Samstag, 17. März 2018

Leipziger Buchmesse 2018 - ein Eindruck nach zwei Tagen Messe

Wie war's bis jetzt?

 

Zwei Tage LBM18 sind vorbei, Zeit für eine kurze Zwischenbilanz. Ich bin dort als Buchbloggerin mit Presseausweis, was einige Vorteile mit sich bringt: Ich zahle keinen Eintritt, die separate Garderobe ist gratis, das Parken ebenso und das
LBM 2018 - Halle Presseeingang

Journalistenrestaurant bietet Essen zu günstigen Preisen an. Als Erkennungsmerkmal trägt man während des Messebesuchs den Presseausweis an einem blauen Band um den Hals. Das erinnert an die bunten Armbändchen in All-inclusive-Hotels. Die Organisation rund um Anfahrt und Akkreditierung habe ich im Vergleich zur Frankfurter Buchmesse als besser empfunden. Doch weiter mit dem eigentlichen Messebesuch.

Halle 1: Bunter geht es nicht

 

Dies ist mein erster Besuch auf der Leipziger Buchmesse. Aus Gründen, die in meiner Person liegen, überlege ich mir vor solchen Großveranstaltungen genau, ob es sich für mich lohnen könnte, die Mühe eines Besuchs auf mich zu nehmen. Der Aufwand ist etwas größer, da mich eben wegen dieser persönlichen Gründe eine Person begleitet. Wie schon in Frankfurt wie auch jetzt in Leipzig ist meine Freundin bei mir, die mich seit 40 Jahren kennt und erträgt. Danke Sabine!
Vom Presseeingang aus kommt man an der bestimmt buntesten Halle vorbei: Gleich in Halle 1 findet die Manga-Comic-Con statt. Da geht das Herz allen auf, die sich für Mangas, Comics, Animes und Games interessieren. Meins nicht, weil mich das nicht besonders anspricht, aber die Besucher sind vom Jugendlichen bis zum Erwachsenen phantasievoll verkleidet. Von Kostümen von der Stange bis zu aufwendigen selbstgemachten ist alles dabei. Wem das noch nicht genug ist, der belässt es nicht nur bei schillernder Kleidung, auffälligen Perücken oder geschminkten Gesichtern, sondern setzt sich auch noch ein blinkendes Geweih auf. Man fällt eher auf, wenn man in normaler Kleidung herumläuft. 


Vorträge und Lesungen

 

Ich habe mir sehr unterschiedliche Lesungen angesehen und gebe zu, dass ich offensichtlich von falschen Voraussetzungen ausgegangen bin. Der Auftritt bei einer so großen Veranstaltung mit einer breiten Wirkung sollte gut vorbereitet sein. Das dachte ich zumindest. Eine Autorin, deren Buch in einem Publikumsverlag erschienen ist und die für ihr Werk einen Preis erhalten hatte, wurde von einer Dame angekündigt, die offenbar eine Verlagsmitarbeiterin war. Sie schien so etwas nicht so oft zu machen, ihr Part wirkte unsicher und nicht professionell. Die Autorin las eine knappe halbe Stunde einige Teile aus ihrem Buch, die sie sich in einer Mappe zusammengestellt hatte. Aber nicht nur das Mikrofon war nicht optimal eingestellt, die Autorin hatte offenbar auch keine Übung im Vorlesen. Ihre Stimme schwankte, und teilweise las sie den Text so betont vor, dass es anstrengend wurde, ihr zuzuhören. Ich verstehe nicht, dass ein großer Verlag solch einen Termin, der den Verkauf ankurbeln soll, nicht besser und professioneller vorbereitet. 
Ein Self Publisher hat auf einer anderen Bühne aus seinem neuesten Krimi vorgelesen, der in Norddeutschland spielt. Er wirkte zwar etwas verloren, kam aber gut rüber. Ich habe vor so einem Einsatz Respekt, weil sich Self-Publishing-Autoren um alles selbst kümmern müssen und es schwer haben, gegen Publikumsverlage zu bestehen. 
Ein Poetry-Slammer hat ebenfalls aus seinem Buch gelesen. Ich habe bisher nicht gewusst, dass Slammer das, was sie auf der Bühne machen, auch in Büchern veröffentlichen. Fehlt da nicht das ganze Atmosphärische, was deren Auftritte auch ausmacht? Dieser Autor hatte - wen wundert's - die nötige Bühnenerfahrung, um sein Publikum gut zu unterhalten.
Mehr zufällig habe ich dann bei einem Vortrag zugehört, der von einem großen deutschen Nachrichtenmagazin veranstaltet wurde. Diese Wochenzeitschrift ist u. a. bekannt dafür, dass sie wöchentlich aktuelle Bestsellerlisten veröffentlicht. Bücher, die dort mal aufgetaucht sind, bekommen einen orangen Aufkleber aufs Cover. Jetzt weiß ich, wie diese Bestsellerlisten zustande kommen. Bisher habe ich geglaubt, es ginge nur um die Bücher mit den höchsten Verkaufszahlen. Okay, das spielt auch eine Rolle, aber eben nicht nur: Die tatsächlichen Bestsellerlisten werden dann noch mal "bereinigt". Titel, die so etwas wie Evergreens sind, fliegen sofort raus: Der Duden und die Bibel wird man darum nicht in diesen Listen sehen. Außerdem erhebt man den Anspruch, dass die erstellten Bestsellerlisten einen Trend widerspiegeln sollen. Eine Flut von Bibelkäufen, die möglicherweise eine neue Hinwendung der Buchkäufer zum Religiösen markieren könnte, würde zumindest in dieser manipulierten Liste außen vor bleiben. 


Und sonst so?

 

Um sich das anzusehen, was die großen Publikumsverlage neu auf den Markt gebracht haben, muss man nicht zur Buchmesse gehen. Neben brandaktuellen Titeln liegen auch solche, die schon vor etlichen Jahren auf den Markt gebracht wurden. Deshalb habe ich meinen Schwerpunkt auf unabhängige Verlage und Self Publisher gelegt. Das war auch aus einem anderen Grund gut: Trotz meines am Hals baumelnden Presseausweises spricht das Standpersonal der großen Verlage nur mit den eigenen Kollegen oder Menschen, mit denen vorab bereits Treffen abgesprochen worden sind. Andere werden schlicht ignoriert. Ich finde das angesichts der schwindenden Anzahl von Buchkäufern erstaunlich. Kein Kontakt zu Lesern, kein Kontakt zu Bloggern. Immer wieder lese ich in der Presse und im Internet, dass die Verlage die Wichtigkeit von Buchbloggern und deren Einfluss auf die Leserschaft erkannt haben, aber an den Ständen der großen Verlagshäuser macht sich das nicht bemerkbar. Man sitzt zusammen, stößt hier und da mit einem Glas Sekt an und findet sich augenscheinlich großartig. Soweit mein subjektiver Eindruck.
Ganz anders bei den unabhängigen Verlagen: Dort habe ich erlebt, dass man um den Kontakt zu den Lesern bemüht ist und auch die Schwierigkeiten anspricht, unter denen dort gearbeitet wird. An mehreren Ständen habe ich mit Autoren und Verlegern sehr nette Gespräche geführt. Vielleicht ergibt sich daraus etwas Neues.
Als sehr kontaktfreudig habe ich auch die Mitarbeiter an den Ständen der Unis empfunden. Es ist ganz ungewohnt, gefragt zu werden, ob man etwas suche oder Hilfe benötige und auf Fragen kompetente Antworten zu bekommen.

Dieser Text ist am Morgen des dritten Messetages entstanden. Der Großraum Leipzig liegt unter einer geschlossenen Schneedecke, der Verkehr auf den Bundesstraßen und Autobahnen geht zum Teil im Schneckentempo oder oft auch gar nicht vorwärts. Mal sehen, wie es heute weitergeht. 

Freitag, 16. März 2018

# 140 - "The German" in den USA


Nichts wie weg aus Schleswig-Holstein



Joachim Meyerhoff schreibt in seinem Buch Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika über sein Leben als Teenager Mitte der 1980er Jahre, als er als norddeutsches Landei nichts anderes will, als möglichst weit weg von zu Hause etwas völlig Neues zu machen. Dank einer Finanzspritze seiner Großeltern verbringt er als Achtzehnjähriger ein Jahr in den USA: bei Hazel und Stan, sehr religiösen Eltern von drei Söhnen, von denen einer noch bei ihnen lebt. Es verschlägt Meyerhoff nach Laramie im Bundesstaat Wyoming, eine Gegend, die nur aus Prärie zu bestehen scheint und wo die Fernsehsender tagein tagaus einen Western nach dem anderen senden. Diese Situation hat er in einem Moment der vermeintlichen Cleverness selbst herbeigeführt: Als er beim Auswahltermin der Austauschorganisation in Hamburg nach seinen Vorlieben gefragt worden war, hatte er versucht, so zu antworten, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit ausgewählt werden würde. Mit ihm hatten sich nur noch schnöselige Jugendliche aus wohlhabenden Elternhäusern beworben, die fast alle aus Hamburg kamen - der Stadt, die aus Sicht von Meyerhoff mit einem geheimnisvollen Großstadtflair umwabert war. Da konnte er nur noch punkten, wenn er das mutmaßliche Gegenteil dessen angab, was seine Konkurrenten ankreuzen würden: tiefe Religiosität, der Wunsch nach dem Leben auf dem Land und große Genügsamkeit. Die Tatsache, dass seine Englischkenntnisse nur lückenhaft waren, verschwieg er.

"The German" mitten im Kulturschock


In Amerika lernt er viel über die dortige Kultur kennen: Sport spielt eine sehr große Rolle, und er fühlt, dass er erst mit der Aufnahme in das Basketballteam seiner Schule richtig angekommen ist und akzeptiert wird, auch wenn der Spitzname "The German" an ihm klebt wie Kaugummi an der Schuhsohle. Er registriert die Selbstverständlichkeit von Waffenbesitz, und irritiert nimmt er die Begeisterung seiner Gasteltern für eine Familienserie zur Kenntnis, in der täglich ein vorher angekündigtes Essen zubereitet und von der TV-Familie überschwänglich gelobt wird - parallel wird diese Mahlzeit auch in seinem neuen Zuhause aufgetischt und entsprechend kommentiert. 
Meyerhoff lernt ein Mädchen kennen, macht erste Erfahrungen mit der Sexualität, freundet sich geduldig mit dem misstrauischen Pferd seines ihn quälenden Gastbruders an und fühlt sich mehr und mehr zugehörig und zuhause. Doch dann reißt ein Anruf seines Vaters ihn aus diesem neuen Leben: Sein mittlerer Bruder, der in Kürze mit seinem Medizinstudium beginnen wollte, ist bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Meyerhoff reist für die Beerdigung zurück nach Deutschland, schafft es aber nicht, seine Trauer zuzulassen. Nach wenigen Wochen reist er zurück zu Hazel und Stan, um sein Auslandsjahr fortzusetzen. Über den Kontakt zu einem seiner ehemaligen Lehrer in Laramie lernt er im örtlichen Gefängnis flüchtig den zum Tode verurteilten Doppelmörder Randy Hart kennen und verspricht ihm, ihm zu schreiben. Randy ist der Sohn eines US-Soldaten und einer Deutschen, hat die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht und wurde später als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert, wo er einen Tankwart und dessen Frau erschoss. Tatsächlich entwickelt sich daraus eine Brieffreundschaft, die Meyerhoffs Abreise aus den USA überdauert - auf Deutsch.
Zurück in Deutschland erlahmt der Eifer des Autors, Hart weiter zu schreiben. Er möchte keinen Kontakt mehr zu ihm und fühlt sich durch dessen alle paar Tage eintreffenden Briefe unter Druck gesetzt. Dann kommt jedoch ein Brief, der nichts anderes ist als ein Hilferuf: Hart bittet Meyerhoff um seine Unterstützung, weil in seiner Angelegenheit wohl eine Entscheidung bevorstehe. Schon eine Woche später steht Hart überraschend vor der Tür der Familie Meyerhoff in Schleswig-Holstein.


Lesen?

 

Das Buch ist am Anfang wegen der zahlreichen Rückblicke auf Meyerhoffs Leben als Kind etwas schleppend, sodass man sich fragt, ob und wann er wohl in diesem Buch endlich in den USA ankommen würde. Danach ist es in jeder Hinsicht emotional, ohne dabei aber in Gefühlsduselei abzugleiten: Meyerhoff schreibt über sich selbst mit viel Humor und reflektiert auch sein damaliges Unvermögen, mit dem Tod seines Bruders umzugehen. Völlig überraschend erhält er Unterstützung von einer unerwarteten Seite. Wie auch der hier schon vorgestellte zweite Teil der Buchserie mit dem Titel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war ist auch dieser Roman eine gelungene Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit.

Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro.

Freitag, 9. März 2018

# 139 - Ein Krimi, der nicht wirklich ein Krimi ist

Warum wird ein Mensch zum Mörder?

 

Diese Frage scheint zunächst eindeutig auf einen Krimi hinzuweisen, und auch die Autorin Irene Matt zählt ihr Buch Der Augenblick zu dieser Kategorie. Man kann das aber durchaus auch anders sehen.

Eine Leiche macht noch keinen Krimi

 

Irene Matts Roman ist von Tragik durchzogen: Renate Weiss ist eine junge, alleinstehende Frau, die erfolgreich in der Werbebranche arbeitet. Als Ausgleich zu ihrem stressigen Job geht sie regelmäßig in Herrischried in der Nähe von Waldshut im Schwarzwald joggen. Am Tag, an dem das Unglück seinen Lauf nimmt, ist es drückend heiß. Die junge Mutter Sybille Brüning fährt gerade ihren kleinen Sohn Marcel in seinem Kinderwagen spazieren, als sie sich völlig erschöpft an eine Böschung setzt und fast sofort einschläft. Wenige Minuten später passiert Renate Weiss den Kinderwagen, sieht in die blauen Augen des Babys und drückt ihm wie in Trance das Tuch aufs Gesicht, mit dem es zugedeckt ist. Als Renate wieder klar denken kann, entfernt sie das Tuch, kann sich aber an die letzten Momente nicht erinnern. Sie realisiert, dass das Baby nicht mehr lebt, gerät beim Anblick von dessen toten Augen in Panik und verscharrt es notdürftig in einem nahen Waldstück. Dann setzt sie ihre Laufrunde und auch ihr Leben fort, als wenn nichts passiert sei.
Die Kommissarin Alexandra Keller wird mit den Ermittlungen beauftragt, aber es gibt keine Spuren und keine Zeugen. Das Baby wird trotz einer umfangreichen Suchaktion nicht gefunden. Erst nach ein paar Tagen entdecken Kinder, die mit ihrer Oma im Wald Blaubeeren sammeln, zufällig die Leiche. Doch auch der Fund des toten Marcel bringt die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht weiter.

Ein Schlüsselerlebnis bringt die Wende

 

Renate Weiss schafft es, die grauenvolle Tat im hintersten Winkel ihrer Seele zu verschließen und ihr Leben wie gewohnt weiterzuführen. Nach einem Besuch bei ihrer Patentochter an Heiligabend verfährt sie sich auf dem Heimweg im Schneetreiben und sieht vor sich plötzlich die katholische Kirche von Todtmoos, in die Menschen zum Gottesdienst strömen. Renate entschließt sich spontan, an der Christmette teilzunehmen. Der Eindruck des Gottesdienstes legt in ihr einen Schalter um und sie beschließt, sich schon einen Tag später in Begleitung des Paters bei der Mordkommission zu stellen. Das, was einen Krimi typischerweise ausmacht, ist hier also zu Ende. Nun beginnt der psychologische Teil: Kommissarin Keller hat einen guten Kontakt zu ihrem Ausbilder Hermann Rau, einem Psychologen und Fallanalytiker. Keller erzählt Rau von Renate Weiss, die nichts von einer typischen Mörderin an sich hat. Er vermutet daraufhin, dass Weiss aufgrund einer schweren Traumatisierung die Tat begangen hat und  schlägt seiner Kollegin vor, Weiss und einige andere verurteilte Straftäter in eine besondere Studie einzubinden, die ein Jahr dauern soll. Dabei geht es Rau darum, die Menschen nicht in erster Linie an ihren Straftaten zu messen, sondern sie in ihrer Ganzheit zu sehen. Nachdem das Projekt vom Innenminister genehmigt worden ist, werden alle Teilnehmer für die Dauer der Studie in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Mithilfe eines Tagebuchs versucht Renate Weiss, sich nach und nach dem Kern ihres Problems zu nähern.

Wie war's?

 

Der Augenblick hat aus meiner Sicht zu wenige Elemente eines Krimis, um als solcher zu gelten. Es ist vielmehr eine Betrachtung der Psychotraumatologie, die in einen Roman gegossen wurde. Es geht einerseits um die patientenzentrierte Gesprächstherapie nach C. Rogers und andererseits um die tiefenpsychologischen Erkenntnisse des Psychoanalytikers Fritz Riemann, die im Laufe der Handlung erläutert werden. Das Buch wirkt auf mich, als hätte sich die Autorin nicht entscheiden können, ob sie eine Abhandlung oder einen Roman schreiben möchte. 
Manchen Passagen mangelte es an Glaubwürdigkeit: So spielt sich ein Teil der Handlung während der Gruppensitzungen in der psychiatrischen Klinik in von Alexandra Keller verfassten Sitzungsprotokollen ab. Diese sind jedoch nicht sachlich und knapp formuliert, wie es Protokolle normalerweise an sich haben, sondern wie ein Romantext mit wörtlicher Rede und den ebenfalls wörtlichen Gedanken der Teilnehmer. Auch an anderen Stellen hätte ich das Eingreifen eines Lektors begrüßt.
Insgesamt lässt sich der Titel gut lesen und vermittelt viel über die Psychotraumatologie, über die sich Irene Matt als Mediatorin und Telefon- und Krisenseelsorgerin sicher auch gut auskennt. Aber das Buch ist kein Krimi. Interessant ja, wirklich spannend nein.

Der Augenblick ist im Schardt Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 12,80 Euro. Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Freitag, 2. März 2018

# 138 - Märchenhafte Geschichte für alle

Warum werden die Uhren im Herbst umgestellt?

 

Die Familie Schina, bestehend aus den Eltern und der achtjährigen Lenka, ist fast ununterbrochen mit dem Zug unterwegs. Der Vater Leosch ist ein sehr kreativer Erfinder, und um seine Neuheiten verkaufen zu können, muss er sie seinen Interessenten direkt zeigen und vorführen. In der Zeit der Habsburgermonarchie, in der Der Mann in der Uhr von Vratislav Maňák spielt, war das Telefon der Gipfel der Telekommunikation. Im Augenblick ist die Familie dabei, ein zusammenklappbares Hotelzimmer in ganz Europa anzubieten. 
Lenka ist sehr aufmerksam, wissbegierig und genau. So kommt es, dass sie, als die Familie eines Tages auf dem Bahnhof von Böhmisch Mohnberg aus dem Zug steigt, bemerkt, dass mit der Bahnhofsuhr etwas nicht in Ordnung ist. 

Der menschliche Zeiger

 

Lenka hört über sich einen leisen Gesang, der eindeutig aus der großen Bahnhofsuhr mit ihren goldenen Zeigern kommt. Doch bei näherem Hinsehen bemerkt sie, dass der kleine Zeiger gar kein richtiger Zeiger ist: Uhrmachermeister Weiß hat dessen Stelle eingenommen, nachdem sein Konkurrent, der Uhrmachermeister Finster, ihn gestohlen hat. Finster tat es aus Rache, weil er den vom Bürgermeister ausgeschriebenen Wettbewerb um den Bau einer neuen Bahnhofsuhr gegen Weiß verloren hatte. Seit etlichen Jahren schon ersetzt der bestohlene Uhrmacher nun schon den fehlenden Zeiger, und sein Handwerkerstolz verbietet es ihm, seine mit viel Liebe und Aufwand hergestellte Uhr unvollständig zu lassen. Doch mit der pfiffigen Lenka kommt nun  Hilfe aus einer unerwarteten Richtung. Das Mädchen und der Uhrmacher versuchen, den gestohlenen Zeiger zurückzuholen und begeben sich dafür in große Gefahr. Dabei kommt ihnen eine andere praktische Erfindung von Lenkas Vater zu Hilfe.

Wie war's?

 

Der Mann in der Uhr ist eine Art Märchen, das sich sowohl für Kinder als auch für Erwachsene eignet. In der Handlung sowie in den sehr liebevoll gestalteten Illustrationen kommt deutlich der Jugendstil zum Ausdruck, der in dieser Zeit seine Hochphase hatte. Das Buch ist eine Mischung aus Krimi und Steampunk und schließt mit einer Erkenntnis, die der Uhrmachermeister Weiß aus den Erlebnissen mit Lenka gewonnen hat. Auch die Frage nach der Umstellung der Uhren wird beantwortet.

Vratislav Maňák wurde in Westböhmen geboren und hat Medienwissenschaften und Journalismus studiert. 2012 gewann er für sein erstes Buch den tschechischen Jiří-Orten-Literaturpreis.
Die Illustrationen stammen von Igor Kuprin. Kuprin hat in Hamburg Illustration studiert, seine Illustrationen sind in über einhundert Büchern sowie mehreren Zeitschriften veröffentlicht worden. 

Der Mann in der Uhr ist im Februar 2018 im Karl Rauch Verlag. Das gebundene Buch mit Lesebändchen kostet 16,-- Euro. 
Ich bedanke mich bei der Agentur Schwind Kommunikation, die mir den Titel zur Verfügung gestellt hat.

Samstag, 24. Februar 2018

# 137 - Unterwegs an der Algarve

Jetzt kommt Urlaubsstimmung auf

 

Ich habe den Frühling schon mal vorgezogen und war in Portugal. Genauer: an der Algarve, der Region am Atlantik, die pro Jahr von mehr als 3.000 Sonnenstunden verwöhnt wird. Keine Reise ohne einen Reiseführer. Seit vielen Jahren sind für mich die Baedeker-Reiseführer erste Wahl; wahrscheinlich auch deshalb, weil sie mir schon viele gute Tipps geben konnten und ich mich an das Schema gewöhnt habe. Ich habe mich diesmal für den Band Algarve aus der Reihe Baedeker SMART entscheiden. 

Klein und handlich, aber alles drin

 

Die Reihe SMART hat alles, was auch einen "normalen" Baedeker-Reiseführer ausmacht: Es gibt Routenvorschläge für Wanderungen, Fahrradtouren und Autofahrten, die Besonderheiten der einzelnen Regionen der Algarve werden vorgestellt und das Buch wartet auch diesmal mit vielen tollen Fotos auf. Natürlich fehlen auch Einkaufs-, Hotel- und Restauranttipps ebensowenig wie ganz praktische Hinweise. Auch der kleine Bruder des großen Reiseführers hat in einer Plastikhülle eine Reisekarte. Der große Unterschied zu einem klassischen Baedeker-Reiseführer ist allerdings, dass man schnell zum Punkt kommt: Es wird darauf verzichet, auch die klitzekleinste Sehenswürdigkeit bis ins Detail zu beschreiben; erfreulicherweise wird auch dezent darauf hingewiesen, wenn man sich eine touristische Attraktion sparen kann.
Ein paar Beispiele: Das Buch empfiehlt eine Autorundfahrt durch die Serra de Monchique. Wenn man sich von den Algarve-Stränden mal lösen will und das Hinterland kennenlernen möchte, ist der Ausflug in die portugiesische Bergwelt eine sehr gute Alternative. Im Frühling sind die Straßen dort kaum befahren, und man fährt gemächlich vorbei an verschlafenen, idyllisch gelegenen Dörfern, Orangenhainen, großen Gärten voller Korkeichen und Eukalyptusbäumen. Wer Lust hat, kann einen Abstecher zur Talsperre Barragem de Odelouca, dem größten See, und danach zum Fóia, dem mit 902 Metern höchsten Gipfel der Algarve, machen. 
Ein anderes sehr schönes Erlebnis, das der SMART-Reiseführer empfohlen hat: Wer die traditionelle portugiesische Musik Fado kennenlernen möchte, ist bei der Kulturvereinigung Fado com História bestens aufgehoben. In einem kleinen Raum in der Altstadt von Tavira an der Ostalgarve werden täglich mehrere Kurzkonzerte veranstaltet. Eine tolle Erfahrung. Der Fado zählt übrigens zu den imateriellen Weltkulturerben der UNESCO.

Wer nur wenig Zeit hat, die Algarve zu erkunden, ist mit den Vorschlägen für Kurztrips zwischen einem und drei Tagen bestens bedient.

Wie war's?

 

Der Reiseführer Algarve aus der Reihe Baedeker SMART ist perfekt, wenn man die wichtigsten Highlights nicht verpassen will. Seine Spiralbindung ist sehr praktisch: So bleibt das Buch dort aufgeschlagen, wo man es möchte.  

Der Reiseführer ist 2016 erschienen und kostet mit Spiralbindung 14,99 Euro und als E-Book (pdf) 11,99 Euro.

 

Dienstag, 20. Februar 2018

# 136 - So geht's zu in der EU

Deutscher Buchpreis für den Blick in das Innerste der EU

 

Robert Menasse wirft in seinem Roman Die Hauptstadt einen vielschichtigen Blick hinter die Kulissen der EU-Bürokratie. Wer bis jetzt noch glaubte, dass das bürokratische Handeln immer dem Wunsch nach einer gestärkten gemeinsamen Identität der Mitgliedsländer folgt, wird hier lesen, dass das nicht unbedingt so ist. 

Ein runder Geburtstag muss würdig gefeiert werden

 

Da sind sich bestimmt fast alle einig. Für die zypriotische EU-Beamtin Fenia Xenopoulou ist die EU-Verwaltung vor allem eines: die ideale Möglichkeit, es mit Fleiß und Kompetenz auf der Karriereleiter immer weiter nach oben zu schaffen. Sie hat eine erstklassige Ausbildung, sie ist zielstrebig, doch nun ist sie ausgerechnet in der Generaldirektion Kultur gelandet. Ihre neue Position als Leiterin der Kommunikation kann über die Bedeutung dieses Bereichs nicht hinwegtäuschen: unwichtiger ist keine andere der EU-Generaldirektionen. Doch als sie den Auftrag bekommt, sich etwas zu überlegen, das das in der Öffentlichkeit ramponierte Image der EU aufpoliert, greift sie die Idee ihres Mitarbeiters Dr. Martin Susman auf: Der 60. Geburtstag der EU-Kommission steht bevor, und da es sich um eine sinnstiftende Idee handeln soll, die die Bürger aller Mitgliedsstaaten anspricht, schlägt Susman eine Aktion vor, die in Zusammenhang mit der Überwindung des Holocausts steht. Dabei soll die KZ-Gedenkstätte in Auschwitz im Mittelpunkt stehen: Hinter dem Wunsch, das Martyrium zu überleben, traten damals alle Unterschiede, die es zwischen den Inhaftierten gab, zurück. Herkunft und Religion spielten dort keine Rolle mehr. Auf der Grundlage dieser Erfahrung und der allgemein akzeptierten Einsicht, dass sich das, was in Auschwitz und allen anderen Konzentrationslagern geschehen ist, nicht wiederholen darf, wurde eine Einigung Europas erst möglich. Im Kern geht es also um die Überwindung eines Nationalgefühls zugunsten des Bewusstseins, dass die Bürger der Mitgliedsstaaten sich in erster Linie als Europäer sehen sollen. 
Die Planung kommt ins Rollen, doch der Fortgang in einem so großen Koloss wie der EU-Administration ist ein anderer, als es sich Xenopoulou und Susman vorgestellt haben. Der Vorschlag entwickelt sich langsam aber sicher zu einem Desaster.

Ein mysteriöser Mord, ein KZ-Überlebender und ein aus der Zeit gefallener Professor

 

Etwa zeitgleich mit dem Beginn der Überlegungen zum Kommissionsjubiläum wird im Brüsseler Hotel Atlas ein ausländischer Gast ermordet. Kommissar Brunfaut nimmt die Ermittlungen auf, wird aber kurz darauf vom Staatsanwalt abrupt ausgebremst: Er weist ihn an, den Fall ruhen zu lassen und schickt ihn in einen mehrwöchigen Urlaub. Das ist auch für Brüsseler Verhältnisse ungewöhnlich. Brunfaut stellt nach seiner Rückkehr fest, dass alle Informationen, die er zu diesem Fall gespeichert hatte, gelöscht wurden. Auch in den Zeitungen steht kein  Wort hierüber. Es ist, als hätte es den Toten nie gegeben. Doch die Neugier treibt ihn an, mithilfe seines besten Freundes heimlich weiter zu ermitteln. Was dann passiert, lässt sein Misstrauen, das er berufsmäßig gegen viele Menschen hat, nun auch gegen den besten Freund gedeihen.

Zum Zeitpunkt des Mordes wohnt auch der emeritierte Professor Alois Erhart im Hotel Atlas. Er ist nach Brüssel gereist, um sich an einem Think-Tank der EU-Kommission zu beteiligen, der sich mit der Zukunft Europas befasst. Er merkt schnell, dass es den anderen Mitgliedern nicht in erster Linie um die gemeinsame europäische Idee, sondern um sich selbst geht. Ihre Denkmuster verlaufen in eingefahrenen Bahnen, sodass Erhart einen Vortrag hält, der die Teilnehmer zum Umdenken bewegen soll, ihn aber gleichzeitig aus ihrer Mitte katapultiert.

Aus dem Haus gegenüber dem Hotel beobachtet David de Vriend, dass die Polizei vor dem Hotel Atlas vorfährt. Es ist der letzte Moment, den er nach sechzig Jahren in seiner Wohnung verbringt. Die Räume sind bereits leer, jetzt steht der Umzug in ein Altenheim an. De Vriend ist ein ehemaliger belgischer Widerstandskämpfer, der im letzten Moment aus einem Deportationszug springen konnte, der seine gesamte Familie in den Tod fuhr. Er hat eine spätere Haft in Auschwitz überlebt und versuchte sein Leben lang, das Erlebte zu vergessen. David de Vriend ahnt nicht, dass die Generaldirektion Kultur auf der Suche nach Auschwitz-Überlebenden ist und ihm nach und nach auf die Spur kommt.

Und dann ist da noch das Schwein. Es ist plötzlich da, wird in verschiedenen Stadtteilen Brüssels gesehen und bewegt die Lokalpresse. Das Tier soll aber nicht der Running Gag sein, der sich durch das ganze Buch zieht, sondern steht für ein Gut, das quasi quer durch die ganze EU verwaltet wird: Von seiner Geburt bis zur Schlachtung und dem Verzehr ist immer eine andere EU-Verwaltungseinheit für es zuständig. Nicht zuletzt steht das Schwein als Metapher für etliche schweinische Zustände, vom "Glücksschwein" bis zu "saudumm".


Lesen?

 

In Die Hauptstadt beschreibt Robert Menasse die EU mit einem Spektrum von kritisch bis amüsiert. Letztlich arbeiten auch dort nur Menschen mit individuellen Hoffnungen, Wünschen und Bedürfnissen und es wird wie überall nur mit Wasser gekocht. In seinem Buch wird jedoch auch deutlich, dass es mit dem hehren Ziel, dass sich die Europäer irgendwann von ihrem Leuchtturmdenken lösen und ihre Zukunft europäisch ausrichten werden, noch nicht so weit her ist. Das erleben wir gerade aktueller, als es uns lieb ist: So manchem EU-Staatschef ist das Hemd näher als der Rock. Warum? Darüber kann nur spekuliert werden.

Die Hauptstadt ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,-- Euro, als epub- oder Kindle-Edition 20,99 Euro sowie als Hörbuch (MP3-CD) 13,99 Euro. Ich bedanke mich beim Suhrkamp Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Mehr Informationen und Meinungen über das Buch gibt es unter Suhrkamp Verlag.
 

Montag, 19. Februar 2018

Buchkäufe ohne Amazon

Neues Affiliate-Programm kommt stationärem Buchhandel zugute

 

Wer sich durch die vielen Buchblogs liest weiß, dass zahlreiche Blogger am Ende ihrer Rezension direkt zu Amazon verlinken. Die Vorbehalte, die Amazon entgegengebracht werden, sind bekannt: Das Unternehmen drückt sich vor dem Zahlen von Steuern, beutet seine Mitarbeiter aus und nutzt in der Hauptumsatzzeit vor Weihnachten die Arbeit von tausenden schlecht bezahlten Saisonarbeitern dazu, die Löhne der ersten Wochen vom Staat bezahlen zu lassen. "Trainingsmaßahme" heißt so etwas dann im Volksmund und hat eigentlich das Ziel, Arbeitslose an eine reguläre Berufstätigkeit heranzuführen und ihnen so eine berufliche Eingliederung zu ermöglichen. Amazons Saisonarbeiter sehen nach sechs Wochen allerdings die Tür von draußen.
Alles in allem kann man dieses Gebaren durchaus so bewerten, dass sich Amazon Marktvorteile gegenüber seinen Mitbewerbern verschafft, die wir Steuerzahler ungewollt finanzieren und die über kurz oder lang den Einzelhandel platt machen. In den USA gibt es längst ganze Landstriche, in denen es weit und breit keinen Buchladen mehr gibt. 
Die Hinwendung zu Amazon bedeutet für Kunden: keine persönliche Ansprache mehr, kein Service wie z. B. eine Beratung oder das Einpacken eines Buches als Geschenk - dies wird in den meisten Buchhandlungen gratis gemacht, bei Amazon kostet es für ein Buch derzeit 2,99 Euro. Die Liste lässt sich fortsetzen, aber ich glaube, es ist deutlich geworden, dass ich einen Bogen um Amazon mache und meine Bücher im stationären Buchhandel kaufe. Das ist seit Kurzem noch komfortabler geworden.

Mit LChoice geht es direkt zum Buchhändler

 

Unter www.lchoice.de lassen sich insbesondere Bücher bequem per Internet beim Lieblingsbuchhändler kaufen - per App, über die Homepage oder mittels der Werbemittel der Verlage. Dem Kunden soll es dabei so einfach wie möglich gemacht werden. Den angeschlossenen Händlern wird mit LChoice eine Plattform geboten, die sich ansonsten nur sehr große Firmen leisten können. Die Registrierung ist für Buchhändler und Blogger kostenfrei. Buchhändler zahlen 3 % des Umsatzes für die Auftragsabwicklung; werden keine Umsätze getätigt, entstehen also auch keine Kosten. Sofern Blogger ausschließlich LChoice als Affiliate-Programm nutzen, erhalten sie bei jedem über ihren Blog getätigten Kauf  10 % vom Umsatz, ansonsten immerhin 8 %. Bislang sind nach Angaben des Anbieters 500 stationäre Buchhändler aus Deutschland und Österreich sowie 25 Verlage gelistet, darunter Diogenes und Langenscheidt. Auch 50 Blogger machen bereits mit.  Die Anmeldung für Buchhändler und Blogger ist unter https://portal.lchoice.de/ möglich.
LChoice hat sein Angebot 2013 ausschließlich mit Büchern gestartet und bietet seit 2017 auch Produkte anderer Branchen an. Es ist zu hoffen, dass diese Plattform erfolgreich bestehen kann.

Samstag, 10. Februar 2018

# 135 - Werden wir fremdgesteuert?

Neun Monate, in denen Deutschland kollabiert

 

In seinem Roman Mutwille schildert Kai Lüdders, wie ein demokratisches Land in kurzer Zeit in den gesellschaftlichen und politischen Abgrund geführt werden kann. 

Lobbyismus als schicksalhafte Kraft 



Paul Schneider arbeitet als Lobbyist für das Gesundheitsunternehmen Unity Medical Care (UMC) und wurde von dessen Chef Norman Bruckheimer persönlich eingestellt. Paul ist ehrgeizig und hat kein Verständnis für Menschen, die sich nicht fit halten, sondern ihre Gesundheit mit ihrem Lebensstil ruinieren. Für seinen Arbeitgeber verfolgt er das Ziel, die Deutschen zu einem gesundheitsbewussten Volk zu erziehen. 
Bruckheimer ist von der skrupellosen Sorte und treibt Paul zu immer neuen Aktionen an. Drei Wochen vor der Bundestagswahl nimmt Paul mit Peters, dem Vorsitzenden der noch jungen "Partei für Gesundheit und Ordnung" (PGO), Kontakt auf. Die PGO dümpelt zu diesem Zeitpunkt noch bei einer Zustimmungsquote von 5 %, aber Paul will Peters davon überzeugen, mit ihm und UMC eine erfolgreiche Zusammenarbeit einzugehen. Wer könnte da widerstehen? Gern lässt sich Peters beim Wahlkampf unter die Arme greifen, zumal die politische Arbeit für ihn nichts mit dem Wunsch nach einer gesellschaftlichen Veränderung zu tun hat, sondern die Partei nur Mittel zum Zweck ist: Peters hat bereits unternehmerisch versagt und will nun endlich mit der PGO Bedeutung erlangen und auf der politischen Bühne stehen.
Doch auch David Braun spielt in diesem Buch eine Rolle: Er ist Forscher beim Allgemeinen Entwicklungsinstitut für Krankheitsforschung (AEIK) und Mitarbeiter des allseits geachteten Prof. Teighaus. Ihm fallen zunächst die überdimensionierten Wahlplakate der PGO und kurz darauf die praktisch aus dem Boden schießenden Krankenhausneubauten des UMC auf. Zunächst kann er keinen Zusammenhang erkennen, doch das soll sich bald ändern.

 

Eine todbringende Seuche bricht über das Land herein


Praktisch aus dem Nichts bricht in Deutschland eine Lassa-Epidemie aus. Eine Heilung scheint nicht möglich zu sein, da es sich um ein mutiertes Virus handelt, für das noch kein Gegenmittel entwickelt worden ist. Die Zahl der Erkrankten steigt ständig, und schnell sind die Schuldigen ausgemacht: afrikanische Einwanderer. Für die Bevölkerung ist nicht erkennbar, was sich hier tatsächlich abspielt, aber eins ist klar: Alle, die Ähnlichkeit mit einem Afrikaner haben, haben auf Berlins Straßen nichts mehr zu lachen. Nur eine Handvoll Menschen weiß, was tatsächlich hinter dieser Epidemie steckt. Einer von ihnen ist  Paul Schneider, dem fast jedes Mittel recht ist, um in einem Staat zu leben, in dem die Gesundheit über alles geht. Dafür ist er bereit, alle seine moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. In den Nachrichten ist bald von nichts anderem mehr die Rede als von der Epidemie, die "Breaking News" melden immer neue Horrorzahlen. Schnell macht die Meldung die Runde, dass bereits viereinhalb Millionen Menschen in Deutschland an Lassa erkrankt sein sollen. Die gesellschaftliche und politische Situation gerät außer Kontrolle, und UMC ergreift die günstige Gelegenheit, sich die Sendergruppe TeleDeutschland unter den Nagel zu reißen. Nun kann der stetig wachsende Konzern sein Aktionsfeld noch weiter vergrößern, während das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Dass auch die politischen Mandatsträger angesichts der dramatischen Entwicklung im Land nicht ungeschoren davonkommen, ist klar. Letztlich bemerken viele der für den Fortgang des Romans wichtigen Personen zu spät, dass sie schon lange keine selbstständig Handelnden mehr sind, sondern nur Spielfiguren, die wie auf einem Schachbrett hin und her geschoben werden.

Wie war's?

 

Mutwille hat mich wegen seiner Thematik gereizt: Wie würde Kai Lüdders mit einem solchen Krisenszenario, das ganz Deutschland in den Zusammenbruch führt, umgehen? Würde es ihm gelingen, eine schlüssige und überzeugende Story rund um diesen Plot aufzubauen? Das Buch beginnt mit einer Szene, die einen Teil des Endes vorwegnimmt: Paul Schneider ist auf der Flucht und in so großer Not, dass er nicht zögert, auf seine Verfolger zu schießen. Damit ist nach zweieinhalb Seiten klar, dass sein Plan nicht funktioniert. 
Es gibt noch weitere Inhalte, die an der Glaubwürdigkeit des Buches kratzen: Innerhalb von drei Tagen soll sich die gesamte Bevölkerung in Arztpraxen und Krankenhäusern melden, um sich einem Lassa-Test zu unterziehen. Wie das bei 82 Millionen Menschen in diesem kurzen Zeitraum gehen soll, kann ich nicht nachvollziehen und wird auch nicht erklärt. Auch die Folgen, die eine solche Massendiagnostik für "normale" Patienten und das medizinische Personal haben würde, werden nicht thematisiert. Dass das Lassa-Virus außerdem nur in Speziallaboren, von denen es in Deutschland nur drei gibt, diagnostiziert werden kann, ist da nur eine Randerscheinung der Ungereimtheiten. 
Die Schilderung der Szenen rund um den Lassa-Ausbruch ist ebenfalls nicht stimmig: Die Menschen hamstern Vorräte und vor den Tankstellen bilden sich lange Autoschlangen, aber auf den Straßen ist es wie ausgestorben? Auch der Umstand, dass Lassa eine meldepflichtige Erkrankung ist und ihr Ausbruch von Gesundheitsbehörden erfasst und bekanntgegeben wird, spielt hier keine Rolle. Eine Unterstützung von Hilfsorganisationen, Nachbarstaaten oder gar der EU oder der WHO gibt es hier ebenfalls nicht. Da Mutwille jedoch in Deutschland spielt und der Fokus auf Berlin liegt, können die hiesigen Gegebenheiten auch für eine Dystopie nicht ignoriert werden.
Leider leidet der Roman auch unter einem mangelhaften Lektorat und Korrektorat, was den Lesefluss abbremst.  

Mutwille wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich bedanke. Das Buch ist beim Velum Verlag (er wurde für dieses Buch gegründet) als Taschenbuch für 11,99 Euro und bei tredition als gebundene Ausgabe für 22,99 Euro erhältlich.
Von Literaturtest erhielt ich kürzlich die Nachricht, dass der Roman nachgedruckt wird, weil er zu viele Fehler enthält. Welche Fehler dabei korrigiert werden, ist mir nicht bekannt.

 

Freitag, 2. Februar 2018

# 134 - Wer kreuzigt einen Hund?

Der Beginn einer Krimireihe mit Kommissar Henry Frei

 

Der Mord an der Ehefrau eines konservativen und moralisierenden TV-Pfarrers ist der erste Einsatz für das Berliner Ermittlerduo Henry Frei und Louisa Albers im Krimi Böses Kind des bekannten Autors Martin Krist. Doch die Tat wird schon bald von neuen Ereignissen überlagert: Ihr Kollege Charlie ruft sie in die Stadtteilbibliothek, die gerade umfassend saniert wird. An einer ihrer Mauern wurde ein toter Hund gefunden - schwer misshandelt und anschließend gekreuzigt. Doch so abscheulich die drei Polizisten diese Tat finden, es ist kein Fall für die Mordkommission. 
Das wird es erst, als Susanne Pirnatt, eine heillos überforderte alleinerziehende Mutter von drei Kindern, ihre 14jährige Tochter Jacquie bei der Polizei als vermisst meldet. In der Bibliothek wurde zwischenzeitlich ein Toter gefunden - in einer gekreuzigten Haltung eingemauert in den Hohlraum einer Wand. Neben ihm wurde ein Rucksack gefunden, der der gesuchten Jacquie gehört. Nun sind die Ermittler alarmiert.

Ein Krimi mit mehreren Handlungssträngen

 

Auch wenn der Fall der verschwundenen Vierzehnjährigen in Böses Kind den Hauptteil der Handlung ausmacht, gehen die Ermittlungen wegen des Mordes an der Pfarrersgattin weiter. Auch hier schält sich ein Verdächtiger heraus, am Ende des Buches wird jedoch durch eine weitere Tote ein Cliffhanger erzeugt, der auf den nächsten Krimi mit Harry Frei hinweist.
Durch die Handlung mäandert jedoch noch ein weiterer Fall: Vor vierzehn Jahren verschwand Alanna, die Tochter von Freis Freund und ehemaligem Chef Oskar Marek, spurlos. Seitdem ermittelt Marek auf eigene Faust. Da ihr Name als Untertitel von Böses Kind geführt wird, ist in den nächsten Frei-Krimis vermutlich noch mehr darüber zu lesen.    

Wie war's?

 

Böses Kind ist ein spannender und rasanter Krimi, der sein Tempo unter anderem durch die schnellen Szenenwechsel erhält. Die Hauptfiguren Susanne Pirnatt und die Ermittler Frei und Albers werden glaubwürdig und authentisch gezeichnet. Die beiden Beamten werden nicht als Super-Cops, sondern mit ihren Stärken und Schwächen sowohl im Privatleben als auch im Beruf beschrieben. Das wird es auch in den folgenden Krimis erleichtern, sich mit ihnen zu identifizieren.

Böses Kind ist bei epubli erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 3,99 Euro. Das Buch wurde mir als E-Book von Netgalley zur Verfügung gestellt. 

Noch mehr von Martin Krist gibt es hier mit der Rezension seines Thrillers Brandstifter

Freitag, 26. Januar 2018

# 133 - Tschechiens Aufbruch ins Weltall

Ein Nationalheld wird geboren

 

Jakub Procházka ist ein geachteter Astrophysiker, mit seiner großen Liebe Lenka verheiratet und kinderlos. Die beiden leben ein relativ unauffälliges Leben, bis Jakub eines Tages eine Einladung von Senator Tůma erhält: Der Politiker bietet ihm an, mit einer Ein-Mann-Rakete eine kosmische Staubwolke, die den Namen "Chopra" erhalten hat, zu erforschen. Etliche Staaten überlegen bereits, eigene Missionen ins All zu schicken, aber Tschechien ist das erste Land, das sich aus der Deckung wagt: Jakub soll der Nation zu großartigem wissenschaftlichen Ruhm verhelfen, indem er sich auf eine achtmonatige Reise in einer von der Schweiz ausgemusterten Rakete begibt. JanHus1 wird das Raumschiff getauft, nach dem böhmischen Theologen und Reformator, der im 15. Jahrhundert gelebt hat. Hiermit beginnt Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt des tschechisch-amerikanischen Autors Jaroslav Kalfař.

Das Gefühl der (Mit-) Schuld bleibt ein Leben lang



In Jakubs Kindheitsrinnerungen befinden sich Schatten: Sein Vater ist ein ranghohes Parteimitglied gewesen, dessen Aufgabe beim Geheimdienst es war, Verdächtige bei Verhören zu foltern. Mit dem Einsetzen der Samtenen Revolution 1989 und der Abkehr vom Kommunismus schlug ihm und seiner Familie die geballte Ablehnung der Mitmenschen entgegen. Doch bevor es zum Prozess gegen den linientreuen Parteigänger kommen konnte, verunglückte er 1990 zusammen mit Jakubs Mutter tödlich. Zu diesem Zeitpunkt war Jakub zehn Jahre alt und wuchs von da an bei seinen Großeltern auf. Seit damals versucht er, mit den widerstreitenden Gefühlen für seinen Vater umzugehen: Einerseits fühlt er stellvertretend dessen Schuld, andererseits liebt er ihn, weil er sein Vater ist. Die Schuldgefühle treiben ihn an, etwas Herausragendes für sein Land zu tun, damit die Schuld seines Vaters kleiner oder sogar gelöscht und der Name Procházka nicht nur mit Gewalt verbunden wird. Dafür stimmt er zu, als Astronaut für die Chopra-Mission zur Verfügung zu stehen, obwohl ihm bewusst ist, dass er damit seine Ehe riskiert.

Das All: unendliche Weiten und ein Reisebegleiter

 

Im April 2018 startet die JanHus1 mit Jakub von einem böhmischen Kartoffelacker in den Weltraum. Auf dieser Mission nimmt Jakub drei Rollen ein: die des Wissenschaftlers, des Nationalhelden und des Privatmanns. Der Wissenschaftler freut sich darauf, etwas erforschen zu können, das noch nie zuvor da war; der Nationalheld muss sich erst noch in die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, hineinfinden und der private Jakub Procházka wird von seiner Frau verlassen. Doch es passiert noch mehr: Jakub bekommt ungebetenen Besuch von einem sprechenden spinnenähnlichen Wesen, dem er den Namen Hanuš nach dem legendären tschechischen Uhrmacher gibt. Hanuš ist verfressen und macht sich über Jakubs Nutella-Vorräte her. Nachdem sich Jakub an die Eigenheiten seines Gastes mit seinen 34 Augen gewöhnt hat, ist er ihm ein guter Gesprächspartner. Doch als JanHus1 in die Chopra-Wolke eindringt, stellt Jakub fest, dass sie eine eigene Schwerkraft besitzt: Das Raumschiff wird in die Wolke hineingezogen, der Staub dringt durch alle Ritzen und frisst sämtliche Kabel an. Als die Sauerstoffversorgung ausfällt, ist das sein Todesurteil. Doch auch wenn Tůma, der inzwischen zum Präsidenten Tschechiens aufgestiegen ist, eine Staatstrauer anordnet und die Errichtung eines Procházka-Denkmals auf dem Prager Karlsplatz in Auftrag gibt, ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende.


Wie war's?

 

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt beginnt mit einem humorvollen Unterton, um in der zweiten Hälfte nachdenklich zu werden. Die Frage, warum ausgerechnet Jakub Procházka, der sich mit dem Weltall bislang nur theoretisch beschäftigt hat, zum Astronauten für eine Mission, die Tschechien wissenschaftlich und wirtschaftlich einen großen Schritt nach vorn bringen soll, ausgewählt wird, wird erst spät beantwortet und hat mehr mit menschlichen Untiefen als mit vorausschauender Planung zu tun. Das Zentrum des Buches ist die Frage nach der Schuld: Ist es richtig, dass für die Fehler eines Menschen dessen ganze Familie büßen muss? Und: Müssen sich die Angehörigen eines nahen Verwandten für dessen Gewalttaten mitschuldig fühlen? Diese Fragen muss sich jeder, der sich in einer ähnlichen Lage befindet, selbst beantworten. Der Roman tut dies nicht.

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt ist im Tropen-Verlag, einem Imprint des Verlages Klett-Cotta, erschienen und wurde mir als E-Book von Netgalley.de zur Verfügung gestellt. Das Buch kostet als gebundene Ausgabe 22,-- Euro und als Kindle- oder epub-Edition 17,99 Euro.