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Dienstag, 27. Oktober 2026

# 520 - Ein Waisenhaus und eine ungewöhnliche Familienkonstellation: ein typischer Irving?

John Irving ist bekannt für seine Romane, in denen
sich Absurditäten und Absonderlichkeiten aneinanderreihen wie die Perlen auf einer Schnur. Warum sollte das bei seinem jüngsten Buch Königin Esther anders sein?

Spoiler: Das ist es nicht. Man könnte sogar sagen: Er hat noch eine Schippe draufgelegt.
Aber der Reihe nach.

Um zu verstehen, warum Irving seine titelgebende Romanfigur Esther sich selbst eine Königin nennen lässt, kommt man um einen kurzen Blick in den Tanach, die hebräische Bibel der Jüdinnen und Juden, nicht herum. In dessen drittem und letztem Teil, dem Ketuvim, findet sich neben Psalmen und Sprüchen auch die Geschichte von Königin Esther. Esther lebte im 5. Jahrhundert vor Christus als Waise mit ihrem Onkel und Vormund Mordechai im persischen Reich. Als junge Frau wurde sie die zweite Ehefrau des persischen Königs Ahaschwerosch. Mordechai stieg in der Gunst des Königs, als er diesen vor einem Mordanschlag schützte. Doch einen Minister des Königs ärgerte, dass Mordechai sich nur vor Gott, nicht aber vor einem Minister verneigen wollte. Der Minister sann auf Rache und setzte einen Tag fest, an dem alle Jüdinnen und Juden im persischen Reich getötet werden sollten. 
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Esther ihren jüdischen Glauben verheimlicht. Doch die Bedrohung brachte sie zum Umdenken: Sie offenbarte sich gegenüber dem König, der sich an die mutige Tat ihres Onkels erinnerte. Er befahl die Hinrichtung des Ministers und erlaubte es allen Jüdinnen und Juden, sich zu bewaffnen und sich gegen ihre Angreifer zur Wehr zu setzen.

John Irving konstruiert eine vergleichbare Figur: Esther Nacht, 1905 in Wien geborene Tochter jüdischer Eltern. Die kleine Familie will 1907 nach Amerika auswandern, doch der Vater stirbt auf dem Schiff an einer Lungenentzündung. Wenig später wird Esthers Mutter in Portland (Maine) von Antisemiten ermordet. 1908 wird Esther in das Waisenhaus St. Cloud's gebracht. Irving-Fans kennen diese Einrichtung bereits aus einem anderen seiner Romane: In Gottes Werk und Teufels Beitrag wird das Haus von dem liebevollen Arzt Dr. Wilbur Larch geführt.

Als Esther vierzehn Jahre alt ist, wird sie von der wohlhabenden Familie Winslow aufgenommen. Das Ehepaar lebt in Pennacook (New Hampshire), hat vier Töchter und ist strikt gegen jeden Antisemitismus. Esther soll sich dort um die jüngste Tochter Honor kümmern. Niemand kann zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die beiden Jahre später eine Absprache treffen werden, die sehr ungewöhnlich ist: Esther lässt sich schwängern und bringt 1941 ihren Sohn James ("Jimmy") zur Welt. Doch sie tut das nicht für sich, sondern um Honor den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, ohne selbst schwanger werden zu müssen.

Nach Jimmys Geburt tritt Esther in den Hintergrund und wird zu einer schattenhaften Figur. Sie verlässt die USA und lebt zunächst in Wien, um später nach Palästina zu reisen. Aus Andeutungen lässt sich herauslesen, dass sie dort in der jüdischen Unabhängigkeitsbewegung aktiv ist und für den Mossad arbeitet.

Honor übernimmt mit der Unterstützung ihrer Familie Jimmys Erziehung. Als Jimmy 22 Jahre alt ist, begibt er sich auf die Spur seiner leiblichen Mutter und reist für ein Studium nach Wien. Dort kommt er in einer WG unter, in der neben den Mietern auch die Wohnungseigentümerin sowie deren Tochter und ihr Enkelsohn leben. Die Atmosphäre könnte man so beschreiben: Es gibt so viele Ablenkungen, dass an das Studium kaum zu denken ist. Aber wenn schon nicht für die Uni, lernt Jimmy eine Menge für und über das Leben.

In Wien entwickelt Jimmy den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Gleichzeitig beschäftigt er sich mit seiner jüdischen Herkunft und der Frage, was diese für sein Leben bedeutet. 

Honor treibt hingegen eine ganz andere Sorge um: 1963 waren die USA bereits militärisch in Vietnam engagiert. Dieser Zeitpunkt deckt sich mit Jimmys Wien-Aufenthalt. Honor befürchtet bereits, was 1965 im großen Umfang eintreten wird: die Entsendung großer Bodentruppen nach Vietnam. Sie will nicht, dass Jimmy an diesem Krieg teilnehmen muss. Damals gab es einige Möglichkeiten, vom Militärdienst ausgeschlossen oder zurückgestellt zu werden. Dazu gehörte auch, Vater kleiner Kinder zu sein. Kurzentschlossen fordert sie ihren Sohn auf, möglichst bald ein Kind zu zeugen. Ihr früherer Plan, ihm den Ringersport zu empfehlen, weil man sich dort besonders leicht schwere, zur Militärdienstuntauglichkeit führende Knieverletzungen zuzog, war bereits gescheitert. Jimmy verletzte sich nicht schwer genug. Mit einem Kind musste es nun klappen.
Das Ringen ist ein fester Bestandteil in John Irvings Romanen und darf auch in diesem nicht fehlen. Was Jimmy nicht weiß: Sein ihm unbekannter Vater Moshe ist ebenfalls aktiver Ringer. Moshe und Esther sind kein Paar: Moshe ist bereits verheiratet und Vater eines Kindes.

Esther sieht ihre Aufgabe Jimmy gegenüber darin, ihn davor zu bewahren, jüdisch zu sein. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie gefährlich es sein kann, jüdisch zu sein. Für Jimmy hingegen sind antisemitische Erfahrungen, die er in Wien macht, der Anlass, sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen. 

Lesen?

Ich bin ein großer Fan von John Irving und habe fast jedes Buch von ihm gelesen. Es gefällt mir, wenn Romanhandlungen nicht stromlinienförmig verlaufen und Autorinnen oder Autoren ungewöhnliche Charaktere einbauen. Doch durch dieses Buch habe ich mich regelrecht hindurchgekämpft. Zu lange hat sich Irving in Details verloren, die für die Handlung unwichtig waren. Zu oft hatte ich den Eindruck, dass Absurditäten nur um ihrer selbst willen eingefügt wurden und nicht, um dem Ganzen zu mehr Schwung oder Spannung zu verhelfen. 

Esthers Leben wird leider nur angedeutet, obwohl ihr Identitätskampf als Kind jüdischer Eltern, das in einer nicht-jüdischen Umgebung aufgewachsen ist, noch größer als der von Jimmy gewesen sein dürfte. Auch die Entwicklung des Nahostkonflikts wird nur angerissen.

Der Buchtitel wäre näher an der Wahrheit gewesen, wenn er zum Beispiel "Jimmys Suche" gelautet hätte, denn er ist es, um den es zum größten Teil geht. Dabei wird er von seinen beiden Müttern beeinflusst und eingeschränkt, damit sich deren Vorstellungen, wie das Leben ihres Sohnes aussehen sollte, erfüllen.

John Irving hatte 2023 nach dem Erscheinen seines Romans Der letzte Sessellift angekündigt, dies sei sein letztes Buch. Manchmal wünscht man sich, dass solche Ansagen eingehalten werden.

Königin Esther ist 2025 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 32 Euro, als Taschenbuch 18 Euro sowie als E-Book 27,99 Euro.