Freitag, 10. Juli 2015

# 6 - Ein Monolog mit der sterbenden Tochter

Ein Jahr für einen Abschied und ein ganzes Leben

 

Paula CoverIch möchte euch heute eines der berührendsten Bücher vorstellen, das ich bisher gelesen habe. Paula wurde zwischen Dezember 1991 und Dezember 1992 von der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende geschrieben und 1994 in Spanien erstmals veröffentlicht. Die erste Auflage der deutschen Ausgabe ist 1996 im Suhrkamp Verlag erschienen. Allende hat das Buch sowohl am Krankenhausbett ihrer Tochter als auch in ihrem Hotelzimmer in Madrid geschrieben. Es ist nach ihrer Tochter benannt, und die Autorin erzählt darin der sterbenden Paula die Geschichte der Familie.
Mir ist das Buch vor ein paar Jahren auf dem Weihnachtsflohmarkt unserer örtlichen Stadtbibliothek in die Hände gefallen. Auch so bekommt man manchmal neue Anregungen ;-)


Ein bewegtes Familienleben, mit schonungsloser Offenheit erzählt


Isabel Allendes Tochter ist im Alter von 28 Jahren an Porphyrie erkrankt, dabei handelt es sich um eine Gruppe von Stoffwechselkrankheiten. Im Dezember 1991, mit dem Beginn der Erzählung, liegt sie bereits seit einem Monat im Koma. Ihre Mutter verbringt Tage und Wochen an der Seite ihres Kindes und gibt die Hoffnung zunächst nicht auf, dass Paula erwachen und wieder gesund werden würde. Sie nutzt die Gelegenheit, vor ihrer Tochter, die ihr nicht mehr antworten und sie wahrscheinlich auch nicht verstehen kann, die Geschichte der Familie wie ein Tischtuch auszubreiten.
Allende beginnt ihren Rückblick mit der romantischen Liebe zwischen ihren Eltern. Ihre Mutter heiratete gegen den Willen ihres Vaters den gutaussehenden Tomàs. Tomàs wurde Diplomat, aus der nur vier Jahre dauernden Ehe gingen drei Kinder hervor. Der Vater ließ seine Frau und die Kinder in schwierigeren Situationen immer im Stich, und so gut wie immer herrschte finanzielle Not. Als ihm eines Tages die Probleme über den Kopf wuchsen, verschwand er spurlos und ließ nie mehr von sich hören.
Allende lässt in ihrem Buch nichts aus: Sie berichtet davon, im Alter von acht Jahren vom Sohn eines Fischers missbraucht worden zu sein. Den jungen Mann kannte sie bereits, und darum war sie zunächst völlig arglos, als er sie bat, ihm in ein Wäldchen zu folgen. Was dort geschah, stellt sie sehr eindringlich dar, sodass die Leser sehr gut nachfühlen können, was in dem kleinen Mädchen vorgeht, während sich der junge Mann an ihr befriedigt. Es kommt zwar nicht „zum Äußersten“, aber seine eindringliche Warnung, sie dürfe das Erlebte niemandem erzählen, wirkt bis ins Erwachsenenalter nach.

Irgendwann nach dem Verschwinden von Tomàs beginnt Allendes Mutter ein Verhältnis mit dem verheirateten Diplomaten Ramòn. In ihrem streng katholischen Umfeld erzeugt diese Verbindung einen derart großen Aufruhr, dass sogar der Bischof bei Allendes Großvater vorstellig wird. Doch vergebens: Ramòn trennt sich von seiner Frau und heiratet schließlich seine Geliebte. Der neue Stiefvater ist für die drei Allende-Kinder ein viel besserer Vater, als es der biologische je war.



Veränderungen prägten das Leben der Familie Allende


Isabel Allende erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Boliviens Hauptstadt La Paz und von den drei Jahren in Beirut. Dort besucht sie eine englische Mädchenschule. Als im Herbst 1956 mit der Landung der VI. Flotte der USA die Suezkrise beginnt und die Situation eskaliert, werden die fünfzehnjährige Isabel und ihre Brüder nach Chile ausgeflogen, wo sich ihr Großvater um sie kümmert. Von diesem Flug erzählt Allende eine kleine Anekdote: Das Flugzeug hatte kaum abgehoben, als eine von Kopf bis Fuß verhüllte Frau seelenruhig damit begann, auf dem Gang zwischen allen Passagieren Essen zu machen. Das löste beim Flugpersonal hektische Betriebsamkeit aus.


Allende lässt nichts aus, was sie vermutlich schon immer ihrer Tochter erzählen wollte, wozu sie aber erst jetzt den Mut findet, als die sie nicht mehr hören kann. Sie erzählt Paula vom Beginn ihrer Liebe zu Miguel, dem Vater ihrer Kinder, und lässt auch ihren Betrug an ihm nicht aus: 1978 verliebt sie sich in einen Musiker und hat mit dem ebenfalls verheirateten Mann eine heftige Affäre. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits zwei Kinder und ist 36 Jahre alt. Nach einigem Hin und Her trennt sie sich von diesem Mann und kehrt zu Miguel zurück, der mit seiner Beständigkeit, Ruhe und Geduld ganz das Gegenteil des Musikers ist. Doch die Luft ist raus. Neun Jahre versuchen Isabel und Miguel, ihre Ehe aufrecht zu erhalten, aber es gelingt ihnen nicht. In dieser Zeit realisiert die Schriftstellerin, welchen fundamentalen Fehler sie gemacht hat: Sie hat immer alle ihre Gewinne Miguel gegeben, damit er sie für sie treuhänderisch verwaltet. Die goldene Regel "Es gibt keine Freiheit ohne ökonomische Unabhängigkeit" hat sie aus freien Stücken nicht eingehalten.
Als Isabel Allende 44 ist, bittet sie ihren Stiefvater, sich um die Auflösung ihrer Ehe zu kümmern. Sie lenkt sich von ihren Problemen mit einer Vortragsreise ab und lernt dabei den Amerikaner Willie kennen. Willie lebt in Kalifornien mit seinen drei drogensüchtigen Kindern in einem häuslichen und familiären Chaos, doch die beiden bleiben zusammen und heiraten.

Die Erkenntnis, dass es für Paula kein Zurück mehr geben wird

 

Ab Mai 1992 wird Isabel Allende immer deutlicher bewusst, dass ihre Tochter irreparable Hirnschäden behalten oder sogar sterben wird. Keiner der Ärzte in Madrid macht ihr noch Hoffnung. Da beschließt sie, Paula zu sich nach Hause nach Kalifornien zu holen. Paulas Mann Ernesto ist einverstanden, weil er sich aus beruflichen Gründen in Madrid nicht so um seine Frau kümmern könnte, wie es nötig wäre.
Doch trotz aller Bemühungen gelingt es Isabel Allende nicht, ihre Tochter ins Leben zurückzuholen. Sie beschreibt sehr eindringlich die letzten Momente, bevor das Leben Paula verlässt: Die Verwandten kommen aus allen Ecken der Welt in Kalifornien zusammen, nur Ernesto schafft es nicht mehr rechtzeitig und wird von Allende als eine Person beschrieben, die mental am Sterbebett ist und Paula beisteht.
Isabel Allende fasst für sich das schrittweise Entgleiten von Paula so zusammen, dass sie sich zuerst von deren Intelligenz, dann von ihrer Vitalität und zum Schluss von ihrer Gesellschaft und ihrem Körper verabschieden musste. Ein Sterben auf Raten; grausam nicht nur für die Tochter, sondern für alle Menschen, die sie liebten.

Der stille Monolog mit der Tochter wird immer wieder durch Passagen unterbrochen, die unmittelbar die Situation beschreiben, in der sich Mutter und Tochter gerade befinden. So ist es dem Leser möglich, den Fortgang der Erkrankung und die Gefühle der Menschen, die Paula nahestehen, nachzuvollziehen.

Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Journalistin, Lehrerin - so viel Leben würde auch für zwei Menschen reichen

 

Die Namensähnlichkeit mit dem früheren chilenischen Präsidenten Salvador Allende ist nicht zufällig: Isabel Allendes Vater war dessen Cousin. Nach dem Sturz Allendes durch General Pinochet ging sie 1975 ins Exil nach Venezuela. 
Mit Paula hat Isabel Allende ein Buch geschrieben, dass niemanden kaltlässt. Es ist empathisch von der ersten bis zur letzten Seite, ohne jedoch kitschig oder übertrieben überschwänglich zu werden. Die Autorin in ihre Gefühlswelt und ihr vergangenes Leben zu begleiten berührt nicht nur Leser, die selbst Eltern sind, sondern jeden, der wenigstens einen Menschen in seinem Leben hat, der ihm sehr wichtig ist.
Deshalb muss hier gar nicht lange drumherum geredet werden: Besorgt euch das Buch!
Das abgebildete Cover zeigt die aktuell erhältliche Taschenbuch-Ausgabe (10,-- €), die ebenfalls vom Suhrkamp Verlag herausgegeben wurde. 

 

Freitag, 3. Juli 2015

# 5- Eine Familiengeschichte in Wien

Wie das Leben so spielt - drei Generationen im Fokus

 

Heute geht es um ein Buch des österreichischen
Schriftstellers Arno Geiger, das bereits 2005 zum ersten Mal in Deutschland veröffentlicht wurde. Es heißt Es geht uns gut, und ich habe es gelesen, weil ich es vor einiger Zeit bei einem Preisausschreiben unserer Tageszeitung gewonnen habe. So banale Gründe kann es haben, zu einem Buch zu greifen.

Die Handlung spielt zwischen 1938 und 2001 im Wiener 13. Bezirk. Philipp Erlach, ein Mann Mitte 30, sitzt im April 2001 auf den Eingangsstufen der Villa seiner Großeltern, die er geerbt hat. Seine Großmutter ist gestorben, und ihr jetzt verwaistes Haus ist voller Erinnerungen. Das Betrachten von Familienfotos an den Wänden und mehrere alte Briefe bringen bei Philipp einen Prozess in Gang: Während das Haus von Helfern entrümpelt und dessen Dach von Handwerkern repariert wird, versucht Philipp, mit sich, seinem Leben und der Geschichte seiner Familie ins Reine zu kommen.

Es geht uns gut - so viel Ironie musste sein


Das Buch pendelt kapitelweise zwischen den Familienmitgliedern und Jahren. Die Generation der Großeltern besteht aus Richard und Alma Sterk. Richard stammt aus einer konservativen Familie und wurde 1901 geboren. Er war Verwaltungsjurist und hat es in seinem Berufsleben bis zum Minister gebracht. Seine Stellung in der Familie wird gestärkt, als es im August 1938 zum „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich kommt. Ein Wachmann, der Mitglied in der NSDAP ist, setzt ihn, das Mitglied einer demokratischen Partei, in einer Angelegenheit, die das Wäschegeschäft seiner Frau und seiner Schwiegereltern betrifft, unter Druck. Ohne seine Frau in seine Entscheidung einzubeziehen, zieht er seine Geschäftsanteile zurück, was zur Aufgabe des Ladens führt. Nun hat Alma mehr Zeit, um sich um ihn und die beiden Kinder Otto und Ingrid zu kümmern. Als „Entschädigung“ besorgt Richard seiner Frau ein Bienenhaus, das vorher den ins Exil gegangenen Nachbarn Löwy gehört hat. Die Familienidylle ist wiederhergestellt und Richards Rolle als Familienoberhaupt ist gefestigt.
Im Mai 1955 wird Richard Minister und ist maßgeblich an der Ausarbeitung des Staatsvertrages beteiligt, der Österreich in die Souveränität entlässt. Doch das erfolgreiche Berufsleben endet abrupt im September 1962: Seine Partei weigert sich, ihn als Kandidaten für die Nationalratswahl aufzustellen. Damit ist das Ende seiner Karriere besiegelt.

Ein Familienleben voller tragischer Momente


Das Leben von Richard und Alma ist von privaten Tragödien durchzogen. Ihr Sohn Otto ist ein eifriger Hitlerjunge und verliert im April 1945 im Alter von 14 Jahren bei der Schlacht um Wien gegen die Rote Armee sein Leben. Die Tochter Ingrid, die Ärztin geworden ist und den von Richard ungeliebten Peter geheiratet hat, ertrinkt 1974 mit 38 Jahren bei einem Badeunfall vor den Augen ihrer Kinder Sissi und Philipp.
Bereits vier Jahre zuvor hatte Richard eine Affäre mit seiner Sekretärin begonnen, von der seine Schwester und sein Schwager wussten. Davon erfährt Alma allerdings erst 1989, als sie zufällig Briefe findet, aus denen das Verhältnis hervorgeht. Doch zu diesem Zeitpunkt ist der Betrug nur noch der Schlusspunkt aus einer Reihe von Enttäuschungen, die Alma im Laufe ihrer Ehe empfunden hat. Ihr Mann ist mittlerweile so dement, dass er den Rest seines Lebens im Pflegeheim verbringt. Von der rein sexuellen Beziehung, die ihr Mann mit dem ehemaligen Hausmädchen Frieda hatte, wird sie nie etwas erfahren.

Die zweite Generation

 

Die Schlacht um Wien spielt auch in der mittleren Generation des Buches eine Rolle: Der spätere Ehemann Ingrids, Peter Erlach, nimmt als 15-jähriger an den Kämpfen teil. Während er das Geschehen zunächst noch spannend und abenteuerlich findet, erlebt er schon bald das Grauen: Vor seinen Augen wird sein 14-jähriger Fähnleinführer von einer Handgranate tödlich verletzt, ihm selbst wird ein Arm durchschossen. Er kämpft sich zusammen mit einem Soldaten der Russischen Befreiungsarmee, die auf deutscher Seite gekämpft hat, bis zur Donau durch und setzt seine Flucht auf einem Schiff fort.
Ingrid hat sich im Laufe der Jahre immer weiter von ihrem Vater entfernt. Die Beziehung mit Peter ist dabei nur einer der Gründe. Richard schafft es nie, ihr wieder näher zu kommen. Daran kann auch die Geburt seiner Enkelkinder nichts ändern.
Ingrids Ehe mit Peter ist bei Weitem nicht so erfüllt, wie sie sich sie als junge Frau ausgemalt hatte. Als sie mit ihrer Arbeit als Krankenhausärztin mitten im Berufsleben steht und auch ihre Kinder Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, merkt sie, dass sich ihr Mann kaum weiterentwickelt hat: Er ist ihr keine Hilfe und hat den Kopf noch genauso "in den Wolken" wie als junger Mann.

Die Enkel

 

Philipp wird nie wirklich ernst genommen, auch seine ältere Schwester hat seit ihrer Kinderzeit nur Spott für ihn übrig. Er ist ein ewiger Träumer, der sich nie für etwas entscheiden und keinen klaren Weg einschlagen kann. Obwohl das alte Haus seiner Großmutter stark sanierungsbedürftig ist, verbringt er die Tage dort sitzend auf der Vortreppe und hängt seinen Gedanken nach. Seine Freundin Johanna, mit der er nur auf der sexuellen Ebene auf einer Wellenlänge liegt, kümmert sich daraufhin darum, dass ihm zwei ukrainische Schwarzarbeiter zur Hand gehen. Er ist so einsam, dass es ihm nicht gelingt, ein paar Gäste für eine Grillparty zusammenzutrommeln und lädt sich am Ende praktisch noch selbst zur Hochzeit des einen Helfers in der Ukraine ein.
Seiner älteren Schwester Sissi ist die Familie schon früh zu eng. Sie hat am gesamten Geschehen einen relativ geringen Anteil und taucht nach ihrem Verschwinden bei einem Verkehrsstau nur noch indirekt auf. Sie geht in die USA und lebt dort als Soziologin und Journalistin zusammen mit ihrer Tochter in New York. Einige Jahre erhält Alma von ihr eine obligatorische Weihnachtskarte, am Ende der Erzählung bleibt auch diese aus.

Wie sieht sie aus, die heile Familie?

 

Dem Leser wird deutlich vor Augen geführt, wie sich die Träume der einzelnen Familienmitglieder in jeder Generation wenigstens zum Teil in Rauch auflösen. Richard hat sich immer eine intakte Familie und Erfolg im Beruf gewünscht. Eine ganze Weile ist ihm das auch ganz gut gelungen, aber gerade seiner Familie gegenüber hat er sich als wenig empathisch erwiesen und besonders seine Frau und seine Tochter enttäuscht.
Alma hatte ein Medizin-Studium begonnen und es wegen ihres Mannes aufgegeben. Am Ende ihres Lebens blickt sie zurück auf einen Ehemann, der ihr Vertrauen missbraucht hat, und zwei tote Kinder. Sie lebt allein in ihrem Haus, dessen Pflege ihr längst über den Kopf gewachsen ist.
In den nachfolgenden Generationen sieht es kaum besser aus: Ingrid konnte zwar ihren Traum verwirklichen, Ärztin zu werden, wurde aber sowohl von ihrem Vater als auch ihrem Mann enttäuscht. Peter wiederum reiht in  seinem Leben einen Traum und Misserfolg nach dem anderen aneinander und erweist sich als unzuverlässiger Ehemann.
Sissi hat den geringsten Anteil an der Familiengeschichte. Ob sie ihr Glück in New York gefunden hat, erfährt der Leser nicht.
Dagegen wirkt Philipp wie jemand, der ständig neben sich steht. Seinen Entschluss zu Beginn der Handlung, alles, was an die Familie erinnert, in den Müll zu werfen, hält er bis zum Schluss aufrecht.

Sollte man das Buch gelesen haben?

 

Ich bin mir nicht sicher. Arno Geiger hat für dieses Buch 2005 den Deutschen Buchpreis bekommen, was ja grundsätzlich dafür spricht, wenigstens einen Blick hineinzuwerfen. Auch die Idee, einen Bogen über drei Generationen hinweg zu spannen und die historischen Ereignisse einzuarbeiten, hat mir gefallen. Ohne das Lesen des Klappentextes hätte sich mir aber erst ziemlich spät der familiäre Zusammenhang zwischen den einzelnen Personen erschlossen. Besonders Peter konnte ich lange nicht zuordnen.

Die über weite Strecken ausgedrückte Hoffnungslosigkeit in der Familie, die unausgesprochene Kritik an Richard und die Einsamkeit mehrerer Familienmitglieder würden Menschen, die überlegen, eine Familie zu gründen, möglicherweise noch einmal zum Nachdenken bringen. Das Buch wird allerdings nie langweilig und liest sich sehr flüssig. Die knapp 400 Seiten sind deshalb hinsichtlich der Lesemenge keine größere Herausforderung.

Donnerstag, 25. Juni 2015

# 4 - Über die Angst vor der Unendlichkeit

Das heutige Buch spielt auf dem komfortablen Ozeandampfer "Virginian", der ständig zwischen der Alten und der Neuen Welt pendelt. Es heißt Novecento, wurde von Alessandro Baricco geschrieben und in der deutschen Ausgabe zum ersten Mal 2000 herausgebracht. Es erzählt von einem Jungen, der im Jahr 1900 auf dem Schiff von  einer unbekannten Passagierin geboren und dort zurückgelassen wird. Im Alter von etwa zehn Tagen wid das namenlose Baby von dem Matrosen Danny Bootman gefunden, als die "Virginian" in Boston vor Anker liegt und sich die Passagiere und fast die ganze Besatzung auf einem Landgang befinden - in einem Pappkarton, der auf dem Klavier im Tanzsaal für die Reisenden der 1. Klasse steht.

Wer ein Kind erwartet und sich Gedanken um dessen Namen macht, bekommt hier Hilfe ;-)

Danny Boodman sucht vergeblich nach einem Hinweis, wie das Kind heißen könnte und findet ihn auf dem Pappkarton: Dort steht deutlich lesbar "T. D. Limoni". Da ist es nur logisch, wie der Knirps heißen soll: Lemon! Und was ist mit "T. D." gemeint? Auch da ist sich Danny sicher: "Thanks, Danny". 

Danny Boodman kümmert sich um das Findelkind, findet aber, dass "Lemon" als alleiniger Name ein bisschen dürftig ist. Was liegt da näher, als ihm seinen eigenen Namen zu geben? Doch er findet diese neue Namensschöpfung immer noch nicht perfekt und fügt das "T. D." hinzu: Danny Boodman T. D. Lemon. Aber weiß nicht jedes Kind, dass erfolgreiche Menschen einen ganz speziellen Namen brauchen, der sie unverwechselbar macht? Eben! Da kommt Danny die Idee: Das Kind soll Novecento (1900) heißen, weil es im Jahr 1900 gefunden wurde.

Wie lebt ein "Schiffsjunge"?

Mehr als acht Jahre lang kümmert sich der Matrose Danny um seinen Ziehsohn Danny Boodman T. D. Lemon Novecento. Als er nach einem Arbeitsunfall stirbt, beschließt der Kapitän der Virginian, Novecento beim nächsten Landgang in Southampton nun endlich in staatliche Obhut zu geben. Bis dahin hatte der Junge noch keinen Fuß auf festen Boden gesetzt. Doch als man ihn holen will, ist er auf dem ganzen Schiff unauffindbar. Erst als der Dampfer erneut in See sticht, taucht er wieder auf: am Klavier im Tanzsaal der 1. Klasse. Er hat eine außergewöhnliche musikalische Begabung und wird irgendwann ein fester Bestandteil der Bordband. Im Laufe der Jahre wird er durch seinen speziellen Stil, Klavier zu spielen, so bekannt, dass sein Name auch Jelly Roll Morton, DEM Jazzmusiker des beginnenden 20. Jahrhunderts, zu Ohren kommt. Er beschließt, sich musikalisch mit Novecento zu duellieren. Da dieser nach wie vor sein Leben komplett auf dem Schiff verbringt, bucht Morton eine Überfahrt nach Europa. Er fordert Novecento im Tanzsaal vor Publikum heraus, doch erst beim dritten Stück zeigt der junge Pianist, welche Virtuosität in ihm steckt: Nach dem letzten Ton lässt er sich eine Zigarette geben und zündet sie an den erhitzten Klaviersaiten an. Morton muss sich geschlagen geben und verlässt das Schiff bei der nächsten Gelegenheit.

Was hält einen Menschen davon ab, ein normales Leben zu leben?

Mit 32 Jahren beschließt Novecento, im Hafen von New York von Bord zu gehen. Zum ersten Mal in seinem Leben. Er will künftig das Meer vom Land aus erleben und als Klavierspieler von Stadt zu Stadt ziehen. Sein Freund, der Trompeter Tim, schenkt ihm einen Kamelhaarmantel, und Novecento wendet sich zum Gehen. Doch schon auf der dritten Stufe hält er inne, wirft prüfend seinen Hut ins Wasser und kehrt wieder um. Niemand weiß, was ihn zum Bleiben bewogen hat, aber Novecento verlässt die Virginian nicht und arbeitet weiter als Bordpianist. Tim kündigt 1933 nach sechs Jahren seine Stelle auf dem Schiff und hört lange Zeit nichts von Novecento.

Eines Tages erhält Tim einen Brief von einem Iren, der früher ebenfalls auf der Virginian angeheuert hatte: Das Schiff war im Krieg als Lazarettschiff eingesetzt und stark beschädigt worden. In Plymouth war der Rest der Besatzung von Bord gegangen und das Schiff mit Dynamit beladen worden, um im offenen Meer gesprengt zu werden. Der Brief endet mit den Worten "Novecento ist an Bord geblieben".
Tim reist sofort nach Plymouth und findet seinen Freund, der im dunklen Schiff auf einer vollen Dynamitkiste sitzt.

Ein Buch mit viel Gefühl

Alessandro Baricco hat dieses Buch mit sehr viel Empathie und Poesie geschrieben. Man mag es zwischendurch nicht aus der Hand legen, weil man in die Handlung hinein gesogen wird. Das Ende wirkt zunächst tragisch, dann aber doch eher versöhnlich.

Den Musiker Jelly Roll Morton hat es im Gegensatz zu Novecento tatsächlich gegeben . Er begann seine Karriere 1902 im Alter von 17 Jahren und gehörte zu den Musikern, die die Entwicklung des Jazz maßgeblich beeinflussten.
Dem Matrosen Danny dämmerte übrigens zwischendurch, dass er mit seiner Deutung von "T. D." auf dem Holzweg war: Irgendwann sah er in einer Zeitung eine Werbeanzeige, in der ein aufgedunsener Mann und eine große Zitrone abgebildet waren. Daneben stand: "Tano Damato, der Zitronenkönig". Aber da war es ihm dann auch egal.

Novecento kommt als Taschenbuch in einer Neuauflage im Oktober 2015 erneut in den Handel. Die mir vorliegende Ausgabe hat nur etwa 80 Seiten und lässt sich daher auch gut "in einem Rutsch" lesen. Es ist ein Buch, das seine Leser nachdenklich macht und das man nach der Lektüre nicht einfach so auf den Bücherstapel zurücklegt. 

Der Film zum Buch kam 1998 unter dem Titel "Die Legende vom Ozeanpianisten" in die deutschen Kinos und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 

Sonntag, 21. Juni 2015

# 3 - Eine Gruppenreise zu den Kiwis mit einem unvorhersehbaren Verlauf

Es geht nach Neuseeland, wo Handtücher am Strand ausgelegt und Bäume umarmt werden

 

Klingt seltsam? Ist es auch. Diesmal stelle ich euch ein Buch vor, dass von Bernhard Hoëcker und seinem Co-Autor Tobias Zimmermann geschrieben wurde. Wie ich während des Lesens erfahren habe, ist dies nicht das erste Mal, das die beiden auf diese Weise zusammengearbeitet haben. Es heißt Am schönsten Arsch der Welt und ist im November 2012 erschienen. In die Hände gefallen ist es mir aber erst vor Kurzem.



Was ich erwartet hatte - und was dann "drin" war

 

Von Bernhard Hoëcker sind bereits mehrere Bücher im Handel, was ich aber vor dem Kauf dieses Buches nicht wusste. Ich kannte ihn aus dem Fernsehen als Mitglied des Rateteams von "Genial daneben" und als Teammitglied bei "Switch". Deshalb hatte ich erwartet, von diesem Buch ein paar Stunden gut unterhalten zu werden. Mehr nicht. Aber von vorn:

Der neuseeländische Tourismusverband will mehr deutsche Reisende ins Land locken und hat die Idee, einen prominenten Deutschen in seine Werbekampagne einzubinden. Dieser Deutsche soll das Land bereisen und Aufgaben lösen, die Etappe für Etappe per Internet-Abstimmung von Besuchern der eigens betriebenen Webseite festgelegt werden. Wieso das neuseeländische Organisationsteam auf  Bernhard Hoëcker verfällt, bleibt ungeklärt und ist auch ihm selbst ein Rätsel. Sein Kumpel Tobias Zimmermann nimmt die Rolle des Sidekicks ein: Er reist nicht mit, kommentiert aber das, was Hoëcker erlebt oder beschreibt.
Selbstverständlich reist Hoëcker nicht allein, sondern wird von einem Team unterstützt

Der Leser erfährt dann recht ausführlich von den Problemen bei der Anreise und dass Hoëcker offenbar tagelang mit dem Jetlag zu kämpfen hatte. Sein mitreisendes Team scheint da weniger Schwierigkeiten zu haben oder sie werden zumindest nicht erwähnt. Es besteht aus Renate, die für Hoëcker so etwas wie das "Mädchen für alles" zu sein scheint, dem Kameramann Alex, dem Regisseur Tommy sowie Jakob, Claudia und Elke von der Werbeagentur. Am Flughafen von Auckland wird die bunte Truppe von Katie abgeholt und während der ganzen Reise begleitet. Sie ist beim neuseeländischen Tourismusverband beschäftigt, übernimmt den Job der Chauffeuse und hat ein Auge darauf, dass alles werbeoptimal abläuft.



Was will der Autor seinen Lesern sagen?

 

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Das Buch erreicht seine Seitenzahl (knapp 300) nicht etwa nur durch Hoëckers gelassene Darstellung des Reiseverlaufs, sondern durch immer wieder eingeschobene und farblich abgesetzte Kommentare. Sie ziehen sich oft über zwei bis drei Seiten und stammen  von Tobias Zimmermann, dem Daheimgebliebenen, der quasi aus dem Off die Schilderungen kommentiert oder kritisiert. Wer da versucht, den eigentlichen Handlungsfaden nicht zu verlieren, steht einer echten Herausforderung gegenüber: Spätestens, wenn er die eigenen Kommentare mit Sternchentexten unterlegt, die fast so lang sind wie die Kommentare selbst, ist meine Geduld kurz vor dem Ende. Ein Beispiel? Bitte:
Hoëcker beschreibt die Rugby-WM in Neuseeland 2011 und den Umstand, dass die unterlegene Mannschaft aus Tonga am Flughafen von Auckland von 11.000 Landsleuten verabschiedet wurde und der Verkehr deshalb zusammenbrach. Diese banale Information kann Zimmermann so nicht stehen lassen: Auf fast zwei Seiten überlegt er, wie diese Zahl zustande kommen könnte und wie es sein kann, dass es bei so vielen übergewichtigen Tongaern eine so große Begeisterung für Rugby gibt. Davon nimmt die Erläuterung eines im Kommentar verwendeten rheinländischen Begriffs etwa ein Viertel des Textes ein. Das Ganze wird so verschwurbelt formuliert, dass bei mir auf der Strecke blieb, was ich eigentlich erwartet hatte: der Spaß. Gegen die so vermittelte Zähigkeit kommen auch die immer mal wieder eingestreuten Fotos und Zeichnungen nicht an.
Zimmermanns Einschub kann "selbstverständlich" nicht einfach von Hoëcker unerwidert bleiben, sodass sein Kommentar darauf eine weitere Seite in Anspruch nimmt.



Zurück zum Ausgangspunkt

 

Bei so vielen Kommentaren, Unterkommentaren und Erwiderungen verliert man als Leser schnell den eigentlichen Sinn dieser Reise aus den Augen: Werbung für Neuseeland als Reiseziel, indem sich Bernhard Hoëcker verschiedenen Aufgaben stellt. Darum ein paar Beispiele: An einem Strand soll er mit Handtüchern seinen Namen legen. Weil es zu wenige Handtücher gibt, sind seine sportlichen Qualitäten gefordert: Er legt die am Beginn seines Namens gelegten Handtücher immer ans Ende an, die Aufnahme wird in Highspeed abgespielt und fertig ist ein Film, in dem Hoëcker als Strandboy durchs Bild zischt und sein Name gelesen werden kann.
Eine andere Aufgabe ist die Umarmung eines Kauri-Baumes. Das ist ein Problem, weil die heutigen Kauri-Bäume einen Durchmesser von etwa vier Metern erreichen können. Außerdem darf nicht näher an sie herangetreten werden, denn durch einen vermutlich aus dem Ausland eingeschleppten Krankheitserreger sind bereits viele Bäume mit Wurzelfäule infiziert ("kauri dieback") und sterben langsam ab. Aber auch dafür findet das Team eine Lösung, mit der die Aufgabe annähernd erfüllt werden kann.



Kaufempfehlung?

 

Hätte sich das Buch auf die Beschreibung der Reise beschränkt, hätte es unterhaltsam sein können. Dazu hätte auch Hoëckers selbstironische Erzählweise beigetragen. So bleibt es allerdings im Nebel, was das Ganze eigentlich werden sollte: eine Reisebeschreibung? Ein Dialog unter Freunden, bei dem der eine dem anderen zeigen will, wie viel er von der Welt weiß? Ich habe keine Ahnung. Klar ist jedoch, dass der Seitenumfang auf etwa die Hälfte zusammengeschrumpft wäre, wenn es Hoëcker bei dem eigentlichen Kernthema belassen hätte. Ich habe schon nach dem Lesen der ersten Hälfte überlegt, ob ich bis zum Ende durchhalten sollte und kann darum keine Kaufempfehlung abgeben.

 

Donnerstag, 18. Juni 2015

Buch # 2 - über Afrika, Aberglaube und Machtphantasien

Das Kontrastprogramm - von Norddeutschland in die "Freie Republik Aburĩria"

Das heutige Buch ist aus einer ganz anderen Ecke als das erste. Es wurde vom kenianischen Autor Ngũgĩ wa Thiong’o geschrieben und hat den Titel Herr der Krähen. Es ist 2011 erschienen und hat stolze 950 Seiten, die sich durchweg kurzweilig lesen lassen.

Das Buch spielt im Wesentlichen im afrikanischen Aburĩria, einem Phantasiestaat, der jedoch Strukturen hat, die dem Leser verdammt bekannt vorkommen.

Eine der wichtigsten Figuren ist der sogenannte Zweite Herrscher. Er ist ein Despot erster Güte und schon so lange im Amt, dass sich keiner mehr an den Herrscher vor ihm erinnern kann. Sein Geburtstag ist ein hohes nationales Ereignis. Doch da es bis heute in vielen afrikanischen Staaten nicht üblich ist, dass die Geburt eines Kindes beurkundet wird, muss das Parlament von Aburĩria sich über den richtigen Tag einig werden, an dem der Herrschergeburtstag feierlich begangen werden soll. Es benötigt hierfür geschlagene sieben Monate, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten. Mit derselben Akribie schwänzeln zahllose Menschen um den Herrscher herum, um ihm unterwürfig alles recht zu machen und den eigenen Status zu halten oder zu verbessern. Ganz vorne mit dabei sind zwei seiner Minister. Der Beflissenere von beiden nutzt die monumentale Geburtstagsparty dazu, sich für immer im Gedächtnis des Herrschers zu verankern: Mit viel Pathos verkündet er, dass die gesamte Bevölkerung beschlossen habe, ein Gebäude zu errichten, das erst vor den Himmelspforten enden sollte. So sei es dem Herrscher möglich, sich persönlich jeden Tag mit Gott zu unterhalten. Dass die Bevölkerung bis dahin nichts von diesem Vorhaben wusste, spielt weder für den Minister noch für den Herrscher eine Rolle.

Eilig wird ein Nationales Baukomitee einberufen, um "Marching To Heaven" zu verwirklichen. Dessen Vorsitzender kann sich von da an vor Besuchern kaum retten: Die einen erhoffen sich Arbeit, die anderen, dass man an sie „denkt“. Diesen Wunsch unterstreichen Sie mit der Übergabe von prall gefüllten Geldumschlägen. Der Besucherandrang ist so groß, dass schon bald die Warteschlange quer durchs ganze Land geht. 

Wie im wahren Leben: Unterschätze nicht die Macht des Zufalls

Durch einen Zufall lernt Kamĩtĩ, ein junger Mann, der aus einer armen Familie stammt und gerade sein Hochschulexamen abgelegt hat, Nyawĩra kennen. Die junge Frau gehört zu einer Gruppe Oppositioneller, die immer wieder subtile Proteste gegen den Herrscher organisiert. Als die beiden als Bettler verkleidet nach einer solchen Aktion im Dunkeln nach Hause wollen, fallen sie drei Polizisten auf. Aber nicht wegen ihrer ärmlichen Kleidung, sondern wegen der Taschen, die sie bei sich haben. Die "Gesetzeshüter" vermuten darin Bares, was sie sich unter den Nagel reißen können und verfolgen die jungen Leute. Nur durch die gute Ortskenntnis von Nyawĩra können die beiden ihre Verfolger größtenteils abschütteln. 

Doch einer der Polizisten gibt nicht auf und stellt ihnen weiter nach. Er verfolgt sie bis zu einem leerstehenden Haus, in dem sie sich versteckt haben, weicht aber erschrocken zurück, als er ein todbringendes Zeichen über der Eingangstür sieht: Ein hastig von Kamĩtĩ angefertigtes Amulett aus Karton, Schnur, Stofffetzen, einem vertrockneten Frosch und einer toten Eidechse, darüber ein Schild mit einer eindeutigen Warnung: In diesem Haus wohnt ein Zauberer, der Falken und Krähen vom Himmel holen kann. Das Schild ist unterschrieben mit "DER HERR DER KRÄHEN". Im vom Aberglauben durchdrungenen Aburĩria verfehlt diese Warnung nicht ihre Wirkung, und der Polizist ergreift verängstigt die Flucht. Als er am nächsten Tag beim Zauberer vorsprechen will, erlebt er erneut eine für ihn so unheimliche Situation, dass er zum zweiten Mal das Weite sucht. Doch von nun an ist Kamĩtĩ nicht mehr Kamĩtĩ, sondern wird unfreiwillig zum "Herrn der Krähen", dem übermenschliche Kräfte nachgesagt werden. In kürzester Zeit ist er in aller Munde. Der Umstand, dass er sich nicht persönlich zeigt, sondern nur seine Stimme zu hören ist, macht ihn noch geheimnisvoller und vergrößert seine Popularität.

Große Probleme verlangen nach großen Lösungen

Wie bei allen gigantischen Bauprojekten gibt es auch bei diesem ein Hindernis, das zunächst überwunden werden muss: die Finanzierung. Für „Marching To Heaven" muss ein Kredit von der Global Bank in New York her. Um dieses Vorhaben zu einem Erfolg zu machen, reist der Herrscher persönlich in die USA und nimmt zur Unterstützung seinen Außenminister mit. Doch was der Herrscher als reine Formsache angesehen hat, entwickelt sich zu einem Fiasko. Die Ereignisse überschlagen sich, und letzten Endes bekommt der Herrscher, was er verdient hat.

Lesen?

Alle, die schnell lesbare Bücher bevorzugen, sollten einen Bogen um diesen Roman machen. Er eignet sich nicht dazu, in kleinteiligen Stückelungen gelesen zu werden. Das Buch wirft aber auf humorvolle und ironische Weise ein Schlaglicht auf die Funktionsweise zahlreicher afrikanischer Diktaturen, insbesondere in der südlichen Hälfte des Kontinents. Ngũgĩ wa Thiong’o lässt seine eigenen Erfahrungen mit der britischen Kolonialmacht und der späteren Herrschaft des Diktators Daniel arap Moi, der Kenia innerhalb von 24 Jahren bis 2002 herunterwirtschaftete und zahllose Oppositionelle foltern und verschwinden ließ, in sein Buch einfließen.

Wir erfahren nicht nur etwas über die Denkweise der Menschen im mittleren und südlichen Afrika, sondern dass es auch dort, wo sich das Böse und das Gute offensichtlich voneinander abzugrenzen scheinen, noch Grautöne gibt. Der Roman hat zahlreiche Stellen, an denen ich zunächst gedacht habe: "Na, hier trägt er doch ein bisschen dick auf", um mich im nächsten Moment an Ereignisse zu erinnern, die ich vor vielen Jahren über andere Diktatoren in Afrika gehört hatte. Sicher ist vielen von euch Idi Amin noch ein Begriff.

Ngũgĩ wa Thiong’o ist heute Professor in den USA und zählt zu den (ewigen) Anwärtern auf einen Literatur-Nobelpreis.



Hinweis: Wer sich für den Roman begeistern kann, den wird auch ein anderes Buch von Ngũgĩ wa Thiong’o interessieren: In Träume in Zeiten des Krieges schildert der Autor seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Wer den Roman Herr der Krähen besser verstehen möchte, sollte es lesen. Das ist schnell gemacht: Es hat einschließlich eines Nachworts des Übersetzers Thomas Brückner und eines Glossars nur rund 250 Seiten.

Montag, 15. Juni 2015

Der Start: Bücher "rauf und runter"

Die Premiere - mein erster Blog


So, liebe Leute, es ist geschafft: Nach ein bisschen überlegen (Soll ich? Soll ich nicht?) will ich euch nun  regelmäßig ein paar Bücher vorstellen. Und nein: Ich werde nicht die Spiegel-Bestsellerliste abarbeiten. Das tun schon andere. Ich will euch zeigen, was ich gerade lese oder schon vor einer Weile gelesen habe. Das heißt: Es werden aktuelle Titel dabei sein, aber auch Bücher, die schon länger auf dem Markt sind. Ich freue mich, wenn ihr den einen oder anderen Kommentar da lasst. Aber jetzt ist es genug geschwafelt, es geht gleich nahtlos weiter zum ersten Buch.

Das Buch über ein Leben in der Anstalt

Vor kurzem habe ich tatsächlich einen Spiegel-Bestseller gelesen, und zwar Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff. Er ist 2015 erschienen und wurde mir von meinem Lieblings-Buchhändler empfohlen. Meyerhoff erzählt darin von seinem Leben in der Psychiatrie. Nein, nicht er ist es, der therapiert wird. Er lebt als Sohn des Direktors mitten auf dem Anstaltsgelände in Schleswig, zusammen mit seinen Eltern und den beiden älteren Brüdern. Das Buch beginnt, als der Autor sieben Jahre alt wird und endlich allein, ohne seine Mutter, zur Schule gehen darf. Eine Woche befolgt er die strikten Instruktionen seiner Eltern und geht genau den verabredeten Weg, aber schon zu Beginn der zweiten Woche ist es ihm zu langweilig und er macht einen Schlenker durch die verbotene Schrebergartensiedlung. Der Leser ahnt, dass das nicht ohne Folgen bleiben kann. Prompt findet das Kind Joachim einen Toten, aber in der Schule glaubt die Geschichte zunächst niemand. Das Erlebnis entwickelt sich zu seinem Leidwesen ganz anders als erhofft.

Ein Leben wie ein Roman - so etwas musste aufgeschrieben werden

Die Kindheit und Jugend des Autors hat nichts mit dem zu tun, was wir als „normal“ ansehen würden. Meyerhoff beschreibt die Geburtstagskaffeetafeln des Vaters mit immer denselben Gästen. Da sitzen dann keine Verwandten, Freunde oder Bekannten mit am Tisch, sondern vier Patienten: Margret, die das ganze Jahr über eine gemusterte Kittelschürze trägt und deren Sätze so klingen, als würden sie aus einem einzigen Wort bestehen; Ludwig, der sich jedes Jahr wieder wünscht, den Familienhund zu streicheln, es aber viele Jahre nicht schafft und hysterisch aus dem Zimmer rennt und die Feier ruiniert; Dietmar, der pausenlos Fragen stellt und seinen Kot auf die Klowände schmiert; und zu guter Letzt Kimberley, die sich nach dem Geburtstagskäffchen halb nackt zum Sonnen auf den Rasen legt.

Die Mutter versucht so gut es geht, zwischen nachts schreienden Patienten und unzähligen Skurrilitäten so etwas wie Normalität herzustellen. Nach und nach wird deutlich, dass ihr diese Aufgabe allmählich über den Kopf wächst. Ihr Mann, der allseits geachtete Psychiatriedirektor, ist ihr und ihren Söhnen gegenüber leider wenig empfindsam und vertieft sich lieber in theoretische Exkurse.

Die Fassade wird viele Jahre aufrechterhalten, bis diese durch den Unfalltod eines Familienmitglieds Risse bekommt. Das Zerbröseln des familiären Zusammenhalts nimmt Fahrt auf, als das Doppelleben des Vaters auffliegt.

Meyerhoff beschreibt die Figuren in seinem Roman so deutlich, dass sie beim Lesen klar vor Augen stehen. So kann man zum Beispiel das immer stärker werdende Läuten hören, wenn sich der Glöckner nähert. Man sieht ihn vor sich, in schwarzer Kleidung und mit schwarzen, zerzausten Haaren, wie er mit weit ausladenden Armbewegungen die Glocken in seinen Händen beim Gehen durch den Anstaltspark schwenkt. Die Angst des Kindes Joachim vor dem Patienten kann man als Leser gut nachfühlen. Aber Meyerhoff schildert auch andere Szenen so lustig, dass man immer wieder laut auflacht. Dass das Leben in der Anstalt nicht nur witzig oder seltsam war, wird jedoch auch beschrieben. Meyerhoff spart die traurigen und tragischen Phasen nicht aus.

Kaufen? Ja!

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, gerade wegen seiner Ausgewogenheit von Humor und Ernsthaftigkeit. Na klar, so gut wie niemand wächst in so einer Umgebung auf, darum erübrigt sich auch jeder Vergleich. Aber das Buch zeigt auf, dass das Heranwachsen eines Kindes in solchen ungewöhnlichen Umständen nicht dazu führen muss, dass aus ihm ein psychotischer Erwachsener wird, der an seinem Leben verzweifelt.

Das bei KiWi erschienene Taschenbuch kostet 9,99 €.