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Freitag, 6. November 2020

# 264 - Zwei Seelen bei Nacht

Mit Unsere Seelen bei Nacht hat Kent Haruf einen sehr sensiblen und im besten Sinne zu Herzen gehenden Roman geschrieben. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, die den Mut finden, ihrem eingefahrenen Leben eine neue Wendung zu geben.

Die 70-jährige Addie lebt allein in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, dem Schauplatz aller Romane des US-Autors. Sie ist schon lange verwitwet und fühlt sich einsam. Eines Tages entschließt sie sich dazu, einen Häuserblock weiter bei Louis zu klingeln. Louis ist im selben Alter, ebenfalls verwitwet und alleinlebend. Zu seinem Erstaunen macht ihm Addie einen ungewöhnlichen Vorschlag: Sie wünscht sich, dass er ab und zu bei ihr übernachtet. Es geht ihr nicht um Sex, sondern um seine Gesellschaft und gute Gespräche, die sich am besten im Dunkel der Nacht führen lassen.

Louis willigt ein und kommt beim ersten Mal über die Hintertür in Addies Haus. Doch die Seniorin protestiert: Es passiert schließlich nichts Unrechtes, das verheimlicht werden müsste, also solle Louis doch die Vordertür benutzen. Schon an dieser Stelle möchte man applaudieren und die beiden unterstützen: Genießt den Rest eures Lebens und lasst euch das, was euch guttut, nicht von "den Leuten" madig machen.

Diesem Credo folgen die beiden dann tatsächlich, was Louis etwas schwerer fällt als Addie. Sie zeigen sich gemeinsam in der Öffentlichkeit und verbringen irgendwann nicht nur die Nächte, sondern auch immer mehr von den Tagen miteinander. Ihre zunächst platonische Beziehung wird immer romantischer, und da sie einander absolute Ehrlichkeit versprochen haben, erzählen sie sich im Schutz der Dunkelheit auch die unschönen Dinge, die ihnen im Leben widerfahren sind. Die emotionale Nähe nimmt zu, das Vertrauen zwischen ihnen wächst. 

Doch natürlich bleibt ihre Zweisamkeit in Holt nicht unbemerkt: Bekannte machen mal mehr, mal weniger deutliche Bemerkungen, die meisten haben für die beiden kein Verständnis. Doch Addie und Louis gelingt es, mit diesen Vorbehalten gelassen umzugehen.

Einige Monate später scheint die Ehe von Addies Sohn Gene am Ende zu sein. Um weiter seinen Beruf ausüben zu können, bringt er seinen sechsjährigen Sohn Jamie zu seiner Oma. Louis wird bald zu dessen väterlichem Freund und die Drei bilden den Sommer über eine harmonische Gemeinschaft, in der dann auch noch ein Hund aus dem Tierheim ein Zuhause findet.

Aber Gene ist das "Treiben" des verliebten Paares ein Dorn im Auge, ebenso wie Louis' Tochter Holly, die die Beziehung als 'peinlich' bezeichnet. Das Recht, das sie selbstverständlich für sich fordert - ihr eigenes Leben ohne Bevormundungen zu leben -, spricht sie ihrem Vater ab. Mit ihren Vorhaltungen hat sie allerdings keinen Erfolg.

Gene dagegen setzt seine Mutter mit einer emotionalen Erpressung unter Druck, um die Situation in seinem Sinn zu verändern. Addie und Louis, die bis dahin autark und selbstbestimmt gelebt haben, werden auf das Niveau von fremdbestimmten Kindern zurückgeworfen.

Lesen?

Auf jeden Fall! Kent Haruf ist es gelungen, einfühlsam zu schildern, wie sich Addie und Louis langsam aneinander herantasten und ihre Partnerschaft an Tiefe gewinnt. Er macht seinen Lesern unaufdringlich deutlich, dass jeder Mensch eine einzigartige Persönlichkeit mit all ihren Stärken und Schwächen ist. 

Das würde schon genügen, um ein wirklich gutes Buch zu schreiben. Doch dann ist da noch der feine Humor des Schriftstellers, der sich in kleinen Momenten wie diesem zeigt: Nach dem plötzlichen Tod von Addies betagter Nachbarin Ruth, zu der das Paar einen guten Kontakt hatte, verkauft deren Nichte als Alleinerbin das Haus. Die Nichte hatte sich nie um Ruth gekümmert und legt keinen Wert darauf, die Urne mit der Asche ihrer Tante zu bekommen. Addie nimmt die Urne an sich und verstreut Ruth' Asche gemeinsam mit Louis nachts um zwei im Garten hinter dem Haus der Verstorbenen - in dem bereits die neuen Eigentümer wohnen.

An einer Stelle nimmt Haruf in einem Dialog zwischen Addie und Louis seine eigenen Bücher auf die Schippe: Die beiden finden die Handlungen darin ziemlich weit hergeholt, besonders in dem Buch, in dem zwei alte Viehzüchter ein schwangeres Mädchen bei sich aufnehmen. Großartig!

Unsere Seelen bei Nacht ist 2017 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als Taschenbuch 13 Euro.

Mittwoch, 21. Oktober 2020

# 262 - Das Haus, das immer leerer wird

Mit Das Haus hat Olivia Monti einen Krimi veröffentlicht, der in seiner Grundstruktur an Agatha Christies Titel And Then There Were None erinnert, in dem nach und nach Menschen ermordet werden. Die Handlung wird von einer Bewohnerin eines Mietshauses, einer Parapsychologin, die gerade an einem Buch über das Gedächtnis von Orten und Gegenständen arbeitet, erzählt.

In dem Haus leben sehr unterschiedliche Personen, die sich zum Teil nur vom Sehen kennen und in der Mehrheit Singles sind. Man kommt nicht besser oder schlechter miteinander aus als in jedem anderen x-beliebigen Mehrparteienhaus. Das, was die Gemeinschaft lose zusammenhält, sind die monatlichen Zusammenkünfte auf der Dachterrasse von Leonardo Zimmermannn, der zu diesen Anlässen Champagner und Häppchen spendiert. Es kommen immer alle bis auf den syrischen Medizinstudenten, der erst vor Kurzem in die Wohnung gegenüber von Zimmermann eingezogen ist. Dessen Zurückhaltung stachelt die übrigen Bewohner zu wilden Spekulationen über seinen wahren Hintergrund an und die Spekulationen reichen von "Der lebt auf unsere Kosten" bis zu "Er wird bestimmt vom IS bezahlt".

Kurz nach seinem Einzug liegt der junge Mann tot vor der Haustür. Seine Verletzungen weisen auf einen Sturz aus großer Höhe hin. Ist er von seiner Dachterrasse gesprungen oder hat ihn jemand heruntergestoßen? Im Haus mischt sich die Erschütterung einiger Bewohner mit der Gleichgültigkeit der anderen. Wer jedoch glaubt, dass mit dem Abtransport der Leiche und dem Ausräumen der Wohnung durch die Eltern des Studenten wieder die gewohnte Ruhe einkehren würde, irrt: In kurzen Abständen werden weitere Nachbarn tot aufgefunden, die meisten von ihnen starben, nachdem jemand nachgeholfen hatte. Sogar ein kleiner Hund muss dran glauben. Die Hausbewohner diskutieren untereinander, wer von ihnen die Nachbarn auf dem Gewissen haben könnte: Jeder verdächtigt jeden, und bei genauem Hinsehen haben alle merkwürdige Eigenschaften oder Gewohnheiten, die vielleicht ein Hinweis auf das Böse sein können.

Dann wird Zimmermann in einen Unfall verwickelt, der tödlich hätte ausgehen können: Jemand hatte sich an den Bremsleitungen seines Autos zu schaffen gemacht. Muss er weiterhin um sein Leben fürchten? Und schließlich wird tatsächlich eine Nachbarin verhaftet, die im Haus bislang anderer Taten verdächtigt wurde, aber hinsichtlich der Mordfälle nicht unbedingt zu den Top-Favoriten gehörte. Doch letztlich führt ein Stromausfall zum Täter.

Lesen?

Olivia Monti hat in ihr Buch sehr gut Themen eingeflochten, die uns alle immer wieder beschäftigen: Vorurteile, Rassismus, Altersarmut und die Erkenntnis, dass man sich mehr umeinander kümmern sollte. Im Unterschied zu klassischen Krimis nimmt die Polizei jedoch nur eine Nebenrolle ein: Die Beamten kommen nur dann, wenn sie von den Bewohnern gerufen werden. Von ihrer eigentlichen Ermittlungsarbeit erfährt man nichts; die Ursachen, die zum Tod der Nachbarn geführt haben, werden nur auf Nachfrage mitgeteilt. Erst als die Lage eskaliert, zieht ein Polizist in eine der Wohnungen ein, um die Situation besser im Blick zu haben. 

Die Lösung des Falls ist überraschend, greift aber ein anderes gesellschaftliches Thema auf, das immer wieder diskutiert wird. Welches, sei an dieser Stelle nicht verraten. Was allerdings stört, sind die parapsychologischen Exkurse der Erzählfigur, die immer wieder eingestreut werden, jedoch nichts mit der Aufklärung der Todesfälle zu tun haben. Es hilft, ein persönliches Interesse daran zu haben; wer es nicht hat, kann diese Passagen einfach überspringen, ohne etwas von der Handlung zu verpassen.

Das Haus wurde 2020 über neobooks veröffentlicht und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro sowie als Taschenbuch 7,99 Euro.

Sonntag, 3. März 2019

# 186 - Jetzt hör doch mal zu! Lesenswertes zum Welttag des Hörens

Heute ist der Welttag des Hörens - wie an jedem 3.
März. In Deutschland gelten etwa 16 Prozent der Erwachsenen als schwerhörig, bei den über 70-Jährigen ist es sogar die Hälfte. Merkwürdig ist allerdings, dass Menschen geringe Probleme damit haben, eine Fehlsichtigkeit einzugestehen und eine Brille oder Kontaktlinsen zu tragen. Geht es aber um ein vermindertes Hörvermögen, wird heftig abgewehrt: "Ich und schwerhörig? Ich bin doch noch nicht alt!" Schwerhörigkeit ist aber nicht unbedingt eine Frage des Alters: Sie kommt bereits bei Säuglingen vor und kann die verschiedensten Ursachen haben. 

Auch Thomas Sünder hat sein Hörproblem jahrelang verharmlost: Er war früher ein erfolgreicher und gefragter DJ, der nach einem Hörsturz eine so deutliche Reduzierung seines Hörvermögens erlitt, dass eines seiner Ohren mit einem Hörgerät versorgt werden musste. Den ärztlichen Rat, in Zukunft Hör-Risiken zu vermeiden und sich beruflich neu zu orientieren, ignorierte er. Das rächte sich: Einige Jahre nach dem Hörsturz brach er während einer Party, bei der er aufgelegt hatte, mit starkem Schwindel und Übelkeit hinter dem Mischpult zusammen und verbrachte mehrere Tage im Krankenhaus. Die Diagnose Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohrs, die mit Hörverlust und Tinnitus einhergeht, bedeutete das endgültige Aus für seine Selbstständigkeit als DJ.

Aber Sünder ist mit seinen Fragen und Problemen nicht allein. Über Jahre hinweg steht ihm sein Freund, der Mediziner und Psychologe Dr. Andreas Borta, mit Ratschlägen und Erläuterungen immer dann zur Seite, wenn sich Sünder bei den Ärzten, auf die er trifft, weniger gut aufgehoben fühlt.
Diese sehr persönliche Geschichte der beiden Männer wird in ihrem gemeinsamen Buch Ganz Ohr - Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält von allem, was es zum Thema Hören Wissenswertes gibt, eingerahmt. Der Leser erfährt nicht nur, warum zum Zeitpunkt des Urknalls nichts zu hören war, sondern auch, was es mit dem Satz "Dass Sie diese Zeilen lesen können, verdanken Sie Ihren Ohren" auf sich hat. Es geht außerdem um den Zusammenhang zwischen einer verminderten Hörfähigkeit und dem Risiko einer Demenz (ohne Hörgeräte um 400 Prozent erhöht), der motorischen Probleme von Schwerhörigen und der Frage, wie sinnvoll das Tragen von Hörgeräten bei einer Schwerhörigkeit ist und worauf man bei der Wahl des passenden Geräts achten sollte.

Für diejenigen, die zu eitel sind, um Hörgeräte zu benutzen, sei ganz plakativ gesagt: Eine ignorierte Schwerhörigkeit fördert signifikant eine Demenz und führt zu sozialer Isolation. Die Fähigkeit, zu hören und damit auch, zu verstehen, ist der Schlüssel für eine funktionierende soziale Interaktion. 

Das Buch ist nicht nur für diejenigen zu empfehlen, die sich bislang um ihre Schwerhörigkeit herumgedrückt oder sich ihre Situation schön geredet haben, sondern wendet sich auch an Leser, die sich umfassend über das Hören informieren wollen. Die beiden Autoren sorgen mit ihrem flüssigen und lockeren Schreibstil dafür, dass es nicht langweilig wird und auch komplexere Zusammenhänge gut verständlich sind.

Zum Buchtrailer geht es hier:


Und die Aktionsseite zum Welttag des Hörens ist hier.

Ganz Ohr - Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält ist bei Goldmann erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 11,99 Euro.