Anna ist das sechste Kind von Sigmund und Martha
Freud. Ihr Vater ist bei ihrer Geburt 1895 bereits 39 Jahre alt und hat wie seine Frau nicht mehr mit einem weiteren Kind gerechnet. Martha Freud lässt ihre Tochter spüren, dass sie das überzählige Kind ist. Anna ist kränklich und wird dafür von einer ihrer Schwestern gehänselt, die der Liebling der Eltern ist. Doch sie ist stärker, als ihre Familie glaubt: Sie arbeitet gegen das Klischee der Jüngsten an und macht mit 17 Jahren ihr Abitur. Danach wird sie Lehrerin. Anna ist das einzige der Freud-Kinder, das sich für die Arbeit des Vaters interessiert. Da sich Sigmund Freud wünscht, dass sein Werk fortgesetzt wird, schlägt er Anna vor, von ihm in die Psychoanalyse eingeführt zu werden.
Ein schwieriger Patient, Ludwig Stadlober, wird 1917 das Anschauungsobjekt, an dessen Behandlung Sigmund Freud seine Tochter teilhaben lassen will. Der junge Deutsche war als Soldat bei einem Senfgasangriff schwer an den Augen verletzt worden, was seine Kriegsbegeisterung allerdings nicht geschmälert hat. Stadlober hat eine temporäre Blindheit, die bislang von keinem Arzt geheilt werden konnte. Der junge Mann glaubt zwar nicht an die Psychoanalyse, aber Sigmund Freud ist seine letzte Hoffnung. Durch die Arbeit mit dem Deutschen gelangt Sigmund Freud zu der Erkenntnis, dass seine eigene Theorie der Libido als zentrale Triebkraft unvollständig ist, und er stellt dem Liebes- den Todestrieb an die Seite.
Stadlober nimmt ohne es zu ahnen eine Position zwischen Anna Freud und ihrem Vater ein. Anna beginnt, sich von ihrem übermächtig scheinenden Vater abzunabeln, und verabredet sich hinter dessen Rücken mit seinem Patienten. Sie ist 22 Jahre alt und hat noch nie Kontakt zu jungen Männern gehabt, die nicht ihre Brüder waren. Stadlober interpretiert die heimlichen Treffen als Annäherungsversuche und ist gekränkt, als sich Anna nach einer Tuberkulose-Erkrankung zurückzieht und die Bekanntschaft nur noch als Brieffreundschaft fortsetzen will. Sie ist sich nicht darüber im Klaren, ob eine Beziehung zu einem Mann in ihrem Leben Platz hat. Stadlober wird durch Annas Entschluss in eine tiefe Krise gestürzt; sein Selbstmordversuch bleibt glücklicherweise erfolglos. Doch Anna kann mit ihren Empfindungen, die sie während der Treffen mit Stadlober hatte, nicht umgehen, und bittet ihren Vater, sie zu therapieren.
Lesen?
Ich bin Anna beleuchtet das Leben von Anna Freud, soweit es die zur Verfügung stehenden Quellen zugelassen haben. Tom Saller hat die Figur des Ludwig Stadlober erfunden und weiß von der Therapie, der sich Anna bei ihrem Vater unterzogen hat, nur aus Andeutungen. Später sollte allerdings klar werden, warum es ihr nicht gelang, zu einem Mann eine romantische Beziehung aufzubauen.
Saller verfolgt Anna Freuds Leben bis zu Flucht der jüdischen Familie vor den Nationalsozialisten nach London im Jahr 1938. Sie ist ihrem Vater bis zu seinem Tod eine Stütze, obwohl ihr schon lange klar war, dass ihre zwischenzeitlich verstorbene Schwester dessen Lieblingskind gewesen ist.
Tom Sallers Roman ist ungewöhnlich aufgebaut: Anna und Sigmund Freud kommen in identisch nummerierten Kapiteln abwechselnd zu Wort und beschreiben die jeweiligen Situationen aus ihrer eigenen Sicht. So ist es möglich, in die Gedanken der beiden einzutauchen und sich ein umfassendes Bild zu machen.
Ich bin Anna ist ein interessanter Roman, der erklärt, wie aus der unterschätzten jüngsten Freud-Tochter eine angesehene Psychoanalytikerin und die Begründerin der Kinderanalyse wurde.
Ich bin Anna ist 2024 im Kanon Verlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.
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