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Freitag, 21. Januar 2022

# 333 - Wachsen in Deutschland lebensuntüchtige Kinder heran?

Der Psychologe und Generationenforscher Rüdiger
Maas hat sich in seinem neuen Buch Generation lebensunfähig der Frage gewidmet, was da gerade mit der sog. Generation Alpha (
α) passiert. Damit ist die Generation der zwischen 2010 und 2025 geborenen Kinder gemeint.

Das von Maas vor vier Jahren gegründete Institut für Generationenforschung hat im September 2021 die "Generation Alpha Studie" veröffentlicht, die die Grundlage für Maas' Buch ist. Dafür wurden ein Jahr lang mehr als 1.200 Pädagoginnen und Pädagogen nach ihren Einschätzungen hinsichtlich der von ihnen betreuten Kinder zwischen 0 und zehn Jahren befragt. Deren Bewertungen umfassten 22.500 Kinder. Außerdem wurden mehr als 650 Eltern zu ihrem Erziehungsverhalten interviewt.
Die Schwerpunkte der Befragung lagen auf der Motorik, der Sprache, dem Sozialverhalten und dem Medienkonsum dieser Altersgruppe.

Die Studienergebnisse arbeitet Maas in seinem Buch für eine breite Leserschaft auf, indem er beispielhaft zwei fiktive Familien entwirft und deren Alltag nachvollzieht. Anhand dieser Schilderung wird deutlich, worum es ihm vor allem geht: Der sich bereits bei kleinen Kindern zeigende Medienkonsum mithilfe von Smartphones oder Tablets hat schädliche Folgen für deren Entwicklung, die bis ins Erwachsenenalter reichen und sowohl die Familien als auch die Gesellschaft belasten werden. Sein Fazit: Jedes vierte Kind ist unglücklich.

Lesen?

Das, was Rüdiger Maas an mehreren Stellen beschreibt - die Diskrepanz zwischen der Überbehütung der Kinder und der Ablenkung sowohl der Eltern als auch ihrer Kinder durch Smartphone & Co. - lässt sich im Alltag ständig beobachten. Da werden zum Beispiel kerngesunde Kinder mit dem Auto bis vor das Tor der Grundschule gebracht, aber wenn Eltern mittags ihre Kinder abholen und mit ihnen zum Pkw gehen, sehen sie ständig auf ihr Handy. 

Maas' Buch hat jedoch einen so durchgehend alarmierenden Unterton, dass ich mich frage, ob das wirklich nötig ist. Fachleute haben Teile des Studiendesigns kritisiert und man kann sich durchaus daran stören, dass es um eine Generation geht, die zum Teil erst noch geboren wird. Generation lebensunfähig macht jedoch deutlich darauf aufmerksam, was in der Kindheit der Generation Alpha schiefläuft und was getan werden kann (und sollte), damit die Kinder dieser Generation zu lebenstüchtigen Erwachsenen werden.

Generation lebensunfähig ist 2021 im Yes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro sowie als Taschenbuch 16,99 Euro.



Freitag, 18. Dezember 2015

# 29 - Ein Plädoyer für die Jungen

Was läuft falsch im Umgang mit Jungen?

Da ich selbst Mutter eines Sohnes bin, hat mich das Buch Artgerechte Haltung - Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung von Birgit Gegier Steiner sehr interessiert. Sowohl im Kindergarten als auch während der Schulzeit hatte ich nicht unbedingt den Eindruck, dass sich Erzieherinnen und Lehrerinnen - ja, Männer waren in diesen Institutionen lange Jahre kaum präsent - an den Bedürfnissen von Jungen orientierten, sondern überwiegend ihre eigene Sichtweise einnahmen. Kleine Rangeleien auf dem Schulhof der Grundschule? Sofort wurde eingegriffen, der Streit (welcher Streit?) "geschlichtet" und oft eine Sanktion ausgesprochen, die auf mich in vielen Fällen wie das Schießen mit Kanonen auf Spatzen wirkte. Und nun dieses Buch, das von einer Autorin stammt, die es wissen muss: Birgit Gegier Steiner ist Leiterin einer Grundschule in der Nähe von Konstanz.


Was ist los mit der Jungen-Erziehung?

 

Das ist die Frage, um die das ganze Buch kreist. Die Autorin hat darauf, wie mit Jungen, die als "anstrengend" empfunden werden, umgegangen werden sollte, die Antworten: Mehr Bewegung in der Freizeit und im Unterricht, in der Schule mehr Möglichkeiten zum aktiven Tun anstelle des passiven Frontalunterrichts. Das alles gepaart mit klaren Regeln und Konsequenzen.

Doch  Birgit Gegier Steiner verlässt gerade im ersten Teil ihres Buchs immer wieder die Jungen mit ihren spezifischen Problemen und schweift ab: zu der Benennung von Ministerien, die das Wort "Frauen" im Namen führen oder der Sinnhaftigkeit des jährlichen "Boysdays", der Jungen zeigen soll, dass es auf dieser Welt auch noch andere als nur technische oder naturwissenschaftliche Berufe gibt. Meiner Ansicht nach verliert sie sich immer wieder in Kleinigkeiten, die man zwar zur Kenntnis nehmen kann, aber die nicht so wichtig sind, dass sie in einem Buch genannt werden müssten.

Richtig ärgerlich wird es, wenn  Birgit Gegier Steiner über die Folgen der zahlreichen Ehescheidungen für die Trennungskinder - oder besser: Trennungsjungs - schreibt. "Die" alleinerziehende Mutter ist der Grund dafür, dass den Jungen nur weibliche Rollenmuster vorgelebt werden. Früher seien Väter zwar "tagsüber weniger präsent" gewesen, aber "sie lebten eine männliche Rolle vor und beschäftigten sich auf ihre Weise mit ihren Kindern, besonders mit den Jungen." Die Autorin mag ja in so einer Familie großgeworden sein, in der der Vater pünktlich Feierabend gemacht hat und dann noch Zeit und Muße hatte, sich mit seinen Kindern zu beschäftigen. Da sie nur wenige Jahre älter ist als ich selbst, vermute ich, dass sie mit ihrer Aussage ihre eigene Generation gemeint hat. In meinem damaligen Freundes- oder Bekanntenkreis waren Väter, die sich in der Erziehung ihrer Kinder engagierten, die Ausnahme. Die meisten waren tagsüber bei der Arbeit und wollten danach ihren Feierabend haben. Das Wochenende war dann für die Familie da, wenn es nichts anderes zu erledigen gab. Die Mütter waren mindestens von montags bis freitags de facto alleinerziehend.
Die Generation davor kann sie nicht gemeint haben: Sie war geprägt vom Krieg und/oder seinen Folgen. Wenn die Väter überhaupt lebend von den Schlachtfeldern zurückgekommen waren, ging es darum, zu überleben. Um die Traumata der Kriegsheimkehrer und der Menschen, die in Bombennächten um ihr Leben gefürchtet hatten, kümmerte sich kein Mensch. Woher kommt also diese Sozialromantik bezogen auf die damalige Entwicklung von Jungen?


Weiterlesen?


An dieser Stelle war ich schon so verärgert, dass ich überlegt habe, ob ich dieses Buch überhaupt bis zum Ende lesen möchte. Aber ist es nicht unfair, schon auf Seite 22 abzubrechen? Ja, eben.
Auch wenn ich zahlreiche ihrer weiteren Forderungen wie z. B. den Weg zur Grundschule zu Fuß und nicht im Mama-Taxi zurückzulegen, ebenfalls richtig finde, fällt mir über weite Strecken auf, dass der Autorin der konkrete Bezug zum Thema Jungen immer wieder abhanden kommt: Es wird von Kindern gesprochen, was ja auch in der Sache richtig ist. Aber sollte es nicht in erster Linie um die Jungen gehen? Auch die Betonung, dass die Gehirnleistung durch Bewegung deutlich gesteigert werden kann, ist keine Neuigkeit mehr, trifft aber auf Jungen ebenso wie auf Mädchen zu. Sollte dann nicht der Unterricht generell an diese Erkenntnisse angepasst werden, wenn Bewegung allen Kindern guttut?

Erst später findet sie zum eigentlichen Schwerpunkt zurück als sie beispielsweise beschreibt, wie schwer es für Frauen ist, bei einer Rauferei unter Jungen einzuschätzen, wann eingegriffen werden sollte. Doch diese Fragestellung wird nur gestreift und nicht weiter vertieft.


Kaufempfehlung?

Ich muss leider sagen, dass ich von Artgerechte Haltung - Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung etwas enttäuscht war. Da ich auch eine Tochter habe, hatte ich auch immer einen Vergleich: Wie ist der Umgang mit Jungen und Mädchen im Kindergarten und den Schulen? Wie reagieren die Kinder auf die oft sehr unterschiedlichen Bewertungen ihres Tuns dort? Birgit Gegier Steiner vertritt Ansichten, die ich durchaus unterstütze wie beispielsweise den Wunsch nach mehr altersgerechtem Loslassen durch die Eltern, mehr Bewegung, das Zusammenspiel von Grenzen und Konsequenzen etc. Aber das sind Forderungen, die für alle Kinder gelten sollten.

Mir ist das Buch insgesamt nicht stringent genug. Würde man nur die Passagen, die sich ausschließlich mit den Jungen beschäftigen, herausschreiben, wäre es höchstens halb so dick. Auch die ständigen Pauschalierungen gingen mir beim Lesen ziemlich auf die Nerven: Jungs werden bestimmte Verhaltensweisen zugewiesen, Mädchen hingegen andere. Alleinerziehende Mütter und Helikoptereltern bekommen immer wieder ihr Fett weg. Zwischendurch wird Selbsterlebtes aus dem eigenen Alltag als Grundschullehrerin eingestreut.
Vor allen Dingen wegen einiger häufig durchschimmernder Einstellungen zum Thema Familie, die auf mich sehr konservativ wirkten, und der Bewertung von einigen Personengruppen fällt meine Begeisterung leider ziemlich gedämpft aus. 


Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Artgerechte Haltung - Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung kann beim Gütersloher Verlagshaus bestellt und in jeder Buchhandlung zum Preis von 17,99 € gekauft werden (Klappenbroschur). Die Kindle-Edition kostet 13,99 €.