Dienstag, 16. Mai 2023

# 392 - Angekommen: ein neues Leben in Deutschland nach der Flucht aus Iran

Die 1952 in Iran geborene Mahshid Najafi lebt seit
1985 im hessischen Offenbach, einer Stadt mit einem für deutsche Verhältnisse hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. In ihrem Buch Wie Mond und Sonne schreibt sie sehr anschaulich, aus welchen Gründen sie ihre Heimatstadt Isfahan verlassen und vor fast vierzig Jahren ein neues Leben in Deutschland begonnen hat.

Najafi wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und verlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Sie beschreibt sehr plastisch ihre Wohnumgebung und den Umgang der einzelnen Familienmitglieder miteinander sowie die Beziehung mit ihrem ersten festen Freund als junge Studentin in Schiras, die in ihre erste Hochzeit mündete. Sie reiste mit ihrem Mann 1975 in die USA, um dort ihr Studium fortzusetzen. Dort erfuhr sie nur wenig von dem, was sich in ihrer Heimat politisch abspielte. Durch eine Schah-kritische Studentenorganisation gelangte sie an Informationen über die diktatorische Monarchie, über die religiös motivierten Aktivitäten des damals noch im Exil lebenden Ajatollahs Ruhollah Chomeini erfuhr sie in den USA jedoch nichts.

Doch Najafi entschied sich, etwas für ihr Land tun zu wollen und kehrte vier Jahre später nach Iran zurück. Sie engagierte sich in einer linken politischen Gruppe. Um sich vor Verrat und Verfolgung zu schützen, legte sie sich einen Decknamen zu. Ihr Traum war Freiheit und Chancengleichheit für alle. Unter der Schah-Diktatur wurden Frauen benachteiligt, unter Chomeini mussten kritische Bürgerinnen und Bürger damit rechnen, hingerichtet zu werden - so, wie es Najafis Schwager ergangen ist.

Schließlich erkannten Mahshid Najafi und ihr zweiter Ehemann, dass für sie nur die Flucht infrage kommt, wenn sie weiter ohne Repressalien und Angst leben und arbeiten wollten. Nach kurzen Aufenthalten in Istanbul und den USA kam das Ehepaar im Winter 1985/86 in Frankfurt an. Nach einigen Wohnortwechseln ließ es sich in Offenbach nieder.

Lesen?

Mahshid Najafi schreibt sehr offen und authentisch über ihr Leben. Ihr ist bewusst, unter welch privilegierten Bedingungen sie in Iran gelebt hat. In ihrer Anfangszeit in Deutschland hat sie in eher ärmlichen Verhältnissen gewohnt, was sie jedoch in Kauf genommen hat. 

Die Gruppe der Exil-Iraner verfügte über einen guten Zusammenhalt, der ihr und ihrer Familie - Najafi und ihr Mann haben zwei Kinder - in schwierigen Situationen oft weitergeholfen hat. Obwohl das Ehepaar bei seiner Flucht ursprünglich davon ausging, irgendwann in die Heimat zurückzukehren, blieb es in Deutschland.

Mahshid Najafi lernte Deutsch und brachte sich über etliche Ehrenämter vielfach in die deutsche Gesellschaft ein. Sie setzt sich für Integration und den Abbau von Fremdenfeindlichkeit ein und war Betriebsrätin, Ausländerbeauftragte und Stadtverordnete. Für ihr vielfältiges und jahrzehntelanges Engagement wurde sie im Januar 2023 mit dem Integrationspreis der Stadt Offenbach ausgezeichnet.

Wie Mond und Sonne enthält zahlreiche Farb- und Schwarzweiß-Fotos. Leider sind ihnen keine Erläuterungen beigefügt, sodass sich nicht immer erschließt, was genau dokumentiert wird.

Die Autorin schließt ihr Buch mit einem Nachwort, in dem sie etwas klarstellt:
"Meine Autobiografie soll auch ein Dokument gegen das Vergessen sein. Denn kein Exilant verlässt sein Geburtsland aus freiem Willen. Es gibt entweder gesellschaftliche, politische oder ökonomische Probleme, die auch meist zusammenhängen. So gibt es im Iran heute Menschen, die ihre eigenen Organe verkaufen, damit sie ihre Kinder ernähren können."

Wie Mond und Sonne ist 2022 im Verlag Donata Kinzelbach Mainz erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro.


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