Samstag, 9. September 2023

# 408 - Ein Freund der Erde - wahrgenommen als Feind der Menschen

Im Jahr 2000 wurde der achte Roman des US-Autors
T. C. Boyle veröffentlicht, A Friend of the Earth. Ein Jahr später erschien die deutsche Fassung mit dem Titel Ein Freund der Erde. Jetzt sind wir im Jahr 2023, und man wird beim Lesen des Buches das Gefühl nicht los, dass auf Boyles Schreibtisch eine Kristallkugel steht, in die der Autor dann und wann einen Blick hineinwirft, um sich Anregungen für seine Bücher zu holen. Aber von vorn.

Ein Freund der Erde spielt sowohl in den 80-er und 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts als auch 2025 und 2026. Der Protagonist ist der ehemalige militante Umweltaktivist Tyrone "Ty" O'Shaughnessy Tierwater, der 2025 75 Jahre alt ist und im Auftrag eines gealterten früheren Popstars in Kalifornien die letzten Wildtiere hütet, die außerhalb des privaten Geheges längst ausgestorben sind: Löwen, Hyänen, Ameisenbären. Ratten haben selbstverständlich auch überlebt, für sie ist kein Schutz nötig. Krabben, Thunfische und Forellen sind ebenso Geschichte wie Frösche, Kondore oder Giraffen. Welse gibt es noch als Zuchttiere mit der Konsequenz, dass ein großer Teil der Ernährung durch sie sichergestellt wird - von Wels-Sushi bis Wels-Pizza ist da einiges möglich.
In der Nähe von Oslo werden kalifornische Weinreben angebaut, die nassen Loire- und Rheintäler eignen sich gut für den Ananas-Anbau. Auf der Erde leben 11,5 Milliarden Menschen, allein in Kalifornien 60 Millionen. Zu der Bevölkerungsexplosion haben auch medizinische Fortschritte beigetragen, die durch lebensverlängernde Maßnahmen zu einer Lebenserwartung von 100 Jahren führen.

Die Menschen in Kalifornien kämpfen 2025 ums Überleben in einer unwirtlichen Umgebung. Extreme Hitzeperioden, die die Erde aufbrechen und alles verdorren lassen, wechseln sich mit mächtigen Unwettern ab: Tage- oder wochenlang kommen ununterbrochen große Regenmengen vom Himmel, die alles überfluten und für Schimmel in den Gebäuden sorgen. Die Stürme sind so stark, dass ihnen nur speziell abgesicherte Dächer standhalten. Die klimatischen Veränderungen und die extensive Abholzung der Wälder haben dazu geführt, dass es so gut wie keine Bäume mehr gibt. 

Wenn man sagt, dass Ty sein Leben für den Umweltschutz gegeben hat, ist das nicht übertrieben. Er hat gemeinsam mit seiner damaligen Frau Andrea an legalen Aktionen der Umweltorganisation "Earth Forever!- EF!" teilgenommen und sich radikalisiert, als er den Eindruck hatte, dass diese Aktionen nichts an der verfehlten Klima- und Umweltpolitik der US-Regierung und der Bundesstaaten ändern. Er machte Bau- und Holzfällermaschinen von großen Unternehmen nachts unbrauchbar und steckte eine Holzplantage in Brand, für die ein natürlicher Wald mit alten Baumriesen abgeholzt worden war. Dafür saß er jahrelang im Gefängnis. An seiner Einstellung hat die Haft nichts geändert. Ty war nie ein Redner, sondern wollte mit seinen Taten etwas erreichen: "Ich halte keine Predigten. Es ist zu spät dafür, und abgesehen davon hat das Predigen noch nie irgendwas geholfen. Aber eins will ich sagen, der Ordnung halber - die meiste Zeit meines Lebens war ich Verbrecher. Genau wie ihr", lässt Boyle Ty Tierwater 2025 sagen.

Was ihn sein Leben lang verfolgt, ist der lange zurückliegende Tod seiner Tochter Sierra, die damals wegen einer spektakulären Umweltaktion zu einer Ikone der Umweltbewegung wurde. Alles lange her, kaum jemand kennt heute noch ihren und Tys Namen. Das soll sich plötzlich, vierundzwanzig Jahre nach Sierras Tod, ändern: Andrea taucht unvermittelt bei Ty auf, zwanzig Jahre, nachdem sich die beiden getrennt haben. Sie hat eine Frau mitgebacht, die Ty flüchtig von früher kennt und ihn nun interviewen will, um eine Biographie über seine Tochter zu schreiben. Die Anwesenheit der beiden Frauen führt zu problematischen Situationen, die sich zuspitzen, als das Wetter noch schlechter wird. Die normalerweise in ihren Gehegen lebenden Tiere sind vom ansteigenden Wasser bedroht, sodass Ty nur eine Chance sieht, sie zu retten: Sie müssen vorübergehend im weitläufigen Wohnhaus des Popstars untergebracht werden, das  auf einer künstlichen Anhöhe steht. Diese Umsiedlung bringt eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, die manche der Hausbewohner nicht überleben.

Lesen?

Boyles dystopischer Roman greift Themen auf, die ein Großteil der Menschen jahrzehntelang verdrängt hat. Der Klimawandel und seine Folgen sind für sich genommen keine Neuigkeit, wurden und werden jedoch "erfolgreich" ignoriert. 

Boyle zeichnet die Folgen von drastischen Hitze- und Regenperioden nach und hält bereits vor dreiundzwanzig Jahren eine aktive Klimabewegung für möglich, die sich zum Teil radikalisiert, weil sie kein anderes Mittel mehr findet, um die Politik und die Bevölkerung aufzurütteln. Dass es heute, zwei Jahre vor dem im Roman maßgeblichen Jahr, noch nicht so schlimm gekommen ist, wie vom Autor vorhergesagt, kann vernachlässigt werden. Nur Geduld, das wird schon.

Gegen Ende schleicht sich bei Ty Tierwater Resignation ein, als er gefragt wird: "Und was hast du erreicht? Sieh dich doch um - sieh dich doch nur um und beantworte mir das." - "Nichts, überhaupt nichts", ist seine Antwort. Mehr Frustration geht nicht.
T. C. Boyle entlässt seine Leserinnen und Leser allerdings nicht in dieses düstere Gefühl, sondern öffnet eine Tür, damit Ty und Andrea so etwas wie eine Zukunft haben.

T. C. Boyle hat ein sehr feines Gespür für Themen, die Menschen jetzt bewegen oder es später tun werden. Man mag einwenden, dass das Narrativ des menschengemachten Klimawandels und dessen Folgen so oft gebetsmühlenartig wiederholt wird, dass man davon nichts mehr hören oder lesen mag. Aber solange es ein Aufreger ist, wenn im Wolfsburger VW-Werk mit seinen mehr als 30 Kantinen und Kiosken in nur einer (!) Kantine ausschließlich vegetarisch gekocht und die heißgeliebte VW-Currywurst nur fleischlos angeboten wird, ist es offenbar angebracht, immer wieder zu wiederholen, dass wir uns aus unserer Komfortzone verabschieden und die Realität wahrnehmen und entsprechend handeln sollten. Zwei Jahre lang wurde in dieser einen Betriebskantine fleischlos gekocht, dann knickte die Konzernleitung im August 2023 ein und passte das Angebot an das der anderen "normal" kochenden Kantinen an. Was würde T. C. Boyle dazu sagen? Man kann es nur erahnen.

Ein Freund der Erde ist in der deutschen Version 2001 im Hanser Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Montag, 4. September 2023

# 407 - Wo ist Valentin?

Valentin - das ist der Name des bei der Lehrerin Katja
lebenden Katers. Er wurde am Valentinstag geboren und kam so zu seinem Namen. Nomen est omen: Katja liebt das Tier heiß und innig wie wahrscheinlich kein anderes Wesen auf der Welt. Die Idylle der beiden wird durch nichts und niemanden gestört, denn nach einer erschütternden Erfahrung mit einem früheren Partner ist die junge Frau Single.

Doch dann kommt der Tag, an dem Katja ihren Kater nach dem Unterricht nicht zu Hause antrifft. Wo ist Valentin? ist die zentrale Frage der Handlung und der Titel des neuesten Buches von Kai Hensel.

Katja versucht alles, um Valentin, ohne den sie sich unvollständig fühlt, zu finden. Sogar auf das ihr bislang unbekannte Terrain Social Media begibt sie sich. Unbedarft, wie sie in dieser Hinsicht ist, ahnt sie nicht, was sie mit ihren Beiträgen in einem bekannten sozialen Netzwerk auslöst. Der bislang beliebten Lehrerin an einem Kleinstadt-Gymnasium schlägt nun nicht nur Mitgefühl, sondern auch Misstrauen entgegen: Was hat es mit Valentins Verschwinden auf sich? Hat Katja etwas zu verheimlichen?

Auch die Schülerin Ricky hat den Verdacht, dass es in Katjas Leben Schatten gibt, von denen niemand etwas weiß und die irgendwie mit Valentins Verschwinden zusammenhängen. Sie wittert ein #Katergate und stellt eigene Nachforschungen an. Ihr Traum ist ein Praktikumsplatz bei der kleinen Lokalzeitung, den sie mit einer spannenden Story ergattern will. 

Die Handlung schlägt immer wieder Haken, und einige der Protagonisten lernen auf unfreiwillige und zum Teil gefährliche Weise, dass man seinen Mitmenschen immer nur bis vor die Stirn, aber nie dahinter schauen kann. Einer von ihnen wird nicht erfahren, wie die Geschichte ausgeht.

Lesen?

Wo ist Valentin? ist ein unterhaltsamer Cosy-Krimi der mit dem Umstand spielt, dass einige der Protagonisten sinnbildlich Leichen im Keller haben und Ziele verfolgen, die auf den ersten Blick nichts mit dem verschollenen Kater zu tun haben. 

Kai Hensel beschreibt seine Figuren und die Verhältnisse, in denen sie leben, sehr genau, sodass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Das eine oder andere Mal rutscht ein Klischee zwischen die Zeilen, das schmälert aber nicht den guten Eindruck des Romans.

Wo ist Valentin? ist 2023 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro und als E-Book 16,99 Euro.

Samstag, 26. August 2023

# 406 - Eine lyrische Liebeserklärung an die schönste Insel der Welt

Welche tatsächlich die schönste Insel der Welt ist, liegt natürlich immer im Auge des Betrachters. Aber Thilo Schmid hat seine Wahl getroffen: Mallorca. Die größte Insel der Balearen ist seit einigen Jahren sein Sehnsuchtsort, an dem er sich zu Hause und mit dem er sich verbunden fühlt.

Schon vor etwa zwanzig Jahren schrieb Schmid Gedichte und erlangte mit ihnen so viel Aufmerksamkeit, dass er mehrere Literaturpreise erhielt. Doch dann kam das Leben dazwischen, und die Poesie trat in den Hintergrund - bis er zum ersten Mal nach Mallorca kam. Die Landschaft und Atmosphäre der Insel ließen etwas in ihm zum Klingen bringen und brachten Thilo Schmid wieder zum Schreiben. Du bist eine Insel entführt seine Leserinnen und Leser in ein Mallorca fern von Ballermann und Schinkenstraße. 

Schmids Gedichte sind kurz, aber greifen sehr feinfühlig Stimmungen und Emotionen auf. Seine bildliche Sprache lässt die Serra de Tramuntana, Schmids Lieblingsgegend, vor dem inneren Auge erstehen. Da ist die blühende Bougainvillea, die symbolisch für die Liebe steht; die an den Feigenbaum gelehnte Leiter wird zu einem Weg in den Himmel mit seinen Sternen; die Heftigkeit eines Morgengewitters wird mit Fischer- und Kriegsmotiven beschrieben.

Wie eng der Dichter sein Band mit Mallorca empfindet, drückt u. a. das Gedicht Glücklicher Moment aus, das mit einem christlichen Motiv spielt:

Die Sonne steht im Zenit.

Für einen Moment werfen wir
keinen Schatten
und nichts wirft Schatten
auf uns.

Erhitzt taufen wir uns
im Becken des Baches.

Unlösbar von nun an unsere Gemeinschaft
mit der Insel. 

Die Künstlerin Birte Thurow war zunächst nur gebeten worden, das Cover zu gestalten. Doch Schmids Gedichte lösten bei ihr so viel Inspirationen zu farbgewaltigen Kunstwerken aus, dass einige von ihnen den Weg ins Buch fanden. Jedes dieser Bilder unterstreicht die Wirkung der Worte, die Thilo Schmid für seine Poesie gefunden hat.

Schmid versteht Du bist eine Insel als ein Geschenk an Mallorca und seine Naturschönheiten. Da lag es nahe, die Gedichte ins Spanische übersetzen zu lassen. Diese sensible Aufgabe hat das renommierte Übersetzer-Duo Angelica Ammar und Javier Salinas übernommen. So stehen den deutschen Versen immer auch die spanischen gegenüber. 
Zeitgleich mit Du bist eine Insel ist das Buch im April 2023 unter dem Titel Eres una Isla in Spanien erschienen. 

Thilo Schmidt im Interview 

Ich habe mich mit Thilo Schmid über sein Buch und sein Leben unterhalten, um ihn ein bisschen kennenzulernen. Seine offenen Antworten auf meine neugierigen Fragen lest ihr hier:

Du lebst in Hamburg und hast mit Deinem Gedichtband "Du bist eine Insel - Eres una Isla" der Baleareninsel Mallorca ein romantisches und strahlendes Denkmal gesetzt. Warum fühlst Du Dich gerade auf dieser Insel so zu Hause?

Für mich war die Begegnung mit Mallorca wie eine Liebe auf den ersten Blick. Als ich die Insel zum ersten Mal betreten habe, war es mir, als käme ich nach einer langen Reise zurück nach Hause. Ich liebe ihre unterschiedlichen Landschaften, vor allem den Nordwesten der Insel, das Zusammentreffen von  Bergen und Meer, die besondere Vegetation dort, die kleinen, versteckten Buchten, die pittoresken Städtchen, die engen Straßen entlang der Küste, den weiten Sternenhimmel, den mineralischen Wein, die beruhigende Abgeschiedenheit, das Archaische. Alles dort bringt mich zum Klingen. Lässt mich „Mensch“ sein und zu meinem Kern, zur Ruhe kommen. Ich bin nirgendwo auf der Welt glücklicher und zufriedener als dort. Aber das hat auch viel mit Julia zu tun, der Frau, die mir diesen Ort gezeigt hat, mit der ich dort sein darf und die ich liebe.

Bevor Du "Du bist eine Insel" veröffentlicht hast, hat es von Dir über zwanzig Jahre kein Buch gegeben. Was hat Dich daran gehindert, nicht schon früher wieder einen Titel herauszugeben?

Es gab keine Notwendigkeit zum Schreiben. Tatsächlich sind fast zwanzig Jahre lang keine Texte, keine Gedichte entstanden. Es war einfach nicht an der Zeit. Mit der Begegnung mit Julia sind die Gedichte zurückgekehrt. In den letzten Jahren sind nun gleich mehrere Hundert entstanden - diese mussten noch einige Zeit „reifen“ und sind nun in der Welt.

Ich habe gelesen, dass Du damals einige namhafte Literaturpreise bekommen hast und als das vielversprechendste Talent Deiner Generation bezeichnet wurdest. Du wurdest in einem Atemzug mit Botho Strauß oder Patrick Süskind genannt. Dennoch bist Du diesen literarischen Weg nicht weitergegangen, sondern hast Deine berufliche Laufbahn ganz anders gestaltet. Was waren die Gründe für diese Entscheidung?

Trotz des Erfolges damals habe ich mich tatsächlich nie als Schriftsteller empfunden, sondern als schreibender Mensch mit vielerlei Interessen, vor allem aber war ich immer vor allem begeistert von Büchern - sie haben meine persönlichen und beruflichen Wege geprägt. Mehr als alles andere.

Mit der Gründung einer Familie habe ich die Verantwortung für andere Menschen übernommen, das bedeutete auch, dass ich nachhaltig  Geld verdienen und nicht länger abhängig vom Zeitgeist, Stipendien und Förderungen sein durfte.

Ich habe also eine Ausbildung zum Buchhändler gemacht, später noch studiert und konnte so meinen Weg gehen.

In der Buchbranche kennt man Dich als Vertriebs- und Marketingleiter der Verlagsgruppe Oetinger. Von außen betrachtet ist das eine verantwortungsvolle Tätigkeit, die mit der eines Autors aber nichts gemeinsam hat. Ist das Schreiben für Dich ein Ausgleich zu Deinem Berufsleben?

Nein, ich glaube nicht an solcherlei „Balancen“ – Work-Life-Schreiben durchdringen einander, sind Facetten… Und auch im Schreiben hat man natürlich -  zumindest, wenn man veröffentlicht –  eine Verantwortung. Kreativ und abwechslungsreich sind beide Bereiche. Das poetische Denken (oder Schreiben) ist für mich kein Ausgleich, es ist einfach (wieder) ein Teil meines Lebens, ein unmittelbarer Hallraum, eine Art des Denkens, des sich Versicherns, des Verstehens. Es ist einfach da.

Deine auf Deutsch geschriebenen Gedichte wurden von Angelica Ammar und Javier Salinas ins Spanische übersetzt. Wie ist die Zusammenarbeit mit den beiden entstanden?

Durch schlafwandlerisches Glück. Ich habe mir über unser Lektorat gute Übersetzer nennen lassen… und die beiden Namen sind gefallen. Mir gefiel der Ansatz zwei Übersetzer zu haben, von denen die eine Deutsche ist, die in Spanien lebt, und der andere spanischer Muttersprachler ist, der wunderbar Deutsch spricht. Die beiden sind miteinander befreundet und es gewohnt, sich über Sprache auszutauschen, sich anzunähern, das „richtige“ Wort zu finden.

Glücklicherweise hatten beide ein kleines Zeitfenster und konnten fast umgehend loslegen. In der Folge haben wir uns dann – über die intensive Arbeit an den Texten und dem Ringen um einzelne Wörter  – immer besser kennengelernt und sind uns in der Zwischenzeit auch persönlich begegnet. Wir mögen und schätzen einander sehr. Gerade bin ich wieder auf dem Weg auf die Insel, um die beiden dort für eine gemeinsame Lesung in Palma zu treffen, das wird herrlich!

Ich habe die Zusammenarbeit mit beiden als unglaubliche Bereicherung empfunden und wusste meine Texte in den besten Händen. Behutsam und selbstbewusst wurden diese ins Spanische übertragen und finden dort nun Dank der Sensibilität und des Könnens der beiden zahlreiche LeserInnen.

Hast Du geplant, weitere Bücher zu veröffentlichen?

Ja. Jede Veröffentlichung birgt Türen in großartige Begegnungs- und Erlebnisräume. Und da die letzten Jahre nun sehr produktiv und meine Erfahrungen mit BoD sehr erfreulich waren, kann ich mir das sehr gut vorstellen… und habe schon erste Ideen.

Die Hamburger Künstlerin Birte Thurow hat für "Du bist eine Insel" fünf farbgewaltige Illustrationen geschaffen. Kannst Du Dir auch für künftige Titel eine Zusammenarbeit mit ihr vorstellen?

Jederzeit – auch das war ein großes Glück. Ich kannte Birte aus dem beruflichen Kontext und mag ihre Kunst und vor allem ihre intuitive, unkonventionelle und sehr kreative  Herangehensweise. Daher hatte ich sie gebeten, ein Cover für den Band zu entwerfen und ihr die Texte geschickt sowie ein Moodboard mit Bildern und Farben erstellt.

Wenig später kam Birte dann statt mit einem mit über 10 Kunstwerken um die Ecke, die mich alle total begeistert und meinen Texten eine zusätzliche Ebene verliehen haben.

Sie ergänzen und verstärken die Gedichte auf eine so einzigartige und wundervolle Art und Weise, dass wir uns schnell entschieden haben, gleich mehrere der Kunstwerke mit ins Buch aufzunehmen. Diese illustrieren, interpretieren und gliedern nun die Texte - und sind ein ästhetischer Genuss.

Wer sich in Deine Gedichte vertieft hat, weiß, dass Du darin die Schönheit mehrerer Orte auf Mallorca beschreibst. Hand aufs Herz: Wo bist Du dort am liebsten und warum?

In der Tramuntana, einen Steinwurf unterhalb von Biniaraix. Weil dort Julias Feigenbaum steht…

Lieber Thilo, ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Thilo Schmid hat meine Fragen am 16. August 2023 beantwortet. Die Lesung in Palma hat am 18. August 2023 stattgefunden und war ein voller Erfolg.

Fotos aus Mallorca

Ich zeige Euch hier einige Fotos, die mir der Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Stimmungen und Eindrücke auf Mallorca wie diese haben ihn zu seinen Gedichten inspiriert:

Sonnenuntergang in der Serra Tramuntara
Abendstimmung in Biniaraix



Einige Impressionen von der Lesung in der Buchhandlung Casa del Libro in Palma:

Thilo Schmid mit Javier Salinas im Casa del Libro, 18.8.23


Du bist eine Insel ist 2023 bei Books on Demand (BoD) erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe (mit Schutzumschlag und Lesebändchen) 25 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.

Freitag, 18. August 2023

# 405 - Der kalte Tod eines Jugendlichen

Jenny Lund Madsen ist in Dänemark als Drehbuchautorin bekannt geworden. 2020 hat sie mit Tredive Dages Mørke ihr erstes Buch veröffentlicht, das 2023 unter dem Titel 30 Tage Dunkelheit auf Deutsch herausgebracht wurde. 

Im Mittelpunkt steht Hannah Krause-Bendix, eine in ihrer Heimat Dänemark renommierte Schriftstellerin. Vier Bücher hat sie veröffentlicht, nie eine schlechte Rezension bekommen und war zwei Mal für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert. Für eine Auszeichnung hat es jedoch bisher nie gereicht, und Hannah vermutet, warum: Ihre Bücher sind für den Massengeschmack zu anspruchsvoll. Das geht leider mit schlechten Verkaufszahlen einher, die Hannah mit einem zu hohen Alkoholkonsum kompensiert. Sie lebt zurückgezogen in einfachen Verhältnissen und ist auf die Zahlungen des staatlichen Kunstfonds angewiesen.

Kritische Selbstreflexion ist nicht ihr Ding, und so wundert man sich nicht, dass der einzige Mensch, den sie als Freund bezeichnen würde, ihr Lektor Bastian ist. Er spornt sie an, an ihrem aktuellen Buch weiterzuarbeiten, aber Hannah ist mit dem, was sie schreibt, unzufrieden und kommt nicht weiter. Bastian zuliebe (und um die Buchverkäufe anzukurbeln) nimmt sie an einer Buchmesse teil. Doch der Zufall will es, dass gegenüber ihres Verlagsstandes eine Bühne ist, auf der ihr Erzfeind Jørn Jensen seinen neuesten Krimi vorstellt und vom Publikum bejubelt wird.

Krimis sind in Hannahs Welt ein verabscheuungswürdiges Genre, und Jørn gehört ihrer Meinung nach zu dessen unfähigsten Vertretern. Doch wie man es dreht und wendet: Er hat Erfolg und sie nicht. In ihrem Zorn bricht Hannah vor aller Augen einen Streit vom Zaun, an dessen Ende eine Wette steht: "In einem Monat habe ich einen Krimi geschrieben, der besser ist als alles, was du jemals veröffentlicht hast", schleudert sie ihm zu ihrer eigenen Überraschung entgegen.

Gesagt ist gesagt. Bastian ist von so viel unerwarteter Publicity begeistert und organisiert für Hannah sofort eine passende Unterkunft in Island, wo diese die nötige Ruhe haben wird, um ihren ersten Krimi zu schreiben. Er schickt sie zu Ella, einer Freundin seiner Familie, die in einem abgelegenen Fischerdorf sechs Autostunden von Reykjavík entfernt lebt - und über 2.000 Kilometer Luftlinie von Hannahs Heimatstadt Kopenhagen entfernt.

Hannah hat sich allerdings kaum häuslich bei ihrer Gastgeberin eingerichtet, als deren siebzehnjähriger Lieblingsneffe Thor tot im Hafenbecken des Ortes gefunden wird. Der mit der Situation überforderte Dorfpolizist Viktor würde den Fall am liebsten als Unfall einstufen und zu den Akten legen. Hannah mag daran nicht glauben, denn der Jugendliche hatte Angst vor dem Wasser und konnte nicht schwimmen. Er mied das Wasser, sehr zum Ärger seines Vaters Ægir, des erfolgreichsten Fischers im Ort.

Hannah mischt sich immer wieder in Viktors Ermittlungen ein und hofft dabei, das Erlebte in ihren Krimi einfließen lassen zu können, mit dem sie nicht recht vorankommt. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit in Lebensgefahr begibt. Was sie noch nicht weiß: Das Fischerdorf hütet seit Langem das Geheimnis um ein Verbrechen, das Jahrzehnte zurückliegt. Zu Hannahs Glück bekommt sie aus einer unerwarteten Richtung Unterstützung.

Lesen?

30 Tage Dunkelheit spielt im November. Dieser Monat ist in Island nicht nur bereits sehr winterlich, sondern hat mit sechseinhalb Stunden sehr kurze Tage. In Hannahs Wohnort Kopenhagen sind es immerhin zwei Stunden mehr. Und so empfindet die Schriftstellerin die Tage in Island auch: Kaum ist der Morgen angebrochen, bricht schon die Dämmerung herein. Dieses Phänomen steht symbolisch für Hannahs Fremdeln mit der Kultur und den Menschen Islands. Erst nach und nach ändert sie ihre Meinung und damit auch ihr bislang menschenfeindliches Sozialverhalten.

Jenny Lund Madsens Debüt ist eine schöne Mischung aus Krimi, einem kritischen Blick auf gesellschaftliche Vorurteile und einem Entwicklungsroman - diesmal im Hinblick auf eine Erwachsene. Der Spannungsbogen hat hier und da eine leichte Delle, aber 30 Tage Dunkelheit ist sehr gut gemachte Unterhaltung. Mal sehen, ob wir irgendwann noch mehr über Hannah Krause-Bendix erfahren.

Jenny Lund Madsen erhielt für Tredive Dages Mørke 2021 den dänischen Harald-Mogensen-Literaturpreis für den besten Krimi des Jahres.

30 Tage Dunkelheit ist 2023 im Tropen Verlag erschienen und kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.


Sonntag, 6. August 2023

# 404 - Schockwellen - ein Sachbuch, das Zusammenhänge verständlich erklärt

Claudia Kemfert ist seit fast zwanzig Jahren
Abteilungsleiterin für die Bereiche Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt seit drei Jahren an der Leuphana Universität Lüneburg "Energiewirtschaft und Energiepolitik". In ihrem Buch Schockwellen analysiert sie, in welcher Situation sich Deutschland im Hinblick auf seine Energieversorgung befindet und wie das Land dorthin geraten ist.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine am 22. Februar 2022 war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur, nicht nur, was die Energiepolitik und ihre frühere und zukünftige Ausrichtung betrifft. Wir erinnern uns: Plötzlich stand auch Laien vor Augen, welche Folgen die enge Anbindung Deutschlands an Russland hat, wenn es um die Versorgung mit Erdöl und Erdgas und damit auch um Strom geht. Schlagartig wurde vielen klar, dass das nicht hätte sein müssen, wenn sich die Politik schon Jahre zuvor deutlich mehr auf den Ausbau von erneuerbaren Energien konzentriert und sich von Russland abgenabelt hätte. Statt dessen wurden Projekte wie Nord Stream 1 und 2 durchgeführt und die Bindung noch verstärkt. Und das, obwohl es zahlreiche Hinweise darauf gegeben hat, dass Putin Rohstofflieferungen als probate Druckmittel ansieht, um seinen politischen Einfluss in der Welt zu mehren.

Die für die Nord Stream 1 und 2 verantwortlichen Regierungen unter Kanzler Schröder und Kanzlerin Merkel beklatschten die beiden auf eine Lebensdauer von 50 Jahren ausgelegten Anlagen, mit denen so viel Erdgas transportiert werden kann, dass damit eine vollständige Versorgung ganz Deutschlands erreicht werden könnte. Gleichzeitig versprach die damalige Bundeskanzlerin Merkel, Treibhausgasemissionen bis 2050 um bis zu 95 Prozent zu reduzieren. Klingt seltsam? Ist es auch.

Aber was nützt das Jammern um frühere Fehler? Wir leben im Hier und Jetzt und müssen geeignete Strategien einsetzen, um unsere Energie-Zukunft zu sichern. Das kann nur ohne Russland passieren. Mit dem Beginn des Angriffskriegs wurden mehrere Sanktionen gegen Russland eingeleitet, zu einem 100 %-igen Bruch kam es aber nicht: Zu groß waren die Ängste der Politik vor einer Rezession und sozialen Verwerfungen. 

Claudia Kemfert hält Kritikern, die der Meinung sind, dass ein Industrieland wie Deutschland nicht mit Wind und Sonne überleben kann, eine Antwort bereit: Ihr habt recht! Ergänzend zu Wind- und Solarenergie führt ein Strauß von Maßnahmen dazu, dass eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien erreicht werden kann. Dazu sind der politische Wille, Bürokratieabbau sowie die Re-Kommunalisierung der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung nötig.

Lesen?

Schockwellen führt auch denjenigen, die sich bisher nicht oder kaum mit dem Thema Energieversorgung beschäftigt haben, vor Augen, wo die Probleme in der Vergangenheit lagen, die heutigen liegen sowie man ihnen wirksam begegnen kann. Man bekommt mit den von Kemfert vorgeschlagenen Maßnahmen eine grüne Energieversorgung, die nach ihren Ausführungen sogar den Charme hat, preisgünstiger als die heutige zu sein. Die Dringlichkeit zu handeln, macht der Untertitel deutlich: Letzte Chance für sichere Energien und Frieden. Lesen? Ja!

Schockwellen ist 2023 im Campus Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro.

Samstag, 29. Juli 2023

# 403 - Wen interessiert Eishockey? Wie ein kleiner Ort in Schweden um diesen Sport kreist

Der erfolgreiche schwedische Schriftsteller Fredrik
Backman hatte mit dem Bestseller Ein Mann namens Ove seinen Durchbruch, aber der Roman Björnstadt steht dem in nichts nach.

Backman siedelt den fiktiven Ort inmitten der schwedischen Einsamkeit an. Es gibt jede Menge Wald, einige Seen und ein paar Arbeitsplätze. Das, worauf die Einwohner stolz sind, ist der Eishockeyverein. Die "Björnstadter Bären" hatten ihren letzten nennenswerten Erfolg zwar schon vor etlichen Jahren, aber der Sport ist das, was die Menschen zusammenhält. 

In Björnstadt liegt neun Monate im Jahr Schnee. Wer sich an die langen kalten Winter und die Einsamkeit nicht gewöhnen kann, zieht woanders hin. Die, die bleiben, sind entweder hier aufgewachsen oder gestrandet. Auf der Juniorenmannschaft der "Bären" ruhen die Hoffnungen der Stadt, denn sie hat es geschafft, bei den nationalen Meisterschaften ins Halbfinale zu kommen. Wenn die Jungs dieses und das Finalspiel gewinnen, profitiert Björnstadt von einem Geldregen. Das würde bedeuten: Durch mehr Sponsoren- und Preisgelder wäre der Bau eines neuen Eishockeystadions und eine bessere Ausrüstung möglich. Das würde junge Talente aus anderen Landesteilen anziehen, die Siegchancen des Clubs würden steigen... Ein Erfolg der Juniormannschaft würde so etwas wie ein finanzielles Perpetuum Mobile in Gang setzen.

Der Star der Mannschaft ist der 17-jährige Kevin Erdahl. Seitdem er sechs Jahre alt ist und sein außergewöhnliches Talent erkannt wurde, wurde eine Mannschaft um ihn herum aufgebaut, die ihn unterstützt und eisern nach außen zusammenhält. Kevins Eltern sind wohlhabend und die Hauptsponsoren des Vereins. Ihr gefühlsarmer Umgang mit ihrem Sohn wird durch ein Leben kompensiert, in dem es an nichts fehlt, was mit Geld gekauft werden kann. Mit Skepsis blicken sie auf Kevins besten Freund Benji, mit dem er sich auch ohne Worte versteht. Die beiden Jugendlichen sind auch in der Mannschaft ein untrennbares Team, aber Kevins Eltern missfällt Benjis soziale Herkunft mit einer Mutter, die ihre vier Kinder allein großzog, nachdem sich der Vater erschossen hat.

Tatsächlich schafft das Juniorenteam der "Bären", was vor einiger Zeit niemand für möglich gehalten hätte, und gewinnt das Halbfinale. Die Hoffnungen von ganz Björnstadt liegen nun noch schwerer auf den Schulter der 15- bis 17-jährigen Spieler. Aber erstmal wird der Sieg im Haus der Erdahls gefeiert. Kevins Eltern sind - wie so oft - auf Geschäftsreise. Der Alkohol fließt in Strömen, und die in Kevin verliebte Tochter des Sportdirektors, Maya, hofft, ihrem Schwarm an diesem Abend näher zu kommen. Doch das, was dann passiert, wird sie ein Leben lang traumatisieren und die Stadt vor eine Zerreißprobe stellen, deren Ausgang entscheidend für ihre Zukunft sein wird.

Lesen?

Björnstadt ist der erste Teil einer Trilogie, die sich um die Stadt dieses Namens und ihre Bewohner dreht. Fredrik Backman hat mit diesem Buch einen Pageturner geschrieben, in dem es um Loyalität, Freundschaft, Homophobie und Misogynie geht. Der Autor beschreibt Verhaltensweisen der Jungen und Männer, die sich über Generationen hinweg etabliert haben und nie hinterfragt wurden. Wie sehr sich das rächt, wird durch das, was sich während der Party ereignet, deutlich.

Backman beschreibt die wichtigsten Charaktere sehr genau. Auch wenn das den Fortgang der Handlung etwas bremst, ist es wichtig, um die Atmosphäre in Björnstadt und die Handlungsweisen der Personen nachzuvollziehen und zu verstehen. 

Björnstadt ist in einer Neuauflage 2023 im Goldmann Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 16,95 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro. Unter dem Titel Kleine Stadt der großen Träume wurde der Roman bereits 2017 im S. Fischer Verlag veröffentlicht.
Die nachfolgenden Bände haben die Titel Wir gegen euch und Die Gewinner.

Sonntag, 23. Juli 2023

# 402 - Frauen, die schreiben, leben gefährlich

Der Autor und Lektor Stefan Bollmann hat schon
einige Bücher veröffentlicht, in denen es ums Schreiben oder Lesen geht, in der Mehrzahl spielen Frauen darin die Hauptrolle.

Das ist mit dem Buch Frauen, die schreiben, leben gefährlich nicht anders. Bollmann hat sich beispielhaft die Biographien von 36 schreibenden Frauen angesehen, die zwischen dem 12. (Hildegard v. Bingen) und 21. Jahrhundert (Arundhati Roy) leben oder gelebt haben. 

Der Buchtitel legt nahe, dass die schreibenden Frauen um ihr Leben fürchten mussten, wenn sie ihrer Passion nachgingen. Doch ganz so ist es nicht. Allen ist gemeinsam, dass sie durch ihr Schreiben oder das, was sie geschrieben haben, in Schwierigkeiten geraten sind: sei es, weil sie es neben den Pflichten, die ihnen die gesellschaftlichen Konventionen oder der Ehemann auferlegten, das, was sie am liebsten Taten, irgendwie zeitlich unterbringen mussten; sei es, weil ihnen kein geeigneter Platz zum Schreiben zur Verfügung stand; sei es, weil man das, was ihnen am Herzen lag, nicht ernst nahm. Einigen dieser Frauen setzte ihre unbefriedigende Situation so zu, dass sie sich das Leben nahmen.

Bollmann hat die Kurzporträts der schreibenden Frauen in chronologischer Reihenfolge angeordnet, jedoch thematisch auch in sieben Kapitel unterteilt, denen er jeweils eine Erläuterung vorangestellt hat. Da geht es um "Ahnherrinnen schreibender Frauen" oder auch "Weibliche Stimmen der Weltliteratur". 

Das von Elke Heidenreich stammende Vorwort nimmt den Buchtitel wörtlich und stellt Frauen, die das Schreiben in den Tod getrieben hat, in den Mittelpunkt. Dabei stellt sie die Frage, warum "gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben [verzweifeln], dass sie es nicht mehr aushalten können?" Die Antwort, die sie postwendend gibt, zeigt das Dilemma, in dem sich Frauen sowohl in früheren Jahrhunderten als auch heute befinden, wenn sie sich selbst verwirklichen wollen - egal, ob sie schreiben oder etwas ganz anderes tun wollen, das ihnen wichtig ist. Und, ja: Der Schlüssel für diese Zerrissenheit lag und liegt überwiegend bei den Männern. Da ist es kein Wunder, dass Bollmann in seiner Betrachtung von Christine de Pizan (1365-1430), einer der ersten Schriftstellerinnen, die vom Schreiben leben konnte, diesen Ausspruch zitiert:

Liebe Frauen, denkt stets daran, wie sehr die Männer euch der Leichtfertigkeit und Schwäche bezichtigen, wie gewaltige Anstrengungen sie aber andererseits unternehmen, euch in Netzen einzufangen. Flieht, flieht, liebe Frauen."

In seinem Nachwort gibt Stefan Bollmann einen Überblick über die Entwicklung, die das Schreiben für Frauen genommen hat. Spoiler: Freiherr v. Knigge war im 18. Jahrhundert nicht begeistert, dass "Frauenzimmer" professionell mit Literatur umgehen wollten.

Lesen?

Frauen, die schreiben, leben gefährlich gibt einen sehr guten Eindruck über die Probleme, mit denen Frauen fertig werden mussten, die nicht nur daheim das eine oder andere Buch lesen, sondern sich selbst aktiv in die Literaturszene einbringen wollten. Da stellt sich natürlich die Frage, ob sich daran heute etwas entscheidend geändert hat. Bei manchen der Porträts kann man durchaus einen Bogen in die heutige Zeit schlagen und erkennt, dass zahlreiche Schriftstellerinnen bei der Ausübung ihres Berufs anderen Bedingungen unterworfen sind als ihre männlichen Kollegen: Eine Pilotstudie des Projekts #frauenzählen ergab 2018, dass zwei Drittel der in Feuilletons rezensierten Bücher von Männern geschrieben und in der Mehrzahl von Männern besprochen wurden. Kurzum, aus der Sicht der Frauen: Da geht noch was.

Frauen, die schreiben, leben gefährlich ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2014 als Insel-Taschenbuch 4295 im Insel Verlag Berlin erschienen und kostet 9,95 Euro.

Samstag, 15. Juli 2023

# 401 - Ein Komplott im Weinkeller fordert Todesopfer

Der Krimi Bittertrauben von Karin Joachim spielt wie
sein 2016 erschienener Vorgänger Krähenzeit im Ahrtal. Auch in diesem Buch steht die Kriminaltechnikerin Jana Vogt im Mittelpunkt des Geschehens. 

Jana wurde von ihrem Vorgesetzten in den Innendienst umgesetzt, weil er sie nach den Vorfällen des letzten Falls (Krähenzeit) für nicht belastbar hält. Sie ist mit ihrem Beruf nicht mehr glücklich und denkt deshalb über einen Neustart als Fotografin nach. Als sie am Wettbewerb einer Wein-Zeitschrift teilnimmt, gewinnt sie die Möglichkeit, in einem Weingut in Rech während eines Tages der offenen Weingüter ihre Landschaftsfotos auszustellen.

Während sie vor Ort die letzten Vorbereitungen trifft, hört sie zufällig ein Gespräch, in dem es um die Vorbereitung eines Komplotts zu gehen scheint. Da sie als nordrhein-westfälische Polizeibeamtin keine Befugnisse hat, in Rheinland-Pfalz tätig zu werden, wendet sie sich wieder an Hauptkommissar Clemens Wieland, einen Kollegen aus Koblenz.

So schwammig der Verdacht auch sein mag: Clemens vertraut Janas Instinkt und folgt ihr an die Ahr. Dort trifft sich im Weingut anlässlich der Veranstaltung eine sehr gemischte Gruppe. Der Redakteur der Wein-Zeitschrift übernimmt wortreich die Vorstellungsrunde, und außer zwei anderen Gewinnerinnen hat sich auch ein Krimi-Autor eingefunden. Doch Clemens erkennt auch einen Privatdetektiv wieder, der sich so gut wie möglich im Hintergrund hält. Etwas rätselhaft finden sowohl Clemens als auch Jana ein Ehepaar, das mit seinem Wohnmobil auf Urlaubsreise ist und sich unbedingt zur Weinprobe dazugesellen will.

Wenige Stunden später hat sich die Zahl der Übernachtungsgäste um einen verringert: Ein Mann wird tot auf der Brücke über die Ahr gefunden. Obwohl Jana nur aus privaten Gründen gekommen war, kann sie ihre Neugier nicht zügeln und hält die Augen auf. Wie bereits in Krähenzeit wird sie von ihrem Airdale Terrier Usti begleitet, dessen feine Nase sie schon bald zum zweiten Toten führt. Mehrere Gäste geraten in den Fokus der Ermittlungen, und es ist fraglich, ob der Tag des offenen Weinguts wie geplant stattfinden kann.

Lesen?

Bittertrauben hält die Leserinnen und Leser durchweg bei der Stange und vereint den Regional- mit dem Cosy-Krimi. Wie nebenbei beschreibt Karin Joachim nicht nur die eigentliche Handlung, sondern auch die Schönheit des Ahrtals, das wieder als Schauplatz des Verbrechens dient.

Das zerstörerische Ahr-Hochwasser ist nun zwei Jahre her, die Scheinwerfer der Medien richten sich nur noch selten auf die Gegend, in der viele Menschen ihr Leben und andere ihre wirtschaftliche Existenz verloren haben. Um den Wiederaufbau zu unterstützen, sollte das Weinanbaugebiet immer wieder Aufmerksamkeit erhalten. Dazu tragen auch Bücher wie dieses bei, die zwar vor der verheerenden Flut veröffentlicht wurden, aber beschreiben, wohin die Region letztendlich wieder will.

Bittertrauben wurde 2018 im Gmeiner Verlag veröffentlicht und kostet 12 Euro (Taschenbuch). Der Krimi ist der zweite Band einer mittlerweile fünfteiligen Reihe.

Sonntag, 9. Juli 2023

# 400 - Weisse Sonne - eine gelungene Mischung aus Krimi und Western

 J. Todd Scott setzt in seinem Buch Weisse Sonne die
in Die weite Leere begonnene Handlung fort und stellt Sheriff Chris Cherry in den Mittelpunkt. Cherry, der zuvor der Stellvertreter seines korrupten Vorgängers Stanford Ross gewesen war, will dessen Stil auf keinen Fall fortsetzen und schart Deputys um sich, denen er vertraut. Sein Zuständigkeitsbereich ist das Big Bend County, eine heiße, windige und staubige Gegend in Texas, ganz in der Nähe der mexikanischen Grenze.

Eigentlich gilt das County als ruhig und arm an Aufregungen. Doch in der verlassenen Siedlung Killing lassen sich Mitglieder der hochkriminellen Neonazi-Vereinigung Aryan Brotherhood of Texas (ABT) nieder. Was die Gruppe, die sich um einen Schwerverbrecher, der sein halbes Leben im Knast gesessen hat, sowie seine beiden ungeliebten Söhne, schart, hier vor hat, ist lange unklar. Doch dann stellt sich heraus, dass sie auf einen selbsternannten Prediger wartet, der in dieser Einöde eine reinweiße Stadt aufbauen will. Als ein junger Mann, der als Flussführer am Rio Grande gearbeitet hat, ermordet aufgefunden wird, führen alle Spuren zu den neuen "Mitbürgern".

Sheriff Cherry nimmt die Ermittlungen auf, doch dann wird er von einem FBI-Agent an seiner Arbeit gehindert: Der Anführer der ABT-Gruppe wurde von ihm als Spitzel angeheuert. Als Gegenleistung hatte der Agent dafür gesorgt, dass der Mann umgehend aus der Haft entlassen worden ist. Widerwillig fährt Cherry sein Engagement zurück, lässt die Nazis aber nicht aus den Augen. Was er zunächst nicht weiß: Eines der Mitglieder ist Danny Ford, der sich in die Gruppe eingeschleust hat, um dessen Anführer so nah wie möglich zu kommen. Das Ziel des Afghanistan-Veteranen und Ex-Miarbeiters des Texas Department of Public Safety ist, den Tod seines Vaters, der vor neunzehn Jahren von eben diesem Anführer in seiner Dienstausübung als Ranger erschossen wurde, zu rächen. 

Cherry ahnt auch nicht, was in seiner neuen Polizistin America Reynosa vorgeht, deren Einstellung er immer wieder gegenüber konservativen Kräften in der Gegend verteidigen muss, für die die junge Frau drei Makel hat: Sie ist weiblich, eine Mexikanerin und mit dem Boss eines Drogenkartells verwandt. Dass sie von Schuldgefühlen zerfressen wird, weil sie mit diesem Kartell vor einiger Zeit einen Deal gemacht hat, um ihren ermordeten Bruder zu rächen, macht sie mit sich selbst aus. Das soll später zu einem Problem werden.

Und dann ist da noch Deputy Ben Harper, der den Tod seiner Frau nicht verarbeiten kann und seine Trauer im Alkohol ertränkt. Er ist Cherry ein guter Ratgeber und Freund, hängt aber manchmal noch an den alten Gepflogenheiten, wie sie unter Sheriff Ross üblich waren. Sein Credo, das er seinem Boss, der ihn aus dem Ruhestand zurückgeholt hat, immer wieder unter die Nase reibt: Agieren statt reagieren.

J. Todd Scott hat sein Buch in zwei Perspektiven aufgeteilt: Danny Ford erzählt seinen Part der Geschichte aus der Ich-Perspektive und ermöglicht den Leserinnen und Lesern so Einblicke, die allen anderen in der Handlung genannten Figuren verborgen bleiben. 
Das übrige Geschehen wird aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters geschildert. So gelingt es Scott, den Verlauf seines Krimi-Westerns so aufzubauen, dass sich erst nach und nach erschließt, wie die einzelnen Geschichten der im Zentrum stehenden Personen, die zu Beginn nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, aufeinander zu laufen.

Lesen?

Schon der Umstand, dass es sich bei Weisse Sonne nicht "nur" um einen reinen Krimi handelt, sondern typische Western-Elemente verwendet werden, macht das Buch sehr interessant. Scott schafft es, dass man die sengende Hitze spürt, die auf allen und allem lastet, und die Angst bei den Polizisten als auch den Verbrechern, die sich immer weiter steigert, greifbar ist. Das Ende ist wie in einem klassischen Western: Feuer und Wasser sorgen für ein furioses Finale, und erneut lernt man, dass es gar nicht so einfach ist, immer zu den Guten zu gehören.

J. Todd Scott arbeitet seit über zwanzig Jahren als Agent bei der Drug Enforcement Administration (DEA). Seine Kenntnisse sind in dieses Buch eingeflossen. Bereits 2019 wurde der dritte Teil der Serie, This Side of Night, veröffentlicht. Man kann nur hoffen, dass die deutsche Übersetzung ebenfalls bald im Polar Verlag erscheinen wird.

Weisse Sonne ist 2023 im Polar Verlag erschienen und kostet 27 Euro, als E-Book 20,99 Euro.

Sonntag, 2. Juli 2023

# 399 - Unsichtbare Mauern - Die Autobiographie einer der wichtigsten politischen Journalistinnen

Hella Pick wurde als Kind jüdischer Eltern 1929 in
Wien geboren. Die Familie führte bis zur Scheidung der Eltern ein bürgerliches Leben, diese trennten sich jedoch, als ihre Tochter drei Jahre alt war. Hella wuchs bei ihrer Mutter auf; der Vater wanderte 1938 in die USA aus. Von ihm hat Hella Pick seitdem nichts mehr gehört.

Die Situation der Juden in Österreich verschlechterte sich mit dem Beginn des von Adolf Hitler ausgerufenen "Anschlusses" des Landes an Deutschland stark. Im Frühling 1939 kam Hella Pick mit einem der Kindertransporte nach London, wo sie von einer britischen Familie aufgenommen wurde. Drei Wochen später gelang es auch ihrer Mutter, nach London auszureisen. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern, bis es den beiden möglich war, wieder zusammen zu wohnen.

Hella Pick blickt in ihrer Autobiographie Unsichtbare Mauern auf ein langes und ereignisreiches Leben zurück. Der Untertitel Die abenteuerliche Reise einer der größten politischen Journalistinnen zu den Gipfeln und Abgründen der Zeitgeschichte trifft zum größten Teil das, was Pick ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch vermittelt: Durch Fleiß, Beharrlichkeit und - wie sie selbst zugibt - einer guten Portion Glück nimmt Pick viele Hürden in ihrem Leben.

Höhere Schulbildung und das spätere Studium waren nur durch Stipendien und Zuschüsse möglich, da Picks Mutter nur wenig Geld verdiente. 1947 schloss sie ihr Studium ab und wollte unbedingt bei den Vereinten Nationen arbeiten. Doch die Quotierung nach dem Herkunftsland der Bewerber verhinderte diesen Wunsch. Später, nachdem sie sich dem Journalismus zugewendet hatte, wurde ihr klar, dass sie bei der UNO nicht glücklich geworden wäre.

1948 erhielt Hella Pick die britische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitete in Wien, Paris und Afrika und schrieb ab 1961 als Korrespondentin für die britische Tageszeitung The Guardian aus Washington und New York, war jedoch in der ganzen Welt unterwegs. Viele bekannte Persönlichkeiten, die sie beruflich kennenlernte, wurden zu ihren Freunden. Ihre Gesprächspartner waren z. B. John F. Kennedy, Lech Wałęsa, Nicolae Ceaușescu oder Willy Brandt. Picks Reportagen sind am Puls der Zeit und die Ereignisse, über die sie bis zu ihrem Ausscheiden beim Guardian 1996 geschrieben hat, sind Bestandteile des kollektiven Gedächtnisses. Die Dekolonisierung afrikanischer Staaten ab Mitte der 1940-er Jahre, der Kalte Krieg und die Gründung der "Bewegung der Blockfreien Staaten" 1961, die Invasion von Indien in Goa und die damit einhergehende Glaubwürdigkeitskrise der UNO im selben Jahr, die Watergate-Affäre um US-Präsident Nixon bis zum Zerfall der Sowjetunion und dem Beginn der Jugoslawienkriege Anfang der 1990-er Jahre sowie der Brexit: Hella Pick war vor Ort und hat darüber berichtet.

Nach 35 Jahren beim Guardian hat sich Pick neu orientiert und u a. eine Biographie über den sog. "Nazijäger" Simon Wiesenthal geschrieben. Sie, die ihre jüdische Identität lange Zeit verdrängt hatte, beschreibt ein nächtliches Gespräch mit Willy Brandt 1971, dessen Wirkung sie als "kathartisch" bezeichnet: Erst dann schaffte sie es, mit Deutschland nicht automatisch den Nationalsozialismus zu verbinden.

Neben der Journalistin gibt es natürlich die Privatperson Hella Pick. Eine wesentliche Rolle nimmt in ihrem Leben ihre Mutter ein, die sich ununterbrochen um ihre in der Weltgeschichte herumreisende Tochter Sorgen machte und auch nicht davor zurückschreckte, sich beim Chefredakteur des Guardian zu beschweren. Pick schrieb ihr über viele Jahre täglich, um die Mutter ein Stück weit am eigenen Leben teilhaben zu lassen.
Die Mutter, die sich für ihr Kind einen guten Mann, ein festes Zuhause und Kinder wünschte, bewertete die Liebesbeziehungen der Tochter skeptisch - zu Recht, wie sich später herausstellen sollte. Für Hella Pick steht ihr Freundeskreis anstelle einer eigenen Familie.

Lesen?

In Unsichtbare Mauern schreibt Hella Pick, wo und wie es ihr gelungen ist, eben diese Mauern einzureißen. Nur beim Trauma, ein Flüchtlingskind zu sein, ist ihr das nicht gelungen. Die Unsicherheit, ob sie selbst gut genug ist, hat sie ihr Leben lang begleitet. Und das, obwohl sie sich in einer damals starken Männerdomäne behauptet hat. 
Hella Picks Autobiographie ist spannend, macht aber auch an vielen Stellen nachdenklich. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter das Goldene Ehrenkreuz der Republik Österreich und den Commander of the British Empire.

Unsichtbare Mauern ist 2022 im Czernin Verlag erschienen und kostet als Hardcover 28 Euro.