Freitag, 10. Juli 2015

# 6 - Ein Monolog mit der sterbenden Tochter

Ein Jahr für einen Abschied und ein ganzes Leben

 

Paula CoverIch möchte euch heute eines der berührendsten Bücher vorstellen, das ich bisher gelesen habe. Paula wurde zwischen Dezember 1991 und Dezember 1992 von der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende geschrieben und 1994 in Spanien erstmals veröffentlicht. Die erste Auflage der deutschen Ausgabe ist 1996 im Suhrkamp Verlag erschienen. Allende hat das Buch sowohl am Krankenhausbett ihrer Tochter als auch in ihrem Hotelzimmer in Madrid geschrieben. Es ist nach ihrer Tochter benannt, und die Autorin erzählt darin der sterbenden Paula die Geschichte der Familie.
Mir ist das Buch vor ein paar Jahren auf dem Weihnachtsflohmarkt unserer örtlichen Stadtbibliothek in die Hände gefallen. Auch so bekommt man manchmal neue Anregungen ;-)


Ein bewegtes Familienleben, mit schonungsloser Offenheit erzählt


Isabel Allendes Tochter ist im Alter von 28 Jahren an Porphyrie erkrankt, dabei handelt es sich um eine Gruppe von Stoffwechselkrankheiten. Im Dezember 1991, mit dem Beginn der Erzählung, liegt sie bereits seit einem Monat im Koma. Ihre Mutter verbringt Tage und Wochen an der Seite ihres Kindes und gibt die Hoffnung zunächst nicht auf, dass Paula erwachen und wieder gesund werden würde. Sie nutzt die Gelegenheit, vor ihrer Tochter, die ihr nicht mehr antworten und sie wahrscheinlich auch nicht verstehen kann, die Geschichte der Familie wie ein Tischtuch auszubreiten.
Allende beginnt ihren Rückblick mit der romantischen Liebe zwischen ihren Eltern. Ihre Mutter heiratete gegen den Willen ihres Vaters den gutaussehenden Tomàs. Tomàs wurde Diplomat, aus der nur vier Jahre dauernden Ehe gingen drei Kinder hervor. Der Vater ließ seine Frau und die Kinder in schwierigeren Situationen immer im Stich, und so gut wie immer herrschte finanzielle Not. Als ihm eines Tages die Probleme über den Kopf wuchsen, verschwand er spurlos und ließ nie mehr von sich hören.
Allende lässt in ihrem Buch nichts aus: Sie berichtet davon, im Alter von acht Jahren vom Sohn eines Fischers missbraucht worden zu sein. Den jungen Mann kannte sie bereits, und darum war sie zunächst völlig arglos, als er sie bat, ihm in ein Wäldchen zu folgen. Was dort geschah, stellt sie sehr eindringlich dar, sodass die Leser sehr gut nachfühlen können, was in dem kleinen Mädchen vorgeht, während sich der junge Mann an ihr befriedigt. Es kommt zwar nicht „zum Äußersten“, aber seine eindringliche Warnung, sie dürfe das Erlebte niemandem erzählen, wirkt bis ins Erwachsenenalter nach.

Irgendwann nach dem Verschwinden von Tomàs beginnt Allendes Mutter ein Verhältnis mit dem verheirateten Diplomaten Ramòn. In ihrem streng katholischen Umfeld erzeugt diese Verbindung einen derart großen Aufruhr, dass sogar der Bischof bei Allendes Großvater vorstellig wird. Doch vergebens: Ramòn trennt sich von seiner Frau und heiratet schließlich seine Geliebte. Der neue Stiefvater ist für die drei Allende-Kinder ein viel besserer Vater, als es der biologische je war.



Veränderungen prägten das Leben der Familie Allende


Isabel Allende erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Boliviens Hauptstadt La Paz und von den drei Jahren in Beirut. Dort besucht sie eine englische Mädchenschule. Als im Herbst 1956 mit der Landung der VI. Flotte der USA die Suezkrise beginnt und die Situation eskaliert, werden die fünfzehnjährige Isabel und ihre Brüder nach Chile ausgeflogen, wo sich ihr Großvater um sie kümmert. Von diesem Flug erzählt Allende eine kleine Anekdote: Das Flugzeug hatte kaum abgehoben, als eine von Kopf bis Fuß verhüllte Frau seelenruhig damit begann, auf dem Gang zwischen allen Passagieren Essen zu machen. Das löste beim Flugpersonal hektische Betriebsamkeit aus.


Allende lässt nichts aus, was sie vermutlich schon immer ihrer Tochter erzählen wollte, wozu sie aber erst jetzt den Mut findet, als die sie nicht mehr hören kann. Sie erzählt Paula vom Beginn ihrer Liebe zu Miguel, dem Vater ihrer Kinder, und lässt auch ihren Betrug an ihm nicht aus: 1978 verliebt sie sich in einen Musiker und hat mit dem ebenfalls verheirateten Mann eine heftige Affäre. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits zwei Kinder und ist 36 Jahre alt. Nach einigem Hin und Her trennt sie sich von diesem Mann und kehrt zu Miguel zurück, der mit seiner Beständigkeit, Ruhe und Geduld ganz das Gegenteil des Musikers ist. Doch die Luft ist raus. Neun Jahre versuchen Isabel und Miguel, ihre Ehe aufrecht zu erhalten, aber es gelingt ihnen nicht. In dieser Zeit realisiert die Schriftstellerin, welchen fundamentalen Fehler sie gemacht hat: Sie hat immer alle ihre Gewinne Miguel gegeben, damit er sie für sie treuhänderisch verwaltet. Die goldene Regel "Es gibt keine Freiheit ohne ökonomische Unabhängigkeit" hat sie aus freien Stücken nicht eingehalten.
Als Isabel Allende 44 ist, bittet sie ihren Stiefvater, sich um die Auflösung ihrer Ehe zu kümmern. Sie lenkt sich von ihren Problemen mit einer Vortragsreise ab und lernt dabei den Amerikaner Willie kennen. Willie lebt in Kalifornien mit seinen drei drogensüchtigen Kindern in einem häuslichen und familiären Chaos, doch die beiden bleiben zusammen und heiraten.

Die Erkenntnis, dass es für Paula kein Zurück mehr geben wird

 

Ab Mai 1992 wird Isabel Allende immer deutlicher bewusst, dass ihre Tochter irreparable Hirnschäden behalten oder sogar sterben wird. Keiner der Ärzte in Madrid macht ihr noch Hoffnung. Da beschließt sie, Paula zu sich nach Hause nach Kalifornien zu holen. Paulas Mann Ernesto ist einverstanden, weil er sich aus beruflichen Gründen in Madrid nicht so um seine Frau kümmern könnte, wie es nötig wäre.
Doch trotz aller Bemühungen gelingt es Isabel Allende nicht, ihre Tochter ins Leben zurückzuholen. Sie beschreibt sehr eindringlich die letzten Momente, bevor das Leben Paula verlässt: Die Verwandten kommen aus allen Ecken der Welt in Kalifornien zusammen, nur Ernesto schafft es nicht mehr rechtzeitig und wird von Allende als eine Person beschrieben, die mental am Sterbebett ist und Paula beisteht.
Isabel Allende fasst für sich das schrittweise Entgleiten von Paula so zusammen, dass sie sich zuerst von deren Intelligenz, dann von ihrer Vitalität und zum Schluss von ihrer Gesellschaft und ihrem Körper verabschieden musste. Ein Sterben auf Raten; grausam nicht nur für die Tochter, sondern für alle Menschen, die sie liebten.

Der stille Monolog mit der Tochter wird immer wieder durch Passagen unterbrochen, die unmittelbar die Situation beschreiben, in der sich Mutter und Tochter gerade befinden. So ist es dem Leser möglich, den Fortgang der Erkrankung und die Gefühle der Menschen, die Paula nahestehen, nachzuvollziehen.

Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Journalistin, Lehrerin - so viel Leben würde auch für zwei Menschen reichen

 

Die Namensähnlichkeit mit dem früheren chilenischen Präsidenten Salvador Allende ist nicht zufällig: Isabel Allendes Vater war dessen Cousin. Nach dem Sturz Allendes durch General Pinochet ging sie 1975 ins Exil nach Venezuela. 
Mit Paula hat Isabel Allende ein Buch geschrieben, dass niemanden kaltlässt. Es ist empathisch von der ersten bis zur letzten Seite, ohne jedoch kitschig oder übertrieben überschwänglich zu werden. Die Autorin in ihre Gefühlswelt und ihr vergangenes Leben zu begleiten berührt nicht nur Leser, die selbst Eltern sind, sondern jeden, der wenigstens einen Menschen in seinem Leben hat, der ihm sehr wichtig ist.
Deshalb muss hier gar nicht lange drumherum geredet werden: Besorgt euch das Buch!
Das abgebildete Cover zeigt die aktuell erhältliche Taschenbuch-Ausgabe (10,-- €), die ebenfalls vom Suhrkamp Verlag herausgegeben wurde. 

 

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