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Montag, 27. Mai 2024

# 438 - 16 Bundesländer, 16 Berge: ein Radiomoderator auf Wanderschaft

Der gebürtige Bayer Achim Bogdahn moderiert seit
mehr als 30 Jahren beim Bayerischen Rundfunk verschiedene Radiosendungen und ist wahrscheinlich einer der größten Fans von TSV 1860 München. Diese drei Merkmale - Herkunft, Fußballfan und die Art der "Schreibe" - durchziehen sein Buch Unter den Wolken - Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer wie ein Roter Faden.

Eine Zeitungsmeldung gab für Bogdahn den Ausschlag für sein Projekt: 2016 las er, dass der unter dem Spitznamen "Brocken-Benno" bekannt gewordene Benno Schmidt seit dem 3. Dezember 1989, dem Tag der Öffnung der Brockenmauer, zum 8000. Mal den höchsten Berg Sachsen-Anhalts besteigen wollte. Und das am geschichtsträchtigen 3. Oktober. Der Plan, nicht nur den Brocken, sondern alle höchsten Berge der Bundesländer zu erwandern, war geboren.

Bis zur Umsetzung dauerte es jedoch etwas. Bogdahn hatte nämlich nicht vor, allein unterwegs zu sein. Außerdem wollte er möglichst klimafreundlich reisen und plante, sich Übernachtungsmöglichkeiten per Couchsurfing, also für lau, zu organisieren.
Hinter dem Anspruch des klimafreundlichen Reisens konnte er mit dem Kauf einer BahnCard 100 einen Haken machen.
Bei den Begleiterinnen und Begleitern sollte es sich nicht um Krethi und Plethi, sondern bekannte Persönlichkeiten, die ihr Bundesland repräsentierten, handeln. Das ist Bogdahn gelungen: In Niedersachsen wanderte beispielsweise die frühere Bischöfin Margot Käßmann mit ihm auf den Wurmberg, für die Erklimmung des namenlosen Bergleins in Bremen (32,50 Meter Höhe) konnte er den früheren Bürgermeister Henning Scherf gewinnen, für die Bezwingung des Langenberges in NRW (843,50 Meter) bekam er die Unterstützung des langjährigen Geschäftsführers des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke.

Die neunte Wanderung auf den Wurmberg Anfang Februar 2020 fand noch unter normalen Bedingungen statt. Im fernen China gab es irgendein geheimnisvolles "Corona-Virus", aber keine Anzeichen für die Probleme, die auf die Welt in den nächsten Jahren zukommen sollten.
Wanderung Nummer 10 im Mai 2020 führte Bogdahn auf den Brandenburger Kutschenberg. Er wurde von der Bundestagsabgeordneten Anke Domscheit-Berg begleitet, die beiden nutzten die Zeit der Lockerungen nach der ersten Corona-Welle. Planung und Durchführung aller Wanderungen wurden nun jedoch grundsätzlich durch die Pandemie erschwert. 

Lesen?

Unter den Wolken ist vor allem eines: entspannte Unterhaltung. Um die eigentlichen Erhebungen geht es zwar auch, aber sie sind nur ein Vehikel, um Kontakt zu bekannten Personen herzustellen und rund um die Wanderungen Geschichten zu erzählen, die damit rein gar nichts zu tun haben. Da bricht dann Bogdahns langes Berufsleben als Radiomoderator durch, das ihm einen lockeren Sprachstil und ein für sein Anliegen hilfreiches Netzwerk beschert hat.

Viel Raum nehmen neben seinen persönlichen Anekdoten die Schilderungen des Wanderwetters sowie der meistens sehr langen Bahnfahrten ein. München liegt nun mal in Deutschland sehr dezentral, sodass sich so manche Fahrt wie eine Reise ans Ende der Welt anfühlt. Dieser Eindruck wird noch durch die bekannte "Zuverlässigkeit" der Deutschen Bahn unterfüttert und den Umstand, dass zahlreiche Orte aus Kostengründen vom Bahnnetz abgehängt und oft sogar mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht oder gar nicht erreicht werden können. 

Erst die letzte Wanderung führt Bogdahn dann im Juli 2021 gemeinsam mit Felix Neureuther auf den bayerischen Hausberg, die Zugspitze. Auf den ersten dreieinhalb Seiten lässt er als Bayer Bayern hochleben. Danach wird die Bedeutung der Zugspitze für Bayern erläutert: Man lernt, dass sich das Zugspitzmassiv zu zwei Dritteln auf österreichischem Gebiet befindet und darum nur vom höchsten Gipfel (!), nicht aber höchstem Berg (!) Deutschlands gesprochen werden kann.
Dann wird Felix Neureuther sehr ausführlich vorgestellt und seine Beliebtheit und Bekanntheit beschrieben. Wie in jedem der vorangegangenen Kapitel geht es dann eine ganze Weile um die Erlebnisse und Beobachtungen während der Anreise mit Bahn und Bus. Zum eigentlichen Wandern kommt es nur kurz: Den "Aufstieg" bewältigen die beiden Männer mit der Seilbahn. Erst die letzten Meter bis zum Gipfelkreuz, die man mithilfe einiger Eisensprossen und entlang eines gesicherten Grats überwinden muss, sind die Herausforderung des Tages. Ähnlich kurz kommen auch die anderen jeweils höchsten Erhebungen weg. 

Mir hatte die Idee gefallen, alle höchsten Berge in den 16 Bundesländern zu besuchen, ich habe aber offenbar eine andere Erwartung gehabt, wie ein Buch darüber aussehen könnte: mehr Inhaltliches von der Umgebung der Erhebungen, ein paar Anekdoten vielleicht, mehr über ihre Bedeutungen für die Menschen, die Landschaft, die Gegend,...
Wahrgenommen habe ich, dass die Berge Mittel zum Zweck waren, eine Projektionsfläche für den Autor. 
Mir ist auch unverständlich, warum man ohne einen dringenden Grund während einer Pandemie in öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Republik reisen und bei fremden Menschen übernachten muss. Während der Zugfahrt ins sächsische Fichtelgebirge im Oktober 2020 beobachtet Bogdahn im Zug eine Mitreisende: "Eine rothaarige Frau um die vierzig hustete Stakkato und machte alle nervös." Es hat eben jeder andere Prioritäten.

Unter den Wolken - Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer ist 2022 im Heyne Verlag erschienen und kostet gebunden 22 Euro, als Taschenbuch 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Freitag, 6. Juli 2018

# 157 - Zwei ganz unterschiedliche Reisebücher

Sommer, Sonne ... Reisen!

 

Diesmal geht es um zwei Bücher, die gemeinsam haben, dass sie von Männern geschrieben wurden, die auf einer mehrmonatigen Reise zusammen mit ihren Partnerinnen viel von der Welt gesehen haben. Da hören die Übereinstimmungen allerdings auf. Aber lest selbst. 

Drei Kontinente in sieben Monaten

Der Journalist Torsten Johannknecht hat mit Die Welt von oben sein erstes Buch veröffentlicht. Mit Ausnahme der ersten sechs Wochen reist er zusammen mit seiner Freundin Bärbel um den Globus. Dabei sind ständig besonders zwei Hindernisse zu bewältigen: Bärbel gehört zu den Optimierern und Man-muss-alles-super-planen-Menschen, was dem gern vor sich hin dümpelnden Johannknecht immer wieder ziemlich auf die Nerven geht. Und: seine Körpergröße. 205 Zentimeter bei Schuhgröße 52 haben durchaus ihre Nachteile. Das beginnt bei der Bettenlänge und hört bei der vor Ort üblichen Raumhöhe noch lange nicht auf. 

So manches Mal muss er im Geiste mehrmals über seinen Schatten springen, um die Herausforderungen dieser Reise zu bewältigen. So isst er zum Beispiel im peruanischen Urwald nahe Iquitos widerstrebend einen lebenden Wurm, den einer der Guides aus einer Art Nuss gezogen hat. In Ushuaia (Argentinien), der südlichsten Stadt der Welt, haben Johannknecht und seine Freundin bereits vorab eine Off-Road-Tour gebucht, ohne so ganz genau zu wissen, was sie erwarten wird. Und diese Tour hat es in sich: Die Warnung des Fahrers vor dem launischen Wetter soll sich schon nach wenigen Minuten bewahrheiten, als es anfängt, zu schneien. Doch der größte Aufreger dieser Fahrt soll noch kommen, als sie erkennen, dass man nicht nur neben dem Grenzsee Lago Fagnano fahren kann...

Im bolivianischen La Paz geht das Paar zum Frauen-Wrestling ("Cholitas Wrestling"), um etwas Ausgefallenes zu erleben. Das ist es dann auch: Johannknecht sticht aus der Menge dermaßen heraus, dass er aufgefordert wird, mit einer der 1,50 Meter kleinen Wrestlerinnen zu "kämpfen". Als er genügend Kämpfe "verloren" hat, muss er vor der Frau niederknien - und überragt sie immer noch, was alle in der Halle brüllend komisch finden.
Außer Südamerika bereisen die beiden noch Neuseeland, Australien, Fidschi und Asien (China und Hongkong) und sind, weil sie fast immer in Hostels wohnen, mitten im Geschehen - was spannend ist, weil man mehr erlebt, aber auch anstrengend sein kann, wenn Städte völlig überfüllt sind und sich die Menschenmengen nur noch vorwärts schieben (Hongkong und Jakarta). 

Ganz klar: Auch die typischen Touristen-Hot-Spots dürfen nicht fehlen, wenn man denn schon mal in der Nähe ist: Hobbiton bei Matamata (Neuseeland), die Kulisse von ... ja, genau: der Hobbit-Trilogie.



Natürlich musste der Autor auch sich und der Nachwelt beweisen, dass er zu Großem auf dem Gebiet des Fischfangs berufen ist. Mit diesem Beweisfoto sind auch die letzten Zweifel ausgeräumt: Johannknecht präsentiert einen von ihm auf dem Amazonas in Peru mit der Hand gefangenen Piranha. Die anderen Piranhas sind danach vermutlich verängstigt geflohen, denn es blieb bei diesem einen: 



Wie war's?

 

Johannknecht hat mit Die Welt von oben ein sehr unterhaltsames Buch geschrieben, das aber nicht als Reiseführer betrachtet werden sollte. Es liest sich so, als würde man mit ihm in einer Bar sitzen und jemand würde sagen: "Mensch, Torsten, erzähl doch mal von eurer Reise!" Schön ist, dass er nichts auslässt, sondern offen auch über die Schwächen seiner Reise schreibt, angefangen von der schlechten Unterkunft, nervtötenden anderen Touristen bis hin zur kurzzeitigen Beziehungskrise mit Bärbel. Während die eine oder andere Station etwas zu kurz kommt (Titicacasee), schildert er emotional einen der für ihn schönsten Momente auf einem Hügel in Patagonien mit Ausblick auf einen Gletscher. Das, was allerdings irgendwann ein bisschen ermüdend wirkt, ist der sich etliche Male wiederholende Hinweis auf seine außergewöhnliche Körpergröße. Das lässt sich aber angesichts des guten Gesamteindrucks vernachlässigen.

Die Welt von oben ist im Juni 2018 beim Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 12,-- Euro. Das Buch sowie die Fotos wurden mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Das zweite Buch: eine Reise zu den Alten der Welt

 

Das Buch des Lebens - Eine Reise zu den Ältesten der Welt von Andrew Jackson ist so etwas wie das Kontrastprogramm zum vorherigen Titel. Dieses Buch ist bereits 2000 in der deutschen Erstausgabe erschienen, und Jackson hat für die zweijährige Reise, die ihn und seine Frau Vanella auf alle Kontinente geführt hat, einen Top-Job in der Werbebranche aufgegeben. Das Paar hatte sich vorgenommen, sehr alte Menschen in der ganzen Welt zu finden und mit ihnen über ihr Leben und das Alter zu sprechen. Dabei geht es nicht um die ältesten Menschen im Sinne eines Superlativs; die beiden sind an ihren Zielorten direkt auf die Suche nach sehr betagten Senioren gegangen und durchweg auf offene Persönlichkeiten gestoßen, die bereit waren, mit den Fremden auch sehr private Dinge zu teilen. Und tatsächlich unterscheiden sich die Sichtweisen der einzelnen Senioren auf das, was im Leben wichtig ist und war. Das ist sicherlich nicht nur auf das Heimatland, sondern auch auf die persönlichen Erfahrungen und die Werte, die innerhalb einer Gesellschaft eine Rolle spielen, zurückzuführen. Das Paar trifft zum Beispiel auf einen balinesischen Brahmanen, der sich vor ihnen die Schneidezähne feilt, oder auf einen 102-jährigen Inder, der immer noch zu den Top-Kricketspielern der Welt gehört. Manche dieser Alten sind eher still und leise, andere nutzen ihre letzte Lebensphase, um das auszuleben, was sie sich bislang verkniffen haben. Zu den bemerkenswertesten Gesprächen gehörte für Jackson das mit Sir Mark Oliphant, einem 2000 im Alter von fast 99 Jahren verstorbenen Physiker und Politiker. Es geht darin um die Frage, warum die australische Regierung trotz der günstigen Bedingungen nicht auf Solarenergie umgestellt hat. Seine Antwort: "Weil eine Regierung wie die Industrie funktioniert. Wenn etwas nicht schon morgen Profit abwirft, ist es uninteressant. Jede Art von langfristigem Ansatz ist heute praktisch allen Regierungen ein Greuel." Daran hat sich bis heute, fast 20 Jahre nach diesem Interview, nichts geändert.

Aber es geht in Jacksons Buch auch um Privates. Er schildert, wie Vanella wegen einer Darmerkrankung, die sie schon seit ihrer Kindheit begleitet, in Caracas fast daran verstirbt. Die Not, in der sich die beiden dort befinden, ist praktisch mit Händen zu greifen. Am Ende der Reise weiß er, was für sein eigenes Leben wichtig ist. Mir hat dieses Buch so gut gefallen, dass ich es zweimal gelesen habe.

Das Buch des Lebens - Eine Reise zu den Ältesten der Welt ist in der National Geographic-Reihe bei Frederking & Thaler erschienen und kostete in der mir vorliegenden 2. Auflage von 2003 12,-- Euro. Es ist heute nur noch antiquarisch zu bekommen, was aber auf den hierfür bekannten Internetseiten kein Problem ist.

Freitag, 22. Dezember 2017

# 129 - Der Alptraum von Pauschaltouristen lauert in Kirgisistan

Wellblech, Pferde und ganz viel Landschaft

 

In dem Buch Ohne Plan durch Kirgisistan des Journalisten Markus Huth vereint sich so einiges: sowohl der größte anzunehmende Unfall für Fans von durchorganisierten Pauschalreisen als auch die Erfüllung aller Träume für abenteuerlustige Backpacker. Huth gehört ganz klar zur zweiten Kategorie, als er in einer Lebenskrise auf das Angebot seines österreichischen Freundes Franz eingeht, einen Monat lang auf eigene Faust zusammen Kirgisistan zu erkunden. Er erhofft sich auch, nach der Reise zu wissen, wie es mit seinem Leben, das in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint, weitergehen soll. 
Kirgisistan ist von drei weiteren -stan-Staaten (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan) und China eingekreist, von denen man immer mal wieder Meldungen in den Nachrichten hört. Meistens solche, die etwas mit Waffen oder Aufständen zu tun haben. 
Die Reisevorbereitung beschränkt sich auf die Buchung der Flugtickets nach Bischkek und das Packen des Nötigsten. Das war's. Kein Smartphone, kein Tablet. Das Auswärtige Amt warnt nicht nur davor, in Kirgisistan im Dunkeln zu Fuß unterwegs zu sein, sondern weist auch auf die Aktivitäten von terroristischen islamischen Gruppen hin. Aber die beiden kann das nicht beirren, und sie treten ihre Reise an.

Touristische Sehenswürdigkeiten? Reichlich, aber anders

 

Die Hauptstadt Bischkek wird im Reiseführer als frei von Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber der Ala-Too-Platz mit seinen sozialistischen Monumentalbauten und Statuen des Volkshelden Manas sowie des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow zieht die Menschen an. Die beiden Reisenden sind auf der Suche nach dem wahren Kirgisistan, aber hier finden sie nicht das, was sie erhofft haben. 
Mit den unterschiedlichsten Fortbewegungsmitteln setzen sie in den folgenden Wochen ihre Reise fort: In einem engen Minivan kommen sie den Mitfahrern sehr nah und erfahren, dass der traditionelle Brautraub immer noch üblich ist. Junge, hübsche Frauen im heiratsfähigen Alter werden entführt, zu einer vorbereiteten Hochzeitsfeier gebracht und sind schneller unter der Haube, als sie ihren Namen sagen können. Huth steigt zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd, das er wegen dessen unaussprechlichen kirgisischen Namens Alf nennt, und wandert mehr, als er es gewohnt ist, um auch die letzten landschaftlichen Highlights kennenzulernen. 

Was ist das Beste an Kirgisistan?

 

Für Markus Huth ist die Sache klar: Die raue Landschaft mit ihren klaren Seen und den schneebedeckten Bergen des Tian-Shan-Gebirges hat es ihm angetan. Er ist vom riesigen Bergsee Yssyköl ebenso beeindruckt wie von der Umgebung des Kurorts Altyn-Araschan. Die Städte, die er mit seinem Freund kennenlernt, versprühen eher postkommunistischen Charme: Löchrige Straßen und Zäune und Dächer aus Wellblech machen einen ziemlich desolaten Eindruck. Doch sie machen fast immer gute Erfahrungen mit den Menschen: Sie finden in jedem Ort eine Unterkunft - auch mal in einer plüschigen Porno-Villa - und Einheimische, die ihnen weiterhelfen. Huth und seinem Freund kommt zugute, dass sie beide sehr gut Russisch sprechen; mit Englisch kommt man in Kirgisistan keine zehn Meter weit. Am Schluss ihrer Reise machen Huth und sein Begleiter einen Abstecher in das Dorf Rot-Front, das von Deutschen gegründet wurde. Dieses merkwürdige Erlebnis werden sie sicher nicht vergessen.

Wie war's?

 

Ohne Plan durch Kirgisistan hat mir sehr gut gefallen. Markus Huth erzählt seine Erlebnisse in einem sehr unterhaltenden Tonfall und vermittelt seinen Lesern nebenbei allerhand Wissenswertes über dieses Land, das viele von uns nicht auf Anhieb auf der Landkarte finden würden. Man reist im Geiste mit und ist gespannt, was den beiden Freunden auf der nächsten Seite passiert. In der Mitte befinden sich 27 Farbfotos, die das Gelesene anschaulich machen.
Wenn es etwas an diesem Buch zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass Huth einzelne geschichtliche Hinweise mehrfach gibt. Aber das fällt angesichts des ansonsten sehr positiven Leseeindrucks nicht ins Gewicht.
Ohne Plan durch Kigisistan ist im Penguin Verlag erschienen und kostet broschiert 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro.  
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Montag, 21. Dezember 2015

# 30 - Seilbahnbau und Stillstand

Ein Leben wie in einem Mikrokosmos


Da Weihnachten vor der Tür steht, ziehe ich die Rezension für diese Woche ein paar Tage vor. So ist noch genug Zeit, um das heutige Buch zu besorgen - als Geschenk für andere oder sich selbst.
Als letztes Buch in diesem Jahr stelle ich euch den Roman Ein ganzes Leben von Robert Seethaler vor, der bei Hanser 2014 erschienen ist.

Du bleibst was du bist


In einem Milieu aufzuwachsen und ein Leben lang nicht daraus entrinnen zu können, ist das Schicksal des kleinen Andreas Egger. Er wird 1902 mit vermutlich vier Jahren als uneheliches Waisenkind aus einer namenlosen Stadt zu seinem ihm fremden Onkel in ein ebenfalls namenloses Bergdorf gebracht, der dort einen großen Hof hat. Den Onkel interessiert vor allem der Inhalt des Brustbeutels um Andreas' Hals, das Kind selbst ist ihm ziemlich gleichgültig. Andreas begreift schnell, dass es für ihn besser ist, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und spricht deshalb so wenig wie möglich. Als er alt genug ist, um auf dem Hof mitzuhelfen, wird er als Hilfsknecht ausgenutzt und ständig verprügelt. Bei einer dieser Prügelattacken verletzt der Bauer seinen Neffen so schwer, dass dieser sein Leben lang eine Gehbehinderung zurückbehält. Erst einen Tag nach seinem 18. Geburtstag, als er dem Onkel körperlich überlegen ist, lehnt Egger sich gegen den brutalen Bauern auf und hat dann zumindest Ruhe vor dessen Gewaltausbrüchen.


Marie - das Leben kann doch schön sein

 

Andreas Egger verdient sein Geld als Tagelöhner und macht praktisch alle Arbeiten, die im Dorf anfallen. Mit 29 hat er genug Geld für die Pacht eines kleinen, steinigen Grundstücks knapp unterhalb der Baumgrenze. Erst sechs Jahre später lernt er Marie kennen, die als Bedienung beim Dorfwirt arbeitet. Sie wird die Frau seines Lebens und er möchte nichts lieber, als bis ans Ende seiner Tage mit ihr zusammen sein. Um Marie etwas mehr als ein Leben in ständiger Armut und Ungewissheit bieten zu können, arbeitet er nun bei einer Firma, die Seilbahnen für Touristen baut und kurz zuvor ins Tal gekommen ist. Auch dort macht er trotz seiner Gehbehinderung die schweren Arbeiten. Als er Marie einen Heiratsantrag machen will, überlegt er sich eine ganz besondere Aktion, die an Romantik kaum zu überbieten ist und wofür er die Hilfe seiner Kollegen benötigt. Doch zur Hochzeit kommt es nicht mehr: Marie kommt bei einem nächtlichen Lawinenabgang ums Leben. Die Schneemassen begraben sie in ihrem Bett unter sich. Auch Egger wird von der Lawine mitgerissen, kann sich aber trotz eines gebrochenen Beins wieder aufrappeln und versucht vergeblich, Marie mit bloßen Händen aus dem verschütteten Haus zu retten. Egger braucht mehrere Wochen, um wieder so gesund zu werden, dass er weiter arbeiten kann. Fast ein halbes Jahr später verlässt er das Tal, um mit der Seilbahnfirma weiterzuziehen und in anderen Tälern Lifte zu bauen. 


Die Zeit geht weiter, Egger bleibt, wie er ist

 

Nach Maries Tod geht es Egger nur noch darum, irgendwie zu leben. Als der 2. Weltkrieg ausbricht, meldet er sich freiwillig zum Fronteinsatz, wird aber wegen seines Gehfehlers nicht angenommen. Doch Ende 1942 werden dann auch Leute wie er gebraucht, und er wird zur Wehrmacht eingezogen. Ins Kriegstreiben ist er kaum verwickelt: Nach nur zwei Monaten an der Front gerät er in russische Kriegsgefangenschaft und verbringt die nächsten acht Jahre in einem kaukasischen Gefangenenlager. Als das Lager endlich aufgelöst wird, geht er zurück in sein Dorf. Doch der Plan, sich wieder bei der Seilbahnfirma zu verdingen, scheitert: Das Unternehmen hatte im Krieg seine Produktion auf Waffen umgestellt, die sich allerdings als untauglich erwiesen hatten. Nach dem Selbstmord des Firmengründers ging das Unternehmen zugrunde.
Egger wird aus seinem Dorf mit Ausnahme eines kurzen Ausflugs nicht mehr hinauskommen und seiner Marie noch ein letztes Mal begegnen.  

Ein Buch, das perfekt zu Weihnachten passt

 

Ein ganzes Leben beschreibt das Leben eines Mannes, wie es für das beginnende 20. Jahrhundert typisch war. Noch mehr als heute waren damals Erfolg und Wohlstand oder eben Niederlagen und Armut davon abhängig, in welche soziale Schicht Menschen hineingeboren worden waren. Andreas Eggers lebt ein unspektakuläres Leben, das jedoch von Robert Seethaler sehr anrührend und feinfühlig erzählt wird. Die Sprache des Buchs ist einfach gehalten, was die Umstände, unter denen die Ereignisse passieren, dem Leser noch näher bringt. Im ganzen Roman geht es zwar kein einziges Mal um Weihnachten oder Glauben, aber dennoch passt diese Erzählung perfekt zum Fest, weil auch die tragischsten Momente sehr empathisch, aber völlig unaufgeregt geschildert werden.
Seethalers Roman hat 156 Seiten und kostet als gebundene Ausgabe 17,90 € (Taschenbuch: 9,90 €, Hörbuch oder eBook 13,99 €).



Vielen Dank!

Das Buch Ein ganzes Leben wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung