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Sonntag, 15. Februar 2026

# 498 - Über Tyrannei und was man ihr entgegensetzen kann

2017 erschien Über Tyrannei im C. H. Beck Verlag erstmals auf Deutsch, acht Jahre später kam das Buch des bekannten US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder, der an der Yale University lehrt, in einer Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung ohne die Illustrationen der Erstausgabe heraus. Wir erinnern uns: Im Januar 2017 begann Donald Trumps erste Amtszeit als US-Präsident; es ist sicher kein Zufall, dass On Tyranny in dieser Zeit herausgegeben wurde.

Snyder macht sich Sorgen um den Zustand der Demokratie in den USA, seine Ausführungen lassen sich aber auf jeden Staat übertragen, dessen demokratisches Gerüst Risse bekommen hat. Wer nun angesichts des Untertitels Zwanzig Lektionen für den Widerstand glaubt, dass es hier um eine Anleitung oder Anstiftung zu einem gewaltsamen Widerstand geht, liegt falsch. 

Die Warnungen, die Snyder 2017 ausgesprochen hat, haben mehr denn je ihre Berechtigung: In Trumps aktueller zweiten Amtszeit spielen sich Dinge ab, auf die der Wissenschaftler hingewiesen hatte. In seinem Vorwort schreibt er: "Wir könnten versucht sein zu glauben, unser demokratisches Erbe schütze uns Amerikaner automatisch vor solchen Gefahren. Doch dieser Reflex ist fehl am Platze."

Snyders Lektionen sind einleuchtend, erfordern aber von uns allen ein demokratisches Rückgrat und die Bereitschaft, auf Privilegien zu verzichten, wenn es der Sache dient. Ein gutes Beispiel ist gleich die erste Lektion: Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam. 
Beim Lesen des ersten Satzes möchte man spontan widersprechen: "Einen Großteil seiner Macht erhält der Autoritarismus aus freien Stücken." Doch dann erklärt Snyder, dass Menschen überlegen, was eine repressive Regierung möglicherweise will und "dienen sich ihr schließlich an, ohne gefragt worden zu sein." Dadurch wird denen, die die Macht inne haben, "gezeigt, wie weit sie gehen können."

Timothy Snyder zeigt, was jede(r) Einzelne tun kann, um die Aushöhlung und Abschaffung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung zu verhindern: Entfernung von Hakenkreuzen oder anderen Zeichen, die zu Hass aufrufen, Sorgfalt bei der Wortwahl, aktive Beteiligung am Mehrparteiensystem durch die Teilnahme an Wahlen oder sogar eine eigene Kandidatur sind nur einige seiner Vorschläge.

Wer die Nachrichten verfolgt, die uns derzeit aus den USA erreichen, kann die sechste Lektion nur mit Beklemmungen lesen. Sie hat die Überschrift: Nimm dich in Acht vor Paramilitärs. Dabei wirft Snyder zuerst einen Blick auf Hitlers paramilitärische Einheiten SA und SS, auf die Privatisierung von Gefängnissen und Internierungslagern durch die US-Bundesregierung und schlägt den Bogen zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Trump hatte private Sicherheitsleute angeheuert, deren Aufgabe es war, Menschen hinauszuwerfen, die eine andere Meinung hatten als der Kandidat. "Diese Form von Mob-Gewalt sollte das politische Klima verändern, und genau das geschah."

In weiteren Kapiteln ruft der Wissenschaftler dazu auf, Informationen nicht nur aus dem Internet zu beziehen, sondern sie zu hinterfragen und mehr Bücher zu lesen. Gerichte, freie Wahlen, die Unabhängigkeit der Medien: Sie alle müssen geschützt werden, um die Demokratie zu erhalten. Jeder und Jede kann etwas dazu beitragen.

Lesen?

Timothy Snyder appelliert an uns alle, die Errungenschaften der Demokratie nicht leichtfertig aus der Hand zu geben, sondern wachsam zu sein. Nicht wegsehen, kein Mitläufer und kein Profiteur sein. Das ist nicht immer einfach, aber in einer Gemeinschaft kommt es auf jeden einzelnen Menschen an.

Die mir vorliegende Ausgabe von Über Tyrannei wurde in einer reinen Textform ohne die Illustrationen der früheren Ausgabe 2025 von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und kostet 5,-- Euro.

Samstag, 31. Mai 2025

# 476 - Project 2025: Nur ein Plan oder längst Realität?

Project 2025: Diesen Begriff haben die meisten schon
einmal gehört. Als er erstmals medial in den Fokus rückte, wurde er von vielen noch als eine neue Verschwörungserzählung abgetan, weil das, was in die Öffentlichkeit gelangte, nach rechter Radikalität und Kahlschlag auf mehreren Ebenen klang. Mittlerweile sind zwei Dinge klar: Project 2025 ist ein knallharter Regierungsfahrplan, der ein Demokratie-, Budget- und Behördenkahlschlag ist und auf der ultrarechten Vorstellung, wie das Land (und gern die Welt) zu sein hat, basiert.

David A. Graham ist ein Politikexperte, insbesondere für die Politik in den USA. Der seit vielen Jahren für die Zeitschrift The Atlantic schreibende Journalist wurde bereits für seine Berichterstattung über den Präsidentschaftswahlkampf 2020 ausgezeichnet. In Der Masterplan der Trump-Regierung erläutert er, was tatsächlich hinter Project 2025 steckt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Mandate for Leadership von Project 2025 - Conservative Promise. Mandate for Leadership ist eine Buchreihe, die seit 1981 von der konservativen Heritage Foundation herausgegeben wird und der künftigen Bundesregierung Hinweise gibt, wo und wie sich diese ihrer Meinung nach engagieren sollte.

Trumps erste Amtszeit begann im Chaos. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass er die Wahl gewinnen würde. Er selbst auch nicht. Damals war nichts vorbereitet: Es gab weder einen Plan noch Personal.
Das ist diesmal anders. Die Heritage Foundation hat den Ablauf der aktuellen Regierungszeit beinahe minutiös vorbereitet. Das Ziel ist, die USA zu einem christlich-konservativen und autoritär agierenden Land zu machen. Der Journalist Klaus Brinkbäumer bringt es in seinem Vorwort auf den Punkt: 
"David Graham hat kein Werk über Ideen und Ideologien geschrieben, sondern einen Bericht über konkrete, kondensierte Macht - und darüber, wie sie organisiert, kanalisiert, konzentriert, entfesselt und missbraucht wird." Es ist "ein staatsfeindliches Manifest in staatsrechtlichem Gewand. Es richtet sich gegen so ziemlich alles, was die amerikanische Demokratie über Jahrzehnte stabilisiert hat: die Gewaltenteilung, den professionellen Verwaltungsapparat, internationale Kooperation, einen Grundkonsens über gesellschaftlichen Pluralismus und demokratische Normen".

Wer Grahams Buch liest, findet vieles von dem wieder, was die Medien seit dem Amtsantritt von Donald Trump berichtet haben: das Handeln eines von Rache getriebenen Autokraten, das impulsiv und instinktgesteuert ist; das Regieren mit Dekreten ohne die Beteiligung des Kongresses; den massiven Um- oder Abbau von Bundesbehörden einschließlich massenhafter Entlassungen; das Ignorieren von Gerichtsurteilen; das Ignorieren von Freundschaften mit anderen Staaten, die bislang als unverbrüchlich angesehen wurden. Trumps erratisches Agieren soll durch Project 2025 eingehegt und im Sinne der Zielerreichung kanalisiert werden.  

Die Nachrichten, die uns aus den USA erreichen, decken sich im Wesentlichen mit den vier Zielen von Project 2025, die vom Präsidenten der Heritage Foundation, Kevin Roberts, formuliert wurden:

  • "Die Widerherstellung der Familie als Mittelpunkt des amerikanischen Lebens und den Schutz unserer Kinder;
  • den Abbau des Verwaltungsstaats und die Rückgabe der Selbstverwaltung an das amerikanische Volk;
  • die Verteidigung der Souveränität, der Grenzen und des Reichtums unserer Nation gegen globale Bedrohungen und
  • die Sicherung unserer von Gott gegebenen individuellen Rechte auf ein freies Leben - also das, was unsere Verfassung als die 'Segnungen der Freiheit' bezeichnet."

Lesen?

Der Masterplan der Trump-Regierung trägt den Untertitel Wie ein radikales Netzwerk in Amerika die Macht übernimmt. Das trifft es genau, denn Donald Trump hat im Wahlkampf gegen Kamala Harris bestritten, das Machwerk gelesen zu haben. Das dürfte zu den wenigen Dingen gehören, die man dem US-Präsidenten glauben darf, denn viele Menschen, die ihn näher kennengelernt haben, sagen übereinstimmend, dass er eine schlechte Konzentrationsfähigkeit hat und praktisch nie etwas liest. Harris hingegen hat mehrmals vor Project 2025 und seinen Folgen für das Leben der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner gewarnt und war damit nicht allein.

Wer mehr zu diesem Thema wissen möchte, sich aber nicht die 920 Seiten des Mandate für Leadership 2025 antun will, sollte Grahams Buch lesen. Manches davon ist bereits eingetreten, auf viele andere Veränderungen darf man sich noch "freuen".

Der Masterplan der Trump-Regierung ist 2025 unter dem Originaltitel The Project. How Project 2025 is Reshaping America erschienen und wurde vor wenigen Tagen im S. Fischer Verlag in der deutschen Fassung veröffentlicht. Es kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Mittwoch, 26. Februar 2025

# 467 - Wie Diktatoren sich an der Macht halten - und irgendwann stürzen

Die Demokratie ist weltweit auf dem
Vormarsch? Wer das glaubt, sollte rasch seine rosa Brille absetzen, denn das Gegenteil ist der Fall: Die Bertelsmann-Stiftung sieht sich die globale demokratische Entwicklung regelmäßig an und hat festgestellt, dass 2024 von 137 untersuchten Ländern 74 von Autokraten regiert wurden. Zwei Jahre zuvor waren es "nur" 70. Aber ist die Demokratie nicht die beste aller Staatsformen? Wenn man die Diktatoren fragen würde, über die der Politikwissenschaftler Marcel Dirsus in seinem Buch Wie Diktatoren stürzen schreibt, sähe ihre Antwort vermutlich anders aus: Sie vereinen zwar jede Menge Macht auf sich und können sich aufgrund der für sie praktischen politischen Konstellation ungebremst bereichern. In autokratisch regierten Staaten gehört die Korruption so selbstverständlich zum Alltag wie die Luft zum Atmen.

Doch so einfach ist das nicht. So ein Autokraten-Leben hat seine Tücken: "Alleinherrschaften haben Systemfehler - sie können nicht auf Dauer funktionieren", stellt Dirsus fest. Da könnte man natürlich einwenden, dass auch demokratisch gewählte Regierungen zeitlich an ein Ende kommen, oft sogar früher als Diktatoren. Aber Dirsus weist gleich auf den nächsten Pferdefuß hin: "Tyrannen haben immer mehr Feinde als Freunde - und das Ende ihrer Herrschaft ist oft dramatisch."

Unter "dramatisch" ist das erzwungene Exil oder der Tod zu verstehen. Hin und wieder landen entmachtete Diktatoren auch für eine lange Zeit im Gefängnis. Immerhin 69 Prozent der Tyrannen beenden ihre Regierungszeit mit einer dieser Varianten. Ein ruhiger Lebensabend im Luxus und in einer schönen Umgebung ist sehr unwahrscheinlich - weder im Aus- noch im Inland. Ein Ende einer Diktatur durch den natürlichen Tod des Diktators ist reines Wunschdenken - seitens des Diktators.

Das Leben eines Diktators ist aber auch während seiner Regierungszeit ziemlich ungemütlich. Das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Sicherheit muss ständig austariert werden, die engsten Vertrauten können von einem Moment auf den anderen zu den erbittertsten Feinden werden. Und dann sind da noch ausländische Mächte, die Einfluss auf die Geschicke des Landes ausüben, um eigene Interessen wie zum Beispiel den Zugang zu Bodenschätzen oder den Ausbau militärischer Stützpunkte zu verfolgen.

Dirsus stützt seine Betrachtungen auf zahlreiche Studien, Artikel und Gespräche. Er beschreibt genau, wie Diktaturen entstehen - auch dort, wo es zuvor eine Demokratie gegeben hat - und welche Chancen und Risiken mit Putschversuchen einhergehen. Er nennt beispielhaft zahlreiche Diktatoren und deren Schicksale und kommt zu interessanten Rückschlüssen: Nach einem Putsch wird nur selten aus einer Diktatur eine Demokratie. Vielmehr "ergibt sich Demokratie häufig aus Versehen", zitiert Dirsus eine Studie der University of California, die die Demokratisierungsgeschichte bis zum Jahr 1800 zurück verfolgt hat. Der Normalfall ist leider, dass auf einen Tyrannen der nächste folgt.
Marcel Dirsus bezieht sich auf einen Artikel der Politikwissenschaftlerinnen Erica Frantz und Andrea Kendall-Taylor, wonach "zwischen 1950 und 2012 [...] nur 20 Prozent der gestürzten autokratischen Herrscher von einer Demokratie abgelöst" wurden. 
Aber warum ist es schwer, nach dem Ende einer Diktatur zu einer Demokratie zu finden? Die Erklärung ist so einfach wie einleuchtend: Nicht nur der Diktator bereichert sich auf Kosten seines Volkes, sondern auch seine direkte Umgebung wie seine Familie oder zahlreiche Günstlinge, die durch die Zuwendungen des Autokraten wohlhabend werden. Niemand von ihnen will eine Demokratie und den damit verknüpften Verlust der Privilegien und sprudelnden Einnahmequellen. Also bleibt im Prinzip alles, wie es war.

Aber was ist, wenn ein Tyrann zu alt, zu krank oder einfach zu lustlos geworden ist, um dem dauerhaften Druck noch länger standzuhalten? Haben Diktatoren eine Exit-Strategie? Man kann beinahe Mitleid bekommen, wenn man liest, welche Fallstricke es bei der Vorbereitung des Ruhestands gibt. Kurz: Man(n) kann es nur falsch machen.

Diktatorisch agierende Frauen kommen in diesem Sachbuch übrigens nicht vor. Woran liegt das? Haben Frauen weniger Interesse daran, ihr Volk zu unterdrücken und auszubeuten, um sich zu bereichern? Es gab einige wenige Frauen, die ein Interesse daran hatten, ihren Einfluss in einem Maß zu vergrößern, wie es ihren Ländern nicht guttat. Dazu zählt beispielsweise die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi, die mithilfe eines ohne Not ausgerufenen zweijährigen Ausnahmezustands die Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit radikal einschränkte. Isabel Perón, die nach dem Tod ihres Mannes Juan Perón dessen Amt übernahm und Präsidentin von Argentinien wurde, hielt sich nur zwei Jahre an der Macht, bevor sie vom Militär aus dem Amt geputscht wurde. Durch Glück und für sie günstige rechtliche Konstellationen ist ihr der seltene Fall eines beschaulichen Rentnerinnendaseins in Madrid beschieden.
Frauen spielen bei der Betrachtung von Diktaturen also eine absolute Nebenrolle, die so gering ist, dass sich die Wissenschaft nicht für sie zu interessieren scheint.

Lesen?

Marcel Dirsus' Buchtitel Wie Diktatoren stürzen hat einen für Demokraten beruhigenden zweiten Teil: und wie Demokraten siegen können. Das letzte Kapitel "Wie man Diktatoren stürzt" beginnt ausgerechnet mit einem Zitat von Wladimir Putin: "Die Geschichte beweist, dass alle Diktaturen und alle autoritären Regierungsformen vorübergehend sind. Nur demokratische Systeme sind nicht vorübergehend. Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz hat die Menschheit nichts Besseres ersonnen."

Ehe einem vor Staunen der Mund offen steht, sei darauf hingewiesen, dass diese Äußerung aus dem Januar 2000 stammt: Zwei Monate später wurde Putin erstmals zum russischen Präsidenten gewählt. Er hatte zehn Gegenkandidaten, galt aber wegen der ausdrücklichen Wahlempfehlung durch seinen Vorgänger Boris Jelzin als aussichtsreichster Bewerber. Eine Verfassungsänderung macht es möglich, dass Putin bis 2036 im Amt bleiben kann. Man kann rückblickend davon ausgehen, dass seine Äußerung eher den Charakter einer Beruhigungspille haben sollte und nicht aufrichtig gemeint war.

Wie dem auch sei: Marcel Dirsus zeigt, dass der Sturz eines Diktators zwar handstreichartig gelingen kann, eine sehr gute Vorbereitung aber unbedingt nötig ist, um erfolgreich zu sein. Kurz: Es gibt Hoffnung.

Wie Diktatoren stürzen ist ein sehr interessantes Buch, das leicht verständlich die Mechanismen beschreibt, die dazu führen, dass Diktatoren an die Macht kommen, diese Macht behalten und irgendwann gestürzt werden. Parallelen zur aktuellen Weltpolitik sind nicht zu übersehen.

Wie Diktatoren stürzen ist im Februar 2025 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro sowie als E-Book 24,99 Euro.

Freitag, 16. August 2024

# 448 - Roman über eine Gesellschaftsordnung im freien Fall

Republik Irland, zu einem nicht näher bezeichneten
Zeitpunkt der heutigen Welt. Die Bevölkerung spürt ein politisches Grummeln, aber noch sind die Verhältnisse wie gewohnt: geordnet und verlässlich. Doch schon auf den ersten Seiten des Romans Das Lied des Propheten des irischen Schriftstellers Paul Lynch ist zu spüren, dass sich da etwas verschiebt. Die Menschen nehmen diese schleichenden Veränderungen jedoch nicht ernst: Die Kinder fahren zur Schule, man geht seinen Berufen nach und hält Haus und Garten in Ordnung.

Die rechtsgerichtete National Alliance Party (NAP) ist dabei, das Land nach ihren Vorstellungen zu verändern. Das Ziel: Totalitarismus. Dagegen formiert sich allmählich Protest, wenngleich die meisten Bürgerinnen und Bürger den Mund halten. Der Alltag der Menschen wird durch immer neue Notverordnungen geregelt, die nach und nach die Bürgerrechte aushebeln. Die Anzeichen für einen gewaltsamen Aufstand der Rebellen werden immer deutlicher. Es ist beim Lesen zu spüren, dass nur noch ein kleiner Funke fehlt, damit es zu einer Eskalation kommt, bei der Waffen das Sagen haben.

Auch die in Dublin lebende sechsköpfige Familie Stack beobachtet die Situation, vertraut aber darauf, dass der Staat nicht gegen seine eigenen Bürger vorgehen wird. Vater Larry Stack ist Lehrer und hoher Gewerkschaftsfunktionär. Als solcher tritt er für eine bessere Bezahlung für seine Kolleginnen und Kollegen ein. An einem regnerischen Abend tauchen zwei Mitglieder der neu gegründeten Geheimpolizei bei den Stacks auf, um Larry zu verhören. Den Protest der Lehrerschaft nimmt die NAP zum Anlass, die Maske fallen zu lassen: Obwohl es sich bei den Demonstrationen um legale Aktionen handelt, werden alle Gewerkschaftsführer festgenommen. Zu den Inhaftierten gehört auch Larry, der seitdem wie vom Erdboden verschluckt ist. Der Kontakt zu einem Anwalt wird ihm widerrechtlich verwehrt. Eilish macht ihrer Verzweiflung Luft, indem sie auf den Punkt bringt, warum es so weit kommen konnte:

"Ich habe selbst im Gesetz nachgeschaut, in den Verträgen, das ist ein eklatanter Bruch internationalen Rechts, [...] warum dürfen die machen, was sie wollen, warum hat niemand Stopp geschrien?"

Binnen kurzer Zeit verändert sich das Leben der Stacks um 180 Grad. Mutter Eilish, eine Wissenschaftlerin, versucht nicht nur, ihren Mann zu finden, sondern ihren vier Kindern so lange es geht ein normales Leben zu ermöglichen. Aber die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Rebellen nehmen das Ausmaß eines Krieges an, in dem die toten und verletzten Bürgerinnen und Bürger nur Kollateralschäden sind. Das gesamte System erodiert, es gilt das Recht des Stärkeren. Lebensmittel werden knapp, Wucherer bereichern sich an der Krise und verlangen horrende Preise. Krankenhäuser arbeiten nur noch eingeschränkt. Das Land versinkt im Chaos.

Eilishs in Kanada lebende Schwester bietet ihr Unterstützung an, Irland zu verlassen und mit ihrer Familie zu ihr zu kommen. Aber die Mutter hofft auf Larrys Rückkehr und schafft es nicht, ihren in der Nähe lebenden dementen Vater im Stich zu lassen. In seinen klaren Momenten rät dieser seiner Tochter ebenfalls eindringlich, sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen, bevor es zu spät ist. 

Als sich ihr ältester Sohn den Rebellen anschließt und ihr Haus von einer Granate getroffen wird, ändert Eilish ihre Meinung. Doch dann wird ihr zweiter Sohn durch einen Granatsplitter verwundet und muss im Krankenhaus behandelt werden. Die ohnehin schon dramatische Situation verschärft sich auf eine unerwartete Weise, die Eilish nicht für möglich gehalten hätte.

Lesen?

Mit Das Lied des Propheten ist Paul Lynch ein eindringlicher Roman gelungen. Er zeigt, wie fragil eine stabil wirkende demokratische Gesellschaftsordnung tatsächlich ist, wenn dem Treiben faschistischer Kräfte zu lange tatenlos zugesehen wird. Die Handlung bekommt in dem Maß, in dem sich die Krise für das Land und die Familie Stack zuspitzt, eine immer stärkere Eindringlichkeit. Lynch zeigt deutlich, dass eine Selbstbeschwichtigung à la "So etwas kann hier nicht passieren" der falsche Umgang mit Parteien und Personen ist, die ein Land umkrempeln und in eine Autokratie verwandeln wollen. 

Das Lied des Propheten erschien 2023 unter dem Originaltitel Prophet Song. Paul Lynch erhielt im selben Jahr für seinen Roman den renommierten britischen Booker Prize. 2024 erschien das Buch in der Übersetzung von Eike Schönfeld im Verlag Klett-Cotta. Es kostet in der gebundenen Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Freitag, 21. August 2020

# 254 - Wie Demokratien sterben - eine "Anleitung"

Die amerikanischen Politikwissenschaftler David Ziblatt und Steven Levitsky erklären in ihrem Buch Wie Demokratien sterben, welche gesellschaftlichen und politischen Prozesse letzten Endes dazu führen, dass aus einer Demokratie eine Autokratie wird. 

Grundsätzlich gibt es hierfür zwei Möglichkeiten: ein einzelnes Ereignis wie zum Beispiel einen Putsch oder einen schleichenden Prozess. Bei der ersten Variante ist die Veränderung für jeden sofort erkennbar, bei der zweiten kann sich die Transformation über mehrere Jahre erstrecken, sodass erst an ihrem Ende erkennbar wird, was sich da vor aller Augen abgespielt hat.

Levitsky und Ziblatt sind Harvard-Professoren und haben in ihrem 2018 veröffentlichten Buch den antidemokratischen Entwicklungen in den USA viel Raum gegeben. Sie haben sich jedoch nicht nur auf den amtierenden Präsidenten Donald Trump beschränkt, sondern sich auch in der amerikanischen Geschichte umgesehen. Fazit: Immer wieder haben US-Präsidenten versucht, ihre Macht auszuweiten und dabei zu Mitteln gegriffen, die den Einfluss der Pfeiler der Demokratie untergraben sollten. Levitsky und Ziblatt unterscheiden hierbei in die Möglichkeiten und Grenzen, die aus der Verfassung hervorgehen sowie das, was dort nicht steht, aber allgemeiner Konsens ist: die sogenannten "Leitplanken", die in der Regel von allen an der Politik beteiligten Akteuren eingehalten werden. So lange, bis versucht wird, diese zu ignorieren. Trump ist allerdings derjenige Präsident, der es in der Grenzüberschreitung zu einer traurigen Meisterschaft gebracht hat.

Die Autoren sehen sich jedoch auch die Schwierigkeiten an, die andere Staaten beim Erhalt ihrer Demokratien haben oder hatten. Ihr Blick geht nach Europa ebenso wie nach Südamerika oder Asien. Sie stellen fest, dass Militärputsche seit dem Ende des Kalten Krieges selten geworden sind und demokratische Zusammenbrüche mehrheitlich durch gewählte Regierungen stattgefunden haben. Die Schritte, die zu diesen Zusammenbrüchen geführt haben, beruhen auf äußerlich legalen Maßnahmen, die vom Parlament beschlossen oder von einem Gericht abgesegnet wurden. Auch die Begründung, man handele zum Wohl des Landes, weil man beispielsweise die Korruption bekämpfen wolle, muss immer wieder herhalten, wenn es darum geht, demokratische Prozesse und Möglichkeiten abzuwürgen.

Ziblatt und Levitsky erläutern, welche Parallelen es gegeben hat, wenn in bislang demokratischen Ländern politische Außenseiter an die Macht drängten: In vielen Fällen (z. B. Deutschland mit Hitler, Italien mit Mussolini oder Peru mit Fujimori) setzten die politischen Eliten dort darauf, dass sich die Außenseiter einhegen ließen, wenn sie an der Regierung beteiligt würden. Ein fataler Irrtum.  
Sehr ausführlich wird erläutert, anhand welcher Warnzeichen autoritäre Politiker zu erkennen sind und dass bereits die Erfüllung nur eines Kriteriums genügt, um sich Sorgen zu machen. Die Autoren bezeichnen diese Warnzeichen auch als Lackmustest:
Da werden die "Schiedsrichter" (z. B. Gerichte, Ethikkommissionen) bedrängt, die "Schlüsselspieler" (z. B. Medien oder politische Gegner) neutralisiert und neue "Spielregeln" aufgestellt - einschließlich der Bereitschaft, diese mit Gewalt durchzusetzen oder andere dazu zu ermutigen.

Lassen sich diese die Demokratie zerstörenden Mechanismen und Vorgänge aufhalten? Die beiden Wissenschaftler sind optimistisch: Sie sehen insbesondere in den USA die Parteien in der Pflicht, dem Präsidenten die mittlerweile verrutschten und ramponierten Leitplanken deutlich aufzuzeigen und sich untereinander nicht mehr als Feinde, sondern als politische Gegner zu sehen, die sich trotz aller Differenzen darum bemühen, einen parteiübergreifenden Konsens zu finden. Als Beispiele dafür, dass Länder ihre demokratischen Systeme schützen konnten, führen Ziblatt und Levitsky Belgien (1936) und Finnland (1929) an: In beiden Staaten waren es die politischen Eliten, die dafür sorgten, dass die Demokratie nicht von Faschisten zerstört wurde.


Lesen?

Auf jeden Fall! Während des Lesens bemerkt man, dass man sich an viele demokratieschädliche Vorgänge bereits gewöhnt hat. Die in diesem Buch geballte Darstellung all dessen, was zu einem Zusammenbruch eines demokratischen Systems führen kann oder geführt hat, macht die Dringlichkeit dieses Themas noch deutlicher.
Das Buch wurde mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis 2018 als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.

Wie Demokratien sterben ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro, broschiert 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet das Buch in Heftform als Teil ihrer Schriftenreihe für 4,50 Euro zuzügl. Versandkosten an.