Kindermädchen wegen Forderungen der Finanzbehörde in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckt und fordern sie auf, diese zu regeln. Dass Louise so sehr in der Klemme steckt, dass sie nicht mal mehr ihre marode Unterkunft bezahlen kann, ahnen sie nicht. Auch nicht, dass ein Arzt eines nahen Krankenhauses ihr einmal eine "delirierende Melancholie" diagnostiziert hatte. Immer, wenn Myriam sich über einzelne Reaktionen oder Varhaltensesien Louises wundert, schiebt sie ihr ungutes Gefühl beiseite und macht sich selbst Vorwürfe, dass sie sich der Nanny gegenüber nicht sensibel genaug verhält. Der Umstand, dass sich die Massés und ihre Angestellte in zwei sehr unterschiedlichen sozialen Schichten befinden, wird im Laufe der Handlung allen Beteiligten mit einer immer bedrückenderen Klarheit bewusst. Doch dass die Nanny ihre Pflichten der Familie gegenüber grob vernachlässigt und immer stärker von ihrem psychisch desolaten Zustand in einem Klammergriff gehalten wird, ahnen weder Paul noch Myriam. Louise verändert sich von einem den Kindern zugewandten Menschen zu einem Monster. 

Wie war's?

 

Dann schlaf auch du schafft das Kunststück, dass man das Buch bis zum Schluss nicht zur Seite legen mag, obwohl das schreckliche Finale bekannt ist. Bis zur letzten Seite wollen etliche Fragen, die sich dem Leser zwangsläufig stellen, beantwortet werden: Wann überwinden die Eltern endlich ihre Zweifel? Wie konnte es so weit kommen, dass Louise sich an den hilf- und arglosen Kindern vergreift, die ihr vertrauen? Für diesen Roman wurde Leïla Slimani mit dem höchsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Ich finde, verdient.

Dann schlaf auch du ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 Euro, als Hörbuch 12,99 Euro und als Audio-CD 12,62 Euro.

Freitag, 9. März 2018

# 139 - Ein Krimi, der nicht wirklich ein Krimi ist

Warum wird ein Mensch zum Mörder?

 

Diese Frage scheint zunächst eindeutig auf einen Krimi hinzuweisen, und auch die Autorin Irene Matt zählt ihr Buch Der Augenblick zu dieser Kategorie. Man kann das aber durchaus auch anders sehen.

Eine Leiche macht noch keinen Krimi

 

Irene Matts Roman ist von Tragik durchzogen: Renate Weiss ist eine junge, alleinstehende Frau, die erfolgreich in der Werbebranche arbeitet. Als Ausgleich zu ihrem stressigen Job geht sie regelmäßig in Herrischried in der Nähe von Waldshut im Schwarzwald joggen. Am Tag, an dem das Unglück seinen Lauf nimmt, ist es drückend heiß. Die junge Mutter Sybille Brüning fährt gerade ihren kleinen Sohn Marcel in seinem Kinderwagen spazieren, als sie sich völlig erschöpft an eine Böschung setzt und fast sofort einschläft. Wenige Minuten später passiert Renate Weiss den Kinderwagen, sieht in die blauen Augen des Babys und drückt ihm wie in Trance das Tuch aufs Gesicht, mit dem es zugedeckt ist. Als Renate wieder klar denken kann, entfernt sie das Tuch, kann sich aber an die letzten Momente nicht erinnern. Sie realisiert, dass das Baby nicht mehr lebt, gerät beim Anblick von dessen toten Augen in Panik und verscharrt es notdürftig in einem nahen Waldstück. Dann setzt sie ihre Laufrunde und auch ihr Leben fort, als wenn nichts passiert sei.
Die Kommissarin Alexandra Keller wird mit den Ermittlungen beauftragt, aber es gibt keine Spuren und keine Zeugen. Das Baby wird trotz einer umfangreichen Suchaktion nicht gefunden. Erst nach ein paar Tagen entdecken Kinder, die mit ihrer Oma im Wald Blaubeeren sammeln, zufällig die Leiche. Doch auch der Fund des toten Marcel bringt die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht weiter.

Ein Schlüsselerlebnis bringt die Wende

 

Renate Weiss schafft es, die grauenvolle Tat im hintersten Winkel ihrer Seele zu verschließen und ihr Leben wie gewohnt weiterzuführen. Nach einem Besuch bei ihrer Patentochter an Heiligabend verfährt sie sich auf dem Heimweg im Schneetreiben und sieht vor sich plötzlich die katholische Kirche von Todtmoos, in die Menschen zum Gottesdienst strömen. Renate entschließt sich spontan, an der Christmette teilzunehmen. Der Eindruck des Gottesdienstes legt in ihr einen Schalter um und sie beschließt, sich schon einen Tag später in Begleitung des Paters bei der Mordkommission zu stellen. Das, was einen Krimi typischerweise ausmacht, ist hier also zu Ende. Nun beginnt der psychologische Teil: Kommissarin Keller hat einen guten Kontakt zu ihrem Ausbilder Hermann Rau, einem Psychologen und Fallanalytiker. Keller erzählt Rau von Renate Weiss, die nichts von einer typischen Mörderin an sich hat. Er vermutet daraufhin, dass Weiss aufgrund einer schweren Traumatisierung die Tat begangen hat und  schlägt seiner Kollegin vor, Weiss und einige andere verurteilte Straftäter in eine besondere Studie einzubinden, die ein Jahr dauern soll. Dabei geht es Rau darum, die Menschen nicht in erster Linie an ihren Straftaten zu messen, sondern sie in ihrer Ganzheit zu sehen. Nachdem das Projekt vom Innenminister genehmigt worden ist, werden alle Teilnehmer für die Dauer der Studie in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Mithilfe eines Tagebuchs versucht Renate Weiss, sich nach und nach dem Kern ihres Problems zu nähern.

Wie war's?

 

Der Augenblick hat aus meiner Sicht zu wenige Elemente eines Krimis, um als solcher zu gelten. Es ist vielmehr eine Betrachtung der Psychotraumatologie, die in einen Roman gegossen wurde. Es geht einerseits um die patientenzentrierte Gesprächstherapie nach C. Rogers und andererseits um die tiefenpsychologischen Erkenntnisse des Psychoanalytikers Fritz Riemann, die im Laufe der Handlung erläutert werden. Das Buch wirkt auf mich, als hätte sich die Autorin nicht entscheiden können, ob sie eine Abhandlung oder einen Roman schreiben möchte. 
Manchen Passagen mangelte es an Glaubwürdigkeit: So spielt sich ein Teil der Handlung während der Gruppensitzungen in der psychiatrischen Klinik in von Alexandra Keller verfassten Sitzungsprotokollen ab. Diese sind jedoch nicht sachlich und knapp formuliert, wie es Protokolle normalerweise an sich haben, sondern wie ein Romantext mit wörtlicher Rede und den ebenfalls wörtlichen Gedanken der Teilnehmer. Auch an anderen Stellen hätte ich das Eingreifen eines Lektors begrüßt.
Insgesamt lässt sich der Titel gut lesen und vermittelt viel über die Psychotraumatologie, über die sich Irene Matt als Mediatorin und Telefon- und Krisenseelsorgerin sicher auch gut auskennt. Aber das Buch ist kein Krimi. Interessant ja, wirklich spannend nein.

Der Augenblick ist im Schardt Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 12,80 Euro. Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Dienstag, 12. April 2016

# 46 - Schwedische Schwermut

Die Geschichte einer schwedischen Kleinfamilie

 

In Die Raben erzählt Tomas Bannerhed über das Leben einer Bauernfamilie in Småland in den 1970-er Jahren: Im Mittelpunkt steht der zu Beginn des Buchs 12-jährige Klas, der wie ein Gefangener seines eigenen Lebens wirkt. Seine sehr guten Schulnoten interessieren seinen Vater Tom Agne Georgsson ebensowenig wie sein großes Interesse an der Natur, insbesondere an Vögeln. Und Klas weiß fast alles über die Vögel in seiner Heimat: Er kennt ihre Gewohnheiten, ihre Rufe und die Routen der Zugvögel. So oft es geht, streift er mit dem Fernglas in der Hand durch die Umgebung und beobachtet die Tiere. Für seinen Vater ist das nur eine Form der Drückebergerei, um der schweren Feldarbeit aus dem Weg zu gehen.

Wolken ziehen über der Familie auf

 

Klas schwankt immer wieder in seiner Haltung gegenüber seinem Vater. Der vom Leben gezeichnete Mann hat nie etwas anderes als das einfache Leben und die Landarbeit kennengelernt und stellt sich vor, dass sein älterer Sohn Klas den Hof übernehmen soll, wenn er alt genug dazu ist. Doch der kleine Familienbetrieb steht wirtschaftlich bereits am Abgrund. Die Schuld gibt der Vater regelmäßig dem Wetter. Aber sein Sohn hat kein Interesse daran, das entbehrungsreiche Leben seines Urgroßvaters, Großvaters und Vaters zu führen - auf diese bäuerliche Ahnenreihe weist ihn Agne gern hin, doch er erreicht damit das Gegenteil dessen, was er beabsichtigt.

Die Mutter ist es, die den Familienfrieden mit aller Kraft aufrecht erhält. Sie ist nicht zufrieden mit ihrem eintönigen Leben, das von der Haus- und der Feldarbeit bestimmt wird und in dem es fast keinen Platz für Freiheiten und Heiterkeit gibt. Sie ist der ruhende Pol nicht nur für Klas und Agne, sondern auch für Klas' jüngeren Bruder Göran. Die Mutter nimmt auch wahr, dass sich ihr Mann immer mehr überfordert fühlt und versucht ständig, ihn zu beruhigen. Doch der gleitet immer mehr in den Wahnsinn ab und entwickelt sich zu einer Gefahr nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie. 
Klas empfindet das Verhalten seines Vaters immer stärker als Bedrohung und beginnt, sich wieder nachts einzunässen. Als er erfährt, dass bereits der Großvater psychisch krank gewesen ist und sich umgebracht hat, beginnt er auch bei sich, nach Anzeichen von Wahnsinn zu suchen.

Schwierige Einschätzung

 

Beim Lesen von Die Raben hatte ich zwiespältige Empfindungen: Da sind einerseits die poetische Sprache und der genaue Blick auf Details, die es dem Leser ermöglichen, sich vollkommen in den jungen Klas einzufühlen. Aber es gibt auch den fast durchgehend sehr präsenten Eindruck, dass über der Familie ständig ein dickes Federkissen liegt, das ein normales Leben erschwert und das sich - je nach der augenblicklichen Verfassung des Vaters - jederzeit auf die Menschen legen und ihnen auf ihrem Hof die Luft zum Atmen nehmen kann. Die Handlung läuft schließlich auf ein Ereignis zu, das die Situation der Familie völlig ändert.

Die Raben ist in der deutschsprachigen Ausgabe 2015 im btb Verlag erschienen. Tomas Bannerhed hat für die schwedische Originalausgabe, die 2011 unter dem Titel "Korparna" erschienen ist, im selben Jahr den in Schweden renommierten August-Preis erhalten - interessanterweise in der Kategorie 'Fiction'. 
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Die Raben kann als gebundenes Buch zum Preis von 21,99 € gekauft werden. Die Kindle- sowie die epub-Edition kosten jeweils 17,99 €.