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Samstag, 15. Mai 2021

# 290 - Recht und Gerechtigkeit sind manchmal schwer vereinbar

Der Göttinger Anwalt Markus Thiele hat mit seinem Roman Die Wahrheit der Dinge versucht, dem Konflikt auf die Spur zu kommen, dem sich die Rechtsprechung immer wieder ausgesetzt sieht: Sind Urteile, die sich streng an die gesetzlichen Vorgaben halten, immer gerecht?

Thiele lässt seine Hauptfigur Frank Petersen, einen ambitionierten Richter am Hamburger Landgericht, dieser Frage nachgehen. Petersen war von der Richtigkeit seiner Urteile immer überzeugt. Erst in letzter Zeit musste er erleben, dass einige von ihnen vom Bundesgerichtshof zurückverwiesen wurden. Für ihn ist jedes einzelne gekippte Urteil eine persönliche Niederlage.

Das sture Festhalten an den Paragraphen sorgt auch in Petersens Ehe immer wieder für Auseinandersetzungen. Seine Frau Britta hält ihn für einen rechthaberischen Klugscheißer mit lebensfremden Ansichten. Sie hat die Konsequenzen gezogen und sich mit dem gemeinsamen Sohn vorläufig ausquartiert, nachdem sich Petersens letztes Urteil gegen den Vater der Freundin seines Sohnes richtete. Hätte er die Übernahme des Prozesses nicht wegen Befangenheit ablehnen können?

Petersen beginnt, sich und seine Einstellung zum Recht zu hinterfragen und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Im Oktober 2010 hat am Hamburger Strafgericht die Nebenklägerin Corinna Maier den Angeklagten kurz vor der Urteilsverkündung erschossen. Der Richter damals: Frank Petersen.

Corinna Maier hat ihre Gefängnisstrafe abgesessen und Petersen beschließt, sie von dort abzuholen und sich der Vergangenheit zu stellen.

Lesen?

Markus Thiele greift für die Handlung zwei Fälle auf, die die Menschen in Deutschland stark beschäftigt haben und viele heftige Diskussionen nach sich zogen: Die Tötung des Mörders von Anna Bachmeier durch ihre Mutter Marianne Bachmeier während der Verhandlung im Lübecker Landgericht (1981) und die Ermordung des angolanischen Vertragsarbeiters Amadeu António Kiowa in Eberswalde durch Nazis (1990). Thiele hat diese Fälle mit der Person Corinna Maiers verwoben und verdeutlicht, dass die Diskussion darum, was unseren Rechtsstaat ausmacht, noch lange nicht zu Ende ist. Die Schwierigkeit, Recht zu sprechen und dabei gerecht zu sein, wird Berufsrichter immer begleiten. Leseempfehlung!

Die Wahrheit der Dinge ist 2021 im Benevento Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Anmerkung: Ich will nicht verschweigen, dass es beim Lesen des Romans einen Moment gab, an dem ich ihn fast aus der Hand gelegt hätte. Der Grund: Ich habe ein Problem damit, wenn Szenen unglaubwürdig oder sachlich falsch dargestellt werden. 

Hier zeigte sich die Unglaubwürdigkeit ausgerechnet in der Hauptfigur des ambitionierten Richters Petersen: Im Gespräch mit der Gerichtspräsidentin schildert er seine momentane Verunsicherung und bietet an, das Gericht zu verlassen. "Wie müsste ich das anstellen? Ich bin Beamter. Kann ich einfach kündigen? Wie geht so etwas vor sich?", fragt er seine Vorgesetze auf Seite 29. Es ist nicht vorstellbar, dass ein Richter (Petersen) und ein Rechtsanwalt (Thiele) nicht wissen, dass ein Richter - trotz vieler Überschneidungen - kein Beamter ist. Ein Richter ist im Gegensatz zu einem Beamten gem. Art. 97 Grundgesetz unabhängig und keinen Weisungen unterworfen. Was passiert, wenn das nicht der Fall ist, kann man in verschiedenen Staaten wie z. B der Türkei beobachten.

Kündigen können weder Beamte noch Richter. Sie können ihren Dienstherrn um Entlassung bitten, der diesem Wunsch dann entspricht oder eben nicht.

Der Gerichtspräsidentin ist sonnenklar, dass Richter Petersen eine Auszeit benötigt, die möglicherweise mit dem üblichen Jahresurlaub nicht abgedeckt ist. Großzügig kramt sie im Gespräch mit ihm ein Formblatt hervor, mit dem dieser Sonderurlaub beantragen kann. "Stellen Sie einen Antrag! Genügen sechs Monate? Oder lieber ein Jahr?" (S. 80) Wer jetzt vor Neid erblasst, weil einer privilegierten Berufsgruppe scheinbar alles in den Allerwertesten geblasen wird, der kann sich sofort beruhigen: Unter den Sonderurlaubsverordnungen in Deutschland gibt es keine einzige, die es ermöglicht, dass das Personal beim Bund und den Ländern auf Staatskosten per Sonderurlaub monatelang entspannen kann. Petersens Chefin wird etwas später (S. 82) konkret: "Gönnen Sie sich eine Pause, Frank. Sechs Monate, fürs Erste. [...] Wir machen was auf Gesundheit, dann behalten Sie Ihre Bezüge." Ja, solche Vorgesetzten wünscht sich jeder, oder? 

Möglicherweise erscheint meine Kritik dem/der einen oder anderen Leser/in kleinlich. Aber ich habe immer wieder erlebt, dass sich das nebenbei erworbene Wissen aus Romanen sehr festsetzt und dazu beiträgt, Situationen oder Sachverhalte falsch einzuschätzen. 

Freitag, 24. Juli 2020

# 250 - Wer bist du?

Philipp Petersen ist 2008 während einer Geschäftsreise nach Südamerika spurlos verschwunden. Es gab weder von ihm noch von irgendjemandem eine Nachricht oder ein Zeichen, dass er noch am Leben sein könnte. Das ist sieben Jahre her. Sieben Jahre, in denen seine Frau Sarah auf ihn gewartet und allein den gemeinsamen Sohn Leo großgezogen hat. 

Lange hat sie mit dem Verschwinden ihres Mannes gehadert, doch jetzt kann sie sich nicht mehr vorstellen, dass er noch lebt oder, falls er nicht tot sein sollte, dass er zurückkommen würde. Sie beginnt, ihr Leben neu einzurichten. Dazu gehört auch, sich wieder zu verlieben. Aber dann kommt plötzlich dieser Anruf des Auswärtigen Amtes: Philipp ist in Kolumbien aus der Gefangenschaft befreit worden und wird in Kürze nach Hause gebracht werden. 

Doch der Mann, der dann auf dem Hamburger Flughafen aus dem Flugzeug steigt, ist nicht Philipp Petersen: Er sieht nicht aus wie er und spricht nicht wie er. Doch alle, denen sie sagt, dass das nicht ihr Mann ist, wiegeln ab und versuchen sie zu beruhigen. Und tatsächlich: Dieser Fremde, der sich als Philipp ausgibt, sagt ihr, er sei vom Secret Service und würde sie töten, wenn sie mit jemandem darüber spreche. Es beginnt ein sich stetig steigerndes gegenseitiges Belauern und Sarah bemerkt, dass der Mann sehr private Dinge über sie weiß. Was wird hier gespielt? Und wie kann es Sarah schaffen, ihren Sohn und sich selbst aus dieser bedrohlichen Situation zu retten?

Lesen?

Die Wahrheit ist ein spannender Thriller, bei dem es bis fast zum Schluss unklar bleibt, was der Fremde im Schilde führt und welche Rolle Sarah tatsächlich inne hat. Auf den letzten Seiten wechselt das Buch in ein anderes Genre; deutlicher lässt sich dieser Bruch nicht beschreiben, wenn man keinen Hinweis auf das Ende geben will. Ohne diesen sehr speziellen Abschluss hätte mir das Buch besser gefallen.

Die Wahrheit ist bei btb erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 16 Euro, als Taschenbuch 10 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 1. Mai 2020

# 238 - Ein Familienleben unter der roten Fahne

Dieses Buch ist mir zufällig über den Weg gelaufen.
Es erschien 1941 zum ersten Mal und wurde 2019 bei 'Aufbau digital' neu veröffentlicht: Die Väter des 1964 verstorbenen Autors Willi Bredel. Der Roman ist der erste Teil der Trilogie "Verwandte und Bekannte".

Im Mittelpunkt steht die Hamburger Arbeiterfamilie Hardekopf mit dem Familienoberhaupt Johann Hardekopf. Johann stammt aus Bochum, doch weil ihm die Stadt als zu grau erscheint, reist er durch Deutschland. Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg beginnt, wird er schon kurz nach Kriegsbeginn verwundet und in ein Lazarett nach Pirmasens gebracht. Zu diesem Zeitpunkt versucht er bereits, die traumatischen Erinnerungen an die Kämpfe und einen toten französischen Soldaten, den er mit seinem Bajonett erstochen hat, zu verarbeiten.  

Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett sind sich die Soldaten einig, dass der Krieg nun bald vorbei sein müsse: Alle französischen Armeen konnten geschlagen werden, nun hätte von Paris aus die Heimreise angetreten werden können. Aber Paris wird weiterhin belagert, man ist dort noch lange nicht bereit, aufzugeben. Aus der Ferne beobachtet Hardekopf den Fortgang des Krieges. Er kann nicht glauben, was er sieht: Der französische Kaiser ist gefangengenommen, nun kämpfen Franzosen gegen Franzosen. 

Doch es kommt für Hardekopf noch schlimmer: Einige flüchtige Kommunarden des revolutionären Pariser Stadtrats, die im Zuge des Krieges versucht hatten, eine sozialistische Verwaltung zu installieren, werden eines Nachts von einer deutschen Division aufgegriffen. Hardekopf bekommt den Auftrag, sie den Versaillern in Vincennes zu übergeben und begreift in seiner Unbedarftheit nicht, dass er sie damit dem sicheren Tod ausliefert. Die Hinrichtung der Kommunarden erlebt er entsetzt mit und erfährt, dass einer von ihnen Eisengießer gewesen ist - wie er selbst. Der Mann hatte ihn unterwegs immer wieder auf Französisch gebeten, ihn laufen zu lassen, zu Hause warteten seine Frau und seine drei Kinder.

Hardekopf wird dieses Erlebnis sein Leben lang nicht vergessen und sich bei jeder Erinnerung daran schuldig fühlen. Das Kriegsjahr hat ihn gründlich verändert. Was er in dieser Zeit erlebt hat, wird er für sich behalten.
Doch dann erfährt er, dass August Bebel, der wegen seines Eintretens für die Pariser Kommunarden in Festungshaft gesessen hat, in Bochum sprechen wird. Bebels Rede wird der Beginn für Hardekopfs Begeisterung für die Sozialdemokratie.

1879 verschlägt es Hardekopf nach Hamburg. Er ist von der Stadt sofort begeistert und findet Arbeit als Eisengießer auf einer Werft. Kaum in der Hansestadt angekommen, trifft er auf den Trauerzug von 30.000 Menschen, der sich anlässlich des Todes von August Geib formiert hat. Geib gehörte zu den Gründern der Arbeiterbewegung und war einer der bekanntesten Hamburger Sozialdemokraten. Für Johann Hardekopf ist es, als würde sich ihm eine Tür öffnen. Die Sozialdemokratie wird für ihn zu einer Leidenschaft, die bis zu seinem Tod anhält. Auch seine Kinder und seine Frau werden später mit einbezogen. 

Doch Hardekopf erkennt, dass die Sozialdemokratie seinen Kindern und Schwiegerkindern weniger wichtig ist als ihm. Die größte Enttäuschung seines Lebens erfährt er, als der Kaiser 1914 die Mobilmachung verkündet: Die SPD organisiert zunächst noch Kundgebungen, stimmt dann aber Kriegskrediten zu.


Lesen?

Die Väter ist auch für diejenigen Leser interessant, die mit der Sozialdemokratie nichts anfangen können. Willi Bredel hat vieles aus der eigenen Biografie in seinem Roman verarbeitet und mit dem Eisengießer Johann Hardekopf eine Figur geschaffen, deren Lebensweg für den vieler anderer Menschen aus der Arbeiterklasse um die Jahrhundertwende steht. Der Roman entstand 1941 im Moskauer Exil und gilt als das beste Werk der Trilogie, die noch aus den Büchern Die Söhne und Die Enkel besteht.

Willi Bredel war in der DDR zehn Jahre Mitglied im ZK der SED und der Kulturkommission. Sein Eintreten für den Sozialismus in der DDR war so kompromisslos, dass er sich 1957 von seinem Freund Walter Janka, dem damaligen Leiter des Aufbau-Verlags, nach dessen Verurteilung wegen 'Boykotthetze' öffentlichkeitswirksam abwendete. Die 'Boykotthetze' war nach Artikel 6 der ersten DDR-Verfassung eine Straftat. Wer danach verurteilt wurde, verlor das aktive und passive Wahlrecht und durfte keine leitende berufliche oder Parteiposition mehr wahrnehmen. Janka hatte die Absetzung von Walter Ulbricht, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und freie Wahlen gefordert.

Das zu wissen, trägt dazu bei, Die Väter und den Autor einzuordnen. Lesenswert bleibt das Buch allemal.

Die Väter ist als E-Book für 8,99 Euro erhältlich oder kann über die Onleihe ausgeliehen werden.

Freitag, 28. Februar 2020

# 231 - Das Leben der Gräfin: eine Biografie über eine der einflussreichsten Journalistinnen Deutschlands


Marion Gräfin Dönhoff war lange Jahre Herausgeberin und Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT und eine einflussreiche Publizistin, die mit den Mächtigsten ihrer Zeit Kontakt hatte und mit vielen von ihnen befreundet war. Gleichzeitig wurde ihre eine etwas unterkühlte Aura nachgesagt. Die Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMMA, Alice Schwarzer, hat noch zu Lebzeiten Dönhoffs eine Biografie über sie geschrieben: Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben.

Marion Dönhoff wurde 1909 als jüngstes von sieben Kindern auf Schloss Friedrichstein in der Nähe von Königsberg geboren. Entgegen der damals üblichen Gepflogenheiten bestand sie darauf, das Gymnasium zu besuchen - als einziges Mädchen. So durchsetzungsstark, wie ihr Leben begonnen hatte, sollte es auch weitergehen. Alice Schwarzer hat im Laufe eines Jahres in zahlreichen Gesprächen mit Dönhoff sowie deren Angehörigen und Freunden viele kleine Puzzlestücke zusammengetragen, die sich in diesem Buch zu einem Bild zusammenfügen.

Die Biografie zeigt, unter welchen Umständen Marion Dönhoff die Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und den 2. Weltkrieg in Ostpreußen erlebt hat. Schwarzer schildert, dass es da einen kurzen Moment in Dönhoffs Leben gab, in dem dieser die Vorstellung, Sozialismus und Nationalismus miteinander zu verbinden, attraktiv erschien. Sie erlebte Adolf Hitler dann, als er in einer Schule eine Rede hielt:
"Er trat auf, tobte, geiferte und redete, wie ich fand, viel Unsinn. Angewidert kam ich zurück und erklärte (..): 'Ohne mich! Mit denen nie!'"
In dieser Zeit beobachtet sie, dass nur wenige Menschen wussten, was eine Demokratie ausmacht: "Alle hatten nur noch einen Wunsch: den starken Mann am Ruder zu sehen."

Unter abenteuerlichen Umständen musste Marion Dönhoff im Januar 1945 Ostpreußen in Richtung Westen verlassen. 1.200 Kilometer legte sie in klirrender Kälte auf ihrem Pferd zurück, bevor sie in Westfalen ankam. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch eine ganze Reihe Menschen verloren, die ihr wichtig waren: Ihr Bruder und ihre Neffen waren im Krieg gefallen, mehrere Freunde wurden als Verschwörer im Zusammenhang mit dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Dönhoff hatte sie unterstützt und es nur ihrem Glück zu verdanken, nicht selbst verhaftet worden zu sein. Die Witwen der Hingerichteten erhielten einige Tage später eine Rechnung über die 'Gebühr für die Todesstrafe' und die 'Kosten der Vollstreckung'. Die vielen schlimmen und existenziellen Erfahrungen hatten das Wesen von Dönhoff verändert, sie war hart geworden.

Alice Schwarzer beschreibt den Weg Marion Dönhoffs nach Hamburg in die Redaktion der ZEIT. Dönhoff berichtet über die Nürnberger Prozesse, die Demontage der Industriebetriebe und den Grund, der sie dazu veranlasste, sich kurzzeitig von der ZEIT abzuwenden: Einer der Mitbegründer und Chefredakteur der Wochenzeitung, Richard Tüngel, fand nichts dabei, dass der Staatsrechtler Carl Schmitt, ein seit 1933 aktives Mitglied der NSDAP, dort Artikel schrieb. Hier wird erneut ihr starke Abneigung gegen den Nationalsozialismus deutlich, der sie ihr ganze Leben lang schreibend Ausdruck gegeben hat.

Man wundert sich zunächst etwas, dass einer bekannten Feministin wie Alice Schwarzer so viel daran lag, sich biografisch einem Menschen wie Marion Dönhoff zuzuwenden, die vom Feminismus nie viel gehalten hat. Im zweiten Teil des Buches findet man ein Interview aus dem Jahr 1995, in dem Schwarzer ihre eigene Verwunderung darüber formuliert hat:
"Es sieht so aus, als würde unser Buch bald erscheinen. Meinen Sie nicht, dass einige Leute erstaunt gucken werden, wenn unserer beider Namen auf einem Buchdeckel stehen?" - Antwort Dönhoff: "Sicher ist das so. Aber das ist mir wurscht." 

Wer Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben gelesen hat, erfährt nicht nur viel über die 2002 verstorbene Journalistin, sondern bekommt einen tiefen Blick in die deutsche Geschichte. Das Buch wird zum Schluss durch eine Auswahl an von Dönhoff zwischen 1950 und 1995 für die ZEIT verfassten Artikeln abgerundet, in denen sich sehr deutlich erkennen lässt, welche Themen sie bewegt haben.

Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben hat mir als vom Verlag Kiepenheuer & Witsch herausgegebenes E-Book vorgelegen. Der Titel wurde zuerst 1996 und dann erneut 2017 veröffentlicht. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich, das gebundene Buch kostet 17,95 Euro und das Taschenbuch 9,99 Euro.

Freitag, 28. April 2017

# 97 - Ein Gruß aus Japan

DAS Buch für Sushi-Fans

 

Wer an Japan denkt, kommt an Sushi nicht vorbei: Die kleinen Häppchen mit gesäuertem Reis werden auch in Deutschland immer beliebter. Zeit, sich ihnen genauer zu widmen und zu erklären, wie gutes Sushi zubereitet und gegessen wird. Das und noch viel mehr macht Axel Schwab in seinem Buch Sushi Guide. Der Untertitel Bildatlas, Knigge & Nachschlagewerk beschreibt sehr gut, worum es ihm im Wesentlichen geht.

Sachverstand anschaulich verpackt 

 

Sushi werden mit verschiedenen Zutaten wie z. B. Seetang, Meeresfrüchten, Fisch, Gemüse oder Tofu angeboten. Axel Schwab hat sich im Wesentlichen auf Nigiri-Sushi beschränkt: Hierfür wird der Reis per Hand zu einer Rolle geformt und mit Fisch oder einem Stück Omelett belegt. Es geht ihm nicht darum, seinen Lesern Rezepte zu zeigen. Er legt Wert darauf, die unterschiedlichen Fischarten, die für Nigiri-Sushi verwendet werden, zu erklären, zeigt, wie sich der Besuch in einem Sushi-Restaurant am besten genießen lässt und was man dabei beachten sollte. Wer Sushi in Deutschland auf hohem Niveau probieren möchte, kann den Empfehlungen Schwabs folgen: Er stellt in einem eigenen Abschnitt die seiner Meinung nach besten Sushi-Restaurants in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München vor. Die in Deutschland bekannteren Maki-Sushi, die mithilfe einer Bambusmatte gerollt werden, werden erwähnt, spielen hier aber keine große Rolle. Das Buch schließt mit einem umfangreichen Wortregister, in dem alle Begriffe, die in einem Sushi-Restaurant verwendet werden, erklärt werden.
Der Autor hat mit Illustrationen nicht gespart: Jede Fischart, die für Nigiri-Sushi verwendet wird, wird zeichnerisch dargestellt; anhand eines Fotos wird außerdem gezeigt, wie das entsprechende Sushi aussehen sollte. Auch in dem Kapitel, das sich mit praktischen Hinweisen für Gäste in einem Sushi-Restaurant beschäftigt, werden alle Erläuterungen anhand von Zeichnungen anschaulich gemacht.


Über den Autor

 

Axel Schwab hat mehr als fünf Jahre in Tokio gelebt und mit Labyrinth Tokio und Genießen in Tokio bereits einen Reise- und einen Restaurantführer über die japanische Hauptstadt geschrieben. Inwieweit sich die japanische Kultur auch in Deutschland kulinarisch leben lässt, erfährt man in seinen Büchern Japan in München, Japan in Berlin und Japan in Berlin. Die Leser von Sushi Guide können sich also auf seinen Sachverstand verlassen.

Sushi Guide ist bei BoD erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 6,99 Euro. 

Sonntag, 9. April 2017

# 94 - Zu viel Gier kann tödlich enden


Viel Geld verdirbt den Charakter


Lauter Leichen - so heißt der Debütroman der Hamburgerin Zara Philips. Ein sehr treffender Titel für einen Krimi, bei dem die Zahl der Toten irgendwann größer ist als die der (noch) Lebenden. Die Autorin fackelt nicht lange und wirft ihre Leser schon auf der ersten Seite an einen Tatort: Die Malerin Elenor Gint findet in der Villa ihrer Mutter Martha in Hamburg-Rissen zwei Männer: Der eine ist Elenors gerade-mal-nicht-Freund Peter, der nun im Begriff ist, nach einem Schusswechsel sein Leben auszuhauchen; das Leben des anderen Mannes, mutmaßlich ein Osteuropäer, war schon einige Minuten vor Peters zu Ende, nachdem Elenor auf ihn geschossen hatte. Ihn entsorgt Elenor mithilfe einer Sackkarre im Seerosenteich der Nachbarn. Das ist der Einstieg für einen Roman, dessen Handlung 2015 ihren Höhepunkt findet, aber bereits 1882 in der Nähe von Lübeck mit der Geburt eines Jungen beginnt, der es später weit bringen wird und nach seinem Tod ein riesiges Vermögen vererbt. Wenn es um viel Geld geht, finden sich immer Menschen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Egal, um welchen Preis.

Cleverer Ermittler trifft auf Schwarze Witwen


Kriminalhauptkommissar Hiob Watkowski vom LKA Hamburg nimmt sich dieses Mordfalls an. Da Martha Gint zum Tatzeitpunkt in Florida war, scheidet sie als Verdächtige aus. Damit richtet sich die Aufmerksamkeit des Polizisten ganz auf Elenor. Doch die ganze Sache ist komplizierter, als sie zunächst erscheint: Bei der Durchsuchung von Marthas Villa finden die Beamten in der Tiefkühltruhe im Keller einen weiteren Toten. Die Obduktion ergibt, dass es sich dabei um Marthas vor Jahren verschwundenen Liebhaber Helmut handelt. Doch Martha hat buchstäblich noch mehr Leichen im Keller: In einem verschraubbaren Weinfass findet sich eine junge tote Frau - durch den Alkohol wurde sie ziemlich gut konserviert, wobei ihr Körper allerdings eine geleeartige Konsistenz angenommen hat. Doch damit sind es noch nicht genug Gemeuchelte: Auf dem Grundstück der Villa befinden sich in einem privaten Luftschutzbunker noch mehr Menschen, die bereits vor Jahrzehnten unfreiwillig ihr Leben lassen mussten. Doch von ihnen weiß nur Marthas Mutter Frieda. Einer von ihnen ist so problematisch, dass Frieda sämtliche Enkelkinder dazu anstiftet, ihr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei dessen Beseitigung zu helfen.

Wer stört, wird aus dem Weg geräumt


Hauptkommissar Watkowski gehört zu den fähigsten Ermittlern des LKA Hamburg, aber das ist nicht der einzige Grund, warum er sich so sehr für diesen Fall interessiert: 1997 hatte bereits sein Adoptivvater, der seinerzeit als berühmt-berüchtigt geltende Ermittler Josef Watkowski, Untersuchungen gegen eine Person angestrengt, die auch jetzt wieder im Fokus der Polizeiarbeit steht. Damals wie heute vermutet Hiob Watkowski hinter dem plötzlichen Tod seines Vaters keinen Unfall, sondern einen Mord. Jetzt soll sich ihm die Möglichkeit bieten, quasi mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die Aufklärung des Todes seines Vaters und der weiteren Menschen, die irgendwie mit den Mordfällen in Martha Gints Haus zusammenhängen. Im selben Jahr wie sein Vater kam auch Marthas Mann ums Leben – er wurde damals erschossen in der Villa aufgefunden, sein Mörder wurde nicht gefunden. Doch so intelligent Hiob auch vorgeht, die Verwandtschaft von Elenor und Martha und ihr unfreiwilliger Kontakt zur serbischen Mafia geben dem Geschehen ständig neue Wendungen. Im Zuge der Ermittlungen wird das Grundprinzip, nachdem insbesondere zwei Hamburger Familien handeln, deutlich: Wer stört, wird entsorgt. Je  geräuschloser, desto besser.

Wie war’s?


Lauter Leichen geht von einem interessanten Plot aus: Zwei Tote im Haus einer gutsituierten Frau, von denen einer der Ex-Freund der Tochter ist, die zufällig auf die beiden Männer trifft, als sie während des Urlaubs ihrer Mutter dort nach dem Rechten sehen will. Doch schon in dieser ersten Szene gibt es Zweifel, ob Elenor nur für den Tod des einen Mannes verantwortlich ist. Im weiteren Verlauf der Handlung wird unklar, ob das Buch eher spannend oder doch lieber amüsant werden sollte. Das Karussell der Verwicklungen dreht sich immer schneller, die ganze nähere Verwandtschaft nimmt es mit der kriminellen serbischen Bande rund um deren Boss Novakov auf. Der hält sich zu Hause ein Lama namens Frühstück, das ihm Elenors Neffen und ihre Nichte entführen, um von ihm bestimmte Informationen zu erpressen. Navakovs Vater befindet sich da schon eine Weile in der Gefangenschaft von Friedas Nachbarin Else, die ihn mit einem Würgehalsband aus dem Sexshop ausstaffiert hat – was dem alten Mann zu gefallen scheint.
Der Roman hält etliche auch für die Protagonisten überraschende Erkenntnisse bereit, die bis hin zum Entdecken von neuen Verwandtschafts- und damit auch Erbbeziehungen führen. Die Lösung des komplizierten Falles ist in weiten Teilen zwar der Kombinationsgabe Watkowskis zu verdanken, die Handlung wird allerdings so oft von Zufällen bestimmt, dass dem Buch insgesamt eine Menge Glaubwürdigkeit verloren geht. Dass der plötzlich ums Leben gekommene Josef Watkowski, der in der Mordangelegenheit um Marthas Mann ermittelte, auf dem Weg zu einer der Hauptpersonen des Romans, der ihn mit der Ankündigung eines Geständnisses auf eine einsame Straße gelockt hatte, dort in eine Falle lief, kann man sich noch gut vorstellen. Dass er jedoch im Kofferraum seines Autos sämtliche Fallakten hatte, aus denen von seinen Mördern die sie belastenden Seiten entfernt wurden und die Ermittlungen danach zu Fall kamen, ist schwer zu glauben. Josef Watkowski wird mehrmals als kriminalistische Berühmtheit geschildert und hat sogar noch 18 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod eine Fangemeinde. Solch ein grober Schnitzer passt nicht zu einem Vollprofi.
Auch die Verwandtschaft rund um Elenor Gint wirkt dauerhaft exzentrisch und überdreht, schafft es aber, Navakovs beste Männer zu übertölpeln. Die serbische Mafia agiert tatsächlich auf dem Gebiet des Drogen- und Waffenhandels und ist hochkriminell, wird aber sicher nicht von einem Haufen Idioten angeführt.
Lauter Leichen ist trotz dieser Kritik eine flott geschriebene Unterhaltungslektüre, zu der am besten die Kategorie des Cosy-Krimis passt: Es gibt zwar reichlich Tote, aber das Entsetzen bleibt beim Lesen aus.

Lauter Leichen ist bei epubli erschienen und kostet als Taschenbuch 14,99 € sowie als Epub- oder Kindle-Ausgabe 2,99 €.

Freitag, 23. Dezember 2016

# 81 - Gestorben wird immer

Ein Leben voller Dramen und Abgründe

 

Agnes Weisgut ist 91 Jahre alt und eine starke, aber auch harte und gefühlskalte Frau. So erleben sie zumindest ihre Söhne, die als selbstständige Steinmetze in Hamburg in ihrer Nähe leben, und ihre Enkelkinder Birte, Peter und Bosse. Aber auch hier gilt die Redewendung: Nichts ist so, wie es scheint. Alexandra Fröhlich schildert in ihrem Roman Gestorben wird immer das Schicksal einer Frau, die unendliches Leid erlitten, aber auch Schuld auf sich geladen hat.
  

Wer kann das aushalten?

 

Wenn man nach einem Beispiel für eine Familienmatriarchin sucht, ist Agnes erste Wahl. Sie führt ein straffes Regiment, weiß über alle Bescheid und greift durch, sobald sie sieht, dass die Dinge aus dem Ruder laufen. Wer bei ihr Warmherzigkeit und Güte sucht, sucht vergeblich. Wenn sie mit ihren "Lieben" spricht, dann ein Machtwort. Im Gegenzug wird sie von ihren Kindern und Enkeln respektiert, vielleicht auch geachtet, aber nicht unbedingt geliebt. Sie wissen, dass die Großmutter aus Königsberg stammt, ihr Mann Wilhelm als Soldat in Russland vermisst wurde und die junge Mutter mit ihren vier Kindern aus Ostpreußen im Februar 1945 Richtung Westen geflohen ist. Den Steinmetzbetrieb ihres Mannes musste sie zurücklassen und in Hamburg, wohin es sie zufällig verschlagen hatte, neu anfangen. Das hat sie mit sehr gutem Erfolg geschafft, was nicht zuletzt ihrer Intelligenz und Beharrlichkeit zu verdanken ist.
Doch es gibt eine ganze Menge, was die meisten in Agnes' Familie nicht wissen: warum ihre Tochter Martha von einem Tag auf den anderen ein bisschen verrückt wurde und vor 30 Jahren unangekündigt ihre Familie verließ oder wohin ihr Mann Wilhelm, ein kriegsbegeisterter Nazi, so plötzlich verschwunden ist. 
Was allen gemeinsam ist, ist ein für sie unerklärliches Gefühl von Unvollkommenheit, mit dem jeder anders umgeht: Marthas extrem ehrgeizige Tochter Birte ist kaum bindungsfähig und koppelt jede Emotion zwanghaft mit Fress-Brech-Attacken, während ihr Zwillingsbruder Peter dick und träge ist und sich in seinem aus Birtes Sicht glanzlosem Leben mit seiner unscheinbaren Frau und den zwei Kindern eingerichtet hat. 
Bosse, ein weiterer von Agnes' Enkeln, steht Birte näher als deren eigener Bruder, obwohl er kaum gegensätzlicher als sie sein könnte: Er entspricht eher dem Typ "liebenswerter Chaot" und studiert Fächer, die kaum Aussicht auf eine spätere regelmäßige Berufstätigkeit bieten. Aber er ist offen und empathisch und blickt hinter die oft unterkühlt wirkende Fassade seiner Cousine.


Die Kenntnis um die Familiengeschichte ist der Schlüssel zu Verständnis und Vergebung

 

Agnes Weisgut will in ihrem hohen Alter endlich reinen Tisch machen. Deshalb fordert sie Birte auf, die ganze Familie zu einem Treffen nach Hamburg zu holen. Das ist gar nicht so einfach: Zwei von Agnes' Söhnen sind derart zerstritten, dass sie seit Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt haben. Auch Martha, die seit Jahren verschwundene und als verrückt geltende Tochter, soll kommen und sich anhören, was die Mutter ihnen zu sagen hat. Martha lebt nach einer Odyssee durch verschiedene europäische Länder nun im litauischen Nida, 1.000 Kilometer von Hamburg entfernt. Widerwillig sagt Birte ihrer Großmutter zu, alle zum Kommen zu bewegen und bittet Bosse, sie zu unterstützen. Was beide nicht ahnen: Es wird nicht nur über das Leben ihrer Großmutter, sondern auch über ein lange gehütetes Geheimnis, in dem es um den Tod von Bosses Schwester Astrid geht, gesprochen werden.

Gestorben wird immer erzählt die Geschichte einer Frau, die 1935 im Alter von 18 Jahren einen Mann heiratet, den sie nicht liebt, weil ihre Eltern es für das Beste halten. Erst später erfährt sie den wahren Grund: Ihre Großmutter war eine Jüdin, und die Ehe mit dem strammen Nationalsozialisten Wilhelm Weisgut versprach einen Schutz für die ganze Familie. Agnes arrangiert sich und versucht auch dann, als ihr Mann in den Krieg zieht und sie mit ihren Kindern und der verhassten Schwiegermutter zurückbleibt, den Steinmetzbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie hat ein Gespür für heraufziehende Gefahren und handelt stets so, wie sie es für sich und ihre Kinder für richtig hält. Alexandra Fröhlich beschreibt in ihrem Buch eine Frau, die alle Höhen und Tiefen erlebt, sich aber nie unterkriegen lässt. Ein Roman, den ich unbedingt empfehlen kann.

Gestorben wird immer wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist 2016 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 9,99 Euro.

Dieses Buch ist das letzte, das ich euch 2016 vorstelle, die Bücherkiste klappt ihren Deckel über Weihnachten und den Jahreswechsel zu. Am 6. Januar 2017 geht es mit dem nächsten Buch weiter. Bis dahin wünsche ich allen Lesern frohe Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!