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Freitag, 17. Juni 2022

# 352 - 800 Jahre kriminelles Treiben in Mecklenburg und Vorpommern in einem Buch

Bert Lingnau hat es wieder getan: Vor vier Jahren hat er mit Rübe ab! den ersten Band mit tatsächlich geschehenen Kriminalfällen zwischen der Lübecker Bucht und Usedom herausgebracht, mit Singende Barsche folgt nun die Fortsetzung.

62 echte Kriminalfälle hat Lingnau zusammengetragen, die sich zwischen 1185 und 1985 ereignet haben. Auf der Grundlage umfangreicher Recherchen in Archiven, Büchern, Zeitungen und Websites schildert der Journalist lustige, aber auch schaurige Taten. Damit klar ist, in welche Kategorie jede Missetat fällt, hat Lingnau jede einzelne Schilderung mit verschiedenfarbigen Barschen gekennzeichnet. Wer sich nicht mit zu üblen Taten belasten will, kann die Fälle, die mit einem schwarzen Fisch versehen sind, einfach überschlagen.

Bert Lingnau erzählt zum Beispiel von einer 1983 gescheiterten "Republikflucht" aus der DDR und ihren Begleitumständen, einem Schmied, der 1885 seine herrische Schwiegermutter erdrosselte oder einem Fall, der sich 1985 zugetragen und diplomatische Verwicklungen ausgelöst hat: Ein US-Offizier wurde in der Nähe von Ludwigslust von einem sowjetischen Wachposten angeschossen, der dessen Fahrer daran hinderte, seinem Vorgesetzten Erste Hilfe zu leisten. Der Offizier starb an seiner Verletzung.

Das Buch greift auch Themen auf, die einem sehr bekannt vorkommen: Da geht es um Denunzianten, die ihre Mitmenschen der Hexerei bezichtigten, um sie loszuwerden; ein immer wiederkehrendes Tatmotiv - daran hat sich bis heute nichts geändert - ist die Gier, und viele kriminelle Übergriffe passierten im Vollrausch. Haben sich Kriminelle und ihre Motive im Laufe der letzten 800 Jahre denn gar nicht geändert? Oft kann man tatsächlich diesen Eindruck haben: Im Mittelalter flogen Diebe, Betrüger und Mörder häufig auf, weil sie ihre Taten vorher nicht geplant hatten oder der Plan diesen Namen nicht verdiente. Andere, insbesondere korrupte Amtsträger, hielten sich für cleverer, als sie waren. Und auch die Verfolgung der Juden ist ein Thema, das den Rahmen für Kriminalfälle bildet.

Einen deutlichen Unterschied zwischen dem Mittelalter und unserer Zeit gibt es allerdings in der Art und Weise, wie mit Verbrechen umgegangen wurde: Damals genügte ein Hinweis oder ein bloßer Anschein einer Straftat, um festgenommen und vor Gericht gestellt zu werden. Urteile wurden auch dann gesprochen, wenn die Beweislage so dünn wie ein Spinnennetz war. 'In dubio pro reo' war der mittelalterlichen Rechtsprechung fremd, es galt vielmehr der Rachegedanke. Dazu gehörte auch, dass der Henker jede Menge zu tun bekam - ein todsicherer Beruf also.

Auch Singende Barsche ist wie Rübe ab! in vier regionale Kapitel aufgeteilt und enthält zahlreiche von Bert Lingnau selbst gemachte Fotos, die die Landschaften zeigen, in denen sich "de Moorden" (plattdeutsch für Morde) und andere Missetaten ereignet haben. Im letzten Kapitel kommen Niederdeutsch-Fans auf ihre Kosten: Den Personen werden plattdeutsche Dialoge in den Mund gelegt, wie sie früher höchstwahrscheinlich stattgefunden haben.

Lesen?

Wer Rübe ab! mochte, wird auch Singende Barsche gern lesen. Viele Kriminalfälle sind kurios, oft muss man schmunzeln. Das Buch kann man auch zwischendurch zur Hand nehmen, den jeder Fall beschränkt sich auf drei Seiten. Die Übersichtskarte am Ende des Buches, aus der die einzelnen Tatorte hervorgehen, macht den Titel "rund".

Singende Barsche ist 2022 im Klatschmohn Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 11,80 Euro.


Freitag, 18. Dezember 2020

# 270 - Vier Bücher zum Verschenken oder Selberlesen

Weihnachten steht vor der Tür, und da ich ein großer Fan davon bin, Bücher zu verschenken (und natürlich auch zu bekommen), stelle ich heute vier Titel vor, die die unterschiedlichsten Geschmäcker ansprechen.

Es geht los mit einem Krimi, der seine Leser so sehr in seinen Bann zieht, dass sie ihn erst weglegen, wenn die letzte Seite gelesen worden ist: Tin Men des kanadischen Autors Mike Knowles.

Dennis, Woody und Os sind hartgesottene Polizisten, die schon lange im kanadischen Hamilton ihren Dienst tun. Die Drei haben bereits einiges in ihrem Berufsleben gesehen und glauben, dass sie nichts mehr erschüttern kann. Doch der Mord an ihrer Kollegin Julie hat eine besonders grausame Komponente: Der Schwangeren wurde von ihrem Mörder ihr ungeborenes Kind aus dem Bauch geschnitten. Das ungleiche Ermittlerteam wird auf die Frage angesetzt, warum Julie getötet wurde und wer ein Interesse an ihrem Baby gehabt haben könnte.

Die drei Cops sind nicht unbedingt ein vertrauenswürdiges Dream Team: Woody ist drogensüchtig und hat sein Leben nicht mehr im Griff, Dennis hält sich für den fähigsten Cop der Stadt und gibt seinem schwachen Ego durch Bordellbesuche einen faden Glanz, und der Hüne Os flößt seinen Mitmenschen schon durch seine massige Erscheinung Angst ein, befindet sich aber in der Hand der örtlichen Russenmafia. Selbstverständlich setzt jeder von ihnen alles daran, seine Schwächen vor anderen zu verbergen. Einer von ihnen hütet außerdem ein Geheimnis, das ihn zwar auch privat motiviert, Julies Mörder und das verschwundene Kind so schnell wie möglich zu finden, aber die Ermittlungsarbeit für die beiden Kollegen erschwert.

Die einzige Person, mit der Julie befreundet gewesen war, ist ihre Wohnungsnachbarin Lisa. Diese gibt wertvolle Hinweise zum Privatleben der Ermordeten. Die Situation wird jedoch kompliziert, als Lisa kurz nach ihrer polizeilichen Befragung bei einem Autounfall ums Leben kommt. Gibt es einen Zusammenhang mit Julies Ermordung? 

Während der gesamten Ermittlungsarbeit kämpfen die drei Polizisten gegen ihre eigenen Dämonen an und haben Mühe, dass nicht ihre eigenen Leben aus der Kurve getragen werden. Einer von ihnen wird nicht mehr erfahren, wer die Kollegin auf dem Gewissen hat.

Tin Men  ist 2020 im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 14 Euro. 

 

Es geht kriminell weiter, dieses Mal aber ganz realistisch und bodenständig. Der Kulturjournalist Bert Lingnau hat sich in seinem in der zweiten Auflage 2018 erschienenen Buch Rübe ab! in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern umgesehen und spürt in vier Kapiteln, die das Bundesland unterteilen, 48 wahren Kriminalfällen nach, die sich zwischen dem 14. und dem 20. Jahrhundert ereignet haben. Mordende Diener, Münzfälscher, als Hexen verfolgte Frauen oder Räuber, die ihren Opfern in dunklen Wäldern auflauerten: Sie alle sind in diesem Buch vertreten, das Lingnau mit zahlreichen Fotos illustriert hat. Früher war man auch mit der Art der Bestrafung nicht zimperlich: Wer "Glück" hatte, landete im Kerker; oft waren aber auch Vierteilungen oder Köpfungen das Mittel der Wahl, um einen Täter zu bestrafen. 

Rübe ab! ist trotz des ernsten Hintergrunds ein sehr unterhaltsames Buch, weil der Autor es versteht, den lange zurückliegenden Ereignissen durch seinen Schreibstil Leben einzuhauchen. Der Titel ist im Klatschmohn Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,80 Euro.


Wer sich gern mit Sprache beschäftigt, wird an diesem
Buch Gefallen finden: Der Schriftsteller und Satiriker Eckhard Henscheid hat mit Dummdeutsch erstmals 1985 seinem Unmut über den Verfall der deutschen Sprache Luft gemacht. Der damals vom Fischer Verlag herausgegebene Titel wurde im Reclam Verlag neu aufgelegt, mir liegt die Printversion aus dem Jahr 2017 vor. Henscheid ist Mitbegründer der Satirezeitschrift "Titanic" und so verwundert es nicht, dass seine Kritik nicht bitterböse, sondern humorvoll und messerscharf daherkommt. Dummdeutsch ist wie ein Lexikon alphabetisch aufgebaut, der Wortfundus reicht von A wie "Abbauen" bis Z wie "Zynisch". Henscheid belegt an Beispielen, wie die Bedeutung von bereits bestehenden Begriffen z. B. in der Werbung verhunzt wird oder neue Wörter ("Korngesund", "Gehirn-Jogging" oder "Entsorgungspark") kreiert wurden, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Und immer wieder stellt man beim Lesen fest, dass man selbst nicht frei davon ist, dummdeutsch daherzureden.

Der Titel ist im üblichen Format der kleinen Reclam-Bücher erschienen und kostet 7,80 Euro.


Zum Schluss stelle ich ein Buch vor, das sich an Kinder im Grundschulalter richtet, aber auch Erwachsenen die
ein oder andere neue Information bietet: Eine Reise durch die Zeit - Alfelds Geschichte für Kinder wurde von der Stadt Alfeld (Leine) herausgegeben und widmet sich der Geschichte der niedersächsischen Stadt in der Nähe von Hannover vom Jahr 1010 bis heute. Das Buch ist mit sehr vielen Zeichnungen und Fotos illustriert und zeigt, wie ähnlich sich die Entwicklungen deutscher Städte in vielen Dingen sind: der Dreißigjährige Krieg, der Einfluss der Kirche, die typische Ernährung der einfachen Bürger im Mittelalter, der Nationalsozialismus oder Feuersbrünste: Die Alfelder Stadtgeschichte ist nicht weniger abwechslungsreich als die größerer Orte. Hervorzuheben ist jedoch etwas, das weltweit nur wenige Städte vorzuweisen haben: Mit dem 1911 vom Architekten Walter Gropius entworfenen Fagus-Werk hat Alfeld ein UNESCO-Weltkulturerbe, das seit 2011 auf der Liste der wichtigsten Bauwerke der Welt steht.

Eine Reise durch die Zeit - Alfelds Geschichte für Kinder kostet 9,50 Euro und kann über das Forum Alfeld Aktiv e. V. vor Ort oder im Versand erworben werden.