Freitag, 21. August 2015

# 12: Ein liebes Kind bei Liebeskind?

Hier macht sich eine Leiche selbstständig

 

Der Roman, den ich euch heute vorstellen möchte, spielt in einem Stadtteil von Philadelphia, God's Pocket. Danach wurde auch das gleichnamige Buch von Pete Dexter God's Pocket benannt, das im amerikanischen Original bereits 1983 erschienen ist, den Weg zur deutschen Übersetzung in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind aber erst 2010 geschafft hat.

Für manche kommt der Tod zu früh, für andere gerade richtig

 

Leon Hubbard ist 24 Jahre alt und lebt bei seiner Mutter Jeanie und seinem Stiefvater Mickey in God's Pocket. Er ist alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse: Leon ist arbeitslos, drogensüchtig, lässt sich gehen und wird aus nichtigen Gründen gewalttätig. Ständig faselt er von Gewalttaten, die er begangen haben will, und das Rasiermesser, das er ständig in seiner Hosentasche trägt, ist so etwas wie sein bester Freund. Durch Mickeys Verbindungen zur Mafia bekommt er einen Job als Maurer und soll helfen, einen Anbau des örtlichen Krankenhauses fertigzustellen. Doch er ist erst wenige Tage auf der Baustelle, als es auch schon Ärger gibt: Nachdem Leon stundenlang damit geprahlt hat, wie er einmal eine Katze gequält hat, ist er auf der Suche nach einem Opfer, an dem er seine Aggressionen ausleben kann. Das findet er in "Old Lucy" Lucien, dem vermeintlich schwächsten Mitglied des Bautrupps. Er ist nach Meinung des Vorarbeiters Peets der beste Mann auf der Baustelle und mit Ende 60 so etwas wie der Methusalem unter den viel jüngeren Kollegen. Was ihn in Leons Augen wertlos macht, ist seine Hautfarbe: "Old Lucy" ist schwarz und hasst es, deswegen beleidigt zu werden.

Leon provoziert Lucien, was dieser eine ganze Weile mit stoischem Gleichmut ignoriert. Doch dann kommt der Moment, in dem Leon den Bogen überspannt: Er holt sein Rasiermesser aus der Tasche und hält es dem "Nigger" drohend unter das Kinn. Dabei verletzt er Lucien leicht, hält das aber für eine Bagatelle. Als sich Leon von Lucien abwendet, nutzt der die Gelegenheit und schlägt ihn mit einem Eisenrohr nieder. Leon überlebt diese Attacke nicht.

Die Wahrheit sollte sich an der Wirklichkeit orientieren

 

Peets gibt seinen Leuten vor, was sie zu sagen haben: Leon hatte einfach Pech, als er unglücklicherweise genau dann neben dem Drehkran stand, als sich ein Bolzen löste und ihn am Hinterkopf traf. Da kann man ja nun gar nichts machen, so schnell kann man gar nicht gucken, wie so etwas passiert...

Diese Version wird den beiden Polizisten, die den Hergang protokollieren, aufgetischt. Einer von ihnen hat zwar eine Ahnung, dass an der Geschichte etwas faul sein könnte, lässt es aber auf sich beruhen. Er kennt God's Pocket gut genug, um zu wissen, dass die Leute hier die Dinge unter sich regeln.

Jeanie glaubt zunächst die Version, die die Polizisten ihr erzählen. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der seinen Stiefsohn schon länger für einen Psychopathen gehalten hat und ihm nicht nachtrauert, hat sie in Leon immer nur den netten Jungen sehen wollen.  Als die allererste Gefühlsaufwallung etwas abgeflaut ist, bricht ihr Mutterinstinkt durch und sie äußert Zweifel daran, dass Leons Tod nur ein Unfall war. Sie nötigt Mickey dazu, sich darum zu kümmern, dass die Wahrheit herausgefunden und außerdem Leon würdig beerdigt wird. In God's Pocket wird unter "Dein Freund und Helfer" aber nicht die Polizei verstanden, und so wendet er sich an seinen Kumpel Bird, einen rangniederen Mafioso. Auch die Beisetzung wird ins Rollen gebracht: Mickey will vom Bestatter in God's Pocket einen Mahagonisarg kaufen, hat aber nicht das nötige Kleingeld.

Doch auch die Lokalpresse will über den "Unfall" berichten und schickt ihren dienstältesten Kolumnisten Richard Shellburn in das Viertel. Shellburn ist ein heruntergekommener Schreiberling, der schon seit einer Ewigkeit für die "Daily News" Artikel schreibt. Alle Kollegen wissen, dass er die meiste Arbeit von seinem Assistenten Billy machen lässt und sich ansonsten dem Alkohol und den Frauen widmet. Als Jeanie ihm die Haustür öffnet, verliebt sich Richard auf der Stelle in sie. Das gibt ihm Auftrieb, nach den wahren Hintergründen von Leons Ableben zu forschen. Doch zuviel Wahrheit kommt in God's Pocket gar nicht gut an...

Durch eine Verkettung von makabren Handlungen und Zufällen findet sich Leons Leiche schon bald in Mickeys Kühllaster wieder und tritt ihre vorletzte Reise an. 

 

 Kein Krimi, aber hochinteressant

 

Wer darauf setzt, dass die beiden Polizisten sich mit kriminalistischem Scharfsinn in die Aufklärung dieses Sterbefalls vertiefen, hat an dieses Buch falsche Erwartungen. God's Pocket ist ein Gesellschaftsroman, der das Leben und Denken der Bewohner dieses Stadtteils beleuchtet. Dabei ist der Name nur angelehnt an den des Stadtteils, der tatsächlich gemeint ist: Devil's Pocket. 
Dexter beschreibt in seinem Roman die eng aneinander gebauten Reihenhauszeilen, die durch das nahe Industriegebiet verdreckten Fassaden und die Nähe zum Fluss. Dort leben die Nachfahren irischer Einwanderer, die sich mit schlecht bezahlter Arbeit und windigen Geschäften durchs Leben schlagen.
In God's Pocket  verfolgt Dexter so viele Handlungsstränge, dass ihre Schilderung eine Rezension sprengen würden. Trotzdem verliert man als Leser nie den Faden und ist immer wieder von den unerwarteten Abläufen überrascht. Ich euch kann das Buch unbedingt empfehlen. Die etwa 360 Seiten sind schnell gelesen.

Die Romanverfilmung lief 2014 in den US-Kinos. Eine der Hauptrollen spielte Philip Seymour Hoffman in der Rolle des Mickey. Die deutsche Fassung hatte den Titel "Leben und Sterben in God's Pocket".

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