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Freitag, 2. September 2022

# 362 - Die Geschichte eines sozialen Abstiegs oder eines besseren Lebens?

Georg Roth ist 51, geschieden und hat eine erwachsene
Tochter, die ständig pleite ist und ihn anpumpt. Er ist promovierter Wirtschaftsanwalt, verdient gut und lebt allein in einem Haus mit Garten. Doch dann schlittert er in eine Midlife Crisis, aus der er mit etwas ganz Neuem in seinem Leben entkommen will. Heinz Strunk beschreibt in seinem neuesten Roman Ein Sommer in Niendorf wie sich ein Leben in wenigen Wochen von Grund auf ändern kann.

Roth fasst den Plan, seine Familiengeschichte in Form eines Romans aufzuarbeiten. Da das aus zeitlichen Gründen nicht funktionieren kann, während er in der Kanzlei arbeitet, kündigt er seine Stelle und nimmt sich vor, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Kein Problem: Es ist genug Material vorhanden, aus dem ein begabter Autor eine spannende Erzählung weben kann. Viele Stunden hat er damit verbracht, seine Verwandten nach der Vergangenheit zu befragen. Jetzt hat er genug Informationen zusammen und nimmt sich vor, eine Auszeit einzulegen. Roth mietet spontan für neunzig Tage eine kleine Ferienwohnung in Niendorf an der Ostsee. Die Tatsache, dass sich im verschlafenen Niendorf 1952 das Schriftsteller-Forum "Gruppe 47" traf, betrachtet Roth als gutes Omen.

Bislang ist der Nachwuchs-Schriftsteller fest davon überzeugt, dass man mit Disziplin und planvollem Vorgehen alles schaffen kann. Ein Buch zu schreiben sollte in der langen Zeit kein Problem sein. Im Geiste sieht sich Roth bei Lesungen, in denen das Publikum an seinen Lippen hängt.

Doch dann lernt er Markus Breda kennen. Der übergewichtige Alkoholiker ist ein Multi-Jobber: Er verwaltet mehrere Ferienwohnungen in Niendorf (auch die, die Roth gemietet hat), betreibt einen schlecht gehenden Spirituosenladen, dessen bester Kunde er ist, und dreht abends, wenn die Touristen zum Abendessen gegangen sind, die leeren Strandkörbe in die Richtung des Sonnenaufgangs.

Breda ist wie eine Spinne, die ihre langen Beine in Roths Richtung schiebt und ihn in ihrem Netz gefangen hält. Der vulgäre, vom Alkohol gezeichnete Mann drängt dem Anwalt seine Gesellschaft auf und zieht ihn im Laufe der Wochen in die Niendorfer Säuferszene. Roths literarische Motivation beginnt zu bröckeln, immer öfter siegt Prokrastination über Motivation. Roths neuer Alltag führt zu seiner Verwahrlosung.  

Und dann ist da noch Simone, Bredas stark übergewichtige Freundin, die vor Jahren mit Hoffnungen auf ein gutes Leben mit ihrem Freund aus Ostdeutschland an die Ostsee gezogen ist. Roth findet sie vor allem wegen ihrer Figur abstoßend, er neigt ohnehin häufig dazu, Menschen nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Weiter als die beiden kann jemand nicht von Roths bisherigem Umgang entfernt sein. 

Das Schreiben gerät immer mehr in den Hintergrund, während Roth in einem Alkoholsumpf zu versinken droht. Doch dann geschieht etwas, das der Situation eine neue Wendung gibt.

Lesen?

Unbedingt. Heinz Strunk schafft es, in völlig trostlose Situationen einen guten Schuss Absurdität und Humor hineinzubringen. Skurrile Situationen, die direkte Sprache und die schnörkellose Darstellung von Roths Lebenseinstellung, die besonders zu Beginn des Aufenthalts in Niendorf von reichlich Überheblichkeit geprägt ist, tragen dazu bei, dass man den Roman bis zum - überraschenden - Ende nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Ein Sommer in Niendorf ist 2022 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 22 Euro. Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Mittwoch, 8. April 2020

# 235 - Arabische Sprichwörter von Frauen zusammengetragen

Bei diesem Buch ist es schwer zu entscheiden, ob die
schönen Grafiken und Kalligrafien oder die Sprichwörter im Mittelpunkt stehen. Für Marokkanische Sprichwörter hat der Donata Kinzelbach Verlag beides zu einer perfekten Auswahl zusammengefügt.

Dieses Buch hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Einige Frauen, die in Marokko unter problematischen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebten, hatten sich zu einem Alphabetisierungskurs entschlossen. Sie wollten eigenständiger werden, selbst Busfahrpläne lesen können und ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Der Alphabetisierungskurs wurde von der Zakoura-Stiftung durchgeführt. Die private Stiftung wurde 1997 gegründet und fördert die Bildung von Kindern, die Ausbildung junger Menschen und die Eigenständigkeit von Frauen. Sie war die erste Organisation in Marokko, die an Frauen Mikrokredite vergab, ähnlich wie die Grameen-Bank in Indien.

Die Kursteilnehmerinnen wurden gebeten, Sprichwörter aufzuschreiben, die in ihnen besondere Gefühle auslösen oder in ihren Familien benutzt werden. Sie sammelten Sprichwörter, die ihnen gefielen oder über die sie sich ärgerten. Die Sätze wurden anschließend nach den Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander geordnet.

Parallel zu dieser Aktion wurde in 15 Dörfern, die über ganz Marokko verteilt waren, ein Kalligrafie-Wettbewerb ausgelobt. Es galt, das Dorf zu finden, in dem die meisten künstlerisch begabten Frauen lebten. Die arabische Kalligrafie zählt als Kunstform und ist im Islam entstanden. Sie gilt als die ästhetische Seite der islamischen Religion. Es wird oft behauptet, die arabische Kalligrafie sei wegen des islamischen Bilderverbots entstanden. Doch ob von einem Bilderverbot überhaupt die Rede sein kann, ist selbst unter Fachleuten umstritten. 

Es ist hilfreich, das zu wissen, bevor man sich diesem Buch zuwendet. Wie schön es aufgemacht ist, zeigen diese Bilder. Es geht los mit Sprichwörtern, die Ehemänner über Frauen sagen:

 "Wenn man Frauen die Geschäfte lenken lässt, so ist das, als ließe man dem Maultier die Zügel los." Da muss man nicht lange raten, in welche Kategorie dieser Satz aus der Sicht der Frauen fällt. Glücklicherweise haben sich viele Marokkanerinnen mithilfe der Zakoura-Stiftung auf den Weg gemacht.
Der zweite Spruch fällt milder aus: "Der Stock ist nur dann dein Freund, wenn er dich beim Überqueren des Flusses stützt."


Hier ist ein Auszug aus dem Kapitel, in dem es um Sprichwörter geht, die Frauen missfallen. Mit diesem geht es los: "Eine Frau und eine Eselin behandle nicht als Gäste, sondern sorge dafür, dass sie sich an die Arbeit machen." Als Frau hebt man bei solchen Worten mindestens missbilligend die Augenbrauen - um sich dann daran zu erinnern, dass diese Haltung weit verbreitet war, auch im christlichen Raum. Allerdings wurde das nicht so deutlich formuliert.
"Wer seinen Kopf in den Trog steckt, riskiert Schnabelhiebe abzubekommen", heißt der zweite Satz auf der Seite.



Und hier kommen zwei der Lieblingssprichwörter der Frauen: "Wer mich liebt, liebt mich wie ich bin, nicht nur, wenn ich geschminkt bin, sondern sogar dann, wenn ich mit Ruß verschmiert bin." Das wünscht sich wohl jede(r).
Es geht weiter mit diesem Sprichwort: "Wer nicht sein Leid zum Ausdruck bringt, der ist schlecht beraten - und zwar vom Satan selbst." Oder um es europäisch kurz zu sagen: Lass es raus.

Marokkanische Sprichwörter ist ein Buch für die Seele: Manche Sprichwörter machen nachdenklich, andere amüsieren. Die Illustrationen mit ihren Kalligrafien versetzen die Leser gedanklich in den Orient. Eine Auszeit, die vielen gerade jetzt in der Zeit von Covid-19 willkommen sein dürfte.



Marokkanische Sprichwörter ist 2011 erschienen und für 24 Euro direkt beim Verlag Donata Kinzelbach oder bei jedem örtlichen Buchhändler erhältlich. 

Diese Frauen haben an dem Alphabetisierungskurs der Zakoura-Stiftung teilgenommen:

Sonntag, 26. Januar 2020

# 226 - Schreib jetzt!

Schreibratgeber gibt es wie Sand am Meer. Sie beschäftigen sich meistens mit den "richtigen" Techniken oder geben Ratschläge, welche Orte sich möglicherweise fern des eigenen Schreibtischs zum Schreiben eignen. Viele dieser Titel tun genau das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen: Sie zerstören die Lust am Schreiben und zertreten den Willen derjenigen Menschen, die einen letzten Schubs benötigen, wie man eine zarte Flamme zum Erlöschen bringen würde.


Doris Dörries Ansatz ist ein anderer. In Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben stößt sie die Tür zu ihrem eigenen Leben auf. In 50 kurzen Kapiteln lässt sie ihre Leser intensiv an Ereignissen teilhaben, die sie geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der sie ist. Es geht um die Höhen ebenso wie um die Tiefen: Dörrie beschönigt nichts und man hat den Eindruck, dass sie bei der Schilderung der sehr unterschiedlichen Situationen auch nichts auslässt. Sie geht dabei nicht chronologisch vor, sondern greift Erinnerungen auf, die nur einem Zweck zu dienen scheinen: den Leser aufzufordern, sich ebenfalls zu erinnern.

Alles ist es wert, aufgeschrieben zu werden: Schönes und Trauriges, Gewonnenes und Verlorenes, Erinnerungen innerhalb eines Lebensabschnitts, Erinnerungen an bestimmte Menschen, Orte oder Dinge. Indem Dörrie in ihren Kapiteln verschiedene Zeitformen anwendet, demonstriert sie deren Wirkung auf den Text und regt dazu an, das selbst auszuprobieren. 

Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist das Buch, wenn es darum geht, Schreibhemmungen wirkungsvoll abzubauen. Es fordert außerdem dazu auf, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und sich nicht vom Schreiben abzuhalten oder abhalten zu lassen. 

Doris Dörrie hat im letzten Absatz ihres Buches noch einmal deutlich darauf hingewiesen, worum es ihr geht:

"Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat. Man entfernt sich von der Welt über Wasser und darf nicht in Panik geraten. Man taucht ab in das eigene Leben. In das Leben, das man wirklich hat, nicht das, das man sich vielleicht wünscht. Man ist mit einem Mal dort, wo einem niemand zuschaut. Ganz bei sich. Ruhig weiteratmen! Weiterschreiben. Weitermachen. Jeder Tag ist ein guter Tag."

Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

 

Freitag, 8. März 2019

# 187 - Ein Buch, das mich aggressiv gemacht hat


Das passiert mir selten, dass ich ein Buch lese, bei dem ich
gegenüber einer der Hauptfiguren einen solchen Groll entwickle, dass ich ihr am liebsten eine runterhauen würde, wenn das denn möglich wäre, aber trotzdem durchhalte bis zum Schluss. Warum ich das Werk nicht in die nächste Ecke geschleudert habe? Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich, weil ich darauf gewartet habe, dass es im Laufe der Handlung jemanden geben würde, der dem, der im Buchtitel der "Ich" ist, mit Schwung...

Das Buch, um das es heute geht, ist bereits 2003 erschienen und bedeutete für den damals noch unbekannten Schriftsteller Daniel Kehlmann den Durchbruch: Ich und Kaminski heißt es, und beim Lesen des Buchtitels dachte ich fast schon reflexartig an einen Ausspruch meiner Mutter, wenn ich als Kind einen Satz mit: "Ich und..." begonnen hatte. Sie sagte dann: "Der Esel nennt sich immer zuerst." Aber die Reihenfolge passt hier genau: Bei 'Ich' handelt es sich um Sebastian Zöllner, einen mäßig erfolgreichen, dafür aber sehr von sich überzeugten Kunstkritiker. Er heftet sich an die Fersen des greisen Malers Manuel Kaminski, der den Höhepunkt seiner künstlerischen Schaffensphase schon lange hinter sich hat, aber dessen Name in Kunstkreisen immer noch mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen wird. Seine Spezialität: Kaminski ist blind und hat die Komposition seiner Werke erspürt. Zöllner plant, ein Standardwerk über den einst berühmten Maler zu schreiben und so seinen Ruf als Kunstexperte aufzupolieren.

Zöllner schafft es mit einem Versprechen, den von seiner Tochter abgeschirmten Maler aus seinem abgelegenen Haus in den Bergen zu locken. Vor der Fahrt sieht er sich genau im Haus um und öffnet Zimmer- und Schranktüren, um so viel wie möglich über den Maler zu erfahren. Seine Interviews mit Kaminskis Zeitgenossen ergaben ein uneinheitliches Bild, das sich schwer verwerten lässt. Zöllner bringt den alten Mann dazu, sich ihm für eine längere Fahrt anzuschließen, indem er ihm etwas über einen geliebten und von Kaminski totgeglaubten Menschen erzählt. Damit werden in dem Künstler uralte Wunden wieder aufgerissen und Hoffnungen genährt, für die es keine Grundlage gibt. Doch so einfach, wie es sich Zöllner vorgestellt hat, macht es ihm Kaminski nicht. Die Geschichte um den Gernegroß Zöllner und den Maler Kaminski nimmt für beide ein Ende, mit dem am Beginn ihrer Roadtour nicht zu rechnen war.

Ich und Kamninski hat mir als Buch sehr gut gefallen, aber die Figur des Sebastian Zöllner ist ein wahrer Kotzbrocken: Er ist selbstverliebt, distanzlos, rücksichtslos und gnadenlos aufdringlich. Die Spur seines Lebens ist eine Abfolge von zahllosen Fettnäpfchen. Er ist jemand, den man bedenkenlos zum Mond schießen möchte. Aber die Handlung ist interessant erzählt und man wartet im Grunde immer darauf, was sich Zöllner wohl als nächstes einfallen lässt, um seinem Ziel näher zu kommen. Und darauf, wer ihm denn endlich die überfällige... na, Ihr wisst schon.

Ich und Kaminski ist bei Suhrkamp erschienen und als Taschenbuch (8 Euro), epub- oder Kindle-Ausgabe (7,99 Euro) und Audio-CD (4,99 Euro) erhältlich.
Das Buch wurde 2015 verfilmt, die Rolle des Sebastian Zöllner spielte Daniel Brühl, Jesper Christensen übernahm den Part des Manuel Kaminski. Hier geht es zum Trailer: