Freitag, 5. Juni 2026

# 507 - Wer hat was gesagt und warum?

Wer etwas auf seine Bildung hält und das auch seinen
Mitmenschen zeigen will, neigt oft dazu, bekannte Persönlichkeiten zu zitieren. "Der Weg ist das Ziel" ist ein beliebter Motivationsslogan bei Coachings und geht auf den chinesischen Gelehrten Konfuzius zurück, der diesen Ausspruch vor 2.500 Jahren getan haben soll. Zumindest sagen das seine Schüler, die viele seiner klugen Sätze in den Analekten niedergeschrieben haben. Konfuzius hat selbst jedoch gar nichts selbst verfasst. Stammt dieses Zitat also tatsächlich von ihm? 

Das weiß man genauso wenig wie bei den Zitaten, die dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben werden, der es mit dem Schreiben genauso wenig hatte wie sein chinesischer Kollege: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" gehört zu den bekanntesten Aussprüchen, die Sokrates' Schüler Platon eifrig mitgeschrieben hat, allerdings in der Originalversion. Sokrates war wegen des Vorwurfs, ein gottloser Wortverdreher zu sein und die Jugend zu verderben, 399 v. Chr. vom Athener Volksgericht angeklagt worden. In seiner Rede grenzte er sich von sogenannten Experten ab, die seiner Ansicht nach nur über Meinungen, aber nicht über Fachwissen verfügten: "Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen." Das kam beim Gericht gar nicht gut an, das Todesurteil gegen Sokrates war schnell gesprochen.
Dieser lange Satz taugte allerdings nicht dazu, als griffiges Zitat unsterblich zu werden. Für ein handhabbares Format sorgte 350 Jahre später der römische Politiker und Philosoph Cicero in seinem Werk "Academica", in dem er über Sokrates schreibt, dass dieser "selbst nur das eine wisse, dass er nichts weiß". Voilà, der leicht zu merkende Satz ist seitdem in der Welt. 

Der Historiker Christoph Marx hat in seinem Buch 100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten Zitate von Philosophen, Theologen, Universalgelehrten, Königen und Kaisern, Dichtern, Musikern, Politikern und vielen anderen gesammelt, von denen wir die meisten kennen, aber oft nicht wissen, was mit ihnen ursprünglich gemeint war. Marx schlägt dabei in fünf Kapiteln chronologisch den Bogen von der Antike ab etwa 600 v. Chr. bis ins Jahr 2015 mit dem Zitat des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." 
"Die Bevölkerung" war nach diesen Worten erst recht verunsichert: Es ging um die kurzfristige Absage des Fußball-Länderspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover wegen einer Terrorwarnung - nur dreieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Der Minister wollte die Bevölkerung beruhigen, hatte mit seiner kryptischen Wortwahl aber genau das Gegenteil erreicht. Alle fragten sich, was denn nun eigentlich los ist.

Konfuser, als ich das für möglich gehalten hatte, ist die Quellenlage für den Ausspruch "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wahrscheinlich würden die meisten auf die Frage nach dem Urheber "Helmut Schmidt!" sagen, aber interessanterweise ist das nicht belegt. Marx schreibt, dass sich dieses Zitat in keinem Dokument als von Schmidt stammender O-Ton findet. Auch Schmidt konnte sich nicht erinnern, wann er diesen Satz gesagt haben sollte. Forscht man nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass er erstmals 1988 in einem österreichischen Magazin abgedruckt wurde. Die beiden Autoren des Artikels berichteten über eine Anekdote, die während eines SPÖ-Parteitags unter Delegierten kursiert habe:

  • Fischer (damaliger SPÖ-Fraktionsvorsitzender und späterer österreichischer Bundespräsident): „Die SPÖ braucht Visionen.“
  • Vranitzky: „Wer Visionen hat, braucht an Arzt.“

Entscheidend war die Einleitung: Es habe sich um einen „angeblichen Dialog“ zwischen Heinz Fischer und dem damaligen SPÖ-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Franz Vranitzky gehandelt. Vranitzky stritt allerdings immer ab, diesen Ausspruch je gesagt zu haben.

Lesen?

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten liest sich sehr interessant. Christoph Marx versteht es, seinen Leserinnen und Lesern unterhaltsam die Herkunft und (ursprüngliche) Bedeutung von Zitaten zu vermitteln. Am Ende des Buches kann man von sich sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten ist 2026 im Dudenverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro.

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