Freitag, 11. September 2015

# 15 - Reisen durch die UdSSR - unter den widrigsten Bedingungen

Mit dem Transitvisum eigene Routen bereisen - Individualreisen von DDR-Bürgern in die UdSSR

 

Es ist ja jetzt schon wieder so lange her, dass sich jüngere Deutsche daran nicht erinnern können - egal, ob sie aus West- oder Ostdeutschland stammen: Bis zur Wende 1989 durften die Bürger der DDR die Sowjetunion nur in Pauschal-Reisegruppen besuchen. Individualreisen dorthin waren grundsätzlich nicht vorgesehen. Doch es gab eine lose Gruppierung von Menschen, denen das nicht genug war: UdF. Nach ihnen ist das Buch benannt, das ich euch heute vorstelle: Unerkannt durch Freundesland wurde 2011 von Cornelia Klauß und Frank Böttcher im Lukas Verlag herausgegeben.



Risiko und Strapazen für Freiheit und Abenteuer

 

 

In 24 Reiseberichten unterschiedlicher Autoren wird von der illegal erlangten Reisefreiheit erzählt, die durch einen formalen Trick möglich wurde: Die sowjetische Regierung hatte 1968 nach dem Einmarsch ihrer eigenen sowie Soldaten befreundeter Staaten in die ČSSR (Tschechoslowakei) und der Beendigung des "Prager Frühlings" das Transitvisum für diejenigen DDR-Bürger eingeführt, die nach Bulgarien oder Rumänien reisen wollten. Es galt in der UdSSR für eine Transitdauer von 48 Stunden. Diesen Zeitraum hielt die sowjetische Regierung für ausreichend, um diese Passage zu schaffen. Doch einzelne Bürger der DDR nutzten die Gelegenheit, um ihre eigenen Reisepläne zu verwirklichen: Waren sie erst einmal in der Sowjetunion, ignorierten sie diese Vorgabe und wanderten, fuhren oder flogen kreuz und quer durch das riesige Reich mit seinen elf Zeitzonen und enorm unterschiedlichen Kulturen, Lebensweisen und klimatischen Verhältnissen.



Von der mongolischen Gastfreundschaft kann man nur träumen




Der heutige Pfarrer Gernot Friedrich brach 1968 zu seiner ersten größeren Reise auf. Erst im zweiten Anlauf schaffte er es bis nach Brest (Weißrussland). Völlig überraschend bekam er versehentlich einen Einreisestempel, der ihn berechtigte, in die Sowjetunion einzureisen. Da er damit nicht gerechnet hatte, beschloss er spontan, den nächsten Zug nach Moskau zu nehmen. „Der Zug ist schon ausverkauft. Fahren Sie doch nach Leningrad, das kostet auch 17 Rubel“, empfahl ihm der Bahnbeamte. Ähnlich zufällig wie diese verliefen fast alle anderen im Buch geschilderten Reisen. Viele wurden die sich in einem Augenblick ergebenden Umstände von einem Ort zum anderen getrieben.

1970 lernte Friedrich bei einer Reise in die Mongolei auf seiner Wanderung einen Einheimischen kennen, der gerade seine Wäsche im Fluss wusch. Dieser lud ihn zu sich in seine Jurte ein und verpflegte ihn. Wie für alle Mongolen gehörte es auch für diesen selbstverständlich zur Gastfreundschaft, einem Reisenden seine eigene Frau für die Nacht anzubieten. Doch Friedrich geriet nicht in die Verlegenheit, dies ablehnen und den Mann vor den Kopf stoßen zu müssen: Die Frau seines Gastgebers befand sich zu seiner Erleichterung gerade zur Entbindung im Krankenhaus. Schon ein Jahr später besuchte er erneut seinen mongolischen Freund und hatte wieder Glück: Dessen Frau war auch diesmal im Krankenhaus, weil sie ein Kind bekommen hatte.

War es zunächst noch Abenteuerlust, die Friedrich immer wieder in die Sowjetunion trieb, kam nach einigen Reisen ein weiteres Motiv hinzu: Er bemerkte, dass es dort zwar etliche christliche Gemeinden gab, Bibeln aber eher Mangelware waren. Also schmuggelte er Bibeln in die entlegendsten Gegenden und hatte manchmal auch Helfer. Mit seinem Tun geriet er in den Fokus der Stasi und musste für ein Jahr seinen Personalausweis zurückgeben, womit man ihn damals an seiner empfindlichsten Stelle traf. Erst lange danach hat er aus den über ihn angelegten Stasi-Akten erfahren, in welchem Ausmaß seine Überwachung stattgefunden hat: In acht Bänden wurde auf mehr als 3.000 Seiten sein Leben dokumentiert.


Ein tiefer Einblick in das Leben der Menschen 

 

 

Allen UdF-Reisenden war gemeinsam, dass sie ein großes Interesse an der Lebensweise und Kultur der Menschen, die sie unterwegs kennenlernten, hatten. Die Motive, sich mit nur wenig Geld, einem oft unklaren Ziel und mit jeder Menge Optimismus, dass alles gutgehen möge, auf den Weg zu machen, waren jedoch sehr unterschiedlich. Neben der Abenteuerlust und dem Schmuggeln von Bibeln war es auch der Wunsch, die Natur in "eigentlich" für Ausländer nicht zugänglichen Gegenden kennenzulernen oder sich beim Bergsteigen nicht nur auf die Sächsische Schweiz beschränken zu müssen, sondern die Gipfel des Kaukasus und Pamir zu erklimmen. Auch die Begeisterung für oppositionelle Literatur ließ manche diesen Weg wählen.

So gut wie niemand von ihnen hatte vor, der DDR den Rücken zu kehren. Eine Ausnahme machte Jürgen van Raemdonck, der mit dem System haderte und zusammen mit einem Freund auf die Idee kam, den Transit durch die Sowjetunion als Fluchtweg zu nutzen, also ostwärts in den Westen zu flüchten. Der Plan: Da der amerikanische Militärstützpunkt Point Hope in Alaska nur 400 Kilometer von der Eismeerküste Nordostsibiriens entfernt liegt, sollte das Übersetzen über das Packeis kein Problem sein. Es musste nur der Zeitpunkt abgewartet werden, zu dem der Atomeisbrecher "Sibir" seine Fahrten einstellte und sich die Eisdecke schloss. Da war die Aktuelle Kamera [Anm.: Nachrichtensendung der DDR] eine wertvolle Hilfe: Hier erfuhren die Freunde, dass ihr Vorhaben ab Mitte Oktober klappen könnte. Beim ersten Anlauf 1986 starteten die beiden mit stolzen 220 Kilogramm Gepäck: Nichts sollte sie aufhalten, sie wollten völlig autark sein. Raemdonck und sein Freund kamen immerhin bis Ostsibirien, wo sie sich am Fluss Kolyma ein Kajütboot "liehen", das keinen Motor hatte. Doch sie hatten die Tücken des Flusses unterschätzt: Das Boot versank in einer Stromschnelle und riss so gut wie ihr gesamtes Hab und Gut mit sich in die Tiefe. Sie konnten sich auf ein Inselchen retten und wurden dort nach ein paar Stunden von Pelztierjägern aufgelesen. Über Umwege reisten sie nach Hause und machten unterwegs noch Bekanntschaft mit dem KGB.
Nach dieser Niederlage begannen sie sofort, einen neuen Plan auszuarbeiten, der sie nach Point Hope führen sollte. Doch ihre Reise endete ein Jahr später an derselben Stelle, und sie wurden erneut dem KGB vorgeführt - denselben Beamten, die sie bereits im Jahr zuvor verhört hatten. Kurz zuvor war Michael Rust auf dem Roten Platz gelandet, und der KGB-Mann fragte die beiden Männer sichtlich genervt, warum die Deutschen sie nicht in Ruhe lassen könnten. Darauf die Antwort von Raemdonck: "Wir haben uns doch im Vorjahr mit einem freundlichen 'Auf Wiedersehen' verabschiedet. Und unter Freunden hält man Wort."
Was nicht im Buch steht: Raemdonck wurde 1989 ausgebürgert, hat also auf einem anderen Weg seinen Willen bekommen. Seit 1991 lebt er in Vorpommern.

Viele Eindrücke und Anekdoten

 

Was lernt der Leser noch? Zum Beispiel, wie man sich auf einer muslimischen Hochzeit, zu der man spontan eingeladen wird, NICHT benimmt, um nicht eine hochnotpeinliche Situation heraufzubeschwören.
Oder dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, als illegal Reisender an einem Sportwettbewerb teilzunehmen und anschließend in der Presse, dem Fernsehen und im Rundfunk erwähnt zu werden.

Viel Raum nimmt die Beziehung zu anderen Menschen ein: Die Angst, die sich einstellt, wenn sich Uniformierte nähern, aber auch die großherzige Hilfsbereitschaft der Einheimischen, die immer sofort bereit sind, Wohnung und Tisch mit ihnen völlig Fremden zu teilen und keine Gegenleistung zu erwarten. Das gilt z. B. auch für die Menschen in Aserbaidshan, über die Robert Conrad schreibt: Sowohl am Rand der Hauptstadt Jerewan (Eriwan) als auch auf dem Land hatte er auf seiner Reise 1985 damals Slums, deren Bewohner in Erdhütten lebten, die ein Dach aus Laub und etwas Dachpappe hatten, gesehen.
Alle UdFler, die Ende der 1980er Jahre in den damaligen Sowjetrepubliken unterwegs waren, berichten vom Geist der Veränderung, der sich durch die Gesellschaft zog und bekanntermaßen letztendlich in den Zerfall der UdSSR mündete.

Das Buch ist nicht nur durch seine sehr unterschiedlichen Reiseberichte, sondern auch wegen seiner unzähligen Fotos, die unterwegs aufgenommen worden sind, ein Zeitdokument, wie es so nur selten zu finden ist. 


Das Buch zum Film

 

Das Buch Unerkannt durch Freundesland  war in dieser Form zunächst nicht geplant. Der Veröffentlichung ging der gleichnamige Film aus dem Jahr 2006 voraus, für den ebenfalls Cornelia Klauß verantwortlich war. Er ist nicht inhaltsgleich mit dem Buch, aber beide stehen für dasselbe Lebensgefühl. Der Film kann in vier Teilen bei youtube angesehen werden, den ersten Abschnitt gibt es hier: Teil 1 Unerkannt durch Freundesland.

Bereits seit 2005 gibt es die Webseite Unerkannt durch Freundesland. Dort finden sich weitere Informationen sowohl zur UdF-Bewegung als auch zum Film.
 

Alle, die sich für die jüngere deutsche Geschichte interessieren oder sich über Einblicke in eine für uns fremde und teilweise vergangene Welt freuen, sollten dieses Buch lesen. Es ist so interessant und abwechslungsreich, dass man es immer wieder zur Hand nimmt, und sei es nur, um sich die Fotos anzusehen. 

 


 

Freitag, 4. September 2015

# 14 - Zwei ungleiche Knastbrüder probieren es mit der Freiheit

Rechtschaffen zu leben kann eine Herausforderung sein

 

Jack Foley, der (angeblich) größte Bankräuber aller Zeiten, und Cundo Rey, ein reicher und hochkrimineller kleiner Kubaner, lernen sich im Gefängnis kennen. Obwohl sie ziemlich verschieden  sind, sind sie zwei Road Dogs, die sich als Duo gegen die Gangs im Knast behaupten. Elmore Leonard vereint hier zwei völlig verschiedene Männer zu einem Team: Der großmäulige Macho Cundo kennt in seiner Welt nur die Macht des Geldes. Damit hält er sich rabiate Gefängniswärter vom Leib und gewalttätige Mithäftlinge auf Abstand. Aber er ist kein Egoist: Sein Kumpel Jack wurde zu 30 Jahren Haft verurteilt und hat eigentlich keine Chance, jemals ein normales Leben zu führen. Doch da bleibt Cundo nicht untätig: Er spannt seine eigene Anwältin, die überaus clevere und rasend teure Megan Norris, ein. Sie sorgt dafür, dass nicht nur Cundo, sondern auch Jack schon nach kurzer Zeit in die Freiheit entlassen werden.

Alles eine Frage der Zeit? 

 

Jack ist bewusst, dass er bei Licht betrachtet nur eins kann: Banken ausrauben. Aber er ist die große Ausnahmeerscheinung unter seinen "Kollegen": Er sieht gut aus, hat ein tadelloses Auftreten und wendet nie Gewalt an. Seine Freundlichkeit geht sogar so weit, dass er einer nervösen Kassiererin beim Eintüten der Geldscheine die Hand tätschelt und beruhigend auf sie einredet. Doch er ist kaum entlassen, da heftet sich der FBI-Agent Lou Adams an seine Fersen. Er ist fest davon überzeugt, dass Jack bereits innerhalb von 30 Tagen wieder eine Bank ausrauben wird - schlicht, weil es nichts anderes gibt, womit er sein Geld verdienen könnte. Adams fühlt sich beruflich verkannt und möchte kurz vor seiner Pensionierung endlich einmal in der Zeitung stehen als der FBI-Agent, der den berühmten Bankräuber Jack Foley wieder ins Gefängnis gebracht hat.

Jack kommt wenige Wochen vor Cundo frei und zieht in eines von dessen Häusern in Venice, Kalifornien. Im Haus direkt gegenüber lebt Cundos Freundin Dawn, die bereits seit acht Jahren auf ihn wartet und ihm immer wieder versichert hat, sie würde leben "wie eine Heilige". Sie vertreibt sich die Zeit mit riskanten Bettgeschichten und Wahrsagereien, mit denen sie reichen Witwen das Geld aus der Tasche zieht. Sie wird von Cundos "Blutsbruder" Jimmy unterstützt, der das Vermögen des Kubaners verwaltet und nebenbei dafür sorgen soll, dass Dawn nicht vergisst, welchen Lebensstil sie Cundo immer wieder versprochen hat, während er im Knast sitzt.

Jeder ist sich selbst der Nächste


Die Freundschaft zwischen Cundo und Jack kommt ins Wanken, als der Kubaner zu Hause eintrifft und ahnt, dass es zwischen seinem Freund und Dawn nicht sonderlich enthaltsam zugegangen ist. Spätestens ab diesem Zeitpunkt beginnen sich alle insgeheim zu fragen, wer auf wessen Seite steht und wem man noch vertrauen kann. Dawns Lebensinhalt wird die Frage, wie sie Cundo um sein Vermögen erleichtern und künftig sorgenfrei ihr Leben genießen kann - ohne ihn, versteht sich. Sie kann sich sehr gut in Menschen hineinversetzen, was ihr dabei hilft, immer wieder neue Allianzen zu bilden und sich neu zu orientieren, wenn ihr einer der Herren in ihrem Leben nicht kooperativ genug ist. Doch irgendwann weiß niemand mehr, wem noch zu trauen ist, und so beschließen alle insgeheim, ihr eigenes Ding zu machen.


Road Dogs ist ein durchweg interessanter und lebendig geschriebener Roman, der durch seine teilweise drastische Sprache immer authentisch wirkt. Die Handlung nimmt immer wieder neue Wendungen und wird deshalb nie vorhersehbar. Mit dem Ende dürfte kaum ein Leser gerechnet haben.
Die mir vorliegende Ausgabe ist 2011 in der 2. Auflage bei Eichborn erschienen. Der Roman ist auch als Taschenbuch beim Suhrkamp Verlag erhältlich.
 

Sonntag, 30. August 2015

Das war der August

Sehr abwechslungsreich ging es durch mehrere Kontinente

 

Dieser Monat hatte im Gegensatz zum letzten zwar nur vier Freitage, aber da es zwischendurch noch ein "Special" gab, blicke ich wieder auf fünf sehr unterschiedliche Bücher zurück.

Es ging los mit CLIFFHANGER von Tim Binding. Ein frustrierter Ehemann versucht, sich durch einen kräftigen Schubs seiner nervtötenden Ehefrau zu entledigen. Von da an geht alles, was er anfasst, schief und die Situation wächst ihm langsam aber sicher über den Kopf. Ein lustiges Buch mit viel schwarzem Humor. Fazit: Prima Buch, um sich zu entspannen und ein paar amüsante Lesestunden zu genießen. 

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Eine Woche später folgte VOM GEIST DER GESETZE von Georg M. Oswald. Der Roman zeigt, wie unterschiedlich die Möglichkeiten von Arm und Reich sind, wenn es darum geht, sich aus unangenehmen Dingen herauszuwinden; das ahnten wir ja eigentlich immer schon. Der juristisch vorgebildete Autor stellt aber auch die Frage, inwieweit sich deutsche Gerichte vorurteilsfrei, objektiv und unbestechlich an die Gesetze halten. Viele interessante Charaktere und ein sich immer weiter verzweigendes Beziehungsgeflecht machen das Buch "rund". Fazit: Lesen! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. 

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Einen weiteren Ausflug in die Welt der makabren Bücher gab es danach mit dem Roman GOD'S POCKET von Pete Dexter. Ein junger Mann, der eine handfeste Psychomacke hat und seine Mitmenschen permanent mit wüsten Drohungen und seinem immer griffbereiten Rasiermesser bedroht, wird an seinem Arbeitsplatz, einer Baustelle in Philadelphia, von einem Kollegen erschlagen. Die Polizei glaubt das Märchen vom Unfall, seine Mutter nicht. Die Leiche macht einen ungeplanten "Ausflug", die örtliche Mafia wird in die "Ermittlungen" eingeschaltet und ein altgedienter Lokalreporter ist so neugierig, dass er auf die im Viertel übliche Art mundtot gemacht wird. Sehr spannend, die Gefühlslage des Lesers wechselt immer wieder zwischen Belustigung und Grauen. Fazit: Ist die Beschreibung etwa nicht eindeutig? ;-) Hier ist ein Interview mit dem Autor Pete Dexter:



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Das vierte Freitagsbuch war KÄLTESCHLAF von Arnaldur Indriðason. Ein in Island spielender Krimi, der schon früh hätte beendet sein können, wenn nicht der erfahrene Kommissar Erlendur von der Mordkommission Reykjavik über einige winzige Details gestolpert wäre und auf eigene Faust ermittelt hätte. Der Selbstmord einer Frau in ihrem Ferienhäuschen an einem idyllischen See ist zugleich der Endpunkt ihrer eigenen Familiengeschichte als auch der Beginn eines neuen Lebens mit ungeahnten Möglichkeiten für einen ihr nahestehenden Menschen. Obwohl der Fall gelöst wird, ärgert man sich als Leser über einen anderen Umstand, der auch anderen Mordfällen anhaften dürfte. 
Fazit: Arnaldur Indriðason macht es spannend bis zum Schluss, deshalb gebe ich hierfür eine klare Empfehlung. Um eure Entscheidung für dieses Buch etwas zu vereinfachen, ist hier eine Hörprobe .

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Das "Extra-Buch"

Mit diesem bereits 1972 erschienenen Buch bekommt der Leser Einblicke in die chinesiche Gesellschaft während der Herrschaft von Mao Tse-tung: DAS MÄDCHEN AUS DER VOLKSKOMMUNE - CHINESISCHE COMICS macht deutlich, welche Werte und Verhaltensweisen damals als erstrebenswert galten und wie die Bevölkerung manipuliert wurde. Sehr interessant und dabei unterhaltsam. Als "Extra" wird es ohne eine Wertung vorgestellt.
























Freitag, 28. August 2015

# 13 - Nichts ist, wie es zunächst scheint

Ruhe sanft - davon kann hier keine Rede sein

 

Für diese Woche habe ich einen Krimi ausgesucht, der in Island spielt und von einem isländischen Autor geschrieben wurde: Kälteschlaf von Arnaldur Indriðason. Viele von euch werden Indriðason schon kennen: Er hat bereits zahlreiche Romane geschrieben, und Kälteschlaf ist der achte in einer Folge von bisher 14 Krimis, in denen die Mordkommission von Reykjavik ermittelt.


Ein Selbstmord, der viele Fragen aufwirft

 

Da hängt sich in einer kalten und dunklen Herbstnacht eine Frau in einem Wochenendhäuschen am See auf, und alle, die sie kannten, bestreiten, dass sie lebensmüde gewesen sei. María setzt ihrem Leben im idyllisch gelegenen Ferienhaus an dem in Island bekannten See Þingvellir ein Ende, das schon ihren Eltern gehört hatte. Dort hatten sie, als María noch ein kleines Mädchen war, als Familie viele schöne Stunden verbracht. Bis zu dem Tag, an dem dieser schreckliche Unfall geschah, bei dem ihr Vater sein Leben verlor. Er war, als María erst zehn Jahre alt gewesen ist, mit seinem kleinen Boot auf den See hinausgefahren, um zu angeln. Als der Motor aussetzte, versuchte er ihn zu reparieren, verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte in das eiskalte Wasser. María und ihre Mutter Leónora hatten vom Ufer aus hilflos zusehen müssen, wie er ertrank. So hatte es Leónora bei der Polizei ausgesagt, und so wurde es María immer wieder erzählt. Seitdem fürchtet sie sich vor der Dunkelheit und wird von ihrer Mutter nicht nur umsorgt, sondern regelrecht bewacht.

Der Selbstmord ist für die Polizei von Reykjavik kein Grund, Ermittlungen einzuleiten: Nachforschungen ergeben, dass María unter dem Tod ihrer Mutter vor einigen Jahren sehr gelitten hat und nur schwer darüber hinwegkam. Die beiden Frauen lebten in einer derart symbiotischen Beziehung, dass auch die Ehe mit dem Arzt Baldur an ihrer innigen Zweisamkeit nichts ändern konnte.
Auch wenn die Fakten klar sind und sich keine Verdachtsmomente für eine Straftat ergeben, hat Kommissar Erlendur Zweifel. Er kann zunächst nicht begründen, was ihn stört, beginnt aber, inoffiziell eigene Nachforschungen anzustellen. Seine Ahnung wird genährt, als eine gute Freundin Marías Kontakt zu ihm aufnimmt. Sie übergibt ihm eine Kassette, auf der sich der Mitschnitt einer Séance befindet, an der María teilgenommen hat. Alles Mystische ist dem Kommissar fremd, und er fühlt sich bei diesem Thema sehr unwohl.

Gibt es die Verbindung zu den Toten?

 

Erlendur findet heraus, dass María fest an ein Weiterleben im Jenseits glaubte und versuchte, mithilfe eines Sehers Kontakt zu Leónora aufzunehmen. Ihre Mutter hatte ihr, als sie bereits im Sterben lag, versprochen, ihr von "drüben" ein Zeichen zu geben, wenn sie dort weiterleben sollte. Und dieses Zeichen lässt nicht lange auf sich warten: Wie vereinbart ist es ein Buch von Marcel Proust, Leónoras Lieblingsschriftsteller, das María eines Tages aufgeschlagen vor dem Bücherregal findet. Für sie ist klar, dass ihre Mutter mit ihr Kontakt aufnehmen will, und sie wendet sich erneut an ein Medium.

Erlendur lässt in seinen Nachforschungen nicht nach und findet heraus, dass Baldur während seiner Zeit als Student bei einem Experiment assistiert hat, bei dem ein junger Mann kurzzeitig durch Abkühlung getötet und danach wiederbelebt wurde. Dabei wollten die beteiligten jungen Leute herausfinden, ob es tatsächlich ein Leben nach dem Tod gibt und was es mit den oft geschilderten Nahtoderfahrungen auf sich hat. Auch bei dieser Information folgt Erlendur seinem Bauchgefühl und ahnt, dass ihm diese Information weiterhelfen könnte.

Ein Ende mit Schrecken

 

Es ist keine Überraschung, dass Kommissar Erlendur herausfindet, was mit María geschehen und auf welche Weise sie gestorben ist. Das erwartet man auch von ihm. Das Ende ist jedoch auch etwas ärgerlich, weil seine clevere Vorgehensweise nur teilweise zum Erfolg führt, was nicht seine Schuld ist.

Einen Nebenschauplatz nehmen einige Vermisstenfälle ein, die schon Jahrzehnte zurückliegen. Auch hier kommt es in dem Sinne zu einem guten Ende, dass die Leichen endlich gefunden werden. Da hatte dann aber auch der Zufall seine Hände im Spiel.  

Mir ist ein Rätsel, warum ich bislang noch keine Krimis von Arnaldur Indriðason gelesen habe. Dieser hier ist durchweg spannend, lässt aber die Hauptfigur nicht als strahlenden Helden erscheinen, der einen Ermittlungserfolg nach dem anderen einfährt und sich dabei ganz auf die Kraft seines Intellekts verlassen kann. Die Figur Erlendur hat etliche menschliche Schwächen, und der Leser erfährt, dass sich der Kommissar in seiner kurzen Zeit als Ehemann miserabel verhalten hat. Auch als Vater von zwei Kindern ist er eher durch Abwesenheit als durch Fürsorglichkeit aufgefallen. Sein Verhalten ist jedoch durch eine lange zurückliegende Familientragödie geprägt, bei der Erlendurs jüngerer Bruder im Alter von acht Jahren vermutlich ums Leben kam. Seine Leiche wurde nicht gefunden, sodass die Familie nie mit diesem Unglück abschließen konnte und sogar ihren Einsiedlerhof verließ.

Fazit: Wenn ich das Buch nicht schon gekauft hätte, würde ich es jetzt tun ;-)
Die mir vorliegende Ausgabe ist 2009 bei Lübbe erschienen.

Mittwoch, 26. August 2015

Dieses Buch ist ziemlich schräg und ungewöhnlich

Der Kuriositäten-Post Nr. 1 - eine Reise nach China

 

Wie schon angekündigt werde ich ab und zu über ein Buch schreiben, das auf die eine oder andere Art aus dem üblichen Rahmen fällt. Wenn es soweit ist, werde ich das - im Gegensatz zu meinen Buchvorstellungen an den Freitagen - immer vorher ankündigen.
 
Was soll ich sagen? Heute ist so weit! Das heutige Buch ist kein Roman, sondern passt, wenn man es überhaupt irgendwo einordnen will, in die Kategorie "Sachbuch". Langweilig? Nein, aus unserer Sicht, mit dem zeitlichen Abstand, ziemlich amüsant! Der Titel lautet Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics und ist 1972 bei Rowohlt erschienen. Herausgeber war Jürgen Manthey und nicht wie bei der zehn Jahre später herausgegebenen Ausgabe Umberto Eco. Das Buch enthält sechs Comics oder Fotogeschichten.

Worum geht's?

 

Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics glänzt durch seine unfreiwillige und unbeabsichtigte Komik. Anders als im Westen, wo Comics so gut wie immer der Unterhaltung dienten, wurden sie in China seit den 1950er Jahren für die politische Propaganda eingespannt. Sie kursierten im ganzen Land und wurden von Hand zu Hand weitergereicht. Nur wenige arbeiteten allerdings mit Sprechblasen, sondern ordneten den Text immer parallel zu einem Bild an. Zunächst waren die gezeichneten Comics eher für Jugendliche gedacht, für Erwachsene gab es Fotogeschichten. Im Laufe der Jahre näherten sich die chinesischen Comics immer mehr der Weltsicht von Mao Tse-tung an und zeigten den Bürgern, wie man zu leben und zu denken hatte. Anti-maoistische Hefte wurden aus dem Handel genommen. Aber wann war etwas anti-maoistisch? Da gab es z. B. eine Krimi-Serie, in der Verbrechen von richtigen Berufspolizisten professionell aufgeklärt wurden. Völlig verkehrt! Die wahren Helden hätten hier die Vertreter aus den breiten Volksmassen sein müssen, damit das Bild stimmt.


Die Handlung des Comics "Das Mädchen aus der Volkskommune" (1964)


Leider kann ich hier aus urheberrechtlichen Gründen keine Aufnahmen einzelner Seiten zeigen, ein paar Zitate müssen es dann auch tun. Im Comic "Das Mädchen aus der Vokskommune" geht es um ein junges Ehepaar, das sich wegen der Verteilung der häuslichen Aufgaben streitet. Als der Ehemann Hsi-wang weiter stichelt, verliert seine Frau Shuang-shuang die Nerven und schlägt ihn mit beiden Fäusten auf den Rücken. Er will sich mit seinem Schuh verteidigen, doch Shuang-shuang wehrt ihn ab und sagt: "Gehen wir das mit dem Zellensekretär diskutieren!" Tja, da, wo es keine Eheberatung gibt, muss eben ein Parteifunktionär herhalten. 
Doch dazu kommt es nicht, weil sich schon das nächste drängende Problem anbahnt, das unbedingt gelöst werden will: Die Frauen arbeiten zu wenig für die Gemeinschaft, und Shuang-shuang ärgert sich darüber. Sie weiß auch genau, woran das liegt: Der stellvertretende Brigadeleiter Chin-ch'iao hat mit der Verteilung der Arbeitspunkte aufgehört! Außer Shuang-shuang traut sich keine der Frauen, das Problem beim Schopf zu packen. Also nimmt sie das nächste Vorhaben allein in Angriff und gestaltet eine Wandzeitung, mit der sie diesen Missstand anprangert.

Der Parteisekretär lobt ihren Vorstoß und Hsi-wang wird zum Verantwortlichen für die Bücher gewählt, in denen die Arbeitspunkte notiert werden. Doch schon bahnt sich der nächste Ärger an: Bei der Frage der gerechten Punkteverteilung gibt es Unstimmigkeiten. Hsi-wang ist mit anderen Männern zum Düngen eines entfernten Feldes mit Mist geschickt worden. Doch welch glückliche Fügung: Der Fahrer eines unbeladenen Lastwagens kommt vorbei, und die Männer können ihn überreden, den Mist zum Feld zu transportieren. Dort verteilen sie ihn auf dem Acker, indem sie ihn direkt vom fahrenden Laster abwerfen. Die Arbeit ist schnell erledigt und Hsi-wang trägt allen in einem Anflug von Großzügigkeit 10 Punkte in ihre Arbeitsbücher ein.

Währenddessen hat Shuang-shuang zusammen mit anderen Frauen auf einem Baumwollfeld gearbeitet. Sie diskutieren über die Punkteverteilung und sind sich keineswegs einig: Shuang-shuang kritisiert die schlechte Arbeitsqualität einer der Frauen und es kommt zum Streit.  Die Gruppe trennt sich in schlechter Stimmung, und für ihre Arbeit werden fast allen fünf Punkte gutgeschrieben. Doch zu Hause prahlt Hsi-wang vor seiner Frau damit, wie leicht er so viele Arbeitspunkte gemacht habe. Der nächste Ehekrach bricht los.

Die Geschichte geht noch eine Weile in diesem Modus weiter: Shuang-shuangs Streben nach Gerechtigkeit und bestmöglicher Planerfüllung stößt bei ihrem Mann auf nur wenig Gegenliebe. Sobald er ihr Verhalten kritisiert und sie zur Mäßigung aufruft, ist die Stimmung zwischen den beiden vergiftet. Hsi-wang lenkt grundsätzlich nur dann ein, wenn sein Verhalten öffentlich wird und er direkt oder indirekt kritisiert wird. Der arme Mann hat es nicht leicht mit seiner Frau, die zu allem Überfluss auch noch dabei ist, in der Parteihierarchie aufzusteigen.
Doch am Ende wird alles gut: Hsi-wang wandelt sich unter dem Einfluss seiner Frau und der Gemeinschaft von einem Individualisten zu einem besseren Menschen, der die heimlichen Verfehlungen anderer Brigademitglieder zum Wohl der Gemeinschaft zur Sprache bringt und zum Schluss erkennt, was er an seiner intelligenten Frau hat.

Hintergründe

 

Auch wenn man als Leser spontan über die in den Comics gezeigten Handlungen amüsiert sein mag, gibt es doch Parallelen zu denen im Westen herausgegebenen Heften: Hier wie dort wird die Welt in "gut" und "böse" aufgeteilt. Den Bösen ist oft, damit es auch der letzte Idiot begreift, die Boshaftigkeit an der Nasenspitze anzusehen. Probleme werden standardisiert und vereinfacht dargestellt, Mehrdeutigkeiten sind nicht üblich. Die Handlung geht grundsätzlich von einer Erwartungshaltung der Leser aus und bedient sie.

Als die im Buch vorgestellten Comics entstanden sind, waren sie für die große Masse gedacht. Zu Beginn der 1960-er Jahre lag die Aphabetisierungsrate der chinesischen Bevölkerung bei etwa 30 %. Das Volk mit rein schriftlichem Propagandamaterial versorgen zu wollen, wäre da völlig sinnlos gewesen. Da bot sich mit den Comics ein guter Kompromiss, da die Bilder so eindeutig waren, dass man sich die Handlung gut "zusammenreimen" konnte. Sie wurden von der Parteiführung als Übergangslösung, jedoch auch zu diesem Zeitpunkt als unentbehrlich angesehen.

Das Buch spiegelt sehr gut das wider, was das chinesische Volk zu denken und zu tun hatte. Natürlich hat es einen ernsten Hintergrund: Immerhin verloren unter der Herrschaft von Mao Tse-Tung etwa 45 Millionen Menschen ihr Leben. Aber ich nehme mir aus meiner heutigen ziemlich komfortablen Situation die Freiheit heraus, die Comics mit einem Schmunzeln zu lesen, jedoch gleichzeitig froh zu sein, solch eine Zeit nicht selbst erlebt haben zu müssen.

Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics ist schon lange nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Die bekannten Versender von gebrauchten Büchern bieten jedoch Exemplare an.

Zitate

 

"Wir haben eine kollektive Produktion, und auf jedem Grashalm liegt der Schweiß von allen!"  (Shuang-shuang zu Hsi-wang)

"Ich bin ein guter Kerl des alten Typs. Sie [Anm.: gemeint ist Shuang-shuang] ist ein guter Kerl des neuen Typs. Unser ganzes Denken wird von der Politik geleitet." (Hsi-wang zu einem anderen Brigademitglied)


Montag, 24. August 2015

Die andere Art der Buchvorstellung

Ab und zu möchte ich euch eines meiner Bücher vorstellen, das auf die eine oder andere Art ungewöhnlich ist. Manche von ihnen sind schon vor so vielen Jahren herausgekommen, dass es sie nur noch in Antiquariaten gibt, andere fallen aus anderen Gründen aus dem Rahmen.

Ich werde diese Bücher immer mal wieder zwischen meine Rezensionen am Freitag einstreuen und wünsche euch schon jetzt viel Spaß beim Lesen.
Ach ja: Es handelt sich auch nicht unbedingt um Romane, also lasst euch überraschen.



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Freitag, 21. August 2015

# 12: Ein liebes Kind bei Liebeskind?

Hier macht sich eine Leiche selbstständig

 

Der Roman, den ich euch heute vorstellen möchte, spielt in einem Stadtteil von Philadelphia, God's Pocket. Danach wurde auch das gleichnamige Buch von Pete Dexter God's Pocket benannt, das im amerikanischen Original bereits 1983 erschienen ist, den Weg zur deutschen Übersetzung in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind aber erst 2010 geschafft hat.

Für manche kommt der Tod zu früh, für andere gerade richtig

 

Leon Hubbard ist 24 Jahre alt und lebt bei seiner Mutter Jeanie und seinem Stiefvater Mickey in God's Pocket. Er ist alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse: Leon ist arbeitslos, drogensüchtig, lässt sich gehen und wird aus nichtigen Gründen gewalttätig. Ständig faselt er von Gewalttaten, die er begangen haben will, und das Rasiermesser, das er ständig in seiner Hosentasche trägt, ist so etwas wie sein bester Freund. Durch Mickeys Verbindungen zur Mafia bekommt er einen Job als Maurer und soll helfen, einen Anbau des örtlichen Krankenhauses fertigzustellen. Doch er ist erst wenige Tage auf der Baustelle, als es auch schon Ärger gibt: Nachdem Leon stundenlang damit geprahlt hat, wie er einmal eine Katze gequält hat, ist er auf der Suche nach einem Opfer, an dem er seine Aggressionen ausleben kann. Das findet er in "Old Lucy" Lucien, dem vermeintlich schwächsten Mitglied des Bautrupps. Er ist nach Meinung des Vorarbeiters Peets der beste Mann auf der Baustelle und mit Ende 60 so etwas wie der Methusalem unter den viel jüngeren Kollegen. Was ihn in Leons Augen wertlos macht, ist seine Hautfarbe: "Old Lucy" ist schwarz und hasst es, deswegen beleidigt zu werden.

Leon provoziert Lucien, was dieser eine ganze Weile mit stoischem Gleichmut ignoriert. Doch dann kommt der Moment, in dem Leon den Bogen überspannt: Er holt sein Rasiermesser aus der Tasche und hält es dem "Nigger" drohend unter das Kinn. Dabei verletzt er Lucien leicht, hält das aber für eine Bagatelle. Als sich Leon von Lucien abwendet, nutzt der die Gelegenheit und schlägt ihn mit einem Eisenrohr nieder. Leon überlebt diese Attacke nicht.

Die Wahrheit sollte sich an der Wirklichkeit orientieren

 

Peets gibt seinen Leuten vor, was sie zu sagen haben: Leon hatte einfach Pech, als er unglücklicherweise genau dann neben dem Drehkran stand, als sich ein Bolzen löste und ihn am Hinterkopf traf. Da kann man ja nun gar nichts machen, so schnell kann man gar nicht gucken, wie so etwas passiert...

Diese Version wird den beiden Polizisten, die den Hergang protokollieren, aufgetischt. Einer von ihnen hat zwar eine Ahnung, dass an der Geschichte etwas faul sein könnte, lässt es aber auf sich beruhen. Er kennt God's Pocket gut genug, um zu wissen, dass die Leute hier die Dinge unter sich regeln.

Jeanie glaubt zunächst die Version, die die Polizisten ihr erzählen. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der seinen Stiefsohn schon länger für einen Psychopathen gehalten hat und ihm nicht nachtrauert, hat sie in Leon immer nur den netten Jungen sehen wollen.  Als die allererste Gefühlsaufwallung etwas abgeflaut ist, bricht ihr Mutterinstinkt durch und sie äußert Zweifel daran, dass Leons Tod nur ein Unfall war. Sie nötigt Mickey dazu, sich darum zu kümmern, dass die Wahrheit herausgefunden und außerdem Leon würdig beerdigt wird. In God's Pocket wird unter "Dein Freund und Helfer" aber nicht die Polizei verstanden, und so wendet er sich an seinen Kumpel Bird, einen rangniederen Mafioso. Auch die Beisetzung wird ins Rollen gebracht: Mickey will vom Bestatter in God's Pocket einen Mahagonisarg kaufen, hat aber nicht das nötige Kleingeld.

Doch auch die Lokalpresse will über den "Unfall" berichten und schickt ihren dienstältesten Kolumnisten Richard Shellburn in das Viertel. Shellburn ist ein heruntergekommener Schreiberling, der schon seit einer Ewigkeit für die "Daily News" Artikel schreibt. Alle Kollegen wissen, dass er die meiste Arbeit von seinem Assistenten Billy machen lässt und sich ansonsten dem Alkohol und den Frauen widmet. Als Jeanie ihm die Haustür öffnet, verliebt sich Richard auf der Stelle in sie. Das gibt ihm Auftrieb, nach den wahren Hintergründen von Leons Ableben zu forschen. Doch zuviel Wahrheit kommt in God's Pocket gar nicht gut an...

Durch eine Verkettung von makabren Handlungen und Zufällen findet sich Leons Leiche schon bald in Mickeys Kühllaster wieder und tritt ihre vorletzte Reise an. 

 

 Kein Krimi, aber hochinteressant

 

Wer darauf setzt, dass die beiden Polizisten sich mit kriminalistischem Scharfsinn in die Aufklärung dieses Sterbefalls vertiefen, hat an dieses Buch falsche Erwartungen. God's Pocket ist ein Gesellschaftsroman, der das Leben und Denken der Bewohner dieses Stadtteils beleuchtet. Dabei ist der Name nur angelehnt an den des Stadtteils, der tatsächlich gemeint ist: Devil's Pocket. 
Dexter beschreibt in seinem Roman die eng aneinander gebauten Reihenhauszeilen, die durch das nahe Industriegebiet verdreckten Fassaden und die Nähe zum Fluss. Dort leben die Nachfahren irischer Einwanderer, die sich mit schlecht bezahlter Arbeit und windigen Geschäften durchs Leben schlagen.
In God's Pocket  verfolgt Dexter so viele Handlungsstränge, dass ihre Schilderung eine Rezension sprengen würden. Trotzdem verliert man als Leser nie den Faden und ist immer wieder von den unerwarteten Abläufen überrascht. Ich euch kann das Buch unbedingt empfehlen. Die etwa 360 Seiten sind schnell gelesen.

Die Romanverfilmung lief 2014 in den US-Kinos. Eine der Hauptrollen spielte Philip Seymour Hoffman in der Rolle des Mickey. Die deutsche Fassung hatte den Titel "Leben und Sterben in God's Pocket".