Freitag, 20. November 2015

# 25 - Alle sprechen davon, aber wer weiß, was dahintersteckt?

Von ISIS zu IS - der tiefe Blick in die islamistische Terrorszene

 

Sie treten nur in schwarzer Kleidung und mit vermummten Gesichtern auf: Die Mitglieder des "Islamischen Staates (IS)", die sich nicht nur in martialischen Posen, sondern insbesondere in ihren Rollen als grausame Henker von "Ungläubigen" sowie Terroristen im Auftrag Allahs gefallen. Die meisten Menschen können sich noch an den Namen erinnern, den die Organisation bis Juni 2014 trug: "Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS)". Doch wie hat sich der IS zu dem heutigen Gebilde entwickelt und wer steckt genau dahinter? Diese und noch zahlreiche andere Fragen beantwortet Christoph Reuter in seinem im April 2015 bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) erschienenen Buch Die schwarze Macht


Die Anfänge übersteigen die eigene Fantasie

 

Christoph Reuter studierte u. a. Islamwissenschaften und Politologie, spricht fließend Arabisch und arbeitet als Journalist für das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. 2002 schrieb er mit "Mein Leben ist eine Waffe" ein Buch über Selbstmordattentäter, das als Standardwerk zu diesem Thema gilt. Er kann also als Experte auf dem Gebiet des islamistische Terrors bezeichnet werden. 
Reuter schlägt den Bogen von den Anfängen und Vorläuferorganisationen bis heute: Seit den 1970er Jahren hatten immer wieder dschihadistische Bewegungen versucht, ihren Einfluss in ihren jeweiligen Heimatländern auszubauen und zu erweitern, waren jedoch vollständig am Staatsapparat gescheitert. Das galt für Syrien ebenso wie für Afghanistan, den Irak oder Libyen. Die US-Armee löste 2003 im Irak nicht nur die dortige Armee, sondern auch die Regierung mit allen ihren Behörden auf. Sie schaffte es damals allerdings, eine Machtübernahme durch die Terrororganisation al-Qaida abzuwehren.
Doch in Syrien entwickelte sich die Situation im Laufe des Bürgerkriegs anders: Als die Staatsmacht 2010 die Kontrolle über den Norden verlor, wurde sie mehr oder weniger gut von unzähligen Ortsräten und Rebellengruppen ersetzt. Jede Gruppe tat, was sie für richtig hielt, es war ein großes Durcheinander und damit der perfekte Ausgangszustand für die im Laufe der folgenden Jahre immer größer werdende Macht von gewalttätigen Islamisten.


Bespitzelung - keine neue Idee, aber effektiv


Der Islamische Staat begann zunächst vorsichtig, die Fühler auszustrecken und errichtete in zahlreichen Dörfern islamische Missionszentren, die zunächst harmlos daherkamen. Was man heute kaum glauben kann: Überall dort, wo die Bevölkerung ihren Unwillen über derartige Büros zum Ausdruck brachte, verschwanden sie so schnell und leise, wie sie gekommen waren. Doch dort, wo es eine grundsätzliche Akzeptanz oder zumindest keinen Protest gab, rekrutierte man aus der Mitte der Einwohner einige Informanten, die anhand einer Kriterienliste auch kleine Details über ihr Dorf herausfinden und melden sollten. Das alles diente dem Ziel, einen sog. "Islamischen Geheimdienst-Staat" aufzubauen. Ein Modell, was sicher in den Grundzügen vielen bekannt vorkommt.
Loyalität mit anderen Gruppierungen oder Regierungen war und ist dem IS fremd: Er handelte immer so, wie es für ihn nützlich erscheint und wechselte zum Teil so schnell die Allianzen, dass dies aus unserer Perspektive nur schwer nachzuvollziehen ist.

Das, was wir heute als IS kennen, entstammt einer Reihe mehr oder weniger "erfolgreicher" islamistischer Terrorgruppen und ihren Anführern. Christoph Reuter beschreibt hier beispielsweise den Werdegang des später zu den Topterroristen gehörenden Abu Musab al-Zaraqiwi, dessen Leben schon früh ins Schlingern geriet: Der Jordanier beendete mit 17 Jahren seine Schulausbildung, war Alkoholiker und schaffte es nicht, eine Arbeitsstelle länger zu behalten. Wegen verschiedener Gewaltdelikte erhielt er mehrmals Gefängnisstrafen. Als er 1989 beschloss, sich gegen die Sowjets dem Dschihad in Afghanistan anzuschließen, kam er erst dort an, als die Rote Armee bereits abgezogen war. Weil er nach seiner Rückkehr in seinem Wohnhaus Granaten versteckt hatte, wurde er erneut zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Was macht so einen Menschen, der zwar ein gewalttätiges Potenzial hat, aber völlig planlos durchs Leben geht, zu einem der meistgesuchten Teroristen, auf dessen Kopf Interpol 25 Millionen Dollar ausgesetzt hatte? Er wurde Teil des vom damaligen US-Außenminister Colin Powell 2003 vor der UN-Vollversammlung verkündeten Märchens, Zarqawi gehöre zur Führungsspitze von al-Qaida und sei das Verbindungsglied zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden. Wie Powell auf Zarqawi kam, ist offenbar nicht bekannt. Tatsache jedoch ist, dass diese Aussage die Bekanntheit Zarqawis und dessen Popularität unter den Islamisten in die Höhe schnellen ließ und ihm den Weg zu einer terroristischen "Karriere" ebnete.


Wer sollte das Buch lesen?

Die schwarze Macht ist ein Sachbuch, das Licht in das Dunkel des Aufstiegs des islamistischen Terrors und viele Einblicke in dessen Hintergründe gibt. Christoph Reuter erläutert u. a., aus welchen Quellen sich der Terror finanziert, welche Staaten ihre Hände im Spiel haben und den Terror aus taktischen Gründen unterstützen oder wie der IS organisiert ist. Der Autor hat mit sehr großer Sachkenntnis in 12 Kapiteln beschrieben, wie der sich seit 2010 rasant vollzogene Aufstieg des IS überhaupt geschehen konnte und warum es ihn heute nicht geben müsste. Jede der 330 Seiten (zuzügl. ausführliches Quellenverzeichnis und Register) ist randvoll mit Informationen und hochinteressant. Das sieht der Norddeutsche Rundfunk offenbar auch so: Kurz vor den IS-Anschlägen in Paris am 13. November 2015 wurde dort beschlossen, Christoph Reuter am 25. November 2015 für sein neuestes Buch mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis auszuzeichnen. Wenn das keine Leseempfehlung ist, was muss dann noch kommen?

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist über die Verlagsseite der DVA oder den Buchhandel zum Preis von 19,99 € erhältlich. Die Ausgabe im Kindle-Format kostet 15,99 €.

Freitag, 13. November 2015

# 24 - Ein Herzensprojekt

Ein syrischer Fernsehkoch schreibt und kocht für seine Landsleute

 

Heute ist für mich eine Premiere: Ich stelle euch ein Kochbuch vor, dessen Rezepte vom über die syrischen Grenzen hinaus bekannten Fernsehkoch Fadi Alauwad stammen: Mit Fadi kocht syrisch hat er mit der Unterstützung von zehn professionell arbeitenden ehrenamtlichen Helfern ein einzigartiges Projekt auf die Beine gestellt.

Ein Kochbuch für die Sinne

 

Es geht hier natürlich ums Kochen und ums Essen. Das ist es, was man von jedem Kochbuch erwartet. Aber Fadi Alauwad möchte seinen Lesern noch viel mehr vermitteln: Er nimmt sie mit auf eine Reise durch Syrien und vermittelt so das Lebensgefühl seiner Heimat. Gastfreundschaft gehört unbedingt dazu, aber auch Tipps, was sich Reisende nicht entgehen lassen sollten. Oder wusstet ihr, dass sich die berühmteste Eisdiele des Orients in Damaskus befindet und das Eis dort von Hand geschlagen wird? Zu jedem dieser Hinweise gehört ein Foto, das das Geschehen noch näher bringt.

Die Fotos gehören neben den Rezepten und Reiseeindrücken zu den Highlights dieses ungewöhnlichen Kochbuchs: Auch Kochmuffel bekommen durch sie Lust, sich selbst an den Herd zu stellen und die traditionellen syrischen Gerichte nachzukochen. Fadi Alauwad zeigt seinen Lesern mit einfach zuzubereitenden Rezepten nicht nur die typische syrische Küche, sondern erläutert auch anschaulich, worauf dort Wert gelegt wird: Frische Lebensmittel, gesunde Ernährung, die richtigen Gewürze und das Essen in Gesellschaft spielen eine große Rolle.
Die Zubereitung der einzelnen Gerichte wird sehr genau erklärt, sodass das Buch auch für Koch-Anfänger geeignet ist. Die Zutaten sind im Supermarkt erhältlich und können deshalb problemlos besorgt werden.

Der Hintergrund

 

Fadi Alauwad ist mit seiner Frau und seinen drei Töchtern 2014 aus Syrien geflohen. Er lebt und arbeitet heute in Aachen. Sein Kochbuch Fadi kocht syrisch ist sein Gastgeschenk, jedoch auch der Wunsch, den Kindern in Syrien zu helfen, die dort in zum Teil erbärmlichen Verhältnissen leben: Die Erlöse aus dem Buchverkauf gehen an Kinderhilfsprojekte des Vereins SyrienHilfe e. V., der für Lebensmittel, ärztliche Versorgung und medizinische Hilfe sorgt. So kann die Not dort zumindest gelindert werden.

Fadi kocht syrisch ist ab 18. November 2015 unter der ISBN 978-3-00-051062-5 zum Preis von 19,90 € erhältlich und enthält neben 30 Rezepten viele aufwändig gestaltete Fotos. Ihr könnt es entweder versandkostenfrei bei Mayersche.de oder über die Seite Fadi kocht syrisch (ab 10 Exemplaren) bestellen und bekommt ein hochwertiges Hardcover-Buch.


Klick direkt zum Buch

 

  

Freitag, 6. November 2015

# 23 - Kann man so die Welt retten?

Wenn es Geld vom Himmel regnet

 

Der Autor des heute vorgestellten Buchs, Joachim Ackva, hat 2014 und 2015 mit mehreren spektakulären Aktionen in deutschen Großstädten eine bundesweite mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen: In Berlin, Frankfurt, Köln und München ließ er jeweils mehrere 1.000 Euro aus an Heliumballons befestigten Säckchen auf öffentlichen Plätzen vom Himmel regnen. Das Geld stammte aus seinem Privatvermögen. Den Sinn dieser Geldgeschenke erklärt er in seinem kürzlich erschienenen Buch Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage .


Geben ist seliger denn Nehmen

 

Dieser Ausspruch aus dem Neuen Testament steckt im Prinzip hinter Ackvas Geldregen: Der Mitbegründer der Initiative "Planet Earth Account"  möchte Menschen darauf aufmerksam machen, dass sich die drängendsten Probleme der Weltgemeinschaft lösen ließen, wenn jeder ein Tausendstel seines Vermögens abgäbe. Nicht in eines der unzähligen Spendenprojekte, sondern auf ein eigens hierfür einzurichtendes Weltkonto, das bei den Vereinten Nationen angesiedelt sein sollte.
Die Argumente für die Notwendigkeit eines solchen Kontos sind nicht neu, werden von ihm aber noch einmal eindringlich ins Gedächtnis gerufen: Das Eigentum von 85 Einzelpersonen entspricht dem der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung; innerhalb von sieben Jahren wuchs der Schuldenberg der globalen Wirtschaft um 40 %. Dies sind nur zwei von mehreren Fakten, die für den Autor deutlich machen, dass es so nicht weitergehen kann.


Ein Tausendstel - ist das nicht fast nichts?

 

Ackva setzt in  seinem Modell auf Freiwilligkeit und hat diese anhand von Befragungen in mehreren Ländern zwischen März und Mai 2015 überprüfen lassen. Er räumt ein, dass die Hochrechnung der Befragungsergebnisse nur eine Orientierung geben kann. Die Erhebung wurde von TNS-Emnid und für die Niederlande von einem dort ansässigen Marktforschungsinstitut durchgeführt und brachte zum Teil überraschende Ergebnisse: Auf die Frage, ob sie einmalig ein Tausendstel ihres Vermögens auf ein Weltkonto überweisen würden, bejahten dies (hochgerechnet) 70 Millionen US-Amerikaner, 38 Millionen Deutsche, 21 Millionen Japaner, 14 Millionen Russen, 9 Millionen Briten und 4 Millionen Niederländer. Die Bereitschaft ist also bezogen auf die Bevölkerungszahl erwartungsgemäß in jedem Land sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ackva hat aufgrund der Angaben hochgerechnet, dass mit diesem Spendenverhalten 70 Milliarden US-Dollar verfügbar sein würden. Auch wenn im "Ernstfall" dann doch nur jeder 10. der Spendenwilligen tatsächlich sein Tausendstel hergeben würde, wäre der Startetat mit 7 Milliarden US-Dollar immer noch mehr als doppelt so hoch wie das Jahresbudget der Vereinten Nationen (2015: 2,9 Milliarden US-Dollar).


Das sollte mit dem Geldtopf geschehen

 

Ackva hat die 17 "Nachhaltigen Entwicklungsziele" der Vereinten Nationen dargestellt, zu denen beispielsweise die weltweite Beendigung der Armut, die Bildung für alle, die Förderung eines inklusiven und nachhaltigen Wirtschaftswachstums und die Reduktion der Ungleichheit in und zwischen den Ländern gehören. Jedes für sich ist sehr ambitioniert und wurde seit vielen Jahren immer wieder gefordert. Die Erfolge sind hingegen sehr unterschiedlich und oft sehr gering ausgefallen.

Joachim Ackva hat sich auch Gedanken über die Organisation gemacht, die zwangsläufig hinter einem so gewaltigen Spendentopf stehen müsste. Er formuliert sowohl die nötigen Organisationsziele als auch den Aufbau der Infrastruktur auf globaler und nationaler Ebene. Das globe Lenkungskomitee könnte aus den ehemaligen Generalsekretären der Vereinten Nationen bestehen. Ihre Zahl ist sehr übersichtlich: Aus Altersgründen kämen vermutlich nur noch Kofi Annan und Ban-Ki Moon infrage; Boutros Boutros-Ghali sowie Javier Pérez de Cuéllar haben beide das 90. Lebensjahr überschritten und dürften zu einer solchen Aufgabe kaum noch bereit sein.  
Einzahler sollen die Möglichkeit haben, durch die Überweisung ihres Geldes auf ein bestimmtes globales Unterkonto, das für je eines der von den Vereinten Nationen festgelegten Ziele eingerichtet würde, sich konkret zu entscheiden, welches dieser Ziele sie unterstützen möchten. Sollte es zu einem zu großen Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Unterkonten kommen, wäre das Lenkungskomitee befugt, regulierend einzugreifen.

Das Risiko, dass das gesammelte Geld nicht die erhofften Erfolge haben könnte, sieht der Autor sehr wohl. Er siedelt jedoch die Chance, etwas Großartiges in einem nie dagewesenen Umfang zu erreichen, höher an, als ein Tausendstel des eingesetzten Privatvermögens zu verlieren.


Leseempfehlung?

 

Joachim Ackva hat eine Vision entwickelt, die einen denkbaren Weg zeigen soll, mit den zahlreichen und drängenden Problemen der Weltgemeinschaft fertig zu werden. Ich gebe zu, dass ich an einigen Stellen skeptisch bin, ob die Umsetzung so klappen würde, wie er es sich vorstellt. Der vorgeschlagene organisatorische Aufbau sieht zwar auf den ersten Blick noch relativ "schlank" aus, aber da es sich um viel Geld und zahlreiche Unterkonten handeln würde, müsste auch ausreichend Personal vorhanden sein. Würde dieses aus diesem Geldtopf oder aus anderen Mitteln bezahlt werden? Wie sollte eine effektive Finanz- und Kostenkontrolle aussehen, die Korruption und das Versickern der Spendengelder verhindert? Wie ist es rechtlich möglich, Gelder, die ausdrücklich einem bestimmten Unterkonto zugedacht sind, durch das Eingreifen des Lenkungskomitees (das dann aus zwei älteren Herren bestehen würde) auf ein anderes Unterkonto umzubuchen? Vor diesem Problem stehen immer wieder Hilfsorganisationen, die genau das nicht dürfen, obwohl es oft sinnvoll wäre.

Trotz meiner Bedenken an der einen oder anderen Stelle finde ich, dass man diesen von Joachim Ackva aufgenommenen Gedanken weiterverfolgen sollte. Vor der Ingangsetzung eines Plans steht immer eine Vision, und Visionäre sind es, die Anregungen geben und das Denken in andere Bahnen lenken. Deshalb wünsche ich ihm sowohl für seine Vision als auch für sein Buch alles Gute! 

 
Dem Buch Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage sind im Anhang die Ergebnisse der o. g. Meinungsumfrage, ein Kapitel mit Betrachtungen, Reaktionen auf die Geldregen-Aktionen sowie ein ausführliches Quellenverzeichnis beigegfügt. Die letzten Worte des Buches sind ein Zitat von Nelson Mandela: "Es erscheint immer unmöglich, bis man es getan hat."

Das Buch wurde im Verlag Indie Publishing herausgegeben und kann sowohl bei Books On Demand  als auch über den stationären Buchhandel zum Preis von 6,90 € bestellt werden. 
Es wurde mir von Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

 

Sonntag, 1. November 2015

Der Rückblick auf den Oktober

Ein Monat mit spannenden Erinnerungen

 

Im Oktober ging es um wieder aufgetauchte Tagebücher von zwei weltweit bekannten Schriftstellern, den Erinnerungen des Sohnes eines prominenten Publizisten, den (vorläufig?) letzten Teil einer Familiensaga, die unzählige Fans hat und einen etwas anderen Krimi.


Astrid Lindgren macht sich ihre Gedanken zum 2. Weltkrieg

Aus einer vergleichsweise komfortablen Position heraus blickt die durch ihre Kinder- und Jugendbücher bekannte schwedische Autorin Astrid Lindgren auf die Kriegswirren, die sich um ihr Heimatland herum abspielen. Ihre Beurteilungen sind kritisch und sehr mitfühlend. In DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN - TAGEBÜCHER 1939-1945 sind außerdem zahlreiche Faksimiles enthalten, die vom Schwedischen ins Deutsche übersetzt wurden. Die Kriegstagebücher bekommen von mir wegen ihrer Authentizität 

(von 5)

Und wer noch etwas mehr über Astrid Lindgren wissen möchte: Hier ist ein Video anlässlich ihres 100. Geburtstages , das einen Ausschnitt aus der Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" aus dem Jahr 2007 zeigt.

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Am 9. Oktober ging es mit HEUTE DREIMAL INS POLARMEER GEFALLEN des durch seine Kriminalromane bekannt gewordenen Schriftstellers Arthur Conan Doyle weiter. Schon wieder Tagebücher? Ja, denn diese unterscheiden sich sehr von denen, die Astrid Lindgren verfasst hat. Conan Doyle schildert sehr genau den Verlauf seiner Reise auf einem Arktis-Walfänger im Jahr 1880. Er war damals ein junger Medizinstudent und wurde als Schiffsarzt angeheuert. Da nahm man es offenbar noch nicht so genau. Auch dieses Buch hat 


 verdient.


Radio Bremen hat am 16. August 2015 eine Hör-Rezension veröffentlicht. Hier werden Ausschnitte aus dem Buch vorgelesen.

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Eine Woche später gab es wieder einen Rückblick, diesmal allerdings einen sehr nachdenklichen. Tilman Jens hat über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters Walter Jens ein Buch geschrieben, in dem er sich sowohl über den Verlauf der Erkrankung, als auch die Frage, wann Sterbehilfe geleistet werden sollte, Gedanken macht. DEMENZ- ABSCHIED VON MEINEM VATER hat nach seiner Veröffentlichung heftige kontroverse Diskussionen ausgelöst, die teilweise ans "Eingemachte" gingen. Für die ehrliche und unverblümte Darstellung sowie den Mut, mit diesem sehr persönlichen Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen, vergebe ich ebenfalls

 



Wenn ihr eine Entscheidungshilfe benötigt, bevor ihr euch diesem Buch zuwendet, dann könnt ihr hier die ersten Seiten lesen.

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Der 23. Oktober war ganz der Unterhaltung gewidmet. Fans von historischen Romanen haben schon lange auf die Fortsetzung der Geschichte des englischen Waringham-Clans gewartet, und im September war es dann endlich soweit. Die Handlung hat sich in DER PALAST DER MEERE von Rebecca Gablé auf die Seefahrt verlagert, der Familiensitz in Waringham ist nur noch einer von mehreren Schauplätzen. Das ist den Plänen der damaligen Königin Elisabeth I. geschuldet, ihr Vermögen und die Kriegskasse mit Sklavenhandel und anderen "Erfolgen" englischer Freibeuter aufzubessern. Das Buch ist - wie von ihr gewohnt - durchweg spannend geschrieben und basiert auf historischen Fakten. Auch hierfür gibt es








Der Verlag hat ein Buchvideo bereitgestellt.

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Am letzten Freitag im Oktober habe ich euch einen Krimi von Friedrich Ani vorgestellt. In DER NAMENLOSE TAG bittet ein Mann den pensionierten Kriminalhauptkommissar Jakob Franck um Hilfe. Vor 21 Jahren war seine damals 17jährige Tochter erhängt an einem Baum im Park gefunden worden. Bis heute glaubt der Vater, dass sein Kind ermordet wurde. Mit seinen sehr eigenwilligen Methoden kann Franck Licht ins Dunkel bringen. Für dieses ungewöhnliche Buch, das sowohl stilistisch als auch inhaltlich jenseites der üblichen Krimis liegt, gebe ich 






Hier ist ein Video zu einer Romanlesung mit Friedrich Ani.

Hinsichtlich der Buchauswahl war das ein super Monat!

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Freitag, 30. Oktober 2015

# 22 - Die Geburt eines neuen Krimi-Protagonisten

Es wird gestorben - freiwillig?

 

Der Autor Friedrich Ani ist seinen Lesern vor allem wegen seiner Kriminalromane bekannt, in denen Ermittler wie Polonius Fischer, Tabor Süden oder Jonas Vogel den menschlichen Untiefen auf den Grund gehen durften. Mit seinem neuesten in diesem Jahr erschienenen Buch Der namenlose Tag kümmert sich zum ersten Mal Jakob Franck um einen Todesfall von nebenan.

Wenn die Toten keine Ruhe geben

 

Kriminalhauptkommissar Jakob Franck ist seit zwei Monaten im Ruhestand. Endlich keine Toten mehr und keine Angehörigen, denen er die schlimmste Nachricht ihres Lebens überbringen muss: Jemand, der ihnen sehr nahestand, ist tot. Die Ehefrau, der Sohn, die Tochter, die Eltern. Viele von ihnen wurden ermordet; manche hatten, weil sie ihr Leben nicht mehr ertragen konnten, es selbst beendet. Franck war dafür der richtige Mann: Er fand instinktiv immer die richtigen Worte und ließ die Trauernden nie in ihrer Verzweiflung allein zurück. Doch jetzt ist Schluss damit. Denkt er. Aber die Toten lassen ihn nicht los: Seit unzähligen Jahren hält er an seinem Küchentisch mit ihnen Zwiesprache, den Teller mit Butterkeksen immer griffbereit. Das ist seit Jahr und Tag seine Methode, diese schrecklichen Ereignisse und die Bilder, die er mit ihnen verbindet, zu verarbeiten.
Ein unerwarteter Besuch katapultiert ihn plötzlich 21 Jahre zurück.

 Verzweiflung, Sprachlosigkeit und zwei tote Frauen


Ludwig Winther verzweifelt seit mehr als 20 Jahren an den Trümmern seiner Existenz. Er hatte einmal alles, was einen bürgerlichen Traum ausmacht: Eine sichere Stelle in einem Geschäft für Herrenbekleidung, eine Frau, eine Tochter und ein Eigenheim in München, das irgendwann abbezahlt sein würde. Doch Esther, die Tochter, kam in die Pubertät und fühlte sich zu Hause unverstanden. Sie zog sich zurück und fand in ihren Eltern, die in ihrem Leben noch nie durch Geschwätzigkeit aufgefallen waren, keine Zuhörer, geschweige denn Gesprächspartner. Und eines Tages stand Jakob Franck vor der Haustür der Winthers, um das zu tun, wovor sich alle seine Kollegen gern drückten: eine Todesnachricht zu überbringen. Irgendwie musste er Doris Winther mitteilen, dass sich ihr einziges Kind im nahen Park erhängt hatte. Ludwig Winther nahm da gerade mit Kollegen an einer Fortbildung in Salzburg teil und erfuhr die schreckliche Nachricht erst verzögert durch die Polizei.
Die fassungslose Mutter hatte sich damals in ihrem Schmerz an Franck gelehnt, und er hatte sie sieben Stunden ununterbrochen im Arm gehalten. Schon deshalb hatte er diesen Fall sofort wieder vor Augen, als 21 Jahre später Ludwig Winther vor seiner Tür stand, und ihn bat, den Tod seiner Tochter erneut zu untersuchen. Seit damals war Winther den Verdacht nicht losgeworden, dass Esther sich nicht selbst aufgehängt, sondern jemand nachgeholfen hatte. Der Selbstmord seiner Frau nur ein Jahr nach dem Tod der Tochter konnte daran nichts ändern. 

Franck rollt den längst zu den Akten gelegten Fall im Rahmen seiner Möglichkeiten als Pensionär wieder auf. Er spricht mit Esthers damaligen Freunden und trifft auch eine Zeugin, die sich bei der polizeilichen Befragung nicht daran erinnern konnte, andere Menschen im Park gesehen zu haben. Auch der benachbarte Zahnarzt Dr. Jordan, der früher den Ruf hatte, sich an junge Mädchen heranzumachen und der von Winther verdächtigt wird, Esther getötet zu haben, wird von Franck erneut befragt.

Ein unerwartetes Finale und jede Menge Tragik

 

Mit jeder Menge Empathie, Beharrlichkeit und seiner eigenwilligen Methode der "Gedankenfühligkeit" gelingt es Jakob Franck, Licht in den Fall zu bringen und die Hintergründe von Esther Winthers Tod aufzuklären. Friedrich Ani zeichnet mit seinem Blick auf die Mitglieder der Familie Winther das Ausmaß einer Sprachlosigkeit, die über Ludwig, Doris und Esther hinaus auch deren Verwandtschaft fest im Griff hat und am Ende dazu führt, dass sich Menschen einander entfremden und Verbindungen gekappt werden.
Der bei Suhrkamp herausgegebene Roman Der namenlose Tag ist alles andere als ein Allerweltsbuch. Anis Schreibstil lässt den Leser in die Handlung eintauchen und das Gefühl haben, bei allem, was geschieht, direkt dabei zu sein. Ein Krimi jenseits des üblichen Krimi-Genres. Lesen!
 

Freitag, 23. Oktober 2015

# 21 - Die Waringham-Saga geht weiter

Nach zwei Jahren Pause kommt jetzt die Fortsetzung

 

Rebecca Gablé hat ihre sehr bekannte und erfolgreiche Romanserie, in der sich alles um die erfundene englische Familie Waringham und die Geschichte Englands dreht, um einen fünften Band ergänzt.
Wer die vorangegangenen Bücher kennt weiß, dass der erste Roman Das Lächeln der Fortuna im Jahr 1360 ansetzt. Die nachfolgenden Bücher schließen sich zeitlich fast nahtlos an, der heute vorgestellte fünfte Teil Der Palast der Meere versetzt seine Leser zurück in die Jahre 1560 bis 1588.


Lug und Trug und jede Menge Seefahrt - das Elisabethanische Zeitalter

 

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen neben Queen Elisabeth I. die jetzt erwachsenen Kinder der Waringham-Generation des vorherigen Romans Der dunkle Thron: Eleanor ist das "Auge" der Königin, ihr Bruder Francis Earl of Waringham lebt mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Familiensitz in Waringham und betreibt sehr erfolgreich das Gestüt, Eleanors jüngerer Brüder Isaac lebt in London bei seinem Onkel Philipp Durham, und die Jüngste, Isabella, wächst behütet in Waringham auf.

Nach den üblichen Regeln ist klar, dass Francis' Sohn Lappidot irgendwann das Gut und den Titel erben wird. Doch da kommt der Familientradition die Pest dazwischen: Der sechsjährige Lappidot erkrankt so schwer daran, dass er völlig erblindet. Somit scheidet er als Erbe aus. Francis schickt einen Boten aus, um seinen Bruder Isaac aus London aufs Land zu holen, damit der sich in den nächsten Jahren auf die ihm zugedachte Rolle vorbereiten kann. Doch Isaac verbindet mit dem idyllischen Landleben nichts weiter als Unfreiheit und stiehlt sich davon. Es zieht ihn in die Ferne, und er möchte Abenteuer erleben. Er schlägt sich nach Plymouth durch und versteckt sich als blinder Passagier auf der "Salomon", weil ihm, der von Schifffahrt nichts versteht, das Schiff als das beste im Hafen erscheint. Erst als er auf See entdeckt wird, wird ihm klar, auf wessen Schiff er geraten ist: Der Captain ist John Hawkins, der berühmt-berüchtigte Freibeuter. Isaac verschweigt seine wahre Identität und hat zunächst noch Glück, als sich Hawkins Vetter Francis Drake um ihn kümmert. Doch entgegen Isaacs erster Vermutung, dass die "Salomon" einen niederländischen oder französischen Hafen ansteuern würde, dauert ihre Fahrt zwei Monate, bis sie den Hafen von Teneriffa anläuft. Nachdem Captain Hawkins seine Geschäfte dort abgewickelt hat, verkauft er Isaac kurzerhand als Sklave an einen spanischen Zuckerrohrpflanzer. Für ihn beginnen die schrecklichsten beiden Jahre seines Lebens.

Immer schön den Schein wahren

 

Niemand in London oder Waringham weiß, wo sich Isaac befindet. Doch die Nachforschungen seiner Schwester Eleanor ergeben zumindest, dass er sich in Plymouth eingeschifft hat. Das untermauert das schlechte Image als schwarzes Schaf der Familie, das sich Isaac schon in der Vergangenheit erarbeitet hat.
Eleanors Leben verläuft indessen in einem Rhythmus, den die Königin vorgibt. Sie ist als ihr "Auge" nicht nur ihre Hofspionin, sondern auch seit Kindertagen ihre engste Vertraute. Ihr Privatleben kommt eine ganze Weile zu kurz, aber dann beginnt sie eine heimliche Beziehung mit Gabriel Durham, dem Londoner "König der Diebe", die sie lange Zeit geheimhalten kann.

Elisabeth I. hat jahrelang mit den Intrigen der schottischen Königin Maria Stuart zu kämpfen, die nach der Ermordung ihres zweiten Ehemanns Lord Darnley durch ihren späteren dritten Mann jeden Rückhalt in Volk und Adel verliert und schließlich 1567 abdanken muss. Doch Maria Stuart besteht darauf, dass ihr Anspruch auf den englischen Thron größer ist als der von Elisabeth I. Auch während ihrer Haft in wechselnden englischen Burgen und Schlössern versucht sie, ihren Machtanspruch mithilfe von treuen Anhängern durchzusetzen. Elisabeth I. widersteht lange Zeit dem Drängen ihrer Vertrauten, diesem Treiben ein Ende zu setzen, kann letztlich aber nicht anders, als 1857 das Todesurteil für die abgesetzte Königin zu unterschreiben.

Jede Menge Meer, Piraten und Sklaven

 

Dieses Buch stellt die Seefahrt und nicht mehr den Landsitz in Waringham in den Mittelpunkt. Für alle, die die ersten vier Romane*) gelesen haben, ist das sehr ungewohnt. Waringham und seine Bewohner spielen zwar immer noch eine Rolle, aber der Umstand, dass die damals regierende englische Königin den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika gebilligt hatte und britische Piraten wie Hawkins und Drake (sowie der erfundene Charakter des Isaac Waringham) 1588 entscheidend an der Abwehr der Spanischen Armada beteiligt waren, haben die Handlung zugunsten der Freibeuter verschoben. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch: Der Roman ließe sich gut "in einem Rutsch" lesen, wenn er dafür mit fast 960 Seiten nicht zu lang wäre.
Auch wenn es die Waringhams nicht gegeben hat und sie so etwas wie das Gerüst sind, an der sich die - historisch verbriefte - Handlung aufbaut, kann man sich kaum vorstellen, wie die englische Geschichte ohne ihre Unterstützung verlaufen wäre. Rebecca Gablé streut wie schon in den anderen Romanen sehr viele Figuren ein, die jedoch den Verlauf voranbringen und das Buch abrunden. Wer Schwierigkeiten hat, die zahlreichen Namen den Personen und ihren Funktionen zuzuordnen, kann hin und wieder einen Blick auf das übersichtliche Personenregister am Beginn des Buches werfen.

Ich habe schon die vorherigen Waringham-Romane verschlungen, und dieser machte keine Ausnahme. Es ist zwar schön, wenn die immer wieder auftauchenden Namen aus den ersten vier Büchern bereits bekannt sind, es ist aber nicht nötig, um dem neuesten Band folgen zu können. 
Hätte ich Der Palast der Meere nicht als Rezensionsexemplar von blogg dein buch zur Verfügung gestellt bekommen, hätte ich es mir auf jeden Fall gekauft.

Die Daten zum Buch:
Rebecca Gablé, Der Palast der Meere, (C) 2015 by Bastei Lübbe AG,  Bastei Lübbe , ISBN 978-3-431-03926-9

*) Die Titel der ersten vier Bücher der Waringham-Saga lauten
    Band 1: Das Lächeln der Fortuna (1360 - 1399)
    Band 2: Die Hüter der Rose (1413 - 1442)
    Band 3: Das Spiel der Könige (1455 - 1485)
    Band 4: Der dunkle Thron (1529 - 1553)

 

Freitag, 16. Oktober 2015

# 20 - Eine Reise ins Vergessen ohne Wiederkehr

Der Ex-Fußballer Gerd Müller, der frühere US-Präsident Ronald Reagan, die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher oder die Kinderbuchautorin Enid Blyton: Sie erlitten am Ende ihres Lebens dasselbe Schicksal wie der Mann, um den es im heutigen Buch geht: Walter Jens. 

Der Altphilologe, Schriftsteller, Übersetzer und Kritiker ist mehr als 30 Jahre Professor an der Eberhard Karls Universität in Tübingen gewesen. Er war als Dauergast in den Feuilletons und kulturellen Fernsehsendungen auch einem breiten Publikum außerhalb des Universitätsbetriebs bekannt. Dieser gebildete Mann, dessen schärfste Waffe das Wort war, litt in den letzten Jahren seines Lebens an Alzheimer, einer Krankheit, deren Verlauf sich mithilfe von Medikamenten für einen begrenzten Zeitraum abbremsen, aber nie heilen lässt. 

Sein Sohn Tilman Jens veröffentlichte 2009 das Buch Demenz - Abschied von meinem Vater, in dem er sich mit dem Verlauf der Krankheit und den Persönlichkeitsveränderungen, die er an seinem Vater beobachten konnte, auseinandersetzte. Aber auch das Thema Sterbehilfe kommt immer wieder zur Sprache.

"Darf ich nach einem selbstbestimmten Leben nicht auch einen selbstbestimmten Tod haben, statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fernher an mich erinnert?" Mit diesem Zitat, das aus dem von seinem Vater und dem Theologen Hans Küng 1995 veröffentlichten Buch "Menschenwürdig sterben" stammt, leitet Tilman Jens sein eigenes Buch ein. Die Position seines Vaters war immer klar: Er will entweder bis ans Ende seiner Tage seiner Leidenschaft, dem Schreiben, nachgehen können oder tot sein. Noch mit 78 Jahren hatte Walter Jens 2001 in einer Fernsehsendung diese Haltung erneuert. Gleich zu Beginn des Buches schildert sein Sohn den Zustand des Vaters zu dem Zeitpunkt, zu dem es 2008 geschrieben wurde. So etwas wie Nachtruhe gab es nur noch mithilfe von Schlafmitteln, Desorientierung, der Drang wegzulaufen, Augen ohne Ausdruck: Das machte den einst bewunderten Jens im Alter von 85 Jahren aus. Ein Zustand, den er für sich nie wollte und über den er zwölf Jahre zuvor noch gesagt hatte, er bezweifle, "dass derjenige, der am Ende niemanden mehr erkennt von seinen nächsten Angehörigen, im Sinne des Humanen noch ein Mensch ist. Und deshalb denke ich, sollte jeder bestimmen können, dann und dann möchte ich, dass ich sterben darf." Worte, die sich leicht sagen lassen, wenn man (noch) nicht zu den Dementen gehört.

Tilman Jens sieht den Grund für den Ausbruch der Krankheit bei seinem Vater in einem Ereignis, das diesen völlig unvorbereitet getroffen und ihn massiv erschüttert hatte. Im November 2003, ein halbes Jahr nach seinem 80. Geburtstag, wurde öffentlich, dass Walter Jens 1942 der NSDAP beigetreten ist. Die Presse und Kollegen fielen über ihn her, nur wenige Weggefährten nahmen ihn in Schutz. Anstatt die Gelegenheiten, die in der Vergangenheit immer wieder da gewesen wären, zu nutzen, hoffte er nun, mit der Schneckenhaus-Taktik die Kritik abzuschütteln. Doch niemand mochte so recht glauben, dass er von seiner Mitgliedschaft nichts gewusst haben wollte und sich alles um einen Irrtum handeln müsste.

Doch auch wenn die ersten Ausfallerscheinungen Hinweise auf eine beginnende Demenz gegeben hatten, glaubte die Familie zunächst an eine Rückkehr der Depression, die Walter Jens in den 1980er Jahren durchlitten hatte. Im Laufe der folgenden Jahre nahm er nun eine Reihe von Psychopharmaka, die er sich von unterschiedlichen Ärzten an verschiedenen Orten verschreiben ließ.

Die Hinweise auf eine Demenz wurden jedoch immer deutlicher: Es kam zu Gewalt gegen seine Frau Inge, das Leben mit Jens wurde für sie immer schwieriger. Die Rollen kehrten sich um. Aber noch immer sprachen auch die Ärzte von psychischen Problemen, empfahlen allerdings wegen Jens' Medikamentenabhängigkeit eine Entziehungskur in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung. Rückblickend zieht Tilman Jens den Schluss, dass die Familie von den dortigen Ärzten bewusst im Unklaren gelassen wurde, während immer von einer "atypischen Depression" die Rede war. Das hält er auch dem emeritierten Tübinger Professor Karl-Josef Kuschel vor, der in seinem 2008 erschienenen Porträt über Walter Jens dessen Demenz vollständig außen vor ließ; so, wie eine Schande, die das Bild, das man von einem Menschen hat, befleckt.

Walter Jens hatte sich schon viele Jahre vor dem Beginn seiner Alzheimer-Erkrankung gewünscht, dass der ihm vertraute Hausarzt seinem Leben mit den richtigen Medikamenten ein Ende setzen sollte, wenn es nicht mehr lebenswert sein würde. Diesen Zeitpunkt hielt Walter Jens in einem geistig klaren Moment 2005 für gekommen und bat seinen Sohn darum, das Nötige zu veranlassen. Seine Familie hatte ihm die inzwischen gesicherte Diagnose Alzheimer verschwiegen und statt dessen nur von Entzugserscheinungen nach dem Absetzen der Psychopharmaka gesprochen. Doch der Arzt hatte noch einen anderen Vorschlag: Mit dem Präparat Memantin gelang es, den Fortschritt der Krankheit für einige Monate aufzuhalten.

Aber der Wunsch, zu sterben, kehrte zurück: Anfang Januar 2007 sagte Walter Jens gegenüber seinem Sohn und seiner Frau, dass er jetzt gehen wolle. Es sei jetzt genug. Die beiden konnten diesen Wunsch verstehen, doch nach wenigen Minuten Stille fügte Walter Jens hinzu: "Aber schön ist es doch!" Sollte man einem Menschen in  dieser Gemütsverfassung zu einer aktiven Sterbehilfe verhelfen? Sie taten es nicht.

Ein schwieriges Thema - nein, eigentlich zwei

Bevor ich mich diesem mit etwa 140 Seiten relativ kurzen Buch schon vor ein paar Jahren zugewendet habe, musste ich einmal tief durchatmen. Keines der beiden Themen, um die es hier im Kern geht, löst Heiterkeitsausbrüche aus. Ich mag mir weder vorstellen, selbst in den mentalen Sümpfen einer Demenz zu versinken und von den Entscheidungen anderer abhängig zu sein noch, mich jemals in einer Situation zu befinden, die mich über das vorgezogene Ende meines Lebens nachdenken lässt. Trotzdem, oder auch gerade deshalb, finde ich es wichtig, sich mit diesen Gedanken zu beschäftigen und für sich Entscheidungen zu treffen bevor es andere, die es "gut" meinen, tun. 

Tilman Jens ist für sein Buch, in dem er auch offen seine eigene Gefühlslage während dieser Jahre schildert, von der Presse teilweise harsch abgestraft worden. Besonders vernichtend trat dabei die Kolumnistin einer überregionalen Wochenzeitschrift auf, die dem Sohn vorwarf, die Krankheit des Vaters zu romantisieren. Auch die Entdeckung der NSDAP-Mitgliedschaft von Walter Jens als Auslöser der Alzheimer-Krankheit findet sie "abwegig" und jenseits aller medizinischer Vernunft. 

Warum eine Literaturkritikerin medizinische Bewertungen anstellt, bleibt ihr Geheimnis. Die Forschung geht heute tatsächlich davon aus, dass u. a. seelische Belastungen, Burn-Out oder Stress als Alzheimer auslösende Faktoren infrage kommen.

Tilman Jens musste nicht davon ausgehen, dass sein Vater dieses Buch verurteilt hätte. Walter Jens selbst ist mit seiner Depression, unter der er rund 25 Jahre zuvor litt, offen umgegangen und hat nichts verheimlicht. Das Buch ist sehr mitfühlend geschrieben und spiegelt die Hilflosigkeit der ganzen Familie wider. An vielen Stellen ist Tilman Jens die Erschütterung anzumerken, die mit dem geistigen Verfall des Vaters einhergeht und die ich aus eigenem Erleben nachempfinden kann. 

Demenz - Abschied von meinem Vater sollte dazu beitragen darüber nachzudenken, wie wir mit uns und denjenigen, die uns nahe stehen, umgehen wollen. Sowohl Demenz als auch Sterbehilfe sind Themen, die die meisten von uns gern mit einem gedanklichen "später" wegschieben. Aber es ist besser, so etwas wie einen Plan zu haben, um dann, wenn sich die Problematik stellt, vorbereitet zu sein.

Walter Jens starb im Juni 2013 und wurde 90 Jahre alt. Ohne Sterbehilfe. 
  

Freitag, 9. Oktober 2015

# 19 - Heute schon ins Polarmeer gefallen?

Wie man als Medizinstudent Schiffsarzt wird

 

Diese Art der Berufserfahrung dürfte heute kaum ein Medizinstudent vorweisen können, doch einer der berühmtesten Krimi-Autoren hat sein Leben lang davon gezehrt: In Heute dreimal ins Polarmeer gefallen erzählt Arthur Conan Doyle von seinem fast schon überstürzten Aufbruch aus Edinburgh, um von Februar bis August 1880 auf einem Arktis-Walfangschiff anzuheuern. Seine Erfahrung mit Schiffsreisen aller Art war bei Null, aber die Abenteuerlust und die Aussicht, Geld zu verdienen, behielten die Oberhand. Ein Kommilitone bot ihm seinen eigenen Job auf der Hope an, das Schiff lief bereits eine Woche später aus. Arthur Conan Doyle war damals erst 20 Jahre alt und befand sich im dritten Studienjahr. 

Was macht ein Schiffsarzt eigentlich?

 

Die Bedenken, die Conan Doyle zunächst hatte, wurden rasch zerstreut: Seine  absolut ausbaufähigen medizinischen Kenntnisse wurden nur sehr selten benötigt. Der einzige Patient, der während seiner Behandlung starb, hätte die Erkrankung aufgrund der fehlenden Hygiene an Bord auch dann nicht überlebt, wenn ein erfahrener Chirurg zur Stelle gewesen wäre. Ein Schiffsarzt war in erster Linie dazu da, dem Kapitän Gesellschaft zu leisten und ansonsten "Mädchen für alles" zu sein. 
Selbstverständlich wurde der junge Medizinstudent von der Crew kritisch beäugt, und erst ein erfolgreicher Boxkampf gegen den Stewart bewog diesen, Conan Doyle als den besten Arzt zu loben, "den wir je hatten. Er hat mir ein blaues Auge verpasst!". 

Die Hope begann ihre Fahrt im Februar 1880 im schottischen Peterhead. Arthur Conan Doyle war sehr erstaunt, als sich das Schiff bereits im arktischen Eis befand, nachdem es erst sechs Tage zuvor nach etlichen Tagen Liegezeit wegen schlechten Wetters in Lerwick (Shetland-Inseln) ausgelaufen war.
Doch es sollte eine Weile dauern, bevor überhaupt die ersten Tiere gefangen werden konnten. Wegen der bis zum 3. April dauernden Schonfrist war es zunächst nicht möglich, Robben zu jagen. Auch andere Tiere machten sich rar, sodass viel Zeit mit Warten und der Erledigung von Routineaufgaben verstrich. Gleich bei seiner ersten Robbenjagd fiel Conan Doyle zwischen zwei Eisschollen und musste mit einem Bootshaken aus dem eisigen Wasser geholt werden. Nachdem er auch an den folgenden Tagen mehrmals aus Ungeschicklichkeit ins Polarmeer gefallen war, bekam er vom Kapitän den Spitznamen "der große Eistaucher".

Fängt ein Walfänger Wale?

 

Bei gerade dieser Fahrt konnte man daran zweifeln: Erst Anfang Juni wurde überhaupt der erste Wal gesichtet, bis zum ersten Fang wurde es Ende Juni. Bis dahin hatte die Beute auschließlich aus Robben und einigen Vögeln bestanden. 
Conan Doyle fand bei allen Naturbeobachtungen und Wetterkapriolen auch Zeit zum Lesen. Wenn es um ihn selbst ging, neigte er häufig zur Ironie. Er zitierte eine Geschichte, in der ein Arzt in der Mitte des Friedhofs bestattet wurde. Einer seiner Kollegen schlug die Grabinschrift "Si momentum quareis, circumspice" vor: "Sucht ihr sein Denkmal, seht euch um."

Conan Doyle war überwältigt von der Fülle der vielen neuen Eindrücke und saugte sie förmlich auf. Er war sich immer dessen bewusst, dass sich diese Erlebnisse nie wiederholen würden und es für ihn keine weitere Reise auf einem Walfänger geben würde - trotz des verlockenden Angebots des Kapitäns, ihm im nächsten Jahr den doppelten Sold zu zahlen. 
Von einem besonderen Naturphänomen war er sehr beeindruckt: Am 21. Juni 1880 sah Conan Doyle "drei deutlich erkennbare Sonnen, die gleichzeitig mit ebenbürtiger Leuchtkraft schienen, und alle waren umkränzt von schönen Regenbogen,...". Ihm war das, was er sah, ein Rätsel, aber es wird sich um Halos gehandelt haben, die zu ihrem Entstehen gleichmäßige und klare Eiskristalle benötigen.


Die Faszination hält ein Leben lang

 

Das Tagebuch wurde von Arthur Conan Doyle gewissenhaft geführt. Für jeden Tag finden sich Einträge, die häufig durch eigene Zeichnungen von Schiffen oder Tieren illustriert wurden. Viele dieser Aufzeichnungen sind ebenso wie die Skizzen als Faksimiles erhalten. Conan Doyles Handschrift war sehr deutlich, sodass sich viele Texte im Original lesen lassen. Er war oft im Zwiespalt zwischen der Faszination des Robben- und Walfangs und dem Leid, das die Tiere bis zu ihrem Tod aushalten mussten. Auch er selbst hatte sich während des ganzen halben Jahres aktiv auf dem Schiff und beim Fang an allen Arbeiten beteiligt und selbst zahlreiche Robben und Vögel erlegt. Auch an der Jagd auf Wale war er beteiligt und beschrieb immer wieder den Nervenkitzel, den er dabei empfunden hatte. Walfang quasi als Bungee-Springen des 19. Jahrhunderts.

 

Das Buch  Heute dreimal ins Polarmeer gefallen wurde von seinen Herausgebern um Essays, mehrere Schriften und den Lebenslauf Conan Doyles ergänzt. So bekommt der Leser einen sehr guten Einblick in seine Persönlichkeit und seine Entwicklung vom Arzt zum Schriftsteller, für die das Tagebuch eine Art Fingerübung war.
Es ist mit dem Kriegstagebuch von Astrid Lindgren, das ich hier vor einer Woche vorgestellt habe, nicht zu vergleichen. Arthur Conan Doyle hatte es sich im Gegensatz zu seiner schwedischen "Kollegin" zur Aufgabe gemacht, jeden Tag seiner Reise zu dokumentieren. Deshalb gibt es auch vereinzelt Tage, an denen er nur ein Wort zu Papier gebracht hat: "Nichts."
Auch den Umstand, dass er bei seiner Abreise aus Peterhead erst 20 Jahre alt war, merkt man seiner heiteren und unbeschwerten Sicht auf die Dinge an. Er hat eine so plastische Ausdrucksweise, dass seine Leser diese sechs Monate praktisch mit ihm zusammen erleben und sich gut in die geschilderten Situationen hineinversetzen können. Wer die Krimis mit Sherlock Holmes und Dr. Watson gelesen hat, wird auch die eine oder andere Szene wiedererkennen, die Conan Doyle in seinem Tagebuch geschildert hat.


Empfehlung?

 

Auf jeden Fall! Das im März 2015 erschienene Buch wird nicht nur den Conan Doyle-Fans gefallen, sondern auch allen, die sich für Geschichte und/oder Natur interessieren. Wer bei der Schilderung der Reiseroute den Faden verliert, kann sich an der Karte orientieren, die sich zu Beginn des Buchs befindet.
Selbstverständlich kommt es bei jedem Buch zuerst auf den Inhalt an. Bei diesem hat sich der mareverlag Hamburg jedoch besondere Mühe gegeben, die hier erwähnt werden soll: Es ist ein Leinenband mit einem Lesebändchen und  wird in einem stabilen Schuber verkauft. Auf dem Bild oben ist das Cover des Schubers zu sehen. In dieser Ausstattung ist es natürlich teurer als ein Taschenbuch.

 

 

Vielen Dank!

Das Buch Heute dreimal ins Polarmeer gefallen wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages. 
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung