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Sonntag, 8. November 2026

# 521 - Karikaturen in Amerika: Schwierig, schwierig ...

Am 20. Januar 2025 begann mit seiner Vereidigung
Donald Trumps zweite Amtszeit. Anlässlich dieses Ereignisses legte die Karikaturistin Ann Telnaes der Chefredaktion ihres Arbeitgebers, der Washington Post, eine Skizze vor. Zu diesem Zeitpunkt war sie seit siebzehn Jahren bei der Zeitung beschäftigt und hatte politisch brisante Themen zeichnerisch umgesetzt. Nie war einer ihrer Entwürfe abgelehnt worden.

Doch dann zeigte sie dem Chefredakteur diese eine Karikatur: Auf einem hohen Podest steht ein riesenhafter Donald Trump. Er ist gut zu erkennen, obwohl das Bild unterhalb seines Kopfes endet. Vor ihm knien Mark Zuckerberg (CEO von Meta), Sam Altman (CEO von OpenAI), Patrick Soon-Shiong (CEO der LA Times) und Jeff Bezos (Gründer vpn Amazon und Blue Origin). Die Männer strecken dem wiedergewählten US-Präsidenten pralle Geldsäcke entgegen. Ann Telnaes spielte damit auf deren hohe Geldspenden und ihre Annäherungsversuche an den US-Präsidenten an.

Das Problem: Jeff Bezos ist bereits seit 2013 Eigentümer der Washington Post. Ann Telnaes bekam nun die interne Zensur zu spüren: Zum ersten Mal wurde die Veröffentlichung einer ihrer Karikaturen abgelehnt; es war vorauseilender Gehorsam in Form einer freiwilligen Selbstzensur. Telnaes, die in den USA sehr bekannt ist und für ihre Arbeit bereits einen Pulitzerpreis bekommen hatte, zog die Konsequenzen und kündigte. Im gemeinsam mit ihrem Schweizer Kollegen Patrick Chapatte veröffentlichten Buch Zensur in Amerika sagt sie: 
"Wenn die Karikatur zum Schweigen gebracht wird, sollte sich die Gesellschaft langsam Sorgen machen."

Ein ähnliches Erlebnis hatte Patrick Chapatte einige Jahre zuvor. Im April 2019 druckte die New York Times in ihrer internationalen Ausgabe eine Karikatur des portugiesischen Karikaturisten António Moreira Antunes ab, die den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu als Blindenhund mit einem an einem Halsband hängenden Davidstern zeigt. Netanjahu zieht Donald Trump hinter sich her, der eine Kippa und eine schwarz getönte Brille trägt. Es hagelte Antisemitismusvorwürfe, die New York Times entschuldigte sich und zog die Zeichnung zurück. Auch Donald Trump und Mike Pence (US-Vizepräsident von 2017 bis 2021) kritisierten die Karikatur.

Das Ende vom Lied: Die New York Times verzichtet seit Juli 2019 vollständig auf die Veröffentlichung von Karikaturen. Nach zwanzig Jahren erhielt Patrick Chapatte die Kündigung.

Karikaturen sind eine Form der Meinungsäußerung, die insbesondere von Autokraten gefürchtet wird: Der Betrachter erfasst auf einen Blick, worum es geht und was genau kritisiert wird. Es genügt eine Sekunde, um eine Botschaft zu transportieren. Das schafft kein anderes Medium. Das ist der Grund, warum diese Kunst- und Journalismusform von Leuten wie Donald Trump & Co. so gefürchtet und bekämpft wird.

Im Mai 2025 trafen sich Ann Telnaes und Patrick Chapatte bei einer Veranstaltung der Freedom Cartoonists in Genf, wo sie über das Wesen von Karikaturen und den Bedrohungen, denen sie im Hinblick auf den globalen Rückzug der Demokratien ausgesetzt sind, sprachen. Die Unterhaltung, die sie später bis September 2025 fortsetzten, ist in diesem Buch festgehalten. Etwa 200 Karikaturen aus verschiedenen Jahren dokumentieren ihre Themenvielfalt.

Da geht es zum Beispiel um schwangere Frauen, die sterben, weil Ärzte auch in medizinischen Notfällen eine Abtreibung verweigern (zum Vergrößern auf das Bild klicken):

Es geht um den Widerspruch, um jeden Preis "die Babys retten" zu wollen, aber hinzunehmen, dass an US-Schulen pro Jahr durchschnittlich 18 bis 19 Menschen durch Schusswaffen ums Leben kommen. Die National Rifle Association betreibt eine enorm erfolgreiche Lobbyarbeit. 


Mit der aus unserer Sicht sehr irritierenden Regelung, ab wann junge Menschen Alkohol, Zigaretten und Waffen kaufen dürfen, beschäftigt sich die nächste Karikatur. Kurz gefasst: Alkohol darf je nach Bundesstaat im Alter von 18 bis 21 Jahren gekauft werden, Zigaretten ab 21 (Händler müssen bei allen Kunden unter 30 einen Lichtbildausweis verlangen) und Handfeuerwaffen (Pistolen, Revolver) ab 21:


Und dann ist da noch das Bücherverbot. Wir kennen es aus der Zeit des Nationalsozialismus'. Damals beließ man es nicht beim Verbieten, sondern zettelte eine Bücherverbrennung an und sorgte dafür, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die das Regime kritisierten oder jüdisch waren, das Land verließen, um ihrer Verhaftung und Ermordung zu entgehen. Nicht allen gelang das.
Das Bücherverbot wurde in republikanischen US-Bundesstaaten initiiert und umfasst zum Beispiel Titel wie Onkel Toms Hütte (Harriet Beecher Stowe), Die Farbe Lila (Alice Walker), 1984 (George Orwell), Schöne neue Welt (Aldous Huxley) oder Wem die Stunde schlägt (Ernest Hemingway). Rassismus, LGBTQ, Aufklärung über totalitäre und autoritäre Staaten: Bücher, die in diese Kategorien fallen, haben ein hohes Risiko, aus öffentlichen und Schulbibliotheken verbannt und im Schulunterricht nicht besprochen zu werden.
Seit 2010 wurde die Mehrheit der Bundesstaaten durch republikanische Gouverneurinnen und Gouverneure regiert. Nach den Midterms am 3. November 2026 wird sich ab 2027 ein anderes Bild ergeben: Mindestens 28 Bundesstaaten werden demokratisch regiert werden (Endergebnis für Arkansas und Kansas stand noch aus, als dieser Text entstand). Es gibt also Hoffnung, dass die Liste der verbotenen Bücher deutlich kürzer wird.

Lesen?

Zensur in Amerika wirft ein eindringliches Schlaglicht auf die USA unter dem Einfluss des Trumpismus'. Der Wechsel von Zwiegespräch und Karikaturen macht eindringlich die Wichtigkeit der Meinungs- und Pressefreiheit deutlich. Sie sind die Säulen von Demokratien und müssen verteidigt werden. Fazit: Auf jeden Fall lesen.

Zensur in Amerika ist in der deutschsprachigen Ausgabe 2026 im Splitter-Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 35 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Ich bedanke mich beim Verlag für die Erlaubnis, die gezeigten Karikaturen für diesen Blogbeitrag verwenden zu dürfen.


Hinweis: Wie und wodurch sich Demokratien auflösen, wird sehr gut in diesem Buch der US-Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt beschrieben.