Freitag, 16. Juni 2017

# 104 - Adam und Eva sind in der Gegenwart angekommen

Ein Zukunftsszenario, an dem wir sehr dicht dran sind 

 

2020: Die politische und gesellschaftliche Landschaft in Deutschland hat sich gehörig verändert. Die CSU ficht zum x-ten Mal einen Machtkampf aus, der der Presse aber keine Meldung wert ist. Provinzparteien, die am Boden liegen, interessieren nun mal keinen Menschen. Dieter Bohlen sitzt immer noch in der DSDS-Jury, tauscht aber wieder mal die Mitjuroren aus, weil sie ihm wegen ihres Alters nicht mehr zur Zielgruppe zu passen scheinen. Und die heutigen Global-Player Amazon, Microsoft, Google, Facebook und Apple sind in der Bedeutungslosigkeit versunken, seitdem sie von dem Mediengiganten SkyCorp geschluckt wurden. Dessen Chef Marc Donnelly gibt sich privat äußerst bedeckt und geht auch mit Unternehmensinformationen sehr sparsam um. SkyCorp ist auf dem Weltmarkt so dominant, dass praktisch jede Firma und jede Branche mehr oder weniger von dem Konzern abhängig ist. Ob Internet, Mobilfunk, Datenbanken, Suchmaschinen: 97 % des Marktanteils befinden sich in der Hand des Unternehmens. Doch es gibt Gerüchte, die in Medienkreisen die Runde machen: Die längst erwartete neue Version der Sky-Suchmaschine Sky-Search soll nicht auf den Markt kommen, um irgendetwas zu vertuschen. Das macht den Chefredaktuer bei worldnews.de, Dr. Leo Nolte, hellhörig. Er will ein "frisches Gesicht" für ein Interview auf Donnelly ansetzen und schlägt Eva Röller vor. Vor diesem Hintergrund baut sich die Handlung im Roman Versuchung des Autors und Journalisten Harry Luck auf, der damit bereits sein 14. Buch veröffentlicht hat.


Jungreporterin trifft einflussreichen Strippenzieher


Eva Röller ist eine junge, arbeitslose Nachwuchsjournalistin aus Berlin, die aber immerhin von sich sagen kann, schon mal mit einem spektakulären Interview, das sie mit dem Berliner Innensenator geführt hatte, auf sich aufmerksam gemacht zu haben. Sie hat erst seit Kurzem ihren Bachelor in der Tasche und hofft auf irgendeinen Job, der nicht in der Redaktion eines Werbeblättchens ist. Da kommt ihr das Angebot von Nolte beinahe wie ein Sechser im Lotto vor: Er beauftragt sie, mit dem medienscheuen Donnelly in Bangkok am Hauptsitz von SkyCorp ein Interview zu führen. Den Kontakt zu worldnews.de hält sie über den Kollegen Adam Berger. Eva sieht in diesem Job ihre große Chance und schafft es tatsächlich, einen Termin beim Firmenboss zu ergattern. Doch das Interview läuft nicht so, wie sich es vorgestellt hat, und viel zu spät merkt Eva, dass Donnelly ihr eine Falle stellt, um ihre Glaubwürdigkeit und Seriosität zu untergraben. Doch sie stößt bei ihren Recherchen auf den Namen Tom Baron und erfährt von dem worldnews-Reporter Pöschke, dass dieser für den großen wirtschaftlichen Erfolg der SkyCorp verantwortlich gewesen ist und bereits als Nachfolger von Donnelly aufgebaut worden war, dann aber 2015 nach einer Pressekonferenz plötzlich von der Bildfläche verschwand. Sein Name ist seitdem nirgends mehr aufgetaucht, aber Pöschke weiß, dass Baron noch leben muss: Der ehemalige Geschäftsmann erhält jeden Monat von SkyCorp eine üppige Gehaltszahlung, die ihm auf ein Konto einer Berliner Bank überwiesen wird. Die Situation wird noch undurchsichtiger, als Eva in Bangkok in einen Hinterhalt gerät und ihr Skyphone gestohlen wird. Doch die Unterlagen, die sie kurz zuvor von Pöschke erhalten hat, finden die Täter nicht. Eva setzt ihre Ermittlungen nun in Berlin fort und wird dabei von Adam untertsützt. Die beiden befinden sich in höchster Gefahr, als Eva in den Besitz eines Speichersticks gerät, auf dem sich der Programmcode der neuesten Version von Sky-Search befindet. Mit ihm ist es möglich, alle auf der Welt elektronisch verfügbaren Daten einzusehen und zu manipulieren.

Wie war's?

 

Versuchung  ist ein unterhaltsames Buch, das zeigt, welche Zukunft wir hinsichtlich der Sicherheit und Transparenz unserer Daten möglicherweise noch vor uns haben. Der Roman wurde bereits 2014 als Hardcover herausgegeben und damals noch als Thriller bezeichnet. In der jetzt neu aufgelegten Taschenbuchausgabe spricht Luck nur noch davon, dass sein Buch ein Roman ist. Diesen veränderten Blick würde ich unterstützen, weil ich mir unter einem Thriller ein Werk mit einem besser ausgearbeiteten Spannungsverlauf vorstelle. 
Die von Luck erwünschte Parallele zwischen dem biblischen Paar Adam und Eva und den beiden Journalisten gleicher Namen in Versuchung hätte besser ausgearbeitet werden müssen, um glaubwürdiger zu wirken. An manchen Stellen wirkt die Annäherung der beiden etwas gewollt.

Aber der Autor blickt auch mit Humor auf das, was uns in nur noch drei Jahren erwartet: Er sieht Til Schweiger zum zwölften Mal gleichzeitig als Produzenten und Schauspieler zusammen mit seiner Tochter Emma in seinem neuesten Film "Dosenravioli". Eines ist sicher: Til Schweiger ist da auf einem guten Weg.

Versuchung ist in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 2017 bei epubli erschienen und kostet 9,99 Euro. 

Freitag, 9. Juni 2017

# 103 - Leben wie Gott im Baskenland

Dort, wo es an jeder Ecke ein Sternerestaurant gibt

 

Gut, "an jeder Ecke" ist etwas übertrieben, aber eines stimmt: In den beiden bekanntesten baskischen Städten Bilbao und San Sebastián findet sich bezogen auf die Zahl der Einwohner die größte Dichte an vom Guide Michelin ausgezeichneten Restaurants. Für 2017 weist der Restaurantführer in Bilbao acht und in San Sebastián sogar neun hochklassige Gourmettempel aus, die mit mindestens einem Stern bedacht wurden. Diese Liebe zu gutem Essen schlägt sich auch auf das Angebot des örtlichen Lebensmittelhandels durch, wo Qualität eine große Rolle spielt.
José Pizarro ist es mit seinem Buch Baskisch gelungen,  seinen Lesern das Lebensgefühl der Basken ein Stück näher zu bringen. Er beschränkt sich nicht nur auf die textliche Darstellung der einzelnen Gerichte, sondern hat aus seinem Kochbuch auch einen Fotoband gemacht.

Das bietet dieses Buch

 

© Laura Edwards
Baskisch beinhaltet 85 Rezepte von Pintxos (baskische Tapas) bis zu Hauptgerichten und ist im Wesentlichen in die Kapitel Fleisch, Fisch, Gemüse und Desserts unterteilt. Für alle, die keine Erfahrung im Kochen von baskischen Gerichten haben, aber gern ein Menü zaubern würden, hält Pizarro einige Vorschläge bereit. Was da auf den ersten Blick nach einer Herausforderung aussieht, wird von ihm gleich etwas entschärft: Viele Gänge können am Vortag oder sogar mehrere Tage im Voraus vorbereitet werden, sodass keine Hektik entsteht.
© Laura Edwards
Das Niveau der einzelnen Gerichte liegt zwischen 'für Anfänger geeignet' und 'anspruchsvoll'; die Zutaten sind in gut sortierten Supermärkten erhältlich. 
Das Buch schließt mit einem Register, in dem die Zutaten alphabetisch aufgelistet sind und ihnen die entsprechenden Rezepte zugeordnet werden.

 



Kaufen?

 

Baskisch ist sein Geld wert. Es überzeugt nicht nur durch seine Gerichte, sondern ist mit so vielen Fotos von Menschen, der baskischen Landschaft, historischen Gebäuden, Stillleben und - ach ja! - baskischen Gerichten ausgestattet, dass man es auch zur Hand nehmen kann, wenn man es nicht als Kochbuch benötigt.
© Laura Edwards
José Pizarro wurde 2014 zu einem der Los 100 españoles más de 2014 influyentes, also zu einem der 100 einflussreichsten Spanier, gewählt. Diese Ehrung wird an Spanier vergeben, die auf ihre spanische Herkunft stolz sind und dies auch durch ihre Tätigkeit öffentlich machen. Er betreibt in London drei spanische Restaurants und wurde 2017 vom Harpers's Magazine auf die Liste der Top 100 der einflussreichsten Menschen aus der Gastronomie gesetzt. Seinen ursprünglichen Plan, als Zahntechniker zu arbeiten, hat er vor mehr als 20 Jahren aufgegeben. Glücklicherweise.

Baskisch wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Hölker Verlag erschienen und kostet 29,95 Euro. Außer über die üblichen Vertriebswege kann es auch beim Spiegelburg-Shop bestellt werden.

Ich bedanke mich bei der Abteilung Presse & Öffentlichkeitsarbeit (Michelle Minwegen) des Coppenrath Verlags GmbH & Co. KG, die mir alle Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat.
 



Donnerstag, 1. Juni 2017

# 102 - Schuld, Rache und Vergebung

Von der gnadenlosen Hitze Algeriens ins moderne Frankreich und zurück

 

Baptiste Dumont ist 67, als er eines Nachts einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält. Seine geliebte Frau Claire, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet gewesen war, hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Er ist nun allein; seine Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkelin sind schon vor sieben Jahren nur wenige Tage nach der Geburt des Kindes bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jetzt, da mit Claire der Mittelpunkt und Anker seines Lebens nicht mehr da ist und er spürt, dass sich auch für ihn unaufhaltsam der Tod nähert, fasst er einen Entschluss: Er verkauft die Wohnung in dem kleinen Dorf in der Provence, in der er mit Claire sein Leben verbracht hat, und schließt sich jungen Leuten an, die mithilfe eines Wohltätigkeitsprojekts das Schulhaus in dem malawischen Dorf Chila um ein Waisenhaus erweitern wollen. Mit der jungen Ella, die mit dem Projektgründer liiert ist, verbindet ihn bald eine besondere Freundschaft. In seinem Debütroman Palast aus Staub und Wind schreibt Haroon Gordon über Freundschaft, Liebe, Hass und Tod.

Frauengefängnis unter algerischer Sonne

 

In den 1930-er bis 1950-er Jahren wachsen im Frauengefängnis Agda zwei Jungen auf: Baptiste ist der Sohn von Gefängnisdirektor Colonel Dumont und von Celine Dumont, die der Familie zuliebe ihre Karriere als Pianistin an den Nagel gehängt hat. Im Gefängnis wächst der nur ein Jahr jüngere Gabriel als Sohn einer Inhaftierten heran, die ihn dort geboren hat. Die beiden sind die einzigen Kinder und werden zu besten Freunden. Doch Baptiste spürt bereits als Jugendlicher, dass die Ehe seiner Eltern belastet ist: Sein Vater hat im Alkohol einen ständigen Begleiter gefunden, die Mutter kapselt sich ab und wird psychisch krank. Doch niemand spricht mit dem Jungen über den Grund für diese Veränderungen. Auch, warum Celine für Gabriel nur Hass übrig hat, ist den beiden Freunden ein Rätsel. 

Erst als junger Mann erfährt Gabriel durch eine ehemalige Mitinsassin seiner Mutter von dem dunklen Geheimnis der Dumonts. Die Situation eskaliert, es gibt einen mit Absicht Getöteten und einen weiteren, der versehentlich zu Tode kommt. Baptiste hat nie jemandem von seiner Vergangenheit erzählt. Doch während eines Unwetters in Chila, als Ella lebensgefährlich erkrankt und außer Baptiste niemand da ist, bleibt er bei ihr und erzählt der jungen Frau seine Geschichte. Ella wird wieder gesund, doch nun ist Baptiste erkrankt. Als er erkennt, dass sein Ende nah ist, bittet er Ella um ein Versprechen: Sie soll an seiner Stelle nach Agda reisen und etwas für ihn erledigen, damit seine Seele ihren Frieden findet.

Wie war's?

 

Palast aus Staub und Wind ist ein von Beginn an fesselnder Roman mit mehren Wendungen. Haroon Gordons Schreibstil reißt seine Leser von Anfang an mit und lässt sie die Höhen und Tiefen der Figuren hautnah miterleben. Ein brisantes Thema, das ausschließlich Ella betrifft, wird am Ende des Romans allerdings zu oberflächlich abgehandelt. Das ist jedoch die einzige Schwäche, die sich das Buch erlaubt.

Palast aus Staub und Wind ist bei hockebooks erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch.de  zur Verfügung gestell. Der Roman kostet als Taschenbuch 12,99 € sowie als E-Book 7,99 €. Mir lag das Buch als E-Book vor.


 



Mittwoch, 31. Mai 2017

Deutschland und die USA: Das waren die Zentren im Mai

Einblicke in die Filmbranche, ins Marktdesign, die Inklusion und in eine forensiche Klinik

 

Und was wird aus mir? fragen sich die Menschen im vor zehn Jahren erschienenen Roman von Doris Dörrie. Die Autorin, die auch als erfolgreiche Regisseurin bekannt geworden ist, verarbeitet in ihrem Buch ihre Erfahrungen aus der Filmbranche, in der die schöne Fassade mehr zählt als der Mensch hinter ihr. Erfolg und Absturz liegen dicht beieinander. 
Ein gut geschriebener Roman, der mehrere gesellschaftliche Phänome behandelt.












Wer kriegt was und warum? des Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Alvin E. Roth erklärt, was es mit Marktdesign auf sich hat und erläutert das Prinzip eines Matching Markets: Es ist nicht möglich, sich nur einfach etwas oder jemanden auszusuchen, sondern man muss ebenfalls ausgesucht werden. Seine Leser erfahren, was es mit einer Marktverstopfung oder Verfrühung auf sich hat und erhalten die Möglichkeit, ökonomische Prozesse aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ein Buch, das sich auch an Leser richtet, die sich bislang noch nicht näher mit Wirtschaftsthemen oder -theorien beschäftigt haben.
2015 stellte sich Roth einer Google-Diskussion mit dem emeritierten Professor Hal Varian, der seit zehn Jahren als Chef-Ökonom für Google arbeitet, zum Thema Marktdesign:

 

  
Michael Felten, der in der Schulentwicklung, der Lehrerausbildung und seit 35 Jahren als Lehrer tätig ist, hat sich in seinem Buch Die Inklusionslüge kritisch damit beschäftigt, wie gut oder schlecht es in Deutschland, aber auch in anderen Ländern bisher gelungen ist, behinderten Schülern in Regelschulen gerecht zu werden. Er ist keineswegs ein Gegner der Inklusion, lehnt sie aber in der Form ab, in der sie in Deutschland ganz überwiegend praktiziert wird. Da von dem Erfolg oder Scheitern der Inklusion nicht nur die behinderten Kinder, sondern auch ihre nicht-behinderten Mitschüler sowie die involvierten Lehrkräfte betroffen sind, ist dieses Thema für die gesamte Gesellschaft von Interesse.  
Michael Felten hat sich im Rahmen einer Interviewreihe, die im Zusammenhang mit den Landtagswahlen in NRW 2017 aufgelegt wurde, zur schulischen Inklusion geäußert:



Mit Das forensische Gemetzel der Autorin A. C. Scharp habe ich einen Roman vorgestellt, der sich sehr unterhaltend mit der verwickelten Situation in einer forensischen Psychiatrie in einem kleinen Kaff beschäftigt. Das Geheimnis des Chefpsychiaters droht aufzufliegen. Dies kann er nur verhindern, indem er einen der Insassen, einen Frauenmörder, umbringt. Er hat Skrupel, aber seine Existenzängste sind größer als diese. Doch die Ereignisse nehmen einen für alle unerwarteten Verlauf. Dass auch das Klinikpersonal jenseits dessen ist, was man als normal bezeichnen würde, steht außer Frage.
Alles, was die Autorin sonst noch macht, lässt sich auf ihrer Homepage nachlesen. 






Das war der Mai, und ich hoffe, euch hat der bunte Mix gefallen. Wir sehen uns im Juni wieder!

 

Freitag, 26. Mai 2017

# 101 - Wer ist hier eigentlich verrückt?

In der Provinz sterben die Menschen wie die Fliegen

 

Nach dem Lesen des neuesten Romans von A. C. Scharp Das forensische Gemetzel drängt sich vor allem eine Erkenntnis auf: Tut alles, um niemals in eine forensische Psychiatrie zu kommen. Und schon gar nicht in die von Frackhausen. 

Ein Geheimnis zu viel 

 

Die forensische Klinik von Frackhausen ist der Dreh- und Angelpunkt in diesem Roman und das unfreiwillige Zuhause von notorischen Brandstiftern, Serienmördern und Kannibalen. Der kleine Ort hat sich mit ihrer Anwesenheit  einigermaßen arrangiert, man lebt unaufgeregt nebeneinander her. Das ändert sich schlagartig, als bekannt wird, dass in Kürze ein neuer Patient eingeliefert werden soll: Der ehemalige Frackhausener Bürger und Polizist Henning Mansen hatte es sich vor Jahren zu seiner Mission gemacht, die von ihren Ehemännern drangsalierten Frauen seines Heimatortes von ihrem Leid zu erlösen und ihnen eine bessere Zukunft im Jenseits zu ermöglichen. Aufgrund der von ihm als Wohltätigkeit eingestuften Morde hat das kleine Kaff seitdem vier Witwer mehr. Die Nachricht von Mansens Rückkehr löst bei den Einheimischen keine Begeisterung aus. Die vier unfreiwillig alleinlebenden Männer sind über den Umstand, dass derjenige, der ihnen ihre Gattinnen und damit ihr Personal und ihre Opfer genommen hat, sie jetzt mit seiner Anwesenheit quasi verhöhnt, ziemlich aufgebracht. Sie sind sich schell einig: Mansen muss weg! Und zwar endgültig und ohne Rückfahrschein. Seine Ermordung ist da schnell beschlossene Sache. Nur wollen sich die Vier weder selbst die Hände schmutzig machen, noch wissen sie, wie sie sich Mansen so weit nähern könnten, dass eine Ermordung möglich wäre. Doch auch dieses Problem wird recht schnell gelöst: Es muss jemand anders her. Jemand, der dem Serienmörder nahe genug kommt, um ihm den Garaus machen zu können. Die Witwer verfallen auf eine grandiose Idee: Um die Sache möglichst zuverlässig und kostenneutral zu gestalten, muss sich jemand vom Klinikpersonal um Mansens Ableben kümmern. Jemand, der Dreck am Stecken hat und somit erpressbar ist. Da einer der vier Männer über sehr gute Computerkenntnisse verfügt, ist die richtige Person schnell gefunden: Der Chefpsychologe Mike Sanger hat eine derart klaffende Lücke in seinem beruflichen Lebenslauf, dass seine Existenz auf einen Schlag vernichtet wäre, wenn Details bekannt würden. 
  

Chefpsychologe schlittert von einer Bredouille in die nächste 

 

Sanger ist attraktiv, mit einer ihn fast täglich prügelnden Frau verheiratet und der Schwarm der drallen Schwester Dörte. Die werte Gattin zu verlassen ist für ihn keine Option: Sie weiß von seinem Problem mit dem Lebenslauf und würde im Fall einer Trennung wahrscheinlich nicht zögern, die Bombe platzen zu lassen. In der Klinik kann er sein Geheimnis bis jetzt gut kaschieren. Das führt aber auch dazu, dass er sich nicht in der Lage sieht, Patienten mit einer guten Prognose zu entlassen. Die Folge: Das Haus ist bis zum Anschlag belegt, der Landrat übt deshalb Druck auf den Klinikchef Dr. Mäuchel aus, der diesen gern an seinen Chefpsychologen weitergibt. Da flattert ein ungelenk formuliertes Schreiben auf Sangers Schreibtisch: Jemand will, dass er für Henning Mansens Tod sorgt. Anderenfalls würde die Klinik von Sangers Geheimnis erfahren. 
Die Drohung wirkt. Sanger will auf jeden Fall verhindern, bloßgestellt zu werden und durchdenkt mehrere mögliche Tathergänge. Doch die Sache eskaliert, und am Ende sind mehrere Hundert Menschen tot. 

Wie war's?

 

Das forensische Gemetzel ist ein flott und unterhaltend geschriebener Roman, der beim Lesen Zweifel aufkommen lässt, ob die Patienten hier wirklich einen größeren Sprung in der Schüssel haben als das Klinikpersonal. 
Das Buch ist voll schwarzem Humor, aber hat trotz der vielen Leichen nichts von einem Krimi. An manchen Stellen wäre es allerdings schön gewesen, wenn einige Situationen lebensnäher und wahrscheinlicher gestaltet worden wären. So geht dem Roman etwas von seiner Glaubwürdigkeit verloren. Doch die eigene Beschreibung der Autorin trifft es genau: Das forensische Gemetzel ist für Liebhaber der burlesken Absurdität.

Das forensische Gemetzel ist als Self-Publishing-Ausgabe erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als Kindle-Edition 2,99 Euro.

Freitag, 19. Mai 2017

# 100 - Inklusion auf Teufel komm raus?

Wohin mit dem behinderten Kind?

 

Der Autor Michael Felten ist in Nordrhein-Westfalen als Lehrer, Schulentwicklungsberater und in der Lehrerausbildung tätig. In seinem Buch Die Inklusionsfalle sieht er sich an, wie die Inklusion von behinderten Schülern schwerpunktmäßig in NRW, aber auch in anderen Bundesländern und im Ausland funktioniert.

Inklusion in Deutschland - wem kommt sie zugute?

 

Das hört sich doch erstmal toll an: Kein Kind wird zurückgelassen, behinderte Kinder sollen vorrangig eine Regelschule - also eine Haupt- oder Realschule oder das Gymnasium oder wie Schulen der Sekundarstufe in Deutschland heute noch heißen mögen - besuchen. Das ist nicht nur die Vorstellung der noch amtierenden NRW-Landesregierung, sondern auch das gut gemeinte Motto in anderen Bundesländern. Die, die so etwas propagieren, berufen sich auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, der Deutschland 2009 beigetreten ist. Da Bildung Sache der Länder ist, wird dieses Thema in 16 Abwandlungen angegangen und umgesetzt. Wie Michael Felten hier anhand von Praxisbeispielen und Literaturquellen dokumentiert, ist es nicht unbedingt das Kindeswohl, das bei der Neustrukturierung der Bildungslandschaft an erster Stelle steht.

Ohne Moos nix los - ist die Inklusion ein gut getarntes Sparschwein?

 

In zahlreichen Bundesländern läuft die schulische Inklusion nach folgendem Muster ab: So viele Behinderte wie möglich sollen die Regelschulen besuchen, im Gegenzug werden nach und nach Förderschulen geschlossen. Die Sonderpädagogen, die dort bislang fest beschäftigt waren und Klassen von 4 bis 16 Schülern unterrichteten, sind jetzt gleichzeitig an bis zu acht Regelschulen tätig, an denen sich behinderte Schüler mit einem Förderbedarf befinden. Das bedeutet, dass sie in jeder dieser Schulen nur wenige Stunden pro Woche sind, während sie nach dem alten System eine echte Bezugsperson für ihre Schüler sein konnten, da auch die Zeit für ein persönliches Gespräch mit ihnen da war. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Da sitzt dann ein verhaltensauffälliges oder geistig behindertes Kind inmitten einer "normalen" Klasse und soll den größten Teil der Zeit von einer mit dieser speziellen Problematik allein gelassenen Lehrkraft angepasst an seine persönlichen Bedürfnisse unterrichtet werden. Bei diesem Modell kommen alle Beteiligten zu kurz: Der Lehrer an der Regelschule, der durch die Schulen nomadisierende Sonderpädagoge und auch die Schüler - die behinderten ebenso wie die nicht-behinderten.
Besondere Blüten treibt diese Entwicklung im Land Bremen: Dort wurden kurzerhand der Studiengang Sonderpädagogik und die Förderschulen abgeschafft. Ist ja auch logisch: Wo es keine Förderschulen gibt, braucht kein Mensch Sonderpädagogen. Statt dessen bietet das Land einen lauen Ersatz: Lehkräfte an Regelschulen können sich innerhalb von zwei Jahren berufsbegleitend zum Thema Sonderpädagogik fortbilden. Auch Nordrhein-Westfalen zeigt sich in der Ausbildung der Sonderpädagogen kreativ: War es bislang üblich, dass sich die Studenten schwerpunktmäßig auf zwei der sieben der in NRW festgelegten Förderschwerpunkte konzentrierten, werden sie nun für alle ausgebildet. So wissen sie von allem ein bisschen, aber von nichts wirklich viel.

Auf dem Papier gilt die freie Schulwahl

 

Eltern können sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in anderen Ländern wie z. B. Niedersachsen wählen, ob ihr behindertes Kind an einer Regel- oder einer Förderschule unterrichtet werden soll. Aber diese Wahlmöglichkeit besteht zunehmend nur noch auf dem Papier: Wo eine Förderschule nach der anderen ihre Türen schließen muss, werden die Wege bis zur nächsten geeigneten Schule so weit, dass die betroffenen Kinder einen halben Tag in einem Sammeltransport verbringen müssen - und das fünf Mal pro Woche mit oft schweren körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen. Das ist für ihre Eltern wie die Wahl zwischen Pest und Cholera: Es gilt, die Zumutung einer viel zu langen Anfahrt gegen die völlig unzureichenden Zustände in einer Regelschule aufzuwiegen.

Michael Felten ist keineswegs ein Gegner von Inklusion. Er prangert jedoch an, unter welchen Umständen sie stattfindet und dass für eine tatsächliche Inklusion, die diesen Namen auch verdient, deutlich mehr Geld ausgegeben werden müsste. Damit ist allerdings nicht zu rechnen. Statt dessen sonnen sich die Bundesländer in ihren allmählich ansteigenden Inklusionsquoten und sehen diese als Beweis für ihre erfolgreichen Bemühungen zugunsten der Behinderten an.
Gern wird Italien als europäischer Leuchtturm der Inklusion genannt: Seit Ende der 1970-er Jahre gibt es dort die schulische Inklusion. Bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich allerdings nur als Instrument der Kosteneinsparung. Förderschulen gibt es dort gar nicht mehr, statt dessen besuchen alle behinderten Schüler normale Schulen. Dort sind Integrationslehrer tätig, die nur über eine kurze Ausbildung verfügen, die ihnen die einzelnen Behinderungen in groben Zügen vermittelt. Die betroffenen Schüler werden alle gleich behandelt, egal, ob sie blind, hörbehindert, verhaltensauffällig, körperbehindert oder geistig beeinträchtigt sind. Lerntechniken, die es überhaupt erst möglich machen, dem Unterrichtsstoff zu folgen, müssen irgendwie außerhalb der Schule erworben werden. Unter solchen Rahmenbedingungen wird die Schule nicht zu einer Bildungs- sondern nur zu einer Verwahranstalt, die ihre behinderten Schüler nicht auf das Leben, sondern auf die Arbeitslosigkeit oder eine Fortsetzung der Verwahrung vorbereitet - auch dann, wenn der Schulbesuch unter günstigeren Voraussetzungen erfolgreich hätte sein können.

Wer sollte dieses Buch lesen?

 

Das Buch ist nicht nur für Eltern von behinderten Kindern interessant, sondern auch für diejenigen Eltern, deren Kinder nicht beeinträchtigt sind. Die von der Politik gesteuerten Fehlentwicklungen gehen jedoch letztlich die ganze Gesellschaft an. Ich wünsche mir, dass Die Inklusionsfalle auch von Politikern und Verantwortlichen der Schulverwaltungsbehörden gelesen wird, damit es zu einer Korrektur des bisherigen Kurses kommt. Wer nicht bereit ist, so viel Geld auszugeben, wie nötig ist, damit für jedes Kind ein für es geeigneter Förderort bereitgehalten werden kann, sollte sich nicht öffentlich als Befürworter der Inklusion und Unterstützer der Behinderten präsentieren. 
  
Die UN-Behindertenrechtskonvention schreibt übrigens nirgends den gemeinsamen Schulbesuch von behinderten und nicht-behinderten Kindern vor. Sie fordert einen "Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen" sowie die "notwendige Untertsützung, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern". Die Konvention sieht, dass "das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt" ist, "der vorrangig zu berücksichtigen ist". Außerdem stellt sie klar, dass "besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens gelten". Von einem Zwang zur gemeinsamen Beschulung ist, erst recht unter den geschilderten Umständen, nirgends die Rede.

Die Inklusionsfalle ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt. Die gebundene Ausgabe kostet 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition ist das Buch für 13,99 € zu haben.

Nachtrag: Wer sich jetzt spontan empört und findet, dass ich vom Thema keine Ahnung habe und mich diskriminierend verhalte, kann sich hier oder hier ein erstes Bild von mir machen.

 

Freitag, 12. Mai 2017

# 99 - Design gibt es nicht nur in der Mode und der Kunst

Märkte gibt es an jeder Ecke - ein Nobelpreisträger über Marktdesign

 

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Alvin E. Roth erhielt gemeinsam mit Lloyd S. Shepley 2012 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für die Entwicklung der Idee des sog. Marktdesigns und die Theorie, wie in einem bestimmten Markt stabile Verteilungen erreicht werden können. Klingt trocken und abgehoben? Das ist es keinesfalls. Roth macht sich in seinem 2016 erschienenen Buch Wer kriegt was und warum? Gedanken darüber, wie typische und häufige Probleme, die dann entstehen, wenn ein Markt nicht reibungslos funktioniert, gelöst werden können.

Nicht nur forschen, sondern auch anwenden

 

Das Berufsleben von Roth unterscheidet sich in einem Punkt wesentlich von dem zahlreicher anderer Forscher: Er arbeitet nicht nur Theorien aus, sondern setzt diese auch praktisch ein. Sein im Buch dargestellter Schwerpunkt liegt dabei auf solchen Märkten, bei denen kein Geld im Spiel ist. Er bezeichnet sie als "Matching Markets": Man kann sich nicht einfach etwas oder jemanden auswählen, sondern muss ebenfalls von der Gegenseite ausgewählt werden. Roth hat z. B. ein System kreiert, mit dessen Hilfe möglichst viele Schwerkranke eine für sie dringend benötigte Niere bekommen. Die Spende von Nieren von Lebenden oder Verstorbenen darf nahezu weltweit - Ausnahme: Iran - nur unentgeltlich vonstattengehen. Mit Roth' Tauschringen ist es gelungen, viele Lebendspender zu gewinnen und so das Leben vieler Kranker zu retten. Die Spender hatten durchaus eine starke Motivation, ihr Spendenversprechen einzuhalten, aber eben keine finanzielle. Auch die praktikable und einigermaßen gerechte Zuteilung von Plätzen an öffentlichen Schulen war in New York und Boston ein so großes Problem, dass sich die Stadtverwaltungen an den Wissenschaftler wandten und um seine Hilfe baten - mit Erfolg. Eines der Probleme war, dass sich viele Eltern und zahlreiche Schulen dem offiziellen Zuteilungsverfahren entzogen und so neue Ungerechtigkeiten generiert wurden, ein anderes, dass Eltern nicht mehr ihren wahren Schulwunsch angaben, sondern eine strategische Wahl trafen. Beides sind unerwünschte Verhaltensweisen, die die Platzvergabe noch unbefriedigender machten.

Jetzt aber schnell...

 

Auch die Vergabe von Facharztstellen an Medizinstudenten oder die Bewerbungsmodalitäten für Referendarstellen bei Bundesrichtern für Jurastudenten nahm so skurrile Züge an, dass letzten Endes weder den Studenten noch den künftigen Arbeitgebern geholfen war. Beide "Matching Markets" hatten Eigenschaften, die an das Märchen vom Hasen und vom Igel erinnerten: Es wurde an den Regularien vorbei geschummelt, aber mindestens eine Seite fühlte sich zu kurz gekommen. Die beiden Phänomene, die eine sinnvolle Zuordnung der Studenten zu Bundesrichtern bzw. Kliniken verhinderten, waren einerseits die sog. verfrühte Transaktion und andererseits "explodierende" Angebote. Verfrühte Transaktionen - also z. B. Stellenangebote an ganz bestimmte Kandidaten, die immer früher abgegeben werden - entstehen aus der Sorge heraus, dass bei einer zu späten Suche nach geeigneten künftigen Juristen oder Ärzten die Konkurrenz bereits die vielversprechendsten Kandidaten für sich gewinnen konnte. In diesem Zusammenhang sind auch die "explodierenden" Angebote zu sehen: Dieser von Roth geprägte Begriff meint Stellenangebote, die einem Wunschkandidaten nur für einen äußerst begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt werden. Roth nennt hier einen extremen Fall eines Studenten, der während eines inneramerikanischen Flugs zwischen zwei Vorstellungsgesprächen ein solches Angebot eines Richters erhielt, das dieser bereits nach 35 Minuten wieder zurückzog - sowohl das Angebot als auch die Absage konnte der Student jedoch erst nach der Landung auf seinem Smartphone lesen. Der Grund für ein solches Verhalten liegt auch hier in der Angst begründet, einen (anderen) geeigneten Kandidaten zu verpassen, wenn man zu lange auf die Antwort des angeschriebenen Studenten wartet. Kurios, aber ständige Realität auf dem "Matching Market" unter angehenden Juristen und Ärzten in den USA.

Kein Modell ist dauerhaft

 

Roth gibt keine Patentrezepte. Er erläutert anschaulich, dass jeder Markt seine eigenen Gesetze hat und ständigen Veränderungen unterworfen ist, auf die entsprechend reagiert werden muss, wenn es zu einer von ihm als "Marktverstopfung" bezeichneten Situation kommt: Solch eine Situation entsteht beispielsweise auf Dating-Portalen im Internet, wenn attraktive Frauen von Anfragen interessierter Männer so überschüttet werden, dass sie darauf nicht mehr antworten wollen oder können. Im nächsten Schritt versenden Männer, die auf ihre Anfragen keine oder nur wenige Rückmeldungen bekommen haben, zwar immer noch weitere Nachrichten, geben sich aber für jede einzelne nun weniger Mühe, weil sie von der vorangegangenen Erfahrung frustriert sind. Die Folge: Die in der "2. Runde" angeschriebenen Frauen registrieren, dass sie nicht individuell angesprochen werden und reagieren auf diese Lieblosigkeit mit Nichtbeachtung.
Zum Schluss noch ein Beispiel für die Verfrühung in einem besonders ungewöhnlichen "Matching Market", den Roth sich mit einem chinesischen Kollegen angesehen hat: Die Arunta, ein Aborigine-Volk in Australien, waren ein polygames Volk. Das führte zu einem ständigen Frauenmangel. Wurden nun ein Junge und ein Mädchen geboren, besprachen ihre Väter nicht die Ehe zwischen den beiden Neugeborenen; das war nicht mehr möglich, weil der Vater des Mädchens bereits vor dessen Geburt eine Ehe für das ungeborene Kind arrangiert hatte. Nein, die Absprache zwischen diesen beiden frischgebackenen Vätern beinhaltete, dass die erste Tochter, die das kleine Mädchen irgendwann haben würde, den heute noch kleinen Sohn heiraten würde.

Marktdesign praxisnah erklärt

 

Man muss weder ein Ökonomie-Freak noch mit geballtem Wirtschaftswissen ausgestattet sein, um zu verstehen, worum es Roth beim Marktdesign geht. Die Beispiele, die er zur Erläuterung anführt, stammen entweder aus seiner eigenen Berufspraxis oder aus Zusammenhängen, die jeder versteht, der diesen Text lesen kann, also über einen Computer verfügt. Wer Marktmechanismen aus einem anderen Blickwinkel betrachten und will, ist mit Wer kriegt was und warum? gut beraten.  

Wer kriegt was und warum? wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Siedler Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, broschiert 15 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 €.

Dienstag, 9. Mai 2017

Der doppelte Rückblick: Vielfalt im März und April

Kochen, essen, töten, der Blick auf die Frauen und die Eigenheiten der Wirtschaft

 

In den letzten beiden Monaten habe ich wieder viele verschiedene Bücher gelesen und vorgestellt, die unterhalten, aber auch neue Einblicke und Sichtweisen ermöglicht haben. Lust auf einen kurzen Rückblick? 

Das waren die Bücher aus dem März

 

Karina Both-Peckham hat mit Peckham's Kochbuch - Band 1: Lieblingssuppen ein tolles Buch herausgebracht, das sich an Menschen richtet, die mit der Variation nur eines Gerichts mehrere Esser zufriedenstellen wollen. Ob Flexitarier, Vegetarier, Veganer,  Paleo- oder Low-Carb-Fans: Mit diesem Buch gelingt es auch Hobbyköchen, allen Geschmäckern gerecht zu werden. Die Autorin betreibt ein Café und Bistro in Erfurt (Peckham's House) und seit mehreren Jahren einen Food-Blog (Iss dich glücklich).

Einen Blick auf die gastronomischen Anfänge von Karina Both-Peckham und ihres Mannes im Jahr 2008 gibt dieses  Video:


 




Beatrix Langner hat in ihrem Buch Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken auf knapp 240 Seiten ein kulturhistorisches Essay über die (geistige) Unterdrückung der Frauen geschrieben. Ein sehr spannendes, aber auch sehr anspruchsvolles Buch, das in jedem Absatz eine Fülle von Informationen transportiert. Langner verzichtet jedoch darauf, die verbale Keule zu schwingen, sondern analysiert die stetige Benachteiligung vor dem jeweiligen historischen Hintergrund. Klingt trocken, ist es aber nicht. Beatrix Langner ist Literaturkritikerin und Autorin mehrerer Bücher u. a. über Adelbert v. Chamisso oder Jean Paul. Sie trägt neben anderen Autoren Texte zum Chamisso-Forum bei. In der Sendung Mosaik bei WDR 3 hat sie ausführlich über ihr Buch gesprochen und einige zusätzliche Informationen gegeben. Der Sender hat das Interview als Download zur Verfügung gestellt.




Zusammen mit dem Journalisten Göran Schattauer hat der deutschlandweit bekannte Strafrechtsanwalt Steffen Ufer das Buch Nicht schuldig herausgebracht. Aus seiner reichen Erfahrung aus 50 Berufsjahren erzählt Ufer von bekannten und unbekannten Kriminalfällen und macht sehr deutlich, dass Rechtsprechung kein Instrument ist, um an einem Täter Rache zu üben. Auch den häufigen Vorwurf, sogar Menschen zu verteidigen, die eines besonders brutalen Verbrechens angeklagt sind, lässt der Jurist nicht gelten: Er sieht seine Rolle als die eines Wächters, der darauf achtet, dass das geltende Recht angewendet wird. Der SWR-Moderator Wolfgang Heim hat Steffen Ufer im Herbst 2016 interviewt. Das Interview wurde per Download zu Verfügung gestellt. 


Damit ging es im April weiter



Eines der meiner Meinung nach besten Bücher der letzten Zeit ist Geister des US-Autors Nathan Hill. Der College-Professor Samuel Anderson wird gebeten, sich für seine Mutter Faye einzusetzen, die den Präsidentschaftskandidaten Packer attackiert hat. Samuels Problem: Seine Mutter hat die Familie vor Jahrzehnten verlassen, sodass ihr Sohn gar nicht in der Lage ist, etwas Positives über sie zu sagen. Doch die Situation verkompliziert sich immer weiter, je mehr sich Samuel der Vergangenheit seiner Mutter widmet. Irgendwann ist das, was vorher völlig klar und offensichtlich erschien, alles andere als das. Hill greift in der Romanhandlung zahlreiche gesellschaftliche und politische Themen auf, die in ihrer jeweiligen Zeit in allen Medien diskutiert wurden. Von Audible Hörbücher wurde eine Hörprobe veröffentlicht.







Zarah Philips greift in ihrem Roman Lauter Leichen ein uraltes Motiv auf, das Menschen zum Morden bewogen hat, seit es den Tauschhandel gibt: Gier. Das ist auch in diesem Buch nicht anders: In Hamburg wird wegen des Geldes und des gefährdeten guten Rufs seit Generationen gemordet, was das Zeug hält. Der LKA-Beamte Watkowski bringt mit Spürsinn und Verstand Licht in den Beziehungs- und Täterdschungel, gerät dabei aber selbst in die Schusslinie. Sehr flott und unterhaltsam geschrieben, aber hier und da hat sich die Logik von der Handlung verabschiedet. Die farbigen Zeichnungen auf dem Totenschädel, der das Cover ziert, sind übrigens den Motiven entlehnt, die in Mexiko am Tag der Toten (Día de los Muertos am 2. November) auf den Gesichtern der Lebenden oder den dekorativen Zuckerschädeln zu sehen sind, die es dann überall zu kaufen gibt. Euronews hat in einem kurzen Video erklärt, worum es sich bei diesem in Mexiko wichtigen Feiertag handelt: 


Und ehe ich es vergesse: Eine Autoren-Homepage von Zarah Philips gibt es natürlich auch noch.




Und noch ein Kochbuch: Miriam Warnke lebt seit einigen Jahren vegan und kocht gern kreativ. Beides hat sie nun miteinander verknüpft und mit ihrem Kochbuch The Vegan Sister gezeigt, dass vegane Gerichte weder besonders aufwendig noch sehr schwierig nachzukochen sind. Wer die vegane Ernährung selbst einmal ausprobieren möchte, ist mit diesem Buch sehr gut beraten.
Miriam Warnke betreibt auch einen Blog, nach dem das Buch benannt wurde.




Stephen J. Dubner und Steven D. Levitt betreiben seit Jahren einen Wirtschaftsblog. Aus diesem stammen die einzelnen Beiträge für das Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten, die zum Teil bereits 2005 online veröffentlicht wurden. Da dies bereits das dritte Buch der beiden Ökonomie-Experten ist, das Beiträge von eben diesem Blog enthält und sich mit zum Teil etwas abseitigen Überlegungen beschäftigt, wirkt es manchmal, als seien die letzten Reste zusammengekehrt und zu diesem Buch verarbeitet worden. Kann man lesen, muss man aber nicht. Die Autoren betreiben nicht nur ihren Blog, sondern auch einen Video-Kanal bei Youtube. Bei Youtube sich auch die Buchvorstellung durch Steven J.Dubner im Londoner Büro von Google:





Im letzten Buch dieses doppelten Monatsrückblicks wird gut gegessen, aber nicht selbst gekocht. Das überlässt Axel Schwab in Sushi Guide den versierten Köchen in den von ihm empfohlenen Restaurants in vier deutschen Großstädten. Schwab beschränkt sich in seinem Buch auf die Beschreibung von Nigiri-Sushi und geht genau auf die einzelnen hierfür verwendeten Fischarten ein. Der Titel enthält außerdem einen "Restaurant-Knigge" für alle Leser, die in einem japanischen Restaurant nicht ständig ins Fettnäpfchen treten wollen, und ein Wortregister, das sehr dabei hilft, die Sushi-Speisekarte zu verstehen. Ein Buch mit sehr viel Sachverstand, da der Autor fünf Jahre in Tokio gelebt hat.
Axel Schwab gibt auf seiner Homepage Einblick in sein Leben, das zum Teil aus Reisen und Fotokunst besteht.


Das waren die Bücher, die ich euch im März und April vorgesellt hatte. War eins für euch dabei?





Freitag, 5. Mai 2017

# 98 - Mehr Schein als Sein

So geht's zu in Hollywood

 

Doris Dörrie wird vielen eher durch ihre Filme als ihre Bücher bekannt sein, aber sie hat bisher fast zwei Dutzend Titel veröffentlicht. Und was wird aus mir? ist bereits 1997 erschienen, und man wird beim Lesen den Verdacht nicht los, dass sie ganz bestimmte Personen vor Augen hatte, als sie dieses Buch schrieb.

Hollywood, Arroganz und Generationenkonflikt

 

Johanna, eine Frau um die 50, ist in Deutschland zunächst als Schauspielerin und zuletzt als Requisiteurin an einem Opernhaus gescheitert: Ein ordinärer vergessener Müllsack, der bei der Aufführung von Verdis "Rigoletto" nicht rechtzeitig zur Stelle war, brachte ihr die fristlose Kündigung. Ohne Job und erst recht ohne Perspektive erinnert sie sich an ihren früheren Freund, den Regisseur Rainer. Zusammen mit ihm und der blonden Heidi hatte sie in den 1970er Jahren einen Filmerfolg gelandet, der sie bis nach Hollywood brachte. Deutschsein galt damals im US-Filmgeschäft als "refreshing", und die Drei wurden von einem Filmevent zum nächsten herumgereicht und glaubten, angekommen und erfolgreich zu sein. Doch nach ihrem hochgelobten Film ergab sich für Johanna rein gar nichts mehr. Ihr Zusammenleben mit Rainer war geprägt von Langeweile, während sie stundenlang den Telefonaten ihres Freundes zuhörte oder im öden Hotelzimmer auf ihn wartete. Als sie begriff, dass sie weder bei Rainer noch im Filmgeschäft eine Chance hatte, packte sie ihre Sachen und kehrte nach Deutschland zurück. Und jetzt, arbeits- und mittellos, hofft sie, dass ihr Rainer eine Chance geben kann. Er ist in Hollywood ein gefragter und erfolgreicher Regisseur, der seiner modesüchtigen 15-jährigen Tochter Allegra in den Sommerferien eine Menge bieten kann. Bei ihrer Ankunft in Rainers Villa inmitten einer noblen Nachbarschaft ist sie dann auch beeindruckt von der teuren Einrichtung und dem Pool im Garten. Doch ihr fällt auf, dass sich im Haus nichts Persönliches befindet, das einen Hinweis auf den Menschen Rainer geben würde. Ihr Instinkt lässt sie hier nicht im Stich.

Gepflegter Wahnsinn zwischen Konsum und Einsamkeit

 

Johanna merkt schnell, dass es mit Rainers beruflichem Erfolg nicht weit her ist. Er arbeitet als Nebendarsteller in zweitklassigen Filmen und nimmt immer dann, wenn sich seine verwöhnte Tochter, die ihren Vater verachtet, zu ihrem mehrwöchigen Sommeraufenthalt ankündigt, einen Job als Housesitter in einem edlen Villenviertel an. Dazu gehört praktischerweise auch die Benutzung eines sündhaft teuren Autos. So kann er für Allegra die Lüge vom wohlhabenden und erfolgreichen Filmregisseur aufrechterhalten. Während des restlichen Jahres lebt er in einem billigen Motel und kratzt sein Geld zusammen, um seiner Tochter während ihres Urlaubs bei ihm den spendierfreudigen Vater vorspielen zu können. In diesem Jahr entwickelt sich eine besonders pikante Situation: Rainer hütet das Edel-Domizil des millionenschweren Filmproduzenten Marko Körner und spielt in dessen aktuellem Streifen über Adolf Hitler eine kleine Nebenrolle. Rainer hasst Marko: für seinen Erfolg, für seinen Reichtum und dafür, dass er ihn ungestraft verspotten kann. Er ahnt nicht, dass Marko ein seelisches Wrack ist und seine Tage nur mit der Hilfe von Antidepressiva und dem Kontakt zum Medium Heidi übersteht - eben jener Heidi, die 20 Jahre zuvor gemeinsam mit Rainer und Johanna als aufstrebender Stern am Filmhimmel gefeiert wurde. Auch ihr haben die Studios kein Glück gebracht, deshalb hat sie ihren Schwerpunkt auf eine Form der Esoterik verlegt, die sich geschmeidig an die wechselnden Bedürfnisse der Schönen und Reichen anpasst. Heidi vermittelt Marko mehrmals täglich Gespräche mit der verstorbenen Japanerin Misako, die als 16-Jährige von einem Hochhaus in Tokio gesprungen ist, nachdem ihr konservativer Vater im Internet Fotos gesehen hatte, auf denen seine Tochter als Pornodarstellerin zu sehen war. Misakos Worte aus dem Jenseits führen Marko durchs Leben und geben ihm die Kraft, die er braucht, um sich selbstsicher präsentieren zu können. Misako prophezeit ihm, er werde am Ort des Friedens ein 15-jähriges Mädchen treffen, das ihn retten wird. Sie soll recht behalten.

Lesen?

 

Und was wird aus mir?  beschäftigt sich mit der Flüchtigkeit des Erfolgs, dem schönen Schein des Konsums und der Einsamkeit. Die drei früheren Freunde ringen mit dem Älterwerden, das sie nur schwer akzeptieren können. Doris Dörrie beschreibt den Generationenkonflikt zwischen Rainer und Allegra in einer Weise, wie sie vielen bekannt vorkommen wird: Rainer lebt in dem Irrtum, dass seine Tochter ihn am ehesten akzeptiert, wenn er ihr jeden Wunsch erfüllt. Am Ende des Buches muss sich Rainer mit einem Verlust abfinden, aber ein anderer seiner Träume geht in Erfüllung.
Auch Heidi und Johanna finden ihren Frieden, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.
Und was wird aus mir? ist eine gut erzählte Geschichte, die allerdings manchmal knapp am Klischee vorbeischrammt. Oder ist das, was wir für ein Klischee halten, die Realität? Wer weiß.

Und was wird aus mir? ist beim Diogenes Verlag als gebundenes Buch erschienen, in dieser Ausgabe jedoch nur noch antiquarisch erhältlich. Als Taschenbuchausgabe kostet der Roman 11,90 Euro, als Hörbuch (9 Audio-CDs) 34,90 Euro.