Donnerstag, 11. Januar 2018

Das war's schon wieder: Das Bücherkisten-Jahr 2017 ist vorbei

Sehr viel Gutes, ab und zu Mäßiges, aber immer viel Abwechslung

 

Die meisten Bücher, die ich euch 2017 vorgestellt habe, haben mir gut oder sogar sehr gut gefallen. Ich zeige euch hier mit meinen Tops und Flops des Jahres die Bücher, die für mich ganz weit vorn waren und die, die durchs Raster gefallen sind.

Meine Favoriten

 

Sachbücher


Ich habe ein gewisses Faible für Sachbücher, darum kommen sie jetzt zuerst dran. Zu denen, die mir am besten gefallen haben, gehört 70 - DER SPIEGEL - 1947-2007. Egal, welche politische Einstellung man hat und wie man die Zeitschrift grundsätzlich finden mag: Dieses Buch ist lebendige deutsche und internationale Geschichte und wartet zusätzlich mit tollen Fotos auf. 

 

 

 

 

Überzeugt hat mich Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken von Beatrix Langner. Ihr Essay beleuchtet sehr anschaulich, welches Bild sich Männer bis vor etwa 50 Jahren von Frauen gemacht haben und wirbt für einen gemeinsamen Blick von Frauen und Männern auf die Probleme unserer Zeit. Das tut die Germanistin und Literaturkritikerin unterhaltsam und sachlich, ohne sich in feministische Floskeln zu verlieren. 





Baskisch ist ein großartiges Kochbuch des Spaniers José Pizarro, der sich seit Langem mit mehreren Restaurants in London als Spitzenkoch etabliert hat. Hier werden nicht nur die Rezepte erläutert, sondern die Leser mit zahlreichen Fotos auf das Baskenland neugierig gemacht. Wer noch nie in dieser nordspanischen Provinz war, will nach dem Durchblättern dieses Buches hin. 



In seinem Buch Verstehen Sie Geld? erklärt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl seinen Lesern alles, was sie über das Thema Geld wissen sollten: Woher kommt es? Wie sollte man damit umgehen? Welche Geldkreisläufe gibt es? Was hat es mit den "Rettungsschirmen" der Euro-Staaten auf sich? Alles einfach und mit zahlreichen Beispielen erklärt.   




Der Medienwissenschaftler Stefan Russ-Mohl macht sich in seinem Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde Gedanken, welche Entwicklung die Medien innerhalb der letzten Jahre durchgemacht haben. Werden sie zu Recht als "Lügenpresse" beschimpft? Hat die Qualität der Nachrichten gelitten? Und wenn ja: warum?





Romane

 

Bei den Romanen steht für mich Die fremde Königin von Rebecca Gablé weit vorn. Die erfolgreiche Schriftstellerin entführt die Leser in die Jahre 951 bis 961: Königin Adelheid von Burgund heiratet König Otto I. und durchlebt mit ihm etliche Höhen und Tiefen. Der Höhepunkt ihres Lebens ist die Krönung zum Kaiser bzw. zur Kaiserin durch Papst Johannes XII. 



 

Sehr gut hat mir auch Palast aus Staub und Wind, das erste Buch des Autors Haroon Gordon, gefallen. Es handelt von Baptiste, der vor Kurzem Witwer geworden ist, und seiner ungewöhnlichen Freundschaft mit Gabriel. Als Kinder und Jugendliche sind die beiden, die in einem algerischen Frauengefängnis aufwachsen, unzertrennlich. Doch irgendwann lüftet sich das dunkle Geheimnis, das zwischen ihnen steht, und es kommt zur gewaltsamen Eskalation. 

 

 

 

Fans von Dystopien wird Chlorophyll von M. J. Herbert gefallen. In Finnland beginnt mitten im Winter ein Phänomen, das sich schnell epidemisch ausbreitet: Alle Pflanzen verlieren ihr Chlorophyll und ihr Laub färbt sich orange. Eine ganze Weile ist völlig unklar, was hinter dieser Seuche steckt, die nach und nach die Pflanzen von der Erde eliminiert und dafür sorgt, dass eine globale Hungersnot ausbricht. Den Forschern sitzt die Zeit im Nacken, denn im Überlebenskampf zählt nur noch: Jeder ist sich selbst der Nächste.  

 

Ein morbider Spaß ist der Roman Die letzten vier Tage des Paddy Buckley von Jeremy Massey. Der irische Bestatter Paddy durchlebt eine Pechsträhne, die sich gewaschen hat. Als er dann auch noch den Bruder des gefährlichsten Gangsters von Dublin anfährt und ihn tödlich verletzt, hängt sein eigenes Leben an einem seidenen Faden. Im Buch reiht sich eine absurde Szene an die andere, doch dank Masseys plastischer Sprache wirkt die Handlung glaubwürdig und authentisch. 




Geister von Nathan Hill ist ein spannender Familienroman, der von den 1920er-Jahren bis heute reicht und im Laufe der Handlung mehrere Themen streift, die wichtig waren oder es noch sind - Pädophilie kommt ebenso vor wie die Occupy-Wallstreet-Bewegung. 







In Die Ermordung des Glücks setzt Friedrich Ani seinen Münchener Ex-Ermittler Jakob Franck zum zweiten Mal auf einen Mordfall an. Ein elfjähriger Junge verschwindet auf dem Heimweg von der Schule spurlos und wird Wochen später tot aufgefunden. Dank Francks akribischer und unaufgeregter Nachforschungen kommt der Fall zu einem überraschnden Ende. 






Es gab nicht nur gute Bücher: Hier kommen meine persönlichen Flops des Jahres 2017

 

Sachbuch


Das Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten der amerikanischen Journalisten und Ökonomen Stephen J. Dubner und Steven D. Levitt verspricht mit diesem Buchtitel mehr, als es hält. Ihr in den USA bekannter Blog Freakonomics diente offensichtlich als Textquelle. Da das schon bei den beiden vorangegangenen Büchern so gehandhabt wurde, ist dieser Titel so etwas wie ein Kehraus. Man verpasst nichts, wenn man das Buch links liegen lässt. 


Roman

 

Der mit den Glasaugen von Marta Monti ist ein in der Umgebung von Bern spielender Krimi. Der fünfjährige Jan ist verschwunden, eine Entführung kann nicht ausgeschlossen werden. Der Kreis der Verdächtigen wird immer größer. Nach eineinhalb Jahren wird das Kind tot in einer Felsspalte gefunden. Das Ermittlerduo Beta Bianca und Benno Bertschi ist dem Mörder auf den Fersen. Der Krimi schafft es trotz des guten Plots nicht, Spannung zu entwickeln, weil vieles zu vorhersehbar ist. Die Logikfehler und das nicht oder nicht ausreichend durchgeführte Lektorat tun ihr Übriges. 
            

Montag, 8. Januar 2018

# 131 - Kennt ihr Deutschland?

So gründlich lernt man das Land hier kennen

 

Was genau wissen wir über Deutschland? Wir können die Bundesländer aufzählen, hoffentlich mit den Hauptstädten, und wissen ein paar Geschichtsdaten. Wer seine Urlaube in Deutschland verbringt, kann etwas über die jeweiligen Regionen sagen. Das war's dann meistens auch schon. Das Gesicht Deutschlands des promovierten Biologen Bernd-Jürgen Seitz, der sich in der Landesverwaltung hauptberuflich mit dem Naturschutz und der Landespflege beschäftigt, bietet auch für diejenigen, die glauben, schon alles zu wissen, neue Einblicke. 

Was machte Deutschland zu dem, was es heute ist?

 

Diese Frage ist keinesfalls politisch, sondern historisch, geologisch, ökologisch und biologisch gemeint. Seitz setzt bei seinen Lesern keine besonderen Vorkenntnisse voraus, sondern beginnt praktisch bei null: Wo befinden sich die einzelnen Städte, Flüsse und Gebirge? Welche geologischen Besonderheiten kennzeichnen die einzelnen Gebiete Deutschlands und welche Tiere und Pflanzen werden typischerweise wo und warum in den einen oder anderen Lebensräumen angetroffen?
Nach dieser Einführung dreht er die Zeit zurück und teilt die deutsche (Erd-)Geschichte wie das Zifferblatt einer Uhr auf: Für jede Epoche wird erläutert, inwiefern die jeweiligen Veränderungen und Entwicklungen Auswirkungen auf die Natur und das Leben der Menschen hatten. Fachvokabular wird nur dort verwendet, wo es nötig ist, und immer unmittelbar erklärt.

Wo liegen in Zukunft die Schwerpunkte?

 

Bernd-Jürgen Seitz zeigt, um welche Probleme man sich in nächster Zukunft kümmern muss. Ganz vorn steht der Klimawandel und seine Folgen, aber auch der immer noch viel zu große Landschafts- und Flächenverbrauch durch Bebauung und die Ausweitung der Infrastruktur muss eingedämmt werden. Kritisch sieht er auch die stetige Intensivierung der Landwirtschaft und den Trend zu Monokulturen. Er spricht hier insbesondere die Umweltschäden an, die die Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 nach sich gezogen hat: Seitdem der Anbau von Energiepflanzen für Biogasanlagen dank der Fördergelder für Landwirte lukrativer ist als der von Futter- und Nahrungspflanzen, schreiten Erosion und Bodenzerstörung deutlich voran.
Weiteren Verbessserungsbedarf gibt es auch bei der Nachhaltigkeit, wobei es hier immer wieder zu Interessenkonflikten zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen kommt.  
Aber er bewertet die zahlreichen Einrichtungen von Naturparks und Biosphärenreservaten positiv. Die betroffenen Bürger lassen sich hiervon besonders gut überzeugen, wenn sie am Entstehungsprozess beteiligt sind und für sich wirtschaftliche Vorteile sehen; Letzteres ist eher keine Überraschung.

Alle Bundesländer auf einen Blick

 

Im letzten Kapitel widmet sich Seitz den einzelnen Bundesländern und geht dabei nicht nur auf statistische Daten ein, sondern gibt vor allem Hinweise, wo sich die jeweiligen Landschaften eines Bundeslandes besonders gut erleben lassen und wo Besucher Museen finden, die sich mit landschaftlichen, erdgeschichtlichen und naturkundlichen Themen befassen. Das Buch wird sehr gut durch seine zahlreichen Landschafts-, Tier- und Pflanzenfotos sowie Grafiken abgerundet. 
Das Gesicht Deutschlands eignet sich auch für Leser, die sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt haben und ist durchgehend sehr gut verständlich geschrieben. Wer mehr über Deutschland und seine Landschaften wissen will, dem kann dieses Buch empfohlen werden.

Das Gesicht Deutschlands ist beim Theiss Verlag, einem Imprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt, erschienen und kostet als Hardcover 49,95 Euro sowie als eBook (epub oder pdf) 39,99 Euro. Ich bedanke mich bei Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Sonntag, 7. Januar 2018

Ein Interview mit mir von Christian Gera von bloggerherz.de

Wer bin ich? Warum und seit wann blogge ich? Auf jede Frage eine Antwort.

 


https://www.bloggerherz.de/2018/01/02/blogger-interview-64-bloggerherz-trifft-auf-ina-degenaar-von-inasbuecherkiste/


+Christian Gera  hat mir kürzlich eine ganze Reihe Fragen rund ums Bloggen gestellt, und nicht immer konnte ich "wie aus der Pistole geschossen" antworten. Aber er hat es geschafft, den Nerv zu treffen und mich zum Nachdenken zu bringen. Da meine Blogs ein Hobby und nicht dazu da sind, um Geld zu verdienen, ist die Frage nach dem Grund und Auslöser fürs Bloggen nicht einfach nur mit "Weil es mir Spaß macht" zu beantworten, denn beide Blogs nehmen eine ganze Menge Zeit in Anspruch. 
Aber das Interview hat mir Spaß gemacht, und wenn es Euch auch gefällt, dann wäre es toll, wenn Ihr es teilen würdet. Ich sage schon mal "Danke"!

Zum Interview geht es hier.




 

Freitag, 29. Dezember 2017

# 130 - Was gibt's Neues?

Dinge aus einer anderen Perspektive sehen

 

Das Lesebuch Denkanstöße 2018 von Isabella Nelte habe ich buchstäblich im Vorbeigehen gekauft, als ich in "meinem" Buchladen andere bereits bestellte Bücher abgeholt habe. Mich hat interessiert, was die Literaturwissenschaftlerin Nelte für wichtig halten würde und wessen Texte sie ausgewählt hat.

Was war? Was ist? Was kommt?

 

Das Buch ist zwar nicht nach diesen drei Fragen unterteilt, aber grundsätzlich ist das seine Struktur. Der Hamburger Professor Markus Friedrich macht sich um die historische Rolle der Jesuiten und ihre innere Zerrissenheit Gedanken, und Lothar Gall beschäftigt sich mit der Rolle des kurhannoverschen Reformers und Staatsmanns Karl August Fürst von Hardenberg. Was jetzt "trocken" erscheint, ist es nicht: In beiden Texten wird anschaulich erläutert, welche Schwierigkeiten jeweils vor dem Hintergrund der damaligen Umstände und Gepflogenheiten bewältigt werden mussten und wie dies gelang - oder auch nicht.
Im Abschnitt Gesellschaft und Psychologie beschreibt der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, was zum zivilisierten Streiten gehört. Sehr interessant ist hier seine Unterscheidung von Toleranz und Akzeptanz und die Überlegung, wo die Toleranz (die Fähigkeit, eine Last zu erdulden) ihre Grenzen hat oder haben sollte. Das ist ein Thema, bei dem es aktuell in vielen Diskussionen heiß hergeht.

Wie sollte der Mensch sterben? Und was macht die Vergangenheit mit uns?

 

Mit einem heiklen Thema beschäftigt sich der Anästhesist Matthias Thöns, der als Palliativmediziner tätig ist. Er prangert den Umgang mit Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase an: Viele Todkranke werden mit quälenden Methoden der Hightech-Medizin am Leben gehalten, anderen werden komplizierte und schmerzhafte Eingriffe zugemutet - all das, weil eine Patientenverfügung, die den Willen eines Menschen dokumentiert, fehlt und Krankenhäuser ihre Technik auslasten wollen.

Die Publizistin Andrea Senfft beschäftigt sich mit der Frage, warum selbst Erlebtes aus der Zeit des Dritten Reichs als Tabu gilt und was das Schweigen der Mitläufer (oder Täter) bei den Angehörigen bis hin zu den Enkeln bewirkt. 

In einem weiteren Text des Publizisten Helge Hesse geht es um die Freundschaft zwischen dem Ökonomen John Maynard Keynes und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein; in ihren Begegnungen befassten sie sich immer wieder mit den großen Fragen des Lebens. Die beiden Wissenschaftler gingen mit der Frage nach dem Sinn ihres Lebens allerdings sehr unterschiedlich um.

Aber auch die Leser, die sich für die Zukunft und technische Entwicklungen interessieren, kommen nicht zu kurz: Prof. Metin Tolan, der an der Technischen Universität Dortmund Experimentelle Physik lehrt, setzt sich mit der Technik der STAR TREK-Filme auseinander und überprüft, ob das, was dort gezeigt wird, im 23. oder 24. Jahrhundert Wirklichkeit werden kann oder sogar schon geworden ist. Da geht es um das künstliche Herz von Captain Jean-Luc Picard, den VISOR des Chefingenieurs Lieutenant Commander Georgi La Forge oder die Frage, warum Spocks Adern so blau erscheinen wie bei einem Menschen, obwohl er kein rotes, sondern grünes Blut hat.

Wie war's?

 

Denkanstöße 2018 gibt unterschiedliche Einblicke in sehr verschiedene Gebiete und überzeugt nicht zuletzt durch die Kompetenz der Autoren. Wer sich mit ungewöhnlichen Themen beschäftigen möchte, dem wird dieses Buch gefallen.

Denkanstöße 2018 ist beim Piper Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,-- Euro.  

Freitag, 22. Dezember 2017

# 129 - Der Alptraum von Pauschaltouristen lauert in Kirgisistan

Wellblech, Pferde und ganz viel Landschaft

 

In dem Buch Ohne Plan durch Kirgisistan des Journalisten Markus Huth vereint sich so einiges: sowohl der größte anzunehmende Unfall für Fans von durchorganisierten Pauschalreisen als auch die Erfüllung aller Träume für abenteuerlustige Backpacker. Huth gehört ganz klar zur zweiten Kategorie, als er in einer Lebenskrise auf das Angebot seines österreichischen Freundes Franz eingeht, einen Monat lang auf eigene Faust zusammen Kirgisistan zu erkunden. Er erhofft sich auch, nach der Reise zu wissen, wie es mit seinem Leben, das in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint, weitergehen soll. 
Kirgisistan ist von drei weiteren -stan-Staaten (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan) und China eingekreist, von denen man immer mal wieder Meldungen in den Nachrichten hört. Meistens solche, die etwas mit Waffen oder Aufständen zu tun haben. 
Die Reisevorbereitung beschränkt sich auf die Buchung der Flugtickets nach Bischkek und das Packen des Nötigsten. Das war's. Kein Smartphone, kein Tablet. Das Auswärtige Amt warnt nicht nur davor, in Kirgisistan im Dunkeln zu Fuß unterwegs zu sein, sondern weist auch auf die Aktivitäten von terroristischen islamischen Gruppen hin. Aber die beiden kann das nicht beirren, und sie treten ihre Reise an.

Touristische Sehenswürdigkeiten? Reichlich, aber anders

 

Die Hauptstadt Bischkek wird im Reiseführer als frei von Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber der Ala-Too-Platz mit seinen sozialistischen Monumentalbauten und Statuen des Volkshelden Manas sowie des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow zieht die Menschen an. Die beiden Reisenden sind auf der Suche nach dem wahren Kirgisistan, aber hier finden sie nicht das, was sie erhofft haben. 
Mit den unterschiedlichsten Fortbewegungsmitteln setzen sie in den folgenden Wochen ihre Reise fort: In einem engen Minivan kommen sie den Mitfahrern sehr nah und erfahren, dass der traditionelle Brautraub immer noch üblich ist. Junge, hübsche Frauen im heiratsfähigen Alter werden entführt, zu einer vorbereiteten Hochzeitsfeier gebracht und sind schneller unter der Haube, als sie ihren Namen sagen können. Huth steigt zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd, das er wegen dessen unaussprechlichen kirgisischen Namens Alf nennt, und wandert mehr, als er es gewohnt ist, um auch die letzten landschaftlichen Highlights kennenzulernen. 

Was ist das Beste an Kirgisistan?

 

Für Markus Huth ist die Sache klar: Die raue Landschaft mit ihren klaren Seen und den schneebedeckten Bergen des Tian-Shan-Gebirges hat es ihm angetan. Er ist vom riesigen Bergsee Yssyköl ebenso beeindruckt wie von der Umgebung des Kurorts Altyn-Araschan. Die Städte, die er mit seinem Freund kennenlernt, versprühen eher postkommunistischen Charme: Löchrige Straßen und Zäune und Dächer aus Wellblech machen einen ziemlich desolaten Eindruck. Doch sie machen fast immer gute Erfahrungen mit den Menschen: Sie finden in jedem Ort eine Unterkunft - auch mal in einer plüschigen Porno-Villa - und Einheimische, die ihnen weiterhelfen. Huth und seinem Freund kommt zugute, dass sie beide sehr gut Russisch sprechen; mit Englisch kommt man in Kirgisistan keine zehn Meter weit. Am Schluss ihrer Reise machen Huth und sein Begleiter einen Abstecher in das Dorf Rot-Front, das von Deutschen gegründet wurde. Dieses merkwürdige Erlebnis werden sie sicher nicht vergessen.

Wie war's?

 

Ohne Plan durch Kirgisistan hat mir sehr gut gefallen. Markus Huth erzählt seine Erlebnisse in einem sehr unterhaltenden Tonfall und vermittelt seinen Lesern nebenbei allerhand Wissenswertes über dieses Land, das viele von uns nicht auf Anhieb auf der Landkarte finden würden. Man reist im Geiste mit und ist gespannt, was den beiden Freunden auf der nächsten Seite passiert. In der Mitte befinden sich 27 Farbfotos, die das Gelesene anschaulich machen.
Wenn es etwas an diesem Buch zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass Huth einzelne geschichtliche Hinweise mehrfach gibt. Aber das fällt angesichts des ansonsten sehr positiven Leseeindrucks nicht ins Gewicht.
Ohne Plan durch Kigisistan ist im Penguin Verlag erschienen und kostet broschiert 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro.  
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Freitag, 15. Dezember 2017

# 128 - Wenn das Leben kopflos endet

Heile Welt in Berlin-Charlottenburg

 

Valentina und Georg leben mit ihren kleinen Kindern Mia und Lennard harmonisch in einer Villa und müssen sich weder um ihre eigene Zukunft noch die ihrer Kinder Sorgen machen. Auch der Morgen, an dem die Handlung des Thrillers Brandstifter von Martin Krist beginnt, ist einer von der Sorte, über die man sagen könnte "besser geht's nicht". Georg ist ein erfolgreicher Unternehmer und steht auch diesmal im Gegensatz zu seiner Frau früh auf, um am heimischen Schreibtisch Unterlagen zu bearbeiten. Als Valentina nach einer halben Stunde nach ihm sieht, findet sie ihren Mann tot im Arbeitszimmer vor: enthaupet, den Kopf auf der Schreibtischplatte abgelegt, die Zunge daneben auf einem Papierstapel.

Kein Stein bleibt auf dem anderen

 

Es ist schnell klar, dass Valentina und ihre Kinder ebenfalls in Gefahr sind, doch ihr und allen, die Georg gekannt haben, ist schleierhaft, welchen Grund es gegeben haben könnte, ein angesehenes Mitglied der Berliner Gesellschaft, das augenscheinlich keine Feinde hatte, auf so grausame Weise hinzurichten. Auch Valentina gerät in den Fokus der polizeilichen Ermittlungen und wird noch dazu mit dem Verrat eines ihr nahestehenden Menschen belastet.

Das Buch erzählt parallel auch die Geschichte von Luka, der mit seiner Uni-Liebe Nati verheiratet ist und mit ihr zwei Kinder hat. Luka ist der Typ Mensch, dem man ständig raten möchte, seinen Verstand einzuschalten und sich nicht ständig von Impulsen leiten zu lassen. Er schlittert auf der Suche nach einem Job in kriminelle Machenschaften, aus denen er nur herauskommt, wenn er im Auftrag größerer Krimineller weitere Straftaten begeht. Zumindest glaubt er das. Er sieht in der zufälligen Begegnung mit einem früheren Kommilitonen einen Silberstreif am Horizont, der es ihm und seiner Familie ermöglichen soll, ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber es kommt alles ganz anders, als er es sich vorgestellt hat: für ihn, Nati und die Kinder und auch für den ehemaligen Studienfreund. Nach und nach wird immer klarer, dass es eine Verbindung zwischen seinem Schicksal und dem von Valentina und Georg gibt.
Mittendrin ist der Privatermittler David Gross, der mit der Suche nach einem Augsburger Wissenschaftler beauftragt wird, der in Berlin am Rande einer Tagung spurlos verschwunden ist. Auch dieser Fall wird immer mysteriöser und am Ende steht die Erkenntnis, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Die Figur des David Gross wird als sehr zerrissen dargestellt. Der Ermittler hat mit Ereignissen aus der Vergangenheit zu kämpfen, aufgrund derer seine Frau entführt und bislang nicht gefunden wurde. Was es damit genau auf sich hat und warum Gross' Sohn im Rollstuhl sitzt, erschließt sich wohl erst, wenn man den Thriller Drecksspiel gelesen hat, der 2013 erschienen ist.

Lesen?

 

Ja! Brandstifter ist ein spannend gemachter und gut geschriebener Krimi, der seine Leser durchgehend bei der Stange hält. Hinter dem Pseudonym Martin Krist steckt der erfolgreiche Buchautor und frühere Journalist Marcel Feige, dessen Schreiberfahrung aus verschiedenen Genres sich in diesem Buch niederschlägt.

Brandstifter ist als Taschenbuch bei epubli erschienen und kostet 11,99 Euro. Es wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Freitag, 8. Dezember 2017

# 127 - Fake News und Lügenpresse - Was ist dran?

Was sind unsere Medien noch wert?

 

Der Professor für Journalistik und Medienmanagement Stefan Russ-Mohl macht sich in seinem Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde über die Entwicklung Gedanken, die Zeitungen, Fernsehsender und das Internet in den letzten Jahren durchgemacht haben. 

Wie wichtig ist die Wahrheit?

 

Die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Medien fühlen sich der Wahrheit verpflichtet. Alle weisen weit von sich, absichtlich Falschmeldungen in die Welt zu setzen. Die Absicht, die Leser, Zuschauer und Internetnutzer immer möglichst gut zu informieren, spricht Russ-Mohl ihnen auch nicht ab. Aber er wirft ihnen vor, auf der Jagd nach der neuesten Nachricht und mit dem Wunsch, immer ein kleines bisschen schneller zu sein als die Konkurrenz, ein Stück des Wahrheitsanspruchs über Bord geworfen zu haben. Etwas, was schnell gemeldet werden soll, kann nicht mehr gründlich überprüft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Nachrichten - wahre und falsche - durch die zunehmende Digitalisierung deutlich schneller verbreiten als noch vor ein paar Jahren.

Aber der Autor zeigt auch, dass sich die Mediennutzer gern auch mal an die eigene Nase fassen dürfen, ehe sie stetig "Lügenpresse" skandieren. Die sozialen Medien im Internet laden dazu ein, Meldungen ungeprüft mit einem "Like" zu bewerten und binnen Sekunden weiter zu verbreiten. Sehr oft gilt: Es wird für wahr gehalten, was bereits viele andere Nutzer für wahr halten, auch wenn es das nicht ist. Russ-Mohl zitiert hier die für die Neue Zürcher Zeitung schreibende Journalistin Sieglinde Geisel, die für dieses Verhalten den Begriff der "Schwarmdummheit" verwendet. 

Doch der Journalismus krankt noch an etwas anderem: Die "Geiz-ist-geil"-Mentalität hat auch dazu geführt, dass die Nutzer erwarten, aktuelle und selbstverständlich wahre Nachrichten zum Nulltarif zu erhalten. Dass hinter jeder belastbaren Meldung eine Recherche steckt, die mitunter sehr aufwendig sein kann, und Menschen dafür bezahlt werden und davon leben wollen, scheint die Konsumenten nicht zu interessieren. Tatsächlich glauben viele daran, dass gute Nachrichten umsonst zu haben sind. Russ-Mohl zeigt auf, dass dies ein Irrtum ist: De facto ist keine Meldung gratis. Aber der primäre Einfluss auf die Nachrichten geht immer weniger von den Verlagen oder Sendern selbst aus, sondern verlagert sich in eine Richtung, die uns nicht gefallen kann, wenn uns Wahrheit und der Erhalt der Demokratie auch in Zukunft wichtig sind.

Wir haben es in der Hand

 

Russ-Mohl vertieft sich auf sehr anschauliche Weise darin, seinen Lesern die Mechanismen der aktuellen Medienlandschaft und den Einfluss ihrer Nutzer auf sie nahezubringen. Er beruft sich auf etliche Studien, die kürzlich oder vor einigen Jahren zu diesem Thema erstellt wurden, sodass jede seiner Aussagen einen Beleg hat. Kaum ein Sachbuch, das ich in der letzten Zeit gelesen habe, wartet mit so vielen Fakten auf, sodass es den Rahmen dieses Textes sprengen würde, näher auf sie einzugehen. 

Mir ist unter all dem, was Russ-Mohl erläutert, ein Abschnitt besonders aufgefallen. Darin geht es um die massive Datensammlung, die nicht nur Internetkonzerne, sondern auch Geheimdienste ebenso wie einfache Behörden betreiben. Gepaart mit der großen Bereitschaft der Internetnutzer, ihre persönlichen Daten frei nach dem Motto "Ich habe ja nichts zu verbergen" einfach herzugeben und kombiniert mit der wachsenden Terrorangst warnt Russ-Mohl vor der Gefahr eines Überwachungsstaats, in dem nichts Persönliches mehr persönlich bleibt.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die wissen wollen, wie es um unsere Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist und welche Auswirkungen die Veränderung der Medienlandschaft auf unsere Gesellschaft hat.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23,-- Euro.  
Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Zu der Frage, inwieweit es Bestrebungen gibt, zugunsten des Kampfes gegen den Extremismus die Rechte der Bürger auszuhöhlen, habe ich mich in einem weiteren Blogtext beschäftigt. 

Montag, 4. Dezember 2017

# 126 - Jesus - Ein Baby wird juristisch durchleuchtet

Geht beim Christkind alles mit "rechten Dingen" zu?



Auch an der Bücherkiste geht das sich nähernde Weihnachtsfest nicht spurlos vorüber. Da liegt es nahe, sich die Weihnachtsgeschichte einmal aus rechtlicher Sicht näher anzusehen. Das haben die beiden Juristen Jens-Peter Gieschen und Klaus Meier in ihrem Buch Der Fall »Christkind« getan - und zwar schon 1993.



Rechtswissenschaft trifft auf Theologie




Die Autoren beklagen zu Recht, dass sich zwar schon etliche Juristen an der Verurteilung und Kreuzigung von Gottes Sohn abgearbeitet haben, sich aber bislang niemand um die rechtliche Würdigung der Umstände seiner Zeugung und Geburt gekümmert hat. Diesem Missstand helfen sie in ihrem Buch endlich ab und halten sich selbstverständlich immer streng an rechtswissenschaftliche Grundsätze. Gieschen und Meier widmen sich beispielsweise der Frage, inwieweit Jesus' Vorfahren inzestuöse Beziehungen im Sinne des § 173 Strafgesetzbuch (StGB) eingegangen sein könnten. Ein Gedanke, den man nicht so einfach vom Tisch wischen sollte: In Matthäus Kapitel 1, Vers 1 bis 17 ist von nur fünf Frauen, aber immerhin vierzig Männern die Rede, wobei Letztere immer in Vater-Sohn-Verhältnissen genannt werden. Die Geschichte ist zwar schon wirklich, wirklich alt, aber mal ganz ehrlich: Das macht schon nachdenklich.

Auch die Frage, wie es zu Marias Schwangerschaft kommen konnte, obwohl sie doch ausdrücklich als Jungfrau bezeichnet wird, beschäftigt die beiden Autoren. Diese immer wieder von der Kirche diskutierte Frage ruft auch Gieschen und Meier auf den Plan: Mit einem kurzen Exkurs in die Biogenetik denken sie über die Möglichkeit der Luftbestäubung nach (man denke an Parallelen zur Bestäubung von Windblütlern) und verfolgen die "Zwei-Zentimeter-Theorie". Um niemandem zu nahe zu treten, will ich hier lieber nicht ausführen, worum es sich dabei genau handelt. Klar, dass hier die strafrechtliche Würdigung nicht fehlen darf. Die Autoren lassen nichts aus, bis sie bei der Beschneidung und Namensgebung angekommen sind. Damit sich die Leser zufrieden zurücklehnen und das Fest von Jesu Geburt feiern können, schließt die juristische Betrachtung mit dem nun rechtlich einwandfreien Beginn der Evangelien nach Lukas und Matthäus.

Ein brandaktuelles Thema - auch nach über 2000 Jahren

 

Der Fall »Christkind« ist im Eichborn Verlag erschienen, was klar macht, mit wie viel "Ernsthaftigkeit" Gieschen & Meier sich dieses wichtigen juristisch-theologischen Themas angenommen haben. Das Buch bedient nicht die sonst häufige feierliche Getragenheit anderer Titel, in denen es um die Weihnachtsgeschichte geht. Das mehrseitige Literaturverzeichnis belegt, dass die Autoren trotz des literarischen Augenzwinkerns immer seriöse Quellen herangezogen haben.
Der Fall »Christkind« kann nur noch antiquarisch erworben werden.

Montag, 27. November 2017

Es geht weiter mit dem Polar Verlag

Ende September habe ich in diesem Blog geschrieben "Polar Verlag meldet Insolvenz an". Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass dem unabhängigen Verlag mit seinem ambitionierten Programm das nahe Ende drohen würde. Umso mehr freue ich mich, dass das Ruder herumgerissen werden konnte:

Wie das Börsenblatt berichtet, hat sich im letzten Moment ein Geldgeber aus dem süddeutschen Raum gemeldet, der den Verlag vollständig übernehmen wird. Sein Name soll noch nicht öffentlich gemacht werden, aber es ist geklärt, dass der bisherige Eigentümer Wolfgang Franßen als Herausgeber und Programmleiter dem Verlag erhalten bleiben wird. Der Finanzier will die bekannte Linie, die er sehr schätzt, beibehalten. In Zukunft sollen pro Jahr vier Titel von internationalen und ebenso viele von deutschsprachigen Autoren erscheinen.
Zur Leipziger Buchmesse 2018 will der Polar Verlag mit zwei neuen Titeln vertreten sein. Außerdem wird über einen "Deutschen Polar Preis" nachgedacht. 

Ich wünsche dem Polar Verlag viel Erfolg und seinen Lesern zahlreiche weitere spannende Krimis.

Dienstag, 21. November 2017

# 125 - Hannovers historisches Gruseln

"Warte, warte nur ein Weilchen,..."

 

Ich habe mal wieder in den Tiefen meiner Bücherregale gekramt und dabei ist mir dieses Buch in die Hände gefallen: Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs aus dem Jahr 1989, recherchiert und beobachtet von Theodor Lessing.
Fast jeder, der in oder um Hannover zu Hause ist, kennt den Refrain eines Liedes, dessen Anfang in der Überschrift steht, und viele wissen auch, wie es weitergeht: "...bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus dir." Fast jede Gegend hat "so Einen": einen Serienmörder, der auch noch lange nach seinem Tod bei den Menschen, die von seinen Taten wissen, ein Schaudern hervorruft. In Brandenburg war es Willi Kimmritz, in München Johann Eichhorn, in Frankfurt Arthur Gatter und in Hannover Friedrich „Fritz“ Heinrich Karl Haarmann. In einem Schauprozess vor dem Schwurgericht Hannover wurden seine Taten 1924 verhandelt. Der jüdische Philosoph, Psychologe und damalige Hochschulprofessor Theodor Lessing hat so lange dem Prozess beigewohnt und ihn protokolliert, bis man ihn wegen seiner öffentlich geäußerten Kritik an dem Verfahren ausschloss.

Ein einziges staatliches Versagen

 

Lessing beobachtete das Geschehen im Gericht damals sehr genau und hatte etliche Dinge an den Ermittlungen und dem Strafverfahren gegen den Serienmörder Haarmann auszusetzen. Zwischen 1918 und 1924 hatte Haarmann mindestens 24 Jungen und junge Männer auf grausame Weise umgebracht, die Toten zerteilt und ihr Fleisch an Marktbeschicker verkauft. Sehr wahrscheinlich hat es noch mehr Opfer gegeben, aber nur diese konnten ihm zweifelsfrei zugeordnet werden. Haarmann konnte fast unbehelligt agieren, weil die Polizei nicht auf ihn aufmerksam wurde: Als ihr Spitzel betrachtete sie ihn fast als einen der ihren. Erschwerend kam hinzu, dass die Kriminalpolizei in Hannover damals deutlich unterbesetzt und personell gar nicht in der Lage war, bei jeder Vermisstenmeldung aktiv zu werden. Der Großteil der gefundenen Spuren stammte deshalb auch von den Angehörigen der Vermissten, die sich selbst auf die Suche gemacht hatten, oder von Privatdetektiven.
Haarmanns "Jagdrevier" war der Hauptbahnhof, zu dem er quasi als Mitarbeiter der Polizei Tag und Nacht ungehindert Zugang hatte und nicht wie die Reisenden eine Fahrkarte benötigte. Er hat sich seine Kenntnisse der Polizeistrukturen zunutze gemacht und hatte Zugang zu verschiedenen Informationskanälen. 

Ach, wer braucht schon unabhängige Gutachter...

 

Lessing machte sich bei Gericht als Prozessbeobachter nachhaltig unbeliebt, als er den Finger in die Wunden legte und erläuterte, welche Gutachter maßgeblich zum Verfahrensverlauf beigetragen haben. Darunter fand sich ein Gerichtsmedizinalrat, der Haarmann Jahre zuvor für geistig gesund erklärt hatte; ein weiterer Gerichtsmedizinalrat, der das bei Haarmann gefundene Menschenfleisch nach kurzer Untersuchung als Schweinefleisch klassifizierte; nicht zuletzt ein Geheimer Medizinalrat, der sich zunächst alle früheren Gutachten ansah, bevor er sich ein eigenes Urteil bildete.  
Lessing kritisierte auch den Umstand, dass Haarmanns Geständnisse erst durch den Druck der Polizei während der Vernehmungen zustande gekommen waren. Er legte im Gegensatz zum Gericht auch Wert darauf, sich Haarmanns Lebensweg näher anzusehen.
Letzlich lag dem Gericht nur daran, den Prozess schnell voranzutreiben und die Nachlässigkeiten bei den Ermittlungen zu vertuschen. Doch Lessings stärkster Vorwurf an das Gericht betrifft dessen Urteil gegen Haarmanns früheren Freund Hans Grans, das er als Justizmord bezeichnet.

Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs ist in der Sammlung Luchterhand herausgegeben worden und enthält neben Lessings Prozessbeobachtungen auch kurze Schilderungen anderer Mordfälle, die von Serientätern verübt wurden, sowie einige historische Fotos. Es ist ein sehr interessanter Blick in eine Zeit, von der man beim Lesen meinen könnte, dass sie nicht rd. 90 Jahre, sondern schon viel länger zurückliegt. Lessings Aufzeichnungen sind derzeit z. B. beim Verlag Projekt Gutenberg-De erhältlich. Die mir vorliegende Ausgabe gibt es nur noch antiquarisch.

Über Theodor Lessing

Theodor Lessing hat aus seinen Ansichten keinen Hehl gemacht und zog nach dem Haarmann-Prozess auch mit seinen kritischen Gedanken über eine mögliche Präsidentschaft Hindenburgs den Unmut der konservativen Kreise auf sich. Dieser Unmut steigerte sich auf Betreiben der Nationalsozialisten zu Hass, sodass Lessing im März 1933 nach Prag floh. Er ließ sich mit seiner Frau in Marienbad nieder, wo er im August 1933 erschossen wurde, nachdem in tschechoslowakischen Zeitungen ein von Reichspropagandaminister Goebbels ausgesetztes Kopfgeld von 80.000 Reichsmark ausgeschrieben worden war.