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Sonntag, 11. Oktober 2026

# 518 - Das Ende des Lesens?

In Deutschland und der Schweiz können 20 Prozent
der Menschen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren zusammenhängende Texte nicht sicher verstehen. In Österreich sind es sogar 27 Prozent in dieser Altersgruppe1, in Großbritannien immerhin noch 18 Prozent. Nur 31 Prozent der Deutschen lesen noch gedruckte Bücher.2

Ob dem britischen Journalisten James Marriott alle Zahlen bekannt sind, darf bezweifelt werden, er wird die Zahl für sein Heimatland aber sicher kennen. Möglicherweise gab sie den Anstoß für sein Buch Das Ende des Lesens.

Das Ende des Lesens? Klingt das nicht nach Fatalismus und Leseuntergangsstimmung? Während dieser Text entsteht, geht mit der Frankfurter Buchmesse 2026 die größte Buchmesse der Welt zu Ende. Wie jedes Jahr werden sich Tausende Buchfans durch die mit Neuveröffentlichungen prall gefüllten Hallen geschoben haben. Im letzten Jahr waren 240.000 Besucherinnen und Besucher dort, die Hälfte davon privat. Das klingt nicht nach einem Dahinsiechen der Printmedien - oder?

Marriott erklärt anhand der Geschichte des Lesens, welche fundamentalen Umwälzungen diese Fähigkeit mit sich gebracht hat. Er zeichnet den Weg von den mittelalterlichen Skriptorien über die Erfindung des Buchdrucks bis zu unseren digitalen Endgeräten nach, mit deren Hilfe wir heute viele Informationen und Unterhaltung bekommen. Im 18. Jahrhundert war die Lesefähigkeit der Schlüssel zur Demokratie; davon ist nicht mehr viel übrig. 

Im 21. Jahrhundert nehmen wir meistens gar nicht wahr, wie wir von den unterschiedlichsten Texten überflutet werden. Bedruckte Verpackungen, Hinweis- und Werbeschilder, aufploppende (Kurz-)Nachrichten: Ständig begegnen uns in unserem Alltag kurze und längere Texte, die mithilfe unterschiedlicher Medien vermittelt werden.

Doch das ist nicht das, was für James Marriott relevant ist. Er beklagt den Rückgang der Fähigkeit, längere und komplexere Texte sinnerfassend zu lesen. Konkret: das Lesen von Büchern. Mit diesem Rückgang geht die wachsende Unfähigkeit einher, lange und sinnvolle Texte zu schreiben, die über den Umfang eines Einkaufszettels hinausgehen. Wann haben wir per Hand zum letzten Mal einen Brief geschrieben? Man muss das Briefeschreiben sicher nicht so ausufernd betreiben wie der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz: Er hatte über eintausend Briefpartnerinnen und -partner, mit denen er sich auf Deutsch oder Latein austauschte. Marriott stellt fest, dass allein der Briefverkehr zwischen Leibniz und Voltaire sowie Benjamin Franklin jeweils mehrere Zehntausend Briefe umfasste. Das war schon damals nicht zeitgemäß.

Die Gemeinsamkeit zwischen dem Schreiben eines Briefs und dem Lesen eines Buches macht deutlich, worum es Marriott im Kern geht: Immer mehr Menschen beschäftigen sich nicht mehr vertieft mit Texten. Geschriebenes wird nur noch überflogen, aber nicht mehr hinterfragt oder in einen Zusammenhang gebracht. Das erschwert, eigene Standpunkte zu entwickeln und sich eine fundierte Meinung zu bilden. Doch wann hat diese Entwicklung begonnen? Marriott verortet nicht erst die massenhafte Verbreitung durch Internetangebote als Auslöser für die mangelnde Lese- und Schreibkompetenz, sondern setzt schon deutlich früher an: beim Siegeszug des Fernsehens. Denn: Mehr Fernsehzeit bedeutet weniger Lesezeit.

Und was ist daran so problematisch? Unter dem Hinweis auf den früheren Gewerkschaftsführer John Brophy (1883-1963) sowie den britischen Politiker John Robert Clynes (1869-1949) stellt Marriott fest:
"Im Zeitalter der Bildschirme kehrt die Ungleichheit zurück, die wir für gebannt hielten. Einer zunehmend gespaltenen, polarisierten und schlecht informierten Öffentlichkeit fehlt es an den nötigen Informationen, um die verantwortlichen Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Heute laufen allzu viele von uns Gefahr, zur Beute von politischen Betrügern und Schurken zu werden."

Lesen?

Das Lesen gehört zu den anspruchsvollsten kognitiven Fähigkeiten. Marriott hat recht, wenn er sagt, dass sich komplexere Inhalte nicht in vollem Umfang erfassen lassen, wenn diese Fähigkeit verkümmert, weil wir uns von YouTube, Social Media-Plattformen oder Messengerdiensten nur noch berieseln lassen. Lesen zu können bedeutet auch, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Wer verschiedene Textarten erfassen und politischen Diskussionen folgen kann, weiß, wie eine Gesellschaft funktioniert und wie man sich gegen Fehlentwicklungen wehren kann.

Ganz nebenbei verbessert das Lesen die Abstraktionsfähigkeit und die Gedächtnisleistung. Wem das noch nicht reicht: Es macht auch Spaß.

James Marriott ist ein überzeugender und interessanter Überblick über die Entwicklung des Lesens gelungen. Dahinter verblasst, dass er Behauptungen an manchen Stellen nicht näher ausführt, sondern sie ohne weitere Erläuterung stehen lässt.

Das Ende des Lesens ist im Oktober 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) 20 Euro, als E-Book 14,99 Euro.





 1: Studie vergleicht Entwicklung geringer Schreib- und Lesekompetenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz : Newsroom : Universität Hamburg

2: Statista Consumer Insights

Freitag, 28. Oktober 2022

Frankfurter Buchmesse 2022 - ein Rückblick auf spannende Tage

Anstelle einer Rezension erzähle ich heute von
meinem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2022. Mit meiner Begleiterin bin ich vom 19. bis zum 21. Oktober durch die Messehallen gestreift. Hat es sich gelohnt?

Eines vorweg: An die Zahlen "vor Corona", also aus dem Jahr 2019, kam die Buchmesse nicht heran. Weniger Aussteller, freie Flächen in den Hallen und weniger Besucher sind für die Einnahmen der Frankfurter Buchmesse GmbH nicht günstig, für die Besucherinnen und Besucher ist der Aufenthalt aber wesentlich entspannter. Wer auf der Buchmesse 2019 gewesen ist (Stichwort: Messesamstag, Halle 3.0), weiß, was ich meine.

Auf der Agora sah man sofort, welches Land in diesem Jahr der Ehrengast war: Spanien. Das weltbekannte Museo del Prado aus Madrid hatte dort seine Wanderausstellung La Prado en las calles (Der Prado in den Straßen) aufgebaut, die schon in zahlreichen Städten wie z. B. Havanna, Guatemala-Stadt oder Manila sowie mehreren spanischen Städten zu sehen war. Dabei wurden die wichtigsten Meisterwerke des Museums als Reproduktionen in Originalgröße gezeigt. Das hat natürlich nichts mit Büchern zu tun, ist aber ein schöner Einstieg, um das Land kulturell besser kennenzulernen.

In Halle 3.0 zogen vor allem die Stände der größeren Verlagshäuser die Interessenten an. Uns auch. Aber ich will hier nicht auf einzelne Bücher verweisen, die mir ins Auge gefallen sind, dann würde der Text zu lang werden. Es soll hier mehr um die Besonderheiten gehen, die mir besonders gefallen haben. 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor dieser Messe noch nie von der Stiftung Illustration mit dem Bilderbuchmuseum Troisdorf gehört hatte. Die Stiftung wurde 2005 von den Städten Troisburg und Siegburg gegründet und will die Illustrationskunst fördern. Das Bilderbuchmuseum ist europaweit das einzige dieser Art. Es verfügt über Sammlungen mehrerer Illustratorinnen und Illustratoren und veranstaltet Ausstellungen. Am Stand wurden einige Illustrationen gezeigt, und den anwesenden Mitarbeiterinnen war die Freude an ihrer Tätigkeit anzumerken.

Ebenfalls in Halle 3.0 wurden wir fast überfallartig von einer Frau angesprochen, die um Aufmerksamkeit für die mittlerweile zehn Bücher ihres Mannes aus dem Spica-Verlag warb. Sie trug uns die Inhalte aller Mystery Thriller vor, die ihr Mann bislang veröffentlicht hatte. Schon das war beeindruckend, aber ihr Engagement war es noch mehr. Mit diesem starken Rückhalt kann nichts mehr schiefgehen, oder? Danke Frau Roth für das sehr nette Gespräch.

In Halle 3.1 haben wir bei der Bundeszentrale für politische Bildung einen Stopp eingelegt. Dort waren alle aktuellen Publikationen zur Ansicht ausgelegt. Wer sich für Politik und Geschichte interessiert, ist dort genau richtig. Wer nicht, sollte sich beim nächsten Mal trotzdem dort umschauen und bei den spannenden Titeln "Feuer fangen".

Ein paar Meter weiter war der Stand des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Ich glaube, dass die wenigsten Menschen, die dort schauten, dies taten, um sich zu informieren. Dazu hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vielleicht etwas offensiver sein und auf die Menschen aktiv zugehen müssen. Viele, die dort stoppten, griffen nach einem der Give-Aways und zogen weiter. Wie vielen Leuten ist die tolle Außenwand des Standtresens aufgefallen? Ich habe die Bepflanzung erst wahrgenommen, als ich unmittelbar davor stand und mir der Geruch von Basilikum in die Nase stieg. Die ganze Seite ist mit Kräutertöpfen bestückt gewesen, die jeden Abend gegossen wurden. Der Herr links äußerte die Hoffnung, dass die Kräuter nach der Messe nicht vernichtet, sondern genutzt werden.

Im selben Gang hatte der Diogenes Verlag seinen Stand. Dort habe ich mir ein Buch angesehen, von dem ich schon begeisterte Rezensionen gelesen hatte: Papyrus von der spanischen Autorin Irene Vallejo. Es geht um die Geschichte der Bücher und darum, wann der Mensch mit dem Lesen begann und welche Entwicklung dadurch ausgelöst wurde. Der Titel liest sich nicht wie ein trockenes Geschichtsbuch, sondern wie ein spannender Roman. Ich musste mich förmlich von diesem Buch losreißen.
Dort waren auch zwei Promis anwesend: Die Krimiautorin Donna Leon und der Literaturkritiker Denis Scheck. Besonders spannend war daran aber eher nichts.

Der Besuch beim Polar Verlag durfte auf keinen Fall fehlen. Völlig zu Recht bezeichnet er sich als "DER Verlag für anspruchsvolle Kriminalromane". Den Kontakt zwischen uns gibt es bereits seit einigen Jahren und ich freue mich sehr, dass der Verlag die letzten schwierigen Jahre gut überstanden hat und sich seine Fans auf viele weitere spannende Pageturner freuen können. Die Rezensionsexemplare, die mir von Frau Kuhlmann überreicht wurden, sind Pickard County von Chris Harding Thornton und Pleasantville von Attica Locke, das am 15. November 2022 auf den Markt kommt. In meinem Bücherregal stehen bereits etliche Polar-Krimis, und ich könnte jeden empfehlen.

Die Austeller in Halle 4.0 kamen mehrheitlich aus Nord- oder Osteuropa sowie aus arabischen Ländern. Die meisten hatten Literatur in ihren Heimatsprachen ausgelegt, was für uns eher uninteressant war.

Sehr interessant hingegen war das Gespräch mit Margarita Stein, der Geschäftsführerin der Anthea Verlagsgruppe aus Berlin. Der Verlag veröffentlicht Titel aus den Bereichen Lyrik, Belletristik und Zeitgeschichte und kann von sich sagen, das Werk eines Literaturpreisträgers in seinem Programm zu haben: 2021 gewann der bulgarische Autor Georgi Bărdarov mit seinem Roman Absolvo Te den Literaturpreis der Europäischen Union. Ich habe mich sehr gefreut, als er zufällig zum Anthea-Stand kam und mir ein Rezensionsexemplar signiert hat. Das Buch werde ich demnächst hier vorstellen.

Frau Stein empfahl noch ein weiteres Buch aus ihrem Programm: In ihrem biografischen Roman Glut im Eis hat Inge Ruth Marcus sich dem bewegten Leben ihrer Großeltern gewidmet, das von Flucht geprägt war. Die Lebenslinien von vier Generationen wurden davon beeinflusst, dass sich immer wieder politische Verhältnisse änderten und die Familie nur deshalb ihr Leben retten konnte, weil sie in einem (weiteren) fremden Land eine neue Heimat suchte. 

Wer sich im Bildungsbereich umsehen wollte, war in Halle 4.2 richtig. Wissenschaftsverlage und Universitäten zeigten dort ihr Repertoire. Das war interessant, aber hier reichte ein grober Überblick.


Völlig klar, dass ein Besuch im Forum, wo der Ehrengast Spanien seine Sonderausstellung zeigte, nicht fehlen durfte. Das Motto lautete "Creatividad Desbordante", was mit "Sprühende Kreativität" übersetzt werden kann. Diese sprühende Kreativität hat sich vor allem in technischen Dingen gezeigt: Aus in Mikrofone gesprochenen Wörtern wurden bunte Farbbilder, die auf Standbildschirmen zu sehen waren; ein Drucker stellte Geschriebenes in Brailleschrift dar; ein mechanischer Arm schrieb
 live ein Universal Poem, ein von der Menschheit geschriebenes Gedicht; auf einer Installation aus Glasscheiben und Licht stand ein Gedicht, das einer Paula Romero gewidmet war.
In einem Teil des Raums waren weiße, mit spanischen Wörtern bedruckte Stoffbahnen aufgehängt worden, die sich bei jedem Luftzug leicht bewegten. Nicht zuletzt hatte der Ehrengast an einer der Wände eine hohe geschwungene Bücherwand aufgestellt, wo überwiegend spanischsprachige Titel, aber auch Übersetzungen gezeigt wurden. Davor war eine Landschaft aus Sitzschläuchen aufgebaut worden. Vieles war zwar schön anzusehen, aber mir hat der besondere Bezug zu Spanien und die Vermittlung des dortigen Lebensgefühls gefehlt. Die Exponate hätten nach einem Sprachenaustausch von jedem beliebigen anderen Land stammen können. In der Vergangenheit hat es Ausstellungen von Ehrengästen gegeben, denen es besser gelungen war, eine Brücke zu ihrer Heimat zu schlagen.




Zum guten Schluss stand ein Besuch in Halle 6 an.
Ausschnitt Stand der chin. Regierung

Hier waren internationale Verlage vertreten. China war mit großen Ständen sehr präsent. Ein Stand wurde von der chinesischen Regierung betrieben, zwei weitere von chinesischen (unabhängigen?) Verlagen. Was nicht fehlen durfte, war der 4-teilige Bestseller des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping China regieren. Er wurde auf dem Regierungsstand von weiteren hilfreichen Büchern Xis sowie Titeln, die die Großartigkeit des Reichs der Mitte verdeutlichten, eingerahmt. Xis Buch gibt es selbstverständlich in etlichen weiteren Sprachen.
Auffällig war das völlige Fehlen von Belletristik oder Lyrik. Das Buchangebot beschränkte sich auf Titel, die - sagen wir mal - "hilfreich" waren. 

Interessant war auch, dass die asiatischen Verlage (abzüglich China) einen Schwerpunkt auf Kinderbücher gelegt hatten. Im Gegensatz zu deutschen Exemplaren hatten diese Bücher kreischbunte Cover, die in Deutschland vermutlich viele Eltern eher davon abhalten würden, solch ein Buch zu kaufen.
Ich zeige hier einige allgemeine Impressionen aus der Halle, um einen Eindruck zu vermitteln:






Dem Aufruf, der am Eingang zum Forum angebracht war, schließe ich mich an und beende damit meinen Bericht von der Frankfurter Buchmesse 2022. Wenn es geht, werde ich im nächsten Jahr wieder dort sein. Aber wer weiß schon, was in einem Jahr ist.


Nachtrag: Viele werden wissen, dass ich mein Leben auf "drei Beinen" verbringe. In einigen Tagen werde ich in meinem anderen Blog Das tägliche Gruseln darüber schreiben, wie mir die Frankfurter Buchmesse aus meiner Perspektive als behinderte Besucherin gefallen hat. Wenn es soweit ist, werde ich das bei Twitter und Instagram veröffentlichen.
Nachtrag 2: Eben habe ich den Blogtext auf Das tägliche Gruseln veröffentlicht. Schaut vorbei!

Samstag, 7. März 2020

Nichts los in Leipzig? Die Absage der Buchmesse bringt einiges durcheinander

Ausnahmsweise schreibe ich diesmal nicht über ein Buch, sondern über ein ausgefallenes Großereignis: die Leipziger Buchmesse. Vom 12. bis zum 15. März 2020 sollte sie gehen. Viele Buchfans hatten sich auf die Messe gefreut, Verlage sich einen Umsatzschub erhofft. Insbesondere für die kleineren von ihnen ist die Absage bitter. Aber dann kam das, was in den Medien undeutlich als "das Corona-Virus" bezeichnet wird, als gäbe es nur eines davon.Nun heißt das Virus offiziell "SARS-CoV 2" und die von ihm verursachte Krankheit "Covid-19". Hier steht ein bisschen mehr darüber.

Mittlerweile sind die Menschen aufgrund des medialen Trommelfeuers so verunsichert, dass Hamsterkäufe getätigt werden. Handseife ist genau wie Toilettenpapier, Nudeln oder Lebensmittel in Dosen so begehrt, dass die Regale in manchen Supermärkten große Lücken aufweisen. Apotheker haben oft kein Desinfektionsmittel mehr. Mir wurde sogar erzählt, dass es Leute gibt, die sich auf Krankenhausfluren herumdrücken und sich dort beim Toilettenpapier und dem Handdesinfektionsmittel bedienen. Ziemlich erbärmlich ist das, was manche da abliefern, kaum, dass ihnen ein kleines Krisenlüftchen um die Nase weht. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert, wenn wir irgandwann mal eine echte Krise haben sollten.

Wegen Covid-19 wurde neun Tage vor ihrem geplanten Start die Leipziger Buchmesse abgesagt. Zum Zeitpunkt der Absage war ich zufällig in Leipzig und habe mir die Stadt angesehen. Wer Leipzig besser kennt, dem sagt wahrscheinlich die "Runde Ecke" etwas. Das ist eine Gedenkstätte in der Innenstadt, die anhand von Originalexponaten zeigt, wie die Stasi es geschafft hat, die Bevölkerung zu überwachen, zu unterdrücken und einzuschüchtern. Sehr interessant, der Besuch lohnt sich. Die Gedenkstätte befindet sich in den Räumen der Stasi-Bezirksverwaltung, wo auch ein Büro oder eine Zelle für Untersuchungshäftlinge gezeigt werden.

Auf einem Tisch in der Nähe des Eingangs lag dieser Flyer. Die Gedenkstätte hatte für die Buchmesse ein eigenes umfangreiches Programm unter dem Motto "Leipzig liest" vorbereitet, das darin ausführlich vorgestellt wurde. Unter diesem Motto tun das zu jeder Buchmesse zahleiche Veranstalter außerhalb des Messegeländes. 

Für die ersten drei Messetage waren sechs bis sieben Termine für Lesungen vorgesehen, am letzten Tag sollte eine Matinee-Lesung stattfinden. So ein Programm auszuarbeiten, den Termin vorzubereiten etc. ist sehr aufwendig. Die Enttäuschung, dann alles vergeblich getan zu haben, muss beim Planungsteam riesengroß gewesen sein.

Doch gleich neben dem Flyer lag ein Informationsblatt. Mit seiner leuchtend gelben Farbe war es nicht zu übersehen. "Leipzig liest doch" war es übertitelt und teilte mit, dass alle Termine wie geplant stattfinden würden. Aus diesen Worten spricht eine "Jetzt erst recht"-Mentalität, der Wunsch, sich nicht so einfach unterkriegen zu lassen. Ich werde dann leider nicht mehr in Leipzig sein. Ich wünsche den Machern der "Runden Ecke" aber, dass ihre Veranstaltungsreihe ein Erfolg und ihre Mühe nicht vergeblich gewesen sein wird. Trotz Covid-19.

Freitag, 18. Oktober 2019

Frankfurter Buchmesse 2019 - erste Eindrücke

Ich bin nicht zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse, aber dennoch ein ganzes Stück davon entfernt, von einem professionellen Habitus umgeben zu sein und mich gewissermaßen zuhause zu fühlen.

Aus Gesprächen weiß ich, dass etliche andere Buchblogger den Besuch auf der "fbm" deutlich strukturierter angehen. Viele haben sich einen Plan gemacht, welche Stände und Veranstaltungen sie besuchen und welche Autoren sie interviewen wollen.

Es ist jetzt nicht so, dass ich mich gar nicht vorbereitet hätte. Immerhin habe ich mir die App heruntergeladen und schon mal gestöbert, was denn so angeboten wird und mich interessieren könnte. Eine Menge. Bei Licht betrachtet viel zu viel. Würde ich alles besuchen, was mir gefällt, würden die Tage auf dem Messegelände in Stress ausarten. Und mal ehrlich: Wer will das schon?

Heute, nachdem am Ende des Messetages die Jacken aus der Garderobe abgeholt waren und wir darauf warteten, dass die zur S-Bahn strömenden Menschenmassen ein wenig abebben würden, habe ich noch mal nachgesehen, welche Veranstaltungen ich mir in der App schon zu Hause markiert und welche ich tatsächlich besucht habe. Das Fazit lässt mich an meiner Planungsfähigkeit zweifeln: Ich war bei keinem vorgemerkten Termin, dafür aber bei zweien, die ich vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. An dieser Stelle geht mein Dank an Mirella P., die den Hinweis zu einer der beiden Veranstaltungen gegeben hat und die ich endlich "live und in Farbe" kennenlernen durfte.

Zum Schluss komme ich zu den Beweisfotos, damit ihr mir auch glaubt, dass ich tatsächlich vor Ort gewesen bin. Zu jedem werde ich nur eine kurze Erklärung geben oder auch ganz auf eine Erläuterung verzichten. 

Der Preis für das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändler ging an: 


Sehr interessant war der Diogenes-Talk mit diesen Autoren: 




Simone Lappert, die ihr neuestes Buch Der Sprung vorstellte, konnte hier besonders beeindrucken: Sie trug den Beginn ihres Romans frei und so emotional vor, dass ich sofort den Wunsch hatte, ihn zu kaufen. Mehr geht nicht, oder?

Mirella führte uns zu einem Stand, den sie am Vortag entdeckt hatte: Hier gibt es eine große Auswahl an handgefertigten Buchstützen, die bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller zeigen. Sehr sehens- und kaufenswert: 


 
Abends war dieses das letzte Getränk in einem Darmstädter Lokal in der Nähe des Hauptbahnhofs:


Mein erster sauer Gespritzter seit 27 Jahren. Fazit: In der  Erinnerung wird manches verklärt.

Zur Barrierefreiheit - oder ihrer Abwesenheit - wird es einen separaten Artikel geben, den ihr in meinem "Gruselblog" nachlesen könnt. Bald. Demnächst.

Mittwoch, 29. August 2018

Ich war bei "meinem" Buchhändler - ein Suchtbericht

Habt Ihr ein Geschäft, in das ihr so richtig gern geht? In dem Ihr aufpassen müsst, nicht wieder mal viel mehr Geld auszugeben, als Ihr Euch vorgenommen habt? Bei mir ist das seit meiner Kindheit der Buchhändler an meinem Wohnort. In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich damals reichlich Taschengeld in das Geschäft geschleppt. "Aber es gibt doch auch Stadtbüchereien! Da kostet es doch (fast) nichts!". Stimmt, da war ich auch. Auch! Aber Bücher, die mir gefallen, möchte ich selbst haben. Ich bin da völlig irrational. 
Vor Kurzem war ich wieder mal in "meinem" Buchladen ganz in meiner Nähe. Ich hatte mir den Reader für die Longlist des Deutschen Buchpreises zurücklegen lassen und hatte einen Geschenkgutschein dabei. Gibt es etwas Besseres als dem Konsum frönen zu können, ohne selbst Geld ausgeben zu müssen? Dreimal nein! Dieses Glücksgefühl - und da übertreibe ich nicht - wird bei mir nur inmitten von Büchern ausgelöst.

Deshalb beobachte ich mit Sorge das langsame Sterben des stationären Buchhandels. "Aber im Internet zu bestellen ist doch so bequem", höre ich da den ersten leisen Protest. Ja, ist es. Aber es gibt mittlerweile Angebote, die es möglich machen, im Internet zu bestellen und sich das Buch dann beim Buchhändler abzuholen oder es über ihn bringen zu lassen. Wenn ich weiß, was ich will, schreibe ich "meinem" Buchhändler eine E-Mail und er meldet sich, wenn meine Bestellung im Laden ist. Wenn es Probleme gibt, also z. B. ein Buch vergriffen ist, wird diese Information mit allem, was dazugehört (Wann ist das Buch wieder erhältlich? Welche Alternativen gibt es?) ebenfalls elektronisch ausgetauscht. 
Wenn ich nur ganz ungefähr weiß, wonach ich suche, gehe ich in den Laden und lasse mich beraten. Bei Büchern, die ich verschenken will, hat mein Buchhändler noch nie danebengelegen. Und: Wenn der Beschenkte das Buch schon hat, kann ich es im Laden zurückgeben und ein anderes mitnehmen. Ich gehe immer in denselben Laden. Man kennt mich dort, weiß, was ich gern lese, und ich habe schon mal den Händler in meiner Ratlosigkeit um Hilfe gebeten: "Sie kennen doch Frau XY, eine Freundin von mir. Können Sie mir einen Tipp geben, was ihr gefallen könnte?" Konnte er, meine Freundin hat sich über die Auswahl gefreut.

Eigentlich wollte ich einen Buch-Sucht-Text schreiben, jetzt ist es während des Tippens doch ein Plädoyer für den
örtlichen Buchhandel geworden. Ich habe eine Grafik des Portals Statista gesehen, aus der hervorging, dass die Zahl der Buch-Einzelhändler zwischen 2006 und 2016 von etwas mehr als 5.000 auf nicht ganz 3.700 zurückgegangen ist. Zum Teil sind Buchhändler auch selbst schuld: Wer sich nur hinter seinen Tresen stellt, den Kopf einzieht und hofft, dass das Schlimmste an ihm vorüber geht, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Nur vom Weihnachts- und Schulbuchgeschäft kann ein Buchhändler auch dann nicht leben, wenn er an Mitarbeitern spart. Bei "meinem" Buchhändler sehe ich über die letzten Jahre hinweg die Zeichen des schleichenden Niedergangs: Die Außenbeleuchtung, auf der der Geschäftsname steht, wird nicht mehr angeschaltet, das Lesesofa hat seine besten Tage hinter sich (was mit einem Überwurf kaschiert wird), der Laden wird von Montag bis Samstag pünktlich geöffnet und geschlossen, von Sonderaktionen habe ich nichts bemerkt und die letzte Lesung, von der ich weiß, war im November 2017, als einer unserer Ratsherren seinen zweiten Krimi vorstellte. 

Sollte es eines Tages Geld vom Himmel regnen oder ich doch noch mal den Eurojackpot knacken, werde ich dieses Trauerspiel aufhalten. Bis dahin bleibe ich treue Kundin und hoffe, dass andere es ebenfalls bleiben. Damit das Sterben der Buchhandlungen, das die USA erfasst hat und weswegen es ganze Landstriche ohne einen einzigen Buchhändler gibt, nicht auch hier derart gravierende Folgen hat. Drückt mir die Daumen für einen satten Gewinn.

Dieser Text erscheint parallel bei Tägliches auf drei Beinen.