Debutroman spielt auf dem platten Land
Mit der ersten Buchvorstellung für 2017 wünsche ich euch allen ein frohes neues Jahr und dass die Dinge für euch so laufen, wie ihr sie euch wünscht. Das heutige "Premierenbuch" in diesem Jahr ist ein Self-Publishing-Buch, doch damit enden die Parallelen zur ersten Rezension aus dem Jahr 2016 auch schon (Boat People).
Das Dorf Muckeringen ist im Roman Gas und Galle von A. C. Scharp in heller Aufregung: Bauer Matthias, der den Hof von seinem Vater übernommen, mit Nutztieren aber nicht viel am Hut hat, plant den Bau einer Biogasanlage. Sein Partner ist das örtliche Versorgungsunternehmen Ekelon Gas. Wie zu erwarten war, sind sich die übrigen 16 Einwohner des Dorfes nicht einig, was sie davon halten sollen. Ihre Gründe, für oder gegen das Projekt zu sein, haben allerdings nicht in jedem Fall etwas mit der Anlage zu tun.
Eine Bürgerinitiative soll es richten
Bevor überhaupt irgendwelche Einzelheiten feststehen, blasen die eitle Nicole Rotter und Alt-Hippie Stephanie Gärtner zum Angriff. Ihr Repertoire reicht vom Malen von dilettantischen Protestplakaten über Dorfzusammenkünfte im heimischen Wohnzimmer bis zu Aktionen, die ein klarer Rechtsbruch sind. Dafür lässt sich sehr gut Stephanies Mann Christian einspannen: ein Waschlappen mit Ingenieur-Diplom, der keine Ahnung hat, wie er seiner Frau schonend beibringen soll, dass er der Projektleiter für den Bau der ihr so verhassten Anlage ist.
Der Bürgerprotest erhält jedoch weniger durch Fakten, die die Anlage betreffen, sondern eher durch persönliche Allianzen oder Abneigungen immer neue Nahrung. Da wird zuerst verhalten, dann offener fremdgegangen, der zurückgezogen lebende Single-Bauer Matthias hat eine Art Damen-Fanclub, dessen Mitglieder sich gegenseitig misstrauisch beäugen, und dann gibt es sogar noch drei Tote, die auf gewaltsame Art und Weise ihr Leben aushauchen. Das wiederum führt zu Verdächtigungen und schürt das Misstrauen sogar unter Eheleuten. Wie weit würde eine der engagiertesten Gegnerinnen der Biogasanlage, die bereits öffenlichkeitswirksam und im Namen der guten Sache ihren Allerwertesten in die Kameras der Reporter gehalten hat, gehen, um das Bauwerk zu verhindern?
Doch die Einwohnerschaft von Muckeringen wird nicht nur durch die Toten reduziert, das Dorf hat noch weitere Abgänge zu verkraften. Bauer Matthias trifft eine Entscheidung, die für die Resteinwohnerschaft des jetzt noch unbedeutenderen Dorfs Folgen hat.
Wie war's?
A. C. Scharp ist mit ihrem Erstlingswerk ein Buch gelungen, das sich wegen seiner flüssigen Formulierung gut lesen lässt. Einzige Einschränkung: Mir hätte es besser gefallen, wenn sich der Bürgerprotest hin und wieder deutlicher auf Fakten gegründet hätte. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass die Bürgerinitiative für ihre treibenden Kräfte in erster Linie dazu diente, die eigenen Eitelkeiten zu bedienen und persönliche Ziele zu verfolgen. Davon abgesehen kann ich das Buch als gut gemachte Unterhaltungslektüre empfehlen.
Ähnlichkeiten zum Roman Unterleuten sind aufgrund des ähnlichen Plots vorhanden, ich gehe jedoch davon aus, dass A. C. Scharp zum Erscheinungstermin von Juli Zehs Roman bereits mit ihrem eigenen beschäftigt war und diese Überschneidung schlicht Pech ist.
Gas und Galle ist als SP-Ausgabe erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 € und als Kindle-Edition 2,99 €. Ich bedanke mich bei Blogg dein Buch für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.
Die Autorin stellt sich auf ihrer Homepage vor. Ihr Buch kann im stationären Buchhandel und bei amazon bestellt werden.

"Wer bin ich?" - kein Ratespiel, sondern eine überlebenswichtige Frage
Eine Frau wacht auf der Intensivstation eines Krankenhauses aus dem Koma auf und erinnert sich an nichts: nicht an ihren Namen, nicht an ihr Leben, nicht an die Menschen, die ihr wichtig sein könnten. Mit diesem Szenario beginnt Fremdes Leben, der neueste Roman von Petra Hammesfahr.
Ein Stückwerk aus Erinnerungen
Sie ist sich völlig sicher: Die Frau, mit deren Namen sie die Ärztin im Krankenhaus anspricht, ist sie nicht. Mit "Claudia Beermann" verbindet sie rein gar nichts. Sie ist Cilly Castrup, die Frau von Achim Castrup. Und sie ist sich sicher: Ihr Mann hat ihr eine Falle gestellt, um sie loszuwerden. Ganz deutlich kann sie sich daran erinnern, dass sie mit ihm in der Dunkelheit in ihrem SUV einen Aussichtspunkt angesteuert hatte, der sich in einem Steinbruch befand. Doch dann hatte Achim von einem merkwürdigen Geräusch im Motorraum gesprochen und angehalten. Sie hatte nichts dergleichen gehört, aber das musste ja nichts heißen. Achim war ausgestiegen, hatte die Motorhaube aufgeklappt, und dann hatte sich der Wagen rückwärts den steil abfallenden Weg hinunter in Bewegung gesetzt. Sie hatte es nicht mehr bis zur Bremse geschafft; wo sich der Schalter für die Handbremse befand, hatte sie nicht gewusst. Achim hatte nur dagestanden, mit hängenden Armen, und ihr ausdruckslos hinterhergesehen. Er hatte keinen Finger gerührt, um ihr zu helfen. Er hatte gewollt, dass sie stirbt. Das Letzte, an das sich die Frau, die mit "Frau Beermann" angesprochen wird, erinnern kann, ist der verschneite Steinbruch und ein einsamer Bauwagen. Und die kreischende Frauenstimme, die immer wieder "Mach sie tot! Mach sie tot!" schrie.
Erinnerungen sind wie ein Kartenspiel, das immer wieder neu gemischt wird
Je klarer sie wird, desto mehr Erinnerungsfetzen tauchen in ihrem Kopf auf. Die sie behandelnde Ärztin klärt sie über den Grund ihrer Einlieferung ins Krankenhaus auf: Sie hatte Ende 2012, also vor fast zwei Jahren, einen so schweren Autounfall, dass ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden gehangen hatte und sie nach dem damaligen Klinikaufenthalt in eine private Pflegestelle gebracht worden ist. Niemand hatte daran geglaubt, dass sie je wieder aus dem Koma erwachen würde. Ihr Sterben war die wahrscheinlichste Variante gewesen.
Nachdem man sie in der Pflegestelle fast zu Tode "gepflegt" hatte, war sie mit dem Rettungswagen in dieses Krankenhaus gebracht worden. Ihr Mann hatte die private Betreuung bezahlt.
Sie ist also verheiratet, und zwar mit einem Carsten Beermann. Doch der braucht ein paar Tage, ehe er sich zum ersten Mal an ihrem Krankenbett sehen lässt. Von ihm erfährt sie im Laufe mehrerer Besuche immer mehr Details aus ihrem Leben, an das sie sich fast nicht erinnern kann. Carstens Schilderungen zufolge war sie ein eitles, selbstsüchtiges Miststück, das auch als Mutter - einen Sohn gibt es also auch noch! - komplett versagt hat. Sie soll sogar fremdgegangen sein.
Wie, um noch alles zu verschlimmern, tauchen immer wieder Erinnerungen auf, die sie in einem noch schlechteren Bild erscheinen lassen: Sie sieht einen an der Decke baumelnden Mann, eine junge Frau, die erstochen in einem brennenden Bett liegt und einen kleinen Jungen, der sich in einem Gitterbettchen in der brennenden Wohnung befindet und weinend nach seiner Mama ruft. Ihr ist völlig klar, dass sie es war, die die Frau umgebracht hat und dass sie nichts getan hat, um deren Sohn vor dem sicheren Feuertod zu retten.
Ein Mordversuch ist nicht genug
Die Zeichen verdichten sich, dass es sich bei der Patientin tatsächlich um Claudia Beermann handelt, aber diese Erkenntnis führt zunächst nicht unbedingt dazu, dass ihre Erinnerungslücken aufgefüllt werden würden. Sie erfährt, dass sie mit ihrem Mann zwar noch verheiratet ist, er aber mittlerweile in einer neuen Beziehung lebt und sogar wieder Vater geworden ist. Claudia Beermann schafft es, in der Rehaklinik ein Stück Selbstständigkeit zurückzugewinnen und eine kleine Wohnung zu beziehen, die ihr ihr Mann besorgt hat. Sie ist finanziell von seiner Unterstützung abhängig, weiß allerdings von ihm, dass sie Carsten vor ihrem Unfall mehrere zehntausend Euro für Umbauten in seinem Autohaus geliehen hat. Warum hatte sie das getan, wenn ihre Ehe seiner Schilderung nach längst in Trümmern lag? Und woher hatte sie so viel Geld? Nicht nur hier stößt sie auf Ungereimtheiten und ist sich nicht sicher, wem sie überhaupt vertrauen kann.
Auf der Suche nach der Vergangenheit fährt sie zum Haus, in dem sich die Pflegestelle befunden hat. Im Ort wird sie fast von einem Pkw überfahren, der ihr bekannt vorkommt und findet ihr Auto an einer ganz anderen Stelle wieder, als sie es abgestellt hatte. Für sie steht fest, dass es jemanden gibt, der sie aus dem Weg räumen will. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern und fährt in das Dorf, in dem sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist. Dort wird sie von Inge, einer früheren Nachbarin, angesprochen, die sie gut zu kennen scheint, an die sich Claudia allerdings nicht erinnern kann. Sagt Inge ihr die Wahrheit über ihr früheres Leben?
Guter Plot mit Schwächen
Fremdes Leben ist nicht der erste Roman, den ich von Petra Hammesfahr gelesen habe, alle vorangegangenen haben mir allerdings besser gefallen. Das Buch hatte wie erwartet einen starken psychologischen Einschlag, als Leser ist man angesichts der sehr unterschiedlichen Erinnerungen und Schlussfolgerungen von Claudia Beermann zunächst genauso ratlos wie sie. An manchen Stellen keimt eine Ahnung dessen auf, was sich an dem Tag, an dem sich das Leben der Hauptperson so grundlegend verändert hat, abgespielt haben könnte. Aber die Art, wie die Figur der Inge beschrieben wird, erinnert stark an einen selbstlosen Samariter. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Frau, die zwar im Haus gegenüber der Großmutter wohnt, zu der der Kontakt aber immer eher oberflächlich gewesen ist, in einer Weise einsetzt, wie man sie von nahen Angehörigen oder der besten Freundin erwarten würde, finde ich relativ gering. Inge spielt allerdings eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung dessen, was Claudia Beermann zugestoßen ist. Sie weiß außerdem bestens über deren Lebensumstände seit ihrer Kindheit bescheid. An dieser Stelle wird mir die Handlung zu unglaubwürdig.
Auch die Art und Weise, wie Claudia letztendlich mit den gewonnenen Erkenntnissen umgeht und welche Entscheidung sie bezüglich des Umgangs mit den Tätern trifft, habe ich als unwahrscheinlich empfunden.
Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist Fremdes Leben ein Buch, das seine Leser durchgehend bei der Stange hält und für angenehme Lesestunden sorgt.
Fremdes Leben ist im Diana-Verlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
Das Buch kostet als Hardcover-Ausgabe 19,99 €, als Audio-CD (gekürzte Lesung) 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition 15,99 € sowie als Hörbuch-Download (gekürzt) 13,95 €.