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Freitag, 10. Mai 2024

# 436 - Die Krise und der Schatz

Quelle Foto: Verlagsbuchhandlung Liebeskind 
Die Welt ist voller Krisen, die sich geradezu zu stapeln
scheinen. Zahlreiche Menschen empfinden diese Entwicklung als Bedrohung, und viele von denen, die es sich leisten können, lassen sich in ihre Eigenheime private komfortable Bunker für den Ernstfall einbauen - wie immer der am Tag X aussehen mag. Doch was ist mit den Leuten, die ebenfalls Angst, aber weniger Geld haben?

Segismundo García II. ist der Erzähler in dem Roman Ein sicherer Ort des spanischen Schriftstellers Isaac Rosa und hat für sie die Geschäftsidee: Er bietet ihnen den Einbau eines "Sicheren Ortes" an. Dafür eignen sich mehr Gebäudeteile als man ahnt: Segismundo empfiehlt hierfür nicht nur mit Gerümpel vollgestellte Kellerabteile oder Garagen, sondern auch winzige, mit einer Holzklappe abgedeckte Erdlöcher. Wo ein Wille ist, sollte auch ein Weg sein.
Die Nachfrage ist da, aber um seine Idee erfolgreich umzusetzen, braucht Segismundo vor allem Geld. Geld, das er nicht hat und ihm die Bank nicht geben wird. Denn: Sein Vater, Segismundo "der Große", hatte sich mit Billig-Zahnkliniken einst von ganz unten nach ganz oben gearbeitet, die Firmendaten etwas aus dem Blick verloren und war wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Ein sozialer Absturz, von dem er sich nicht mehr erholen sollte und der auch das Leben seiner Frau und seines Sohnes aus der Bahn warf. Wer also "Segismundo García" in eine Suchmaschine eingibt, findet zunächst Artikel über die kriminellen Machenschaften des alten Mannes. Der Name ist verbrannt.

Vor seinem Haftantritt hatte Segismundo I. allerdings vorgesorgt und einen Teil des ergaunerten Geldes versteckt. Mittlerweile wurde er zwar entlassen und lebt in einer Wohnung in Madrid, aber seine Demenz hat ihn seine Vergangenheit vergessen lassen. Er wird von einer Pflegerin rund um die Uhr betreut und ist als alter Mann so freundlich, wie er es früher nie war. Hoffnung geben dem Sohn jedoch die spontanen Gänge des Vaters durch die Straßen der Hauptstadt: Segismundo II. hofft, dass sein Vater sich irgendwann an das Geldversteck erinnert und damit unwissentlich die Geldprobleme seines Sohnes und Enkels löst. Ein Peilsender am Handgelenk des Seniors verrät, welche Route er nimmt.

Segismundo III. ist noch Schüler und ebenso schlitzohrig wie Vater und Großvater. Als noch genug Geld da war, hat man ihn auf eine Privatschule geschickt, um ihm die Chance auf ein gutes und erfolgreiches Leben zu geben. Doch Segis, wie er von seinem Vater genannt wird, investiert seine Zeit lieber in Sportwetten und sammelt von seinen reichen Mitschülern Wetteinsätze ein. Aktuell befindet er sich jedoch wie sein Vater in Schwierigkeiten und braucht wie er dringend Geld.

Lesen?

Isaac Rosa greift sehr gekonnt die Ängste auf, die Teile der Gesellschaft umtreiben: Der Wunsch nach dem sozialen Aufstieg geht Hand in Hand mit der Angst vor dem Abstieg; die allgemeine Panikmache befördert die Sorge, es könnte zu Ereignissen kommen, die die Menschheit ins Elend stürzen oder gar auslöschen. Rette sich, wer kann.

Diesen Ängsten wird in diesem Roman entweder mit dem egoistischen Einbunkern oder mit dem Gegenteil, einer auf Zusammenhalt und Kooperation basierenden Gesellschaft, die Segismundo II. spöttisch als "Tonkrügler" bezeichnet, begegnet. Er erzählt seinem dementen Vater in der seltenen "Du-Form" seine Sicht auf dessen Leben und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Am Ende schimmert so etwas wie Versöhnlichkeit gegenüber dem alten Vater durch - oder ist es Resignation?

Ein sicherer Ort ist 2022 in der Originalausgabe unter dem Titel Lugar Seguro erschienen und wurde in der deutschen Übersetzung von Luis Ruby 2024 von der Verlagsbuchhandlung Liebeskind herausgebracht.
Der Roman kostet als gebundenes Buch 24 Euro und als E-Book 18,99 Euro.


Freitag, 5. April 2024

# 431 - Ein Film

Der Roman Ein Film (3000 Meter) ist aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes. Er erschien 1926 in Barcelona in der katalanischen Originalausgabe und auf seinem Cover stand der Name des Autors Víctor Català. Doch hierbei handelte es sich um ein Pseudonym der Schriftstellerin Caterina Albert i Paradís. Man kennt das auch von anderen Autorinnen, denen es nicht möglich war, ihre Werke unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen, weil sie Frauen waren, und die deshalb den Umweg über ein männliches Pseudonym gehen mussten: George Sand beispielsweise wäre unter ihrem Namen Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil wohl für immer unbekannt geblieben. Das gilt auch für die englische Schriftstellerin Mary Ann Evans, deren Roman Middlemarch 2015 von mehr als 80 Kritikern zum bedeutendsten Roman aller Zeiten gekürt wurde. Sie hat das Buch 1872 unter dem Pseudonym George Eliot veröffentlicht.

Die Handlung des Romans spielt um 1910 herum. In Europa werden Kinos gerade populär, ihre Wirkung wird in literarischen Kreisen diskutiert. 
Auch politisch durchlebte Spanien unruhige Zeiten. Es kam vermehrt zu sozialen Spannungen, und das Land stürzte sich in Nordafrika in den verlustreichen Rif-Krieg, um seinen Status als Kolonialmacht auszubauen. Als das zunächst misslang, kam es in Spanien zu innenpolitischen Problemen, die mit Billigung von König Alfonso XIII. 1923 zur Errichtung einer rechtsgerichteten Diktatur unter General Miguel Primo de Rivera führten.
Im Sommer 1909 gab es in Barcelona einen Arbeiteraufstand, der in mehreren Tausend Verhaftungen und einigen Todesurteilen mündete. In der Folge wurden mehrere Bürgerrechte ausgesetzt.

In dieser Atmosphäre der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit ist Ein Film (3000 Meter) angesiedelt. Im Mittelpunkt steht der 22-jährige Nonat Ventura, der als Säugling in einem Waisenhaus in einer ländlichen Gegend Kataloniens abgegeben wird. Er ist intelligent und entwickelt sich zu einem gutaussehenden jungen Mann. Ein Waisenkind zu sein, empfindet er jedoch als Makel und fühlt sich vom Leben benachteiligt. Er ist sich sicher, wohlhabende Eltern zu haben und fühlt sich um ein schönes Leben betrogen. 

Ein kinderloser Schlossermeister aus Girona nimmt den Jungen bei sich auf und behandelt ihn wie einen eigenen Sohn. Doch Nonat strebt nach Höherem: Er liebt schöne Kleidung und den Lebensstil der wohlhabenden Bürger und weiß, dass er niemals deren Status erreichen kann, wenn er ein Leben als Schlosser lebt. Deshalb verlässt er seinen Ziehvater, der ihm zum Abschied eine Goldunze schenkt, die diesem immer Glück gebracht hat. Die Münze soll nun Nonats Talisman sein.

Nonat findet den Namen seiner Taufpatin heraus. Diese lebt mit ihrem Mann in einem Dorf und spürt schnell, dass der Schönling, der an ihre Tür geklopft hat, Ärger mit sich bringen könnte. Da sie vor 22 Jahren geschworen hat, das Geheimnis von Nonats Herkunft für sich zu behalten, tischt sie diesem eine offensichtliche Lüge auf, um ihn rasch loszuwerden. Der sieht sein Heil nun in Barcelona. Sein Gefühl sagt ihm, dass er dort die Antwort auf seine Herkunft finden wird und die Chance hat, mehr aus sich zu machen. Viel mehr.

Nonat schafft es schnell, dank seiner Cleverness und seines guten Aussehens in Barcelona Fuß zu fassen. Er übernimmt eine Werkstatt, die bald gute Kunden hat, und wird in seinem Umfeld geachtet. Aber das ungelöste Rätsel um seine Herkunft treibt ihn um. Außerdem hat die katalonische Hauptstadt Verlockungen, die Nonat von Girona nicht kannte. Wer es sich leisten kann, fährt mit der Straßenbahn oder sogar Droschke, es gibt viele gute Restaurants und auch kulturell ist Barcelona Girona weit überlegen. Doch diese Möglichkeiten, die Nonat gerne wahrnimmt, übersteigen seine Finanzen. Hat er bislang nur gelegentlich etwas in großen Menschenmengen mitgehen lassen, schart er schon bald einige Kleinkriminelle um sich, die das schnelle und leicht verdiente Geld wittern. Was sie nicht wissen: Alle Menschen, die den jungen Mann für ihren Freund hielten, wurden von ihm massiv enttäuscht. Einige, die ihn früher liebten und bewunderten, hassen ihn nun. Nonat ist das gleichgültig, er sieht nur seinen eigenen Vorteil. Aber wie lange kann er sein Glück, das ihm bisher treu war, strapazieren? 

Dann kommt der Tag, an dem Nonat die Goldunze seines Ziehvaters gestohlen wird...

Lesen?

Ein Film (3000 Meter) wirft ein Licht auf das Leben der Menschen in Katalonien, die vor etwa einhundert Jahren knapp ihr Auskommen hatten oder am Rand der Gesellschaft standen. Nonats brennender Wunsch, ein Mitglied der wohlhabenden Klasse zu sein, zeigt immer wieder, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich war. Doch es war nicht nur das Geld, das ihn von denen "da oben" trennte, sondern auch seine Herkunft, die sich unter anderem in seinem schlechten Spanisch widerspiegelte. 

Catarina Albert i Paradís bettet ihren Roman in ein zeithistorisches Umfeld ein, in dem es in Katalonien und Spanien etliche Erschütterungen gab und man sich neu orientieren musste. Sie gehörte zu den Anhängern des Noucentisme, einer kulturellen und ideologischen Strömung, die mit dem Beginn der Diktatur von Miguel Primo de Rivera ihr abruptes Ende fand. In diese Zeit fiel ihre kreative Krise. Die wenigen Male, in denen sie in ihrem Roman direkt Bezug auf das Kino nimmt, das immer mehr Menschen begeisterte, sind wohl als Annäherung an das neue Medium zu sehen. Catarina Albert i Paradís wird beobachtet haben, welchen Einfluss das Kino auf das Leben und die Gewohnheiten der Menschen nahm. Davon blieb auch die Literatur nicht unberührt.

Einziger Kritikpunkt ist das Fehlen eines Nachworts, das den Kontext für die Romanhandlung liefert. 

Ein Film (3000 Meter) ist 2024 im Kupido Literaturverlag erschienen und wurde sehr lebendig von Petra Zickmann übersetzt.
Der Roman kostet gebunden 29,80 Euro.

Dienstag, 9. Mai 2023

# 391 - Kindheit auf Teneriffa

Die spanische Autorin Andrea Abreu hat mit So
forsch, so furchtlos
einen Debütoman geschrieben, der nicht nur in ihrer Heimat Begeisterung auslöste, wo sie seitdem zu den besten einheimischen Schriftstellern gezählt wird.

Schauplatz ist die Heimat Abreus, die Kanareninsel Teneriffa. Die Kanaren sind für Touristen ein Versprechen des ewigen Frühlings: Milde Temperaturen locken sie an die langen Strände, wo Hotelanlagen für einen angenehmen Urlaub sorgen. Doch diese Kulisse hat nichts mit dem Leben der Einheimischen zu tun, die die Hotels allenfalls als Service- oder Putzpersonal von innen sehen.

Die Handlung beginnt am ersten Tag der Sommerferien. Von Anfang an ist klar, dass sich die nächsten Monate zäh dahinziehen würden.
Zwei zehnjährige Mädchen stehen im Mittelpunkt des Romans. Beide kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und wohnen dort, wohin es keinen Urlauber verschlägt: in einem Dorf, dessen Häuser sich an den Hängen des Vulkans Teide förmlich stapeln. Isora, die sich als frühreif gibt, nennt ihre Freundin, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, nur Sis. Wann immer es ihre Zeit zulässt, kleben sie fast aneinander und wünschen sich das, was für die Touristen selbstverständlich ist: im Bikini im Meer zu schwimmen und im Sand zu liegen. Aber das Meer ist für sie unerreichbar fern und bleibt bis zur letzten Seite ein Wunschtraum.

Die Freundschaft der beiden ist nicht auf Augenhöhe: Sis bewundert Isora für ihre Unerschrockenheit und ihr Draufgängertum. "Und ich wollte so sein wie sie, so forsch, so furchtlos", lässt sie die Leserinnen und Leser schon auf den ersten Seiten wissen. Doch was das einfache Leben der Freundinnen prägt, ist eine Art von Maßlosigkeit, die zu den einfachen Lebensverhältnissen zu passen scheint. Isora und Sis sprechen nicht einfach nur, sie pöbeln und fluchen wie die Bierkutscher. Sie sind nicht dezent, wenn ihnen etwas unangenehm ist, sondern Isora "pulte sich die Unterhose aus der Poritze". Sie essen nicht, sondern fressen. Fäkalsprache ist für sie normal und selbstverständlich.

Aber was Sis an Isora als Zeichen von Stärke zu erkennen glaubt, ist tatsächlich das Gegenteil. "Ich will mir das Leben nehmen, ich will sterben", hört Sis ihre Freundin mehrmals sagen. Aber kurz danach rennen sie gemeinsam durchs Dorf und der Satz ist vergessen. Bis zum nächsten Mal. Und auch Isoras Bulimie fällt niemandem auf: Das Mädchen erbricht sich nach jeder Mahlzeit und findet sich zu dick. Doch in der Welt der Erwachsenen ist jeder mit etwas beschäftigt: Geld verdienen, den Haushalt machen und was eben noch so anfällt. Sis und Isora wachsen auf wie herrenlose junge Welpen. Die besondere Situation, auf die der Roman zuläuft, sieht man allerdings nicht unbedingt kommen.

Lesen? 

So forsch, so furchtlos ist kein typischer Coming-of-Age-Roman, sondern beinhaltet eine große Portion Sozial- und Gesellschaftskritik. Das von Abreu beschriebene Milieu ist ihr gut bekannt, sie ist selbst darin aufgewachsen und kann deshalb besonders authentisch von der melancholischen Atmosphäre des Bergdorfs, dem Aberglauben der alten Frauen und der Gottesfürchtigkeit schreiben. Ob die ununterbrochene Benutzung von Fäkalsprache und Derbheit etwas mit der Lebenswirklichkeit von Zehnjährigen in einem kanarischen Dorf zu tun hat, ist möglich, aber an manchen Stellen schwer vorstellbar. 

Der Roman ist 2020 unter dem Originaltitel Panza de burro erschienen, was wörtlich übersetzt "Eselsbauch" heißt. Damit sind die besonderen Wolkenformationen in höheren Lagen der Kanarischen Inseln gemeint, von denen auch in So forsch, so furchtlos immer wieder die Rede ist und die das Dorf oft wie in eine kühle und feuchte Watteschicht einwickeln. 

So forsch, so furchtlos ist 2022 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Freitag, 10. Februar 2023

# 381 - Eine Jugend auf Mallorca während der Franco-Diktatur

José Carlos Llop ist der wichtigste zeitgenössische
Schriftsteller Mallorcas. Sein Buch Der Bericht 'Guillermo Stein' erschien in Spanien bereits 1995 unter dem Titel El informe Stein und wurde 2008 mit dem Prix Ecureuil de Littérature Etrangère für den besten in Spanien veröffentlichten Roman ausgezeichnet. Und das, obwohl es sich um einen Titel mit nur rund 90 Seiten handelt. Was macht das Buch so besonders?

Der Kurzroman spielt im Sommer 1968 in Palma de Mallorca. Der Erzähler Pablo Ridorsa ist Schüler im Jesuitenkolleg. Spanien hat bewegte Jahrzehnte hinter sich: Die Ausrufung der 2. Republik, die Kirchenverfolgung durch die neue Verfassung, die Folgen des Spanischen Bürgerkriegs sowie die Diktatur unter General Franco wirken sich auch auf das Leben auf Mallorca aus. Doch man spricht nicht gern über die Vergangenheit und verdrängt die Flecken auf der weißen Weste seiner nächsten Angehörigen.

Der Sommer 1968 ist einer der regenreichsten der Insel. Mitten im Schuljahr taucht plötzlich ein neuer Schüler im Kolleg auf: Guillermo Stein. An ihm ist alles seltsam und geheimnisvoll, und Stein selbst tut nichts, um diesen Eindruck zu entkräften. Im Gegenteil: Er erzählt von seinem Vater, der Kontakt zu einflussreichen Faschisten hatte, trägt buntere Kleidung als die anderen und fährt auch im strömenden Regen mit dem Fahrrad zum Unterricht - als Einziger und mit einem auffälligen roten Regenmantel. Außerdem tritt er so auf, als ginge ihn alles um ihn herum gar nichts an. Die Neugier der anderen Jungen ist geweckt und es entsteht der Plan, möglichst viel über Stein herauszufinden und in einem Bericht zusammenzufassen.

Ridorsa, der bei seinen Großeltern aufwächst, freundet sich mit Stein an. Bei einem Besuch in Steins Zuhause fällt ihm der große Unterschied zum Haus der Großeltern auf: Während Stein im damals vornehmen Viertel El Terreno wohnt, haben Ridorsas Großeltern ihr Quartier innerhalb der Stadtmauern noch nie verlassen. Ridorsa registriert, dass die beiden alten Leute auf den Namen Stein angespannt reagieren und spürt, dass Steins Anwesenheit etwas ins Rollen bringt. Und tatsächlich kommen am Ende des Buches einige Wahrheiten ans Licht, die für etliche emotionale Erschütterungen sorgen - und Ridorsa begreifen lassen, warum sich seine Eltern nicht mehr auf Mallorca sehen lassen.

Lesen?

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist mir auf der Frankfurter Buchmesse 2022 aufgefallen, als der Ehrengast Spanien zahlreiche deutsche Übersetzungen spanischer Bücher vorgestellt hat. José Carlos Llop verwebt in seinem Roman die fiktiven Ereignisse in einem Jesuitenkolleg in Palma mit der Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. 

Die zunächst noch eher kindliche Neugier der Jungen gegenüber ihrem neuen mysteriösen Mitschüler verändert sich in dem Moment, als aus Gerüchten und Vermutungen Wahrheiten werden und sie von den Verfehlungen ihrer nächsten Verwandten erfahren: Denunzierungen und Verrat taugen nun mal nicht für Heldenerzählungen. 

Ridorsa wird zum ersten Mal mit seiner erwachenden Männlichkeit konfrontiert und verliebt sich. Und sein geheimnisvoller Freund, der schon bald wieder abreist, hat die letzten Jahre seines Lebens vor sich. 

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist ein interessanter Blick in spanische Verhältnisse in den 1960-er Jahren und es lohnt sich, das ein oder andere, was uns aus der Landesgeschichte nicht bekannt ist, nachzulesen.

Der Roman ist 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,80 Euro.


Freitag, 28. Oktober 2022

Frankfurter Buchmesse 2022 - ein Rückblick auf spannende Tage

Anstelle einer Rezension erzähle ich heute von
meinem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2022. Mit meiner Begleiterin bin ich vom 19. bis zum 21. Oktober durch die Messehallen gestreift. Hat es sich gelohnt?

Eines vorweg: An die Zahlen "vor Corona", also aus dem Jahr 2019, kam die Buchmesse nicht heran. Weniger Aussteller, freie Flächen in den Hallen und weniger Besucher sind für die Einnahmen der Frankfurter Buchmesse GmbH nicht günstig, für die Besucherinnen und Besucher ist der Aufenthalt aber wesentlich entspannter. Wer auf der Buchmesse 2019 gewesen ist (Stichwort: Messesamstag, Halle 3.0), weiß, was ich meine.

Auf der Agora sah man sofort, welches Land in diesem Jahr der Ehrengast war: Spanien. Das weltbekannte Museo del Prado aus Madrid hatte dort seine Wanderausstellung La Prado en las calles (Der Prado in den Straßen) aufgebaut, die schon in zahlreichen Städten wie z. B. Havanna, Guatemala-Stadt oder Manila sowie mehreren spanischen Städten zu sehen war. Dabei wurden die wichtigsten Meisterwerke des Museums als Reproduktionen in Originalgröße gezeigt. Das hat natürlich nichts mit Büchern zu tun, ist aber ein schöner Einstieg, um das Land kulturell besser kennenzulernen.

In Halle 3.0 zogen vor allem die Stände der größeren Verlagshäuser die Interessenten an. Uns auch. Aber ich will hier nicht auf einzelne Bücher verweisen, die mir ins Auge gefallen sind, dann würde der Text zu lang werden. Es soll hier mehr um die Besonderheiten gehen, die mir besonders gefallen haben. 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor dieser Messe noch nie von der Stiftung Illustration mit dem Bilderbuchmuseum Troisdorf gehört hatte. Die Stiftung wurde 2005 von den Städten Troisburg und Siegburg gegründet und will die Illustrationskunst fördern. Das Bilderbuchmuseum ist europaweit das einzige dieser Art. Es verfügt über Sammlungen mehrerer Illustratorinnen und Illustratoren und veranstaltet Ausstellungen. Am Stand wurden einige Illustrationen gezeigt, und den anwesenden Mitarbeiterinnen war die Freude an ihrer Tätigkeit anzumerken.

Ebenfalls in Halle 3.0 wurden wir fast überfallartig von einer Frau angesprochen, die um Aufmerksamkeit für die mittlerweile zehn Bücher ihres Mannes aus dem Spica-Verlag warb. Sie trug uns die Inhalte aller Mystery Thriller vor, die ihr Mann bislang veröffentlicht hatte. Schon das war beeindruckend, aber ihr Engagement war es noch mehr. Mit diesem starken Rückhalt kann nichts mehr schiefgehen, oder? Danke Frau Roth für das sehr nette Gespräch.

In Halle 3.1 haben wir bei der Bundeszentrale für politische Bildung einen Stopp eingelegt. Dort waren alle aktuellen Publikationen zur Ansicht ausgelegt. Wer sich für Politik und Geschichte interessiert, ist dort genau richtig. Wer nicht, sollte sich beim nächsten Mal trotzdem dort umschauen und bei den spannenden Titeln "Feuer fangen".

Ein paar Meter weiter war der Stand des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Ich glaube, dass die wenigsten Menschen, die dort schauten, dies taten, um sich zu informieren. Dazu hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vielleicht etwas offensiver sein und auf die Menschen aktiv zugehen müssen. Viele, die dort stoppten, griffen nach einem der Give-Aways und zogen weiter. Wie vielen Leuten ist die tolle Außenwand des Standtresens aufgefallen? Ich habe die Bepflanzung erst wahrgenommen, als ich unmittelbar davor stand und mir der Geruch von Basilikum in die Nase stieg. Die ganze Seite ist mit Kräutertöpfen bestückt gewesen, die jeden Abend gegossen wurden. Der Herr links äußerte die Hoffnung, dass die Kräuter nach der Messe nicht vernichtet, sondern genutzt werden.

Im selben Gang hatte der Diogenes Verlag seinen Stand. Dort habe ich mir ein Buch angesehen, von dem ich schon begeisterte Rezensionen gelesen hatte: Papyrus von der spanischen Autorin Irene Vallejo. Es geht um die Geschichte der Bücher und darum, wann der Mensch mit dem Lesen begann und welche Entwicklung dadurch ausgelöst wurde. Der Titel liest sich nicht wie ein trockenes Geschichtsbuch, sondern wie ein spannender Roman. Ich musste mich förmlich von diesem Buch losreißen.
Dort waren auch zwei Promis anwesend: Die Krimiautorin Donna Leon und der Literaturkritiker Denis Scheck. Besonders spannend war daran aber eher nichts.

Der Besuch beim Polar Verlag durfte auf keinen Fall fehlen. Völlig zu Recht bezeichnet er sich als "DER Verlag für anspruchsvolle Kriminalromane". Den Kontakt zwischen uns gibt es bereits seit einigen Jahren und ich freue mich sehr, dass der Verlag die letzten schwierigen Jahre gut überstanden hat und sich seine Fans auf viele weitere spannende Pageturner freuen können. Die Rezensionsexemplare, die mir von Frau Kuhlmann überreicht wurden, sind Pickard County von Chris Harding Thornton und Pleasantville von Attica Locke, das am 15. November 2022 auf den Markt kommt. In meinem Bücherregal stehen bereits etliche Polar-Krimis, und ich könnte jeden empfehlen.

Die Austeller in Halle 4.0 kamen mehrheitlich aus Nord- oder Osteuropa sowie aus arabischen Ländern. Die meisten hatten Literatur in ihren Heimatsprachen ausgelegt, was für uns eher uninteressant war.

Sehr interessant hingegen war das Gespräch mit Margarita Stein, der Geschäftsführerin der Anthea Verlagsgruppe aus Berlin. Der Verlag veröffentlicht Titel aus den Bereichen Lyrik, Belletristik und Zeitgeschichte und kann von sich sagen, das Werk eines Literaturpreisträgers in seinem Programm zu haben: 2021 gewann der bulgarische Autor Georgi Bărdarov mit seinem Roman Absolvo Te den Literaturpreis der Europäischen Union. Ich habe mich sehr gefreut, als er zufällig zum Anthea-Stand kam und mir ein Rezensionsexemplar signiert hat. Das Buch werde ich demnächst hier vorstellen.

Frau Stein empfahl noch ein weiteres Buch aus ihrem Programm: In ihrem biografischen Roman Glut im Eis hat Inge Ruth Marcus sich dem bewegten Leben ihrer Großeltern gewidmet, das von Flucht geprägt war. Die Lebenslinien von vier Generationen wurden davon beeinflusst, dass sich immer wieder politische Verhältnisse änderten und die Familie nur deshalb ihr Leben retten konnte, weil sie in einem (weiteren) fremden Land eine neue Heimat suchte. 

Wer sich im Bildungsbereich umsehen wollte, war in Halle 4.2 richtig. Wissenschaftsverlage und Universitäten zeigten dort ihr Repertoire. Das war interessant, aber hier reichte ein grober Überblick.


Völlig klar, dass ein Besuch im Forum, wo der Ehrengast Spanien seine Sonderausstellung zeigte, nicht fehlen durfte. Das Motto lautete "Creatividad Desbordante", was mit "Sprühende Kreativität" übersetzt werden kann. Diese sprühende Kreativität hat sich vor allem in technischen Dingen gezeigt: Aus in Mikrofone gesprochenen Wörtern wurden bunte Farbbilder, die auf Standbildschirmen zu sehen waren; ein Drucker stellte Geschriebenes in Brailleschrift dar; ein mechanischer Arm schrieb
 live ein Universal Poem, ein von der Menschheit geschriebenes Gedicht; auf einer Installation aus Glasscheiben und Licht stand ein Gedicht, das einer Paula Romero gewidmet war.
In einem Teil des Raums waren weiße, mit spanischen Wörtern bedruckte Stoffbahnen aufgehängt worden, die sich bei jedem Luftzug leicht bewegten. Nicht zuletzt hatte der Ehrengast an einer der Wände eine hohe geschwungene Bücherwand aufgestellt, wo überwiegend spanischsprachige Titel, aber auch Übersetzungen gezeigt wurden. Davor war eine Landschaft aus Sitzschläuchen aufgebaut worden. Vieles war zwar schön anzusehen, aber mir hat der besondere Bezug zu Spanien und die Vermittlung des dortigen Lebensgefühls gefehlt. Die Exponate hätten nach einem Sprachenaustausch von jedem beliebigen anderen Land stammen können. In der Vergangenheit hat es Ausstellungen von Ehrengästen gegeben, denen es besser gelungen war, eine Brücke zu ihrer Heimat zu schlagen.




Zum guten Schluss stand ein Besuch in Halle 6 an.
Ausschnitt Stand der chin. Regierung

Hier waren internationale Verlage vertreten. China war mit großen Ständen sehr präsent. Ein Stand wurde von der chinesischen Regierung betrieben, zwei weitere von chinesischen (unabhängigen?) Verlagen. Was nicht fehlen durfte, war der 4-teilige Bestseller des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping China regieren. Er wurde auf dem Regierungsstand von weiteren hilfreichen Büchern Xis sowie Titeln, die die Großartigkeit des Reichs der Mitte verdeutlichten, eingerahmt. Xis Buch gibt es selbstverständlich in etlichen weiteren Sprachen.
Auffällig war das völlige Fehlen von Belletristik oder Lyrik. Das Buchangebot beschränkte sich auf Titel, die - sagen wir mal - "hilfreich" waren. 

Interessant war auch, dass die asiatischen Verlage (abzüglich China) einen Schwerpunkt auf Kinderbücher gelegt hatten. Im Gegensatz zu deutschen Exemplaren hatten diese Bücher kreischbunte Cover, die in Deutschland vermutlich viele Eltern eher davon abhalten würden, solch ein Buch zu kaufen.
Ich zeige hier einige allgemeine Impressionen aus der Halle, um einen Eindruck zu vermitteln:






Dem Aufruf, der am Eingang zum Forum angebracht war, schließe ich mich an und beende damit meinen Bericht von der Frankfurter Buchmesse 2022. Wenn es geht, werde ich im nächsten Jahr wieder dort sein. Aber wer weiß schon, was in einem Jahr ist.


Nachtrag: Viele werden wissen, dass ich mein Leben auf "drei Beinen" verbringe. In einigen Tagen werde ich in meinem anderen Blog Das tägliche Gruseln darüber schreiben, wie mir die Frankfurter Buchmesse aus meiner Perspektive als behinderte Besucherin gefallen hat. Wenn es soweit ist, werde ich das bei Twitter und Instagram veröffentlichen.
Nachtrag 2: Eben habe ich den Blogtext auf Das tägliche Gruseln veröffentlicht. Schaut vorbei!

Freitag, 11. März 2022

# 339 - Die Wiederentdeckung eines einst bekannten spanischen Reporters

Manuel Chaves Nogales war in den 1920-er, 1930-er und 1940-er Jahren einer der bekanntesten und herausragendsten spanischen Journalisten. Er wurde 1897 in Sevilla geboren und starb 1944 im Exil in London. Rückblickend kann man sagen, dass er zu den ersten narrativen Journalisten gehörte.

Chaves Nogales war ein liberal denkender Mensch, der aufgrund seiner Haltung Feinde sowohl im kommunistischen als auch faschistischem Lager hatte: Die seit 1931 existierende Zweite Spanische Republik wurden von diesen beiden politischen Strömungen scharf attackiert. Ihr Ende wurde 1936 durch einen Staatsstreich gegen die linke demokratisch gewählte Regierung eingeläutet, der von einem rechtsgerichteten General angeführt worden war und später in den Spanischen Bürgerkrieg mündete.

Für die 1930 in Madrid gegründete Zeitung Ahora arbeitete Chaves Nogales ab 1931 als Direktor und berichtete in seinen Vor-Ort-Reportagen aus der ganzen Welt. Seine Texte telegrafierte er Wort für Wort nach Spanien. Auch für damalige Verhältnisse waren die Artikel sehr ausführlich, für heutige ohnehin. Als die Regierung Madrid verließ, ging Chaves Nogales ins Exil nach Paris, das er wenige Jahre später verließ, als sich die deutschen Truppen auf die französische Hauptstadt zu bewegten. London wurde für seine letzten Lebensjahre Chaves Nogales' Heimat.

Mit dem Ende von Ahora 1939 verschwand Manuel Chaves Nogales in der Wahrnehmung der spanischen Bevölkerung. Eine liberale Presse existierte in Spanien nicht mehr. Die Leserschaft der Ahora hatte keinen Zugriff auf seine Reportagen, die nun in Zeitungen und Zeitschriften außerhalb Spaniens abgedruckt wurden. So wurde der Journalist im Laufe der Zeit vergessen. Erst eine Forschungsarbeit der Professorin María Isabel Cintas Guillén führte dazu, dass man sich in Spanien nicht nur mit der Person des Journalisten Manuel Chaves Nogales, sondern auch mit seinen Reportagen beschäftigte, um Teile der spanischen Geschichte, insbesondere die Zeit des Franco-Regimes, aufzuarbeiten.

Das Buch Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer beschäftigt sich mit einer Reise von Manuel Chaves Nogales im Jahr 1934. Der Journalist begleitete eine kleine spanische Expeditionsgruppe in die marokkanische Enklave Ifni, die den Auftrag hatte, dort die spanische Kolonialisierung zu realisieren. Vor Ort ging er einem Gerücht nach, das mit einem Trauma des spanischen Militärs zusammenhängt, dem "Desaster von Annual". In Spanien wurde damals immer wieder kolportiert, dass dort noch 300 spanische Soldaten von Berbern gefangen gehalten werden. Chaves Nogales entlarvte dieses Gerücht als "politisches Spiel mit der Leichtgläubigkeit", wie es der Übersetzer und Verleger Frank Henseleit in seiner ausführlichen Einführung beschreibt.

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer enthält drei Reportagen des einst bekannten Journalisten: Neben dem über die Gefangenen berichtet der Spanier über die Kolonisierung von Ifni sowie über seine Bruchlandung auf dem Weg dorthin. Alle Artikel wurden aus den jeweiligen Original-Zeitungsartikeln von Henseleit übersetzt und mit dem Zeitungskopf der Ahora ausgestattet. Der erste Artikel stammt vom 10. Januar 1934 und kann hier im Original nachgelesen werden.

Manuel Chaves Nogales tat das, was wir uns auch heute von Journalisten wünschen: Er ging auf Menschen zu, war mittendrin im Geschehen, stellte kritische Fragen und nahm seine Leserschaft mit - in fremde Länder ebenso wie in seine Gedanken. Das alles fasste er in verständliche Worte und ausführliche Artikel, die umfassend informierten.

Lesen?

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer verdient unbedingt eine Leseempfehlung. Alles, was Leserinnen und Leser für das geschichtliche Verständnis benötigen, um Chaves Nogales' Artikel zu verstehen, steht in Frank Henseleits Einführung. 

Das Buch ist 2021 im Kupido Verlag erschienen und kostet 24,80 €. Unter dem Verlagslink findet ihr einen Buch-Teaser mit weiteren interessanten Informationen über Manuel Chaves Nogales. Der Verlag beginnt mit dieser Veröffentlichung eine Reihe über die Werke des spanischen Journalisten.

Freitag, 5. Februar 2021

# 276 - Ein Reisebericht der ersten Touristin auf Mallorca

Wer schon einmal auf Mallorca war, hat wahrscheinlich auch das Bergdorf Valldemossa im Tramuntana-Gebirge besucht. Die Hauptattraktion des Ortes ist das ehemalige Kartäuserkloster, in dem die französische Schriftstellerin George Sand mit ihren beiden Kindern und dem polnischen Komponisten Frédéric Chopin den Winter 1838/1839 verbrachte. Ihre Eindrücke hat Sand 1842 in ihrem Buch Un Hiver à Majorque geschildert, das unter dem deutschen Titel Ein Winter auf Mallorca mehrfach herausgegeben wurde. Das Buch gilt als Klassiker der Reiseliteratur.

Die Vier wollten das anstrengende Leben in Paris für ein paar Jahre hinter sich lassen und erhofften sich eine wohltuende Wirkung des mallorquinischen Klimas auf die Rheumaerkrankung des Sohnes und die Lungenerkrankung des Komponisten. Doch das, was sie auf der Insel während ihres viermonatigen Aufenthalts erlebten, hat ihnen so zugesetzt, dass sie schließlich fast schon fluchtartig die Rückreise antraten.

Man kann sich allerdings darüber wundern, mit welchen Vorstellungen insbesondere George Sand auf die Insel gereist ist. Sie und Chopin gelten als die ersten Touristen Mallorcas, eine nennenswerte Infrastruktur gab es nicht, die Dampfschiff-Verbindung zwischen Palma und Barcelona war erst wenige Jahre zuvor eingerichtet worden. Sie fanden kein Hotel, kamen kurzzeitig in einem leerstehenden Herrenhaus in Establiments in der Nähe von Palma unter, das sie aber dann abrupt räumen mussten, weil der Eigentümer befürchtete, bei Chopins Erkrankung könnte es sich um Tuberkulose handeln - was, wie sich später herausstellte, richtig war.

Auf der Suche nach einer neuen Unterkunft wurden sie im schon damals vom Kartäuserorden aufgegebenen Kloster von Valldemossa fündig. Das Dorf verfügt jedoch über ein eigenes Mikroklima, sodass die Temperaturen im Sommer dort angenehmer sind als in den niedrigeren Lagen Mallorcas, der Winter kann dort allerdings sehr ungemütlich werden und erinnert mit seiner Kälte, dem Wind und den gelegentlichen Schneefällen an die norddeutsche Tiefebene. Das alles wussten weder Sand noch Chopin.

Ihnen war auch nicht klar, wie provokant ihr Auftreten und Lebensstil auf die Einheimischen wirken mussten: Diese sahen eine Patchworkfamilie mit einem unverheirateten Paar, eine Frau in Männerkleidung und die Verweigerung, am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen. Ihnen schlug die Ablehnung und das Misstrauen der Landbevölkerung entgegen, die auf dieses Anderssein mit großer Zurückhaltung und dem Verkauf von Lebensmitteln zu Wucherpreisen reagierte. 

Entsprechend schlecht kamen sowohl die Bauern als auch die Adeligen auf der Insel in Sands Reisebeschreibung weg. Den Bauern spricht sie die Fähigkeit zum Denken ab und bescheinigt ihnen Planlosigkeit, dem Adel fehlen hingegen Stil, Bildung und ein gewisses Maß an Durchsetzungsvermögen.  

Sand bricht jedoch in große Euphorie aus, wenn es um die Beschreibung der Naturschönheit Mallorcas geht. Dichtern und Malern empfiehlt sie mehrmals, sich von ihr inspirieren zu lassen.

Mit keinem Wort erklärt sie jedoch, bei wem es sich um den Begleiter handelt, er wird nur als "der Patient" bezeichnet. Erst 1855 kommt sie mit der Veröffentlichung von "Die Geschichte meines Lebens" wieder auf Chopin und ihre gemeinsame Zeit auf Mallorca zu sprechen und schildert dort das Verhalten des Komponisten und das Fortschreiten seiner Erkrankung.

Lesen?

Es ist an vielen Stellen des Buches kaum zu glauben, dass sich eine Frau, die zur damaligen Bildungselite gezählt hat, zu solch einem Abenteuer hat hinreißen lassen und sich praktisch ohne Vorbereitung mit zwei kranken Menschen auf diese Reise begeben hat. Ihre Beschreibung ist gerade dann, wenn von den Einheimischen die Rede ist, oft sehr gnadenlos und einseitig, aber sicher hat jede subjektive Aussage einen wahren Kern. Mallorca war vor mehr als 180 Jahren einfach nicht darauf vorbereitet, Fremde zu beherbergen und zu versorgen. Der Blick in die Vergangenheit ist schon deshalb interessant, weil die Insel heute zu den beliebtesten Urlaubszielen zählt und jedes Jahr von ca. 14 Millionen Touristen besucht wird. George Sand hat zudem einen so lockeren Schreibstil, dass das Lesen nicht langweilig wird.

Ein Winter auf Mallorca lag mir als E-Book in der neuesten Übersetzung von Hermann Lindner aus dem Jahr 2016 vor. Es enthält neben dem ungekürzten Text mehrere zeitgenössische Illustrationen, einen Auszug aus Sands Buch Die Geschichte meines Lebens ("Der Winter auf Mallorca"), den "Brief eines heimgekehrten Reisenden an einen häuslichen Freund" (von George Sand an einen Herrn namens François) und Anmerkungen zu Leben und Werk der Schriftstellerin.
Das Buch ist bei dtv digital erschienen und kostet 14,99 Euro.


Nachtrag: Das Herrenhaus, in dem die Familie zuerst gewohnt hat, gibt es noch. Es befindet sich in Privatbesitz, wird aber leider nicht gepflegt. Hier geht es zu einem kurzen Bericht: 
Hier froren George Sand und Frédéric Chopin zuerst (mallorcamagazin.com)

Samstag, 20. Oktober 2018

# 171 - Drogenschwemme am Atlantik

Die befreundeten Studenten Matthieu und Romain aus Paris machen Urlaub in Biarritz. Eine Woche surfen soll sie vom stressigen Uni-Alltag ablenken. Die auf den ersten Seiten von So kommt die Nacht der französischen Autorin Estelle Surbranche noch heitere und entspannte Grundstimmung wird schon wenig später ins Gegenteil kippen. 

Hey, wir sind reich!

 
Zufällig finden die beiden jungen Männer an den Klippen zwei mit schwarzem Plastik verschweißte Päckchen. Ihnen ist sofort klar, worum es sich handeln muss: Kurz zuvor machte die Nachricht die Runde, dass etwas weiter südlich etliche Päckchen mit über 84 Kilogramm hochreinem Kokain an den Strand geschwemmt worden waren, jedes einzelne sieben Kilogramm schwer. Keine Frage, worum es sich bei diesen Quadern hier handelte. Was sie nicht wissen: Das Koks stammt von einer größeren Fracht, die zwei Kuriere vor der spanischen Küste über Bord geworfen hatten, als sich ihrem Schiff Boote und Hubschrauber der Guardia Civil näherten. Zu dem Zeitpunkt, als die beiden das Koks am Strand finden, weiß die französische Polizei bereits von 1,5 Tonnen angespültem Kokain. Dazu kommt eine unbekannte Menge, die noch nicht gefunden worden ist oder die die Finder behalten haben. 
Matthieu und Romain beschließen spontan, die Drogenpakete nach Paris mitzunehmen und den Inhalt nach und nach zu verkaufen. Der Koks und die damit verbundenen sprudelnden Einnahmen öffnen ihnen die Türen zu einem "besseren" Leben, in dem ständig inmitten von reichen und verwöhnten jungen Leuten Drogenpartys gefeiert werden.

Die Jagd beginnt


Der ungewöhnliche Drogenzufluss bewirkt, dass auch die Zahl der Junkies, die an einer Überdosis sterben, in die Höhe schnellt. Und: Der Preis für Koks folgt dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, er fällt. Der Preisverfall und der Umstand, dass sich der serbische Drogenboss Radzik, dem die Ware gehört hat, nicht so einfach etwas wegnehmen lässt, rufen die junge Nathalie auf den Plan. Die Serbin arbeitet für Radzik und ist an Kaltblütigkeit und Skrupellosigkeit kaum zu überbieten. Sie macht sich auf die Spur der verschwundenen Drogen und löscht nach und nach diejenigen aus, die mit ihnen in irgendeiner Weise zu tun hatten. Ihr Markenzeichen am Ende jeder tödlichen Folterung: die ausgestochenen Augen ihrer Opfer. Romain und Matthieu sind lange völlig ahnungslos, in welcher tödlichen Gefahr sie sich befinden. Auch in ihrer Freundschaft bahnt sich eine grundlegende Veränderung an, die sie noch kurz zuvor wohl nicht für möglich gehalten hätten.

Selbstverständlich greift auch die Polizei in das Geschehen ein. Die Drogenfahnderin Gabrielle ahnt, dass hinter der Häufung der Drogentoten und den Koksfunden ein Zusammenhang besteht. Um ihren seit einer Ermittlungspanne ramponierten Ruf wieder herzustellen, arbeitet sie bis zur Erschöpfung, um die zunächst undurchsichtigen Zusammenhänge zu entwirren.


Wie war's?


So kam die Nacht ist mit der schnöden Bezeichnung "Kriminalroman", die sich auf dem Cover findet, völlig falsch beschrieben. Denn: Wo ein Thriller drin ist, soll auch "Thriller" drauf stehen. Den Leser erwarten: Spannung bis zum Punkt auf der letzten Seite; dazu eine Reihe von Szenen, in denen die Brutalität so plastisch geschildert wird, dass man sich kaum ausmalen mag, wie sie "in echt" wäre. Sie wird allerdings nicht als billiges Spannungsvehikel missbraucht, sondern verdeutlicht die Nöte und Stimmungslagen der Handelnden. Deren Gnadenlosigkeit ist ein Gradmesser für ihre Unmenschlichkeit, die bei manchen von Anfang an sehr ausgeprägt war, die andere Figuren jedoch erst nach und nach entwickeln.

So kam die Nacht ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 16 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 10,99 Euro. 

Montag, 3. Juli 2017

Kochen, leiden, lieben und ermitteln - das war der Juni

Im Juni war die Bücherkiste in Europa und Afrika

 

Der Monat begann mit dem Roman Palast aus Staub und Sand des Autors Haroon Gordon. Er erzählt von der tiefen Freundschaft zweier Jungen in einem algerischen Frauengefängnis: Der eine ist der Sohn des Gefängnisleiters, der andere wurde auf dem Anstaltsgelände als Kind einer Insassin geboren. Was beide zunächst nicht wissen: Zwischen ihnen steht ein Geheimnis, dessen Folgen sich im Laufe der Jahre immer stärker auswirken sollen und zu einer dramatischen Zuspitzung führen. Tipp: Lesen!
Haroon Gordon präsentiert sich und seine Arbeit als Autor auf seiner Homepage. Und hier geht es zum Buchtrailer:

  





Kochen, essen, leben, genießen: Das Kochbuch Baskisch des in London lebenden spanischen Spitzenkochs José Pizarro ist nicht nur eine vielfältige Sammlung facettenreicher Gerichte aus der nordspanischen Provinz, sondern weckt beim Leser wegen seiner zahlreichen Fotos von Land und Leuten auch Lust, das Baskenland zu bereisen und es mit allen Sinnen zu erleben. Auch für dieses Buch gibt es darum eine dicke Empfehlung. Auch José Pizarro hat selbstverständlich eine Homepage, wo er nicht nur seine Restaurants und Bücher, sondern auch fast 40 Rezepte vorstellt. Die britische Tageszeitung The Guardian hat eine eigens für Pizarro aufgebaute Webseite eingerichtet, auf der sich ebenfalls zahlreiche Rezepte, aber auch Koch-Videos mit und von ihm befinden.




Versuchung von Harry Luck wirft einen Blick in die nächste Zukunft: Schon 2020 hat sich die Welt, wie wir sie kennen, sehr geändert. Der Konzern SkyCorp hat jetzt bei allem, was irgendwie mit elektronischer Kommunikation zu tun hat, die Hände im Spiel. Doch es gibt Gerüchte, dass der Unternehmenschef Marc Donnelly eine neue Version der Suchmaschine Sky-Search nur deshalb nicht herausgeben will, weil interne Vorgänge vertuscht werden sollen. Die Journalisten Adam Berger und Eva Röller werden von ihrem Arbeitgeber worldnews auf Donnelly angesetzt und begeben sich dabei in tödliche Gefahr. Gute Unterhaltung, auch wenn der Spannungsbogen ein paar Durchhänger hat. Auf Harry Lucks Homepage erfahren seine interessierten Leser alles über seine Arbeit als Autor und Journalist. 




Das letzte im Juni vorgestellte Buch war Spanish Bombs von Ulf Krämer. Mitten in das satte und gleichförmige Leben von Anders Sulla platzt Post aus Spanien: Ein Massengrab in Sevilla, in dem neben anderen sterblichen Überresten von durch Franco-Getreue ermordeten Widerstandskämpfern auch die Gebeine seines Großvaters liegen sollen, wird in Kürze geöffnet. Alle ermittelten nächsten Angehörigen der Toten sind zu diesem Termin eingeladen worden. Sulla macht sich ohne Abschied in einem gemieteten Wohnmobil auf die Reise und begegnet unterwegs Menschen, die sein bisheriges geordnetes Leben kräftig auf den Kopf stellen sollen. Ein gut geschriebener Roman, der wie nebenbei ein Stück spanische Geschichte vermittelt.
Auch Ulf Krämer hat eine Homepage, auf der er seinen Lesern zeigt, was sein Leben ausmacht. Krämer ist als Jonny Brewster auch mit der Punk-Band Mr. Spinalzo unterwegs. Hörproben gibt es bei myspace.
 

Samstag, 24. Juni 2017

# 105 - Freifahrtschein von der Komfortzone in den Terrorismus

Wenn da noch ein paar Rechnungen offen sind

 

Mit Spanish Bombs taucht Ulf Krämer in die spanische Geschichte während der Franco-Zeit ein, deren tiefe gesellschaftliche Gräben bis in die Gegenwart fortdauern. Vergeben und vergessen - dieses Motto passt zu keinem der Protagonisten.


Die Schatten der Vergangenheit


Anders Sulla ist 38 Jahre alt, ein bestenfalls mittelmäßiger Bühnenschauspieler und mit der vermögenden Nadine verheiratet. Das Paar hat sich in seinem Leben komfortabel eingerichtet: Gemeinsame Kinder soll es nicht geben, man gönnt sich Reisen und andere Unternehmungen und hat Kontakt zu Menschen, die genauso ticken wie man selbst. Das Leben plätschert so dahin, und das, was man in diesen Kreisen als Abenteuer bezeichnet, ist das, was das Programm von Eventanbietern so hergibt. Doch dann erhält Anders, den so gut wie alle, auch seine Frau, nur mit seinem Nachnamen ansprechen, unerwartete Post: Eine spanische Gesellschaft für Erinnerungskultur teilt ihm mit, dass es wahrscheinlich gelungen sei, ein Massengrab aufzuspüren, in dem sich die Gebeine seines Großvaters Joaquin befinden. Dieser habe der republikanischen Brigade Lorca angehört und sei 1954 erschossen worden. In einer Woche sei die Graböffnung in Sevilla vorgesehen, wozu man ihn als Joaquins Enkel herzlich einlade.
Sulla zögert nur kurz und mietet sich dann kurzentschlossen ein Wohnmobil. Ohne Nachricht oder Abschied macht er sich allein auf den Weg nach Andalusien. Die Premiere der Carmen-Adaption, in der er die Rolle des Toreros Escamillo spielen sollte, würde er verpassen, was er leichten Herzens hinnimmt. Doch seine Vorstellung, er könnte auf der Fahrt nach Südspanien etwas Abstand bekommen und den Kopf freikriegen, stellt sich rasch als Trugschluss heraus: Kurz hinter Lyon gabelt er die 17-jährige Deutsche Sophie auf, die offensichtlich verfolgt wird. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. In Tarragona treffen sie in einer Wohnung von Sophies Internetbekanntschaft Yussuf auf die junge Teresa, die sich ihnen bis Málaga anschließen will und in Sulla den Verdacht weckt, sie könnte eine Terroristin sein. Bei einem kleinen Umweg über Madrid nehmen sie Sullas alten Kumpel Lars in ihre kleine Runde auf. Das macht die Fahrt nicht entspannter.


Wer interessiert sich für die Toten in einem Massengrab?

 

Die amerikanische Kriegsreporterin Ava Svensson ist ebenfalls auf dem Weg nach Sevilla. Auf ihre Initiative hin ist es zu dem offiziellen Exhumierungstermin, zu dem die Angehörigen aller dort bestatteten Freiheitskämpfer eingeladen wurden, gekommen. Auch sie hat eine persönliche Motivation, die sie antreibt: Zusammen mit ihrem Onkel Phil, einem erfahrenen Reporter, und einem Fotografen, war sie in Kolumbien in eine Sprengfalle geraten, die ihren Onkel das Leben gekostet hatte. Er verfolgte damals die Spur seines ermordeten Vaters, dessen Leiche sich in dem andalusischen Massengrab befinden sollte. Jonathan Svensson gehörte allerdings nicht der Brigade Lorca an, sondern war als Reporter in Spanien gewesen. Ava hat das Gefühl, Phil etwas schuldig zu sein und setzt dessen Nachforschungen fort.
Schon kurz nach ihrer Ankunft in Sevilla trifft Ava auf den merkwürdigen Taxifahrer Jésus, der sich auf der Suche nach dem seiner Meinung nach besten Tapaskoch der Welt befindet: Alfonso, der seit Jahren das Restaurant La Orilla betreibt. Alfonso ist von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt. Jésus' Nachforschungen gehen zunächst ins Leere, aber nachdem er einen alten Bekannten, den er aus seinen früheren Tagen als Krimineller kennt, um Hilfe gebeten hat, bekommt er eine heiße Spur. Doch es gibt Leute, die die Graböffnung verhindern wollen und die ebenfalls auf der Suche nach Alfonso sind, auch wenn sie ihn nicht unter diesem Namen kennen. Eine ganze Reihe von Menschen muss um ihr Leben fürchten, während andere es so schnell verlieren, dass sie vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr zum Nachdenken kommen.

Wie war's?

 

Spanish Bombs wird im Klappentext als Road-Story bezeichnet, was die Atmosphäre sehr gut trifft. Ein großer Teil der Handlung findet auf Straßen oder Parkplätzen statt, und nicht nur Sulla ist in diesem Roman auf der Suche nach der Freiheit und sich selbst. Der Buchtitel schlägt die Brücke zwischen der Diktatur unter Franco sowie der Verfolgung und Ermordung der Widerstandskämpfer durch die spanischen Faschisten und dem gleichnamigen Song der Punk-Band The Clash, der das Thema ebenfalls aufgreift.
Ulf Krämer baut die Geschichte des Widerstands gegen das Franco-Regime und die unrühmliche Rolle der Guardia Civil immer wieder geschickt in die Handlung seines Romans ein. Wer bislang noch nichts über diesen Teil der spanischen Geschichte wusste, erhält so zumindest einen Eindruck dessen, was sich unter der Diktatur des "Caudillo" zwischen 1936 und 1975 in Spanien abgespielt hat. 
Spanish Bombs ist sehr flüssig geschrieben und wird an keiner Stelle langweilig.
Die Handlung ist - locker formuliert - ziemlich abgefahren. An manchen Stellen befindet sie sich auf einem schmalen Grat zwischen einer knappen Glaubwürdigkeit und der beginnenden Zweifelhaftigkeit. 
Ab etwa der zweiten Buchhälfte hätte das Korrektorat gern aufmerksamer sein dürfen. Zu oft finden sich Fehler, die sich störend auf den Lesefluss auswirken.

Spanish Bombs wurde bei epubli veröffentlicht und kostet als Taschenbuch 16,99 €.

 

  

Freitag, 9. Juni 2017

# 103 - Leben wie Gott im Baskenland

Dort, wo es an jeder Ecke ein Sternerestaurant gibt

 

Gut, "an jeder Ecke" ist etwas übertrieben, aber eines stimmt: In den beiden bekanntesten baskischen Städten Bilbao und San Sebastián findet sich bezogen auf die Zahl der Einwohner die größte Dichte an vom Guide Michelin ausgezeichneten Restaurants. Für 2017 weist der Restaurantführer in Bilbao acht und in San Sebastián sogar neun hochklassige Gourmettempel aus, die mit mindestens einem Stern bedacht wurden. Diese Liebe zu gutem Essen schlägt sich auch auf das Angebot des örtlichen Lebensmittelhandels durch, wo Qualität eine große Rolle spielt.
José Pizarro ist es mit seinem Buch Baskisch gelungen,  seinen Lesern das Lebensgefühl der Basken ein Stück näher zu bringen. Er beschränkt sich nicht nur auf die textliche Darstellung der einzelnen Gerichte, sondern hat aus seinem Kochbuch auch einen Fotoband gemacht.

Das bietet dieses Buch

 

© Laura Edwards
Baskisch beinhaltet 85 Rezepte von Pintxos (baskische Tapas) bis zu Hauptgerichten und ist im Wesentlichen in die Kapitel Fleisch, Fisch, Gemüse und Desserts unterteilt. Für alle, die keine Erfahrung im Kochen von baskischen Gerichten haben, aber gern ein Menü zaubern würden, hält Pizarro einige Vorschläge bereit. Was da auf den ersten Blick nach einer Herausforderung aussieht, wird von ihm gleich etwas entschärft: Viele Gänge können am Vortag oder sogar mehrere Tage im Voraus vorbereitet werden, sodass keine Hektik entsteht.
© Laura Edwards
Das Niveau der einzelnen Gerichte liegt zwischen 'für Anfänger geeignet' und 'anspruchsvoll'; die Zutaten sind in gut sortierten Supermärkten erhältlich. 
Das Buch schließt mit einem Register, in dem die Zutaten alphabetisch aufgelistet sind und ihnen die entsprechenden Rezepte zugeordnet werden.

 



Kaufen?

 

Baskisch ist sein Geld wert. Es überzeugt nicht nur durch seine Gerichte, sondern ist mit so vielen Fotos von Menschen, der baskischen Landschaft, historischen Gebäuden, Stillleben und - ach ja! - baskischen Gerichten ausgestattet, dass man es auch zur Hand nehmen kann, wenn man es nicht als Kochbuch benötigt.
© Laura Edwards
José Pizarro wurde 2014 zu einem der Los 100 españoles más de 2014 influyentes, also zu einem der 100 einflussreichsten Spanier, gewählt. Diese Ehrung wird an Spanier vergeben, die auf ihre spanische Herkunft stolz sind und dies auch durch ihre Tätigkeit öffentlich machen. Er betreibt in London drei spanische Restaurants und wurde 2017 vom Harpers's Magazine auf die Liste der Top 100 der einflussreichsten Menschen aus der Gastronomie gesetzt. Seinen ursprünglichen Plan, als Zahntechniker zu arbeiten, hat er vor mehr als 20 Jahren aufgegeben. Glücklicherweise.

Baskisch wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Hölker Verlag erschienen und kostet 29,95 Euro. Außer über die üblichen Vertriebswege kann es auch beim Spiegelburg-Shop bestellt werden.

Ich bedanke mich bei der Abteilung Presse & Öffentlichkeitsarbeit (Michelle Minwegen) des Coppenrath Verlags GmbH & Co. KG, die mir alle Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat.