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Freitag, 13. April 2018

# 144 - Doppelagent ohne Heimat

"Ich will zeigen, wie der Westen den Krieg erzählt"

 

Dieses Zitat stammt von Viet Thanh Nguyen, der mit seinem Roman Der Sympatisant einen neuen Blick auf das Geschehen im Vietnamkrieg geschaffen hat. Der Autor stammt aus Vietnam und floh 1975 im Alter von vier Jahren kurz vor dem Fall Saigons mit seinen Eltern in die USA. Sein Buch ist der Versuch, den Vietnamkrieg aus einer nicht-amerikanischen Perspektive zu beschreiben. Das ist sowohl in der Literatur als auch beim Film eine große Ausnahme. Viet Thanh Nguyen erhielt dafür 2016 den Pulitzerpreis und den Edgar Allan Poe Award.


Wohin gehöre ich?

 

Der namenlose Erzähler in diesem Roman ist als Hauptmann die rechte Hand eines südvietnamesischen Generals und kann mit ihm und dessen Frau in letzter Minute aus Saigon in die USA fliehen, bevor der Vietcong die Hauptstadt einnimmt. Dem General ist nicht klar, dass sein Adjutant ein kommunistischer Spion des Vietcong ist, der seine verschlüsselten Aufzeichnungen regelmäßig an eine Kontaktperson in Europa schickt. Der Erzähler hält sich auch in den USA immer in der Nähe des Generals auf und empfindet sein Leben in Kalifornien als zwiespältig: "Die Mehrheit der Amerikaner begegnete uns mit gemischten Gefühlen, wenn nicht sogar mit unverhohlener Abneigung, da wir die personifizierte Erinnerung an ihre schmerzhafte Niederlage waren." So erklärt sich auch, dass sich die Mehrheit der Exil-Vietnamesen auf einem niedrigen sozialen Niveau einrichten muss: Der früher geachtete General eröffnet einen Schnapsladen, andere Landsleute gehen putzen oder arbeiten als Tankwart. 

Das ganze Leben des Mannes ist geprägt von Zerrissenheit. Er ist als Sohn einer Vietnamesin und eines französischen Missionars in Südvietnam geboren worden, was zur ersten Ausgrenzung in seinem Leben führte: Er sah nun mal nicht aus wie ein richtiger Vietnamese. Da er als junger Mann in den USA studiert hatte, wurde ihm bei seiner Rückkehr in die Heimat von den Kommunisten Misstrauen entgegengebracht: War er nicht viel zu westlich, um einer der ihren zu sein? 
Der ehemalige Hauptmann hat in seiner Zeit in Kalifornien das Glück, als früherer Student einen Aushilfsjob an seiner ehemaligen Universität am Institut für Orientalistik zu bekommen. Während dieser Zeit wird er auch Berater für einen Film, der sich mit dem Vietnamkrieg beschäftigt. Sein Ziel ist es, die Situation auch aus der Sicht des vietnamesischen Volks zu erklären und ein Stück weit von der amerikanisch geprägten Sichtweise abzurücken. Er widmet sich dieser Aufgabe mit vollem Einsatz, muss dann aber feststellen, dass seine berechtigten Einwände nicht berücksichtigt wurden und sein Name trotz seines intensiven Mitarbeit nicht den Sprung in den Abspann schaffte, wo sogar ein Hund aufgeführt wurde. Die Parallelen zu Francis Ford Coppola und dem bekannten Film "Apocalypse Now" sind da nicht zu übersehen.
Später dann, als der Erzähler nach Südvietnam zurückkehrt, begleitet er eine revanchistische Gruppe dabei, über Laos in das Vereinte Vietnam einzudringen, wo sie dem Widerstand gegen das neue Regime Nahrung geben soll. Dieser Auftrag ist ein gefährliches Himmelfahrtskommando, das die Gruppe zum Teil in den Tod führt. Die Überlebenden werden in ein entlegenes Lager des Vietcong gebracht, wo der Erzähler gefoltert wird, obwohl er die Aktion an den Vietcong verraten hat. Man erwartet von ihm, dass er seine wahre Gesinnung bekennt und ein Geständnis aufschreibt, dass er vom Westen infiziert worden sei. Er weigert sich jedoch, Klischees zu formulieren und wird nach einem Jahr Einzelhaft fast zu Tode gefoltert.

Wie war's?

 

Der Sympathisant schafft es, das Geschehen rund um den Vietnamkrieg mit all seinen Gräueltaten auf amerikanischer und vietnamesischer Seite neu aufzurollen. Viet Thanh Nguyen schildert, wie sein Erzähler zwar unter seinem Doppelleben leidet, sich aber auch nicht klar für eine Lebenswelt entscheiden kann. Interessant sind dabei die Parallelen zu einem vietnamesischen Doppelagenten, der in der Zeit des Vietnamkriegs in den USA als Reporter für die Nachrichtenagentur Reuter und die TIME arbeitete und nach Feierabend Berichte nach Hanoi schickte: Pham Xuan An hatte Kontakte, die bis in die höchsten Kreise des südvietnamesischen Militärs sowie der US-Armee und dem CIA reichten, ohne dass jemand von seiner geheimen Arbeit für die Befreiungsarmee wusste. Er starb 2006.
Der Sympathisant ist ein sehr vielschichtiger und anspruchsvoller Roman, der viele Themen aufgreift und auch da, wo es ans "Eingemachte" geht, kein Blatt vor den Mund nimmt. 

Der Sympathisant ist im Blessing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Wer noch mehr über das Thema lesen möchte, dem empfehle ich dieses Buch: Vietnam - Gesichter und Schicksale von Anna Mudry. Die DDR-Journalistin ist zwischen den Vietnamkriegen in das Land gereist und schildert ihre Eindrücke.

 

Mittwoch, 8. März 2017

Im Februar: Boston, Balkan, Deutschland

Balkankrieg, Schriftsteller im Exil, Fluchthilfe für DDR-Bürger und grausame Morde in Boston


Die Überschrift legt es schon nahe: Im Februar ging es, zumindest was die Inhalte der vorgestellten Bücher betrifft, sehr unruhig zu.


Wie der Soldat das Grammofon repariert war vor etwas mehr als zehn Jahren der Debutroman des bosnischen Schriftstellers Saša Stanišic. Es geht um die Perspektive des 14-jährigen Aleksandar auf den Ausbruch und die Folgen des Balkankriegs, wobei der Leser in der Hauptfigur schnell den Autor selbst wiedererkennt. Die Familie flieht bis nach Deutschland, aber ein Heimatgefühl will sich nicht einstellen. Das Buch war 2006 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, konnte mich aber wegen seiner Abschweifungen und des teils ermüdenden Schreibstils nicht fesseln.
Der Autor ist hier während einer Lesung in einer Buchhandlung zu sehen:













Das Buch konnte mich nicht überzeugen und erhält


(von 5)




Ein sehr interessantes Buch ist Maik Grote mit Schriftsteller im Exil – 1933-1935 gelungen. Viele der Großen aus der damaligen deutschen Schriftstellerszene sahen sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Ausland zu emigrieren: weil sie Juden waren, eine nicht systemkonforme politische Anschauung hatten oder homosexuell gewesen sind. Sie verloren nicht nur ihre Heimat, sondern in den meisten Fällen auch ihren Besitz und viele Kontakte. Es gab auch Versuche, die Arbeiten der Exil-Schriftsteller zu bündeln und ihnen eine Stimme zu geben. Ob dies gelang, ist eines der Themen in diesem sehr genau recherchierten Buch.
Über Maik Grote konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen, was über sein Buch hinausginge.
Grote hat mit seinem Erstlingswerk Geschichte greifbar gemacht und sich sehr um die Darstellung von Einzelheiten bemüht, die allgemein eher unbekannt sind. 







 
In Der Wels – Freiheit oder Diktatur von Hans-Gerd Pyka geht es um den Fluchthelfer Max Weidendorf, der DDR-Bürgern bei ihrer Flucht in den Westen hilft. Was 1966 in einer locker-gelösten Stimmung beginnt, wird im Laufe der Jahre zu einer ernsten und gefährlichen Angelegenheit. Und zu einer sehr lukrativen Einnahmequelle. Die Figur des Max Weidendorf steht in großen Teilen für Kay Mierendorff, einen Fluchthelfer, der in den 1960-er bis 1980-er Jahren über 1.000 DDR-Bürger über die deutsch-deutsche Grenze geschmuggelt hat.
Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat unter der Adresse Zeitzeugen zahlreiche weiterführende Links und Inhalte zum Thema Flucht und Fluchthilfe in der DDR zusammengestellt. Ein sehr interessantes und gut geschriebenes Buch.





 

Am Ende des Monats wurde es richtig blutig: In Der Meister, dem zweiten Band aus der Serie um die Bostoner Polizistin Jane Rizzoli und der Rechtsmedizinerin Maura Isles, schildert die bekannte Krimiautorin Tess Gerritsen eine Mordserie, die eine frappierende Ähnlichkeit mit der hat, wegen der sie ein Jahr zuvor ermittelte – und dabei fast selbst zum Opfer geworden wäre. Spannend erzählt mit etlichen schaurigen Momenten.




Informationen von Tess Gerritsen über die beiden Hauptfiguren bietet dieses Video: 














An manchen Stellen war es mir zu bluttriefend, darum


  

Ich hoffe, es war für euch etwas dabei und freue mich, wenn ihr auch im März wieder hier vorbeischaut.

Freitag, 10. Februar 2017

# 87 - Deutsche Schriftsteller ab 1933: Schreiben im Exil

Über die Folgen, die die Machtübernahme der Nationalsozialisten für Deutschland hatte, gibt es zahllose Bücher. Aber nur sehr wenige beschäftigen sich damit, was aus den Schriftstellern wurde, die dem Dritten Reich ein Dorn im Auge waren: weil sie Juden waren,  eine politische Gesinnung hatten, die nicht geduldet wurde oder homosexuell gewesen sind. Mit Schreiben im Exil 1933-1935 schildert der Autor Maik Grote, welche Gründe sie zur Emigration bewogen haben und wie es ihnen im Ausland ergangen ist. 

Eine neue Plattform für Exil-Literaten


Grote hat sich dem Schicksal der Exilautoren mit einer Akribie genähert, wie man sie nur selten findet. Im Untertitel seines Buches weist er darauf hin, um welche Schriftsteller es im Wesentlichen geht: Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Joseph Roth und Klaus Mann stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, aber es fallen auch andere Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann und Stefan Zweig spielten in der damaligen Literaturszene eine ebenso große Rolle. Grote beschäftigt sich auch mit den Verlegern, mit denen diese Autoren unmittelbar zu tun hatten: Das Schicksal des früheren Teilhabers des Gustav Kiepenheuer Verlages Potsdam, Fritz Landshoff, wird ebenso beschrieben wie das seiner Kollegen Hermann Kesten und Walter Landauer.
Beim Lesen wird immer deutlicher, dass keiner der beschriebenen Schriftsteller Deutschland als Heimatland abgelehnt hatte, weil man selbst dort unerwünscht geworden war. Das galt weder zum Zeitpunkt der Flucht noch später. Bei fast allen hat die Notwendigkeit, sich im Ausland eine neue Existenz oft aus dem Nichts aufzubauen, schwere innere Zerwürfnisse ausgelöst.

Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 war der Startschuss für die Säuberungsaktionen der Nationalsozialisten: Die „Reichstagsbrandverordnung“ setzte Grundrechte außer Kraft und gab dem Regime die Möglichkeit, Oppositionelle zu verhaften und  die Herausgabe von nicht erwünschten Zeitungen zu verbieten. Die SA hatte bereits bei Landshoffs Freund Ernst Toller erfolglos nach beiden Männern gesucht, was den Verleger dazu veranlasste, ständig die Unterkunft zu wechseln.

Mit dem Zeitpunkt der Machtergreifung war allen Angestellten, Autoren und Teilhabern des Kiepenheuer Verlages klar, dass dessen Tage gezählt sein würden. Täglich kamen nun Autoren, um sich vor ihrer Abreise ins Exil zu verabschieden. Landshoff war in Gefahr, weil er sowohl Jude war als auch regimekritische Ansichten vertrat. Während Kesten und Landauer nach Frankreich ins Exil gingen, nahm Landshoff das Angebot des niederländischen Verlegers Emanuel Querido an, in dessen Amsterdamer Verlagshaus eine Abteilung zu gründen, die sich nur um die Veröffentlichung von Werken der deutschen Exil-Schriftsteller kümmerte.

Auch Landauer fand sich einige Monate später in Amsterdam wieder. Der Allert de Lange Verlag hatte ebenfalls vor, eine deutsche Exil-Abteilung ins Leben zu rufen. Fortan lebten die beiden Verlage in ständiger Konkurrenz um Autoren, Rechte und Verträge, was ihnen wirtschaftlich geschadet hat. 

Waren die unerwünschten Schriftsteller eine Schicksalsgemeinschaft?

 

Die Autoren, von denen in Schreiben im Exil 1933-1935 die Rede ist, gehörten vor 1933 zur deutschen Schriftsteller-Elite. Mit der Machtergreifung verloren sie Zug um Zug ihr Eigentum in Deutschland. Manche konnten etwas davon ins Exil retten, andere verloren praktisch ihren ganzen Besitz. So ist zumindest zum Teil zu erklären, dass etliche von ihnen mit der neuen Situation keinesfalls professionell umgingen: Sie rangen um ihr Honorar, ohne zu wissen, wie ein Buchpreis zustande kommt oder zu welchem Preis sich ein Buch verkaufen lässt. Eitelkeiten wurden gepflegt, Realitäten ignoriert, nicht vorhandenes Geld ausgegeben, bis die Schulden sich manchem wie eine Schlinge um den Hals legten. Einige Schriftsteller beschworen noch den Zusammenhalt der deutschen Exil-Autoren, aber letztlich waren sich die meisten von ihnen selbst am nächsten. 

Diese schmerzliche Erfahrung musste beispielsweise auch Klaus Mann mit seiner literarischen Monatszeitschrift „Die Sammlung“ machen, die erstmalig im September 1933 im Querido Verlag erschien. Einige Schriftsteller, die zu Beginn ihre Mitarbeit fest zugesagt hatten, distanzierten sich dann von der Publikation, darunter auch sein Vater Heinrich Mann oder Stefan Zweig. Ihnen war die Ausrichtung der Zeitschrift zu politisch, und sie befürchteten, dass sich ihre Bücher nicht mehr verkaufen lassen würden, wenn sie sich hier mit Beiträgen engagierten. Andere waren nur für ein Mindesthonorar zu einer Mitarbeit zu bewegen oder brachten Klaus Mann immer wieder in Schwierigkeiten, in dem sie die Abgabe von fest zugesagten Artikeln verschoben. Engagement und Kooperation sehen anders aus.
Alles zusammen und der Umstand, dass die Lieferungen ins Ausland, die an Deutschland vorbei führen mussten, umständlich und teuer waren, führten 1935 dazu, dass das Blatt aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben werden musste.

Lesen?

 

Schreiben im Exil 1933-1935 richtet sich an alle Leser, die sich für die Auswirkungen des Dritten Reiches auf die nicht systemkonformen Schriftsteller interessieren. Maik Grote hat für sein Buch eine akribische Recherche betrieben, die einen genauen Blick in diese Szene während der ersten beiden Jahre des Nationalsozialismus in Deutschland wirft. Jede Seite enthält eine Fülle von Informationen, ohne dass das Buch überfrachtet oder ermüdend wirken würde. Wer sich gründlich informieren möchte, ist mit diesem Titel gut beraten.
Der Autor hat bereits angekündigt, im Frühling 2017 ein weiteres Buch zu diesem Thema herauszubringen, das sich mit den Jahren 1936 bis 1939 beschäftigen wird.
Schreiben im Exil 1933-1935 ist bei BoD erschienen und kostet als Taschenbuch 9,95 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 5,49 Euro.