Freitag, 10. November 2017

# 124 - Glückwunsch zum 150.!

Bekannt wie ein bunter Hund

 

Heute wird der Reclam-Verlag 150 Jahre alt. Ich kenne niemanden, der nicht schon einmal eines der kleinen Büchlein in der Hand gehalten hat. Spätestens während der Schulzeit wird irgendwann ein Reclam-Klassiker gelesen. Anlässlich dieses Jubiläums habe ich in meinen Bücherschränken nachgesehen, welche Reclam-Hefte sich dort noch finden. Ein paar waren schon vor Jahren so zerlesen, dass ich mich von ihnen getrennt habe. Aber diese hier möchte ich euch gern zeigen:




Der Barbier von Sevilla von Rossini (oben links) stammt von einem Flohmarkt, wurde vom Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig herausgebracht und ist in Sütterlin gedruckt. Das Heft muss zwischen 1912 und 1917 erschienen sein: In der Verlagshistorie stammen die ersten Hefte in diesem Design aus dem Jahr 1912, die erste Preiserhöhung von 20 auf 25 Pfennig wurde 1917 eingeführt. Auf diesem Exemplar war noch der alte Preis aufgedruckt. Gute Qualität schien damals keine allzu hohe Priorität gehabt zu haben, denn der Schnitt rundherum sieht aus, als hätte man einen Praktikanten mit der Nagelschere drangesetzt. 

Oben rechts ist Der Heilige von Conrad Ferdinand Meyer, verlegt 1985 vom Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart. Ernst Reclam hatte 1950 Stuttgart zum neuen Stammsitz seines Verlags gemacht, nachdem die Arbeit in der sowjetischen Besatzungszone immer schwieriger geworden war. Dieses hier war ein "Muss-Buch": Ich musste es in der Schule lesen. Die Handlung stark gerafft: Hans der Armbruster ist ehemaliger Soldat unter Heinrich II. und erzählt einem Chorherrn von der eigenartigen Beziehung zwischen Thomas Becket und dem König. Sie wird sehr problematisch, als Becket von Heinrich II. zum Erzbischof von Canterbury ernannt wird und sich zum ausschließlichen Wohl der Kirche gegen diesen wendet. Wie so oft im Mittelalter geht die Sache nicht ohne Blutvergießen aus. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich Meyers Sprache, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, anstrengend fand und dieses Büchlein außer bei jedem Umzug oder beim sporadischen Abstauben nicht mehr angesehen habe. Bis heute.

Es geht weiter mit Deutsche Volkslieder aus dem Jahr 1990. Es enthält 168 Liedtexte einschließlich der Noten und ist in mehrere Kapitel aufgeteilt wie z. B. "Viva la Musica" oder "Heimat und wandern". Was mich dazu bewogen hat, dieses kleine Liederbuch zu kaufen, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Aber es hat seinen festen Platz im Regal. Vielleicht habe ich noch eine Zukunft als Heimatlied-Sängerin vor mir. Man weiß es nicht.

Unten rechts ist Deutsche Unsinnspoesie in der überarbeiteten Ausgabe von 1995. Hier weiß ich sehr genau, warum ich es habe: Ich mag abstruse Texte, und dieser Band enthält reichlich davon. Schüttelreime ("Ins Teppichhaus die Käufer laufen, sie wollen alle Läufer kaufen"), Palindrome ("Eine Hure bei Liebe ruhe nie") oder Texte z. B. von Ernst Jandl, Henning Venske, Heinz Erhardt, Eugen Roth, Kurt Schwitters oder Friederike Mayröcker. Quatsch auf fast 380 Reclam-Seiten. Daumen hoch!

Die Inflation macht auch vor der literarischen Bildung nicht halt

 

Eine kleine Randnotiz: Bis 1991 konnte man den Preis für einen Reclam-Band an den Heftrücken erkennen. Die Zahl der kleinen schwarzen Quadrate oder Punkte sagte aus, mit welchem Multiplikator gerechnet werden musste. Früher war das durchaus üblich, ich habe dieses System auch auf meinen alten dtv-Taschenbüchern gesehen.
1985 betrug der Basiswert für einen Preis-Punkt noch 2,40 DM, demnach habe ich damals für Der Heilige 4,80 DM bezahlt. Als Deutsche Volkslieder herauskam, stand jeder Punkt bereits für 2,90 DM, das Buch kostete bei vier Punkten also 11,60 DM. 18 DM (ab 2002 9,10 Euro) wurden für Deutsche Unsinnspoesie fällig, das war es mir aber wert.

Alles Gute und auf die nächsten 150 Jahre des Reclam-Verlags!


 

Freitag, 3. November 2017

# 123 - Tolle Fotos von (fast) vergessenen Orten

Eine Spurensuche

 

"Urban Exploration" - der Trend, den immer mehr Menschen für sich entdecken, schlägt sich in dem Fotoband Lost Places - Deutschlands verlassene Orte von Mark Vogler und Thor Larsson Lundberg nieder. Die Szene, die aus den sog. "Urbexern" besteht, ist ständig auf der Suche nach Objekten, die irgendwann einmal normal genutzt, aber dann aus den verschiedensten Gründen aufgegeben wurden und um die sich niemand mehr kümmert. An ihnen nagt nicht nur der normale Zahn der Zeit, sondern diese Immobilien werden zum Ziel von Vandalen: Es wird beschmiert und zerschlagen, was nicht niet- und nagelfest ist, und in manchen Fällen auch Feuer gelegt. Gebäude, die lange nicht bewohnt werden, scheinen auf manche Menschen eine besondere Anziehungskraft auszuüben, die in ihnen einen Impuls auslöst, sie zu beschädigen oder sogar zu zerstören. So lösen sich nicht nur materielle, sondern auch ideelle Werte für immer und unwiederbringlich in Trümmer auf, es gehen Geschichts- und Kulturgüter verloren.
Um beides wenigstens als Fotografien zu bewahren, machen sich die Urbexer auf die Suche nach Lost Places. In vielen Fällen gibt es die Gebäude gar nicht mehr, wenn die Bilder veröffentlicht werden: Investoren, die andere Pläne haben, als sich um den Erhalt von Altbauten zu kümmern, rücken ihnen mit der Abrissbirne zu Leibe. 
Der Titel Lost Places - Deutschlands verlassene Orte ist allerdings irreführend: Die Fotos stammen von Immobilien, die sich entweder in Sachsen oder Thüringen befinden. Die hohe Bildqualität, die gelungenen Perspektiven und die ausführlichen Erläuterungen zu jedem dieser "verlorenen Orte" machen das aber auf jeden Fall wett.

Ein Beispiel: die Villa Kolbe

 

Die Fabrikantenvilla wurde 1890/1891 in Radebeul im Stil der Neorenaissance gebaut und gehörte damals zu den architektonisch wertvollsten Gebäuden in Europa. Dem Bauherrn war nichts zu teuer: Neben den Bleiglasfenstern und den aufwendig verzierten Holzvertäfelungen verfügte das Haus über eine Warmwasserheizung, eine vollständige Elektrifizierung sowie einen Lastenfahrstuhl, der von der Waschküche bis zum Trockenboden reichte. Nach dem Tod des ersten Eigentümers ging die Villa nacheinander in den Besitz mehrerer Privatleute über und wurde nach der deutschen Wiedervereinigung bis 1994 von einer Behindertenwerkstatt des Vereins Lebenshilfe genutzt. Seit Februar 1995 ist das Gebäude verwaist und es wird bis heute um seine künftige Nutzung gerangelt.

Villa Kolbe, Radebeul




Treppenhaus mit Holzvertäfelungen


 

Die Autoren stellen in diesem Buch noch elf weitere "Lost Places" vor, wobei die Bandbreite vom ehemaligen NVA-Erholungsheim bis zum Spezialheim für schwer erziehbare Kinder reicht. Alle Fotos regen die Phantasie an und verfügen über einen morbiden Charme. Doch beim Betrachten wünscht man sich, dass diejenigen, die sich in den leeren Häusern "ausgetobt" haben, sich an das Motto der Urbexer halten würden:

Nimm nichts mit - außer deinen Bildern.
Lass nichts da - außer deinen Fußspuren.

Lost Places - Deutschlands vergessene Orte ist bei PLAZA, einem Imprint des Heel-Verlags, erschienen und kostet 24,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Heel-Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt und mir die Erlaubnis zur Veröffentlichung der gezeigten Fotos gegeben hat.
  

Freitag, 27. Oktober 2017

# 122 - Selbst erlebt: Sieben Monate in chinesischer Haft

Wie aus einer Dummheit ein Drama wird

 

2014: Hamza Özyol ist gelernter Schlosser und bekommt von einer Facebook-Bekanntschaft das Angebot, in China beim Bau eines U-Bahn-Tunnels mitzuhelfen. Er ist gerade arbeitslos, daher kommt die lukrative Offerte wie gerufen. Seine Familie einschließlich seiner Freundin ist gegen diesen Schritt, aber Özyol lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er fliegt im August von Deutschland nach Hongkong und will zunächst ausprobieren, ob er mit den harten Arbeitsbedingungen umgehen kann. In seinem Buch China - 210 Tage hinter Gittern schreibt er über seine Erfahrungen als ausländischer Häftling in einem chinesischen Gefängnis.

Ein kurzer Moment, der alles verändert

 

Özyol wohnt wie einige andere ausländische Kollegen in einem Hotel in der Nähe der Baustelle. Die Tage bestehen in den ersten beiden Wochen im Wesentlichen aus arbeiten und schlafen, und er vermisst freie Zeit und Abwechslung. Doch dann ergibt sich eines Abends eine Gelegenheit, die Bars der Stadt zu erkunden. Özyol ist allein unterwegs und besucht mehrere von ihnen. Sein stetiger Alkoholkonsum sorgt bei ihm für gute Stimmung, und er genießt seine Freiheit. Der Umstand, dass ihn sein Arbeitgeber jederzeit anrufen und zur Baustelle beordern könnte, bremst ihn nicht in seinem Trinkverhalten. In einer Bar fallen ihm drei Handys auf, die unbeachtet auf einem Bistrotisch liegen. Özyol kann keinen Eigentümer ausmachen und versteckt die Geräte in seiner Hosentasche. Doch nach einer Weile bringen ihn seine Gewissensbisse dazu, noch in derselben Nacht in das Lokal zurückzukehren und die Handys wieder dort abzulegen, wo er sie an sich genommen hat. Aber vor Ort warten bereits die Sicherheitsleute auf ihn, die schon die Polizei gerufen haben: Er ist auf den Kamerabildern, die in der Bar aufgenommen wurden, eindeutig als Dieb zu erkennen. Von diesem Moment an ändert sich sein Leben von Grund auf. Özyol wird ins Gefängnis gebracht, wo er monatelang auf seinen Prozess wartet. Sein Arbeitgeber kümmert sich nicht um ihn, die deutsche Botschaft setzt sich nur wenig für ihn ein. 
Das Leben in den Zellen ist so, wie es bereits in Presseberichten immer wieder beschrieben wurde: Mehrere Dutzend Häftlinge sind in einem zu engen Raum untergebracht, Ernährung und Hygiene sind auf einem schlechten Niveau, und die Knasthierarchie ist enorm gewöhnungsbedürftig. Özyol beschreibt, wie er unter Ausgrenzungen gelitten und seine Familie vermisst hat, erzählt aber auch von Zusammenhalt und so etwas wie Freundschaft zwischen ihm und einigen wenigen anderen Gefangenen. Er lernt während der sieben Monate dauernden Haft mehrere Zellen im selben Gefängnis kennen und erlebt, dass es in jeder eigene "Gesetze" gibt. Für kleine Verfehlungen werden den Insassen von den Gefängniswärtern teils drakonische Strafen auferlegt. Davon, dass Folterungen stattgefunden haben, schreibt Özyol allerdings nichts.

Wie war's?

 

Hamza Özyols authentische Schilderung seiner Gefangenschaft gibt einen Einblick, wie schnell man in China im Gefängnis landen kann. Lange Wartezeiten, bis es zum ersten Gerichtstermin kommt, sind nicht nur für Ausländer wie ihn, sondern für alle Angeklagten üblich. Auch über die schlimmen Haftbedingungen wurde in den Medien immer wieder berichtet. Özyols Verhalten ist heute auch für ihn selbst kaum nachvollziehbar. 
So interessant die Erlebnisse des Autors sind, so sinnvoll wäre es gewesen, einen Lektor mit der Überarbeitung des Buches zu beauftragen. Der Text hätte dann nicht nur stilistisch deutlich gewinnen können, sondern es wären auch einige Ungereimtheiten aufgefallen.

China - 210 Tage hinter Gittern ist bei Books on Demand (BoD) erschienen und kostet 9,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing, einem Angebot der Fachzeitschrift buchreport, zur Verfügung gestellt.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Die Frankfurter Buchmesse 2017 - eine Nachlese

Meine persönliche Premiere

 

In diesem Jahr habe ich zusammen mit einer Freundin zum ersten Mal die Frankfurter Buchmesse besucht. Unsere Vorbereitung war überschaubar: Die Buchmesse-App war aufs Smartphone heruntergeladen, und unser Vertrauen auf die Fähigkeiten von Google Maps war vorerst durch nichts zu erschüttern. Wir sind in puncto Messen keine unbeschriebenen Blätter: Wir wohnen in bzw. bei Hannover, und dort finden einige Messen statt, die als die jeweils weltgrößten ihrer Branche gelten - das beginnt mit der CeBIT, geht mit der Industriemesse weiter und hört bei der Exposition Mondiale de la Machine Outil (EMO; weltgrößte Werkzeugmaschinen-Messe) und der Agritechnika (weltgrößte Landtechnik-Messe) noch nicht auf. Doch im Gegensatz zum Messegelände in Hannover befindet sich das Frankfurter Areal mitten in der Stadt - Google Maps stieß hier und da an seine Grenzen, um es diplomatisch auszudrücken. Doch irgendwann waren auch wir "drin" in den unendlichen Weiten der internationalen Bücherwelt. Die Vielfalt der Themen, die Kreativität bei der Ausstattung und das oft ungewöhnliche Design der Bücher - im Schneckentempo sind wir von Stand zu Stand gegangen. Zahllose Titel hätten es verdient, mit nach Hause genommen zu werden. Aber ich habe zunächst erst einmal eine "Hitliste" aller Bücher zusammengestellt, die mir nach dem ersten (meistens längerem) Reinlesen am besten gefallen haben. Wie in meiner Bücherkiste üblich geht die Auswahl quer durch mehrere Genres. Die Fotos haben eine grandiose Qualität, weil ich die Cover an Ort und Stelle mit meinem Smartphone aufgenommen habe. Zum Glück ist dies hier ein Bücher- und kein Design- oder Modeblog. ;-)


Meine Favoriten auf der Buchmesse

 















Und was war noch?

 

Da dies unsere Premiere war, hatten wir vorab nicht geplant, gezielt einzelne Veranstaltungen zu besuchen. Im Vorbeigehen haben wir einen Teil einer Veranstaltung in der Self Publishing-Area gesehen, etwas von einem Vortrag auf dem Stand der Wochenzeitschrift DER SPIEGEL gehört und die Ausstellung zum Deutschen Cartoonpreis 2017 auf der Agora angeschaut. Die Sieger kann man sich auf der offiziellen Website des Cartoonpreises ansehen.
Eines steht fest: Diese Buchmesse war ganz sicher nicht meine letzte!  




Freitag, 13. Oktober 2017

Die HOTLIST-Preisverleihung hat stattgefunden

Der beste unabhängige Verlag ausgezeichnet

 

Heute fand die Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Preises der Hotlist 2017 statt. Er wurde an den Verlag Matthes & Seitz Berlin für das Buch Strategien der Wirtsfindung der Autorin Brigitta Falkner vergeben. 



Auch die Buchhändlerinnen und -händler haben ihre Entscheidung gefällt und wählten für den Melusine-Huss-Preis den Verlag Assoziation A mit dem Buch Über Grenzen  von Lutz Tauber aus. Damit ist ein Gutschein der österreichischen Druckerei Theiss im Wert von 4.000 Euro verbunden.

Einen ausführlichen Artikel über die beiden Bücher, die Preise und das Auswahlverfahren gibt es hier



(C) Verein der HOTLIST

# 121 - Vietnam als geteiltes Land erleben

Eine Zeitreise ins Vietnam der 1960er und 1970er Jahre

 

Anna Mudry wurde 1969 und 1973 von der in Ost-Berlin ansässigen Berliner Zeitung nach Nord-Vietnam geschickt. Ihre Reisen fielen in Phasen, in denen der Krieg in Vietnam gerade eine Pause machte: während der Pariser Gespräche, die (erfolglose) Waffenstillstandsverhandlungen zwischen den USA und Nord-Vietnam zum Inhalt hatten, und nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens, das zum 28. Januar 1973 wirksam wurde. 1975 veröffentlichte sie ihr Buch Bis zum befreiten Süden, das Buch Vietnam - Gesichter und Schicksale ist dessen überarbeitete Neuauflage, die 2017 herausgegeben wurde.

Wiederaufbau unter widrigsten Bedingungen

 

Anna Mudry startete ihre Vietnam-Reisen beide Male in Hanoi. Sie wurden von Mitarbeitern einer dortigen Zeitung organisiert, was nicht nur die Route, sondern auch die Begegnung mit Einheimischen umfasste. Mudry sah Städte, die im Laufe des Vietnam-Krieges von US-Truppen dem Erdboden gleich gemacht wurden, und traf auf Menschen, die unermüdlich daran arbeiten, dass die Ernährung sichergestellt wird, alle ein Dach über dem Kopf haben sowie die Verkehrswege und die Schulen neu gebaut werden. Sie berichtet von Menschen, die während des Krieges ein unterirdisches Wohn-, Versorgungs- und Tunnelsystem gegraben hatten und von Kindern, die viele Monate kein Sonnenlicht gesehen hatten, weil der Aufenthalt im Freien wegen der ständigen Bombardements zu gefährlich war. In dieser krisengeschüttelten Gesellschaft hat der Einzelne seine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, um seine Arbeitskraft der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. So sahen sich Ehepartner oft monatelang nicht, und Kinder wurden von ihren Großeltern aufgezogen, weil ihre Eltern im Krieg kämpften oder für den Straßenbau eingeplant waren. Immer ging die Gemeinschaft dem Einzelnen und seinen Angehörigen vor.
Anna Mudry betont in ihrem Vorwort, dass sie sich nicht als Kriegsberichterstatterin gesehen hat. Es war ihr Ziel, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und von ihnen zu erfahren, wie sie die Auswirkungen der massiven Angriffe der US-Streitkräfte, die auch den Einsatz von chemischen Kampfstoffen wie Napalm oder Entlaubungsmitteln umfassten, erlebt und überstanden hatten. Die Autorin weist ausrücklich darauf hin, dass sie eine subjektive Berichterstattung hier für die beste Methode hält, um sich der Wahrheit so weit wie möglich zu nähern. Das Ergebnis sind Schilderungen über erschütternde Lebensbedingungen der vietnamensischen Bevölkerung, die alles daran setzt, ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen.

Wie war's? 

 

Vietnam - Gesichter und Schicksale gibt einen tiefen Einblick, wie es der Bevölkerung insbesondere Nord-Vietnams, das offiziell den Namen Demokratische Republik Vietnam (DRV) trug, im Verlauf des 20 Jahre dauernden Vietnamkriegs ergangen ist. In dieser Zeit haben zwischen zwei und fünf Millionen Menschen ihr Leben verloren, die genaue Zahl kennt niemand. Anna Mudry beschäftigt sich sowohl mit Einzelschicksalen als auch mit den Lebensumständen, denen die Bevölkerung unterworfen war und die wegen ihrer Tragik und Verzweiflung oft sprachlos machen. Sie versucht jedoch auch, ihren Lesern einen Teil der vietnamesichen Geschichte näherzubringen. Es ist eine Geschichte, die von Kolonialismus, Verrat und Gewalt geprägt ist und sich ohne eine nähere Beschäftigung mit ihr nur schwer erschließt. Wer sich mit ihr bislang noch nicht auseinandergesetzt hat, sollte vor dem Lesen des Buches einen Blick auf die Zeittafel werfen, die Anna Mudry nach dem letzten Kapitel angefügt hat.
Sowohl an der Wortwahl als auch dem Schwerpunkt ist zu erkennen, dass die Autorin als DDR-Journalistin nach Vietnam aufgebrochen ist; die DDR hatte sich damals vorbehaltlos an die Seite der DRV gestellt, was sich auch in manchen Formulierungen Mudrys widerspiegelt. Doch trotz dieser ideologisch besetzten Position ist Vietnam - Gesichter und Schicksale ein Buch, das vor allem für die Generation, die nach dem Ende des Vietnamkriegs aufgewachsen ist, interessant ist. Anna Mudry hat ihrem Buch mehr als 40 Fotos beigefügt, die das Gelesene anschaulich machen.

Vietnam - Gesichter und Schicksale ist im Pirmoni-Verlag in der Reihe menschen unterwegs als Taschenbuch erschienen und kostet 14,90 Euro. Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Deutscher Buchpreis 2017 - The winner is...?

Der österreichische Blick auf Brüssel hat die Nase vorn

 

Seit gestern steht es fest: Der diesjährige Preisträger des Deutschen Buchpreises heißt Robert Menasse, der mit seinem Roman Die Hauptstadt die aus Literaturkritikern und Buchhändlern bestehende Jury überzeugt hat. Die Handlung ist nicht in Wien, der Hauptstadt von Menasses Heimatland Österreich, sondern in Brüssel angesiedelt. Es geht um die EU: Sie steht kurz vor ihrem 60. Jubiläum, das natürlich angemessen begangen werden soll. Die Veranstaltung soll dazu dienen, die Europäische Union in ein günstiges Licht zu rücken, und Fenia Xenopoulou, eine ranghohe zypriotische EU-Beamtin der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, ist auf der Suche nach guten Ideen. Das ist ein Anlass, die Ellenbogen auszufahren und sich zu profilieren. Eine sehr ungewöhnliche und gewöhnungsbedürftige Idee wird letztlich ausgewählt: David de Vriend, der die letzte Lebensphase in einem Brüsseler Seniorenheim verbringt, soll dem Kampagnenmotto, dass die europäische Einheit eine Lehre aus der Geschichte ist, ein Gesicht geben. Er ist als Junge von einem Zug gesprungen, der ihn und seine Eltern in ein Konzentrationslager bringen sollte. Fenia Xenopoulou will nun den Festakt in Auschwitz abhalten - mit de Vriend, der sein ganzes Leben damit beschäftigt war, das Erlebte von damals zu vergessen. Ein Mordfall, in dem aus politischen Gründen nicht ermittelt werden soll, spielt in Die Hauptstadt ebenso eine Rolle wie ein Wirtschaftswissenschaftler, dem seine Utopie, in Auschwitz eine neue europäische Hauptstadt zu errichten, schon bald gefährlich wird. 

Geteilte Meinung über Preisvergabe 

 

Die Entscheidung der Jury hat nicht nur Zustimmung hervorgerufen. Es wurden einige Stimmen von Literaturexperten laut, die Die Hauptstadt nicht für das beste Buch des Jahres halten. Sie merken an, dass sich seit der ersten Vergabe des Preises 2005 Tendenzen beobachten lassen, die zumindest nachdenklich machen. Es wird da beispielsweise kritisiert, dass unter den Büchern der Shortlist der Suhrkamp-Verlag mit drei Titeln sehr oft vertreten war. 
Auch eine andere Auffälligkeit wird thematisiert: Alle Buchpreise sind seit der ersten Vergabe 2005 an Autoren gegangen, deren Bücher im Herbst, also kurz vor der Frankfurter Buchmesse, erschienen sind. Kann es wirklich sein, dass im Frühling nie Titel herausgebracht werden, die preiswürdig sein könnten? Die Jury hat denn auch hervorgehoben, dass es allein um die Literatur gehe und sonst nichts.
Dass es in Die Hauptstadt um die Darstellung einer korrupten und intriganten EU-Bürokratie geht, vewundert umso mehr, wenn man Menasses vor fünf Jahren erschienenen Essay Der Europäische Landbote zur Hand nimmt, in dem der Autor von seinen Eindrücken und Erfahrungen anlässlich seiner Reise nach Brüssel erzählt, die durchweg positiv ausfallen. Sein Fazit: Es ist nicht die EU selbst, deren Regularien und Vorgaben Probleme machen, sondern es sind die Mitgliedsstaaten, die mit ihrem eigennützigen Leuchtturmdenken die Idee des gemeinsamen Europas hintertreiben. Die Botschaft des jetzt ausgezeichneten Romans ist eine andere. Warum?

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