Freitag, 22. September 2017

# 118 - Ex-Kommissar ist dem Mörder auf der Spur

Mitten in München: Ein Kind verschwindet

 

Friedrich Ani hat mit seinem neuesten Krimi Ermordung des Glücks den zweiten Band seiner Reihe um den Münchener Ex-Kommissar Jakob Franck veröffentlicht. Der erste Band Der namenlose Tag ist 2015 erschienen, und Ani bekam für dieses Buch 2016 den Deutschen Krimipreis. Die Erwartungen an den jüngsten Roman sind also hoch.

Ein langer Irrweg

 

An einem kalten, stürmischen und regnerischen Tag Mitte November verschwindet der elfjährige Lennard Grabbe spurlos auf dem Weg von der Schule nach Hause. Erst 34 Tage später wird seine Leiche gefunden. Der pensionierte Kommissar Jakob Franck hatte schon als aktiver Ermittler freiwillig eine Tätigkeit übernommen, die seine Kollegen bereitwillig an ihn abgegeben hatten: Er überbrachte Angehörigen von Mordopfern die Todesnachricht. Dabei ist es auch nach seiner Pensionierung geblieben, und so ist er es, der in das Café von Tanja und Stephan Grabbe kommt und den Eltern die schreckliche Nachricht vom Fund ihres toten Sohns überbringt. Doch dabei bleibt es nicht: Franck taucht auch in diesen Fall ein und ermittelt auf seine eigene und sehr spezielle Weise. 
Die Polizeiarbeit läuft auf Hochtouren: Der Fundort ist nicht der Tatort. Schnell ist klar, dass Lennard ganz in der Nähe der Schule getötet worden sein muss. An einem Baum werden dann auch tatsächlich Haare mit seiner DNA gefunden. Aber die Spurensuche ergibt ansonsten keine Erkenntnisse: Mehr als fünf Wochen nach der Tat bei ständig miserablem Wetter noch etwas Verwertbares finden zu können, gliche einem Sechser im Lotto. Die Frage bleibt im Raum: Wer vergreift sich an einem Jungen? Stammt der Täter aus dem Umfeld der Familie? Die Mordkommission der Münchener Kripo befragt 650 Menschen, die in der Nähe des mutmaßlichen Tatorts leben oder arbeiten, doch niemand hat eine Beobachtung gemacht, die der Polizei weiterhelfen würde.
Während die Ermittler nach Lennards Mörder suchen, wird immer deutlicher, dass der grausame Verlust des Kindes in der Familie Gräben wieder aufreißt, die viele Jahre lang verschüttet gewesen waren. Tanja Grabbe kommt mit dem Tod ihres Sohnes am schlechtesten zurecht. Lennards nun verwaistes Kinderzimmer wird für sie zu einer Art Schrein, in den sie sich physisch und psychisch zurückzieht und in Zwiesprache mit ihrem toten Sohn tritt. Ihr Mann Stephan hat hier keinen Zutritt, weder in den Raum noch in ihre Seele. Stephan fühlt neben der eigenen Verzweiflung und der zunehmenden Hilflosigkeit auch etwas anderes immer deutlicher: Auch nach etlichen Ehejahren kann er es mit Tanjas Bruder Maximilian Hofmeister nicht aufnehmen. Das Band zwischen seiner Frau und seinem Schwager ist so fest, dass er als Tanjas Ehemann immer nur eine Nebenrolle gespielt hat und spielen wird. Was Stephan nicht ahnt: Maximilian trägt schwer an einem grausamen Geheimnis, von dem nur Tanja weiß.

Gibt es den typischen Verdächtigen

 

Die Polizei ermittelt einen Verdächtigen, der bestens ins "Beuteschema" passt: Ein Versicherungsvertreter, der bis zum Umzug der Familie Grabbe zu ihren Nachbarn gehörte, hat Freude am Kontakt zu Kindern. Er bewunderte Lennards Fußballtalent und unterhielt sich gern mit ihm. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf ihn, die Presse nimmt den Faden gern auf. Letzten Endes reicht der Verdacht gegen den Mann jedoch nicht aus, um seine Untersuchungshaft zu verlängern. Doch er wird, kaum wieder in Freiheit, von jemandem erwartet, der nicht an seine Unschuld glaubt und das Recht in die eigenen Hände nehmen will. 
Der Mordfall erhält eine unerwartete Wendung, was insbesondere Francks Hartnäckigkeit und seiner besonderen Art, mit seinen Gesprächspartnern umzugehen, zu verdanken ist. Die Kripo muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass es nicht nur eine Unschuldsvermutung gibt, sondern dass sie auch immer die Menschen als mögliche Täter im Fokus behalten sollte, denen sie eine solche Tat am wenigsten zutraut.

Lesen?

 

Ermordung des Glücks gehört nicht zu den Krimis, die nach einem klassischen Schema aufgebaut sind. Ex-Kommissar Franck ist ein Mann, dessen Psyche nach der jahrzehntelangen Beschäftigung mit menschlichen Abgründen zerrissen ist. Er ist nicht in der Lage, mit dem Polizeidienst abzuschließen und bringt seine besonderen Kompetenzen bei speziellen Fällen immer wieder ein. Von seiner sehr ungewöhnlichen Methode, sich einem Mord emotional zu nähern und dessen Untiefen auszuloten, weiß allerdings kaum jemand: Die von ihm als Gedankenfühligkeit bezeichnete Vorgehensweise eignet sich nicht für die Polizeischule, hat ihm aber in seinem Berufsleben zu vielen überraschenden Erkenntnissen verholfen. Allerdings nicht bei der Aufklärung des Mordes an Lennard Grabbe. Krimi-Fans, die sich auch dafür interessieren, wie sich extreme psychische Belastungen auf Menschen auswirken und wie diese darauf reagieren können, werden dieses Buch sicher mögen. Nach Lennard kommen zwei weitere Menschen ums Leben, brutal wird die Handlung dadurch aber nicht. 

Die Suche nach der Wahrheit beinhaltet auch, dass die Aufnahmen von Kameras, die die Gegend um den mutmaßlichen Tatort ausleuchten, in Augenschein genommen werden. Friedrich Ani zählt auf, von welchen Größenordnungen da die Rede ist: Im Münchener Stadtgebiet befinden sich insgesamt mehr als 9.000 Kameras, der Großteil davon gehört der Deutschen Bahn und den Verkehrsbetrieben. Im Einsatzzentrum der Polizei sitzen Beamte rund um die Uhr vor 32 Monitoren und melden ihren Kollegen, wenn sie etwas Verdächtiges wahrnehmen. Aber die Frage, wie groß die Chance ist, mithilfe dieser Kameras ein Verbrechen zu beobachten oder sogar zu verhüten, erhitzt immer wieder die Gemüter. Letztlich geht es um ein subjektives Sicherheitsgefühl, das die Geräte vermitteln; wie einzelne Studien belegen, hat eine Videoüberwachung im öffentlichen Raum keinen Einfluss auf die Verbrechensrate.

Ermordung des Glücks ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als Kindle- oder epub-Edition 16,99 Euro sowie als CD-Hörbuch 15,95 Euro. Das Buch wurde mir von vorablesen zur Verfügung gestellt.

Sonntag, 17. September 2017

Deutscher Buchpreis 2017 - die Shortlist

Diese sechs Bücher sind eine Runde weiter


Die Jury hat eine Entscheidung getroffen und die 20 Titel umfassende Longlist auf nun sechs eingedampft. Geschafft haben es 
  • Romeo oder Julia von Gerhard Falkner,
  • Das Floß der Medusa von Franzobel,
  • Schlafende Sonne von Thomas Lehr,
  • Die Hauptstadt von Robert Menasse,
  • Die Kieferninseln von Marion Poschmann und
  • Außer sich von Sasha Marianna Salzmann.

Damit sind immerhin drei meiner sieben Favoriten in der letzten Runde. Am 9. Oktober wird bekannt gegeben, wer das Rennen gemacht hat und sich über das Preisgeld und sehr wahrscheinlich auch über angekurbelte Buchverkäufe freuen darf. Mein Tipp, der durch nichts außer mein Bauchgefühl begründet ist: Franzobel kann 25.000 Euro auf den Kopf hauen oder etwas anderes damit machen. Warten wir's ab.


Freitag, 15. September 2017

# 117 - Mord in Namibia

Die deutsche Kolonialherrschaft wirkt bis heute nach

 

Die Journalistinnen Almut Hielscher und Uta König haben die Handlung ihres Krimis Mord am Waterberg nach Namibia gelegt, das in der Zeit des deutschen Kolonialismus ab 1884 den Namen Kolonie Deutsch-Südwestafrika trug. Schon auf Seite 11 wird schlagwortartig erläutert, wie die deutsche mit der namibischen Geschichte verwoben ist: Während der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts errichteten die ersten deutschen Missionare Stationen und begannen, den Ureinwohnern das nahezubringen, was sie für den rechten Glauben hielten. Den Grundstein für die spätere Kolonialisierung legte der deutsche Kaufmann Adolf Lüderitz, der sich mit Verträgen, in denen die Einheimischen übers Ohr gehauen wurden, 580.000 Quadratmeter Land an der Westküste kaufte. 1884 wurde das Gebiet zum sog. Schutzgebiet, danach zur deutschen Kolonie. Diamantfunde weckten dann Begehrlichkeiten im fernen Deutschland, es kamen immer mehr deutsche Einwanderer. Je größer ihre Zahl wurde, umso größer wurde der Widerstand der Einheimischen, sodass Reichskanzler Bismarck immer mehr Soldaten schickte, um die Einheimischen in Schach zu halten. Die hatten allerdings mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts genug von Ausbeutung, Unterdrückung und Landnahme durch die Deutschen: Nacheinander erhoben sich zwischen 1904 und 1908 mehrere Stämme, die von den deutschen Truppen niedergemetzelt wurden. Als entscheidendes Ereignis gilt die Schlacht am Waterberg, bei der 80 % der Hereros ihr Leben verloren; nicht zuletzt, weil sie unter dem Kommando von Generalleutnant Lothar von Trotha in der Omaheke-Wüste eingekesselt wurden und dort verdursteten.


Ist so viel Geschichte wirklich nötig?

 

Bei diesem Buch eindeutig ja. Ohne ein Mindestmaß an Kenntnissen über die deutsche Kolonialherrschaft kann man die im Buch beschriebenen Befindlichkeiten und Verhaltensweisen der Namibier nicht nachvollziehen. Das Erbe dieser Zeit wirkt bis heute nach: Die größten Farmen mit den ergiebigsten Böden gehören immer noch den Nachfahren der deutschen Siedler, deutsche Farmnamen sind nichts Ungewöhnliches. 
In dieses Land fliegt im August 2004 die Buchhändlerin Katrin Sattler. Nicht, um dort Urlaub zu machen und Landschaft und Tierwelt zu bestaunen, sondern um ihre tote Schwester Anna nach Hause zu holen. Wenige Tage zuvor wurde Anna in ihrem Haus in Okakarara erschlagen gefunden. Sie war dort vier Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst in einem Kulturverein tätig gewesen und hatte gegenüber ihrer Schwester immer von ihrer Arbeit sowie Land und Leuten geschwärmt. Katrin hatte sich nie überwinden können, Anna dort zu besuchen, und so hatte sich ihr Kontakt im Wesentlichen auf Telefongespräche beschränkt. Ihr Plan ist, nur so viel Zeit in Namibia zu verbringen, wie nötig ist, um die Überführung der Schwester zu regeln und den Sarg ins heimische Stuttgart zu begleiten. Aber es soll anders kommen.

Wer hat Anna getötet?

 

Von Annas Chef Arnold erfährt Katrin, dass sich der Mörder bereits in Untersuchungshaft befindet. Das wird von der örtlichen Polizei bestätigt: Anhand von angeblich eindeutigen Indizien wurde ein Siebzehnjähriger als Täter für den Raubmord identifiziert, der jedoch vehement abstreitet, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Aber als Katrin in Annas Haus ist, bemerkt sie, dass alles, was einen nennenswerten Wert hatte, noch da ist. Sie hat an der Raubmord-Theorie erste Zweifel. Die sollen sich auch weiter verdichten, als ihr immer mehr Ungereimtheiten auffallen: Sie ist sich sicher, dass Arnold, der erheblich zur Verhaftung des jungen Mannes beigetragen hat, selbst keine weiße Weste hat. Da sich dieser auch ihr gegenüber merkwürdig verhält, beginnt Katrin, eigene Nachforschungen anzustellen. Sie findet heraus, dass der verhaftete Tatverdächtige für den Tatzeitraum ein Alibi hat: Er hat über mehrere Stunden hinweg in Arnolds Garten gearbeitet. Außerdem findet sie im Haus des Vereinschefs zwei Aktenordner und eine Kladde, die kurz zuvor aus Annas Haus gestohlen worden waren. Als Katrin ihre Beobachtungen der Polizei schildert, werden die Vorgänge verharmlost und sie wird nicht ernst genommen. Doch als sie nach einem nächtlichen Drohanruf Anzeige erstattet, wird man auch dort hellhörig. Ein Besuch auf der Farm, die einst von ihrer Großtante und deren Mann bewirtschaftet wurde und heute einer einheimischen Familie gehört, irritiert sie: Die Feindseligkeit, die ihr von der Mutter und einem der Söhne entgegenschlägt, kann sie sich nicht erklären. Auch ihre Schwester hatte die Familie besucht, um mehr über die längst verstorbene Großtante zu erfahren. Katrin beschließt, erst dann die Heimreise anzutreten, wenn zweifelsfrei feststeht, wer Anna getötet hat. Es gibt mehrere Menschen, denen das nicht gefällt. Doch sie findet Unterstützung in Annas Freundin Agnes und Chief John Kambanda, die auch für Katrins Schwester gute Freunde waren.


Wie war's?

 

Mord am Waterberg hat einen starken historischen Bezug. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich zwar 2004 zu den Gräueltaten während ihrer Kolonialherrschaft bekannt, wies aber Entschädigungsforderungen zugunsten von mehr Entwicklungshilfe zurück. Anfang 2017 reichten Vertreter der Herero und der Nama vor einem New Yorker Schiedsgericht eine Sammelklage ein. Die namibischen Verhandlungsführer haben durch ein Gutachten Reparationen in Höhe von 30 Milliarden Euro ermitteln lassen. Vieles, was zum Verständnis der Vorbehalte der Namibier gegenüber Deutschen nötig ist, wurde im Buch angesprochen. Das Thema dürfte heute vielen Deutschen nicht mehr präsent sein; so erklärt sich auch die Naivität, mit der sich Katrin oft in Namibia bewegt.
Die Idee, einen fast vergessenen Teil der deutschen Geschichte mit der Handlung eines Krimis zu verknüpfen, ist sehr interessant. Aber so genau die Beschreibung des historischen Hintergrunds und der heutigen Lebensverhältnisse ist, so flach ist die Zeichnung der einzelnen Charaktere: Sie bleiben eindimensional, weil wie in einer Reportage zwar ihr Handeln geschildert wird, aber oft unklar bleibt, was sie dazu bewogen hat. Warum beispielsweise aus dem Geplänkel zwischen Katrin und einem deutschen Biologen in der Bar einer Pension dann offenbar eine ernsthafte Liebebeziehung wird, ist kaum nachvollziehbar. Es ist diese Flachheit der Figuren, die dazu führt, dass dem Buch die wirkliche Spannung fehlt und es schwerfällt, sich in eine der Personen hineinzuversetzen.

Mord am Waterberg ist bei Pro Talk Crime erschienen und kostet als Taschenbuch 11,90 €. Das Buch wurde mir von der Agentur KongKing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
 

Sonntag, 10. September 2017

Die Hotlist aus den unabhängigen Verlagen

Den kleinen Verlagen eine Chance geben

 

Rund um die beiden Buchmessen in Leipzig und Frankfurt werden gerne Literaturpreise vergeben. Angesichts der vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 stattfindenden Frankfurter Buchmesse wird der Deutsche Buchpreis im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, über den ich hier auch bereits geschrieben habe. Aber wer diesen Blog ein bisschen kennt, weiß, dass ich versuche, auch "die Kleinen" nach vorn zu bringen: sowohl die Self Publisher, die ihre Bücher ohne die Unterstützung eines Verlags auf den Markt bringen, als auch die unabhängigen Verlage. Aber was hat es mit diesen unabhängigen Verlagen auf sich? Ist nicht jeder Verlag unabhängig?

Das macht unabhängige Verlage aus

 

Zu den Unabhängigen zählen diejenigen Verlage, die sich nicht unter dem Dach eines Großverlags wie z. B. Random House (dazu gehören u. a. Blanvalet, Siedler oder Heine) oder dem Wissenschaftsverlag Elsevier befinden. Auf diesem Blog finden sich z. B. die Krimis Brant  und Libreville aus dem Polar Verlag, Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken und Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun aus dem Verlag Matthes & Seitz oder Mallorca clásica aus dem Heel Verlag.
Die Qualität der Bücher steht denen aus den Großverlagen in nichts nach, ich würde sogar behaupten, dass in den unabhängigen Verlagen sorgfältiger gearbeitet und sehr oft mehr Wert auf Qualität gelegt wird. Diesen Anspruch stellte auch der A1 Verlag an sich, der in der Bücherkiste mit dem Roman Herr der Krähen des "ewigen" Anwärters auf den Literatur-Nobelpreis, Ngũgĩ wa Thiong’o, vertreten ist. 1990 gegründet, landete er mit dem 1998 erschienen Buch Die weiße Massai einen Publikumserfolg, der Geld in die Kasse spülte. Der hohe Anspruch, den die drei Gründer an ihr Programm stellten, lässt sich nun aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr halten: Der Verlag befindet sich aktuell in der Liquidation.

Der Weg zur Hotlist 2017

 

Seit 2009 wird der "Preis der Hotlist" vom Verein der Hotlist ausgeschrieben. In diesem Jahr wurden von den unabhängigen Verlagen 184 Titel zur Prämiierung eingereicht, die zwölf Kategorien zugeordnet sind. Die Jury setzt sich zusammen aus einer schweizer Buchhändlerin, einem Autor, zwei Literaturwissenschaftlern sowie einem Redakteur bei ZDF-Kultur. Die 30 Bücher, die zur Wahl gestanden haben, wurden von dieser Jury ausgesucht. Anschließend konnte jeder Internetnutzer unter der Adresse www.hotlist-online.com an der Wahl teilnehmen. Die drei Titel, die mit den meisten Stimmen aus dieser Wahl hervorgehen, zogen in die Hotlist ein, weitere sieben Vorschläge steuerte die Jury bei. Welches der letzten zehn Bücher den Preis der Hotlist in Höhe von 5.000 Euro bekommt, entscheidet ebenfalls das Expertengremium. Auch Buchhändlerinnen und Buchhändler haben ein Wort mitzureden: Sie stimmen ab, welcher der Hotlist-Titel den Melusine-Huss-Preis erhält, der dem entsprechenden Verlag einen 4.000-Euro-Druckgutschein der Druckerei Christian Theiss GmbH sichert. Die Preisverleihung findet in diesem Jahr am 14. Oktober im Literaturhaus Frankfurt statt.

Das ist die Hotlist 2017

 

Der Verlag Assoziation A schlug erfolgreich den Titel Über Grenzen von Lutz Taufer vor. Der Autor schildert in seiner Autobiographie sein Leben im politisch linken Spektrum, angefangen vom Sozialistischen Patientenkollektiv über die RAF bis zur heutigen 
Mitgliedschaft im Weltfriedensrat. 


 

Aus dem bilgerverlag kommt Notre-Dame-de-la-Merci von Quentin Mouron. Ein tragischer Roman um drei Menschen, der in einem kanadischen Dorf spielt, das dem Buch seinen Titel gab.



 


In der Edition Korrespondenzen ist Das Einsame Begräbnis des Autorenduos Maarten Inghels und F. Starik veröffentlicht worden. Hier geht es um sehr persönliche Gedichte, die im Rahmen eines Projekts in den Niederlanden und in Flandern für Verstorbene, die vereinsamt gelebt haben, geschrieben und bei ihrer Bestattung vorgetragen werden.


 

Der lichtung verlag hat den Roman Schwimmerbecken von Ulrike Anna Bleier herausgegeben. Es geht um Luises Zwillingsbruder, der fünf Jahre verschwunden war und nach seinem überraschenden Auftauchen nur noch Indonesisch spricht. Luise geht der Sache auf den Grund.


 


Der Verlag Matthes & Seitz Berlin hat den Titel Strategien der Wirtsfindung zum Wettbewerb eingereicht. Brigitta Falkner entwirft auf 200 ganzseitigen Bild- und Texttafeln eine fröhliche Parasitologie, die zwischen Fiktion und Fakten pendelt. 


 


Guy Delisle hat die Geschichte des ehemaligen "Ärzte ohne Grenzen"-Mitarbeiters Christoph André als Graphic Novel aufgezeichnet. Im bei Reprodukt herausgegebenen Titel Geisel schildert er, wie er 1997 im Nordkaukasus von tschetschenischen Separatisten entführt und 111 Tage in Geiselhaft gehalten wird. 


 

Halb Taube halb Pfau von Maren Kames ist ein Leseerlebnis der besonderen Art. Zitat der Inhaltsbeschreibung: " HALB TAUBE HALB PFAU kennt keine Genregrenzen. Die Textspiegelungen oszillieren zwischen Prosa, Lyrik und Drama." Für dieses beim Secession Verlag für Literatur erschienene Buch erhielt die Autorin den Düsseldorfer PoesieDebütPreis. 


 

Goldgefasste Finsternis ist das erste Buch des Österreichers Arno Tauriinen, das bei Topalian & Milani erschienen ist. Der Teufel ersinnt darin die Stadt "W", und die ganze Welt wird in ein Theaterstück transformiert.


 



Der Verlag Wallstein hat den Roman Als ob sie träumend gingen veröffentlicht. Anna Baar lässt ihre Hauptfigur die Ereignisse eines bestimmten Tages auf Band sprechen. Doch erst, als der Mann im Sterben liegt, wird ihm klar, was an diesem Tag wirklich geschah. Ein Buch um eine verpasste Liebe und menschliche Abgründe. 


 

Im Wieser Verlag ist Miroslav Krležas Roman Die Fahnen erschienen. Das Buch ist so etwas wie eine Chronik der Schicksale der serbischen, kroatischen und ungarischen Intelligenz im 20. Jahrhundert. Zum Lesen braucht man einen ziemlich langen Atem: Die deutsche Übersetzung ist 2.300 Seiten lang. 

Alle zehn nominierten Titel auf einen Blick einschließlich Leseproben gibt es hier.

Freitag, 8. September 2017

# 116 - Lasst uns reden

Ein Vater im Gespräch mit seinen erwachsenen Kindern 

 

Der Kulturwissenschaftler und Kulturmanager Martin Roth hat sich mit seinen 20 bzw. 28 Jahre alten Töchtern Clara und Mascha sowie seinem 27 Jahre alten Sohn Roman zusammengesetzt und geredet: über die Welt, Europa, Deutschland und die Familie. In diese Kapitel ist das aus dieser Diskussion entstandene Buch Widerrede! aufgeteilt, das am 28. August 2017, gut drei Wochen nach Roths Tod, erschienen ist.


Was gibt es da zu reden?

 

Eine Menge. Es geht darum, herauszufinden, wo man in diesen Zeiten, in denen nicht nur eine Krise die andere abzulösen scheint, sondern sich mehrere Unruheherde parallel abspielen, selbst steht. Es geht auch um den Mut, sich deutlich zu positionieren, anstatt sich mit bestenfalls lauwarmen Meinungsäußerungen aus der Affäre zu ziehen. Es geht darum, dem (Rechts-)Populismus etwas entgegenzusetzen und sich politisch einzubringen.
In seinem Vorwort hat Martin Roth deutlich formuliert, was ihn umtreibt: Er sah sich als Europäer, der damit, dass Großmäuler wie Nigel Farage und Boris Johnson nicht nur ihr Land gespalten, sondern es in den Brexit getrieben haben, um kurz nach der Wahl einen Rückzieher zu machen und ihre markigen Slogans zu relativieren, nicht zurecht kam. Vieles von dem, was die Briten dazu bewogen hatte, für einen Austritt aus der EU zu stimmen, erwies sich als glatte Lüge. Eine große Zahl derer, die sich an der Abstimmung nicht beteiligt hatten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass es eine Mehrheit für den Austritt geben würde, hat das später bereut.
Roth sah in mehreren europäischen Staaten, dass belegbare Fakten und Ansichten von Experten nichts mehr zählen, sondern Halbwahrheiten oder gar Lügen den politischen Ton immer mehr bestimmen. Das, was nach dem 2. Weltkrieg an Freiheit, Solidarität und Toleranz aufgebaut worden ist, wollte er nicht durch Nationalisten zerstört sehen. Roth hatte die Sorge, dass sich das, was sich während der 1920er und 1930er Jahre in Deutschland abgespielt hat, wiederholen könnte: Auch damals wurde zu vielen Dingen, die von den meisten Menschen nicht gutgeheißen wurden, geschwiegen, frei nach dem Motto "So schlimm wird es schon nicht werden". 
Er wünschte sich eine offene und freie Kommunikation, ein freies Leben ohne Grenzen und ein hochwertiges Bildungssystem. Und ein weiteres Phänomen behagte ihm nicht: Er sah immer mehr Menschen, die für ihre wie auch immer gearteten Probleme Europa oder ganz pauschal dem Staat die Schuld geben.

Die Diskussionen


An dieser Stelle sollen die Diskussionsverläufe nicht vorweggenommen werden, daher nur so viel: Die grundsätzliche Haltung der vier Roths zu Freiheit, Demokratie, Europa und der Notwendigkeit des politischen Handelns ist sehr ähnlich. Die Art, damit umzugehen, ist aber unterschiedlich. Kein Wunder: Die Sozialisation Roths hat mit der seiner Kinder praktisch keine Gemeinsamkeiten. Er selbst kam aus einfachen Verhältnissen, seine Kinder wurden geboren, als sich ihr Vater beruflich und höchstwahrscheinlich auch wirtschaftlich längst etabliert hatte. Die soziale Herkunft gehört jedoch zu den prägendsten Dingen im Leben eines Menschen; sie ist etwas, was sich kaum abschütteln lässt.
Widerrede! ist ein Buch, das aufrütteln soll und seinen Lesern vermitteln will: Wir leben in einer kritischen Zeit. Um unsere Probleme in den Griff zu kriegen, genügt es nicht, vom heimischen Sofa aus auf "die Politik" oder "die Politiker" zu schimpfen, sondern wir sind aufgefordert, selbst etwas zu tun. Im Gegensatz zu seinen Kindern legte Martin Roth die Messlatte hierfür nicht sehr hoch an: Er fand soziales Engagement völlig ausreichend, während seine Kinder das in der Wirkung als zu gering einstuften.

Lesen?

 

Widerrede! gibt zahlreiche Denkanstöße und zeigt seinen Lesern die Sicht eines Weltbürgers auf die heutige politische Landschaft in Deutschland und Europa. Zitat: "Mir war es wichtig, etwas über Generationen hinweg zu debattieren und zu publizieren". Das ist ihm gelungen.

Widerrede! ist erschienen bei Verlag und Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart GmbH und kostet 9,95 Euro. 
Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 
  

Freitag, 1. September 2017

# 115 - Angst ist ein starker Antrieb

Ein Toter, eine Frau auf der Flucht - alles klar, oder?

 

Casey Cox ist 25, arbeitet in einer Versicherungsagentur und wird von allen, die sie kennen, als offen, ehrlich und herzensgut beschrieben. Kurz: Sie ist ein Mensch, den sich jeder zum Freund wünscht. Doch dann ist da dieser eine Tag: Sie ist im Haus ihres besten Freundes Brant, sieht ihn in Unmengen von Blut tot auf der Treppe liegen, geht um ihn herum, kniet sich neben ihn - und flieht. Casey hinterlässt so viele Spuren, dass sich die Polizei von Shreveport/Luoisiana sicher ist: Die junge Frau hat den Journalisten Brant Pace ermordet. Nur wenn ich fliehe der erfolgreichen US-Bestseller-Autorin Terri Blackstock beschreibt die Odyssee einer jungen Frau, die um ihr Leben füchtet.

Nur weg, egal wohin 

 

Casey setzt sich in den nächsten Greyhound-Bus. Die Fahrt geht zuerst in Richtung El Paso. Dort kennt sie niemand, keiner käme also auf die Idee, sie dort zu suchen. Sie vernichtet ihr Handy, zahlt alle Beträge in bar, benutzt mehrere Buslinien, ändert ihre Frisur und loggt sich ausschließlich von öffentlich zugänglichen Computern ins Internet ein. Sie tut alles, um ihre Spuren zu verwischen. Sie benimmt sich auf den ersten Blick wie eine Täterin. Tatsächlich erfährt Casey aus dem Internet, dass nach ihr als Brants mutmaßlicher Mörderin gefahndet wird. An dieser Stelle beginnt man sich als Leser zu fragen, warum sie sich nicht einfach einen Anwalt nimmt und ihre Unschuld beweist. Aber so einfach ist es nicht. Über ein Prepaid-Handy nimmt sie Kontakt zu ihrer Schwester auf und erfährt, dass nicht nur die Poliziei, sondern auch ein gewisser Dylan Roberts nach ihr sucht. Er arbeitet im Auftrag von Brants Eltern, die den Tod ihres Sohnes so schnell wie möglich aufgeklärt sehen möchten. Dylan war mehrere Jahre bei der Army und wurde in Afghanistan und im Irak eingesetzt. Brants Eltern kennen ihn noch aus der Zeit, als er und ihr Sohn als kleine Jungen zusammen spielten. Zuletzt arbeitete Dylan bei der Militärpolizei. Er scheint wie geschaffen dafür zu sein, den Auftrag der Paces zu erfüllen. Doch niemand außer seiner Psychologin weiß von seiner posttraumatischen Belastungsstörung, die er sich während seiner Einsätze zugezogen hat. Er hat massive Schlafstörungen und immer wieder Flashbacks, die letztendlich auch zu seiner Entlassung aus der Army geführt haben. Wird er es schaffen, die Chance zu nutzen und diesen Job zu erledigen?

Wer sind die Guten und wer die Bösen?

 

Das ist die klassische Frage in jedem Buch, wenn ein Mensch ermordet wird. Aber das zunächst Offensichtliche - Casey ist Brants Mörderin - tritt im Verlauf der Handlung immer mehr zurück hinter dem, was 13 Jahre zuvor geschehen ist: Caseys Vater Alex, selbst ein Polizist, wurde von seiner Tochter erhängt im Haus der Familie gefunden. Die damaligen Ermittler schlossen aus der Auffindesituation sofort auf Selbstmord. Die Zweifel der Familie wurden ignoriert, aber Casey hat seitdem den letzten Anblick ihres Vaters immer vor Augen: Sein Leichnam baumelt von der Zimmerdecke, und er hat Wunden an den Armen und Blut an den Fingern. Sieht so jemand aus, der sich erhängt hat?
Dylan ist Casey auf der Spur und hat sich durch Gespräche und das, was er im Intrenet über sie erfahren hat, ein Bild von ihr gemacht. Seine Erfahrung sagt ihm, dass sie nicht der Typ Mensch ist, der seinen besten Freund gezielt und kaltblütig tötet. Seine Nachforschungen bringen Erkenntnisse zutage, die so ungeheuerlich sind, dass er selbst zunächst an ihrem Wahrheitsgehalt zweifelt. Aber dann findet er zufällig die Leiche einer Angestellten der Polizeiverwaltung: Sie wurde in ihrem eigenen Haus erschossen, kurz nachdem sie sich mit Dylan verabredet hatte, um ihm zu erzählen, was ihr damals beim Tod von Alex Casey merkwürdig vorgekommen war.

Wie war's? 

 

Nur wenn ich fliehe ist ein spannender Roman, dem allerdings ein klares Finale fehlt. Ob es sich um eine dramaturgische Absicht der Autorin oder ein gewolltes Open End handelt - man weiß es nicht. Klar ist aber: Sollte Terri Blackstock eine Fortsetzung veröffentlichen, wird sie auf diesem Blog vorgestellt. 

Nur wenn ich fliehe ist im Brunnen Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 15 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 12,99 €.

  



Dienstag, 29. August 2017

# 114 - Der Weltuntergang ist nah

Wenn alles, was wir kennen, nicht mehr zählt

 

Heiligabend in Salla, einer Gemeinde im finnischen Teil Lapplands, in der Nähe der Grenze zu Russland: Der 14jährige Toni und sein Vater sehen am späten Abend, wie ein  strahlend helles Licht für wenige Sekunden die Nacht zum Tag macht. Mangels anderer Erklärungen einigen sie sich im Familienkreis darauf, dass es eine ungewöhnlich große Sternschnuppe oder ein sehr großer Meteor gewesen sein müsse, den sie am Himmel gesehen haben. Am nächsten Tag stößt der junge Finne zufällig auf eine Fichte, die völlig vom Schnee befreit ist und ihm im leuchtenden Orange entgegenstrahlt. An dem Baum ist kein grüner Fleck mehr. Die benachbarten Fichten zeigen bereits orange Farbtupfer. Toni, der im Wald aufgewachsen ist und dessen Familie seit Generationen von der Forstwirtschaft lebt, ist sofort klar, dass es sich hier um eine Krankheit handeln muss. Mit diesem Ausgangsszenario beginnt der Roman Chlorophyll des Autors M. J. Herberth.

Was steckt hinter der Pflanzenkrankheit?

 

Das Orange, das Toni am ersten Weihnachtstag gesehen hat, breitet sich dermaßen schnell aus, dass auch der Versuch, die Krankheit mit dem Einsatz von Harvestern und dem Verbrennen der abgestorbenen Bäume zu stoppen, scheitert. Obwohl die Maschinen in der Lage sind, täglich bis zu 400 Bäume zu fällen, fallen der rätselhaften Epidemie immer mehr Bäume zum Opfer. Binnen weniger Tage hat sie sich auch auf die russischen Wälder ausgedehnt; die Russen versuchen, dem Fortschreiten mit großen Brandrodungen Herr zu werden, aber auch diese Maßnahmen haben keinen Erfolg, und sowohl die Finnen als auch die Russen müssen mitansehen, wie ihre Wälder zugrunde gehen. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Phänomen: Tiere, die sich in der Nähe der erkrankten Bäume aufhalten, werden tot aufgefunden. Im Schnee sind keine Spuren zu sehen, die auf ein Raubtier oder einen Jäger hindeuten würden, aber die Kadaver weisen eine merkwürdige Form auf: Sie fallen so in sich zusammen, als hätten sie sich von innen selbst verdaut. Und noch etwas fällt an ihnen auf: Trotz der klirrenden Kälte und des Schneefalls bleibt auf ihnen keine einzige Flocke liegen. Eine Untersuchung ergibt, dass sie ebenso wie die toten Bäume Wärme an ihre Umgebung abgeben.
Am 29. Dezember macht die promovierte Physikerin und Expertin für Satellitennavigation Mia Schindler 2.800 Kilometer von Salla entfernt eine Entdeckung: Als sie in Darmstadt im Kontrollraum des Europäischen Raumflugkontrollzentrums (ESOC) einen Forschungsauftrag erledigt, sieht sie zufällig Satellitenbilder, die den finnischen Teil Lapplands zeigen. Ihre Aufmerksamkeit gilt zunächst der dunklen Rauchsäule, die in der Nähe von Salla aufsteigt, doch bei näherem Hinsehen fallen ihr gleich zwei Anomalien auf: Der finnische Wald leuchtet mitten im klirrend kalten Winter in einem strahlenden Orange und ist dort schneefrei, und der benachbarte See ist zumindest teilweise eisfrei. Mia kann sich darauf keinen Reim machen und beobachtet die Gegend auch in den nächsten Tagen. So sieht sie, wie die Fläche, die die verfärbten Bäume einnehmen, stetig größer wird und auch das Eis auf dem See immer weiter auftaut. Am selben Tag macht Toni im fernen Lappland eine grausige Entdeckung: Sein Hund apportiert nicht wie üblich den kleinen Spielball, sondern das Auge eines Menschen. Es gehört Igor, der sich am Abend zuvor betrunken an einen Baum gelehnt hat und dort erfroren ist. Auffällig ist jedoch, dass der Tote vollständig von weißen Pilzhyphen überwuchert ist, die sowohl in als auch auf ihm sind. Sie waren es, die ihm eines seiner Augen aus dem Schädel gedrückt haben.

Ein nie da gewesenes Phänomen gibt Rätsel auf

 

In Finnland entwickeln Wissenschaftler erste Theorien, was hinter der Erkrankung stecken könnte. Die erhöhte Temperatur in den Bäumen deutet auf einen verstärkten Stoffwechsel hin. Es hat den Anschein, dass die Bäume wegen des fehlenden Chlorophylls keine Fotosynthese mehr betreiben und ihre letzten Reserven verarbeiten, bis ihr sicherer Tod eintritt. In dieses Schema passt auch der Tod des mit Pilzhyphen überwucherten Mannes: Der Schluss liegt nahe, dass sich der Baum, an dem er lehnte, über den Pilz von der Leiche ernährte.Doch neben den erkrankten Bäumen heizt auch der teilweise aufgetaute See bei Salla die Spekulationen weiter an: In seiner Umgebung treten Störungen auf, die den Funkverkehr komplett lahmlegen. Im Laufe der nächsten Monate wird das zunächst auf Finnland beschränkte Problem zu einem globalen: Internationale Forscherteams versuchen, den Anomalien auf den Grund zu gehen und zu ergründen, was das Sterben der Bäume ausgelöst haben könnte. Ihnen sitzt die Zeit im Nacken: Nach und nach breitet sich die Orangefärbung auf alle bekannten Pflanzenarten aus und macht sogar vor Meeresalgen nicht mehr halt. Auch die Erwärmung des Seewassers bei Salla hat einen Grund: In dem Gewässer befindet sich ein bislang unbekannter Organismus, der in seiner Form an eine Schüssel erinnert und sich ständig ausbreitet. Er ernährt sich von allem Lebenden, was in seine Nähe kommt, was auch einen Taucher einschließt. Gebilde dieser Art finden sich in immer mehr Binnengewässern und später auch auf dem offenen Meer. Dort werden sie zur Bedrohung aller Lebewesen, die sich in oder auf den Ozeanen bewegen. Doch es bleibt lange unklar, welchen Zweck diese Organismen haben und welches Ziel sie verfolgen. Klar ist nur: Die Pflanzenepidemie löst eine weltweite Hungersnot aus, der Milliarden Menschen zum Opfer fallen. In ihrer Not schrecken viele der immer weniger werdenden Erdbewohner auch nicht vor den abscheulichsten Taten zurück, um ein kleines bisschen länger auf dem unwirtlichen Planeten zu überleben.

Lesen?

 

Chlorophyll bietet auf mehr als 660 Seiten spannende Lektüre mit einem wissenschaftlichen Hintergrund. Der Auslöser der globalen Katastrophe, auf den hier nicht eingegangen werden soll, ist durchaus im Rahmen des Möglichen. Auch die Erklärung für das, was sich da im Laufe von 15 Monaten abspielt, ist plausibel und gut nachvollziehbar - glücklicherweise auch ohne ein naturwissenschaftliches Studium. Der Leser erfährt quasi nebenbei eine Menge über die chemischen, physikalischen und biologischen Grundlagen unseres Lebens und mindestens genauso viel über Astrophysik. Herberth lässt auch die menschlichen Abgründe nicht aus, die sich angesichts der extremen Notsituation auftun wie Vulkankrater. Es ist keine Überraschung, dass für die oberen 100.000 der Welt - einschließlich der fähigsten Wissenschaftler - eine Überlebensstrategie entwickelt wird. Wem Der Schwarm von Frank Schätzing nicht apokalyptisch genug war, kommt bei diesem Roman voll auf seine Kosten.

Chlorophyll ist bei epubli erschienen und wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt. Es kostet als Taschenbuch 19,99 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 3,99 Euro.

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