Sonntag, 28. Januar 2024

# 424 - Reinhold Beckmann: Zwei Kriege löschten beinahe seine Familie aus

Reinhold Beckmann ist der breiten Öffentlichkeit vor
allem als TV-Moderator und Fußballkommentator bekannt. In großen Abständen veröffentlicht er jedoch auch Bücher, die sich mit dem Blick in die Vergangenheit beschäftigen. In seinen Titeln Zufall? und Erzähl doch mal von früher - Loki Schmidt im Gespräch mit Reinhold Beckmann ging es immer um die Leben bekannter Persönlichkeiten, die mit seinem eigenen nichts zu tun hatten.

Das ist mit seinem neuesten Buch Aenne und ihre Brüder: Die Geschichte meiner Mutter völlig anders. Beckmann erzählt die Lebensgeschichte seiner Mutter, die 2019 im Alter von 98 Jahren verstarb. Ihr Leben war geprägt durch Entbehrungen, Krankheiten und Todesfälle, die im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen standen.

Der Zwillingsbruder ihres Vater litt seit seiner Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg, wo er gemeinsam mit Aennes Vater im Stellungskrieg gegen Frankreich an der Front gewesen war, an einem hartnäckigen Husten. Als Aenne am 1. August 1921 in Wellingholzhausen, heute ein Ortsteil von Melle in Niedersachsen, als Schwester von drei Brüdern geboren wurde, besuchte der stolze Onkel seine Schwägerin und seine Nichte. 

Unwissentlich steckte Aennes Onkel sie und ihre Mutter mit Tuberkulose an, an der er kurz darauf verstarb. Nur knapp acht Wochen später war auch die Mutter tot. Aenne überlebte die Krankheit knapp. Beide Todesfälle stehen in einem Zusammenhang zum Weltkrieg.

Mit fünf Jahren wurde Aenne zur Vollwaise. Sie wird drei Brüder, eine Halbschwester sowie einen Stiefbruder haben. Alle vier Brüder kommen im 2. Weltkrieg ums Leben. Reinhold Beckmann spürt seinen Onkeln, die starben, bevor sie ihre eigenen Träume leben konnten, mithilfe von Feldpostbriefen nach, die ihm seine Mutter kurz vor ihrem Tod übergeben hatte. In ihnen spiegelt sich das ganze Elend im Leben der Frontsoldaten wider. Der Jüngste, Stiefbruder Willi, wird kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, das den "Endsieg" bringen soll, eingezogen.

Reinhold Beckmann bettet die Geschichte der durch die Weltkriege so sehr strapazierten Familie inhaltlich in drei Teile ein: Da sind die Brüder mit ihrer Angst vor dem Tod und der immerwährenden Hoffnung, dass alles doch noch ein gutes Ende nimmt; da ist Aennes Leben in Wellingholzhausen und ihren Arbeitsstellen in der näheren Umgebung, einschließlich der Schilderung, wie sich die dortige Bevölkerung und insbesondere die Repräsentanten der katholischen Kirche angesichts der wachsenden Bedrohung durch Nationalsozialismus und Krieg verhalten haben; und schließlich ist da Beckmanns Beschreibung der historischen politischen Ereignisse und Kriegsverläufe, mit denen er seine Familiengeschichte einrahmt.

Lesen?

Es gibt viele Familien wie die Beckmanns, in denen eine ganze Generation von Söhnen ausgelöscht wurde, weil der "Führer" auf Gedeih und Verderb sein Ziel von einer Weltmacht Deutschland durchsetzen wollte. In einer Kultur des Schweigens haben allerdings viele Nachfahren nur wenig Wissen über die näheren Umstände, unter denen man im "Dritten Reich" lebte. Das Thema totzuschweigen, war viel zu oft die Regel. Beckmanns Buch lässt das Schicksal seiner Angehörigen nah an die Leserinnen und Leser heranrücken und macht es begreifbar. Durch das wörtliche Zitieren der Feldpostbriefe der drei ältesten Brüder wird es noch authentischer. Kurz: Lest es.

Aenne und ihre Brüder: Die Geschichte meiner Mutter ist 2023 im Propyläen Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.



Montag, 22. Januar 2024

# 423 - Der Struwwelhitler - eine Parodie neu aufgelegt

Dieses Buch ist in der Originalausgabe zum ersten Mal bereits 1941 in Großbritannien erschienen. Es trug wie die spätere deutsche Fassung den Titel Struwwelhitler - A Nazi Story Book. Als Autor wurde ein "Doktor Schrecklichkeit" angegeben, aber tatsächlich steckten die Brüder Philip und Robert Spence hinter der Parodie auf den Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann. Sie gehörten zu den besten Illustratoren ihrer Zeit. Hier haben sie sich jedoch nicht auf das Zeichnen beschränkt, sondern auch für die - manchmal etwas holprigen - Verse gesorgt.

Die Figuren und Handlungen sind Hoffmanns Werk entlehnt: Außer Adolf ist da zum Beispiel anstelle von Paulinchen mit den Streichhölzern das Gretchen mit der Hakenkreuz-Armbinde, das ihre Katzen mit Kanonenschüssen erschreckt, denn: 

"Ich schieße jetzt, mir ist 'ne Last
der Frieden in der Nachbarschaft!"

Man ahnt, welches Ende es mit dem schießenden Gretchen nimmt.

Der Struwwelhitler war der Beitrag der Spence-Brüder zum "Daily Sketch War Relief Fund" und sollte mit seinen Übertreibungen und dem britischen Humor Hitler und sein Regime lächerlich machen. Großbritannien fühlte sich von der Übermacht des Deutschen Reiches bedrängt, und die englischen Truppen sowie die Opfer von deutschen Luftangriffen sollten mit dieser Persiflage neue Zuversicht und Hoffnung schöpfen.
Das Buch war von Anfang an ein großer Erfolg.

Lesen?

Struwwelhitler - A Nazi Story Book enthält einige
Anspielungen auf Personen und Ereignisse, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs Einfluss auf das Schicksal Europas hatten. Ein paar Geschichtskenntnisse sind also hilfreich, um die Verse zu verstehen. Die Spence-Brüder haben es verstanden, sich der für ihr Heimatland bedrohlichen Situation mit britischem Humor zu nähern, sodass das Buch auch mehr als achtzig Jahre nach dem Erscheinen der Erstausgabe lesenswert ist.

Der Autorenhaus Verlag Berlin hat den Struwwelhitler erstmals 2005 mit der deutschen Übersetzung herausgebracht. Der mir vorliegende Nachdruck stammt aus dem Jahr 2018. Der Historiker Joachim Fest, der durch seine Hitler-Biografie und mehrere Bücher über den Nationalsozialismus bekannt wurde, hat das sehr interessante Vorwort geschrieben, in dem er den Struwwelhitler in den historischen Kontext einordnet.

Das Buch wird als Klappenbroschur angeboten und kostet 10 Euro.

Freitag, 12. Januar 2024

# 422 - Wer will Inklusion und wer eher nicht?

Ich bin jetzt endlich dazu gekommen, Wer Inklusion
will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden.
 
von Raúl Aguayo-Krauthausen zu lesen. Schon aus persönlichem Interesse wollte ich wissen, was einer der bekanntesten Behindertenaktivisten Deutschlands zu diesem Thema zu sagen hat.

Der Buchtitel sticht nicht gerade durch seine Knappheit hervor, drückt aber genau das aus, was Krauthausen und zahllose andere Menschen mit Behinderung praktisch täglich erleben. Es geht ihm jedoch nicht nur um Barrieren, denen auch Nicht-Behinderte begegnen können: Treppen oder schwierige Einstiege in öffentliche Verkehrsmittel stellen beispielsweise auch alle, die einen Kinderwagen schieben, vor Probleme. Er beschreibt in drei Kapiteln das "große Ganze", was das Leben von Behinderten in Deutschland ausmacht.

Es wird schnell deutlich, dass ein Leben mit einer Behinderung ebenso facettenreich ist wie das ohne. Wer im Alltag keinen Kontakt zu behinderten Menschen hat, der mag überrascht sein, dass sich die Problematik nicht nur um die Berollbarkeit von Wegen und Gebäuden dreht, sondern auch um Wünsche und Bedürfnisse, deren Erfüllung für Nicht-Behinderte ganz selbstverständlich ist: Inklusion findet zum Beispiel in Schulen oder bei der Berufswahl zu oft nicht oder nur eingeschränkt statt. Sehr vielen Behinderten wird außerdem keine Chance gegeben, möglichst selbstbestimmt zu wohnen oder ihre Sexualität auszuleben. Fürsorge wird dann schnell zur Bevormundung. Bestimmte Arten der Fürsorge haben außerdem einen finanziellen Aspekt, der sich für zahlreiche behinderte Menschen nachteilig auswirkt.

Krauthausen belässt es nicht bei einer Kritik des Status Quo, sondern beschäftigt sich ausführlich mit der Frage, wie sich die Inklusion von behinderten Menschen erreichen lässt. Es gibt noch einiges zu tun, aber er zitiert den spanischen Dichter Antonio Machado mit einem Satz, der auch für andere Themenfelder passt: "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."

Lesen?

Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden. sollte auch oder gerade von Menschen gelesen werden, die sich mit der Inklusion von Behinderten bislang nicht oder nur wenig beschäftigt haben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass vieles in diesem Buch bei Leserinnen und Lesern einen "Aha-Effekt" auslöst und damit zum Verständnis beiträgt.
Mehrere Interviews mit Expertinnen und Experten - z. B. einer Sachverständigen für barrierefreies Bauen oder dem Vater eines Kindes mit Downsyndrom - runden den Inhalt ab.

Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden. ist 2023 bei Rowohlt Polaris erschienen und kostet als Paperback 17 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.


Sonntag, 10. Dezember 2023

# 421 - Die Karriere einer Frau unterm Hakenkreuz

Es ist das Jahr 1999. Die 91-jährige Witwe Klara Erfurt
lebt allein in ihrem Reihenhaus irgendwo in Norddeutschland. Als ihr eine ihrer Töchter erzählt, dass ihre Enkelin schwanger ist und das Kind allein großziehen will, wirft diese Nachricht die alte Dame in die Vergangenheit zurück. Sie beschließt, ihre Erinnerungen nicht mehr für sich zu behalten und auch über Dinge zu sprechen, die sie ihrer Familie bislang verschwiegen hat.

Alexa Hennig von Lange hat mehr als 130 Tonbandkassetten abgehört, die ihre Großmutter im hohen Alter mit ihren Lebenserinnerungen besprochen hat. Die karierten Mädchen ist der erste Teil einer Trilogie, der den Zeitraum von 1929 bis etwa Mitte der 1930-er Jahre umfasst.

1929: Klara ist Lehrerin und froh, inmitten der Wirtschaftskrise eine Stelle in der Kinderheilstätte Oranienbaum im Freistaat Anhalt bekommen zu haben. Das Heim kümmert sich sowohl um die Pflege lungenkranker Kinder als auch die Ausbildung junger Mädchen in der Haushaltsführung. 
Klara fühlt sich dort wohl und genießt sowohl die Freiheit als auch die neuen Herausforderungen. 

1932 erkrankt die Heimleiterin Fräulein Martin und verstirbt. Mehrmals hatte sie Klara gegenüber ihre Sorge über die politische Entwicklung in Deutschland geäußert, aber Klara, die sich nicht für Politik interessiert und keine Zeitung liest, hatte die Bedeutung dieser Warnungen nicht nachvollziehen können - oder wollen.

Kurz vor Fräulein Martins Tod wird von der Fürsorgerin die einjährige Tolla Lewitan in das Heim gebracht. Deren jüdische Mutter will das Kind nur für kurze Zeit abgeben, doch dann erfährt Klara, dass die Frau sich das Leben genommen hat. Klara, die jeden Monat ihre fast mittellosen Eltern unterstützt, beschließt spontan, für das Mädchen zu sorgen. Doch das Kinderheim befindet sich in einer finanziellen Schieflage. Klara hat die Leitung der Einrichtung übernommen. Die einzige Rettung, die sie erkennt, ist die Übernahme des Hauses durch die nationalsozialistische Regierung. Als Klara endlich realisiert, dass die Nationalsozialisten alle Juden und alles Jüdische ausmerzen wollen, begreift sie, in welchem Dilemma sie sich befindet. Kurzentschlossen verbrennt sie Tollas Geburtsurkunde, um deren Herkunft zu verschleiern, und gibt sie als ihre Tochter aus.

Die Landesregierung will aus dem Kinderheim eine Vorzeigeeinrichtung machen und sie so umgestalten, wie "der Führer" sich diese vorstellt. Die Erziehung soll nach nationalsozialistischen Prinzipien erfolgen, die Kleidung der Mädchen einheitlich sein: karierte Kleider im Dirndlstil.

Als sie während einer Zugfahrt den etwas jüngeren Gustav kennenlernt, bekommt ihr Leben allmählich eine etwas andere Richtung. Der junge Mann ist ihr eine große Stütze. Doch die Situation wird für Klara als Tollas "Mutter" immer bedrohlicher und sie fasst einen Entschluss, der ihr Leben und vor allem das des Mädchens völlig verändert.

Lesen?

Alexa Hennig von Lange merkt in ihrem Nachwort an, dass ihre Großmutter in ihren Aufzeichnungen Ereignisse wie zum Beispiel den Brandanschlag auf die Wörlitzer Synagoge ausließ. Der Ort ist nur wenige Minuten von Oranienbaum entfernt, es kann ihr nicht entgangen sein. Ihr Entsetzen über den Brand der Dessauer Synagoge, den Klara zufällig miterlebt, schildert sie hingegen. Warum hat die Großmutter hier einen Unterschied gemacht? 

Die auf Tonbandkassetten gebannten Erinnerungen offenbaren hier einen großen Unterschied zu einem Interview: Nachfragen sind nicht möglich. Hennig von Lange musste mit dem leben, was sie vorfand. Ihr im Nachwort formulierter Wunsch, mit ihrer Großmutter ins Gespräch zu kommen, kann über die Aufzeichnungen nicht erfüllt werden.

Die Figur des Mädchens Tolla hat die Autorin allerdings hinzugefügt. Sie begründet das so: "Ich wollte den Schmerz erfahrbar machen, der entsteht, wenn ein Mensch, eine ganze Gesellschaft sich gegen die Menschlichkeit wendet. [...] Allein ins Ungewisse fortgeschickt, symbolisiert es [Anm.: das Mädchen Tolla] für mich den Verlust der Unschuld."

Die karierten Mädchen ist eine interessante Umsetzung eines deutschen Lebens während der Nazi-Diktatur, aber es bleiben Fragen offen. Alexa Hennig von Lange beschreibt die politische Naivität ihrer Großmutter, ob deren Vorbehalte gegenüber den Nationalsozialisten jedoch tatsächlich so groß waren, kann wohl nicht mehr beantwortet werden.

Die karierten Mädchen ist 2022 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als Hardcover 22 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro. 

Sonntag, 3. Dezember 2023

# 420 - Rezitativ - Ein Spiel mit Erwartungen

1983 erschien mit Recitatif die einzige Erzählung der
späteren Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in einer Anthologie. Erst in diesem Jahr wurde die deutsche Übersetzung unter dem Titel Rezitativ herausgegeben.

Meine Mutter tanzte die ganze Nacht, und die von Roberta war krank. Darum wurden wir ins St. Bonny's gebracht.

Das ist der Einstieg in die Erzählung, und er stammt von der achtjährigen Twyla, der mit der gleichaltrigen Roberta ein gemeinsames Zimmer in einem Kinderheim zugewiesen wird. Schon in dieser Einleitung liegt eine große Tragik: Die beiden Mädchen müssen ihre Zuhause nicht deshalb verlassen, weil sie Waisen wären, sondern weil man sich dort nicht um sie kümmern kann.

Morrison stellt schnell klar, dass eines der Mädchen weiß und das andere schwarz ist. Es bleibt jedoch unklar, welchem Kind sie welche Hautfarbe zuweist. Aber ist das denn wichtig? Morrisons Spiel mit vermeintlichen Hinweisen hat etwas Entlarvendes: Sie hält ihren Leserinnen und Lesern den Spiegel vor, indem sie demonstriert, wie viele Vorurteile diese gegenüber den Menschen mit der einen oder anderen Hautfarbe (mutmaßlich) haben.

Roberta und Twyla bilden im Kinderheim so etwas wie eine Notgemeinschaft. Die anderen Mädchen sind schon länger im Heim und älter als sie, sodass die beiden versuchen, ihnen aus dem Weg zu gehen, um nicht zu Mobbingopfern zu werden.

Doch dann ereignet sich etwas, was Roberta und Twyla zunächst unwichtig finden. Die Küchenhilfe Maggie stürzt im Obstgarten des Heims. Maggie hat starke O-Beine und kann nicht sprechen. Sie ist ohnehin Zielscheibe des Spotts der großen Mädchen, aber an diesem Tag wird sie von ihnen ausgelacht. Aus Angst vor den älteren Mädchen trauen sich Twyla und Roberta nicht, der Frau auf die Beine zu helfen.

Als die beiden Mädchen kurz nacheinander das Heim verlassen und zu ihren Müttern zurückkehren, verlieren sie sich sofort aus den Augen. Aber im Laufe der Jahre begegnen sie sich mehrmals zufällig, und immer steht das Ereignis um die Küchenhilfe Maggie zwischen ihnen: Die nun erwachsenen Frauen erinnern sich ganz unterschiedlich an das, was nach deren Sturz geschah und machen sich gegenseitig Vorwürfe.

Doch nicht nur die Erinnerung an die Zeit im Heim trennt sie, sondern ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Schichten, die ihnen schon damals in St. Bonny's aufgefallen ist. Aus der Not-Freundschaft von einst entwickelt sich eine ambivalente Bekanntschaft, die zum Schluss um die Frage kreist, ob Maggie schwarz oder weiß gewesen ist.

Lesen?

Im von Zadie Smith stammenden Nachwort beschreibt die britische Schriftstellerin, dass sie sich beim Lesen von Rezitativ ebenfalls af die Suche nach "eindeutigen" Hinweisen auf die jeweilige Hautfarbe von Roberta und Twyla begeben hat und gescheitert ist.
"Wir hören Twyla sprechen, und wir hören Roberta sprechen, und obwohl sie sich klar voneinander unterscheiden, sind wir doch nicht in der Lage, den einen Unterschied zu entdecken, den wir eigentlich entdecken wollen", gibt sie zu.

Auch der Versuch, anhand der Beschreibung der Mütter der Mädchen zu einem Ergebnis zu kommen, scheitert. Smith' Schlussfolgerung ist eine Einladung, ebenfalls zu versuchen herauszufinden, welches der beiden Mädchen eine schwarze bzw. weiße Hautfarbe hat:
"Rezitativ ruft mir in Erinnerung, dass es keine wesenhaft schwarze oder weiße Qualität ist, arm zu sein, unterdrückt, unbedeutend, ausgebeutet, missachtet."

Rezitativ ist 2023 in der Übersetzung von Tanja Handels im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.


Sonntag, 26. November 2023

# 419 - Solmeckes juristischer Adventskalender

Christian Solmecke ist Rechtsanwalt und vielen YouTube-Nutzern durch seinen Kanal WBS LEGAL bekannt. Dort nimmt er zu Rechtsfragen Stellung, die ein breites Publikum interessieren. Fast 950.000 Abonnenten sind ein deutliches Indiz, wie groß das Interesse an juristischen Alltagsfragen ist.

Mit seinem Buch Recht besinnlich - Der juristische Adventskalender richtet sich Solmecke an alle, die sich die Zeit bis zum Weihnachtsfest nicht mit dem täglichen Verzehr von Süßigkeiten vertreiben wollen, sondern ihren juristischen Horizont erweitern möchten. Solmecke geht dabei durchaus kreativ vor. An manchen Tagen nimmt er die Weihnachtsgeschichte genauer unter die Lupe und fragt seine Leserinnen und Leser, wie sie den einen oder anderen Sachverhalt mithilfe ihres sog. Bauchgefühls beurteilen würden: Stören Engel durch ihr unkoordiniertes Herumfliegen den Luftraum? Durfte der unfreundliche Herbergsvater Maria und Josef seines Hauses verweisen, obwohl sie sich in einer Notlage befanden? 

Selbstverständlich wird jede dieser Rechtsfragen von Solmecke beantwortet, sodass nichts unklar bleibt. Aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass das Bauchgefühl bei juristisch strittigen Sachverhalten nicht der beste Ratgeber ist.

Solmecke belässt es in seinem besonderen Adventskalender aber nicht bei der Weihnachtsgeschichte, sondern wendet sich auch Ereignissen zu, die in den letzten Jahren stattgefunden und einen Bezug zum christlichen Glauben haben. Da ist die das Wort "Jesus" enthaltende Grußformel eines Callcenter-Mitarbeiters ebenso zu nennen wie der Tod eines evangelikalen Missionars, der sich dazu berufen fühlte, trotz eines Kontaktverbots der indischen Regierung die völlig von der Außenwelt isoliert lebenden Sentinelesen zu bekehren. Er schlug nicht nur das Regierungsverbot, sondern auch die unübersehbar ablehnende Reaktion der Bewohnerinnen und Bewohner auf North Sentinel Island in den Wind. Die juristische Frage, die sich nun stellt: Kann man die Sentinelesen für die Tötung des Missionars zur Rechenschaft ziehen?

Lesen?

Recht besinnlich - Der juristische Adventskalender ist eine unterhaltsame Abwechslung zu den üblichen Adventskalendern und beweist, dass Jura nicht "trocken" sein muss.

Das Buch ist 2023 bei Yes Publishing erschienen und kostet 12 Euro.

Sonntag, 19. November 2023

# 418 - Von Menschen und Krähen

Der Schriftsteller Alexander Höch hat gerade eine
Chemotherapie hinter sich. Aber anstatt sich um ihn zu kümmern, beschließt seine Frau Eva, gerade jetzt das gemeinsame Haus renovieren zu lassen. Alexander wird in der Wohnung seines Bruders Georg untergebracht, der gerade auf Reisen ist. Eva duldet keinen Widerspruch, die dominante Psychotherapeutin weiß, wie sie ihren Mann "überzeugen" kann. Christina Walker gibt in ihrem Roman Kleine Schule des Fliegens einen tiefen Einblick in den Seelenzustand eines Mannes, der eine große Lebenskrise (vorläufig) überstanden hat und sich ungewollten neuen Herausforderungen gegenübersieht.

Alexander fühlt sich abgeschoben, lästig und alleingelassen. Georgs Wohnung ist ihm fremd. Fremd ist ihm auch Melitta Müller, die immer wieder kurz vorbeikommt, um die Blumen zu gießen, ein bisschen zu putzen und kleine Besorgungen zu erledigen. Sie steht jedes Mal unverhofft in der Wohnung, was Alexander als ein Eindringen in seine Privatsphäre empfindet. Melitta behauptet jedoch jedes Mal, vorher geklingelt zu haben.

Eine Abwechslung bieten die Krähen, die auf der gegenüberliegenden Platane dabei sind, Nester zu bauen. An den Tieren scheiden sich allerdings die Gemüter der Nachbarschaft: Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims füttern die Vögel heimlich, andere Nachbarn - allen voran Melitta - setzen alles daran, sie zu vertreiben.

"Das ist eine der schönsten Straßen der Stadt", sagte die Frau mit den kurzen blonden Haaren, "eine Krähenkolonie hat hier einfach keinen Platz."
Kommt einem dieser Satz nicht aus anderen Zusammenhängen bekannt vor?

Es ist Eile geboten, denn sobald die Nester fertig sind, müssen die Krähen in Ruhe gelassen werden. Der Eifer der Krähengegner scheint keine Grenzen zu kennen: Es beginnt mit einem gelben Vergrämungsballon, der in den Zweigen der Platane hängt und dessen eckige Augen den Krähen Angst machen sollen. Statt weniger kommen jedoch mehr von ihnen. Die Krähenhasser versuchen es mit dem gesamten Sortiment des Vergrämungsmarktes, haben aber keinen Erfolg. Eines Morgens findet Alexander auf dem Küchentisch einen Revolver. Er gehört Melitta, die auch die passende Schreckschussmunition dabei hat. 

"Wo sich eine Saatkrähe niederlässt", erwiderte Melitta Miller, "folgen bald die nächsten. Das ist der Beginn einer Migrationsbewegung, wenn wir nichts tun." 

Lesen?

Kleine Schule des Fliegens ist ein sensibler Roman über die Einsamkeit eines Menschen und die Parallelen zwischen zwischen dem Wesen Alexanders und dem der Krähen. Nicht zuletzt verbirgt sich in dem Roman auch eine Portion Gesellschaftskritik, die aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt.

Kleine Schule des Fliegens ist 2023 im Braumüller Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 22 Euro. Das Buch stand auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises 2023.


Sonntag, 12. November 2023

# 417 - Männer töten

Absicht oder Zufall? Je nachdem, ob man im Titel von Eva Reisingers Debütroman Männer töten das erste oder zweite Wort betont, ergibt sich ein völlig entgegengesetzter Sinn. Grund genug, sich dieses Buch genauer anzusehen.

Anna Maria ist 30 Jahre alt, Österreicherin und lebt in Berlin. Sie arbeitet seit drei Jahren für ein Praktikantinnen-Salär in einer Agentur für Online-Marketing und hat in der Hoffnung, dort beruflich aufsteigen zu können, ihr Studium geschmissen. Sie hat in Berlin zwei enge Freundinnen, fühlt sich dort aber immer unwohler. Die On-Off-Beziehung mit dem selbstbezogenen Friedrich ist eine Belastung. Anna Marias Leben fühlt sich an, als sei es in einer Sackgasse. 

In dieser Situation lernt sie in einem Club Hannes kennen. Er ist ebenfalls Österreicher und hat in dem abgelegenen oberösterreichischen Dorf Engelhartskirchen den Hof der Eltern übernommen. Kurz, nachdem die beiden einen One-Night-Stand haben, hat Anna Maria einen Fahrradunfall. Der einzige, der ihr auf die Frage des Krankenhausarztes: "Wer kann sie abholen?" einfällt, ist Hannes.

Anna Marias neues Leben beginnt in Engelhartskirchen an Hannes' Seite. Insbesondere die Frauen des Dorfes nehmen sie in ihrer Mitte auf. Gleich zu Beginn wird sie zum Junggesellinnenabschied von Sabine und Josepha eingeladen, dessen wichtigstes Merkmal der maßlose Alkoholkonsum ist. Anna Maria registriert zunächst alles, was ein österreichisches Dorf klischeehaft ausmacht: die idyllische Landschaft, die Kühe auf den Weiden, die Kirche. Doch dann wundert sie sich über die ihr fremden Gepflogenheiten wie die Arbeit der selbsternannte Pastorin, aber nach und nach begreift sie, was diesen Ort von allen anderen im Land unterscheidet: Hier wird das Matriarchat gelebt, und zwar bis zur letzten Konsequenz. Im Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen hält die weibliche Dorfgemeinschaft eisern zusammen: die mit Verächtlichmachung gepaarte Homophobie des Hausarztes, Friedrichs in einer Vergewaltigung mündendes Stalking, ein der Frauengemeinschaft gefährlich werdender Journalist... Sie alle geben Anlässe, sich gegen Männer zu wehren. 

Lesen?

Es ist nicht schwer zu erkennen, welchen roten Faden Eva Reisinger in ihrem Roman verfolgt. In Engelhartskirchen wird die Umkehrung des andernorts vorherrschenden Patriarchats gelebt. Eines Patriarchats, das in Österreich zu durchschnittlich einem Femizid alle zwei Wochen und jährlich 50 Mordversuchen an Frauen führt. In Deutschland verliert im Durchschnitt alle drei Tage eine Frau durch einen Femizid ihr Leben.

Im Unterschied zu den Männern, die einen (versuchten) Femizid begehen, weil sie Frauen nicht als gleichwertig ansehen, verachten die Frauen von Engelhartskirchen die Männer jedoch nicht grundsätzlich. Sie haben allerdings kollektiv beschlossen, sich nicht mehr kleinmachen zu lassen. Und wenn das doch passiert...

Männer töten ist ein gedankliches Experiment, das nicht zur Selbstjustiz aufrufen will. Der Roman dient eher dazu, der Gesellschaft - insbesondere dem männlichen Teil - den Spiegel vorzuhalten. Das hat das Buch sehr gut geschafft. Das schien auch die Jury des Österreichischen Buchpreises so zu sehen, das den Titel auf die Shortlist des Debütpreises 2023 setzte.

Männer töten ist 2023 im Leykam Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 5. November 2023

# 416 - Ein Sommer vor 50 Jahren

Thomas Oláh, der in der Film- und Theaterbranche als Kostüm- und Bühnenbildner bekannt ist, hat mit Doppler sein Romandebüt veröffentlicht.

Sein namenloser Ich-Erzähler ist ein Junge, der an einem Sommertag mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder mit dem Auto ins Wochenende fährt. Doch die Familie wird ihr Ziel nicht erreichen: Der Wagen kommt von der Straße ab, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Der Junge hat, wie er im Krankenhaus erfährt, eine Gehirnerschütterung. Was aus den Eltern und dem Bruder geworden ist, erfährt er nicht. Ein Onkel holt ihn aus dem Krankenhaus ab und bringt ihn zu seinen Großeltern, die er kaum kennt.

Die Handlung spielt 1970 im fiktiven österreichischen Dorf Frankenhayn, in dem die Großeltern des Jungen und weitere Verwandte wohnen. Der Ort ist geprägt vom Weinanbau. Oláh beschreibt das Leben der österreichischen Landbevölkerung, wie es vor rd. 50 Jahren auch in Deutschland oft üblich war. Es werden nicht mehr Worte als nötig gemacht, dem sozialen Miteinander haftet etwas Archaisches an, Zärtlichkeiten gibt es nicht.
Die oft grausame Art, mit Menschen und Tieren umzugehen, findet ihre Erklärung in der Geschichte und den Erfahrungen jedes einzelnen Familienmitglieds, wobei Oláh den Bogen in seinem Roman bis zurück in die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spannt. Der Hang zur Brutalität wird an die nächste Generation, hier an die beiden Cousins des Jungen, weitergegeben.

Die Großeltern werden als gefühlte Konstante von allen nachfolgenden Generationen mit "Mutter" und "Vater" angesprochen, ebenso konstant ist die Möblierung: Die beiden Alten schlafen in kastenähnlichen Bauernbetten mit hohen Rahmen, die von dem Jungen als Sarkophage bezeichnet werden.
Der Katholizismus wird mit seinen Ritualen gelebt, ihm haftet jedoch etwas Bigottes an. 
Das Leben ist vom Rhythmus der anstehenden Arbeiten und vom ausgiebigen Verkosten des selbst hergestellten Weins geprägt, der in großen Zweiliter-Flaschen, den Dopplern, abgefüllt wird. Dieses Verkosten folgt ebenso wie der katholische Glauben festen Abläufen.

Und dann ist da das Gefühl des Jungen, von seiner Familie, die mit ihm verunglückt ist, vergessen worden zu sein: Eines Nachts bemerkt er die Gespräche der Erwachsenen, die wie dort üblich nur aus einzelnen Worten und Halbsätzen bestehen. Er sieht seinen Vater und seinen kleinen Bruder, die beiden scheinen gemeinsam mit den Großeltern die Mutter besuchen zu wollen. Der Junge ist jedoch nicht sicher, niemand spricht mit ihm darüber oder tröstet ihn. Er hat keine Ahnung, wie lange er in Frankenhayn bleiben muss und wie es mit ihm weiter geht.

Lesen?

Thomas Oláh ist im selben Jahr geboren wie ich. Vieles von dem, das er beschreibt, habe ich so oder so ähnlich selbst in Erinnerung. Oláh schafft es sehr gut, die Haltlosigkeit des in dem Winzerdorf gestrandeten Jungen zu dokumentieren, sodass man durchweg auch in den positiven Szenen Mitgefühl empfindet.

Oláh setzt neben dem Jungen einen Erzähler ein, der die ihm unbekannten Familienhintergründe beschreibt. Dadurch geraten Leserinnen und Leser in die etwas kuriose Situation, dass sie im Gegensatz zur Hauptfigur, dem Jungen, das große Ganze überblicken, das Kind jedoch keine Chance hat, das ebenfalls zu tun und Zusammenhänge zu verstehen.

Unverständlich bleibt, dass der Junge ein sehr guter Beobachter ist und das Erlebte in seiner Rolle als Erzähler in passende Worte kleiden kann, er aber nicht den Antrieb aufbringt, Fragen nach seinen Eltern und seinem Bruder sowie seiner eigenen Zukunft zu stellen.

Thomas Oláh hat in drei eigenen Kapiteln Texte über heute (fast) vergessene Forscher oder Künstler eingefügt: Nikolaus Winkel (Erfinder des Metronoms), Christian Doppler (Entdecker des nach ihm benannten Doppler-Effekts) und Marcel Mariën (belgischer Schriftsteller und Kunstkritiker). Den Zusammenhang zwischen der Handlung und den drei Männern konnte ich nur mühsam konstruieren, die Exkurse lenkten von der eigentlichen Handlung eher ab.

Insgesamt hinterlässt Doppler bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Den im Klappentext angekündigten Humor habe ich nicht wahrgenommen, über die über der Kernhandlung stehenden Themen wurde in den letzten Jahren bereits oft geschrieben. Der Roman ist trotz dieser Kritik interessant geschrieben und bringt für alle, denen das Landleben vor 50 Jahren und die Prägungen durch den Zweiten Weltkrieg noch fremd ist, etliche Erkenntnisse.

Doppler ist 2023 im Verlag Müry Salzmann erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro.

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 und ist im Rahmen des Österreichischen Buchpreises für den Debütpreis nominiert.


Montag, 30. Oktober 2023

# 415 - Der diesjährige Gewinner des Deutschen Buchpreises: Wie überzeugend ist "Echtzeitalter"?

Mit seinem Debütroman Nicht wie ihr hatte es Tonio
Schachinger 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, mit Echtzeitalter hat er den Preis in diesem Jahr gewonnen. Doch worum geht es in dem Roman?

Till Kokorda besucht eine Wiener Eliteschule. Sein Klassenlehrer wird während der folgenden acht Jahre der konservative, despotische und von sich eingenommene Bruno Dolinar sein. Aus Sicht der Klasse hat der Lehrer nicht nur äußerlich Ähnlichkeit mit Lord Voldemort.

Die Schule ist in der ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger untergebracht, das Schulklima passt perfekt zu dem alten Gebäude: Die Lehrkräfte sehen ihre Aufgabe darin, die Schülerinnen und Schüler auf das BWL-, Medizin- oder Jurastudium vorzubereiten. Diese kommen überwiegend aus reichen Familien, viele haben Eltern oder Großeltern, die in Österreich Ansehen und Einfluss haben oder hatten.

Till besucht die Schule mit gebremstem Ehrgeiz. Seine Leidenschaft gilt dem Echtzeit-Strategiespiel Age of Empires 2, in dem er mit der Zeit so gut wird, dass er zu den weltweiten Top 10-Spielern aufsteigt. In seinem Umfeld weiß lange jedoch nur sein Freund Georg davon, der ebenfalls ein Fan des Spiels ist, an Tills Fähigkeiten aber nicht heranreicht.

Till lebt mit seiner Mutter zusammen. Sein Vater ist verstorben, als Till 14 war. Das Spielen füllt Tills gesamte Freizeit aus. Gespräche mit der Mutter, die keine Ahnung hat, was ihr Sohn da an seinem Computer macht, beschränken sich auf Organisatorisches. 

Seinem Klassenlehrer Dolinar missfällt Tills mangelnde Sprachbegabung, sodass es der Junge in dessen Deutsch- und Französischunterricht schwer hat. Dass seine Begabungen im mathematischen Bereich liegen, zählt für Dolinar nicht.
Als Till 18 ist und die Gelegenheit hat, sich auf der Gaming-Messe ChinaJoy in Shanghai mit den besten AoE-Spielern der Welt zu treffen und zu messen, ergreift er die Gelegenheit und meldet sich bei Dolinar erst kurz vor dem Abflug per SMS ab. Diese in dessen Augen falsche Priorität verärgert den Lehrer dermaßen, dass er seinen Zorn an Till mit den Mitteln der schwarzen Pädagogik auslässt und ihn vom Rest der Klasse isoliert. 

Zu Tills Glück bricht Anfang 2020 die Corona-Pandemie auch über Österreich hinein. Die Schulen schließen für zwei Monate, die Matura-Vorbereitungen finden zu Hause statt. Mit dem Beginn der schriftlichen Matura-Prüfungen, die landesweit zeitgleich und inhaltlich identisch durchgeführt werden, endet das Angstregiment von Dolinar, denn wegen der Pandemie werden ausnahmsweise keine mündlichen Matura-Prüfungen abgenommen.

Lesen?

Tonio Schachinger gibt durch die Figur des Till Einblicke in das Österreich der 2010-er Jahre bis einschließlich 2020. Der Roman verfolgt nicht nur Tills Erwachsenwerden, sein Schließen von neuen und dem Verlust von alten Freundschaften, seiner ersten Liebe und dem Verarbeiten des Todes des Vaters; Schachinger greift auch Schlagworte wie den Austrofaschismus und die Ibiza-Affäre um den damaligen Vize-Kanzler Strache, die 2019 einen großen Skandal auslöste, auf. 

Immer wieder wird auf die österreichische Titelhörigkeit und auf die relativ große Gruppe der politisch Rechten angespielt, die auf das gesellschaftliche und politische Leben Einfluss nimmt. Doch während es lange den Anschein hat, dass diese Verhältnisse von Schachinger hingenommen werden, weil es nie anders war, wird dieser Eindruck zum Schluss gerade gerückt: Till trifft nach dem Ende der Schulzeit einen früheren Mitschüler wieder, der gerade den sechsmonatigen Grundwehrdienst ableistet. Als der Dolinars Schikanen mit den Worten: "Es war schon super, eigentlich", verklärt, weist Till das deutlich zurück. "Spinnst du?", entgegnet er. "Es war die Hölle, du Idiot!"

So gut mir der Roman gefallen hat, so sehr habe ich mich immer wieder mit österreichischen Besonderheiten abgemüht, die in Deutschland unbekannt sind. Ob es um 'WEGA' geht, die Lila Villa, den Begriff 'sekkieren', die BVT-Affäre, Grätzl oder das Schikaneder: Echtzeitalter lässt sich mit dem Anspruch, den Roman vollständig zu verstehen, nur lesen, wenn man die Lektüre immer wieder für eine Recherche unterbricht. Das Buch richtet sich an Österreicher, besser noch an Wiener. Da es jedoch im ganzen deutschen Sprachraum herausgegeben wurde, wäre ein Glossar hilfreich gewesen.

Echtzeitalter ist 2023 im Rowohlt Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.