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Freitag, 7. Juli 2017

# 107 - Was ist schon perfekt?

Was ist schon "normal"

 

Eine bislang unspektakulär und in festen Bahnen verlaufende Ehe wird plötzlich einer Bewährungsprobe ausgesetzt, die alles, was bisher als gut und richtig galt, infrage stellt. Um dieses Grundproblem dreht sich die Handlung in Karen Hilgarths Roman Die verborgene Schönheit der Sterne. Liebe und Vertrauen sind wichtige Elemente dieses Buches, es gleitet jedoch nicht ins Kitschige ab.


Schlechte Nachrichten werfen das Lebenskonzept um


Martina und Leonhard leben in Berlin, sind seit zehn Jahren verheiratet, und als sie "Ja" zueinander sagten, war ihr fester Vorsatz, sich gegenseitig beizustehen, wenn das Leben es mal nicht gut mit ihnen meinen sollte. Sie haben keine Kinder, weil sie davon ausgehen, eine klassische Familie passe nicht in die Lebensplanung des anderen. In ihren Berufen fühlen sich beide zu Hause: Leonhard ist mit seinen 47 Jahren ein erfolgreicher und anerkannter Astrophysiker, er steuert als Wissenschaftler der Universität Berlin den deutschen Anteil am Large Hadron Collider (LHC) in Genf bei. Der LHC ist ein Prestigeobjekt, das den an ihm beteiligten Forschern ein großes Renommee verspricht: Mit dem Teilchenbeschleuniger soll unter geregelten Bedingungen der Urknall simuliert werden. Dieses Projekt ist Leonhard wichtig, aber noch wichtiger ist ihm Martina.
Martina nimmt den gefühlvollen Part der Beziehung ein: Sie ist 33 und arbeitet als Sozialarbeiterin im Trebercafé, einem Treffpunkt für Obdachlose. Dort versucht sie, den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft Hoffnung oder doch wenigstens ein offenes Ohr zu geben. Genau wie ihr Mann hat sich auch Martina in ihrem Leben eingerichtet.
Doch dann wird Leonhard krank. Sein Zustand verschlechtert sich so rapide, dass er sich an Cornelius wendet, einen Bekannten aus der Studienzeit, der jetzt Professor an der Charité und Experte für Onkologie ist. Claudius stellt die erschütternde Diagnose: Leonhard leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs, er wird nur noch höchstens ein Dreivierteljahr zu leben haben.

Was ist normal angesichts des nahenden Todes?

 

Leonhard geht mit der Aussicht, nur noch wenige Monate zu leben, auf eine sehr spezielle Art um: Er stürzt sich noch mehr in seine Arbeit, als gelte es, der Welt ein wissenschaftliches Vermächtnis zu hinterlassen, das eng mit seinem Namen verknüpft ist. Martina, die ihm beistehen und ihn so gut wie möglich unterstützen will, kommt in seinen Planungen nicht vor. Auch der Inhalt der Gespräche mit Cornelius bleibt seine Angelegenheit, die er nicht mit seiner Frau teilt. Durch die Ehe zieht sich ein Riss, der Martina in ein emotionales Loch fallen lässt. Kurz vor der Diagnose lernt sie zufällig den katholischen Priester Jarek kennen. Jarek und Martina fühlen sich zueinander hingezogen, und Martina beginnt mit dem Geistlichen eine Affäre - dem Zölibat zum Trotz. Für Jarek fällt diese Begegnung in eine Zeit des Zweifelns: Er ist mit sich und Gott nicht im Reinen und fühlt sich in der von ihm betreuten Gemeinde, in der Beerdigungen an der Tagesordnung und Trauungen eine seltene Ausnahme sind, fehl am Platz. Doch Jarek ist ein empathischer Mensch und merkt, dass Martina mit der Erkrankung ihres Mannes und allen ihren Begleiterscheinungen überfordert ist. Er kommt Martinas Wunsch nach, sich um Leonhard zu kümmern. Jarek besucht den Todkranken und ficht mit ihm in mehreren Gesprächen eine scharfsinnige Diskussion über die Bedeutung von Wissenschaft und christlichem Glauben aus. Die Beziehung zwischen den drei Personen erinnert immer stärker an die Bewegungen eines Kugelstoßpendels.

In einer Nebenhandlung wird ein Blick auf das Leben des Obdachlosen jungen Mannes Mike geworfen, der von Martina im Trebercafé die Unterstützung bekommt, die er braucht, um noch mal neu anzufangen. Während er seinen Schulabschluss nachholt, lernt er Jenny kennen und lieben. Auch sie kommt aus einem sozial schwierigen Milieu, ist aber deutlich willensstärker als ihr Freund, der seine Tage bislang mit seinem besten Kumpel, dem Alkohol, verbracht hat. Ihre Geschichte zeigt Martina, dass man das Erlebte nicht auslöschen kann, aber dass das Leben immer weitergehen würde.


Wie war's?

 

Die verborgene Schönheit der Sterne ist ein ungewöhnlicher Roman. Jedes der 39 Kapitel wird von einem Exkurs in die Welt der Astrophysik eingeleitet. Diese Zeilen stellen eine Verbindung zum Verlauf der Handlung dar, was sich jedoch manchmal erst auf den zweiten Blick erschließt. Karen Hilgarth hat die Figuren ihres Romans klar gezeichnet, ihr Hang zu langen Sätzen erschwert jedoch manchmal das flüssige Lesen. Dennoch ist das Buch keines, das man nach dem Lesen einfach zur Seite legt: Es gibt seinen Lesern Anregungen, über sich, ihr Leben und ihre Rolle, die sie darin einnehmen, nachzudenken.

Die verborgene Schönheit der Sterne ist im ProTalk Verlag erschienen und wurde mir von der Fachagentur für Kultur- und Medienkommunikation Kongking.de zur Verfügung gestellt. Der Titel wird nur als E-Book vertrieben und ist für 8,99 Euro erhältlich.

Freitag, 8. April 2016

# 45 - Ein Abschied

Ein Buch über Liebe, Geduld und Gedankenlosigkeit

 

Heute geht es um das Buch Sechs Jahre von Charlotte Link. Die für ihre Kriminalromane bekannte Schriftstellerin hat sich auf ein ihr bislang völlig fremdes Terrain gewagt - vor allem, weil sie es ihrer Schwester versprochen hatte.

Eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffnungsschimmern und Hoffnungslosigkeit

 

Anfang 2006 wird bei Charlotte Links Schwester Franziska im Alter von 41 Jahren Darmkrebs diagnostiziert. Die Situation wird von den Ärzten als kritisch eingeschätzt: Sie befürchten, dass bereits die Lymphknoten und das Bauchfell befallen sein könnten. Die Behandlung mit Chemotherapie, Bestrahlung und anschließender Operation beginnt praktisch sofort. Was jetzt so wirken mag, als hätte Charlotte Link das Wechselspiel der unterschiedlichen Therapieformen auf ein ganzes Buch ausgedehnt, ist falsch. Das Schreiben ist ihr Weg, sich mit dem langsamen Sterben ihrer ihr sehr nahestehenden Schwester auseinanderzusetzen und den Verlust zu verarbeiten.

Bereits als junge Frau war Franziska zum ersten Mal an Krebs erkrankt: Sie litt unter Morbus Hodgkin, einer sehr seltenen Erkrankung des lympathischen Systems, die mithilfe von Chemo- und Strahlentherapie gut heilbar ist, wenn sie früh erkannt wird. So war es auch bei Franziska: 17 Jahre lang galt sie als krebsfrei, doch der dann auftretende Darmkrebs soll nicht zu ihrem Hauptproblem werden. Was ihr in den nächsten Jahren zu schaffen machen wird, sind die Vernarbungen auf der Lunge, die Jahrzehnte zuvor im Zuge der Morbus-Hodgkin-Therapie entstanden sind: Sie beginnen, sich auszubreiten und die Lungenkapazitäten allmählich dramatisch zu reduzieren. Franziska wird sechs Jahre mit allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen erleben. Sie klammert sich an ihr Leben und will sehen können, wie ihre Kinder aufwachsen.

Menschlichkeit und Empathie - oft vergeblich gesucht

 

Innerhalb des ersten dieser sechs schweren Jahre stellen drei Ärzte unabhängig vomeinander Diagnosen, die alle mit Prognosen über Franziskas noch zu erwartende Lebenszeit einhergehen und sich später als falsch erweisen. Diese Diagnosen werden mit Attributen wie "Sie leben Ende des Jahres nicht mehr" oder "Nichts zu machen!" versehen und zum Teil so gefühlskalt und gnadenlos vorgetragen, dass sie in der Patientin schwere seelische Erschütterungen hervorrufen. Für psychisch labilere Menschen als es Charlotte Links Schwester war, können solche Situationen der Anlass für einen Suizid sein. Doch auch das Verhalten des Pflegepersonals in einer der beschriebenen Kliniken eignet sich nicht dazu, Menschen die Angst vor dem Klinikaufenthalt zu nehmen.

Die Familie trifft jedoch bei ihrer Suche nach geeigneten Behandlungsmethoden auch auf sehr gute Mediziner, die so sind, wie sie sich jeder Patient wünscht: kompetent, geduldig und einfühlsam. In den Krankenhäusern, in denen sie tätig sind, geht auch das Pflegepersonal sehr fürsorglich mit den Patienten um. Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang.

Kann man solch ein Buch überhaupt bewerten?

 

Ich habe vereinzelte Rezensionen gelesen, in denen Charlotte Link vorgeworfen wurde, das Schicksal der Schwester und damit der ganzen Familie für ihr Buch auszuschlachten. Auch, dass es noch viele andere Menschen gibt, die genauso leiden wie Franziska, aber deren Schicksal nicht öffentlich wird, weil sie nicht prominent sind, wurde kritisiert. Prominenz hat jedoch hier einen großen Voteil: Die Stimme einer bekannten Person wird gehört, sie kann ihren Einfluss in der Öffentlichkeit und auf Entscheidungsträger nutzen. So war es auch hier: Noch während sie ihr Buch schrieb, wurde Charlotte Link bereits von zwei Kliniken um Lesungen gebeten. Den beiden Krankenhäusern ging es um den Umgang mit Schwerstkranken bzw. die Spätfolgen der Strahlentherapie. Die Medizin hat in den letzten Jahren das Dilemma einer klassischen Krebstherapie erkannt: Auch wenn die Erkrankung bei einem Patienten besiegt werden kann, kann er sich auch nach vielen Jahren seines Lebens nicht sicher sein.

Sechs Jahre ist ein - naturgemäß - sehr emotionales Buch, das die Hilflosigkeit, in der unzählige Schwerstkranke und ihre Angehörigen stecken, zeigt. Es ist aber auch ein Buch voller Hoffnung und der Botschaft, in einer schweren Situation erst dann aufzugeben, wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind. Es ist kein Buch, bei dem man nach dem Lesen der letzten Zeile nahtlos zum Tagesgeschehen zurückkehren kann.

Sechs Jahre wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist beim Blanvalet Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €. Die Kindle- und epub-Edition ist für 8,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Audio-CD für 14,99 € erhältlich.