Samstag, 25. Februar 2017

# 89 - Rizzoli & Isles decken auf


Wo die Köpfe rollen


Die Überschrift übertreibt es etwas, aber in Der Meister der Thriller-Autorin Tess Gerritsen gibt es nicht mehr viel, was etliche Köpfe daran hindern könnte, sich von ihren Besitzern zu lösen: Ein Serienmörder geht um, der ein Muster fast vollständig kopiert, das Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department von ihrem vorangegangenen Fall Die Chirurgin ein Jahr zuvor nur zu gut kennt.

Der zweite Fall der Rizzoli-&-Isles-Reihe


Die 105-teilige TV-Serie Rizzoli & Isles ist vermutlich besser bekannt als die nur 11-bändige Buchreihe von Tess Gerritsen, auf der sie lose basiert. So lose, dass man die Polizistin Jane Rizzoli und die Rechtsmedizinerin Maura Isles nur ansatzweise wiedererkennt. Die literarische Isles hat ein völlig anderes Aussehen und Auftreten als ihr Fernseh-Pendant, nur hinsichtlich der fachlichen Kompetenz und Souveränität sind sich die beiden Figuren ebenbürtig. Jane Rizzoli wurde ebenfalls fernsehkonform verändert, wenn auch nicht so stark. Von einer engen Freundschaft der beiden Frauen kann im Buch im Gegensatz zur Fernsehserie keine Rede sein.
In Der Meister wird Rizzoli an einen Tatort gerufen, der außerhalb ihres eigentlichen Zuständigkeitsbereichs liegt: In Newton wurde der Chirurg Richard Yeager in seinem Haus ermordet aufgefunden, von seiner Frau fehlt jede Spur. Aber der ermittelnde Detective Korsak hatte die Arbeit Rizzolis im letzten Jahr verfolgt, als es ihr gelungen war, den Serienmörder Warren Hoyt zu stellen, der nachts in die Wohnungen von alleinstehenden Frauen eingebrochen war und seine Opfer getötet hatte, nachdem sie von ihm einem gynäkologischen Eingriff unterzogen wurden. Allen Taten war damals gemeinsam, dass den Opfern die Kehlen durchgeschnitten wurden.
Genau so wird auch Yeager vorgefunden: mit dem Rücken an einer Wand sitzend, mit durchtrennter Halsschlagader und Luftröhre. Auf einem Stuhl liegt ordentlich zusammengefaltet das mit Blut bespritzte Nachthemd seiner Ehefrau. Nach einer gründlichen Spurenauswertung stellt sich heraus, was sich im Schlafzimmer der Yeagers zugetragen hat: Der Täter hat Richard Yeager mit einem Taser bewegungsunfähig, aber nicht bewusstlos gemacht. Er lehnte den Mann gegen die Wand gegenüber des Bettes und zwang ihn so, hilflos die Quälereien anzusehen, die der Täter an seiner Frau vollzog. Erst dann brachte er ihn um.
Es tritt wenig später ein, was alle am Tatort Anwesenden befürchten: Die verschwundene Frau des Chirurgen wird gefunden – ebenfalls ermordet. Ihre Leiche befindet sich in einem Naturreservat an der Stadtgrenze von Boston. Doch dort bleiben Rizzoli und ihre Kollegen nicht allein: Wie aus dem Nichts taucht Agent Gabriel Dean vom FBI auf und mischt sich in die Arbeit der Polizei ein. Schon bald wird deutlich, dass er über Hintergrundwissen verfügt, das er aber nicht teilen will. Rizzoli und Korsak trauen ihm nicht über den Weg und vermeiden eine Kooperation, wo es möglich ist. Welches Interesse das FBI an diesem Fall haben könnte, ist völlig unklar.

Es bleibt nicht bei zwei Toten


Warren Hoyt verfolgt vom Hochsicherheitsgefängnis aus die Berichterstattung über die Ermittlungen im Fall des Ehepaars Yeager und erfährt so, dass Jane Rizzoli die hierfür verantwortliche Polizistin ist. Eben jene Rizzoli, die ihn vor einem Jahr in letzter Sekunde daran gehindert hatte, auch sie zu töten und die ihn zur Strecke gebracht hat. Hoyt beginnt darüber nachzudenken, wie er das Gefängnis verlassen und erneut Jagd auf sein Lieblingsopfer machen kann, das sich ihm entziehen konnte.
Kurz darauf ereignet sich in einem noblen Bostoner Stadtteil ein weiterer Mordfall, der dem der Yeagers mit Ausnahme eines kleinen Details gleicht. Der Cellist Alexander Ghent wird in derselben Haltung aufgefunden wie Tage zuvor der Chirurg Yeager. Auch in diesem Fall ist seine Frau offensichtlich entführt worden, nachdem Ghent die sadistischen Taten, die an seiner Partnerin verübt wurden, mitansehen musste. Doch die fehlende Kleinigkeit ist für Rizzoli und Korsak ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier zwei Täter am Werk waren, die sich perfekt ergänzen.
Rizzoli kommt nicht um eine Zusammenarbeit mit FBI-Agent Dean herum, der zwar von ihr über jede neue Erkenntnis informiert werden will, selbst aber kaum etwas aktiv zum Ermittlungserfolg beiträgt und die Ausstrahlung eines kalten Fisches hat. Ihr Eindruck, dass er etwas zu verbergen hat, verstärkt sich.

Spannender Thriller mit ein paar Splatter-Effekten


Die Ehepaare Yeager und Ghent bleiben nicht die einzigen Opfer. Es zeichnet sich ab, dass der Beginn der Mordserie deutlich weiter zurückreicht und in einem ganz anderen Umfeld unbemerkt vollzogen werden konnte. Die Tatorte werden so detailliert beschrieben, dass der Leser direkt in die Umgebung hineinversetzt wird. Manchmal hätte allerdings auch eine zurückhaltendere und blutärmere Schilderung der Tat- und Leichenfundorte genügt, um sich alles gut vorstellen zu können.
Jane Rizzoli befindet sich in einem ständigen Kampf um Anerkennung  drängt jede Schwäche zurück. Das wirkt manchmal übertrieben und unnötig, zumal sich daraus einige Male eigentlich überflüssige Reibereien mit ihren männlichen Kollegen ergeben. Trotz allem ist Der Meister ein durchweg spannender Thriller, den ich Krimi-Freunden empfehlen kann.

Der Meister ist unter dem Originaltitel The Apprentice 2003 erschienen. Die deutsche Fassung wurde 2005 bei Blanvalet herausgegeben. Ich bedanke mich beim Bloggerportal für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.
Der Meister kostet als Taschenbuch 9,90 €, als eBook (epub) 8,99 € sowie als Hörbuch-Download 27,95 €.


Sonntag, 19. Februar 2017

# 88 - Fluchthilfe in Deutschland


Von hüben nach drüben – ein Risiko für alle Beteiligten




Mit Der Wels – Freiheit oder Diktatur hat Hans-Gerd Pyka seinen zweiten Roman veröffentlicht. Besonders interessant: Die Handlung ist nicht völlig frei erfunden, sondern beruht auf den Erlebnissen des in den 1960-er bis 1980-er Jahren bekannten Fluchthelfers Kay Mierendorff, der mehr als 1.000 DDR-Bürgern zur Flucht nach Westdeutschland verhalf.



Was ist die Motivation für die Fluchthilfe im großen Stil?




Am 18. Dezember 1966 beginnt für den jungen Max Weidendorf so etwas wie ein neues Leben: Der 21-Jährige tritt in Berlin eine Stelle als Leiter der Alliierten-Wohnungen in der Zehlendorfer Siedlung Onkel  Toms Hütte an. Das Viertel ist von den US-Streitkräften besetzt, amerikanische Soldaten und ihre Familien sind von nun an seine Kunden.  Zum Job gehören außer dem Monatsgehalt von 3.000 DM eine große, moderne Dienstwohnung und ein Dienstwagen. Seine Frau Carola bekommt ebenfalls eine Stelle. Doch Max weiß schon an seinem ersten Arbeitstag, dass ihm das auf Dauer nicht reicht: Er will einmal richtig viel Geld verdienen. Dieses Ziel steht für ihn über allen anderen. Schon Tage später „erweitert“ Max seine Arbeit um neue Betätigungsfelder: Er vermittelt Autos an US-Soldaten und verhökert US-Ware. Das bringt schon in den ersten beiden Wochen in der „Onkel Tom“ 2.500 D-Mark ein. Max hat Blut geleckt.



Max‘ „Karriere“ als Fluchthelfer beginnt durch einen Zufall




Als eine der Wohnungen am nächsten Tag neu vergeben werden soll, der Vormieter aber den Schlüssel nicht abgegeben hat, muss ein Handwerker kommen, um das Problem zu beheben. Es erscheint Lutz. Er bohrt das Schloss auf, weigert sich aber, sich um einen weiteren Schaden zu kümmern. Es ist Freitag, und Lutz hat eine Einreiseerlaubnis zu seiner Tante in Ost-Berlin. Tatsächlich will er in Ost-Berlin seine Freundin Julia besuchen, die nur bis Sonntag Zeit hat. Der mit Max befreundete Soldat Frank Miller spricht aus, was den Anstoß für alles Weitere gibt: „Warum holen wir das Fraulein nicht rüber?“, fragt er in gebrochenem Deutsch. Der Transfer ist sehr einfach: Zwischen West- und Ost-Berlin gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Kontrollen für die Fahrzeuge der drei westlichen Besatzungsmächte. Doch auch, was zunächst so simpel aussieht, muss sorgfältig geplant werden. Julias Einstieg in einen Jeep der US-Army darf niemandem auffallen, und die geliehene Uniform muss Max tadellos passen. Eigentlich war diese Aktion nur als Testlauf gedacht, doch Julia beschließt, im Westen zu bleiben. Für diesen Transfer verlangt Max noch keine Bezahlung.

Durch einen weiteren Zufall kommt es zur nächsten Fluchthilfe, bei der es nun auch um Geld geht. Ilse Barnick will zusammen mit ihrem Sohn aus Ost-Berlin flüchten. Von ihrem geschiedenen Mann weiß Max, dass die Frau „Judengold“ besitzt, das von einem SS-Sturmbannführer stammt. Mit dem Gold kann sie in der DDR nichts anfangen, aber sie kann damit Max für seine Fluchthilfe bezahlen. Die Fluchthilfe gelingt, vom Gold ist anschließend keine Rede mehr. Max geht leer aus. Doch Schaden macht klug: Er lernt aus jedem Fehler und perfektioniert sein System so erfolgreich, an dem sich immer mehr Menschen, darunter einige US-Soldaten, beteiligen, dass die Fluchthilfe seine Haupteinnahmequelle wird. Die Arbeit als Hausverwalter erledigt er nebenbei und mit der Hilfe seiner Frau.

Max erreichen immer mehr Hinweise auf Menschen, die die DDR verlassen wollen. Ganz überwiegend sind es solche, die über eine akademische Ausbildung und Berufserfahrung verfügen: Ärzte und Ingenieure sind darunter, die im Westen ihr Glück finden und eine Zukunft in Freiheit haben wollen. Max bekommt eine erste Warnung der CIA, sich künftig nicht mehr der Hilfe von Mitgliedern der amerikanischen Streitkräfte zu bedienen – und ignoriert sie. Es läuft gerade einfach zu gut für ihn: Mit seiner Fluchthilfe will er einerseits unzufriedenen DDR-Bürgern zu einem besseren Leben im Westen verhelfen, andererseits aber auch Geld verdienen. Es dauert nicht lange, bis er pro erfolgreichem Transfer fünfstellige Beträge verlangt, die auch in Raten abbezahlt werden können. Carola sieht die Geschäfte ihres Mannes zwiespältig: Einerseits hat sie Angst vor den möglichen Konsequenzen, andererseits übernimmt sie ab 1968 die Buchführung und nimmt sich dafür aus dem häuslichen Tresor monatlich 1.000 DM zu ihrer freien Verfügung. In der ersten Hälfte des Jahres 1968 macht Max mit der Fluchthilfe sowie dem Handel mit Autos und US-Waren einen Gewinn von 93.000 DM. Doch im Laufe der Zeit werden sich die Eheleute zunehmend fremd, was nicht ohne Folgen bleiben soll.



Keine Flucht bleibt unbemerkt




Der spürbare Abgang von Bürgern ist natürlich auch der Staatssicherheit der DDR ein Dorn im Auge. Max fühlt sich zunächst zwar verfolgt, aber es ist nicht mehr als ein vages Gefühl, für das es keine Belege gibt. Doch im Oktober 1971 wird eine Prostituierte ermordet aufgefunden, bei der Max Stammgast gewesen ist. Mit ihr wurde ein Freier ermordet, der kurzfristig den ansonsten für Max reservierten Termin bekommen hat. Max hat zum ersten Mal Angst und legt sich eine Pistole zu. Auch Carola hat jetzt manchmal den Eindruck, verfolgt zu werden.

Mit dem ab Juni 1972 gültigen Reiseabkommen zwischen der BRD und der DDR öffnet sich für Max und seinen immer größeren Helferkreis eine neue Tür: Westdeutsche können nun ohne große Probleme nach Ost-Berlin und in die DDR reisen. Max weitet das Geschäft aus und wird dabei immer professioneller. Nur sehr selten fliegt eine Flucht auf. Er erfährt allerdings zu spät vom Plan seines Bruders Manni, einer jungen Frau und ihrem Kind zur Flucht zu verhelfen. Mannis dilettantische Aktion fliegt auf, er wird verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Max wird den Verdacht nicht los, dass sein Bruder ein Stück weit für ihn mit büßen soll.

Max‘ Team arbeitet später mit gefälschten Fahrbefehlen der US-Army und immer neuen trickreich umgebauten Fluchtfahrzeugen. Da findet Max Ende April 1972 den Mechaniker Jupp erhängt in seinem Haus auf; den Mann, der durch seinen Einfallsreichtum und seine handwerklichen Fähigkeiten aus einem normalen Fahrzeug ein ausgetüfteltes Fluchtfahrzeug machen konnte und so entscheidend zum Erfolg der Fluchthilfeaktionen beigetragen hat. Ein Selbstmord kann ausgeschlossen werden: Seine Hände sind ihm vor seinem Bauch zusammengebunden worden.

Die beängstigenden Erlebnisse häufen sich, und Max beschließt, die Fluchthilfe nicht mehr selbst durchzuführen, sondern sie nur noch aus der Ferne zu leiten. Mit Carola und seinen 1968 und 1970 geborenen Söhnen zieht er an die Ostsee nach Kellinghusen. Dort, so denkt er, wird ihn die Stasi sicher in Ruhe lassen. Max trägt ab sofort vom Aufstehen bis zum Schlafengehen eine schusssichere Weste. Aber er soll merken, dass er sich in der Stasi entschieden geirrt hat: Sie beginnt, sich noch mehr für ihn zu interessieren, als er eine neue Fluchtroute über die österreichisch-ungarische Grenze zu nutzen beginnt.



Ein Vermächtnis




Jürgen Weiske, ein Freund Kay Mierendorffs und Herausgeber dieses Buches, sorgte auf dessen Wunsch dafür, dass seine Erlebnisse in einem Roman aufgearbeitet wurden. Das Erscheinen von Der Wels – Freiheit oder Diktatur im Herbst 2016 hat Mierendorff nicht mehr erlebt: Er starb bereits vier Jahre zuvor an Krebs. Das Buch trägt die Widmung „gewidmet all jenen, die es nicht geschafft haben“. Es lehnt sich trotz seiner fiktiven Elemente so stark an das von Mierendorff Erlebte an, dass es starke autobiographische Züge hat. Hans-Gerd Pyka hat auf dieser Grundlage einen spannenden Roman vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zu Zeiten des Kalten Krieges geschaffen, der durch immer wieder eingestreute Hinweise auf das damalige politische Geschehen eine große Authentizität hat.



Der Wels – Freiheit oder Diktatur ist bei epubli erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 9,99 €

Freitag, 10. Februar 2017

# 87 - Deutsche Schriftsteller ab 1933: Schreiben im Exil

 Über den Exodus der Literaten ab 1933


Über die Folgen, die die Machtübernahme der Nationalsozialisten für Deutschland hatte, gibt es zahllose Bücher. Aber nur sehr wenige beschäftigen sich damit, was aus den Schriftstellern wurde, die dem Dritten Reich ein Dorn im Auge waren: weil sie Juden waren,  eine politische Gesinnung hatten, die nicht geduldet wurde oder homosexuell gewesen sind. Mit Schreiben im Exil 1933-1935 schildert der Autor Maik Grote, welche Gründe sie zur Emigration bewogen haben und wie es ihnen im Ausland ergangen ist.



Eine neue Plattform für Exil-Literaten




Grote hat sich dem Schicksal der Exilautoren mit einer Akribie genähert, wie man sie nur selten findet. Im Untertitel seines Buches weist er darauf hin, um welche Schriftsteller es im Wesentlichen geht: Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Joseph Roth und Klaus Mann stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, aber es fallen auch andere Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann und Stefan Zweig spielten in der damaligen Literaturszene eine ebenso große Rolle. Grote beschäftigt sich auch mit den Verlegern, mit denen diese Autoren unmittelbar zu tun hatten: Das Schicksal des früheren Teilhabers des Gustav Kiepenheuer Verlages Potsdam, Fritz Landshoff, wird ebenso beschrieben wie das seiner Kollegen Hermann Kesten und Walter Landauer.

Beim Lesen wird immer deutlicher, dass keiner der beschriebenen Schriftsteller Deutschland als Heimatland abgelehnt hatte, weil man selbst dort unerwünscht geworden war. Das galt weder zum Zeitpunkt der Flucht noch später. Bei fast allen hat die Notwendigkeit, sich im Ausland eine neue Existenz oft aus dem Nichts aufzubauen, schwere innere Zerwürfnisse ausgelöst.



Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 war der Startschuss für die Säuberungsaktionen der Nationalsozialisten: Die „Reichstagsbrandverordnung“ setzte Grundrechte außer Kraft und gab dem Regime die Möglichkeit, Oppositionelle zu verhaften und  die Herausgabe von nicht erwünschten Zeitungen zu verbieten. Die SA hatte bereits bei Landshoffs Freund Ernst Toller erfolglos nach beiden Männern gesucht, was den Verleger dazu veranlasste, ständig die Unterkunft zu wechseln.

Mit dem Zeitpunkt der Machtergreifung war allen Angestellten, Autoren und Teilhabern des Kiepenheuer Verlages klar, dass dessen Tage gezählt sein würden. Täglich kamen nun Autoren, um sich vor ihrer Abreise ins Exil zu verabschieden. Landshoff war in Gefahr, weil er sowohl Jude war als auch regimekritische Ansichten vertrat. Während Kesten und Landauer nach Frankreich ins Exil gingen, nahm Landshoff das Angebot des niederländischen Verlegers Emanuel Querido an, in dessen Amsterdamer Verlagshaus eine Abteilung zu gründen, die sich nur um die Veröffentlichung von Werken der deutschen Exil-Schriftsteller kümmerte.

Auch Landauer fand sich einige Monate später in Amsterdam wieder. Der Allert de Lange Verlag hatte ebenfalls vor, eine deutsche Exil-Abteilung ins Leben zu rufen. Fortan lebten die beiden Verlage in ständiger Konkurrenz um Autoren, Rechte und Verträge, was ihnen wirtschaftlich geschadet hat.


Waren die unerwünschten Schriftsteller eine Schicksalsgemeinschaft?




Die Autoren, von denen in Schreiben im Exil 1933-1935 die Rede ist, gehörten vor 1933 zur deutschen Schriftsteller-Elite. Mit der Machtergreifung verloren sie Zug um Zug ihr Eigentum in Deutschland. Manche konnten etwas davon ins Exil retten, andere verloren praktisch ihren ganzen Besitz. So ist zumindest zum Teil zu erklären, dass etliche von ihnen mit der neuen Situation keinesfalls professionell umgingen: Sie rangen um ihr Honorar, ohne zu wissen, wie ein Buchpreis zustande kommt oder zu welchem Preis sich ein Buch verkaufen lässt. Eitelkeiten wurden gepflegt, Realitäten ignoriert, nicht vorhandenes Geld ausgegeben, bis die Schulden sich manchem wie eine Schlinge um den Hals legten. Einige Schriftsteller beschworen noch den Zusammenhalt der deutschen Exil-Autoren, aber letztlich waren sich die meisten von ihnen selbst am nächsten. Diese schmerzliche Erfahrung musste beispielsweise auch Klaus Mann mit seiner literarischen Monatszeitschrift „Die Sammlung“ machen, die erstmalig im September 1933 im Querido Verlag erschien. Einige Schriftsteller, die zu Beginn ihre Mitarbeit fest zugesagt hatten, distanzierten sich dann von der Publikation, darunter auch sein Vater Heinrich Mann oder Stefan Zweig. Ihnen war die Ausrichtung der Zeitschrift zu politisch, und sie befürchteten, dass sich ihre Bücher nicht mehr verkaufen lassen würden, wenn sie sich hier mit Beiträgen engagierten. Andere waren nur für ein Mindesthonorar zu einer Mitarbeit zu bewegen oder brachten Klaus Mann immer wieder in Schwierigkeiten, in dem sie die Abgabe von fest zugesagten Artikeln verschoben. Engagement und Kooperation sehen anders aus.

Alles zusammen und der Umstand, dass die Lieferungen ins Ausland, die an Deutschland vorbei führen mussten, umständlich und teuer waren, führten 1935 dazu, dass das Blatt aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben werden musste.



Lesen?




Schreiben im Exil 1933-1935 richtet sich an alle Leser, die sich für die Auswirkungen des Dritten Reiches auf die nicht systemkonformen Schriftsteller interessieren. Maik Grote hat für sein Buch eine akribische Recherche betrieben, die einen genauen Blick in diese Szene während der ersten beiden Jahre des Nationalsozialismus in Deutschland wirft. Jede Seite enthält eine Fülle von Informationen, ohne dass das Buch überfrachtet oder ermüdend wirken würde. Wer sich gründlich informieren möchte, ist mit diesem Titel gut beraten.

Der Autor hat bereits angekündigt, im Frühling 2017 ein weiteres Buch zu diesem Thema herauszubringen, das sich mit den Jahren 1936 bis 1939 beschäftigen wird.
Schreiben im Exil 1933-1935 ist bei BoD erschienen und kostet als Taschenbuch 9,95 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 5,49 Euro.

Freitag, 3. Februar 2017

# 86 - Ein Junge erlebt den Balkankrieg


Roman mit autobiografischen Zügen


Wie der Soldat das Grammofon repariert ist das erste Buch des gebürtigen Jugoslawen Saša Stanišić. Die Hauptfigur Aleksandar steht stellvertretend für den Autor und schildert, wie er als Vierzehnjähriger den Ausbruch des Bürgerkriegs in seinem Heimatort Višegrad erlebt hat, mit der Familie nach Deutschland geflüchtet und nach einigen Jahren in die alte Heimat zurückgekehrt ist.

Brutalität, Familie und viel Merkwürdiges


Saša Stanišić lässt es in seinem Roman sehr langsam angehen. Auf den ersten 134 Seiten erfährt der Leser, in welchem Umfeld Aleksandar aufwächst: Sein Vater ist ein introvertierter Maler, die Mutter neigt zu Depressionen, und dann gibt es da noch die Tanten, Onkel und eineinhalb Großelternpaare; ein bereits verstorbener Großvater wird nahezu verschwiegen, weil er die Familie mit seiner sehr speziellen Art offenbar zu viele Nerven gekostet hat. Niemand trauert ihm nach. Auch die Schule ist ein Thema, was in diesem Alter nicht weiter erstaunlich ist. Der Geist des längst verstorbenen Staatspräsidenten Tito ist allgegenwärtig, sein Porträt hängt noch in vielen Wohnzimmern und öffentlichen Gebäuden.
Der Roman beginnt mit dem Tod des anderen Großvaters, den sein Enkel Aleksandar nicht wahrhaben will, geht weiter mit Alltagsschilderungen und der kurzen Erwähnung, dass Onkel Bora in Deutschland Gastarbeiter im Straßenbau ist. Schon das genügt, um den Neid der Nachbarn auszulösen
Stanišić pickt immer wieder einzelne Familienmitglieder oder Nachbarn heraus, beschreibt ihre Eigenarten oder erzählt, was ihnen in ihrem Leben Ungewöhnliches widerfahren ist. Der Krieg bricht so plötzlich wie ein Blitzschlag über die bosnische Kleinstadt herein: Im Radio wird von den Kämpfen um Osijek berichtet, nicht viel später stehen die ersten serbischen Soldaten in Višegrad. Rücksichts- und hemmungslos wird gemordet, zerstört und gestohlen. Das Symbol der Stadt, die Brücke über den Fluss Drina, wird dabei zum Schauplatz blutiger Verbrechen. Schon kurz vor dem Eintreffen der Soldaten packen die ersten Familien ihre Sachen und verlassen die Gegend. Mit etwas Verzögerung schließt sich Aleksandars Familie dieser Fluchtbewegung an, die sie bis nach Deutschland führt. Die Mutter arbeitet in einer Wäscherei, der Vater im selben Betrieb wie Onkel Bora. Wirklich glücklich ist keiner von ihnen, auch wenn sie in Essen in Frieden leben können. Aleksandar sehnt sich zwar nach seiner Heimat, aber er merkt, dass er immer mehr Einzelheiten vergisst und ihm hin und wieder ein Wort in seiner Muttersprache nicht einfällt. Doch er ist sich mit seinen Eltern darin einig, dass ihnen nichts daran liegt, in einem zerstörten Bosnien zu leben.
Ende 1995 markiert das von den USA initiierte Friedensabkommen von Dayton das Ende des Balkankriegs. Die Familie muss sich nun entscheiden, wie es weitergehen soll. 1998 wandern die Eltern zusammen mit der Großmutter nach Florida aus. Aleksandar entschließt sich dazu, nach Višegrad zu reisen und sich auf die Suche nach den Verwandten, den Nachbarn und den Orten seiner Kindheit zu machen. Das Buch endet dort, wo es begonnen hat: am Grab des Großvaters.

Wie war‘s?


Wie der Soldat das Grammofon repariert war 2006 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sowohl dieser Umstand als auch die Frage, wie ein so düsteres Kapitel wie der Balkankrieg von einem aus der betroffenen Region stammenden Autor aufgearbeitet werden kann, hat das Buch für mich interessant gemacht. Allerdings gibt es nur wenige Bücher, die ich als so zäh empfunden habe wie dieses. Die sehr ausführliche Schilderung des täglichen Lebens und die genaue Darstellung der Menschen, die für den jungen Aleksandar wichtig waren, hätten nicht ein Drittel des Textes einehmen müssen. Das, was den Krieg ausmacht, wird auf relativ wenigen Seiten beschrieben. Die historische Brücke über die Drina, die heute ein UNESCO-Weltkulturerbe ist, war im Balkankrieg Schauplatz zahlloser Ermordungen von Bosniern durch serbische Soldaten: Die Menschen wurden in den Fluss geworfen, wer sich ans Ufer retten wollte, wurde erschlagen oder erschossen. Was mit der Stadt passiert ist und wie sich der Krieg auf sie ausgewirkt hat, wird im Roman nur schlaglichtartig angerissen. Es ist etwa so, als würde jemand für wenige Sekunden einen hellen Lichtstrahl auf eine Szene richten, um gleich darauf die Lampe zu löschen.
Saša Stanišić hat einen Schreibstil gewählt, für den man als Leser einen langen Atem benötigt. Er wechselt immer wieder zwischen der Gegenwart und der Rückschau, wobei sich beides auch gerne überschneidet. Auch das Stilmittel der Wortwiederholung wurde extensiv ausgereizt. Kurzum: Ich war mehrmals kurz davor, das Buch zur Seite zu legen und dort liegen zu lassen. Es langweilt mich auch, wenn in einer Szene eine Wette geschildert wird, in der es darum geht, einen Fußball mit dem Kopf in der Luft zu halten. 192 Mal muss das gelingen, und das tut es auch: Jedes einzelne Mal wird mit der ausgeschriebenen Zahl notiert, wozu immerhin drei Seiten nötig sind. Später findet Aleksandar im Kleiderschrank seiner Großmutter einen Karton, in dem sich 99 unfertige Bilder befinden, die er gemalt hat. Auf den folgenden Seiten werden die Titel aller Bilder genannt. Man mag das künstlerisch wertvoll finden, ich fand es ermüdend.

Wie der Soldat das Grammofon repariert wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Der Roman ist beim btb-Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 €.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Leben, Tod und Biogas - das hat den Januar ausgemacht


Ein runder Geburtstag, einige Tote in Irland, ein Leben in Preußen und Zoff auf dem Land


Gas Und Galle
Wie schon 2016 habe ich auch 2017 mit einem Self-Publishing-Titel begonnen, es war im Gegensatz zu damals diesmal aber ein guter Einstieg: A. C. Scharp erzählt in Gas und Galle was passieren kann, wenn erneuerbare Energien in ein kleines Dorf irgendwo in Deutschland Einzug halten sollen. Die Gegner der von Bauer Matthias und dem Energielieferanten Ekelon geplanten Biogasanlage sind sich für nichts zu schade und greifen im äußersten Fall auch zum äußersten Mittel. Doch wo hört politisches Engagement auf und wo beginnt die Verfolgung der persönlichen Interessen? Am Ende dieses Romans ist fast nichts so, wie es vor dem Protest war. Gas und Galle ist ein flott geschriebenes und unterhaltsames Buch. 
Wer mehr über die Autorin sowie dieses und ihr nächstes Buch erfahren möchte, kann sich auf ihrer Homepage umsehen: Homepage A. C. Scharp

(von 5)
 



Von Rechts nach LinksHellmut von Gerlach wird 1866 als Sohn eines niederschlesischen Großgrundbesitzers geboren und wächst mit den konservativen Einstellungen seiner Eltern auf: Das Gesinde gehört klein gehalten, die Sozialdemokratie sowieso und es soll alles so bleiben, wie es ist. Doch nach dem Abitur beginnt er ein Studium in Genf und wird mit für ihn völlig neuen Anschauungen konfrontiert. Im Laufe seines Lebens begegnet er einigen damals wichtigen Persönlichkeiten, die ihn in seinen Ansichten beeinflussen. Nach und nach rückt er immer weiter von seinen früheren Idealen ab. Diese Entwicklung schildert er in seinem autobiografischen Buch Von Rechts nach Links, das erstmals 1937 erschienen ist. Auch nach so langer Zeit kann ich diesen Titel empfehlen, weil er Einblicke in die Zeit des Preußischen Reichs, der Weimarer Republik und des deutschen Nationalsozialismus gibt. Das Buch wurde wieder neu aufgelegt und ist im Buchhandel erhältlich.
Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT hat bereits 1994 einen Artikel über das Leben von Gerlachs, das 1935 im Pariser Exil endete, veröffentlicht: ZEIT-Artikel über von Gerlach

                                   




Die letzten vier TageDie letzten vier Tage des Paddy Buckley von Jeremy Massey ist so etwas wie ein Countdown bis zum Ableben des Bestatters aus Dublin. Der Tod macht ihm auf eine ganz neue Art und Weise zu schaffen: Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände macht sich Paddy ausgerechnet den größten Verbrecher Dublins zum Feind, dessen Rechtsanschauung ganz klare Regeln hat: Wer mir ans Bein pinkelt, hat es verdient, zu sterben. Masseys erstes Buch bietet schwarzen Humor, Gefühl und – ja – wird an der einen oder anderen Stelle auch schon mal ein bisschen eklig. Aber hat man je einen zartbesaiteten Gangsterboss gesehen? Eben. 
Jeremy Massey stammt aus einer Dubliner Bestatterfamilie, die das Geschäft schon seit mehreren Generationen betreibt. Er hat selbst etliche Jahre dort mitgearbeitet und weiß deshalb, wovon er spricht. Wer mal sehen möchte, wie man in dieser Branche auf sich aufmerksam macht, kann sich das Firmenvideo der Massey Bros Funeral Homes ansehen. Na, Traumberuf gefunden?







Der SpiegelAm letzten Freitag im Monat gab es einen Grund zum Feiern: Die Wochenzeitung DER SPIEGEL ist 70 geworden. Das anlässlich dieses runden Geburtstags vom derzeitigen Chefredakteur Klaus Brinkbäumer herausgebrachte Buch 70 – DER SPIEGEL – 1947-2017 wartet mit sehr interessanten Texten und zahlreichen Fotos auf. Ein rundum lesens- und sehenswerter Titel.

SPIEGEL-Online hat anlässlich des Jubiläums ein Dossier zusammengestellt, das sich mit seinem unfangreichen Text- und Bildmaterial hier befindet: SPIEGEL-Dossier.
Auch der NDR hat sich dem Thema mit einem Rückblick gewidmet. 


 

Freitag, 27. Januar 2017

# 85 - Hoch die Tassen: Der SPIEGEL ist 70


Eine der meistgehassten Zeitschriften ist 70


Am 4. Januar 1947 wurde in Hannover eine neue Wochenzeitschrift aus der Taufe gehoben: Der nur 23 Jahre alte Rudolf Augstein wurde von drei britischen Offizieren der Militärregierung damit beauftragt, ein Nachrichtenmagazin nach dem Vorbild der britischen „News Review“ herauszubringen. Augstein fiel zunächst kein passender Name ein, aber sein Vater hatte spontan die richtige Idee: DER SPIEGEL.

Eine Woche nach seinem runden Geburtstag erschien am 11. Januar 2017 das Buch zum Jubiläum: 70 – Der Spiegel 1947–2017, herausgegeben vom aktuellen Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Konrad Adenauer bezeichnete den SPIEGEL als „Schmierblatt“, Willy Brandt schimpfte „Scheißblatt“ und Herbert Wehner war sogar der Meinung „Ein Blatt, weiter gar nichts“. Deutlich selbstbewusster ging Franz Josef Strauß mit dem Nachrichtenmagazin um, zumal ihn mit Rudolf Augstein eine gut gehegte und gepflegte Hassliebe verband: Dem Zitat „Was wäre der SPIEGEL ohne mich?“ ist nichts hinzuzufügen.

Die erste Botschaft bereits im Vorwort


Bevor überhaupt auf die Geschichte eines der ältesten Wochenblätter Deutschlands zurückgeschaut wird, erinnert sich Brinkbäumer in seinem Vorwort an den 4. November 2008. An diesem Tag gewann mit Barack Obama der erste afroamerikanische Kandidat die Wahl um das Amt des Präsidenten der USA. Brinkbäumer beschreibt, welche Hoffnungen sich damals mit Obamas Sieg verbunden hatten. „Yes, we can“ wurde zu einem Slogan, der um die Welt ging. Acht Jahre später wendete sich mit dem Sieg von Donald Trump das Blatt: Unter der massiven Zuhilfenahme von Twitter und Facebook gelang es ihm, seine demokratische Gegenkandidatin Hillary Clinton auszustechen, obwohl er sich eine soziale Grenzüberschreitung nach der anderen geleistet hatte. „Postfaktisch“ wurde danach zu einem neuen Schlagwort, dessen Bedeutung sich am einfachsten mit „nur auf Gefühlen, aber nicht auf Fakten beruhend“ übersetzen lässt. Brinkbäumer versteht den SPIEGEL wie schon zu Zeiten seiner Gründung als ein Medium, das die Dinge als das benennt, was sie sind: Rassisten sollen als solche bezeichnet werden, das gleiche gilt für Lügen. Ein hehrer Anspruch, der die Redaktion in den vergangenen 70 Jahren vor immer neue Herausforderungen gestellt hat.


Deutsche Geschichte spannend erzählt


70 - DER SPIEGEL 1947-2017 ist in sieben Abschnitte aufgeteilt, für jede Dekade einer. Auf einer Doppelseite werden zunächst die 32 besten Cover des Jahrzehnts abgebildet. Die Gründungsnummer 1 aus dem Jahr 1947 zeigte eine Person, die schon damals kaum bekannt war und heute völlig vergessen ist: Es ging im Heft um das Ziel Österreichs, künftig nicht mehr in vier Besatzungszonen aufgeteilt zu sein und staatlich souverän zu werden. Das Foto zeigte den Gesandten Österreichs Dr. Ludwig Kleinwächter, der im Augenblick der Aufnahme vor dem Weißen Haus seinen Hut zieht. Das Foto wird vielen bekannt vorkommen, die Geschichte dahinter wohl eher nicht.

Ähnlich ist es auch, wenn man weiter durch dieses Buch blättert: Es enthält neben zahlreichen Fotos von wichtigen oder bekannten Szenen oder Persönlichkeiten sehr umfangreiche Texte zu einzelnen Themen, die zum jeweiligen Zeitpunkt in aller Munde waren. Viele davon sind im Laufe der Zeit in den Hintergrund gerückt oder schlicht vergessen worden. Andere sind in der Erinnerung so präsent, als seien sie erst gestern passiert. 70 - DER SPIEGEL 1947-2017 gehört nicht zu den Büchern, die man von vorne bis hinten durchliest. Es ist eher ein sehr anschaulich und lebendig geschriebenes Geschichtsbuch, das auch für diejenigen interessant sein dürfte, die normalerweise keine SPIEGEL-Leser sind. Klaus Brinkbäumer hat für die Texte keine alten Artikel wieder „aufgewärmt“, sondern zu jedem ausgewählten Thema einen neuen Text geschrieben. Die Redaktion hatte sich für diese Art der Darstellung entschieden, weil der Abdruck einzelner Artikel oft aus dem Zusammenhang gerissen wirken kann und sich im Einzelfall der Sinn dahinter nicht erschließen würde. In den neu verfassten Texten wird berichtet, erklärt und auch ein Blick auf die eigenen Fehler geworfen. Immer wieder finden sich jedoch auch Artikel, die von Personen stammen, die sich über den SPIEGEL nicht immer gefreut haben. So hat zum Beispiel Willy Brandt, der zur Beisetzung des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy nach Washington gereist war, über sein letztes Gespräch mit dessen Witwe berichtet.

70 – Der Spiegel 1947–2017 ist ein wichtiges Zeitdokument, was auch gewichtig daherkommt: Mit mehr als 1,8 kg Gewicht hat es eindeutig kein Handtaschenformat mehr.


Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. 70 – Der Spiegel 1947–2017 ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet 34,99 Euro.

Freitag, 20. Januar 2017

# 84 - Über einen Bestatter, dem der Tod auf die Pelle rückt

Das Leben ist riskant und endet immer tödlich

 

Paddy Buckley arbeitet seit einer Ewigkeit in Dublin als Bestatter für Frank Gallagher. Schon sein Vater war dort als Tischler beschäftigt und hat sich bis zu seinem Tod um die Särge gekümmert. Als Kind ging Paddy deshalb bei Gallagher ein und aus. Ihm ist fast nichts mehr fremd, und er hat mehr Tote gesehen, als er zählen kann. Doch Jeremy Massey schüttelt in seinem ersten Roman Die letzten vier Tage des Paddy Buckley das Leben des Mannes so gründlich durch, dass innerhalb weniger Tage nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Leichen pflastern seinen Weg...

 

Paddy Buckley ist gern Bestatter und hat seinen Job all die Jahre gewissenhaft und empathisch erledigt. Der Tod ist sein Geschäft, aber vor einigen Jahren ist er ihm zu nahe gekommen: Seine schwangere Frau Eva starb an einem Hirnschlag, während sie im Supermarkt an der Kasse anstand. Den Schock hat er nur schwer verarbeitet, aber er lebt sein Leben weiter.
Am 13. Oktober 2014 um 9.40 Uhr fängt Paddys Leben jedoch an, zu Staub zu zerfallen. Das Verrückte daran: Es ist, als würde er sich selbst beim Rasen in einem Sportwagen beobachten, immer in der Gewissheit, dass die nächste Mauer das Letzte ist, was er lebend sehen würde. Aber nichts kann diesen rasenden Sportwagen aufhalten.
Es beginnt damit, dass Paddy von Gallagher zu einer Witwe geschickt wird, deren Mann vor wenigen Stunden gestorben ist. Die beiden besprechen die Details der Bestattung und kommen sich dabei deutlich näher, als es üblich ist. Ganz offensichtlich findet die Witwe Trost in der sehr intimen Zweisamkeit. Doch als die beiden zum Höhepunkt kommen, bricht die Frau tot auf Paddy zusammen. Was eigentlich eine Katastrophe ist, soll schon in der darauffolgenden Nacht zum kleinsten Problem des Bestatters werden.

Unglückliche Umstände? Wie viel Pech kann man haben?

 

Paddy schlittert geradewegs in die nächste Misere: Er hat kaum den Notarzt gerufen, als die wegen des verstorbenen Vaters angereiste Tochter des Ehepaars zur Haustür hereinkommt und nach ihrer Mutter fragt. Mühsam ringt er um eine plausible Erklärung und hofft, dass die spätere Obduktion keine Hinweise auf seine Beteiligung am Ableben der Kundin zutage bringt.
So viel Pech reicht eigentlich für einen Tag, aber Paddy setzt noch eins drauf: Schon in der folgenden Nacht, in der er einen Toten aus dem örtlichen Altenheim für Arme holen soll und dann auch noch in strömendem Regen einen Reifen wechseln muss, geht das Desaster weiter. Er ist in seinem Privatwagen todmüde auf dem Weg nach Hause, als sich drei Dinge praktisch gleichzeitig ereignen: Paddy bemerkt, dass er ohne Licht fährt, nestelt an seinem Autoradio herum und sieht, dass eine Gestalt, die sich gegen den Regen eine Zeitung über den Kopf hält, kurz vor ihm über die Straße geht. Viel zu kurz vor ihm. Sekundenbruchteile später prallt ein Mensch mit Paddys Wagen zusammen, fliegt meterhoch durch die Luft und bleibt tot liegen. Paddy ist unter normalen Umständen ein moralisch ziemlich aufrechter Mensch, aber nach einem Blick in die Brieftasche des Fremden wirft der Bestatter alle ethischen Grundsätze über Bord und entschließt sich zur Fahrerflucht: Er hat den Bruder des gefährlichsten Gangsters von Dublin getötet. Ehrlichkeit wäre jetzt das sichere Todesurteil. Doch es kommt noch dicker: Der völlig verängstigte Paddy wird von seinem ahnungslosen Chef damit beauftragt, sich um die Bestattung dieses Toten zu kümmern. Seine Gefühle beim ersten Besuch des trauernden Gangsterbosses sind so ähnlich, als würde man seinen Kopf in das weit geöffnete Maul eines hungrigen Löwen stecken.

Eine Mischung aus Krimi und schwarzem Humor

 

Jeremy Massey gelingt es, seine Story so aufzubauen, dass auch die absurdesten Szenen absolut nachvollziehbar sind und gar nicht so unwahrscheinlich wirken, wie es der Plot nahelegt. Seine plastische Sprache lässt den Leser wie einen stummen Zuschauer neben Paddy stehen und ihn dabei beobachten, wie sich die Abwärtsspirale immer schneller dreht. Die letzten vier Tage des Paddy Buckley ist ein Roman, der trotz des Grusels eine heitere und hoffnungsvolle Seite hat. Und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Die letzten vier Tage des Paddy Buckley wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist als Klappenbroschur bei carl's books erschienen und kostet 14,99 €.




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