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Samstag, 14. Mai 2022

# 347 - Wie geht's weiter? 50 Jahre nach dem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome

Der Journalist Franz Alt und der Wissenschaftler Ernst
Ulrich von Weizsäcker engagieren sich seit vielen Jahren für den Umwelt- und Klimaschutz. Mit Der Planet ist geplündert melden sie sich erneut zu Wort.

Es ist allerdings keineswegs so, dass die beiden Experten das Buch gemeinsam geschrieben hätten. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat zu den 200 Seiten lediglich 14 beigesteuert, in denen er erklärt, worum es sich beim Club of Rome, dessen Co-Präsident er einige Jahre war, handelt und inwieweit die Prognosen dieses Expertengremiums eingetroffen sind. Sie wurden in einer Studie zusammengefasst, die 1972 unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit" veröffentlicht wurden. Es handelte sich dabei um einen Ausblick, wie sich die Weltwirtschaft unter Berücksichtigung verschiedener Szenarien entwickeln wird. "Die Grenzen des Wachstums" erregte weltweite Aufmerksamkeit und wurde ein Jahr nach der Veröffentlichung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Franz Alts Schwerpunkt liegt ganz klar auf der Nutzung der Sonnenenergie als unerschöpfliche Ressource. Genau wie den Wind gibt es das Sonnenlicht im Überfluss. Alt erteilt sowohl der Kernkraft als auch der Kernfusion eine Absage und ist ein großer Fan von nachhaltigen Energieprojekten, an denen die Bürgerinnen und Bürger beteiligt sind.
Er beklagt die sich verschärfende weltweite Knappheit von Wasser und dessen Kommerzialisierung, kritisiert das Wachsen der Müllberge, begründet die Notwendigkeit einer Verkehrswende und dringt auf einen wirksameren Tierschutz. Die benannten Probleme und Missstände sind nicht neu und werden seit Langem diskutiert, sie aber so komprimiert präsentiert zu bekommen, sorgt für eine besondere Eindringlichkeit. 

Allerdings geht es Alt nicht nur darum, anklagend den Finger zu heben: Er zeigt Wege auf, die wir beschreiten müssen, um unseren Planeten zu retten. Ein Beispiel ist die Kreislaufwirtschaft (Cradle-to-Cradle-Prinzip), die das Ziel hat, dass keine Materialien verloren gehen und nach dem Nutzungsende eines Produkts weiter- oder wiederverwendet werden können.

Franz Alt streift auch das Thema Aufrüstung und Krieg. Er spricht sich klar gegen ein Wettrüsten aus und baut auf eine Verständigung unter den Staaten, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Allerdings wurden die letzten Arbeiten an Der Planet ist geplündert bereits im Januar 2022, also vor dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, fertiggestellt. In einem Interview, das Alt am 1. März 2022 mit dem WDR geführt hat, räumt er jedoch ein, dass sich seine Haltung hierzu angesichts dieser Ereignisse verändert hat.

Das Buch ist geprägt von Alts Nähe zum christlichen Glauben und seiner Affinität zur Spiritualität. Vielleicht ist dies seine Kraftquelle, die ihn dazu befähigt hat, über Jahrzehnte hinweg sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und immer wieder an verantwortliche Personen in Politik und Wirtschaft zu appellieren, sich für die Rettung der Erde und damit der Menschheit einzusetzen. Die Botschaft des Club of Rome ist 50 Jahre alt. Weitere 50 Jahre haben wir nicht mehr, um die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu retten.

Lesen?

Der Planet ist geplündert ist ein Parcours durch die drängendsten Themen unserer Zeit. Wie groß die Dringlichkeit ist zu handeln, wird überdeutlich. Schon deshalb ist das Buch zu empfehlen. Ich hätte mir jedoch ein Quellenverzeichnis gewünscht, um einzelne Angaben besser nachvollziehen oder mehr darüber erfahren zu können. Das angefügte Literaturverzeichnis ist interessant, aber kein Ersatz.

Der Planet ist geplündert ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als Hörbuch 19,99 Euro.

Nachtrag: Das Buch hat einen aufmerksameren Lektor verdient, dem die Doppelung eines Absatzes aufgefallen wäre.

Freitag, 21. August 2020

# 254 - Wie Demokratien sterben - eine "Anleitung"

Die amerikanischen Politikwissenschaftler David Ziblatt und Steven Levitsky erklären in ihrem Buch Wie Demokratien sterben, welche gesellschaftlichen und politischen Prozesse letzten Endes dazu führen, dass aus einer Demokratie eine Autokratie wird. 

Grundsätzlich gibt es hierfür zwei Möglichkeiten: ein einzelnes Ereignis wie zum Beispiel einen Putsch oder einen schleichenden Prozess. Bei der ersten Variante ist die Veränderung für jeden sofort erkennbar, bei der zweiten kann sich die Transformation über mehrere Jahre erstrecken, sodass erst an ihrem Ende erkennbar wird, was sich da vor aller Augen abgespielt hat.

Levitsky und Ziblatt sind Harvard-Professoren und haben in ihrem 2018 veröffentlichten Buch den antidemokratischen Entwicklungen in den USA viel Raum gegeben. Sie haben sich jedoch nicht nur auf den amtierenden Präsidenten Donald Trump beschränkt, sondern sich auch in der amerikanischen Geschichte umgesehen. Fazit: Immer wieder haben US-Präsidenten versucht, ihre Macht auszuweiten und dabei zu Mitteln gegriffen, die den Einfluss der Pfeiler der Demokratie untergraben sollten. Levitsky und Ziblatt unterscheiden hierbei in die Möglichkeiten und Grenzen, die aus der Verfassung hervorgehen sowie das, was dort nicht steht, aber allgemeiner Konsens ist: die sogenannten "Leitplanken", die in der Regel von allen an der Politik beteiligten Akteuren eingehalten werden. So lange, bis versucht wird, diese zu ignorieren. Trump ist allerdings derjenige Präsident, der es in der Grenzüberschreitung zu einer traurigen Meisterschaft gebracht hat.

Die Autoren sehen sich jedoch auch die Schwierigkeiten an, die andere Staaten beim Erhalt ihrer Demokratien haben oder hatten. Ihr Blick geht nach Europa ebenso wie nach Südamerika oder Asien. Sie stellen fest, dass Militärputsche seit dem Ende des Kalten Krieges selten geworden sind und demokratische Zusammenbrüche mehrheitlich durch gewählte Regierungen stattgefunden haben. Die Schritte, die zu diesen Zusammenbrüchen geführt haben, beruhen auf äußerlich legalen Maßnahmen, die vom Parlament beschlossen oder von einem Gericht abgesegnet wurden. Auch die Begründung, man handele zum Wohl des Landes, weil man beispielsweise die Korruption bekämpfen wolle, muss immer wieder herhalten, wenn es darum geht, demokratische Prozesse und Möglichkeiten abzuwürgen.

Ziblatt und Levitsky erläutern, welche Parallelen es gegeben hat, wenn in bislang demokratischen Ländern politische Außenseiter an die Macht drängten: In vielen Fällen (z. B. Deutschland mit Hitler, Italien mit Mussolini oder Peru mit Fujimori) setzten die politischen Eliten dort darauf, dass sich die Außenseiter einhegen ließen, wenn sie an der Regierung beteiligt würden. Ein fataler Irrtum.  
Sehr ausführlich wird erläutert, anhand welcher Warnzeichen autoritäre Politiker zu erkennen sind und dass bereits die Erfüllung nur eines Kriteriums genügt, um sich Sorgen zu machen. Die Autoren bezeichnen diese Warnzeichen auch als Lackmustest:
Da werden die "Schiedsrichter" (z. B. Gerichte, Ethikkommissionen) bedrängt, die "Schlüsselspieler" (z. B. Medien oder politische Gegner) neutralisiert und neue "Spielregeln" aufgestellt - einschließlich der Bereitschaft, diese mit Gewalt durchzusetzen oder andere dazu zu ermutigen.

Lassen sich diese die Demokratie zerstörenden Mechanismen und Vorgänge aufhalten? Die beiden Wissenschaftler sind optimistisch: Sie sehen insbesondere in den USA die Parteien in der Pflicht, dem Präsidenten die mittlerweile verrutschten und ramponierten Leitplanken deutlich aufzuzeigen und sich untereinander nicht mehr als Feinde, sondern als politische Gegner zu sehen, die sich trotz aller Differenzen darum bemühen, einen parteiübergreifenden Konsens zu finden. Als Beispiele dafür, dass Länder ihre demokratischen Systeme schützen konnten, führen Ziblatt und Levitsky Belgien (1936) und Finnland (1929) an: In beiden Staaten waren es die politischen Eliten, die dafür sorgten, dass die Demokratie nicht von Faschisten zerstört wurde.


Lesen?

Auf jeden Fall! Während des Lesens bemerkt man, dass man sich an viele demokratieschädliche Vorgänge bereits gewöhnt hat. Die in diesem Buch geballte Darstellung all dessen, was zu einem Zusammenbruch eines demokratischen Systems führen kann oder geführt hat, macht die Dringlichkeit dieses Themas noch deutlicher.
Das Buch wurde mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis 2018 als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.

Wie Demokratien sterben ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro, broschiert 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet das Buch in Heftform als Teil ihrer Schriftenreihe für 4,50 Euro zuzügl. Versandkosten an.

Freitag, 22. Dezember 2017

# 129 - Der Alptraum von Pauschaltouristen lauert in Kirgisistan

Wellblech, Pferde und ganz viel Landschaft

 

In dem Buch Ohne Plan durch Kirgisistan des Journalisten Markus Huth vereint sich so einiges: sowohl der größte anzunehmende Unfall für Fans von durchorganisierten Pauschalreisen als auch die Erfüllung aller Träume für abenteuerlustige Backpacker. Huth gehört ganz klar zur zweiten Kategorie, als er in einer Lebenskrise auf das Angebot seines österreichischen Freundes Franz eingeht, einen Monat lang auf eigene Faust zusammen Kirgisistan zu erkunden. Er erhofft sich auch, nach der Reise zu wissen, wie es mit seinem Leben, das in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint, weitergehen soll. 
Kirgisistan ist von drei weiteren -stan-Staaten (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan) und China eingekreist, von denen man immer mal wieder Meldungen in den Nachrichten hört. Meistens solche, die etwas mit Waffen oder Aufständen zu tun haben. 
Die Reisevorbereitung beschränkt sich auf die Buchung der Flugtickets nach Bischkek und das Packen des Nötigsten. Das war's. Kein Smartphone, kein Tablet. Das Auswärtige Amt warnt nicht nur davor, in Kirgisistan im Dunkeln zu Fuß unterwegs zu sein, sondern weist auch auf die Aktivitäten von terroristischen islamischen Gruppen hin. Aber die beiden kann das nicht beirren, und sie treten ihre Reise an.

Touristische Sehenswürdigkeiten? Reichlich, aber anders

 

Die Hauptstadt Bischkek wird im Reiseführer als frei von Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber der Ala-Too-Platz mit seinen sozialistischen Monumentalbauten und Statuen des Volkshelden Manas sowie des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow zieht die Menschen an. Die beiden Reisenden sind auf der Suche nach dem wahren Kirgisistan, aber hier finden sie nicht das, was sie erhofft haben. 
Mit den unterschiedlichsten Fortbewegungsmitteln setzen sie in den folgenden Wochen ihre Reise fort: In einem engen Minivan kommen sie den Mitfahrern sehr nah und erfahren, dass der traditionelle Brautraub immer noch üblich ist. Junge, hübsche Frauen im heiratsfähigen Alter werden entführt, zu einer vorbereiteten Hochzeitsfeier gebracht und sind schneller unter der Haube, als sie ihren Namen sagen können. Huth steigt zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd, das er wegen dessen unaussprechlichen kirgisischen Namens Alf nennt, und wandert mehr, als er es gewohnt ist, um auch die letzten landschaftlichen Highlights kennenzulernen. 

Was ist das Beste an Kirgisistan?

 

Für Markus Huth ist die Sache klar: Die raue Landschaft mit ihren klaren Seen und den schneebedeckten Bergen des Tian-Shan-Gebirges hat es ihm angetan. Er ist vom riesigen Bergsee Yssyköl ebenso beeindruckt wie von der Umgebung des Kurorts Altyn-Araschan. Die Städte, die er mit seinem Freund kennenlernt, versprühen eher postkommunistischen Charme: Löchrige Straßen und Zäune und Dächer aus Wellblech machen einen ziemlich desolaten Eindruck. Doch sie machen fast immer gute Erfahrungen mit den Menschen: Sie finden in jedem Ort eine Unterkunft - auch mal in einer plüschigen Porno-Villa - und Einheimische, die ihnen weiterhelfen. Huth und seinem Freund kommt zugute, dass sie beide sehr gut Russisch sprechen; mit Englisch kommt man in Kirgisistan keine zehn Meter weit. Am Schluss ihrer Reise machen Huth und sein Begleiter einen Abstecher in das Dorf Rot-Front, das von Deutschen gegründet wurde. Dieses merkwürdige Erlebnis werden sie sicher nicht vergessen.

Wie war's?

 

Ohne Plan durch Kirgisistan hat mir sehr gut gefallen. Markus Huth erzählt seine Erlebnisse in einem sehr unterhaltenden Tonfall und vermittelt seinen Lesern nebenbei allerhand Wissenswertes über dieses Land, das viele von uns nicht auf Anhieb auf der Landkarte finden würden. Man reist im Geiste mit und ist gespannt, was den beiden Freunden auf der nächsten Seite passiert. In der Mitte befinden sich 27 Farbfotos, die das Gelesene anschaulich machen.
Wenn es etwas an diesem Buch zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass Huth einzelne geschichtliche Hinweise mehrfach gibt. Aber das fällt angesichts des ansonsten sehr positiven Leseeindrucks nicht ins Gewicht.
Ohne Plan durch Kigisistan ist im Penguin Verlag erschienen und kostet broschiert 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro.  
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.