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Freitag, 10. Februar 2023

# 381 - Eine Jugend auf Mallorca während der Franco-Diktatur

José Carlos Llop ist der wichtigste zeitgenössische
Schriftsteller Mallorcas. Sein Buch Der Bericht 'Guillermo Stein' erschien in Spanien bereits 1995 unter dem Titel El informe Stein und wurde 2008 mit dem Prix Ecureuil de Littérature Etrangère für den besten in Spanien veröffentlichten Roman ausgezeichnet. Und das, obwohl es sich um einen Titel mit nur rund 90 Seiten handelt. Was macht das Buch so besonders?

Der Kurzroman spielt im Sommer 1968 in Palma de Mallorca. Der Erzähler Pablo Ridorsa ist Schüler im Jesuitenkolleg. Spanien hat bewegte Jahrzehnte hinter sich: Die Ausrufung der 2. Republik, die Kirchenverfolgung durch die neue Verfassung, die Folgen des Spanischen Bürgerkriegs sowie die Diktatur unter General Franco wirken sich auch auf das Leben auf Mallorca aus. Doch man spricht nicht gern über die Vergangenheit und verdrängt die Flecken auf der weißen Weste seiner nächsten Angehörigen.

Der Sommer 1968 ist einer der regenreichsten der Insel. Mitten im Schuljahr taucht plötzlich ein neuer Schüler im Kolleg auf: Guillermo Stein. An ihm ist alles seltsam und geheimnisvoll, und Stein selbst tut nichts, um diesen Eindruck zu entkräften. Im Gegenteil: Er erzählt von seinem Vater, der Kontakt zu einflussreichen Faschisten hatte, trägt buntere Kleidung als die anderen und fährt auch im strömenden Regen mit dem Fahrrad zum Unterricht - als Einziger und mit einem auffälligen roten Regenmantel. Außerdem tritt er so auf, als ginge ihn alles um ihn herum gar nichts an. Die Neugier der anderen Jungen ist geweckt und es entsteht der Plan, möglichst viel über Stein herauszufinden und in einem Bericht zusammenzufassen.

Ridorsa, der bei seinen Großeltern aufwächst, freundet sich mit Stein an. Bei einem Besuch in Steins Zuhause fällt ihm der große Unterschied zum Haus der Großeltern auf: Während Stein im damals vornehmen Viertel El Terreno wohnt, haben Ridorsas Großeltern ihr Quartier innerhalb der Stadtmauern noch nie verlassen. Ridorsa registriert, dass die beiden alten Leute auf den Namen Stein angespannt reagieren und spürt, dass Steins Anwesenheit etwas ins Rollen bringt. Und tatsächlich kommen am Ende des Buches einige Wahrheiten ans Licht, die für etliche emotionale Erschütterungen sorgen - und Ridorsa begreifen lassen, warum sich seine Eltern nicht mehr auf Mallorca sehen lassen.

Lesen?

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist mir auf der Frankfurter Buchmesse 2022 aufgefallen, als der Ehrengast Spanien zahlreiche deutsche Übersetzungen spanischer Bücher vorgestellt hat. José Carlos Llop verwebt in seinem Roman die fiktiven Ereignisse in einem Jesuitenkolleg in Palma mit der Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. 

Die zunächst noch eher kindliche Neugier der Jungen gegenüber ihrem neuen mysteriösen Mitschüler verändert sich in dem Moment, als aus Gerüchten und Vermutungen Wahrheiten werden und sie von den Verfehlungen ihrer nächsten Verwandten erfahren: Denunzierungen und Verrat taugen nun mal nicht für Heldenerzählungen. 

Ridorsa wird zum ersten Mal mit seiner erwachenden Männlichkeit konfrontiert und verliebt sich. Und sein geheimnisvoller Freund, der schon bald wieder abreist, hat die letzten Jahre seines Lebens vor sich. 

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist ein interessanter Blick in spanische Verhältnisse in den 1960-er Jahren und es lohnt sich, das ein oder andere, was uns aus der Landesgeschichte nicht bekannt ist, nachzulesen.

Der Roman ist 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,80 Euro.


Samstag, 24. Juni 2017

# 105 - Freifahrtschein von der Komfortzone in den Terrorismus

Wenn da noch ein paar Rechnungen offen sind

 

Mit Spanish Bombs taucht Ulf Krämer in die spanische Geschichte während der Franco-Zeit ein, deren tiefe gesellschaftliche Gräben bis in die Gegenwart fortdauern. Vergeben und vergessen - dieses Motto passt zu keinem der Protagonisten.


Die Schatten der Vergangenheit


Anders Sulla ist 38 Jahre alt, ein bestenfalls mittelmäßiger Bühnenschauspieler und mit der vermögenden Nadine verheiratet. Das Paar hat sich in seinem Leben komfortabel eingerichtet: Gemeinsame Kinder soll es nicht geben, man gönnt sich Reisen und andere Unternehmungen und hat Kontakt zu Menschen, die genauso ticken wie man selbst. Das Leben plätschert so dahin, und das, was man in diesen Kreisen als Abenteuer bezeichnet, ist das, was das Programm von Eventanbietern so hergibt. Doch dann erhält Anders, den so gut wie alle, auch seine Frau, nur mit seinem Nachnamen ansprechen, unerwartete Post: Eine spanische Gesellschaft für Erinnerungskultur teilt ihm mit, dass es wahrscheinlich gelungen sei, ein Massengrab aufzuspüren, in dem sich die Gebeine seines Großvaters Joaquin befinden. Dieser habe der republikanischen Brigade Lorca angehört und sei 1954 erschossen worden. In einer Woche sei die Graböffnung in Sevilla vorgesehen, wozu man ihn als Joaquins Enkel herzlich einlade.
Sulla zögert nur kurz und mietet sich dann kurzentschlossen ein Wohnmobil. Ohne Nachricht oder Abschied macht er sich allein auf den Weg nach Andalusien. Die Premiere der Carmen-Adaption, in der er die Rolle des Toreros Escamillo spielen sollte, würde er verpassen, was er leichten Herzens hinnimmt. Doch seine Vorstellung, er könnte auf der Fahrt nach Südspanien etwas Abstand bekommen und den Kopf freikriegen, stellt sich rasch als Trugschluss heraus: Kurz hinter Lyon gabelt er die 17-jährige Deutsche Sophie auf, die offensichtlich verfolgt wird. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. In Tarragona treffen sie in einer Wohnung von Sophies Internetbekanntschaft Yussuf auf die junge Teresa, die sich ihnen bis Málaga anschließen will und in Sulla den Verdacht weckt, sie könnte eine Terroristin sein. Bei einem kleinen Umweg über Madrid nehmen sie Sullas alten Kumpel Lars in ihre kleine Runde auf. Das macht die Fahrt nicht entspannter.


Wer interessiert sich für die Toten in einem Massengrab?

 

Die amerikanische Kriegsreporterin Ava Svensson ist ebenfalls auf dem Weg nach Sevilla. Auf ihre Initiative hin ist es zu dem offiziellen Exhumierungstermin, zu dem die Angehörigen aller dort bestatteten Freiheitskämpfer eingeladen wurden, gekommen. Auch sie hat eine persönliche Motivation, die sie antreibt: Zusammen mit ihrem Onkel Phil, einem erfahrenen Reporter, und einem Fotografen, war sie in Kolumbien in eine Sprengfalle geraten, die ihren Onkel das Leben gekostet hatte. Er verfolgte damals die Spur seines ermordeten Vaters, dessen Leiche sich in dem andalusischen Massengrab befinden sollte. Jonathan Svensson gehörte allerdings nicht der Brigade Lorca an, sondern war als Reporter in Spanien gewesen. Ava hat das Gefühl, Phil etwas schuldig zu sein und setzt dessen Nachforschungen fort.
Schon kurz nach ihrer Ankunft in Sevilla trifft Ava auf den merkwürdigen Taxifahrer Jésus, der sich auf der Suche nach dem seiner Meinung nach besten Tapaskoch der Welt befindet: Alfonso, der seit Jahren das Restaurant La Orilla betreibt. Alfonso ist von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt. Jésus' Nachforschungen gehen zunächst ins Leere, aber nachdem er einen alten Bekannten, den er aus seinen früheren Tagen als Krimineller kennt, um Hilfe gebeten hat, bekommt er eine heiße Spur. Doch es gibt Leute, die die Graböffnung verhindern wollen und die ebenfalls auf der Suche nach Alfonso sind, auch wenn sie ihn nicht unter diesem Namen kennen. Eine ganze Reihe von Menschen muss um ihr Leben fürchten, während andere es so schnell verlieren, dass sie vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr zum Nachdenken kommen.

Wie war's?

 

Spanish Bombs wird im Klappentext als Road-Story bezeichnet, was die Atmosphäre sehr gut trifft. Ein großer Teil der Handlung findet auf Straßen oder Parkplätzen statt, und nicht nur Sulla ist in diesem Roman auf der Suche nach der Freiheit und sich selbst. Der Buchtitel schlägt die Brücke zwischen der Diktatur unter Franco sowie der Verfolgung und Ermordung der Widerstandskämpfer durch die spanischen Faschisten und dem gleichnamigen Song der Punk-Band The Clash, der das Thema ebenfalls aufgreift.
Ulf Krämer baut die Geschichte des Widerstands gegen das Franco-Regime und die unrühmliche Rolle der Guardia Civil immer wieder geschickt in die Handlung seines Romans ein. Wer bislang noch nichts über diesen Teil der spanischen Geschichte wusste, erhält so zumindest einen Eindruck dessen, was sich unter der Diktatur des "Caudillo" zwischen 1936 und 1975 in Spanien abgespielt hat. 
Spanish Bombs ist sehr flüssig geschrieben und wird an keiner Stelle langweilig.
Die Handlung ist - locker formuliert - ziemlich abgefahren. An manchen Stellen befindet sie sich auf einem schmalen Grat zwischen einer knappen Glaubwürdigkeit und der beginnenden Zweifelhaftigkeit. 
Ab etwa der zweiten Buchhälfte hätte das Korrektorat gern aufmerksamer sein dürfen. Zu oft finden sich Fehler, die sich störend auf den Lesefluss auswirken.

Spanish Bombs wurde bei epubli veröffentlicht und kostet als Taschenbuch 16,99 €.