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Sonntag, 14. Juli 2024

# 443 - Trophäenjagd

Hunter White ist ein schwerreicher US-Bürger, der sein Geld mit Börsenspekulationen verdient sowie verheiratet und kinderlos ist. Seit seiner Kindheit geht er seinem Lieblingshobby, der Jagd, nach. Sein erstes Tier erlegte er als Sechsjähriger, sein bester Lehrer war sein Großvater.

Seit Jahren liegt sein Jagdrevier in Afrika. Hunter hat die sogenannten "Big Five" - Afrikanischer Elefant, Nashorn, Kaffernbüffel, Leopard und Löwe - fast alle erlegt und die Trophäen seiner Frau nach Hause gebracht. Sie liebt die Trophäen, aber nicht das Jagen. Der Einstieg in Gaea Schoeters' Roman Trophäe kommt zu Beginn eher harmlos daher.

Nun will Hunter ein Spitzmaulnashorn erlegen. Die dafür nötige Lizenz hat er für einen sehr hohen Betrag über einen Umweg ersteigert, um seine Identität zu verschleiern und so Umweltschützern aus dem Weg zu gehen. Wie immer wird der Afrika-Trip von Hunters Freund van Heeren organisiert, der vor Ort über ausgezeichnete Kenntnisse und Kontakte verfügt. Mit dem für die Lizenz bezahlten Geld trägt Hunter zum Erhalt der Art bei. Doch kurz, bevor er zum Schuss kommt, wird die Jagd von Wilderern gestört, die das Tier brutal abschlachten.

Hunter ist nicht einfach nur wütend, weil ihm die Jagd verdorben wurde; in ihm staut sich ein hoher Adrenalin-Pegel an, der sich normalerweise mit dem Schuss entladen hätte, es nun aber nicht kann: 
"Hunter brüllt. [...] Es ist kein Schrei des Entsetzens oder des Mitleids, sondern der Urschrei eines Raubtiers, das um seine Beute gebracht wurde: tierische Raserei."

In dieser Gemütsverfassung macht ihm van Heeren ein Angebot: Ob Hunter schon mal von den Big Six gehört habe? Worum es sich bei der sechsten Beute handelt, schockiert den erfahrenen Jäger zunächst: Sein Freund spricht von der Jagd auf einen Menschen. Genauer: auf einen jungen Mann, der zu einem Stamm gehört, der einst von den Kolonialherren vertrieben wurde, und den man nun 're-integriert' hat. Hunter müsste eine enorm hohe Gebühr bezahlen, die dem Stamm zugute käme: Mit dem Geld wäre es möglich, einen anderen, begabteren jungen Mann zur Ausbildung in die USA zu schicken und von seinem Wissen zu profitieren, wenn er danach (hoffentlich) zurückkehrt. Der Getötete jedoch würde auf eine Weise überleben wie die Tiere, die Hunter White bereits geschossen hat: als Trophäe, die in die USA reist.

Hunter ringt mit sich und diesen Regeln, die die Einheimischen jedoch offenbar normal finden: Das Wohl der Gemeinschaft steht über dem des Einzelnen. Diese Mechanismen waren ihm bislang neu, denn: "Für ihn ist Afrika ein großes Naturreservat, von Gott geschaffen, um ihm Freude zu bereiten; dass dort auch Menschen leben, richtig leben, hat er nie bewusst realisiert. [...] Afrika ist sein Vergnügungspark, sein Jagdgebiet. Mehr nicht."

Der Roman nimmt ab dem Moment Fahrt auf, in dem Hunter van Heerens Angebot annimmt. Aber die Jagd auf den jungen Mann, bei der er ausgerechnet von dessen bestem Freund begleitet wird, der ihm als Fährtenleser zur Seite stehen soll, nimmt einen ganz anderen Verlauf, als es sich Hunter vorgestellt hat. Er wird unmittelbar mit der Wildheit der Natur konfrontiert und zweifelt immer wieder an seiner Wahrnehmung. Spätestens hier wird Trophäe zum Pageturner.

Lesen?

Gaea Schoeters bettet den Konflikt, der durch die Rahmenbedingungen der Großwildjagd entsteht, sehr gekonnt in ihre Geschichte ein: ein Lebewesen muss durch die Jagd getötet werden, damit seine Art mithilfe der Lizenzeinnahmen erhalten werden kann. Dieses Prinzip auf den Menschen zu übertragen, ist im Zusammenhang mit der Romanhandlung brutal, aber konsequent: ein Leben für ein anderes, damit die Stammesgemeinschaft überleben kann. 

Gleichzeitig hält die Autorin ihren Leserinnen und Lesern den Spiegel vor: Afrika als homogenen Kontinent zu betrachten, in dem alle Menschen auf irgendeine Weise gleich arm und unterentwickelt sind und das Land überall vertrocknet ist, ist eine typische Sichtweise der früheren Kolonialherren, die sich bis in unsere Zeit gehalten hat. Dass die Fläche Afrikas etwa drei Mal und die Einwohnerzahl fast doppelt so groß sind wie die Europas, ist hier wahrscheinlich kaum jemandem bewusst. Alles wird in einen Topf geworfen: Zwischen Ägypten (größte afrikanische Volkswirtschaft) und Burundi (ärmstes Land des Kontinents) wird aus unserer Warte kaum ein Unterschied gemacht. Damit sind wir hinsichtlich unseres Wissensstandes auf einer Stufe mit Hunter White. 

Trophäe ist 2024 in der deutschen Übersetzung von Lisa Mensing im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Dienstag, 27. Februar 2024

# 427 - Der Schiffskoch und der Ziegenbock

Ich wollte eigentlich nur in unseren örtlichen Buchladen, um ein Geschenk zu kaufen. Als ich hatte, was ich gesucht habe, fiel mein Blick auf dieses schmale Buch: Der Schiffskoch von Mathijs Deen. Der Roman hat nur rd. 100 Seiten, aber die haben es in sich.

Bis auf wenige Szenen spielt sich die Handlung auf dem Feuerschiff "Texel" ab, das vor Den Helder in Nordholland liegt. Die Mannschaft bleibt vier Wochen ununterbrochen an Bord, bevor sie von der nächsten Crew abgelöst wird. Das Leben auf der "Texel", die keinen Meter zurücklegt, ist öde. Auf solch einem Schiff, das weder eine Schraube noch ein Ruder hat, geht es darum, die Funktionen eines Leuchtturms zu übernehmen, wo es nicht möglich ist, einen aufzustellen. Die Mahlzeiten des Schiffskochs Lammert sind der einzige Lichtblick und retten die Männer vor der Verzweiflung.

Eines Tages beschließt Lammert, etwas ganz Besonderes zu kochen: Gulai kambing, einen indonesischen Schmortopf mit dem Fleisch eines jungen Ziegenbocks. Lammert schmuggelt das Tier verbotenerweise in seinem Rucksack an Bord und plant, es demnächst zu schlachten. Aber wie das so ist mit Plänen: Trotz Lammerts Hinweis, dem Böckchen auf keinen Fall einen Namen zu geben, wird es zu einem unterhaltsamen Teil der Besatzung. Es gewöhnt sich schnell an das schwankende Schiff und entwischt dem Koch, wenn der es fangen will. Und die Crew gewöhnt sich an das Böckchen.

Doch Lammerts Plan, ein leckeres Gulai kambing zu kochen, wird durch ein weiteres Problem verhindert: Der Koch hatte sich als Kind mit Malaria infiziert. Seitdem kehren immer wieder heftige Fieberschübe zurück. Als es Lammert besonders schlecht geht und er in seiner Koje intensive Fieberträume hat, zieht dichter Nebel auf, der die "Texel" und alle anderen Schiffe in der Umgebung praktisch unsichtbar macht. Das Feuerschiff muss ununterbrochen mit Leuchtfeuer und Nebelhorn auf sich aufmerksam machen, um nicht selbst von vorbeifahrenden Frachtschiffen, die deutlich größer sind, gerammt zu werden. 

Lammert nimmt das Dröhnen der Nebelhörner ebenso wahr wie das Rennen und Rufen der Mannschaft an Deck. Doch alles vermischt sich mit seinen traumatischen Erinnerungen an das Leben im Lager auf Java, als er noch ein kleiner Junge war. Was damals in seiner Kindheit passierte, ist tief in seiner Seele vergraben und bricht während seiner Krankentage in der Kajüte hervor. Eines Tages wurde dem kleinen Lammert gesagt, dass sein Vater nicht mehr wiederkommen würde. Wo er war, das wurde ihm nicht erklärt. Und dann ist da noch eine andere Erinnerung: 
"[...] und sie haben Mutter eingesperrt, und jeden Tag gehen sie dort hinein, und dann hört er sie schreien, und dann schreit er selbst auch, aber seine Tante, wo ist sein Vater, seine Tante, die keine richtige Tante ist, nimmt ihn fest in den Arm und streicht ihm über den Kopf, [...]."


Lesen?

Der Schiffskoch hat mich überrascht, weil in diesem kurzen Roman mehr steckt, als ich erwartet hatte.
Mathijs Deen schildert plastisch, wie es ist, auf engem Raum zusammenleben zu müssen und von anderen nicht ernst genommen zu werden, weil man auf einem Schiff arbeitet, das nie vom Fleck kommt.

Als es zu einem Todesfall kommt, der möglicherweise hätte verhindert werden können, zeigt sich, wie wenig die Männer trotz der räumlichen Nähe voneinander wissen. Als er von Kriminalbeamten befragt wird, antwortet der Maschinist zutreffend: 
"Was weiß man denn wirklich von jemand anderem?"

Mathijs Deen spielt in seinem Roman auf historische Ereignisse an, die der Schiffskoch in seinen Fieberträumen immer wieder durchlebt: Die Insel Java war Teil der niederländischen Kolonie Niederländisch-Indien und wurde im März 1942 im Rahmen des Pazifikkrieges in Südostasien von japanischen Truppen überfallen und eingenommen. Die dort lebenden Niederländer wurden in Lager gesperrt oder getötet, viele Frauen vergewaltigt - eine Parallele, die praktisch alle Kriege gemeinsam haben.

Das Feuerschiff "Texel" war tatsächlich im Einsatz. Wer sich für seine Geschichte interessiert, kann sie hier nachlesen. Es kann heute im Museumhaven Willemsoord besichtigt werden.

Der Schiffskoch ist 2021 als gebundene Ausgabe im mareverlag Hamburg zum Preis von 18 Euro erschienen. Ein Jahr später erschien das Buch in  einer Broschurausgabe für 11 Euro im Insel Verlag.

Freitag, 11. März 2022

# 339 - Die Wiederentdeckung eines einst bekannten spanischen Reporters

Manuel Chaves Nogales war in den 1920-er, 1930-er und 1940-er Jahren einer der bekanntesten und herausragendsten spanischen Journalisten. Er wurde 1897 in Sevilla geboren und starb 1944 im Exil in London. Rückblickend kann man sagen, dass er zu den ersten narrativen Journalisten gehörte.

Chaves Nogales war ein liberal denkender Mensch, der aufgrund seiner Haltung Feinde sowohl im kommunistischen als auch faschistischem Lager hatte: Die seit 1931 existierende Zweite Spanische Republik wurden von diesen beiden politischen Strömungen scharf attackiert. Ihr Ende wurde 1936 durch einen Staatsstreich gegen die linke demokratisch gewählte Regierung eingeläutet, der von einem rechtsgerichteten General angeführt worden war und später in den Spanischen Bürgerkrieg mündete.

Für die 1930 in Madrid gegründete Zeitung Ahora arbeitete Chaves Nogales ab 1931 als Direktor und berichtete in seinen Vor-Ort-Reportagen aus der ganzen Welt. Seine Texte telegrafierte er Wort für Wort nach Spanien. Auch für damalige Verhältnisse waren die Artikel sehr ausführlich, für heutige ohnehin. Als die Regierung Madrid verließ, ging Chaves Nogales ins Exil nach Paris, das er wenige Jahre später verließ, als sich die deutschen Truppen auf die französische Hauptstadt zu bewegten. London wurde für seine letzten Lebensjahre Chaves Nogales' Heimat.

Mit dem Ende von Ahora 1939 verschwand Manuel Chaves Nogales in der Wahrnehmung der spanischen Bevölkerung. Eine liberale Presse existierte in Spanien nicht mehr. Die Leserschaft der Ahora hatte keinen Zugriff auf seine Reportagen, die nun in Zeitungen und Zeitschriften außerhalb Spaniens abgedruckt wurden. So wurde der Journalist im Laufe der Zeit vergessen. Erst eine Forschungsarbeit der Professorin María Isabel Cintas Guillén führte dazu, dass man sich in Spanien nicht nur mit der Person des Journalisten Manuel Chaves Nogales, sondern auch mit seinen Reportagen beschäftigte, um Teile der spanischen Geschichte, insbesondere die Zeit des Franco-Regimes, aufzuarbeiten.

Das Buch Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer beschäftigt sich mit einer Reise von Manuel Chaves Nogales im Jahr 1934. Der Journalist begleitete eine kleine spanische Expeditionsgruppe in die marokkanische Enklave Ifni, die den Auftrag hatte, dort die spanische Kolonialisierung zu realisieren. Vor Ort ging er einem Gerücht nach, das mit einem Trauma des spanischen Militärs zusammenhängt, dem "Desaster von Annual". In Spanien wurde damals immer wieder kolportiert, dass dort noch 300 spanische Soldaten von Berbern gefangen gehalten werden. Chaves Nogales entlarvte dieses Gerücht als "politisches Spiel mit der Leichtgläubigkeit", wie es der Übersetzer und Verleger Frank Henseleit in seiner ausführlichen Einführung beschreibt.

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer enthält drei Reportagen des einst bekannten Journalisten: Neben dem über die Gefangenen berichtet der Spanier über die Kolonisierung von Ifni sowie über seine Bruchlandung auf dem Weg dorthin. Alle Artikel wurden aus den jeweiligen Original-Zeitungsartikeln von Henseleit übersetzt und mit dem Zeitungskopf der Ahora ausgestattet. Der erste Artikel stammt vom 10. Januar 1934 und kann hier im Original nachgelesen werden.

Manuel Chaves Nogales tat das, was wir uns auch heute von Journalisten wünschen: Er ging auf Menschen zu, war mittendrin im Geschehen, stellte kritische Fragen und nahm seine Leserschaft mit - in fremde Länder ebenso wie in seine Gedanken. Das alles fasste er in verständliche Worte und ausführliche Artikel, die umfassend informierten.

Lesen?

Ifni - Spaniens letztes koloniale Abenteuer verdient unbedingt eine Leseempfehlung. Alles, was Leserinnen und Leser für das geschichtliche Verständnis benötigen, um Chaves Nogales' Artikel zu verstehen, steht in Frank Henseleits Einführung. 

Das Buch ist 2021 im Kupido Verlag erschienen und kostet 24,80 €. Unter dem Verlagslink findet ihr einen Buch-Teaser mit weiteren interessanten Informationen über Manuel Chaves Nogales. Der Verlag beginnt mit dieser Veröffentlichung eine Reihe über die Werke des spanischen Journalisten.

Freitag, 23. Juli 2021

# 300 - Robert Koch - eine Spurensuche

Spätestens seit dem Beginn der Covid-19-Pandemie ist der Name Robert Koch in aller Munde: Das nach ihm benannte Robert Koch-Institut sammelt und veröffentlicht die zur Risikoeinschätzung nötigen Daten und gibt auch Informationen zu anderen Erkrankungen wie z. B. der Influenza heraus. 

Was bringt man mit diesem Namen noch in Verbindung? Der Mikrobiologe, Mediziner und Hygieniker Koch entdeckte das für die Infektionskrankheit verantwortliche Bakterium, gilt als einer der Begründer der modernen Bakteriologie und bekam 1905 in Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Doch was Robert Koch darüber hinaus ausgemacht hat, ist kaum bekannt. Was trieb ihn an? War er kritikfähig? Ein Altruist? Ein Menschenfreund? Ein guter Ehemann? Ein verlässlicher Freund? Michael Lichtwarck-Aschoff nähert sich Koch in seinem Buch Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes an. Mithilfe von Originaldokumenten wie beispielsweise von Koch verfassten wissenschaftlichen Arbeiten und Aufsätzen zeichnet er in Romanform ein Bild des vielfach bewunderten Wissenschaftlers, das hier allerdings einige Risse bekommt.

Der erste Teil des Buches beschreibt das Leben Kochs im Jahr 1903 in Berlin. Dort wohnte er mit seiner ersten Frau Fanny, dem Mediziner Walther Hesse und dessen Frau, einem etwas verschrobenen Gärtner (der viele von Kochs Ansichten nicht teilte) sowie einem Affen mit einem Faible für kunterbunte Militäruniformen zusammen. Koch unterhielt enge Beziehungen zum Kriegsministerium, namentlich zu Minister Karl von Einem, der im Ersten Weltkrieg Generaloberst wurde. Schon hier ahnt man, worum es bei der Typhusforschung im Kern ging: die deutschen Soldaten gesund und damit kriegsfähig zu erhalten. Dafür war das Kriegsministerium bereit, Kochs Forschungsarbeit mit viel Geld zu unterstützen. Für den Wissenschaftler Koch war diese Form der Vereinnahmung kein Problem; man hat ohnehin immer wieder den Eindruck, dass er die Erkrankten weniger als Menschen, sondern mehr als Forschungsobjekte betrachtete. Den Status ihrer körperlichen Verfassung beurteilte er anhand von entnommenen Blut-, Urin- und Stuhlproben, die Menschen sah er sich nicht näher an.

Im zweiten Teil des Romans kommt mit Johann Kindsmüller ein Soldat zu Wort, der 1906 an Robert Kochs Expedition nach Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) teilgenommen hatte. Er war 1925 Patient in einer Nervenklinik in Ingolstadt und wurde dort von einem Psychiater befragt. Robert Koch war von der preußischen Regierung damit beauftragt worden, die Ursachen für die Schlafkrankheit herauszufinden. Die oft tödliche Krankheit war in Afrika zu einer Epidemie geworden, und die Kolonialherren sorgten sich, dass durch sie die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeiter zu sehr dezimiert werden könnte. Die Menschen sollten nicht krank werden, sondern für den Aufbau der Infrastruktur sorgen. Die Gruppe, zu der Kindsmüller gehörte, war mit der ihnen anvertrauten Aufgabe, die erkrankten Einheimischen zu internieren, zu versorgen, ihnen Proben zu entnehmen und sie einem äußerst brutalen Experiment mit dem arsenhaltigen Präparat Atoxyl zu unterziehen, komplett überfordert. Atoxyl durfte in Deutschland wegen seiner Gefährlichkeit nicht mehr eingesetzt werden, im fernen Afrika interessierte das niemanden. 

Das Grauen, das der Soldat während dieser Zeit erlebt hat, ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los: Im Lager waren katastrophale hygienische Bedingungen, die Atoxyl-Spritzen waren äußerst schmerzhaft und für tausende Menschen tödlich. Viele Menschen erblindeten durch diese "Behandlung" dauerhaft - was auch Koch bekannt sein musste, da diese Wirkung schon damals in der Fachliteratur beschrieben wurde. Kindsmüllers Seele war zerstört und damit auch seine Zukunft. Robert Koch hat sich um das Team nicht gekümmert, sondern ist in einem Camp direkt am Victoriasee geblieben. Ihm waren nur die regelmäßigen Berichte, die ihn aus dem Lager erreichten, wichtig.

Im letzten Abschnitt steht die amerikanische Ärztin Sara Josephine Baker im Mittelpunkt. Baker hatte sich dem Kampf gegen Erkrankungen verschrieben, die um das Jahr 1900 herum im New Yorker Slum "Hell's Kitchen" gehäuft auftraten. Auch Typhus gehörte dazu. Schon zu Beginn ihrer Berufstätigkeit war es ihr gelungen, die irische Einwanderin Mary Mallon in ihren Verstecken aufzuspüren. Mallon war der erste Mensch in den USA, bei dem Typhuserreger nachgewiesen worden waren, der aber nicht erkrankte. Als sog. Dauerausscheiderin steckte sie als Köchin, die in wohlhabenden Privathaushalten arbeitete, über 50 Menschen mit Typhus an, einige von ihnen starben. Die von der Presse als "Typhoid Mary" betitelte Frau war die Personifizierung von Robert Kochs großem Irrtum, von dem im Buchtitel die Rede ist. Um niemanden mehr anzustecken, verbrachte sie 26 ihrer 69 Lebensjahre in Quarantäne in einem New Yorker Krankenhaus.

Lesen?

Über viele berühmte Persönlichkeiten, die fachlich Großes geleistet haben weiß man, dass ihr Charakter ethisch und moralisch eine gähnende Leerstelle aufweist. Hier reiht sich auch Robert Koch ein: Ihm gingen die Wissenschaft und seine fachliche Reputation über alles, die Einheimischen in Deutsch-Ostafrika waren für ihn unrein und minderwertig. Er vertrat außerdem die Meinung, dass Infektionskrankheiten durch die Isolation der Erkrankten begegnet werden kann: Die an der Schlafkrankheit Erkrankten sollten in Internierungslager gebracht werden. Da die Menschen dort sowieso früher oder später stürben, würden seiner Meinung nach nur die Gesunden übrig bleiben.

Michael Lichtwarck-Aschoff hat sich an die historischen Fakten gehalten und war nur bei den korrekten Datierungen etwas kreativ: Er weist selbst darauf hin, dass Robert Koch der Nobelpreis vor der Expedition nach Deutsch-Ostafrika und nicht danach verliehen wurde.

Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes gibt einen interessanten Einblick in die deutsche Kolonialgeschichte und die Entwicklung der Bakteriologie. Leseempfehlung!

Das Buch ist 2021 im Hirzel Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 21,90 Euro.