2017 erschien Über Tyrannei im C. H. Beck Verlag erstmals auf Deutsch, acht Jahre später kam das Buch des bekannten US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder, der an der Yale University lehrt, in einer Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung ohne die Illustrationen der Erstausgabe heraus. Wir erinnern uns: Im Januar 2017 begann Donald Trumps erste Amtszeit als US-Präsident; es ist sicher kein Zufall, dass On Tyranny in dieser Zeit herausgegeben wurde.
Snyder macht sich Sorgen um den Zustand der Demokratie in den USA, seine Ausführungen lassen sich aber auf jeden Staat übertragen, dessen demokratisches Gerüst Risse bekommen hat. Wer nun angesichts des Untertitels Zwanzig Lektionen für den Widerstand glaubt, dass es hier um eine Anleitung oder Anstiftung zu einem gewaltsamen Widerstand geht, liegt falsch.
Die Warnungen, die Snyder 2017 ausgesprochen hat, haben mehr denn je ihre Berechtigung: In Trumps aktueller zweiten Amtszeit spielen sich Dinge ab, auf die der Wissenschaftler hingewiesen hatte. In seinem Vorwort schreibt er: "Wir könnten versucht sein zu glauben, unser demokratisches Erbe schütze uns Amerikaner automatisch vor solchen Gefahren. Doch dieser Reflex ist fehl am Platze."
Snyders Lektionen sind einleuchtend, erfordern aber von uns allen ein demokratisches Rückgrat und die Bereitschaft, auf Privilegien zu verzichten, wenn es der Sache dient. Ein gutes Beispiel ist gleich die erste Lektion: Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
Beim Lesen des ersten Satzes möchte man spontan widersprechen: "Einen Großteil seiner Macht erhält der Autoritarismus aus freien Stücken." Doch dann erklärt Snyder, dass Menschen überlegen, was eine repressive Regierung möglicherweise will und "dienen sich ihr schließlich an, ohne gefragt worden zu sein." Dadurch wird denen, die die Macht inne haben, "gezeigt, wie weit sie gehen können."
Timothy Snyder zeigt, was jede(r) Einzelne tun kann, um die Aushöhlung und Abschaffung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung zu verhindern: Entfernung von Hakenkreuzen oder anderen Zeichen, die zu Hass aufrufen, Sorgfalt bei der Wortwahl, aktive Beteiligung am Mehrparteiensystem durch die Teilnahme an Wahlen oder sogar eine eigene Kandidatur sind nur einige seiner Vorschläge.
Wer die Nachrichten verfolgt, die uns derzeit aus den USA erreichen, kann die sechste Lektion nur mit Beklemmungen lesen. Sie hat die Überschrift: Nimm dich in Acht vor Paramilitärs. Dabei wirft Snyder zuerst einen Blick auf Hitlers paramilitärische Einheiten SA und SS, auf die Privatisierung von Gefängnissen und Internierungslagern durch die US-Bundesregierung und schlägt den Bogen zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Trump hatte private Sicherheitsleute angeheuert, deren Aufgabe es war, Menschen hinauszuwerfen, die eine andere Meinung hatten als der Kandidat. "Diese Form von Mob-Gewalt sollte das politische Klima verändern, und genau das geschah."
In weiteren Kapiteln ruft der Wissenschaftler dazu auf, Informationen nicht nur aus dem Internet zu beziehen, sondern sie zu hinterfragen und mehr Bücher zu lesen. Gerichte, freie Wahlen, die Unabhängigkeit der Medien: Sie alle müssen geschützt werden, um die Demokratie zu erhalten. Jeder und Jede kann etwas dazu beitragen.
Lesen?
Timothy Snyder appelliert an uns alle, die Errungenschaften der Demokratie nicht leichtfertig aus der Hand zu geben, sondern wachsam zu sein. Nicht wegsehen, kein Mitläufer und kein Profiteur sein. Das ist nicht immer einfach, aber in einer Gemeinschaft kommt es auf jeden einzelnen Menschen an.
Die mir vorliegende Ausgabe von Über Tyrannei wurde in einer reinen Textform ohne die Illustrationen der früheren Ausgabe 2025 von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und kostet 5,-- Euro.

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