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Freitag, 12. Dezember 2025

# 493 - Und dann geht es doch: Wie man sein Ziel erreicht, obwohl das unmöglich erscheint

Wer sich ein bisschen für klassische Musik interessiert,
hat seinen Namen vielleicht schon mal gehört: Felix Klieser ist einer der weltbesten Hornisten, obwohl bei seiner Geburt nichts für diese außergewöhnliche Karriere gesprochen hatte.

Klieser kommt ohne Arme auf die Welt. Seine Eltern haben sich darum wahrscheinlich schon früh gefragt, welchen Weg ihr Sohn später einschlagen würde - und könnte. Mit seinem Wunsch, den er als Vierjähriger äußerte, haben sie wohl kaum gerechnet: In seinem Buch Stell dir vor, es geht nicht, und einer tut es doch erzählt er, dass er sich wünschte, Horn zu spielen. In seiner Familie spielte niemand ein Instrument, der kleine Felix hatte noch nie bewusst ein Horn gesehen. Wie dieser Wunsch entstanden ist, bleibt bis heute ein Rätsel.

Felix Klieser bleibt am Ball. Er stellt sich den Problemen, die sich beim Spielen des Instruments ergeben, und findet kreative Lösungen. Als Klieser fünfzehn Jahre alt und seit zwei Jahren Jungstudent an der Musikhochschule Hannover ist, entwickelt sich der Verlauf eines Interviews zu einem Tiefschlag. Eine Stiftung zeichnet ihn mit einem Preis aus, der seine Karriere unterstützen soll. Ein Reporter der örtlichen Tageszeitung bittet ihn und seinen Lehrer um ein Interview. Der Journalist fragt Klieser, ob er sich vorstellen kann, das Hornspielen zum Beruf zu machen. Noch bevor dieser antworten kann, greift sein Lehrer in den Dialog ein: "Felix ist ein toller junger Hornist. Doch mehr als ein Hobby wird bei ihm leider nicht möglich sein. Denn für gewöhnlich haben Hornisten ihre rechte Hand im Schalltrichter. Damit können Sie den Klang modifizieren. Da Felix ohne Hand im Schalltrichter spielt, wird er niemals so klingen, wie ein normaler Hornist. So wird er es professionell nie schaffen."

Das saß. Nie zuvor hatte der Lehrer mit seinem Schüler Felix über dieses technische Problem und seine Zukunftsaussichten gesprochen. Doch im Interview fand er nichts dabei, die musikalischen Grenzen des Fünfzehnjährigen in der Öffentlichkeit zu definieren und ihm eine Zukunft als Berufsmusiker abzusprechen. Der Lehrer soll sich irren: Felix Klieser stellt sich jedem Problem und findet als Autodidakt Lösungen. Er sieht immer nach vorn und sagt: "Manchmal bin ich überzeugt davon, dass diejenigen, die ihr Ziel erreichen, einfach nur nicht stehen bleiben. Egal, was passiert, sie laufen weiter." Disziplin und Beharrlichkeit zeichnen Klieser aus. Aber es gibt auch Tiefpunkte, an denen er kurz davor ist, das Hornspielen an den Nagel zu hängen und seinen Traum vom Profimusiker aufzugeben. Doch er entscheidet sich jedes Mal fürs Weitermachen.

Felix Kliesers Blick ist jedoch nicht nur auf seine Karriere als Musiker gerichtet. Er beschreibt auch, wie Mitmenschen auf eine Person mit einer sichtbaren Behinderung reagieren: Von der körperlichen Einschränkung wird oft auf eine geistige Minderung geschlossen. Der Weg zur Förderschule ist dann manchmal nicht mehr weit, der behinderte Mensch wird in eine Schublade gesteckt und aussortiert. Viele behinderte Menschen haben deshalb Selbstzweifel, die ein Leben lang anhalten können. Das blieb ihm erspart.

Felix Klieser ist heute auf der ganzen Welt als Musiker unterwegs und arbeitet mit renommierten Orchestern und Dirigenten zusammen. 2013 wurde der heute 34-Jährige mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet.

Lesen?

Felix Kliesers Buch ist nur auf den ersten Blick eine reine Autobiografie. Vielmehr zeigt er seinen Leserinnen und Lesern, dass es sich lohnt, seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und Hürden zu überwinden. Problemen kann er Positives abgewinnen: "Mit jedem Problem, das wir lösen, lernen wir. Machen positive Erfahrungen. Auf diese Weise verlieren wir Stück für Stück die Furcht vor ihnen." Die Botschaft: Du kannst alles schaffen.

In einem Punkt stimme ich ihm allerdings nicht zu: Klieser ist der Meinung, "die Hauptgründe dafür, nicht noch mal etwas Neues zu beginnen, liegen meist eher in der Sorge vor Verlust als in der Sorge, vielleicht nicht so viel zu gewinnen, wie man womöglich könnte." Aus meiner persönlichen Perspektive kann die Angst vor Neuem auch daher rühren, dass eine Entscheidung auch Folgen für andere wie zum Beispiel die eigenen Kinder hat.

Stell dir vor, es geht nicht, und einer tut es doch ist 2024 im Econ Verlag erschienen und kostet 22,99 Euro und als E-Book 18,99 Euro.

Freitag, 12. Januar 2024

# 422 - Wer will Inklusion und wer eher nicht?

Ich bin jetzt endlich dazu gekommen, Wer Inklusion
will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden.
 
von Raúl Aguayo-Krauthausen zu lesen. Schon aus persönlichem Interesse wollte ich wissen, was einer der bekanntesten Behindertenaktivisten Deutschlands zu diesem Thema zu sagen hat.

Der Buchtitel sticht nicht gerade durch seine Knappheit hervor, drückt aber genau das aus, was Krauthausen und zahllose andere Menschen mit Behinderung praktisch täglich erleben. Es geht ihm jedoch nicht nur um Barrieren, denen auch Nicht-Behinderte begegnen können: Treppen oder schwierige Einstiege in öffentliche Verkehrsmittel stellen beispielsweise auch alle, die einen Kinderwagen schieben, vor Probleme. Er beschreibt in drei Kapiteln das "große Ganze", was das Leben von Behinderten in Deutschland ausmacht.

Es wird schnell deutlich, dass ein Leben mit einer Behinderung ebenso facettenreich ist wie das ohne. Wer im Alltag keinen Kontakt zu behinderten Menschen hat, der mag überrascht sein, dass sich die Problematik nicht nur um die Berollbarkeit von Wegen und Gebäuden dreht, sondern auch um Wünsche und Bedürfnisse, deren Erfüllung für Nicht-Behinderte ganz selbstverständlich ist: Inklusion findet zum Beispiel in Schulen oder bei der Berufswahl zu oft nicht oder nur eingeschränkt statt. Sehr vielen Behinderten wird außerdem keine Chance gegeben, möglichst selbstbestimmt zu wohnen oder ihre Sexualität auszuleben. Fürsorge wird dann schnell zur Bevormundung. Bestimmte Arten der Fürsorge haben außerdem einen finanziellen Aspekt, der sich für zahlreiche behinderte Menschen nachteilig auswirkt.

Krauthausen belässt es nicht bei einer Kritik des Status Quo, sondern beschäftigt sich ausführlich mit der Frage, wie sich die Inklusion von behinderten Menschen erreichen lässt. Es gibt noch einiges zu tun, aber er zitiert den spanischen Dichter Antonio Machado mit einem Satz, der auch für andere Themenfelder passt: "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."

Lesen?

Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden. sollte auch oder gerade von Menschen gelesen werden, die sich mit der Inklusion von Behinderten bislang nicht oder nur wenig beschäftigt haben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass vieles in diesem Buch bei Leserinnen und Lesern einen "Aha-Effekt" auslöst und damit zum Verständnis beiträgt.
Mehrere Interviews mit Expertinnen und Experten - z. B. einer Sachverständigen für barrierefreies Bauen oder dem Vater eines Kindes mit Downsyndrom - runden den Inhalt ab.

Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden. ist 2023 bei Rowohlt Polaris erschienen und kostet als Paperback 17 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.