Fracht ein Buch geschrieben, das sich mit der Globalisierung, der Wirtschaft sowie der unübersichtlichen Welt der Offshore-Transaktionen beschäftigt. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Kumekawa stellt ein Schiff in den Mittelpunkt seines Sachbuches, das niemals manövrierfähig war.
Dieses 1979 in Schweden gebaute Schiff war ebenso wie sein zwei Jahre später fertiggestelltes Schwesterschiff nicht dazu gedacht, als Frachtschiff über die Weltmeere zu fahren. Es entstand in einer Zeit, als es den schwedischen Werften schlecht ging und die Regierung mit massiven Zuschüssen versuchte, die Branche vor dem Absturz zu retten. Ein norwegischer Reeder gab ihren Bau in Auftrag. Das Ziel der Schiffe sollten Ölplattformen in der Nordsee sein. Doch dann kam die Ölkrise und änderte alles. Es begann eine maritime Odyssee an die Küsten der Kontinente.
Das von Kumekawa verfolgte Schiff ist eher ein Lastkahn, der wie ein Ponton funktionierte. Wurde das Schiff an einem Ort benötigt, musste es durch einen Hochseeschlepper oder ein Halbtaucherschiff dorthin gebracht werden. Das Bemerkenswerte ist hier jedoch, dass zwar Container befördert wurden, diese aber nie Ladung enthielten: Sie wurden nur als Unterkunft benutzt. So erklärt sich auch der Titel der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches: Empty Vessels.
Die Geschichte der beiden Schiffe bildet rd. 45 Jahre Weltwirtschaft und die Folgen von Globalisierung und Sozialpolitik ab. Sie waren von Anfang an Spekulationsmasse und dienten in verschiedenen Ländern Soldaten, Strafgefangenen oder VW-Mitarbeitern als Zuhause. Kumekawa erklärt, welche juristischen Winkelzüge bei der Beflaggung von Schiffen eine Rolle spielen und was sie mit der Umgehung von Arbeitsschutzvorschriften, der Höhe der Heuer oder der Entstehung von Briefkastenfirmen zu tun haben.
In neun Kapiteln - eines für jeden Ort, an den das Schiff geschleppt wurde - beleuchtet Kumekawa nicht nur die historischen und wirtschaftlichen Hintergründe seines Liegeplatzes und -zwecks, sondern beschreibt auch, welche Bedeutung es für die Menschen auf ihm und um es herum hatte. Zitat: "Das Schiff hatte sich immer weiter offshore bewegt, weil die Welt insgesamt es auch tat. Man hatte es für die buchstäblichen Wellen des Ozeans gebaut, aber im übertragenen Sinn auch für die Welle des boomenden Offshore-Ölmarkts - und möglicherweise unbeabsichtigt war es so konstruiert, dass es auch auf der noch viel größeren Welle des Offshorings an sich reiten konnte. [...] Und genau das war unser Schiff: ein Werkzeug des multinationalen Strebens, die Grenzen nationaler Souveränität zu überschreiten und an einer neuen, postimperialen Grenzlinie Profite zu machen."
Lesen?
Beliebige Fracht ist eines der anschaulichsten und verständlichsten Bücher, die ich zu den Themen Globalisierung und Neoliberalismus bislang gelesen habe. Die beiden Schiffe wurden abgewrackt, ihre Geschichte ist zu Ende. Die der Globalisierung und des Neoliberalismus' nicht.
Beliebige Fracht ist 2026 bei Harper Collins erschienen und kostet 26 Euro.
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| Das Schiff diente unter dem Namen HMP Wear vor dem britischen Portland von 1997 bis 2005 als Gefängnisschiff. Quelle: Andrew Bone unter HMP Weare | Floating prison ship in Portland Port from 1997-… | Flickr |


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