Samstag, 23. Mai 2026

# 505 - Können wir ändern, wer wir sind?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Rachel Khong einen Teil
ihrer Familiengeschichte und ihres Lebensgefühls in ihren Roman Real Americans eingeflochten hat: Als Kind chinesisch-malaysischer Eltern kam sie als Zweijährige von Malaysia in die USA. 2024 sagte sie in einem Interview: "Wann immer meine Familie nach Malaysia zurückkehrte, um Verwandte zu besuchen, fühlte ich mich fremd, da ich weder Malaiisch noch die Dialekte meiner Familie sprechen konnte; ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören."

In ihrem Roman geht es ebenfalls um Migration und die Probleme, die damit verbunden sind. Allerdings ist diese Geschichte eines in die USA eingewanderten chinesischen Paares und seiner dort geborenen Tochter Lily eine besondere.

Rachel Khong beginnt ihre Erzählung im Jahr 1999. Lily ist 22, praktisch mittellos und macht ein unbezahltes Praktikum in der Medienbranche. Sie lernt den reichen und gutaussehenden Matthew kennen und nimmt wahr, dass er das verkörpert, was man im Allgemeinen als "typisch amerikanisch" ansieht, obwohl sie selbst ebenfalls dort geboren wurde - jedoch aufgrund ihres Aussehens als Chinesin wahrgenommen wird, obwohl sie die Sprache nicht spricht.

Matthew und Lily heiraten und werden Eltern eines Sohnes: Nick, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Vater und sogar dessen Vater hat. 

Die Handlung springt ins Jahr 2021. Lily und Matthew haben sich vor langer Zeit getrennt und keinen Kontakt mehr. Nick ist auf Vashon Island in der Nähe von Seattle bei seiner Mutter aufgewachsen und hat keine Ahnung, wer sein Vater ist. Zwischen Matthews Zuhause in New York und ihnen liegen mehr als zweieinhalbtausend Kilometer. Die beiden schlagen sich finanziell durchs Leben, es reicht immer irgendwie. Auch zu Lilys Eltern gibt es keine Verbindung. Immer, wenn die Rede auf die Kontaktabbrüche kommt, hüllt sich Lily in Schweigen. Da kommt Nicks bester Freund auf eine Idee: Ein Gentest könnte ihn zu seinem Vater führen. Ohne seine Mutter einzuweihen, schickt Nick eine Probe in ein Speziallabor. Das Ergebnis ist der Beginn einer Annäherung zwischen Vater und Sohn, die alles andere als linear verlaufen wird.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Geschichte von Lilys Eltern. Charles und May sind Wissenschaftler, die vor dem Mao-Regime in die USA geflohen sind und dort zufällig auf einen reichen Mann stoßen, der auf dem Gebiet der Genetik Großes erreichen will. Diese Bekanntschaft ist Ausgangspunkt und Schlüssel für eine ungewöhnliche Familiengeschichte, in der Geschäftspartner durch einen Zufall Teil derselben Familie werden, obwohl zwischen ihnen tiefe kulturelle und soziale Gräben liegen. Rachel Khong schickt Nick und May ins Jahr 2030 und begleitet sie, die sich bislang völlig fremd waren, bei ihrer Annäherung.

Lesen?

Rachel Khong hat mit Real Americans viele Aspekte angerissen, die nachdenklich machen: Was macht einen "echten Amerikaner" aus? Wo sollten die Grenzen der künstlichen Befruchtung sein? Wie wirkt sich die kulturell geprägte Erziehung auf das Leben der nachfolgenden Generationen aus? Was sind Menschen bereit zu tun, um in einem unmenschlichen System zu überleben?

Der Roman ist ein Pageturner, weil er so völlig unvorhersehbar ist, dass die Leserinnen und Leser von den Wechselfällen, die Khongs dramatische Erzählung durchziehen, gefesselt werden.

Real Americans ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


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