Freitag, 24. Juni 2016

# 56 - Wie lernt man die Frau fürs Leben kennen?

Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht

 

30 Dates in 30 Tagen ist das Erstlingswerk des österreichischen Autors Jürgen Koller. Meine erste Assoziation zum Film mit dem Titel "50 erste Dates" war falsch, denn der Autor hat sich im November 2013 nicht 30 Mal mit derselben Frau, sondern den ganzen Monat hindurch täglich mit immer anderen Frauen getroffen.

Dating-Marathon vom Feinsten

 

Jürgen Koller ist Single. Die Frau, mit der er lange liiert war und von der er glaubte, sie wollte ebenso gern mit ihm alt werden wie er mit ihr, hat ihn verlassen. So traurig das ist, so normal ist es auch. Man kann mit solchen Lebenskrisen unterschiedlich umgehen: Manche Menschen schließen sich ein, tun sich unendlich leid und glauben, nach diesem Verlust könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Andere bereuen ihre Fehler und wollen eine neue Chance, und die Dritten sind einfach nur wütend. Koller hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er ist 30 Jahre alt und hat den Wunsch, sein Leben mit einer Partnerin zu teilen. Seine Vorstellungen sind die, die auch unzählige andere Menschen für ihr Leben haben: eine Frau, ein Kind, ein Heim. Ein Ort, zu dem man nach der Arbeit nach Hause kommt und sich mit dem Menschen, den man liebt, austauschen und mit ihm gemeinsame Zeit verbringen kann. Das sind Dinge, die ihm als Single-Mann verwehrt sind. Doch Koller weiß sich zu helfen: Er kommt auf die Idee, sich an 30 aufeinanderfolgenden Tagen mit 30 verschiedenen Frauen an 30 verschiedenen Orten zu treffen. Sollte da nicht die Richtige dabei sein?

Nichts geht über eine gute Planung

 

Der 10. Mai 2013 ist der Tag, an dem Jürgen Koller genug davon hat, ständig verliebte Paare um sich herum zu sehen. An diesem Tag fällt die Entscheidung zu seinem privaten Partnerprojekt. Kurz darauf beginnen die Vorbereitungen, die eine Reihe von Fragen aufwerfen: Welche Locations sind so interessant, dass sich Frauen für ein Treffen mit ihm interessieren könnten, obwohl er selbst sich als "Mr. Durchschnitt" bezeichnet, dessen Foto nicht unbedingt dazu taugt, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen würden? Wie macht man die Projekt-Website und die Aktion bekannt? Dürfen die Damen vorab wissen, wie der einsame Koller aussieht? Woraufhin sich fast schon zwangsläufig die nächste Frage stellt: Darf Koller  vor dem Treffen wissen, wie seine Dating-Partnerinnen aussehen?

Jürgen Koller bereitet alles generalstabsmäßig vor. Da er als Selbstständiger in der New Media Branche arbeitet, ist die Erstellung der Website (http://www.30dates.at/) kein Problem. Er schafft es auch, die Presse für sein Vorhaben zu interessieren; bei der Anfrage eines Fernsehsenders zieht er seine Zustimmung zurück, als man versucht, die bereits getroffenen Absprachen zu umgehen.
Am 22. Oktober 2013 sind alle Dates vergeben. Bis dahin hatten sich 115 Frauen auf Kollers Website angemeldet. Die Unterschiedlichkeit der Unternehmungen hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Das Repertoire reicht vom Restaurantbesuch über eine Whisky-Verkostung bis zu Poetry-Slam, Sport, Bildung und Musik. Im Rückblick hatte die eine oder andere Idee ihre Tücken: Koller ist z. B. aufgefallen, dass sich zwei fremde Menschen, die sich mit einer bestimmten Absicht miteinander verabreden, ziemlich gehemmt verhalten, wenn sie sich bei ihrem ersten Treffen in Badekleidung gegenüberstehen.

Wie war es für "sie"?

 

Der Autor interessiert sich dafür, wie den Damen, mit denen er sehr unterschiedliche Dates hatte, die Treffen mit ihm gefallen haben, und er lässt jede von ihnen zu Wort kommen. In einem Fall schweigt die Dame, was wohl auch eine Art von Auskunft ist. Alle anderen äußern sich positiv. Bemerkenswert war dabei Date 6, ein Afterwork-Cocktail mit Roswitha: Jürgen Koller empfindet die junge Volksschullehrerin als wandelnde Wortkaskade, deren verästelten Ausführungen er immer weniger folgen kann, le länger das Treffen dauert. Er sehnt nach einer Weile das Ende des Abends herbei und bedankt sich im Geiste bei der Österreichischen Bundesbahn, die ausnahmsweise dafür sorgt, dass Roswitha pünktlich in den Zug einsteigen kann, der sie nach Hause bringt. Doch Roswitha sind Jürgens Befindlichkeiten völlig entgangen: Sie bedankt sich überschwänglich für das sehr schöne Date und hofft auf ein weiteres Treffen, "da wir auf der gleichen Wellenlänge sind". So ist das mit der Eigen- und Fremdwahrnehmumg.

Eine locker-leichte Sommerlektüre

 

Wer ein unterhaltsames Buch für laue Sommerabende oder den Urlaub sucht, liegt mit 30 Dates in 30 Tagen genau richtig. Jürgen Koller hat einen  lockeren Schreibstil und nimmt sich immer wieder auf die Schippe. Er selbst sagt über sein Buch, dass es kein literarisches Meisterwerk sei; aber wer braucht Meisterwerke, wenn es darum geht, die Seele baumeln zu lassen?
Sollte Herr Koller diese Zeilen lesen: Date Nr. 14 war ein No-Go und hat mich zwischenzeitlich an der Ernsthaftigkeit des Projekts zweifeln lassen.

30 Dates in 30 Tagen wurde mir von Indie Publishing über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als Taschenbuch 14,30 € und in der epub- oder Kindle-Edition 6,99 €.





Freitag, 17. Juni 2016

# 55 - Wie lebt es sich mit einer Goldmedaille?

Der Ruhm eines Olympiasieges

 

In Die Frau, die allen davonrannte von Carrie Snyder geht es um eine kanadische Läuferin, Aganetha Smart, die bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam eine Goldmedaillle im 800-Meter-Lauf gewann. Diese Disziplin war damals zum ersten Mal für Frauen zu den Wettkämpfen zugelassen worden.

Die Beine stehen fast nie still

 

Aganetha Smart wird 1908 als jüngstes Kind des Landwirts Robert Smart geboren und wächst in Kanada weit entfernt von einer größeren Stadt auf. Ihre Mutter Jessica ist dessen zweite Frau; Aganetha hat noch zwei Geschwister sowie acht Halbgeschwister aus der ersten Ehe ihres Vaters, von denen zum Zeitpunkt ihrer Geburt vier bereits gestorben sind.
Aganetha, die von allen Aggie genannt wird, kann nicht still sitzen, seit sie laufen kann. Ihre Beine bewegen sich unwillkürlich auch dann, wenn sie mit ihrer Familie am heimischen Esstisch sitzt, was immer Streit auslöst. Ihre Wege legt sie meistens im Laufschritt zurück und kann sich als Schülerin auch mit den Jungen messen. Doch das Laufen ist damals bei Mädchen und Frauen nicht gern gesehen: Sogar in der einfachen Landbevölkerung ist man der Meinung, dass diese Art der Fortbewegung unschicklich ist.
Doch Aggie kann nicht anders: Wann immer sich eine Gelegenheit zum Laufen bietet, nutzt sie sie.

Eine Chance, die ergriffen werden muss

 

Aggie nimmt aus Spaß während eines Ferienbesuchs bei ihrer Schwester Olive, die in Toronto Arbeiterin in einer Fleischfabrik ist, an einem Wettlauf  teil, der von Olives Arbeitgeber im Rahmen eines Sommerfests veranstaltet wird. Sie ist mit 16 Jahren eine der jüngsten Läuferinnen und gewinnt. In diesem Moment wird ihr klar, dass sie nicht nach Hause zurückkehren will.
Sie schafft es, in das neue Frauenteam eines Süßwarenfabrikanten aufgenommen zu werden und wird von da an professionell trainiert. Und dann passiert, was Aggie selbst am wenigsten vermutet hat: Sie gewinnt bei den Olympischen Spielen 1928 den 800-Meter-Lauf der Frauen und die Goldmedaille für das kanadische Olympiateam. Die Presse reißt sich um sie, sie bekommt Werbeverträge und wird hofiert. Doch der Ruhm, der über sie hereinbricht, überfordert sie. 

Die Gesellschaft hat andere Erwartungen an die Frauen. Es wird kolportiert, dass sich die Sportlerinnen bei dieser langen Distanz überanstrengt haben und reihenweise an der Ziellinie zusammengebrochen sein sollen. Der International Association of Athletics Federations (IAAF; deutsch: Weltleichtathletikverband) fürchtet um die Gebärfähigkeit der Sportlerinnen und nimmt deren angebliche Schwäche zum Anlass, diese Disziplin wieder zu streichen. Erst viel später wird anhand von Film- und Fotoaufnahmen bewiesen werden können, dass es sich bei dieser Behauptung um eine Lüge gehandelt hat. Der 800-Meter-Lauf der Frauen wurde erst 1960 wieder ins olympische Programm aufgenommen.

Ein (un-)freiwilliger Ausflug

 

Aganetha Smart blickt im Alter von 104 Jahren auf ihr Leben zurück. Sie fristet in einem Altenheim ein ödes Dasein und langweilt sich. Die Pfleger behandeln sie wie ein unmündiges Kind, obwohl sie nicht dement ist. Doch eines Tages bekommt sie unerwarteten Besuch: Ein junges Pärchen behauptet gegenüber der Altenpflegerin, mit der Seniorin entfernt verwandt zu sein und sie nur zu einem Spaziergang abholen zu wollen. Aggie durchschaut die Lüge sofort, die Pflegerin nicht. Es stellt sich heraus, dass Kaley und Max nach ihr gesucht haben und einen Film über sie drehen wollen. Sie steuern die Stationen der früheren Heimat der Ex-Läuferin an und Aggie erfährt, dass sie tatsächlich Angehörige von ihr sind - und ihr familiär weitaus näher stehen, als es den beiden bewusst ist. Durch diesen ungeplanten Ausflug wird der alten Dame klar, dass sie etwas, was sie einer ihrer Schwestern als Kind angetan hat, mit einem späteren Opfer wieder gutmachen konnte.

 
Die Frau, die allen davonrannte ist keineswegs ein typischer Sportlerroman, in dem es nur um das Training und die Wettkämpfe geht. Aganethas sportliche Entwicklung ist in eine komplizierte und sehr problematische Familiengeschichte eingewoben, in der sich alle Gefühle zwischen Liebe und Hass finden. Das Buch erzählt von Träumen, erfüllten und geplatzten Hoffnungen sowie den Konventionen dieser Zeit, gegen die es insbesondere Frauen schwer hatten.
Carry Snyder hat für die Handlung Tatsachen und Fiktion geschickt vermischt und einen Roman geschaffen, der seine Leser bis zum Schluss fesselt.

Die Frau, die allen davonrannte ist am 13. Juni 2016 im btb Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 €.

Montag, 13. Juni 2016

Rezension zu Till Türmer ebenfalls bei buchreport

Roman von Andreas Klaene im Katalog

 

Heute wurde ich darüber informiert, dass eine weitere meiner Rezensionen eines Indie-Buches den Weg in den Katalog von Indie-Publishing, einem "Ableger" der Fachzeitschrift für den deutschen Buchhandel buchreport, geschafft hat: Am 27. Mai 2016 hatte ich euch Till Türmer und die Angst vor dem Tod vorgestellt. Da die Rezension nun im gedruckten Katalog erscheinen wird und bereits online gelesen werden kann, dürfte das die Bekanntheit dieses Buches weiter erhöhen. Ich wünsche Andreas Klaene weiterhin viel Erfolg!

Den im Katalog veröffentlichten Rezensionstext findet ihr hier: Indie-Publishing 

Freitag, 10. Juni 2016

# 54 - Die gewandelte Religion

Wer füllt die Lücke, seitdem Gott abgeschafft wurde?

 

Es geht in Die neuen zehn Gebote von Andreas Lehmann nicht um Theologie in Reinform, wie der Titel vermuten lässt. Vielmehr wird ein Blick auf das geworfen, was der Autor als "Ersatzreligionen" bezeichnet: Geld, egozentrische Selbstverwirklichung, die übertriebene Fokussierung auf das eigene Kind, Veganismus, die Bio-Welle und einige andere mehr. Lehmann hat jeder dieser Ersatzreligionen ein eigenes Kapitel, das er als Gebot bezeichnet, gewidmet.

Gott und seine Häuser leiden unter einem Attraktivitätsverlust 

 

Andreas Lehmann liefert einige Zahlen, die in den letzten Jahren wiederholt in der Presse aufgetaucht sind, wenn es um die immer geringeren Kirchensteuereinnahmen und die damit zusammenhängenden Einsparungen ging, die die beiden christlichen Kirchen daraufhin veranlasst haben: Seit mehr als 25 Jahren hat die Evangelische Kirche in Deutschland einen durchschnittlichen Mitgliederschwund von 0,7 % pro Jahr, die Katholische Kirche von 0,5 %. Am Karfreitag, einem der höchsten christlichen Feiertage, finden gerade einmal 4 % der Kirchensteuer zahlenden Protestanten den Weg in einen Gottesdienst.
Zwar werden bei vielen Menschen bestimmte Traditionen wie die Taufe der eigenen Kinder oder die kirchliche Hochzeit weiterhin eingehalten, aber dies geschieht nicht mehr aus in erster Linie religiösen Gründen. Die Kirche wird als unmodern und verstaubt empfunden.

Was tritt an die Stelle der Religiosität?

 

Andreas Lehmann hat die zehn Gebote, die von vielen Menschen, die in einer durch christliche Werte geprägten Gesellschaft aufgewachsen sind, nur noch bruchstückhaft aufgesagt werden können, umformuliert. So wird z. B. aus dem ersten Gebot "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." das vom Autor angepasste Gebot "Ich bin Ich, mein Gott. Ich brauche niemanden neben mir.". Hier stellt er den heutigen Hang zur Selbstbezogenheit in den Mittelpunkt: Immer und überall werden Selfies gemacht und in den sozialen Netzwerken gepostet, Zeitschriften drucken Schlagzeilen auf ihre Titelseiten, in denen mindestens ein Mal das Wort "ich" vorkommt und die Wichtigkeit mit wenigstens einem Ausrufezeichen untermauert wird. Trotz - oder wegen? - dieser Ich-Bezogenheit steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen stetig an.

Doch auch den Starkult sieht Lehmann als eine Ersatzreligion an. Die Massenmedien blasen das Image von Prominenten so weit auf, dass sie den Status von Helden erreichen.
Dystopien wie "Die Tribute von Panem" bedienen die Weltuntergangsängste und spiegeln sich in der Realität in Nachrichten wider, die die Furcht vor dem nahen Ende anfachen: Von BSE über Euro-Krise oder Terrorgefahr ist gewissermaßen für jeden etwas dabei.

Spannender Ansatz, aber...

 

Das Buch ist locker und flüssig geschrieben und greift die "Götter" unserer Zeit auf humorvolle Art und Weise auf. Die schleichende Abkehr von der (christlichen) Kirche in Verbindung mit zahlreichen Kirchenaustritten ist für sich genommen keine Neuigkeit. Doch sich darüber Gedanken zu machen, ob der Mensch ein grundsätzliches Bedürfnis nach Spiritualität und Religion hat und wie er dies ohne Gott und seine irdischen Institutionen ausfüllt, fand ich grundsätzlich sehr interessant. Allerdings ist Die neuen zehn Gebote so sehr darauf ausgerichtet, unterhaltsam zu sein, dass es mir an Tiefe fehlte. Die von Andreas Lehmann angeschnittenen Themen und die Darstellung der "Ersatzgötter" lösen zwar zunächst fast immer spontane Zustimmung aus, aber in vielen Kapiteln schweifen seine Gedanken ab und verlieren sich an Nebenschauplätzen. Sein elftes Gebot, das Nachwort, schließt sich diesem Trend an: Die Hälfte der letzten knapp vier Seiten beschäftigt sich damit, dass ein Buch ein Nachwort braucht, das gern mit einer frohen Botschaft verknüpft sein darf. Na dann.


 

Die neuen Zehn Gebote  wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Riemann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €. Die Kindle- und epub-Editionen sind für je 13,99 € erhältlich.
 

Mittwoch, 8. Juni 2016

Weitere Rezension bei Buchreport

Letzte Woche erst rezensiert - heute schon im Katalog von buchreport

 

Nach meiner Rezension des Buchs Es regnet Geld für ein Weltkonto - Die Tausendstel-Frage von Joachim Ackva hat es eine weitere Rezension aus meiner Bücherkiste in den Indie-Publishing-Katalog von buchreport, der Fachzeitschrift für den deutschen Buchhandel, geschafft:
Letzten Freitag habe ich hier Invocabit: Anrufung des Autors Pierre Maurice vorgestellt. Meine Rezension ist nun in einer leicht gekürzten Fassung auch dort erschienen und wird im nächsten gedruckten Katalog sein.


























 

Freitag, 3. Juni 2016

# 53 - Augustinermönch auf der Reise seines Lebens

Historischer Roman vor der mittelalterlichen Kulisse der Schweiz

 

Im Jahr 1247 beginnt ein Augustinermönch, dessen Name der Leser nicht erfährt, eine Studienreise, die ihn von seinem Kloster St. Maurice im schweizerischen Wallis nach Norden über die Alpen bis nach Bayern, Thüringen, Sachsen, Lübeck und Köln führt. Doch in Invocabit: Anrufung von Pierre Maurice soll es nicht um diesen Teil seines Weges gehen, sondern um den Rückweg, der unter abenteuerlichen Umständen verläuft.

Wie ein familiäres Ereignis die eigenen Pläne zum Einsturz bringt

 

Am 15. August 1250, mehr als drei Jahre nach seinem Aufbruch, erreicht den Mönch die Nachricht seines Vaters aus dem Heimatort Naters, dass seine Mutter sehr krank sei und es wohl auf das Ende zu gehe. Diese Botschaft bringt ihn dazu, seine bisherigen Pläne zu ändern und sich sofort auf den Weg nach Hause zu machen. Selbstverständlich möchte er seine Mutter noch einmal sehen und sich von ihr verabschieden. Entlang des Rheins und der Aare wandert er so schnell wie möglich in die Schweiz zurück. 
Doch als er am 3. Oktober den Lötschenpass erreicht und die Heimat nur noch zwei Tagesmärsche entfernt ist, wird der Mönch von einem viel zu frühen und sehr heftigen Wintereinbruch überrascht. Der Pass ist derart eingeschneit, dass erst am 21. November 1250 nach dem Einsetzen des Tauwetters eine Fortsetzung der Wanderung möglich ist.
Doch wegen der schlechten Verhältnisse ist das Weiterkommen auf dem kürzesten Weg nicht möglich, sodass der Mönch eine Route einschlagen muss, die ihn in einem weiten Bogen westwärts führt und ihn noch mehr Zeit kostet. 

Dieser Umweg zehrt an seinen Kräften, und er ist mehrmals dem körperlichen Zusammenbruch nah. Der Mönch kämpft sich mühsam vorwärts, doch in Avenche gerät er krank und halb verhungert in die Fänge einer Wirtin und Bordellbetreiberin, die ihm verspricht, ihn gesund zu pflegen. Doch was sich dort gegen seinen Willen abspielt, soll ihm einen Feind einbringen, der unbedingt seinen Tod will, um den einzigen Zeugen der eigenen Untaten zum Schweigen zu bringen. Jetzt steht der Mönch vor der größten und wohl auch schwersten Entscheidung seines Lebens, die auch seinem Vater und seinen Geschwistern Einiges abverlangt.

Mein Leseeindruck

 

Invocabit: Anrufung  ist ein Roman, der vor allem Lesern, die die Schweiz gut kennen, gefallen wird: Die Route des Mönches ist derart akribisch beschrieben, dass geübte Wanderer sie gut nachvollziehen können. Allen anderen wird das Verständnis für die Handlung ohne diese Ortskenntnis etwas schwer gemacht. 

Pierre Maurice hat in die Handlung einige historisch korrekt dargestellte Persönlichkeiten wie z. B. Kaiser Friedrich II. oder Nantelmus, den Abt des Klosters St. Maurice, eingeflochten, was die Geschichte sehr authentisch macht.

Das Buch hat einen stärkeren religiösen Anstrich, als es für seine Plausibilität nötig wäre: Immer wieder werden Psalmen sowohl in der deutschen (gemäß der Luther-Bibel 1984) als auch der lateinischen Fassung (Biblia Sacra Vulgata) vollständig zitiert, wenn sich der Mönch in einer psychisch schwierigen Situation befindet. Das wirkt sich hemmend auf den Lesefluss aus und trägt dazu bei, hin und wieder den "Faden" zu verlieren. Auch Äußerungen, die von Französisch sprechenden Personen stammen, werden immer zweisprachig auf Deutsch und Französich wiedergegeben.

Der Text wird durch Schwarz-Weiß-Fotos aufgelockert, die vom Autor selbst stammen und überwiegend Naturmotive zeigen.

Invocabit: Anrufung ist als Paperback-Ausgabe bei tredition erschienen und kostet 14,99 € (rd. 300 Seiten). Das Buch kann sowohl beim Verlag als auch über den Versand- oder den stationären Buchhandel erworben werden.

Dienstag, 31. Mai 2016

Der Mai - eine Weltreise mit Büchern

Ägypten, USA, Deutschland

 

In diesem Monat war für fast jeden Geschmack etwas dabei. Es gab Nachdenkliches, Kriminelles und Anrührendes, und es wurde fast jeder Kontinent "bereist".

Vor dem Erben...Mit Vor dem Erben kommt das Sterben schildert die Autorin Ulrike Blatter den Versuch der jungen Blanche, sich in Köln nach mehr als 20 Jahren Abwesenheit und einigen Irrwegen eine neue Existenz aufzubauen. Sie versucht es mit Scharlatanerie, doch ein bisschen Orakeln hier und ein paar Rückführungen da sind finanziell gesehen ganz nett, aber nicht der große Wurf. Da ist es doch viel lohnender, wenn man dem Ableben der betuchten Kundin ein wenig auf die Sprünge hilft. Doch Blanche wird von der Katze Cleo beäugt, die eine Wiedergeburt der letzten ägyptischen Königin Kleopatra ist. Ein sehr unterhaltsamer Roman, in dem Ulrike Blatter auch die Gentrifizierung Kölns und den katastrophal verlaufenden Bau der Stadtbahn anspricht. Für den Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs spendet sie von den Verkaufserlösen ihres Buches 10 %. 





Mehr Infos zum Buch und zum Spendenzweck gibt der Buchtrailer:



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KirschblütenMit Kirschblüten und rote Bohnen des Schriftstellers und Punkmusikers Durian Sukegawa ging es nach Japan. Dort arbeitet der mit seinem Leben unzufriedene Sentaro in einem Imbiss, in dem er lust- und lieblos Dorayaki, mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllte Teigtaschen, zubereitet. Sein Leben ändert sich, als er die alte Tokue kennenlernt, die er auf ihr Drängen hin im Imbiss beschäftigt und die das traditionelle Bohnenmus so perfekt herstellt, dass sich das Geschäft vor Kunden kaum noch retten kann. Auch die Schülerin Wakana wird zur Stammkundin, und zwischen den drei Menschen entwickelt sich eine außergewöhnliche Freundschaft. Doch die Situation verändet sich, als Sentaro und Wakana von Tokues sorgsam gehütetem Geheimnis erfahren. Ein sehr empathischer Roman, der gleichzeitig einen Blick in die japanische Geschichte und Gesellschaft wirft.





Die Verfilmung unter dem Namen "AN - Von Kirschblüten und roten Bohnen" lief 2015 bei den Filfestspielen in Cannes. Hier ist der offizielle Trailer:

   


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Straße der WunderJohn Irving hat mit Straße der Wunder einen neuen Roman herausgebracht. Es ist klar, dass auch dieses Buch nicht ohne Absurditäten auskommen kann. So sind die Hauptpersonen zwei Geschwister: Der ältere Juan Diego wächst mit seiner Schwester Lupe im Haus des Chefs der Müllkippe im mexikanischen Oaxaca auf. Juan Diego ist ein begabter Autodidakt, seine Schwester kann Gedanken lesen und oft auch die Zukunft. Nach dem Tod der Mutter leben die beiden zunächst in einem Waisenhaus der Jesuiten, danach nimmt sie ein Zirkus auf. Doch auch das soll nicht die letzte Station bleiben: Nach Lupes selbstlosem Suizid wird Juan Diego von einem mexikanischen Transsexuellen und einem ehemaligen amerikanischen Jesuitenpater adoptiert und von ihnen in die USA mitgenommen. Sein Leben bleibt unegwöhnlich - trotz oder wegen seiner Unbeholfenheit.








Vom Verlagshaus RandomHouse wurde eine Hörprobe bereitgestellt, die einen schönen ersten Eindruck gibt:

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Till TürmerDas letzte Buch, das ich im Mai vorgestellt habe, beschäftigt sich mit einem Thema, dem viele Menschen lieber ausweichen, obwohl es unausweichlich ist: Die Titelfigur in Till Türmer und die Angst vor dem Tod von Andreas Klaene entwickelt ihre eigenen Strategien, um allem, was mit dem Sterben und der Endlichkeit zu tun hat, auszuweichen. Doch dann hat Till eine Begegnung mit einem Menschen, der ihm so wichtig wird, dass er sich entscheiden muss.






Weitere Informationen über das Buch und den Autor gibt es auf der Homepage von Andreas Klaene.





Auch der Juni wird einige interessante Bücher bereithalten. Schaut vorbei und lasst euch überraschen.








Freitag, 27. Mai 2016

# 52 - Wovor haben wir die größte Angst?

Vom Weglaufen vor dem Unvermeidlichen

 

Der Journalist Till Türmer hat sein Leben im Griff: Er lebt allein in Aurich, liebt die Ausritte auf seiner Stute Rubina und schreibt Biografien und Briefe für Menschen, denen die passenden Worte fehlen. Er ist ein empathischer und geduldiger Mann, zu dem Menschen schnell Vertrauen fassen und sich ihm öffnen. Doch er gerät an Grenzen, wenn es um das geht, dem niemand ausweichen kann: den Tod. Andreas Klaene beschreibt in seinem Buch Till Türmer und die Angst vor dem Tod wie schwer es ist, dem Unvermeidlichen auf Dauer auszuweichen.

Wann muss man sich dem Tod stellen?

 

Immer, wenn Till zu Rubina geht, begegnet er dem alten Jupp, der auf dem Reiterhof des Bauern Enno wohnt und alles macht, was anfällt. Jupp lebt dort ganz für sich. Keiner weiß besonders viel über den wortkargen Mann, aber für Till ist er ein Freund. Doch Jupp geht es schlecht. So schlecht, dass auch Till klar ist, dass es mit dem alten Mann bald zu Ende gehen wird. Er weiß von Enno, dass Jupp hofft, sich von Till im Krankenhaus verabschieden zu können. Nur ein letzter Besuch, ein paar Worte zum Abschied. Doch Till schiebt diesen Besuch so lange auf, bis Jupp tot ist. Wieder meldet sich Enno bei ihm: Ob Till ihm bei der Planung der Beisetzung helfen könne? Jupp habe keine Angehörigen mehr gehabt, und er, Till, sei doch so gut mit ihm befreundet gewesen. Till ignoriert Ennos Bitte, und Jupp wird ohne ihn beerdigt.

Ähnlich geht Till mit einer Kundin um, die ihn bittet, ihr in ihrem Namen einen Brief an ihre Tochter zu schreiben. Es ist klar, dass die an Krebs erkrankte Dame nicht mehr lange leben wird, aber ihr größter Wunsch ist es, ihre Tochter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, noch ein Mal zu sehen und mit ihr zu sprechen. Till sagt ihr zu, sich Gedanken zu machen, aber "vergisst" dann, seine Auftraggeberin zurückzurufen.
Er fühlt sich durchaus schlecht dabei, sich so zu verhalten, doch bisher fehlte eine starke Motivation, an dieser Einstellung zu arbeiten und sich zu ändern.

Auch Till Türmer muss sich entscheiden


Doch dann lernt er Sarah kennen. Sie ist für ihn zunächst nur so etwas wie ein Phantom, weil er durch das gekippte Fenster der Herrentoilette eines Auricher Restaurants nur ihre Stimme hören kann. Till ist sofort von deren Klarheit und Intensität fasziniert und beginnt, die unbekannte Frau zu suchen. Mithilfe der wenigen Informationen, die er an seinem Fensterplatz gehört hat, wird er schließlich fündig: Er begegnet Sarah in einem Supermarkt in Pewsum und erkennt sie an ihrer Stimme wieder. Durch ein Gespräch zwischen ihr und einer anderen Kundin erfährt er von einem kulturellen Ereignis, bei dem Sarah mitwirken wird. Für Till ist klar, dass er dorthin muss, wenn er Sarah wiedersehen will, doch er ist überrascht, worauf er trifft: Die junge Frau tritt im Rahmen einer Veranstaltung, auf der über Multiple Sklerose informiert wird, als Pianistin auf. Sie kommen ins Gespräch und fühlen sich sofort stark zueinander hingezogen. Doch als sie sich immer besser kennenlernen, erfährt Till, was Sarahs Leben bereits jetzt einschränkt und womit sie ihr Geld verdient. Zwei Dinge, die ihn aufwühlen und ihn unmittelbar mit der Endlichkeit des Lebens konfrontieren. Er muss sich entscheiden, denn eine Beziehung mit Sarah ist ohne die Anwesenheit des Todes nicht denkbar.

Ein sehr schöner Roman um ein "heißes Eisen"  

 

Andreas Klaene hat das von vielen Menschen als Tabu empfundene Thema Sterben und Endlichkeit in einem sehr flüssigen Schreibstil verarbeitet, der den Leser in die Handlung hineinzieht. Man kann durchaus auf die Idee kommen, dass dem ansonsten so offenen Till Türmer zu Beginn noch ein kleines Stückchen fehlt, um "richtig" erwachsen zu werden, aber der Autor beschreibt das Fluchtverhalten des Journalisten ohne einen erhobenen Zeigefinger. In einem kurzen Rückblick wird deutlich, welchen Ursprung Tills Angst vor dem Tod haben könnte und es passt zu ihm, sich mit seiner Vergangenheit nicht wirklich auseinandergesetzt zu haben.
Das Buch spielt in Ostfriesland, und Leser, denen die Gegend um Aurich vertraut ist, werden sicher das Eine oder Andere wiedererkennen. Auch die gute ostfriesische Sitte des Teetrinkens mit Stövchen sowie Kluntje und Wulkje ( großer, weißer Kandiszucker und eine Sahnewolke) fehlt hier nicht. 
Till Türmer und die Angst vor dem Tod ist ein lesenswertes Buch, das auch diejenigen in die Hand nehmen können, denen es so geht wie Till zu Beginn der Handlung. 


Till Türmer und die Angst vor dem Tod wurde bei epubli herausgegeben und kann sowohl dort als auch beim stationären oder Versandbuchhandel bezogen werden. Es kostet als Taschenbuch 10,99 € und als Kindle-Edition 4,99 €.

Freitag, 20. Mai 2016

# 51 - Außenseiter mit grandiosen Fähigkeiten

Seit vielen Jahren bin ich ein Fan von John Irving, und sein neuestes Buch Straße der Wunder hat mich im Großen und Ganzen nicht enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen der zu Beginn 14-jährige Mexikaner Juan Diego Guerrero und seine ein Jahr jüngere Schwester Lupe. Sie wachsen auf einer Müllkippe in Oaxaca auf und leben bei Rivera, dem Chef der Müllhalde.

Mexiko 1970: brennende Müllhalden und Bücher

Juan Diego und Lupe sind nur auf den ersten Blick typische Müllkippenkinder, wie es sie noch heute in Mexiko gibt. Rivera, el jefe, kümmert sich um die Geschwister und behandelt sie wie seine eigenen Kinder; und das, obwohl es nur bei Juan Diego den Hauch einer Chance gibt, dass er dessen Sohn sein könnte. Ihre Mutter Esperanza spielt im Leben der beiden Jugendlichen keine große Rolle: Sie ist Prostituierte und außerdem Putzfrau in der Kirche und im Waisenhaus der Jesuiten. Die Pater haben ihr diesen Job in der Hoffnung gegeben, dass sie so wieder auf den rechten Weg zurückfindet. Nur sporadisch lässt sich Esperanza bei Rivera und ihren Kindern sehen. 


Im Kloster von Oaxaca misten die Jesuiten von Zeit zu Zeit ihre Klosterbibliothek aus und bringen Bücher zum Verbrennen auf Riveras Müllkippe. Dort rettet sie Juan Diego aus dem Feuer und liest sie gründlich. Er ist Autodidakt und hat sich selbst das Lesen beigebracht. Mithilfe der vom Kloster  entsorgten Bücher hat er auch Englisch gelernt.
Seine Schwester Lupe wirkt auf die, die sie nur oberflächlich kennen, geistig zurückgeblieben: Sie spricht völlig unverständlich und oft so, als stünde sie kurz vor einem emotionalen Ausbruch. Nur ihr Bruder versteht sie und ist darum ihr Dolmetscher. Alle, die sie besser kennen, wissen aber, dass Lupe Gedanken lesen kann und oft in der Lage ist, in die Zukunft zu sehen. 

Ein Roman mit einem Blick auf sich selbst

Die Jesuiten legen Wert auf Bildung und werden auf Juan Diego aufmerksam. Vor allem Pater Pepe setzt sich dafür ein, dass die Geschwister nach dem Tod ihrer Mutter ins katholische Waisenhaus umziehen. Doch das Waisenhaus ist keine Lösung, und letztlich finden sich die beiden im nahegelegenen Zirkus wieder. Doch auch der Aufenthalt dort soll nicht von Dauer sein, was vor allem daran liegt, dass Lupe wegen ihrer Hellsichtigkeit weiß, wie ihre und die Zukunft ihres Bruders aussehen würden, wenn sie dort blieben. Da entschließt sie sich zu einem gravierenden Schritt, der ihrer Ansicht nach die einzige Chance ist, Juan Diego eine Zukunft zu ermöglichen, die seinen Fähigkeiten entspricht.


Tatsächlich wird er den Beruf ergreifen, den Lupe in ihm gesehen hat: Der mittlerweile zu einem bekannten Schriftsteller avancierte Juan Diego blickt in Straße der Wunder 40 Jahre später während einer Lesereise auf die Philippinen auf sein Leben zurück. Lupes selbstloser Plan hat tatsächlich dazu geführt, dass sein Leben eine Wendung genommen hat, die unter normalen Umständen kaum möglich gewesen wäre. Edward, ein ihm freundschaftlich verbundener amerikanischer Jesuit und dessen Freundin Flor, eine transsexuelle mexikanische Prostituierte, adoptieren ihn und nehmen ihn mit in Edwards Heimat Iowa. Dies ist für Juan Diego die Eintrittskarte in ein besseres Leben.

Das Leben unter dem Einfluss von Betablockern und Viagra

Juan Diego ist wegen einer Herzschwäche auf die regelmäßige Einnahme von Betablockern angewiesen. Sie führen jedoch dazu, dass er ein Leben führt, dass er als "reduziert" bezeichnet: Er leidet unter Müdigkeit, die oft schon narkoleptische Züge hat, und Erektionsstörungen. Die haben ihn mangels einer Partnerin bislang wenig gestört, doch auf seiner Reise begegnet er mit Miriam und Dorothy zwei seiner Fans, die vor allem eines tun wollen: sich "liebevoll" um ihn kümmern. Dass es sich bei den beiden um Mutter und Tochter handelt, macht es nicht wirklich einfacher. Um im Bett nicht zu versagen, nimmt es der Schriftsteller mit der Einnahme der Betablocker nicht mehr so genau und greift immer öfter zu Viagra. Doch er wird aus den beiden Frauen nicht schlau: Sie scheinen immer um die Welt zu reisen und tauchen so plötzlich an seinen Reisestationen auf, wie sie anschließend wieder verschwinden. Bereitwillig lässt er es zu, dass sie ständig in seine Reiseplanung eingreifen, die ursprünglich von seinem ehemaligen Studenten Clark French, der jetzt ebenfalls Schriftsteller ist, ausgearbeitet worden ist. Juan Diego wirkt wie das Klischee eines alternden Romanautors: immer etwas neben sich stehend, kaum lebenstüchtig und ein wenig durch sein Leben irrlichternd. Am Ende kommt es mit ihm, wie es kommen muss.

Lesen?

Wie schon erwähnt bin ich bei John Irving im positiven Sinn voreingenommen. Ich mag die skurrilen Charaktere und Wendungen, wie es sie auch in Straße der Wunder reichlich gibt. Mich haben auch die dezenten Verweise auf andere Bücher von ihm amüsiert. Immer wieder baut er auch Kritik am "American Way of Life" und dem Selbstverständnis der US-Amerikaner ein: Er kritisiert indirekt die Folgen des Vietnamkriegs und macht deutlich, dass es oft mit Chancengleichheit und Toleranz nicht weit her ist.

Etwas ermüdend fand ich allerdings das unglaubwürdige Dreiecksverhältnis zwischen Juan Diego sowie Miriam und Dorothy, dass sich - immer schön abwechselnd - fast nur in der Horizontalen abspielte und um ein Haar noch um eine weitere Person erweitert worden wäre. 
Als gegen Ende der Handlung die Identität der beiden Frauen buchstäblich nebulös wurde, wurde es mir mit den Mysterien zu viel. Letzten Endes bleibt es für den Leser unklar, ob es die beiden Damen nur in Juan Diegos Vorstellung gegeben hat. Auch andere geisterhafte Wesen tauchen im letzten Fünftel des Buches auf; inwieweit sie für den Fortgang der Handlung wichtig sind, erschließt sich mir nicht. 
Insgesamt ist meine Kritik an diesem Buch jedoch so gering, dass ich es auf jeden Fall empfehlen kann. Die Hinweise, die John Irving auf seine vorangegangenen Romane gibt, sind für das Verständnis des Buches nicht wichtig, sodass auch Leser, die zum ersten Mal einen Titel von ihm lesen, an Straße der Wunder Freude haben werden.



Vielen Dank!

Das Buch Straße der Wunder wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

Straße der Wunder kostet als gebundene Ausgabe 26,-- € und als epub- oder Kindle-Edition 22,99 €. Das Hörbuch (3 MP3-CDs) ist für 24,99 € erhältlich. 



 

Freitag, 13. Mai 2016

# 50 - Was hat eine Freundschaft mit gutem Essen zu tun?

Über eine Freundschaft zwischen Menschen, die (eigentlich) nichts gemeinsam haben

 

Ich möchte euch heute ein Buch ans Herz legen - so viel Pathos ist hier durchaus angebracht -, das wie der Gegenentwurf zu so vielen anderen Büchern wirkt, die von Kritikern hoch gelobt werden. Es überzeugt durch seine einfache, klare Sprache und enthält ein ganzes Fuder Lebensweisheit. Die Rede ist von Kirschblüten und rote Bohnen des japananischen Autors Durian Sukegawa.

Ex-Häftling trifft auf alte Frau

 

Sentaro ist ein junger Mann, der sein Leben bis jetzt gehörig vergurkt hat: Er hat sich in Drogengeschäfte verwickeln lassen und dafür einige Jahre im Gefängnis gesessen. Weil er bei der Polizei nicht über die Hintermänner auspacken wollte, wurde ihm auch kein Strafrabatt gewährt. Unnötig zu erwähnen, dass er außer einem einfachen Schulabschluss über keine Qualifikation verfügt. Doch aus Dankbarkeit für sein Schweigen bietet ihm einer dieser Hintermänner an, für ihn in seinem Dorayaki- Imbiss 'Doraharu' zu arbeiten. Dorayakis sind runde Pfannkuchen, die mit einer süßen Paste aus roten Bohnen gefüllt werden. Da er beim Inhaber obendrein auch noch Schulden hat, wird das Doraharu für Sentaro zu seiner persönlichen Hölle. Doch nach nur drei Jahren stirbt sein Chef unerwartet, und dessen Witwe übernimmt den Imbiss. Da sie vom Geschäft oder gar von der Herstellung der Dorayakis keine Ahnung hat, ernennt sie Sentaro zum Geschäftsführer. Doch den hält nur die Aussicht, irgendwann seine Schulden abbezahlt zu haben, in diesem Job. Die traditionelle Süßspeise stellt er lust- und lieblos her und greift bei der Herstellung des Bohnenmus' auf ein Fertigprodukt aus dem Kanister zurück. Seine Dorayaki schmecken ihm nicht, aber das ist ihm gleichgültig. Direkt nach Feierabend geht er in die nächste Kneipe und spült seinen Kummer hinunter. Doch nachdem er einen Aushang an die Tür geklebt hat, mit dem er einen Helfer sucht, meldet sich nur eine alte Frau, Tokue. Sie ist bereit, für einen lächerlich geringen Lohn für ihn zu arbeiten. Sentaro sträubt sich zunächst, Tokue einzustellen, weil sie schon 76 Jahre alt ist und gebrechlich wirkt. Doch sie lässt nicht locker und überzeugt ihn schließlich, indem sie das beste Bohnenmus herstellt, dass Sentaro jemals gegessen hat.
Weil Tokue an den Händen und im Gesicht entstellt ist, hat Sentaro Bedenken, sie beim Verkauf helfen zu lassen. Er spricht Tokue nicht auf die Herkunft der Entstellungen an und behält auch die Gründe, warum sie nur in der Küche arbeiten soll, für sich. 

Das Blatt scheint sich zu wenden

 

Der ungewöhnlich gute Geschmack der Dorayakis spricht sich herum, und schon bald kann sich der Imbiss vor Kunden kaum noch retten. Eine der neuen Kundinnen ist das 14-jährige Schulmädchen Wakana: Sie lebt nach der Trennung ihrer Eltern bei ihrer Mutter, die ständig Geldsorgen hat. Mit ihr kommt Tokue nach und nach ins Gespräch, und nach einiger Zeit stellt das Mädchen der alten Frau die Frage, die auch Sentaro immer auf der Zunge liegt: Warum sind Tokues Finger so verkrümmt? Doch die Antwort, das sei auf eine schlimme Krankheit in ihrer Jugend zurückzuführen, bleibt vage.
Alles ändert sich, als kurz darauf Sentaros Chefin in den Imbiss kommt und von ihm verlangt, die alte Frau zu entlassen. Sie habe gehört, sie sei an Lepra erkrankt gewesen, und so etwas wollten die Kunden nicht sehen. Und überhaupt könne man ja nie wissen, ob die Krankheit nicht immer noch ansteckend sei.
Kurz darauf versiegt der Kundenstrom, sodass kaum noch Bohnenpaste zubereitet werden muss. Tokue kommt zunächst seltener, doch dann macht sie es Sentaro leicht und kündigt von sich aus. Doch der Kontakt zu ihr bricht nicht ab, und sie öffnet sich gegenüber Sentaro und Wakana und gibt ihnen tiefe Einblicke in ihr Leben.

Ein Ende mit Tragik, aber nicht ohne Hoffnung

 

Zwischen Sentaro, Wakana und Tokue entsteht eine tiefe Verbundenheit, die vor allem der empathischen und lebensklugen Tokue zu verdanken ist. Durian Sukegawa greift in seinem Buch auch die Art und Weise auf, wie Japan mit seinen Leprakranken seit dem Ende des 2. Weltkriegs umgegangen ist: Obwohl die Erkrankten dank eines seinerzeit aus den USA eingeführten Medikaments völlständig gesund wurden und niemanden anstecken konnten, blieb es bis 1996 dabei, dass sie die eigens gebauten Leprosorien nicht verlassen durften. Es gab Zwangsarbeit, die Männer wurden zwangssterilisiert, Föten erkrankter Frauen abgetrieben oder ihre Babys getötet. Im ganzen Land wurden Leprakolonien errichtet, und in den ersten Jahren wurden die Kranken in Einzelzzellen isoliert. Allen, die in eine der Leprakolonien gebracht wurden, war klar, dass sie ihre Familien nie wiedersehen würden. 
Aber auch nach 1996 hat sich das Leben der Menschen, die vor Jahrzehnten erkrankt sind, nicht wesentlich verbessert: Sie können sich zwar frei bewegen, sind aber wegen ihrer Entstellungen sozial isoliert. Da sich in den meisten Fällen auch ihre Angehörigen von ihnen abgewendet haben, bleiben sie letztendlich unter sich.
Das erinnert stark an den Umgang mit den Menschen, die durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und den Atomunfall in Fukushima durch Radioaktivität sofort oder später geschädigt wurden: Auch sie werden gemieden, als hätten sie eine todbringende Krankheit und haben keine Möglichkeit, ein halbwegs normales Leben zu führen

Ich habe es bisher vermieden, mit Zitaten aus Büchern zu arbeiten, über die ich schreibe. Hier will ich eine Ausnahme machen. Tokue gibt Sentaro diesen Satz mit auf den Weg:

"Zäune überwinden kann nur, wer mit einem Herzen lebt, das Zäune überwunden hat."


Durian Sukegawa ist ein japanischer Romanautor, Fernseh- und Radiomoderator, Schauspieler und Punkmusiker. Kirschblüten und rote Bohnen wurde unter dem Titel "An" (Anm.: japanisch für Bohnenmus) ein Bestseller und für die Festspiele in Cannes 2015 verfilmt. 

Kirschblüten und rote Bohnen ist 2016 im DuMont Buchverlag erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet in der gebundenen Ausgabe 18,-- € und als epub- oder Kindle-Edition 14,99 €. Es kann online hier bestellt werden: Bestell-URL