Samstag, 29. Januar 2022

# 334 - Willkommen im Jahr 2030

Der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Mauro F. Guillén ist Dekan der Cambridge Judge Business School und widmet sich als Experte für globale Markttrends schwerpunktmäßig den Themen Globalisierung sowie dem Aufstieg der multinationalen Unternehmen in Schwellenländern. Mit seinem aktuellen Buch 2030: Die Welt von morgen wirft er einen Blick in eine Zukunft, die nicht mehr weit entfernt ist.

Wovon hängt die globale Entwicklung im Wesentlichen ab? Guillén stützt seinen Blick nach vorn auf Daten zur Bevölkerungsentwicklung (Wo wird die Zahl der Geburten voraussichtlich zurückgehen und wo wird sie ansteigen?), macht sich über die Bevölkerungsgruppe mit der größten Kaufkraft Gedanken und beobachtet, wie sich die Mittelschicht - und damit die Verbraucherkaufkraft - global sehr unterschiedlich entwickelt.

Der Wissenschaftler geht außerdem davon aus, dass es 2030 eine bisher nie dagewesene Situation geben wird: Mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens wird sich in der Hand von Frauen befinden. Guillén rechnet deswegen damit, dass mehr Geld in die Gesundheitsvorsorge, die Bildung und in Versicherungen fließen wird, weil dies die Bereiche sind, die von Frauen traditionell am ehesten finanziell unterstützt werden. Auch auf die Finanzmärkte wird sich diese Verlagerung auswirken, weil die meisten Frauen nicht zu riskanten Investitionen neigen. Auf Frauen wartet eine weitere gute Nachricht: Durch den demographischen Wandel stehen immer weniger qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung, sodass die Wirtschaft immer stärker auf entsprechend ausgebildete Frauen angewiesen ist. In Japan lässt sich dieser Trend bereits beobachten.

Auch der Klimawandel treibt Mauro Guillén um. Auf Städte entfallen 75 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs und 80 Prozent der globalen Kohlendioxid-Emissionen. Außerdem heizen sie sich wegen ihrer starken Bodenversiegelung schnell auf und befeuern so die Erderwärmung. Der Wissenschaftler schlägt Wege vor, die das Leben in Städten umweltfreundlicher und nachhaltiger werden lassen. Ein Umdenken und Verhaltensänderungen sind dringend nötig: 80 Prozent der Menschen werden von steigenden Meeresspiegeln bedroht sein. Wohlgemerkt: 2030.

Mauro Guillén spinnt den Faden weiter und beschreibt den künftigen Umgang mit Konsum ("Sharing Economy"), den technischen Fortschritt (effiziente WC-Lösungen und die Ausweitung des 3D-Drucks) sowie den Umgang mit Kryptowährungen.

Lesen?

Mauro F. Guillén benennt in seinen Prognosen die zentralen Probleme, die die Weltgemeinschaft beschäftigen. Was ihn von zahlreichen anderen Wirtschaftswissenschaftlern unterscheidet, ist seine Betrachtung von Wechselwirkungen: Themenfelder werden nicht isoliert betrachtet, sondern miteinander in Verbindung gebracht. Leseempfehlung!

2030: Die Welt von morgen ist 2021 im Verlag Hoffmann & Campe erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 21. Januar 2022

# 333 - Wachsen in Deutschland lebensuntüchtige Kinder heran?

Der Psychologe und Generationenforscher Rüdiger
Maas hat sich in seinem neuen Buch Generation lebensunfähig der Frage gewidmet, was da gerade mit der sog. Generation Alpha (
α) passiert. Damit ist die Generation der zwischen 2010 und 2025 geborenen Kinder gemeint.

Das von Maas vor vier Jahren gegründete Institut für Generationenforschung hat im September 2021 die "Generation Alpha Studie" veröffentlicht, die die Grundlage für Maas' Buch ist. Dafür wurden ein Jahr lang mehr als 1.200 Pädagoginnen und Pädagogen nach ihren Einschätzungen hinsichtlich der von ihnen betreuten Kinder zwischen 0 und zehn Jahren befragt. Deren Bewertungen umfassten 22.500 Kinder. Außerdem wurden mehr als 650 Eltern zu ihrem Erziehungsverhalten interviewt.
Die Schwerpunkte der Befragung lagen auf der Motorik, der Sprache, dem Sozialverhalten und dem Medienkonsum dieser Altersgruppe.

Die Studienergebnisse arbeitet Maas in seinem Buch für eine breite Leserschaft auf, indem er beispielhaft zwei fiktive Familien entwirft und deren Alltag nachvollzieht. Anhand dieser Schilderung wird deutlich, worum es ihm vor allem geht: Der sich bereits bei kleinen Kindern zeigende Medienkonsum mithilfe von Smartphones oder Tablets hat schädliche Folgen für deren Entwicklung, die bis ins Erwachsenenalter reichen und sowohl die Familien als auch die Gesellschaft belasten werden. Sein Fazit: Jedes vierte Kind ist unglücklich.

Lesen?

Das, was Rüdiger Maas an mehreren Stellen beschreibt - die Diskrepanz zwischen der Überbehütung der Kinder und der Ablenkung sowohl der Eltern als auch ihrer Kinder durch Smartphone & Co. - lässt sich im Alltag ständig beobachten. Da werden zum Beispiel kerngesunde Kinder mit dem Auto bis vor das Tor der Grundschule gebracht, aber wenn Eltern mittags ihre Kinder abholen und mit ihnen zum Pkw gehen, sehen sie ständig auf ihr Handy. 

Maas' Buch hat jedoch einen so durchgehend alarmierenden Unterton, dass ich mich frage, ob das wirklich nötig ist. Fachleute haben Teile des Studiendesigns kritisiert und man kann sich durchaus daran stören, dass es um eine Generation geht, die zum Teil erst noch geboren wird. Generation lebensunfähig macht jedoch deutlich darauf aufmerksam, was in der Kindheit der Generation Alpha schiefläuft und was getan werden kann (und sollte), damit die Kinder dieser Generation zu lebenstüchtigen Erwachsenen werden.

Generation lebensunfähig ist 2021 im Yes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro sowie als Taschenbuch 16,99 Euro.



Freitag, 14. Januar 2022

# 322 - Geht es "nur" um Geld?

Wir sind im Jahr 2022. 60 Prozent der Frauen
überlassen Geldangelegenheiten ihren Männern, drei Viertel von ihnen bereuen es später - wenn ihr Mann verstirbt oder sich scheiden lassen will. Das ist die Realität: Zu viele Frauen begeben sich ohne Not in eine finanzielle Abhängigkeit, obwohl die Zeiten, in denen sie nur mit der Erlaubnis ihres Gatten Geldgeschäfte tätigen durften, seit 1958 vorbei sind. 

Das neueste Buch der Volkswirtin und Finanzjournalistin Birgit Wetjen Just Money ist als Aufruf insbesondere an junge Frauen zu verstehen, sich selbst um ihre Finanzen zu kümmern und die Verantwortung für ihren Vermögensaufbau und ihre Altersvorsorge aktiv in die Hand zu nehmen.

Bigit Wetjen ist etwa so alt wie ich (Mitte 50), und beim Lesen ihres Buches habe ich oft bestätigend genickt, wenn sie schilderte, wie sie in ihrer Jugend den Umgang der damaligen Frauen mit Geld erlebt hat. Der Mann war der Verdiener, viele Frauen bekamen Haushaltsgeld zugeteilt und mussten um Geld bitten, wenn sie etwas nur für sich kaufen wollten. Frauen aus der Generation unserer Eltern hatten die in der NS-Zeit beschworene Rollenteilung in den Familien nahtlos in die Nachkriegszeit hinübergerettet und vertraten reflexhaft die Meinung, dass Männer der kompetentere Teil der Menschheit sind - ohne allerdings entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben.

Wetjens Buch kann dazu beitragen, solche Automatismen, die es trotz der Fortschritte bei der Gleichberechtigung immer noch gibt, zu durchbrechen. In fünf Kapiteln beschreibt die Autorin, in welche Fallen Frauen (immer noch) laufen; ganz vorn ist die "Romantikfalle", die häufig bei der Hochzeit, aber spätestens mit der Geburt des ersten Kindes zuschnappt. Die Finanzexpertin hält ihren Leserinnen den Spiegel vor und gibt sinnvolle Tipps, wie Frau ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Da geht es um das Erkennen und Auflösen von Glaubenssätzen, das Vertreten des eigenen Standpunkts, die Planung der eigenen beruflichen Laufbahn, ohne das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen und den Abschied von der "Rabenmutter" - einem Begriff, den es laut Wetjen nur in der deutschen Sprache gibt.

Zu vielen Inhalten bietet Just Money Checklisten oder Übersichten an. Das Buch eignet sich auch für Leserinnen, die sich bislang nicht um ihre eigenen Finanzen gekümmert haben und zeigt, dass der Aufbau eines soliden Vermögens keine Raketenwissenschaft ist, sondern schlicht und einfach nötig - damit man nicht zu den Frauen gehört, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, um irgendwie über die Runden zu kommen. Es wird sehr deutlich, dass finanzielle Sicherheit gleichbedeutend mit Unabhängigkeit ist. Darauf sollte keine Frau verzichten.

Die Zielgruppe des Buches sind wie schon erwähnt junge Frauen, die am Beginn ihrer Berufstätigkeit stehen und/oder eine Familie gründen wollen. Von vielem, worüber Wetjen schreibt, profitieren jedoch auch Frauen, die ihren Beruf schon eine Weile ausüben. Darum: Leseempfehlung für die meisten Frauen!

Just Money ist 2021 im Goldegg Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro.


Nachtrag: Hier könnt ihr Birgit Wetjen in einem Interview für das Börsenmagazin Der Aktionär aus dem Jahr 2019 sehen. Frauen und Finanzen beschäftigen sie schon länger.

Freitag, 7. Januar 2022

# 321 - Wo die Politik mauert und die Gesellschaft zu leise ist

In ihrem Buch Femizide - Frauenmorde in
Deutschland
beschäftigen sich die Journalistinnen Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes mit einem Thema, das bei uns nur langsam mehr Aufmerksamkeit erhält.

Es geht um Femizide, also Morde an Frauen, die vor dem Hintergrund eines patriarchalischen Weltbilds von Männern begangen werden, die Frauen innerhalb einer partnerschaftlichen Beziehung als ihr Eigentum betrachten. 

Der Mord an einer jungen Frau im Leipziger Auwald ist der Einstieg in das Buch und der Anstoß für die beiden Autorinnen, umfangreiche Recherchen zu beginnen. Im Frühling 2020 wurde eine junge Mutter von ihrem Ex-Partner mit einem Hammer erschlagen, als sie mit ihrem drei Monate alten Baby spazieren ging. In der Presse wurde die Tat als Beziehungstat bezeichnet und zum Teil auch rassistisch ausgeschlachtet. Nur an wenigen Stellen wurde die Ermordung der jungen Mutter als das bezeichnet, was sie war: ein Femizid.

Cruschwitz und Haentjes haben sich mit Expertinnen und Experten unterhalten, die sich beruflich mit der Thematik befassen. In Interviews kommen auch Frauen zu Wort, die einen solchen Angriff ihres (Ex-)Partners überlebt haben und mit den Folgen zurechtkommen müssen. An diesem Punkt machen die Autorinnen deutlich, dass es in Deutschland ein allenfalls lückenhaftes Unterstützungssystem gibt, das sich nicht nur von einem Bundesland zum anderen, sondern sogar innerhalb der verschiedenen Landkreise unterscheiden kann. Wie gut die Hilfe nach einem solchen Übergriff ausfällt, ist oft reine Glückssache.

Wer vor der Lektüre von Femizide - Frauenmorde in Deutschland davon ausging, dass es so etwas wie ein Schutzsystem für gefährdete Frauen gibt, wird eines Besseren belehrt: Die Polizeiverwaltungen der Länder befinden sich mehrheitlich noch in der "Findungsphase" und überlegen, welche Strategien sie ihren Beamten an die Hand geben könnten, wenn es um die Anzeichen eines sich anbahnenden Femizids oder das Verhalten am Tatort geht.

Cruschwitz und Haentjes belassen es jedoch nicht dabei, sich nur die Situation der Opfer und Täter anzusehen. Da in zahlreichen Fällen eines (versuchten oder vollendeten) Femizids auch Kinder zu den Betroffenen gehören, die zum Beispiel Augenzeugen der Ermordung ihrer Mutter werden oder plötzlich ihr Zuhause verlieren, wird auch untersucht, wie gut sie von staatlichen Stellen sowie der Rechtsprechung geschützt und unterstützt werden. Auch hier sollte man sich keinen Illusionen hingeben.

Fazit: Der erste wichtige Schritt, um Femiziden vorzubeugen ist, sie klar zu benennen. Die dpa hat im November 2019 angekündigt, Begriffe wie "Familientragödie" oder "Beziehungsdrama" nicht mehr zu verwenden, wenn es um Gewaltverbrechen in Familien oder partnerschaftlichen Beziehungen geht.

Femizide - Frauenmorde in Deutschland ist 2021 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 18 Euro.


Nachtrag: In der Bücherkiste habe ich im Oktober 2021 über das Buch Alle drei Tage geschrieben. Es geht dort ebenfalls um Femizide, sodass es zu inhaltlichen Überschneidungen der beiden Titel kommt. Wer sich allerdings umfassend informieren möchte, sollte beide Bücher lesen. Ich kann nicht sagen, dass ich eines der Bücher dem anderen vorziehen würde.

Sonntag, 19. Dezember 2021

# 320 - Fröhliche Weihnacht' überall...

In fünf Tagen ist Heiligabend. Passend zu den Weihnachtstagen zeige ich euch zwei Bücher, die weniger bekannt sind als beispielsweise Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens oder Der Grinch von Dr. Seuss.

Keine Sorge, es geht nicht ums Plätzchenbacken oder die ultimative Anleitung zum Baumschmücken. Diese Weihnachtsbücher entsprechen nicht dem Klischee von klingelnden Glöckchen oder jubilierenden Schalmeien. Kurz: Es wird ein bisschen schräg. Ein kleines bisschen.

2016 hat Daniel Glattauer die Welt mit der Gebrauchsanleitung für Weihnachten beglückt. Ist es nicht das, wonach wir ein Leben lang gesucht haben: Orientierung in der Welt der Nordmanntannen und Christbaumkugeln? Glattauer hat sich gewissermaßen den Kernthemen des Weihnachtsfestes gewidmet und sie humorvoll analysiert. Er schreibt über die Typologie der Christbaumkäufer (immerhin neun "Unterarten") ebenso fachkundig wie über die der Vanillekipferl-Esser. Fazit: Weder das eine noch das andere ist so einfach oder eindeutig, wie man das vor dem Lesen dieses Buches möglicherweise geglaubt haben mag. 

Enorm hilfreich ist die 'Gebrauchsanleitung für das familienfreundliche Absingen der wichtigsten Weihnachtslieder'. Hat uns das nicht seit jeher gefehlt, wenn wir im Lichterglanz vor dem Tannenbaum saßen und die erste Strophe von 'O du fröhliche' anstimmten? Glattauer erläutert mit ganz offensichtlichem Expertenwissen immerhin neun der bekanntesten deutschen Weihnachtslieder - von 'Es ist ein Ros' entsprungen' bis 'Stille Nacht, heilige Nacht'. Er erklärt kurz den Inhalt eines Liedes, gibt wertvolle Hinweise auf besonders knifflige Textzeilen, weist auf die in der Melodie lauernden Hürden hin und vermittelt dem Laien-Weihnachtschor die Schlüsselpassagen. Besser als nach dieser Lektüre hat man sicher nie ein Weihnachtslied intoniert.

Bei aller Harmonie soll nicht verschwiegen werden, was die ersehnten Weihnachtstage leider oft mit dem nicht weniger ersehnten Sommerurlaub gemeinsam haben: Man sitzt sich im Familienkreis ziemlich dicht auf der Pelle, verschiedene Vorstellungen und Meinungen prallen alkoholgeschwängert aufeinander und - voilà! - fertig ist der erste Streit. Glattauer widmet den 'beliebtesten Weihnachtskrisen und besten Anlässen für Streit' ein eigenes Kapitel. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, so viel wie möglich über dieses heikle Thema zu wissen. Da gibt es nicht nur die Vorweihnachts-, Weihnachts- und Nachweihnachtskrise, sondern sage und schreibe weitere sieben Krisenvarianten, die in irgendeiner Beziehung zu Weihnachten stehen und die es zu umschiffen gilt. Selbstverständlich ist das mit diesem Buch kein Problem.

Gebrauchsanleitung für Weihnachten ist ein kleines Buch, das beim Lesen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert und typische Weihnachtsszenen, die die meisten von uns kennen, ein bisschen auf die Schippe nimmt. Es ist im Deuticke Verlag erschienen und nur als E-Book zum Preis von 3,99 erhältlich.


Joachim Ringelnatz geht eigentlich fast immer. 2015 wurde das kleine Buch Weihnachten mit Joachim Ringelnatz herausgegeben und vereint mehr als vierzig der für ihn typischen Gedichte. Und weil der nächste Anlass zum Feiern quasi gleich um die Ecke liegt, hat sich Ringelnatz auch reimend um Silvester und Neujahr gekümmert. Die Verse sind mal heiter, mal ironisch, mal besinnlich oder auch kritisch. Ringelnatz schreibt über die besondere Weihnachtsstimmung, die durch die menschliche Nähe, alte Weihnachtslieder und den Kerzenschein entsteht ('Weihnachten'). Er erinnert seine Leserinnen und Leser in seinem Gedicht 'Schenken' aber auch daran, was ein Geschenk ausmacht: 

"Schenke mit Geist ohne List,  
Sei eingedenk,
Daß dein Geschenk
Du selber bist."

Weihnachten mit Joachim Ringelnatz macht fröhlich, nachdenklich oder melancholisch. Das kann sich von einer Seite auf die andere ändern. Wer sich an Ringelnatz' Sprache stört, der sollte wissen, dass der Schriftsteller bereits 1934 verstorben ist.
Das Buch ist im Insel Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 7,-- Euro.

Die Bücherkiste macht nun Weihnachtsferien. Die, die hier immer schreibt, schlägt sich in ein paar Tagen gemeinsam mit lieben Menschen den Bauch voll und schaut verzückt in wechselnde Tannenbäume. Danach rutscht die Bücherkiste gemütlich ins Jahr 2022 und ist am 7. Januar wieder mit einem neuen Buch zur Stelle. Es wird ein gutes sein, soviel kann ich hier schon mal verraten. 😉

Euch allen wünsche ich frohe Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr.

Samstag, 11. Dezember 2021

# 319 - Über Sprachen aus der ganzen Welt

Die Literaturwissenschaftlerin Rita Mielke hat in ihrem
neuen Buch Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen 42 Geschichten gesammelt, in denen es um die Verständigung in fremden Sprachen geht.

Mielke nimmt ihre Leserinnen und Leser nicht nur auf eine Sprachreise mit, die rund um den Globus führt; sie macht deutlich, dass die Geschichte der Menschheit nicht zuletzt auch eine der Sprachbegegnungen ist - beeinflusst von den Menschen, die mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen aufeinander getroffen sind. Da geht es zum Beispiel um baskische Walfänger, die es nach Island verschlägt, oder einen Deutschen, der auf mongolische Nomaden trifft. Diese Art, auf die Entwicklung der menschlichen Sprache zu schauen, ist bislang einzigartig.

Die am längsten zurückliegende Geschichte stammt aus der Zeit Karls des Großen (768 bis 814), die aktuellste von Autoren wie zum Beispiel Galsan Tschinag (geb. 1944). Jede ist für sich sehr besonders und zeigt, wie sich der Umgang mit Sprache verändert hat. Mielke schildert die Ignoranz, die insbesondere europäische Kolonialmächte den Sprachen der Bewohnerinnen und Bewohnern der von ihnen okkupierten Länder entgegenbrachten: Die europäischen Sprachen wurden zwar von den Besetzern als die höherwertigeren angesehen, dennoch war es für sie ärgerlich, sich damit nicht vor Ort verständigen zu können. So kam es zur Bildung von zahlreichen Mischsprachen, die Elemente aus beiden Ursprungssprachen übernahmen. 

Diese sprachliche "Einwanderung" kennen wir aus unserem eigenem Alltag, die Herkunft vieler Begriffe ist uns allerdings oft nicht bewusst. So stammt beispielsweise das arabische Wort biira vom deutschen Bier und das deutsche Wort Beduine vom arabischen badawī. Mielke macht deutlich, dass in der Vielzahl der gesprochenen Sprachen ebenso viele unterschiedliche Weltsichten verborgen sind. Sehr treffend zitiert sie den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."

Jedes Kapitel  schließt mit einer kurzen Übersicht über die dort beschriebene Sprache. Hier erfährt man u. a., welche Sprachen sich um ihr Aussterben keine Sorgen machen müssen (z. B. Arabisch, Chinesisch, Mongolisch)  und welche nicht mehr oder kaum noch gesprochen werden (z. B. Arabana, Yámana, Navajo).

Rita Mielke schreibt auch über Themen, die das Buch weiter inhaltlich aufwerten. Was als das älteste Gewerbe der  Welt gilt, dürfte jeder wissen. Aber welches ist das zweitälteste? Auskunft gibt ein Relief, das im Grab des Pharaos Haremhab gefunden wurde, das aus dem Jahr 1330 v. Chr. stammt und einen Dolmetscher zeigt. Mielke beschreibt die Aufgaben und Anforderungen der Dragoman, die sich deutlich von denen der heutigen Dolmetscher unterschieden.

Lesen?

Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen ist ein Buch, in dem Rita Mielke Sprach-Geschichte(n) sehr spannend erzählt. Wer sich für Sprachen interessiert, dem wird dieses Buch sicher gefallen. Die sehr schönen Illustrationen von Hanna Zeckau runden den Titel ab.

Als Humboldt lernte, Hawaiianisch zu sprechen ist 2021 im Duden Verlag erschienen und kostet 28 Euro.

Freitag, 3. Dezember 2021

# 318 - Ein Buch für diesen einen Tag

Wusstet ihr, dass heute der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung ist? Seitdem die Vereinten Nationen diesen Tag 1992 ausgerufen haben, findet er jedes Jahr am 3. Dezember statt. Damit soll auf der ganzen Welt das Bewusstsein für die Belange von behinderten Menschen gebildet und gefördert werden.

Ursprünglich hatte ich vor, darüber etwas auf meinem anderen Blog zu schreiben. Es gäbe eine Menge zu diesem Thema zu sagen. Aber dann stieß ich zufällig auf dieses Buch: Im Dunkeln sehen - Erfahrungen eines Blinden von John M. Hull. Hull war Professor für Religionspädagogik an der University of Birmingham und ist Anfang der 1980-er Jahre vollständig erblindet. Damals war er Mitte 40, zum zweiten Mal verheiratet und seine Frau mit dem ersten gemeinsamen Kind schwanger.

Durch Hulls Buch ist sehr deutlich nachvollziehbar, wie er an seine neue Lebenssituation heranging. Zweieinhalb Jahre nach seiner Erblindung begann er, das, was er täglich erlebte, auf Kassetten aufzuzeichnen. Er sprach zunächst täglich, später nur noch in mehrwöchigen Abständen über das, was ihn bewegte. Seine Aufzeichnungen erstrecken sich über einen Zeitraum von drei Jahren und sind die Grundlage für dieses Buch. 

Sehr sachlich schildert Hull, wie sich seine Wahrnehmung auf die Ebene des Hörens verschob. Die Erinnerungen an die Gesichter seiner Frau und seiner Kinder verblassten nach und nach und ließen sich am besten hervorholen, indem sich Hull diese so ins Gedächtnis rief, wie er sie auf Fotos gesehen hatte. Ihm wurde bewusst, dass er nicht sehend erleben würde, wie die Menschen um ihn herum alterten. Seine später geborenen Kinder würde er nur an deren Stimmen erkennen.

Der starke Fokus auf Geräusche ließ Hull die Welt in dieser Hinsicht viel differenzierter wahrnehmen, als er das vor seiner Erblindung für möglich gehalten hätte. Er hörte nicht nur die verschiedenen Arten des Regens, sondern auch, worauf die Tropfen aufschlugen und welches Bild das vor seinem geistigen Auge auslöste: "Regen hat die Eigenart, die Umrisse aller Dinge hervorzuheben; er wirft eine farbige Decke über Dinge, die vorher unsichtbar waren; wo vorher eine unterbrochene und damit zersplitterte Welt war, schafft der gleichmäßig fallende Regen eine Kontinuität akustischer Wahrnehmung."
Seine Erkenntnis: Wer die Augen schließt weiß, dass die Dinge um ihn herum noch da sind. Wer als blinder Mensch keine Geräusche hört, muss schlussfolgern, dass da auch nichts Hörbares ist.

Hull entwickelte nach einigen Jahren eine weitere Fähigkeit: Er war in der Lage, sich auch von größeren Gebäuden eine mentale Karte zu erstellen, sofern er die Gelegenheit hatte, sie in Ruhe und allein zu erkunden.

John Hull berichtet auch von seinen buchstäblich schwärzesten Stunden. Er schreibt von seiner Verzweiflung und dem Gefühl, in einer Art Kohlebergwerk zu versinken. Man erfährt, was ihm half, aus diesem seelischen Tief herauszukommen und nicht zu verzweifeln.

Lesen?

Ja! Im Dunkeln sehen - Erfahrungen eines Blinden bietet einen sehr differenzierten Einblick in das (Seelen-)Leben eines Menschen, der einen großen Teil seines Lebens sehen konnte und für den sich die Welt erst spät in Dunkelheit hüllte. Hull erhebt nicht den Anspruch, für alle blinden Menschen zu sprechen, sondern beschränkt sich auf seine eigene Sichtweise. Gerade sein unprätentiöser und schnörkelloser Schreibstil machen dieses Buch zu etwas Besonderem.

Der bekannte britische Neurologe Oliver Sacks hat das Vorwort für diesen ungewöhnlichen Titel geschrieben und das Buch als Meisterwerk bezeichnet.
2016 wurde Im Dunkeln sehen - Erfahrungen eines Blinden verfilmt - ein Jahr nach John Hulls Tod. Notes on Blindness wurde mit Hulls mündlichen Aufzeichnungen unterlegt und erhielt zahlreiche Preise. 

Im Dunkeln sehen - Erfahrungen eines Blinden erschien erstmals 1992 als deutsche Ausgabe beim Verlag C. H. Beck. Das Buch wurde mehrfach neu aufgelegt und ist im selben Verlag zuletzt 2018 als Taschenbuch für 16,95 Euro sowie als E-Book für 12,99 Euro herausgegeben worden.


Freitag, 26. November 2021

# 317 - Der Aufstand der katholischen Frauen

Lisa Kötter ist eine der Gründerinnen der katholischen Reformbewegung Maria 2.0. Sie und einige andere Frauen trafen sich jeden Monat in Münster, als Kötter der Runde im Januar 2019 von einer Reportage erzählte, die vom ZDF gezeigt worden war: Das Schweigen der Hirten. Dort geht es um das systematische Vertuschen von Kindesmissbrauch, begangen von Priestern. Die katholische Kirche hat nicht etwa die Opfer beschützt, sondern die Täter: Sie wurden, sobald Missbrauchsfälle offenkundig wurden, weltweit auf andere Gemeinden verteilt. Dass hohe Kleriker von dieser Praxis nichts mitbekommen haben könnten, ist ausgeschlossen.

Das, was über Jahrzehnte nur geraunt und gemunkelt wurde, wurde durch die Reportage greifbar und war bewiesen worden. Jeder einzelnen Frau in diesem Kreis war klar, dass weiteres Schweigen dazu führen würde, das bestehende System zu erhalten. Die katholische Kirche schützte nicht die Menschen, sondern nur sich selbst. Sie hatte Erbarmen mit den Tätern aus ihren Reihen, aber keines mit den Opfern. Es handelte sich um einen einzigen großen Männerbund mit überkommenen Vorstellungen.

Von da an gab es die Initiative Maria 2.0., von der Kötter in ihrem Buch Schweigen war gestern erzählt. Die Frauen, die sich ihr anschlossen, zeigten symbolisch, dass ihre Kirche sie ausgeschlossen hatte, indem sie ihre Gottesdienste vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Münster abhielten. Dazu waren kein Altar und kein Pfarrer nötig, in der Gemeinschaft der Getauften haben sich die Frauen gegenseitig gesegnet. Die Gemeinschaft wuchs, auch Männer kamen dazu.

Kötter beschreibt, wie aufgewühlt vor allem ältere Frauen waren. Sie hatten sich häufig über Jahrzehnte ehrenamtlich für die Kirche eingesetzt und dabei nicht wahrgenommen, dass sie und ihre Arbeit von dieser nicht wertgeschätzt wurden. Und oft nicht nur das: Durch die von der Kirche auferlegten Moralvorstellungen sind  zahlreiche Frauen sog. "Muss-Ehen" eingegangen, unehelich geborene Kinder galten als unrein und wurden nicht getauft. Die Kirche hatte alles Weibliche als minderwertig eingestuft.

Die Bewegung Maria 2.0 formulierte 2019 einen offenen Brief an Papst Franziskus, der von mehr als 42.000 Menschen unterzeichnet, aber bis heute nicht beantwortet wurde. Darin prangerte sie die Vergehen und Versäumnisse der katholischen Kirche im  Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen durch Kleriker an und stellte einen Katalog von Forderungen auf. Im Zentrum: Die Kirche muss sich endlich an Jesus ausrichten. Er kam aus einfachen Verhältnissen und arbeitete als Handwerker, bevor er sich von Johannes taufen ließ. Er war nur zwei bis drei Jahre in der Öffentlichkeit aktiv, aber hat in dieser kurzen Zeit bewirkt, dass eine neue Zeit anbrach. 

Jesus vermittelte den Menschen, von Gott geliebt und nicht kontrolliert und bedroht zu werden. Er wandte sich gerade denen zu, die am Rand der Gesellschaft standen und von ihr gemieden wurden. Und er sprach in der Öffentlichkeit mit Frauen, was in seiner Zeit sehr ungewöhnlich war. Frauen wurden nur als Hausfrauen und Mütter wahrgenommen, Entscheidungen durften sie nicht treffen. Doch Jesus gab ihnen eine Stimme und agierte mit ihnen auf Augenhöhe. Durch sein Verhalten, was sich so deutlich von dem, was als normal angesehen wurde, unterschied, stellte er die damaligen auf Angst aufgebauten Machtstrukturen infrage.

Lisa Kötters Buch ist nicht nur eine Anklage in Richtung der katholischen Kirche, sondern auch ein Appell, sich zu öffnen. Sie wünscht sich, dass auch außerhalb der gewohnten Umgebungen und Strukturen Menschen zusammenkommen, um Gottesdienste zu feiern, an denen auch diejenigen teilnehmen können, die der Kirche bisher nicht nahestanden. Von der Autorin stammen auch die Frauenporträts auf dem Cover, deren verklebte Münder das erzwungene Schweigen symbolisieren.

Lesen?

Ja, denn Lisa Kötter beschreibt das Tun und die Haltung der katholischen Kleriker aus weiblicher Sicht. Dieses Buch richtet sich nicht nur an Menschen, die dem christlichen Glauben nahestehen, sondern an alle, die an einer gesellschaftlichen Veränderung teilhaben wollen: dem Überwinden von männlichen Machtstrukturen, die es nicht nur in der katholischen Kirche gibt.

Schweigen war gestern ist 2021 im bene! Verlag erschienen und kostet 14 Euro.


Freitag, 19. November 2021

# 316 - Einmal quer durch die Welt des Wissens

Dieses Buch basiert auf einer ziemlich abgefahrenen
Idee: Der Journalist Peter Grünlich hatte sich vorgenommen, alle deutschsprachigen Wikipedia-Einträge zu lesen. Er hatte sich dafür ein Jahr Zeit genommen und täglich einige Stunden in der Online-Enzyklopädie gelesen. Seine Erfahrungen mit Wikipedia und das, was er dort gelernt hat, hat er in seinem Buch Der Alleswisser zusammengetragen.

Aber geht das überhaupt? Kann man zumindest alle deutschen Wikipedia-Seiten durchlesen? Ja, wenn man bereit ist, dafür elf Jahre seines Lebens zu investieren und während dieser Zeit auf Schlaf zu verzichten. Das würde aber nur dann klappen, wenn ab sofort keine weiteren Artikel hinzukämen. Aber so ist es nicht: Jeden Tag wächst die Zahl der deutschen Artikel um mehrere Hundert.

Da bleibt nur eins: Man muss dieses Projekt mit einem System angehen. Grünlich versucht es mit dem Lesen in alphabetischer Reihenfolge, doch schnell wird klar: Es gibt kaum etwas Ermüdenderes, als sich auf Gedeih und Verderb todlangweilige Texte anzutun, nur um das selbstgewählte Prinzip einzuhalten. Der Autor versucht es deshalb mit dem zufallsgesteuerten Durchklicken und stößt dabei auf  Inhalte, die ihn überrascht, abgestoßen oder fasziniert haben und alle eines gemeinsam hatten: Sie waren interessant, aber kaum bekannt.

Das, was Grünlich in seinem Buch zusammengetragen hat, ist jedoch weit entfernt davon, Bestandteil eines Bildungskanons zu werden. Er pflügt im Zickzack-Kurs durch die Themen und stößt dabei auf Erklärungen zu Redewendungen oder Begriffen wie beispielsweise "Scheißtag", die wir häufig benutzen, aber deren Herkunft wir meistens nicht kennen. 

Weiter geht es mit Skandalen (z. B. der sog. Perdicaris-Zwischenfall von 1904, der sich erst Jahrzehnte später als ein Versagen von US-Präsident Roosevelt herausstellte), ungewöhnlichen Todesarten (darunter der Grund für die kürzeste Amtszeit eines US-Präsidenten oder die Todesart des griechischen Dichters Aischylos 456 v. Chr.) sowie unglaublichen Artikeln über Tiere (ganz vorn dabei: 'Mike the Headless Chicken', der anderthalb Jahre mit einem fast ganz abgetrennten Hals weiterlebte, und ein Bärenpavian, der 1890 in Südafrika die Prüfung zum Schrankenwärter ablegte).

Auch die blutigste Kneipenschlägerei der Geschichte ist eine Erwähnung wert. Sie ereignete sich 1355 in Oxford, zog sich mehrere Tage hin und kostete über 90 Menschen das Leben.

Lustiger ist da schon die Geschichte des französischen Pups-Künstlers Joseph Pujol, der ab 1892 dem staunenden Publikum zeigte, welche Töne er seinem Darmausgang entlocken konnte. Das Auspusten von Kerzen mithilfe der Blähungen war da noch die leichteste Übung. Diese Biographie ist eine von mehr als 763.000 (Stand Mai 2020) der deutschsprachigen Wikipedia. Darunter befindet sich auch die des Franzosen Michel Lotito, der im Laufe seines Lebens 18 Fahrräder, 15 Einkaufswagen, sieben Fernseher, sechs Kronleuchter, zwei Betten, ein Paar Ski, einen Sarg und eine Cessna verspeiste. Nichts davon hat ihm geschadet. Das sehr skurrile Verhalten geht auf eine Essstörung mit dem Namen Pica-Syndrom zurück.

Auch die Geschäftsidee der Britin Elizabeth Ruth Belville ist eine Erwähnung wert. Belville lebte von 1854 bis 1843 und machte ihr Geld 40 Jahre lang damit, die amtliche Zeit (Greenwich Mean Time) mit einer eigenen Uhr abzugleichen und die abgelesene Uhrzeit Abonnenten wie beispielsweise Uhrmachern mitzuteilen. Sie ist als 'Greenwich Time Lady' ein Teil der Londoner Stadtgeschichte.

Lesen?

Es würde hier zu weit führen, weitere Beispiele für spannende Artikel aufzuführen. Der Untertitel, den Grünlich seinem Buch gegeben hat, weist bereits in die richtige Richtung: Wie ich versucht habe, Wikipedia durchzulesen, und was ich dabei gelernt habe. Man lernt beim Lesen der Wikipedia-Artikel eine ganze Menge, und irgendetwas nimmt man immer für sich mit. Die Internet-Enzyklopädie hat einen unfassbaren Umfang angenommen, sodass man zu fast allen Themen Inhalte findet. Die von Grünlich verwendete Methode ist allerdings gewöhnungsbedürftig, denn sie verführt dazu, sich im Dickicht der Informationen zu verlieren. Dass das Grünlich passiert ist, ist dem Buch an einigen Stellen anzumerken. Er kommt oft vom Hölzchen aufs Stöckchen, manche Themen werden hingegen in ein oder zwei Sätzen nur angerissen. Das schnelle Springen von einem Thema zum anderen macht das Buch zwar sehr interessant, das Lesen aber etwas anstrengend. 

Der Alleswisser ist 2020 im Yes Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14,99 Euro sowie als E-Book 11,99 Euro.


Freitag, 5. November 2021

# 315 - All you need is love

Dieses Buch ist als Irrläufer zu mir gekommen. Normalerweise hätte mich schon das Cover von Das kunterbunte Liebesbuch abgeschreckt, es zur Hand zu nehmen: eindeutig zu viel Pink. Aber der Untertitel ist ein deutlicher Hinweis, dass man es nicht mit einem vor Herzschmerz überquellenden Titel zu tun hat, in dem es ständig um geflügelte Insekten geht, die sich im Verdauungstrakt der Menschen herumtreiben: Seltsame und kuriose Fakten rund um klopfende Herzen und Schmetterlinge im Bauch.

Harald Havas hat sich dem Thema 'Liebe' von etlichen Seiten genähert: Da geht es zum Beispiel um Koseworte, wie sie nicht nur unter Liebespaaren üblich sind, und deren Systematik. Er schreibt da eher unromantisch über Fakten als weiche Knie.

Natürlich dürfen auch "die drei magischen Worte" nicht fehlen. Aber sind es auch in anderen Sprachen ebenso viele Worte, um seiner oder seinem Angebeteten seine Liebe zu gestehen? Havas liefert die Übersetzung in zahlreiche Sprachen von A wie Afrikaans bis Z wie Zulu. Und wer sich lieber auf Elbisch, Dothrakisch, Klingonisch oder Esperanto erklären möchte, wird ebenfalls fündig. Spoiler: In manchen Sprachen reicht ein einziges Wort für eine Liebeserklärung.

In weiteren Kapiteln widmet sich Havas verschiedenen Fragen rund um die Liebe: Wann und wo waren oder sind Eheschließungen unter Verwandten üblich und gewollt? Wo und warum gibt es Polygamie? In welchen Ländern und aus welchen Gründen nimmt die Sologamie (Selbstheirat) zu? Welche Arten von Liebe gibt es? Welche sündhaft teuren Liebesgeschenke sind bekannt? Welche berühmten Liebespaare gab es? Wie unterscheiden sich Hochzeitsbräuche? Und natürlich darf auch ein Kapitel mit der Überschrift "Liebe geht durch den Magen" nicht fehlen, das sich mit Lebensmitteln beschäftigt, die in irgendeiner Weise mit der Liebe in Verbindung gebracht werden - vom Aphrodisiakum bis zur Hochzeitstorte.

Lesen?

Das kunterbunte Liebesbuch ist ein flott lesbares Buch, das viel Interessantes und Unterhaltsames über die Liebe bietet. Es hält Stoff für einige schöne Lesestunden bereit.

Das kunterbunte Liebesbuch ist 2021 im Goldegg Verlag erschienen und kostet 15 Euro.