Freitag, 25. November 2016

# 77 - Superheld gesucht - und schon gefunden

Super-Thriller mit einem super Team aus Italien

 

Der Finger im Revolverlauf ist ein Super-Thriller. Das findet zumindest der Autor Carlo Manzoni, der diese Persiflage auf amerikanische Krimis 1960 unter dem Titel Ti spacco il muso, bimba! veröffentlicht hat. Auf Deutsch ist das Buch erstmalig 1963 erschienen.
Carlo Manzoni hat neun dieser humorvollen Krimis rund um das unschlagbare Privatdetektiv-Duo Chico Pipa und Gregorio Scarta, genannt Greg, geschrieben, Der Finger im Revolverlauf ist der zweite Band.

Sechs Beine laufen mehr als zwei

 

Chico ist zwar ein richtig toller Typ, den nichts so schnell erschüttern und dem keiner etwas vormachen kann, aber ohne Greg wäre er nur ein halber Mensch. Sein bester Freund und Partner, dessen Name sogar auf der Bürotür der Detektei steht, ist ein Hund. Kein gewöhnlicher Kläffer, der nur zwischen Fressnapf, Hundewiese und Körbchen pendelt; nein, Greg ist ein ausgebildeter Polizeihund, der allen Gangstern den Tod geschworen hat, seit sein Bruder Bud von einem dieser kriminellen Subjekte ermordet wurde. Der Hund nimmt seine Aufgabe sehr ernst.Vielleicht sogar ernster als sein Kompagnon, der genau weiß, dass er ohne seinen treuen Freund aufgeschmissen wäre.
Chico hat es nicht so mit regelmäßigen Mahlzeiten. Aber das heißt nicht, dass er dem Konsum von verarbeitetem Getreide nicht aufgeschlossen gegenüberstünde: An gefühlt jeder Straßenecke kehrt er in eine Kneipe ein, um seine Leber nicht vom Bourbon zu entwöhnen. Was für einen Mann gut ist, kann für einen Hund nicht schlecht sein: Auch Greg wird ab und an mit einer Extra-Portion dieses süffigen Getränks verwöhnt. 

Ein Mann, ein Hund, zahllose Heldentaten


Chico erhält einen Anruf von einer Frau, die sich Duarda nennt. Er ist von ihrer Stimme total fasziniert und glaubt ihr sofort, dass er mit ihr verabredet ist. Beim Ankleiden findet er in seiner Jacke 2.000 Dollar, deren Herkunft er sich nicht erklären kann. Hat ihm jemand im Voraus Geld für einen Auftrag gegeben? Leider hat der clevere Detektiv einen kompletten Filmriss und kann sich an den letzten Abend nicht mehr erinnern. Zu viel verarbeitetes Getreide. Beim Griff in die Hosentasche findet er ein Stück nach Alpenveilchen riechendes Toilettenpapier, auf dem mit Lippenstift eine Adresse notiert wurde: 47. Straße 432 B. Doch auf dem Weg zu der geheimnisvollen Frau merkt Chico, dass er verfolgt wird. Da er den Fahrer nicht abschütteln kann, zwingt er ihn mit einem gewagten Manöver zu einer Vollbremsung. Dumm nur, dass der Kerl bewaffnet ist und offenbar plant, mit einem Schuss Chicos beste Krawatte zu ruinieren. Das darf nicht passieren! Chico gelingt es tatsächlich, den Ganoven mit dem Zeigefinger in dessen Pistolenlauf zu stoppen. Sein Finger wird dabei ein bisschen lädiert, aber solche lächerlichen Verletzungen schüttelt einer vom Format dieses Super-Detektivs lässig ab. Leider kann man das nicht von der Pistole sagen: Sie lässt sich nicht mehr vom Finger abziehen.

Auf fast jeder Seite eine Heldentat

 

Auch wenn Manzoni mit Der Finger im Revolverlauf das klassische Krimigenre durch den Kakao zieht, kommt er selbstverständlich nicht ohne Tote aus. Zwischenzeitlich sterben Menschen wie die Fliegen, und immer ist unser Super-Detektiv so unmittelbar in der Nähe, dass Polizeileutnant Tram und Sergeant Kautschuk gar nicht anders können, als ihn ständig zu verhaften und kurz darauf wieder freizulassen. Die Situation wird immer komplizierter, aber Chico behält immer irgendwie den Überblick - ganz im Gegensatz zu den beiden Polizisten. Gibt es Krimis, die ohne eine Prise Romantik auskommen? Nein. Dieser auch nicht.

Der Finger im Revolverlauf ist ein witziger Krimi, der durchgehend gut unterhält. Dass die deutsche Erstveröffentlichung mehr als 50 Jahre zurückliegt, merkt man der einen oder anderen Formulierung an. Das Buch ist damit auch ein gutes Beispiel, wie sich die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten verändert hat. 
Dieser Super-Thriller ist nur noch antiquarisch erhältlich und hat damals 2,80 DM gekostet. Ein Preis, der mich heute begeistern würde.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Bettina Schnerr, die das Buch aus der Schweiz zu mir auf die lange Reise nach Norddeutschland geschickt hat. Bettina ist selbst eine eifrige Bloggerin und schreibt auf ihrem Blog Bleisatz. über Bücher und Kulturelles.

Dienstag, 22. November 2016

Gastbeitrag: Interview mit einem DJ


Klug, witzig, anders und kurzweilig.
So preist der Autor Michael Lorenz sein erstes Buch "Interview mit einem DJan. Ein gesellschafts- und wirtschaftskritisches Buch witzig und kurzweilig? Das ist zumindest ungewöhnlich.

Der Blick in das Buch überrascht noch mehr: Eine Geschichte im Interviewstil erzählt, zwei Personen unterhalten sich, die eine davon - die nächste Überraschung - Elvis, der sich aus dem Totenreich zu Wort meldet. Er sorgt sich um sein Erbe, das er uns allen hinterlassen hat, und fühlt allen, die seine Musik spielen, auf den Zahn. In diesem Falle einem Rock-DJ. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch - natürlich über Musik.

Doch die Themen ihrer Unterhaltung nehmen an Brisanz zu. Wir treffen auf all die Fragen und Probleme, die in den letzten Wochen und Monaten durch die Presse gejagt wurden: Manipulation, Rechtsrutsch, Flüchtlingskrise, Artensterben, Klimawandel. Alles schon gelesen, ein alter Hut? Ganz und gar nicht. Denn hier bekommen wir die Krisen und Fehlentwicklungen unserer Zeit aus einem anderen und höchst interessanten Blickwinkel aufbereitet. Das Buch ist durch die eingeflochtenen Geschichten und Parabeln - der DJ erweist sich als Meister des Geschichtenerzählens - überaus fantasievoll und amüsant.

Wir treffen auf skurrile Gestalten: Karl Valentin, der im Jenseits offensichtlich seine Begabung, schlaue Sprüche zu klopfen, eingebüßt hat; Josephine Baker, die immer noch gerne im Bananenröckchen tanzt; der Heilige Martin, der sich bei seinen Reisen durch das Jenseits wohl das Hirn angeschlagen hat und jetzt fromme Sprüche mit aktuellem Bezug zum Besten gibt. Wir dürfen lernen, dass eine neue Krankheit bei Politikern umgeht, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz ADF, dass man mittels Trumpism kurieren kann. Wir erleben mit, wie alle Nürnberger fluchtartig ihre Stadt verlassen müssen und in einem muslimischen Staat Zuflucht finden. Das Minenfeld der Flüchtlingskrise: sehr elegant umgangen und doch auf den Punkt gebracht. Nicht zuletzt der Klimawandel, der Blick in die Zukunft, die uns droht, wenn wir weiter im bisherigen Umfang Kohlendioxid in die Luft blasen. Hier blitzt wohl die eigentliche Profession des Autors hervor: Aus der Umschlagsseite entnehmen wir, dass er nicht nur Autor und Rock-DJ, sondern auch Naturwissenschaftler im bayerischen Staatsdienst ist.

Sprache und Stil des Werkes sind sehr gefällig. Absolut kein Viertklässlerniveau, wie man es aus der Wohlfühlbelletristik kennt, aber dennoch verständlich und gut zu lesen. Zudem genauso fantasievoll wie die eigentliche Geschichte.

Mein Urteil: klug: aber ja. Anders: auf alle Fälle. Witzig und kurzweilig: und wie.

Diese Rezension ist ein Gastbeitrag von Frank Hartung.

Sonntag, 20. November 2016

# 76 - Adenauer und die Killer - die Bundesrepublik in den Zeiten des Aufbruchs

Der Tod lauert zwischen den dunklen Baumwipfeln 

  

1952: Konrad Adenauer ist der erste deutsche Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Der Staat Israel ist fünf Jahre alt, aber es fehlt dort an allen Ecken und Enden an Lebensmitteln, Wohnhäusern, Schulen,... 
Adenauer hat sich zum Ziel gesetzt, eine Aussöhnung mit den Juden herbeizuführen. Im selben Jahr wird zwischen der Bundesrepublik, dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference das Luxemburger Abkommen abgeschlossen, das sowohl die Zahlung von Geld, Waren und Dienstleistungen im Wert von 3,5 Milliarden DM als auch die Rückerstattung des Vermögens von zwangsenteigneten Juden vorsieht.
Sowohl in der Bundesrepublik als auch in Israel gibt es erheblichen Widerstand gegen die Wiedergutmachungspläne des Kanzlers: Die Deutschen wollen lieber verdrängen und vergessen, viele Juden wollen kein Geld von einem Volk, das Millionen von ihnen ermordet hat. Doch der damalige israelische Premierminister Ben Gurion befürwortet die Zahlungen. Das Geld wird dringend gebraucht, um Israel aufzubauen und den allgegenwärtigen Mangel an allem Lebensnotwendigen zu beenden. Vor diesem politischen Hintergrund spielt der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser.

Agenten, Morddrohungen und tatsächliche Morde

 

Konrad Adenauer fährt jedes Jahr im Sommer gemeinsam mit seiner Tochter Libeth zur Frischzellentherapie in den Schwarzwald. Dort wohnt er im Nobelhotel Bühlerhöhe, in dem vor dem Krieg auch zahlreiche Juden ihre Ferien verbracht haben. Die Gefahr, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, ist dem Kanzler bewusst. Deshalb wird er von einem Stab von Sicherheitsleuten begleitet, an dessen Spitze General von Droste steht. Doch der geht davon aus, dass nur die Kommunisten Adenauer ins Visier genommen haben. Das gewohnte Feindbild lässt sich eben nicht so leicht ablegen.
Doch der israelische Geheimdienst Mossad weiß, dass es während Adenauers Urlaub im Schwarzwald einen Anschlag auf ihn geben soll und schickt Rosa Silbermann in das Luxushotel, um das Attentat zu verhindern. Rosa ist eine Agentin wider Willen, und dies ist ihr erster Auftrag. Sie lebt glücklich mit ihrem 3-jährigen Sohn Ben in einem Kibbuz in Israel, nachdem sie in den 1930-er Jahren zusammen mit ihrer älteren Schwester aus Deutschland vor den Nationalsozialisten geflüchtet ist. Die beiden Frauen sind die einzigen Familienmitglieder, die den Holocaust überlebt haben. Rosa kennt den Schwarzwald sehr gut, weil sie als Kind ganz in der Nähe des Hotels Bühlerhöhe oft ihre Sommerferien verbracht hat. Diese Ortskenntnis gibt für den Mossad den Ausschlag, diesen Geheimauftrag an sie zu vergeben.

Das Grandhotel wird von der strengen Hausdame Sophie Reisacher am Laufen gehalten. Sie hat immer den Überblick und trifft bei den Hotelgästen jederzeit den richtigen Ton. Doch in ihrem Inneren rumort es: Die Witwe eines deutschen NS-Offiziers, die sich durch die Heirat erhofft hatte, im sozialen Ansehen zu steigen und die Welt zu sehen, war von ihrem Mann schon bald enttäuscht. Nachdem er aus dem Krieg nicht zurückgekehrt war, musste sie 1945 ihre elsässische Heimat verlassen. Seitdem hatte sie Beziehungen zu Männern, von denen sie sich die Ehe und gleichzeitig das Sprungbrett in die bessere Gesellschaft erhoffte. Aber bislang wurde sie immer enttäuscht, was sie zu einer unzufriedenen und misstrauischen Frau gemacht hat. Sophie hält viel auf ihre Menschenkenntnis und steht Rosa, die in der Bühlerhöhe als Rosa Goldberg absteigt, vom ersten Moment an skeptisch gegenüber. 

Allein, ratlos, von Feinden umzingelt?

 

Rosa hat von Anfang an große Zweifel, ob es ihr gelingt, den Auftrag auszuführen. Doch ihr Kontaktmann beim Mossad kann sie beruhigen: Am Bahnhof von Baden-Baden wird sie auf Ari, einen erfahrenen und weltgewandten Agenten treffen. Als Ehepaar würden sie unauffälliger sein, und Ari würde mit seiner Ankunft im Schwarzwald das Heft in die Hand nehmen. Doch Ari taucht zunächst nicht auf, sodass Rosa auf sich allein gestellt ist. Gegen immer mehr Menschen, die sich zur selben Zeit in der Bühlerhöhe aufhalten, regt sich ihr Misstrauen, sie ist ununterbrochen auf der Hut. Rosa wird zusätzlich durch die Fülle der Erinnerungen, die sie in Israel verdrängen konnte, immer wieder überwältigt. 
Tatsächlich findet sie schon bald einen Marokkaner, der erschossen im Wald liegt und einen engen Kontakt zu einzelnen Gästen der Bühlerhöhe hatte. Kurz darauf stürzt die Limousine des Kanzlers an einer engen Kurve in die Tiefe. Die Situation droht sie zu überfordern.

Bühlerhöhe ist ein spannender Roman, in dem historische Fakten und Fiktion miteinander verwoben werden. Je mehr er sich dem Höhepunkt zuneigt, umso mehr wird er zu einem Polit-Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen mag. Brigitte Glaser ist selbst im Schwarzwald aufgewachsen, ihre Ortskenntnis verleiht dem Buch viel Authentizität. Das Hotel Bühlerhöhle hat sie allerdings nur anhand von Schwarz-Weiß-Fotos beschrieben; betreten hat sie es erst nach der Veröffentlichung des Romans. Es wird heute wieder als Nobelhotel unter dem Namen Schlosshotel Bühlerhöhe geführt.



Vielen Dank!

Das Buch Bühlerhöhe wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.  Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: Hemminger Buchhandlung

 

Bühlerhöhe kostet als gebundene Ausgabe (mit Lesebändchen) 20 Euro, als Audio-CD 17,99 Euro, als Kindle- oder epub-Edition 16,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 16,95 Euro.

Freitag, 11. November 2016

# 75 - Die Sache mit dem ewigen Leben

Vergangenheit und Zukunftsbewältigung treffen aufeinander

 

Die deutsche Molekularbiologin Dr. Johanna Mawet befindet sich im Roman Die Unglückseligen von Thea Dorn auf einem Forschungsaufenthalt in einer Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste. Sie als ehrgeizig zu beschreiben, wäre gnadenlos untertrieben: Den letzten Kontakt zu ihren Eltern gab es aus Zeitgründen vor zwei Jahren, sie hat keine Beziehung und schon gar keine Freunde, das Forschungslabor ist de facto ihr Wohnzimmer. Dort macht Johanna die Nacht zum Tag.

Vielleicht ist ein Lieferservice manchmal doch die bessere Lösung

 

Beim Einkaufen im Supermarkt trifft Johanna auf einen Tütenpacker, der sich höchst merkwürdig benimmt: Als er sie sieht, beginnt er vor Angst zu schlottern und läuft schreiend vor ihr davon. Kein Wunder: Der Mann, dessen Name Johann Wilhelm Ritter ist, glaubt in ihr eine Frau zu erkennen, mit der er etwa 200 Jahre zuvor Kontakt hatte. 200 Jahre? Ja! Bei Ritter handelt es sich um einen Physiker und Autodidakten aus der Zeit der Romantik, der bereits 1810 im Alter von 33 Jahren gestorben ist. Das behaupten zumindest die Geschichtsbücher. Auf den heute vergessenen Ritter gehen die Entdeckung der UV-Strahlen und der Bau des ersten Akkumulators zurück. 
Beim Anblick von Johanna glaubt der offenbar unsterbliche Ritter nun, sie sei die Verkörperung des Teufels. Wer würde da nicht die Flucht ergreifen?

Doch Johanna begegnet dem seltsamen Mann, der keineswegs wie ein Greis aussieht, wieder und nimmt ihn, der offensichtlich allein und arm ist, mit zu sich nach Hause. Seine altmodische Ausdrucksweise hält sie zunächst nur für verschroben, auch die Behauptung, er sei bereits 240 Jahre alt, stuft sie als Lüge ein. Doch nach und nach bröckelt ihre Skepsis und sie beginnt, nachzuforschen. Tatsächlich stellt sie fest, dass Ritter sie nicht belogen hat. Das stachelt sie an und weckt ihre Neugier: Sie selbst ist schon seit Jahren dem Problem auf der Spur, wie man die Sterblichkeit der Menschen beenden kann. Dieser Reisende durch die Zeit könnte nun der Schlüssel zu ihrem wissenschaftlichen Erfolg sein. Sie überlegt, was sein Leben so sehr von den Leben seiner Zeitgenossen unterschieden haben könnte, dass er praktisch alterslos wirkt und sich seine Zellen derart schnell regenerieren, dass ihm auch üble Verletzungen nichts anhaben können. In den Gesprächen mit Ritter erklärt ihr der Physiker, dass sein Hauptaugenmerk damals auf der Erforschung der Elektrizität gelegen habe. Johanna kann mit seinen pathetisch vorgetragenen Erklärungen zunächst nichts anfangen, Ritter überredet sie jedoch, sich unter seiner Regie den selben Versuchen auszusetzen, die er seinerzeit an sich durchgeführt hat. Sie willigt ein und erleidet Höllenqualen, die sie zwar verletzen, aber nicht töten. Ist die Elektrizität der Schlüssel zur Unsterblichkeit?

Alte und neue Wissenschaft und der Versuch, den Tod abzuschaffen 

 

Die Unglückseligen kreist um die Frage, ob die Abschaffung des Sterbens erstrebenswert ist oder nur eine elende Quälerei. Johannas wissenschaftliches Ziel deckt sich mit den Vorstellungen, die die heutige Humangenetik und Biomedizin antreiben. Die Wissenschaftlerin will sich nicht damit abfinden, dass die Menschen mit ihrem Tod ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihr Können unwiderruflich mit ins Grab nehmen. Aus der Sicht des Physikers Ritter, der in seinen wissenschaftlichen Hochzeiten um das Jahr 1800 von Goethe verehrt wurde und mit dem Schriftsteller und Philosophen Novalis befreundet war, ist der Zustand der Unsterblichkeit nicht erstrebenswert, er wäre gern schon viel früher gestorben. 
Sein im Roman beschriebenes Verhalten passt jedoch nicht zu seinem Lebensweg: Er spricht und benimmt sich so, als befinde er sich noch immer im beginnenden 19. Jahrhundert. Da er  sich jedoch nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, in der Polarmeerregion, im Himalayagebirge, in Jerusalem und als Eremit in der Wüste aufgehalten hat und immer wieder mit Frauen liiert war, bis diese starben, ist es nur schwer vorstellbar, dass sich ein intelligenter Mann, der schon in seiner Kindheit seine Umgebung sehr genau beobachtete, sich nicht weiterentwickelt haben sollte.

Die Textabschnitte, die Johanna oder Ritter zuzuordnen sind, lassen sich anhand der sehr unterschiedlichen Ausdrucksweise der beiden erkennen: Johanna spricht klar und prägnant und streut gern englische Ausdrücke in ihren Redefluss ein; Ritter hingegen artikuliert sich so, als sei er der Frühromantik frisch entstiegen: Seine Sätze sind lang, und es fällt ihm nicht leicht, schnell zum Kern einer Aussage zu kommen.
Die dritte Figur, die sich immer wieder kommentierend einschaltet, ist der Teufel. Ihm wurden von Thea Dorn im altmodischen Deutsch geschriebene Verse zugeordnet.
Die Autorin bedient sich bei der Darstellung von Nebenfiguren auch einiger Dialekte: Bayrisch, Schwäbisch und Schlesisch sollen vermutlich authentisch wirken und dem Leser vermitteln, sich in einem bestimmten Zeitabschnitt zu befinden. Dieser Wechsel bremst jedoch den Lesefluss deutlich ab und wäre nicht immer nötig gewesen.

Interessant sind allerdings die Passagen, die sich mit der Humangenetik beschäftigen. Zusammenhänge werden wissenschaftlich dargestellt, ohne dass der Leser sich dabei langweilen würde. Hier wird deutlich, wie gründlich Thea Dorn recherchiert hat.

Eine Empfehlung?

 

Die Idee zum Buch hat mir sehr gut gefallen, die Ausführung hatte ein paar Schwächen. An einigen Stellen hätte der Text durchaus gestrafft werden können, ohne dass der Inhalt des Buches darunter gelitten hätte. Deshalb kann ich es zwar empfehlen, aber leider nicht uneingeschränkt.

Die Unglückseligen ist im Albrecht Knaus Verlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist in der gebundenen Ausgabe (rd. 550 Seiten) für 24,99 Euro erhältlich. Als epub- oder Kindle-Version kostet es 19,99 Euro, als CD-Hörbuch 24,99 Euro sowie als Download-Hörbuch 17,95 Euro. 

Dienstag, 8. November 2016

Die Schriftsteller Hamsun und Wilde - jetzt auch bei Indie Publishing

Schon mehrmals wurden meine Rezensionen von Self Publisher-Titeln bei Indie Publishing, einem Ableger der größten deutschen Buchzeitschrift buchreport, veröffentlicht. Seit heute ist auch die Rezension des Buches "Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun" dort zu finden. Der Titel ist zwar nicht selbst verlegt, aber im unabhängigen Verlag STORIES & FRIENDS erschienen


Die heiklen Passagen

Sonntag, 6. November 2016

Lachen und sich wundern: Das war der Oktober

Die Bücherkiste war in den USA, Russland, Deutschland und ein bisschen in der Türkei

 

Das kalte Licht der fernen Sterne der gebürtigen Russin Anna Galkina hat im Oktober den Anfang gemacht. Es geht um das Leben der einfachen Menschen in einer Kleinstadt in der Nähe von Moskau in den ausgehenden 1980-er Jahren. Aus der Sicht des Mädchens Nastja beschreibt die Autorin sehr sachlich und ausdrucksstark, was damals den Alltag der Sowjetbürger ausmachte.
Der SWR hat im Mai 2016 eine Hör-Rezension veröffentlicht.




Das Buch hat mir sehr gut gefallen:









Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun beschäftigte sich mit einem völlig anderen Thema: Matthias Engels beschreibt in seinem Buch die Amerika-Reisen der beiden Schriftsteller Oscar Wilde und Knut Hamsun. Beide sind sich nie begegnet, beiden gelang es nicht, ihren Erfolg festzuhalten und zu verteidigen.
Matthias Engels hat Teile einer Lesung zur Verfügung gestellt.

Auch für diesen Titel











Was gab es noch? Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland von Michael Opoczynski widmet sich der Frage, wie es sich in unserem Land als alter Mensch lebt. Der Wirtschaftsjournalist und langjährige Moderator des TV-Wirtschaftsmagazins WISO ist nun selbst Rentner und hat sich - so macht es zumindest den Eindruck - erstmals so richtig unser "seinesgleichen" umgesehen. Von einem Sachbuch hatte ich Objektivität, eine solide Recherche und weniger Populismus erwartet. Ich will einfach nur informiert werden. Das hat mit diesem Titel leider nicht funktioniert. Schade. Darum nur



1/2

Ich habe einen kurzen Ausschnitt aus einer Lesung gefunden, während der der Autor Passagen aus seinem Buch vorträgt:
 






Am letzten Oktober-Freitag wurde es lustig: Mit Der Boss hat der Kabarettist Moritz Netenjakob ein witziges Buch abgeliefert, in dem er die Klischees über Türken, die zahlreiche Deutsche teilen dürften, in die Geschichte über Daniel und Aylin packt, die ihre Hochzeit planen. Das erweist sich als schwieriges Unterfangen. Aber auch der Blick auf "typisch deutsche" Eigenschaften kommt nicht zu kurz. Für die durchgehend prima Unterhaltung gibt es


Moritz Netenjakob stellt sein Buch hier vor, der Zuschauer sieht auch, wie der Autor das Hörbuch einspricht:




Das war's! Schreibt doch mal, ob ein Buch für euch dabei war. Das Kommentarfeld ist direkt unter diesem Text.









Freitag, 4. November 2016

# 74 - Ein Familiendrama in Schweden


Ein Wettlauf um das Nicht-Sterben


Hoch im Norden Schwedens, im entlegenen Kaff Övreberg: Eine Autorin von mittelmäßigen Traktaten, schriftstellerisch eher erfolglos, verschlägt es auf ihrer Vortragsreise in den ungeheizten Gemeindesaal des Ortes, wo eine Handvoll gelangweilte Zuhörer auf sie wartet. Sie ist Mitte vierzig, alleinstehend und wirkt, als habe sie ihr Leben bereits gelebt. So beginnt der Roman Hummelhonig des schwedischen Schriftstellers Torgny Lindgren.

Was ist stärker: Liebe oder Hass?


Am Ende ihres Vortrags wird die Schriftstellerin vom alten Hadar aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Sie ist nicht misstrauisch: Vermutlich hatte der Veranstalter die Gelegenheit genutzt, ihr eine möglichst billige Unterkunft zur Verfügung stellen zu können. Und es ist ja auch nur für diese eine Nacht.
Hadar ist kein Mensch, der viele Worte macht. Doch schon während der Autofahrt zu seinem einsamen Häuschen sagt er ihr, dass er Krebs habe und bald sterben werde. Aber das mit dem Sterben, fügt er hinzu, das sei noch nicht ganz so eilig. Schon kurz darauf erfährt die Autorin, was den alten und todkranken Mann davon abhält, sich trotz aller Schmerzen und Leiden ein schnelles Ende zu wünschen. In Rufweite von Hadars  Haus befindet sich ein fast identisches Gebäude. Am Rauch, der dem Schornstein entweicht, erkennt die Besucherin, dass dort jemand lebt. Hadar gibt auf ihre Fragen nur widerwillig Antwort: Er erzählt kurz und knapp, dass dort sein herzkranker Bruder Olof wohne, der genau wie er auch nicht mehr lange zu leben habe. Da begreift die Autorin, worum es hier eigentlich geht: Die beiden Brüder, die einander in einer Hassliebe verbunden sind, weigern sich beide, vor dem jeweils anderen zu sterben.
Aus der Abreise der Besucherin am nächsten Morgen wird nichts: In der Nacht ist so viel Schnee gefallen, dass das Autofahren unmöglich geworden ist. Sie entschließt sich, noch etwas bei Hadar zu bleiben und dem todkranken Mann beizustehen. Aber ihr lässt der Gedanke daran, dass wahrscheinlich auch Olof Hilfe braucht, keine Ruhe. Während sie sich um die beiden Brüder kümmert, die schon seit langer Zeit nicht mehr miteinander gesprochen haben, erfährt sie im Laufe des Winters von dem Drama, das sich viele Jahre zuvor zwischen ihnen abgespielt hat: von der Frau, die zuerst zu Olof gehörte und sich dann Hadar zuwandte, und von dem Sohn, für den die beiden Alten jeweils die Vaterschaft reklamieren. Das Drama hatte seinen Höhepunkt in zwei Toten. Doch weder Hadar noch Olof ist es möglich, einander zu verzeihen.

Zwei Brüder wie Feuer und Wasser


Lindgren zeichnet das Bild von zwei Brüdern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Hadar ist klapperdürr und hat eine Vorliebe für deftige, salzige Speisen. Olof hingegen hat eine ausgeprägte Vorliebe für Süßes und behauptet sogar, der Inhalt seiner aufgeplatzten Pusteln schmecke köstlich. Die Völlerei hat ihn fett und fast bewegungsunfähig gemacht. Die einzige Verbindung, die es in den letzten Jahren zwischen ihnen gegeben hat, ist eine Katze, die sich abwechselnd in den beiden Häusern aufhält. Für den einen Bruder ist es eine Katze, für den anderen ein Kater.
Dann kommt der Tag, an dem Olof die Autorin bittet, Hadar in seinem Namen ein Geschenk zu überreichen. Während Hadar die Knoten aufbindet, wallt in ihm die Idee von der Brüderlichkeit auf: Es sei eine Ehre, Bruder zu sein, und wem sonst als seinem Bruder könne man einen so großen Pappkarton schenken? Doch was er findet, versetzt ihm einen Schock: die Katze, mit dem vom Körper abgetrennten Kopf und entfernten Geschlechtsteilen. Jetzt scheint es tatsächlich keine Rolle mehr zu spielen, ob das Tier ein Kater oder eine Katze gewesen ist.

Ein Roman um zwei archaische Leben in Nordschweden


Die Besucherin verbringt den ganzen Winter in der schwedischen Einöde mit der Pflege der beiden Männer und als deren Botin. Obwohl sie über lange Strecken eher unbeteiligt wirkt, schafft sie es, mit einer Lüge dem Drama ein Ende zu bereiten.
Hummelhonig ist ein sehr eindringliches Buch, das seine Leser nicht nur beobachten lässt, sondern sie in die Handlung hineinzieht. In der Welt dieses Romans sind die kleinen Bösartigkeiten, die die Brüder sich in der Vergangenheit zugefügt haben und sich noch immer zufügen auch deshalb allgegenwärtig, weil es anstrengender ist, sich gut und menschlich zu verhalten.

Hummelhonig ist in der deutschen Fassung 1997 im Carl Hanser Verlag erschienen. Das Buch ist heute nur noch antiquarisch erhältlich.

Freitag, 28. Oktober 2016

# 73 - Deutsch-türkische Hochzeitsplanung witzig verpackt

Eigentlich ganz einfach: eine Frau, ein Mann, eine Hochzeit

 

Heiraten kann ganz einfach sein: Man macht einen Termin im Standesamt, erscheint pünktlich zur Trauung, jeder sagt ein Mal "Ja" und unterschreibt, fertig ist die Ehe. Kaum jemand mag es so puritanisch, aber was da passiert, als der Deutsche Daniel seine türkische Verlobte Aylin im Roman Der Boss heiraten will, wächst dem Bräutigam rasch über den Kopf. Moritz Netenjakob reiht auf lustige Weise ein Klischee an das andere und unterhält mit zahlreichen Überspitzungen.

Fortsetzung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte

 

Im vorangegangenen Roman Macho Man hatte sich Daniel in Aylin verliebt, nun haben die beiden beschlossen, zu heiraten. Der Boss beginnt 6 Wochen, 2 Tage, 1 Stunde und 20 Minuten vor der Hochzeit. Das Brautpaar plant seine Hochzeitsreise, und eines wird schnell klar: Ab sofort ist Daniel der Boss in ihrer Beziehung. Zumindest offiziell. Das geben ihm sowohl Kenan, ein Mitglied des weitverzweigten Familienclans, dem auch Aylin angehört und der Besitzer des Reisebüros, als auch die junge Braut zu verstehen. Doch wie ist man der Boss? Daniel ist ein Vorzeige-Warmduscher und Schattenparker und hat vom Macho-Sein keinen blassen Schimmer.

Typisch deutsche Weihnachten mit Plastikmüll am Baum

 

Mit jedem Kapitel rückt der Hochzeitstermin näher, in gleichem Maße nimmt das Chaos zu: Selbstverständlich sollen sich die künftigen Schwiegereltern vor der Trauung kennenlernen. Aylins Eltern sind dann auch sehr erfreut, von Daniels Eltern zur familiären Weihnachtsfeier eingeladen zu werden. Endlich werden sie erfahren, wie Deutsche die Geburt von Gottes Sohn feiern. Doch es geht im Elternhaus des jungen Mannes alles andere als durchschnittlich oder konventionell zu: Die Eltern sehen sich als Teil des Bildungsbürgertums und Alt-68er, lehnen Weihnachten aus atheistischen Gründen eigentlich ab, feiern es aber offiziell der Oma zuliebe. Oma Berta ist 92, geistig verwirrt und wähnt sich noch im 3. Reich. Ihre Nachfragen nach dem Wohl des Führers sorgen immer wieder für Irritationen. Mit dem künstlerischen Anspruch an die Gestaltung des Festes können weder sie noch Daniel etwas anfangen: Der Baumschmuck besteht immer aus einer alternativen Dekoration, dieses Mal aus leeren Joghurtbechern, um den Künstler Ilya Kabakov zu würdigen. Selbstredend werden keine klassischen Weihnachtslieder gesungen, sondern alljährlich die Schallplatte "Wann ist denn endlich Frieden?" von Wolf Biermann abgespielt. Die Runde wird durch das Künstlerpaar Ingeborg und Dmitri vervollständigt, für die das Attribut "schrullig" weit untertrieben ist. Aylins konservative Eltern erleben am Heiligen Abend spätestens dann einen Kulturschock erster Güte, als Daniels Mutter damit beginnt, ganz ungezwungen von ihren Affären und Sexualpraktiken zu berichten.

Der Hochzeitscountdown läuft

 

Der Roman wäre schnell zu Ende, wenn das verliebte Paar jetzt einfach so heiraten würde. Es stellen sich ihnen so einige Hürden in den Weg, die vor allem in der kulturellen Tradition von Aylins Familie liegen. Da gibt es Rücksichtnahmen, Lügen und extreme Emotionalität, die von der jungen Türkin als völlig normal, von Daniel jedoch irgendwann nur noch als Zumutung empfunden werden. Aylin hingegen ist von der Distanziertheit zwischen ihrem Verlobten und dessen Eltern irritiert und möchte ihre künftigen Schwiegereltern auch in die gemeinsamen Freizeitaktivitäten einbeziehen. Die Hochzeit steht auf der Kippe, die Beziehung auf Messers Schneide.

Der Boss ist ein durchgehend witziges Buch und jongliert mit den Vorstellungen und Klischees, die "man" vom Deutsch- oder Türkischsein hat. Moritz Netenjakob weiß, wovon er schreibt: Er ist mit der deutsch-türkischen Schauspielerin und Regisseurin Hülya Doğan-Netenjakob verheiratet, die auch zusammen mit ihrem Mann als Kabarettistin auftritt. Sie hat sowohl Macho Man als auch Der Boss dramaturgisch betreut, sodass ich davon ausgehe, dass in der teils skurrilen Handlung sehr viel Wahrheit steckt.

Der Boss kostet als Taschenbuch, Kindle- oder epub-Version 9,99 Euro und als DAISY-Hörbuch 12,95 Euro. 

Freitag, 21. Oktober 2016

# 72 - Altsein - ein Ruhekissen oder der blanke Horror?

Wir wollen alt werden, aber es nicht sein 

 

Wie ist das in Deutschland, wenn man alt ist oder die anderen der Meinung sind, dass man es sei? Dieser Frage widmet sich der Wirtschaftsjournalist Michael Opoczynski in seinem neuesten Buch Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland.

Was macht ein Sachbuch aus?


Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland ist im Februar 2016 erschienen, sodass ich davon ausgegangen war, über Aktuelles rund um das Thema Altwerden informiert zu werden. Ich erwartete von diesem Buch tatsächlich Neues. Michael Opoczynski war zu dem Zeitpunkt, als er dieses Buch schrieb, erst seit kurzem Rentner. Vermutlich hat ihn dieser Statuswechsel zu den präsentierten Einsichten gebracht.


Es gibt eine ganze Reihe von Fakten in diesem Buch, die nicht neu, aber deswegen nicht weniger wahr sind. Opoczynski schreibt beispielsweise über die Ungleichbehandlung der Alten bei der Vergabe von öffentlichen Ämtern: Für das Amt des Bundespräsidenten gilt eine Mindest- aber keine Höchstgrenze hinsichtlich seines Alters, ein damit verglichen schnöder Bürgermeister darf zum Zeitpunkt seiner Wahl z.B. in Hessen maximal 67 Jahre alt sein. Für andere Bundesländer gelten ggf. andere Altersgrenzen. Eine juristisch akzeptierte Ungleichbehandlung, keine Frage. Dasselbe gilt für den spätesten Zeitpunkt der Pensionierung von Beamten: Sobald das Höchstalter erreicht ist, ist es vorbei mit der Berufstätigkeit. Auch wenn die Betroffenen gern noch weiterarbeiten würden. Vereinzelt werden Ausnahmen gemacht, sie sind jedoch so selten, dass man sie mit der Lupe suchen muss.


Aber auch schon vor dem regulären Eintritt in den Ruhestand kann es schwierig werden: Wer mit 45 oder 50 Jahren arbeitslos wird, hat ein Problem. Entgegen aller offiziellen Statistiken mutmaßen Arbeitgeber oft noch bevor sie den Bewerber gesehen haben, dass sie sich mit ihm wegen einer erhöhten Anfälligkeit gegen Krankheiten oder dessen „altersgemäßer“ Unflexibilität sowieso nur Ärger einhandeln. Das haben viele Arbeitsuchende schon erlebt, und ein Umdenken seitens der Arbeitgeber ist erst seit dem vielbesungenen Fachkräftemangel hier und da erkennbar. Spätestens hier offenbart sich ein Problem, das sich durch das Buch zieht: Je nach Sachverhalt wird die Grenze, ab der Menschen lt. Opoczynski als alt gelten, nach oben oder unten verschoben. Eine demoskopische Unschärfe, die auch die Darstellung unscharf werden lässt.

Auch das von Opoczynski angesprochene Rentenproblem - immer mehr Bezieher stehen zu wenigen Beitragszahlern gegenüber - ist jedem bekannt, der nicht erst vor Kurzem nach Deutschland eingewandert oder in den letzten Jahren jedem Nachrichtenmedium konsequent ausgewichen ist. 
Opoczynski spricht auch völlig zu Recht den Pflegenotstand an, hinter dem das Prinzip steht, dass die Pflege kommerzialisiert abläuft und Gewinn für die Betreiber von Pflegeheimen und -diensten bringen soll.

Aber es geht mir ja darum, etwas Neues zu erfahren und als Tatsachen dargestellte Sachverhalte auch durch Tatsachen belegt vorzufinden. 

Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit - ist sie die Lösung der demografischen Probleme?

 

Opoczynski wirft der Politik vor, mit der Wahrheit zugunsten der Wählerstimmen hinterm Berg zu halten: Der spätere Rentenbeginn sei notwendig, um den Generationenvertrag am Leben zu erhalten und auch in Zukunft die staatliche Rente zu sichern. Doch er hält den Gewerkschaften vor, ihren Mitgliedern eingeredet zu haben, dagegen sein zu müssen. Dabei hat der frühe Ruhestand nach Ansicht des Autors in Deutschland Tradition: Er führt beispielhaft mit der Deutschen Bundespost und der Deutschen Bundesbahn die ehemaligen Sondervermögen des Bundes an, die - so schreibt er - seit den 1970-er Jahren die frühe Verrentung nutzen, um konfliktfrei die Belegschaft zu verjüngen. Opoczynski berichtet, ehemalige Telekom-Mitarbeiter zu kennen, die mit knapp über 40 in Rente gegangen sind. Das stimmt, das hat es tatsächlich gegeben. Allerdings nicht als normale und übliche Vorgänge, sondern im Rahmen der Zerschlagung der Sondervermögen seit 1989. Die damalige Bundesregierung hatte es vorgezogen, auf die jährlichen rd. 1,3 bis rd. 1,6 Milliarden DM (rd. 665 Mio. bis rd.  818 Mio. Euro) zugunsten eines einmaligen Erlöses, der den Bundeshaushalt aufhübschen sollte, zu verzichten. Die erste Amtshandlung der neuen Chefs war dann auch, über deutliche Personalreduzierungen nachzudenken. Im Zuge dieser "Verschlankung" war die frühzeitige Verrentung der Angestellten oder die Pensionierung der Beamten ein willkommenes Mittel, geräuschlos Mitarbeiter en gros loszuwerden. Der Steuerzahler hatte dann diese vorgezogenen Ruhegelder zu zahlen. Kurzum: Das Verrenten oder Pensionieren von sehr jungem Personal ist im Zuge der Privatisierung passiert, war aber nicht gewohnte Übung und taugt daher nicht als Beispiel für eine angeblich seit Jahrzehnten betriebene Praxis.

Alte werden "zwangsverrentet" und sind Opfer von Abzockern

 

Schon in der Einleitung beklagt Opoczynski, in Rente geschickt und nicht darum gebeten worden zu sein. Dabei ist zuvor ein Antrag nötig. Ohne Antrag keine Rente. Die Deutsche Rentenversicherung informiert allerdings ausdrücklich über die Möglichkeit, dass sich die Rentenhöhe durch jedes Jahr Berufstätigkeit nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze verbessert - wohlgemerkt in einer normalen Berufstätigkeit. Wer nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze in den Ruhestand geht, darf beliebig viel nebenher verdienen, ohne dass eine Kürzung der Rente drohen würde - im Gegensatz zu Menschen, die sich früher aus dem Erwerbsleben verabschiedet haben, weil sie z. B. gesundheitlich angeschlagen sind. Ihr Zuverdienst darf nur monatlich 450 Euro betragen, solange sie ein vorgezogenes Altersgeld erhalten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ein Wirtschaftsjournalist so etwas nicht weiß.


Wenn man Opoczynski glauben darf, sind Alte die Lieblingsopfer von Abzockern aller Art. Er führt hier u. a. den zunehmenden Erfolg von Teleshopping-Kanälen an, die von der Leichtgläubigkeit und fehlenden Mobilität der Senioren profitierten. Statistiken weisen allerdings aus, dass weniger als 1/3 der Teleshopping-Kunden älter als 60 Jahre ist; der Durchschnittskunde dieser Vertriebsform ist 53 Jahre alt und weiblich.
Im Reigen der Alten-Abzocker dürfen auch Finanzhaie und Kaffeefahrten  nicht fehlen. Die Lehman Brothers-Pleite von 2008 wird hier als Beleg dafür angeführt, dass es die Branche schwerpunktmäßig auf die Rentner abgesehen hat. Es stimmt, dass sie eine große Gruppe der Geschädigten bildeten; Familien, die sich eine finanzielle Zukunft aufbauen wollten, waren von der Insolvenz allerdings in gleichem Maß betroffen.
Das Durchschnittsalter  der Teilnehmer von Kaffeefahrten liegt bei 65 Jahren. Schon in meiner Kindheit, die ein paar Jahrzehnte zurückliegt, hatten diese Veranstaltungen einen schlechten Ruf: Jedem, der mitfuhr, war klar, dass es irgendwann an einem entlegenen Ort eine Verkaufsveranstaltung geben würde, bei der Dinge zu überhöhten Preisen verhökert werden würden, die kein Mensch braucht. Muss das tatsächlich Raum finden in einem Buch, das seine Leser sachlich informieren will?

Als letztes Beispiel dafür, dass es mit der Datenlage nicht so genau genommen wird, soll das Kapitel über die Postbank dienen. Sie wird von Opoczynski als Erfinderin des Gewinn-Sparens bezeichnet, einer Sparvariante, die sich für diejenigen Kunden lohnt, die bei der monatlichen Lotterie einen Treffer landen - und natürlich für die Bank. Doch schon 1950 hat die Wiesbadener Volksbank das erste Gewinnsparen veranstaltet. Millionen von Glücksspiel-Losen werden jedes Jahr verkauft. Allein die Volks- und Raiffeisenbank Baden-Württemberg verwaltet mehr als eine Million von ihnen. Statistiken über das Alter der Käufer werden allerdings nicht geführt.

Mein Eindruck?

 

Ich gebe zu, dass ich mir von Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland mehr erhofft hatte: mehr Neues, mehr belastbare Aussagen, weniger Kritik "aus dem Bauch heraus". Viele Themen sind längst bekannt und werden seit Jahren diskutiert und durch die eine oder andere Gesetzesanpassung verändert. Andere Dinge, die hier von Opoczynski angesprochen werden, sind gar keine spezifischen Alten-, sondern vielmehr Behinderten-Probleme, die die körperlich, geistig und/oder psychisch beeinträchtigten alten Menschen mit einschließen. Die Probleme bezüglich der Pflege, die Vereinsamung von nicht mehr mobilen Menschen in den eigenen vier Wänden, die unpraktisch designten technischen Geräte oder Lebensmittelverpackungen - sie sind kein Thema für fitte Senioren, sondern für Menschen mit Beeinträchtigungen. 
Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland wirkt auf mich, als hätte sich Michael Opoczynski seinen Rentner-Frust von der Seele geschrieben. Zu neuen Erkenntnissen hat mir das Buch leider nicht verholfen.

Aussortiert und abkassiert - Altwerden in Deutschland wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 €.

Freitag, 14. Oktober 2016

# 71 - Nobelpreis und Reichtum sind keine Garanten für Erfolg


Zwei große Schriftsteller auf der Suche nach dem Erfolg


Mit seinem Roman Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun spürt Matthias Engels den Leben der beiden weltberühmten Schriftsteller Oscar Wilde und Knut Hamsun nach. Das Buch ist eine Mischung aus Tatsachen und Fiktion und führt seine Leser zurück zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Liegt das Heil in Amerika?


Oscar Wilde und Knut Hamsun haben fast gleichzeitig beschlossen, ihr Glück in Amerika zu suchen und dort mit dem Schreiben erfolgreich zu sein. Aber unterschiedlicher konnte ihr Start nicht sein: Hamsun stammte aus einer bitterarmen norwegischen Familie mit sieben Kindern und war bereits mit 16 Jahren von zu Hause ausgerissen. Mit 23 Jahren schiffte er sich in Bremerhaven für die Überfahrt nach New York ein. Mehrere Jahre zuvor war einer seiner älteren Brüder nach Amerika ausgewandert und hatte nur Gutes über das Land berichtet. Offensichtlich ging es ihm und seiner Familie dort gut, sodass Hamsun vorhatte, sich zuerst an ihn zu wenden. Doch als er ihn tatsächlich aufgespürt hatte, zerplatzten seine Träume wie eine Seifenblase: Sein Bruder lebte in ähnlich ärmlichen Verhältnissen, wie er es in Norwegen getan hatte und war darüber zum Trinker geworden. Knut Hamsun musste sich also auf eigene Faust durchschlagen und nahm einen Hilfsjob nach dem anderen an.

Da hatte es Oscar Wilde wesentlich leichter. Er kam aus einer wohlhabenden Familie, hatte zunächst ein Internat und später Universitäten in Dublin und Oxford besucht und war durch den Umstand, dass seine Eltern neben ihren Brotberufen auch Bücher schrieben, ständig von Künstlern umgeben. Wilde ließ sich in London nieder und startete 1882 - im selben Jahr wie Knut Hamsun - seine Reise nach New York. Zu diesem Zeitpunkt eilte ihm bereits der Ruf voraus, ein erfolgreicher Schriftsteller mit extravagantem Auftreten zu sein. Auch wenn in Amerika schon vor seiner Ankunft bekannt war, dass seine Vortragsreise nicht der Literatur, sondern der englischen Renaissance gewidmet sein würde, füllte er die für die damalige Zeit größten Hallen mit 1.500 Menschen. Die Art seines Vortrags faszinierte auch diejenigen Zuhörer, die von dem Gesagten fast nichts verstanden. Er war ganz anders als die typischen Amerikaner und übte eine hohe Anziehungskraft aus. Doch Wilde hat sich in Amerika nicht wirklich wohl gefühlt: Es war ihm zu laut und hektisch. Es störte ihn, dass sich die Menschen ständig in Eile befanden. Ein wirklicher Lichtblick war für ihn allerdings die Begegnung mit dem Dichter Walt Whitman: Seine Werke hatten ihn seit seiner Kindheit begleitet, und Wilde bewunderte den greisen, kranken und armen Künstler sehr.

Wie gewonnen, so zerronnen


Sowohl Knut Hamsun als auch Oscar Wilde wurden erfolgreiche und berühmte Schriftsteller. Hamsun erhielt sogar 1920 den Literaturnobelpreis. Doch ihm wurde seine Nähe zum deutschen Nationalsozialismus zum Verhängnis, die ihn in seiner Heimat so unbeliebt machte, dass seine Bücher sogar verbrannt wurden. In einem Gerichtsprozess sollte nach dem Ende des 2. Weltkriegs seine Sympathie für die deutschen Besatzer untersucht werden. Aufgrund seines mittlerweile hohen Alters verzichtete man zwar auf Hamsuns Inhaftierung, verhängte allerdings gegen ihn eine so hohe Strafzahlung, dass die Familie wirtschaftlich ruiniert war.

Auch Oscar Wilde schaffte es nicht, seinen Ruhm zu nutzen. Er hatte zwar geheiratet und war Vater von zwei Söhnen geworden, lebte aber seine Homosexualität relativ unbefangen aus, obwohl ihm klar war, dass dieses Verhalten zu einer gesellschaftlichen Ächtung führen konnte. Als er eine Liebschaft mit dem Sohn eines schottischen Adligen begann, provozierte der verärgerte Vater eine Beleidigungsklage Wildes, in deren Verlauf der Schriftsteller gezwungen wurde, sein Privatleben offen zu legen. Der soziale und wirtschaftliche Niedergang des einst so beliebten Autors war so rasant wie ein fallender Stein. Auch er starb verarmt.

Ein Roman, dem viel Recherchearbeit vorausgegangen ist


Matthias Engels hat sich weitestgehend an die historischen Fakten gehalten und nur dort Handlungen mit selbst Erdachtem ausgefüllt, wo es dem Fortgang des Romans diente. Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun liest sich durchgehend flüssig und interessant, mir hat sich aber bis zum Schluss nicht erschlossen, warum der Autor gerade diese beiden Schriftsteller einander gegenübergestellt hat. Die beiden Herren sind sich während ihrer Aufenthalte in Amerika offensichtlich nie begegnet und scheinen auch beruflich keinen Kontakt miteinander gehabt zu haben. Engels reichert seinen Roman durch einige Exkurse wie zum Beispiel ein Interview mit Thomas Edison an und vermittelt seinen Lesern so einen tieferen Einblick in die damalige Zeit.
Für alle, die sich nicht nur für Bücher, sondern auch für ihre Verfasser interessieren, ist deises Buch zu empfehlen.


Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun ist bei STORIES & FRIENDS Verlag e. K. erschienen und kostet eins gebundene Ausgabe 19,90 Euro und als Kindle- oder epub-Edition 9,99 Euro.